Meine Zeit steht in deinen Händen. Predigt über Psalm 31,16
Ich hatte einst einen guten, unvergeßlichen Freund. Er war ein französischer Pfarrer und Professor. In der Neujahrszeit 1956, also jetzt gerade vor fünf Jahren, hat er in einer reformierten Kirche in
«Meine Zeit steht in deinen Händen» — das heißt sicher auch: Meine Zeit gehört nicht mir, sie ist mir nur geliehen und kann mir jederzeit gekündigt und genommen werden. Und dann werde ich gefragt sein: Wer bist du nun in deiner Zeit eigentlich gewesen? Was hast du nun mit der dir gegebenen Zeit gemacht? Was werden wir da antworten? Mit Ausreden, Beschönigungen und Entschuldigungen wird dann für uns alle gar nichts zu machen sein. Denn Er — der, in dessen Händen unsere Zeit steht — Er wird dann antworten. Und für uns wird dann Alles davon abhängen, was Er antworten wird. Und sollten wir dann noch irgend etwas zu melden haben, so wird es nur das Eine sein können:
Aber nun möchte ich zunächst doch etwas ganz Anderes klarstellen:
Es heißt nicht: Unsere menschliche Zeit — das, was wir so die Zeit nennen — steht in den Händen Gottes. Gott ist ihr Herr, sie fängt mit ihm an und hört mit ihm auf. Das wäre auch wahr und schön. Das wäre eine wichtige Aussage in einem guten religiösen Vortrag und würde uns |181 über uns selbst und unsere Zeit und über Gott eine heilsame Nachricht geben. Warum sollten wir sie uns nicht geben lassen?
Das Wort des Psalms lautet aber anders: «Meine Zeit steht in deinen Händen.» Merkt ihr den Unterschied? So wie er dasteht, ist dieser Satz eine Anrede, ein Stück aus einer Geschichte: nicht aus einer Geschichte, die wir anhören oder lesen oder im Kino oder im Fernsehen oder im Theater betrachten können, sondern ein Stück einer Geschichte, in der wir selber dabeisein und mittun dürfen und sollen. Da bin ich mit meiner Zeit, und da ist Gott, und offenbar hat er irgend etwas zu mir gesagt, und jetzt habe ich das Wort, jetzt darf und jetzt soll auch ich sagen, was ich weiß. Nicht irgend etwas von der Zeit im allgemeinen, sondern von meiner Zeit, und nicht etwas über einen großen Unbekannten, der nun einmal herkömmlicherweise den Namen «Gott» trägt! Überhaupt nicht etwas über Gott (es ist immer gefährlich, wenn wir Menschen über Gott reden!), sondern etwas zu Gott, der mir leibhaftig gegenübersteht: zu Gott, 40 den ich kenne und der vor allem auch mich kennt und zu dem ich «Du» sagen darf, wie er zu mir «Du» sagt — der jetzt eben darauf wartet, daß ich mit ihm, zu ihm rede.
So sind wir dran an diesem Sylvesterabend, wenn wir uns unter dieses Wort stellen. Wir befinden uns mitten in dieser Geschichte, in diesem Gespräch. Nochmals: Da sind wir in unserer Zeit, und da ist leibhaftig Gott, der (z. B. an der Weihnacht!) allerhand zu uns gesagt hat, dem wir nun antworten dürfen und sollen, dem gegenüber wir es nun aussprechen und bekennen dürfen, wie es sich mit uns verhält: daß meine Zeit in deinen Händen steht.
«Meine Zeit» — was ist das? Nun, meine Zeit ist wohl einfach meine Lebenszeit, also meine Vergangenheit von meiner Geburt her und meine Zukunft hin zu meinem Tode und dazu das Merkwürdigste: meine Gegenwart, der ständige Übergang von der Vergangenheit in die Zukunft, der Augenblick jetzt, der immer wieder kommt und immer wieder geht — dieser Augenblick heute abend am Ende des Jahres 1960 und ganz nahe dem Kommen des Jahres 1961. Unsere Lebenszeit ist der Raum, der uns allen gegeben ist, die Gelegenheit, die uns allen geboten wird zum Leben. Ein beschränkter Raum, eine einmalige und vorübergehende Gelegenheit zum Leben! Denn wenn der Tod kommt, haben |182 wir diesen Raum nicht mehr, ist es vorbei mit dieser Gelegenheit. Diese meine kurze oder lange Lebenszeit steht in deinen Händen!
«Meine Zeit» heißt aber noch mehr als das. Das Wort, das
Schließlich kann man das alles auch zusammenfassen und einfach sagen: «Meine Zeit» — das bin ich: ich, der da gelebt hat und lebt und noch ein bißchen leben möchte — ich selbst mit all dem, was ich verstehe und nicht verstehe, was ich kann und nicht kann, mit meinen starken und mit meinen schwachen Seiten, mit meinen guten und weniger guten Eigenschaften. Meine Zeit, das bin ich selbst mit meiner hohen Bestimmung, Gott, meinen Herrn, zu lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und aus allen meinen Kräften und meinen Nächsten wie mich selbst [vgl.
Es lohnt sich, hier auch das Wörtlein «steht» etwas genauer anzusehen. Meine Zeit liegt also nicht irgendwo herum wie eine Handtasche, die Jemand im Tram oder sonstwo vergessen oder verloren hat. Sie rollt auch nicht dahin wie eine von unsichtbarer Hand geschmissene Kegelkugel. Sie zittert auch nicht wie Espenlaub im Wind. Sie schwankt und wackelt auch nicht daher wie ein Betrunkener. Sie steht. Sie ist gehalten. Sie ist getragen. Sie ist gesichert. Sie steht nicht darum, weil ich so ein standfester Bursche wäre: das ist nämlich keiner von uns. Sie steht aber darum, weil sie in deinen Händen steht. Was in deinen Händen ist, das steht. Da steht es also: mein Gestern, mein Heute und mein Morgen mit allem Verborge42nen und Offenkundigen, was dazu gehört. Da stand meine Zeit, meine Lebensgeschichte, ich selbst schon lange, lange |183 bevor ich geboren war, in deinem Ratschluß und so von Ewigkeit her. Und da wird es stehen: nicht nur bis zu meinem Tode, sondern über ihn hinaus, für immer. Nichts, gar nichts von dem, was da kam und noch kommt und jetzt ist, wird je verloren, vergessen und ausgelöscht sein. Ich bin, ich werde leben, ob ich gleich stürbe [vgl.
Aber nun kommt erst die Hauptsache: «Meine Zeit steht in deinen Händen.» Wenn Etwas in der Hand von Jemandem ist, dann ist anzunehmen, daß ihm das für den Augenblick gehört, daß er es bis auf weiteres braucht und gebraucht und darum zunächst Sorge dazu trägt. Aber wir reden nicht von den Händen von irgend Jemandem, sondern von deinen, von den Händen Gottes. Steht meine Zeit in deinen Händen, dann gehört sie dir von Anfang an und endgültig, dann willst du sie auch immer wieder brauchen und neu gebrauchen. Und dann ist es so, daß du ohne Grenzen und Aufhören zu ihr und also zu mir Sorge trägst.
Meine Zeit steht in deinen Händen. Nicht in den Händen eines dunklen, dumpfen Schicksals, vor dem man sich grauen und fürchten müßte, mit dem man hadern und kämpfen dürfte, mit dem man sich innerlich und äußerlich herumzuschlagen hätte. Mit dem Schicksal könnte ich mich auseinandersetzen. Mit dir, Gott, kann ich mich nicht auseinander-, sondern nur zusammensetzen.
Meine Zeit steht auch nicht in den Händen irgendwelcher großer oder kleiner Menschen, gegen die ich mich dann wohl früher oder später auflehnen, von denen ich mich langsam oder nach und nach befreien möchte.
43 Und das Wichtigste: Meine Zeit steht nicht in meinen eigenen Händen. Es ist ein wahres Glück, daß ich nicht auf mich selbst als Respektsperson angewiesen bin, deren Weisheit ich zu bewundern und zu verehren, aber zuletzt doch auch zu bezweifeln hätte, vor deren Torheiten ich eigentlich alle Augenblicke erschrecken müßte. Es ist gut, daß ich nicht mein eigener Herr bin, daß meine Zeit nicht in meinen Händen steht. Sondern meine Zeit, meine Lebensgeschichte, ich selber, steht in deinen Händen.
Ja, fragt ihr mich, hat Gott denn Hände? Jawohl, Gott hat Hände, und zwar ganz andere, viel bessere, viel geschicktere, viel stärkere Hän|184de als diese unsere Klauen. Was heißt das: Gottes Hände? Laßt es mich zuerst so sagen: Gottes Hände sind seine Taten, seine Werke, seine Worte, die uns alle, ob wir es wissen und wollen oder nicht, von allen Seiten umgeben und umfassen, tragen und erhalten. Aber das könnte immer noch bloß bildhaft, symbolisch gesagt und verstanden sein. Es gibt einen Punkt, da hört das Bildhafte und Symbolische auf, da wird die Sache mit den Händen Gottes ganz wörtlich ernst — dort, wo alle Taten, Werke und Worte Gottes ihren Anfang, ihre Mitte und ihr Ziel haben: «Deine Hände» — das sind die Hände unseres Heilandes Jesus Christus. Sie sind die Hände, die er weit ausgebreitet hat, als er rief: «Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken» [
In diesen deinen Gotteshänden bin ich geborgen, bin ich aufgehoben, bin ich bewahrt, bin ich gerettet. In diesen deinen Händen stand mein Jahr 1960 mit Allem, was es mir brachte und nahm, mit all dem, was ich da recht und schlecht war und getan habe. Weil es so mit diesem nun vergehenden Jahr steht, darum war es unter allen Umständen ein Jahr des Heils, ein Jahr der Gnade. Sollte ich es nicht gefühlt, nicht gemerkt haben, so wollen wir es uns nun in dieser seiner letzten Stunde sagen |185 lassen: es war ein Jahr des Heils und der Gnade, weil es in deinen Händen stand. In diesen deinen Händen wird aber auch mein Jahr 1961 stehen mit Allem, was da kommen und nicht kommen mag und was ich da wieder recht oder schlecht sein und machen werde, was mir da leicht und was mir da schwer, vielleicht sehr schwer fallen wird. Es wird nicht irgend ein Jahr, sondern auch es wird dein Jahr, ein «Jahr des Herrn» sein. Und in dieser deiner Gnade und Herrschaft steht auch diese Stunde, in der wir jetzt beieinander sind, unsere geheimnisvolle Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zu45kunft also: das Geheimnis dieses Augenblicks. Wißt ihr, was sein Geheimnis ist? Der leise, vielleicht auch laute Ruf, der eben jetzt an uns alle ergeht: «Heute, heute, da ihr seine Stimme hört, so verstocket eure Herzen nicht!» [
Ich komme zum Schluß mit einem Rat oder einer Bitte:
Wie wäre es, wenn wir — ein Jeder und eine Jede von uns — heute nacht, bevor wir einschlafen, laut oder leise das, was wir jetzt gehört haben, noch einmal zu Gott sagen würden: «Meine Zeit steht in deinen Händen»? Wenn das dann das Letzte wäre im alten Jahr, so würde dessen Abschluß darin bestehen, daß wir die Wahrheit sagten. Denn das ist die Wahrheit: «Meine Zeit steht in deinen Händen!», und Gott wartet darauf, daß wir endlich — und wäre es in der letzten Stunde — die Wahrheit sagen. Was für ein Jahresende!
Und wie wäre es, wenn wir morgen früh, wenn wir erwachen, wieder laut oder leise, ganz dasselbe sagen würden: «Meine Zeit steht in deinen Händen»? Wenn also das das Erste wäre im neuen Jahr, daß wir noch einmal die Wahrheit redeten, jetzt im Blick auf die Zukunft. Gott wartet ja darauf, daß wir einmal anfangen, die Wahrheit zu reden, und das ist die Wahrheit: «Meine Zeit steht in deinen Händen.» Was für ein Jahresanfang! Ja, wie wäre es? Was wäre das für ein Ende, was wäre das für ein Anfang!
- Nr. 132: «Nun laßt uns gehn und treten» von
P. Gerhardt , Strophen 1,2,6,7,11–15 - Nr. 47: «Du meine Seele, singe» von P. Gerhardt, Strophen 1–5 (= EKG 197, Str. 1–4,8)
- Nr. 44: «Nun danket alle Gott» von
M. Rinckart , Strophen 2 und 3