Du darfst! Predigt über Jeremia 31,33
Ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß das Wort «Gesetz» für die Meisten, ja wahrscheinlich für Alle von euch etwas Bedrückendes und Unangenehmes hat. Mich jedenfalls beunruhigt es jedesmal, wenn ich es höre oder lese. Und das hat seine guten Gründe.
Es gibt nur ein Gesetz, bei dem das anders ist: das nicht peinlich ist, sondern Freude bereitet, das uns nicht in ein fremdes, unheimliches |164 Land, sondern in die Heimat führt — nur ein Gesetz, das uns nicht einschränkt und so zu nahe tritt, uns lästig wird und ärgert, sondern vielmehr frei macht. Es gibt nur ein Gesetz, das wir Menschen nicht brechen und auch nicht umgehen, sondern das wir nur eben halten und erfüllen können — nur ein Gesetz, vor dessen Macht und Geltung, vor dessen Auge — ihr wißt ja: es gibt auch ein Auge des Gesetzes! — wir uns nicht drücken und verstecken, vor dem wir nicht fliehen wollen können: darum nicht, weil wir von uns aus nur Ja zu ihm sagen können.
Ihr seht schon: das ist ein ganz anderes Gesetz als alle sonstigen Gesetze — anders als das Zivilgesetz oder das Strafgesetz, mit dem man bekanntlich so leicht und so folgenschwer in 19 Konflikt kommen kann — anders als alle Gesetze des Staates mit ihren von Menschen ausgedachten und formulierten Anordnungen und Vorschriften, ihren Geboten und Verboten — anders auch als das Gesetz der guten Gesellschaft mit seinen Unterscheidungen zwischen dem, was anständig und unanständig ist — anders auch als das, was man als das Gesetz in des Menschen Brust zu bezeichnen pflegt, im Blick auf das wir auseinanderhalten, was wir für Recht und Unrecht halten — aber anders auch als das Naturgesetz, das angeblich letztinstanzlich bestimmt und unterscheidet, was notwendig und was unmöglich ist. — Das alles sind gute, nötige und vor allem mächtige Gesetze, die wir wohl oder übel zu beachten und zu respektieren haben. Nur daß sie uns alle miteinander im letzten Grund darum bedrängen, weil sie von außen, aus irgend einer Höhe und Fremde über uns kommen und so irgendwie in uns allen eben die Lust erwecken, ihnen zu entkommen, sie zu umgehen, zu biegen oder gar zu brechen, ihnen zu entwischen wie durch die Maschen eines Netzes — oder uns doch die Augen vor ihnen zu verschließen und uns damit zu trösten, daß das wirkliche Leben dort anfängt, wo sie, diese Gesetze, aufhören.
Das eine ganz andere Gesetz ist das Gesetz Gottes, wenn er es nämlich in unser Inneres legt, es in unser Herz schreibt.
Ja, wenn! Es versteht sich nämlich nicht von selbst, daß Gott das tut. Tut er es, dann ist das seine freie Gnade, die niemand sich verdienen, verschaffen und nehmen kann. Sie ist uns verheißen. Sie steht uns auch an einem ganz bestimmten Ort deutlich genug, zum Greifen deutlich sogar, vor Augen. Wir werden aber, um sie zu empfangen, um aus ihr zu leben, immer wieder um sie bitten müssen.
165 Wenn Gott uns diese seine freie Gnade nicht zuwendet, sein Gesetz nicht in unser Inneres legt, nicht in unser Herz schreibt 20 — vielmehr: wenn wir es nicht gewahr werden und sind, daß er schon im Begriff ist, das zu tun — ja, dann steht sein Gesetz, sein gutes und heiliges Gesetz vor uns, über uns, uns gegenüber wie die Spitze eines hohen Berges, welcher in eine dunkle Wolke gehüllt ist. Und da sieht dann Gottes Gesetz jenen anderen Gesetzen in Vielem nur zu ähnlich, nur daß es, weil es Gottes Gesetz ist, auch in dieser Verhüllung viel mächtiger, viel dringlicher, viel drohender ist und wirkt als jene — nur daß es vor ihm kein Entweichen gibt.
Was sagt uns gerade Gottes Gesetz, wenn er es nicht in unser Inneres legt, nicht in unser Herz schreibt? Es sagt uns dann scharf und gewaltig und erschreckend: Du sollst! Ja, du sollst — so hören wir dann — einsehen, was du verkehrt getan hast, sollst es bereuen, soweit du kannst wieder gut machen und dann dein Leben in eine andere, bessere Ordnung bringen — sollst das Gute wählen und das Böse verwerfen — sollst rein, aufrichtig und selbstlos sein (und das alles womöglich «absolut», wie es die Leute von der «Moralischen Aufrüstung» verkündigen!1). Und weiter: du sollst auch Anderen helfen, sollst ihnen sogar ein gutes Vorbild sein! Und weiter: Du sollst glauben, sollst beten, sollst in der Bibel lesen, sollst in die Kirche gehen! Du sollst, du sollst, du sollst!, so tönt das Gesetz Gottes, so hören wir es, wenn Gott es nicht in unser Inneres legt, nicht in unser Herz schreibt. So redet seine Stimme aus jener Wolke heraus.
Und wie sind wir dann dran? Dann geben wir der Stimme Gottes etwa die klägliche Antwort: Ich wollte schon, aber ich kann nicht, ich bin zu schwach dazu. Oder die leichtsinnige Antwort: Ich höre wohl, was ich soll, ich könnte es wohl auch tun, aber ich habe keine Lust dazu; es gibt Anderes, was mich mehr freut. Oder die trotzige Antwort: Auch ich könnte wohl, aber ich will nicht — darum nicht, weil ich mir gerade dieses 21 «Du sollst» nicht gefallen lassen mag. Und die schlimmste Antwort wird lauten: O, es ist alles nicht so gefährlich. Ich höre schon: Du sollst!, und ich werde es wohl tun können, werde dem, was von mir verlangt ist, sicher gerecht werden, werde Gott, der es von mir verlangt, |166 sicher zufriedenzustellen vermögen. Ich baue jetzt seinem Berg gegenüber ganz einfach künstlich den meinen auf: den Berg meiner Bravheit, meiner Tugend, meiner Gerechtigkeit, vielleicht auch meiner Frömmigkeit. Und hoch auf diesen meinen Berg will ich mich setzen, um dort gleich zu gleich auf derselben Höhe mit ihm zu sein. Und wie sollte er es mir dann nicht schuldig sein, mich zu anerkennen, mich zu loben, mich, wie ich es offenbar verdiene, zu belohnen?
Aber halt: so kommen wir nicht durch. Denn durch alle diese unsere Kläglichkeit, durch unseren Leichtsinn und unseren Trotz und erst recht durch unsere ganze Selbstgerechtigkeit hindurch tönt die Stimme des Gesetzes Gottes weiter: das alles zählt nicht, das alles ist Ausrede und Ausflucht. Du entrinnst mir aber nicht. Du hörst und weißt es wohl, was du sollst, was ich von dir will. Und eben das tust du nicht, und dann am wenigsten, wenn du dir einbildest, daß du es tust. Tust du es aber nicht, so bist du ein elender, ein verdammter, ein verlorener Mensch! Ja, da stehen wir oder hocken wir oder liegen wir auf dem Rücken: unter dieser Anklage, dieser Drohung, in der ganzen Not, in die das Gesetz Gottes, legt er es nicht in unser Inneres, schreibt er es nicht in unser Herz, uns notwendig versetzen muß und die umso größer ist, je weniger wir es vielleicht bemerken, daß wir in dieser Not sind und daß sie unsere große und schreckliche Not ist.
So sind wir dran ohne Gottes freie Gnade: wenn das Gesetz Gottes aus der Wolke spricht, wenn er sein Gesetz nicht in unser Inneres legt, nicht in unser Herz schreibt.
22 Aber eben das ist seine Verheißung: daß er das tun will und wird. Wenn Gott so redet, so ist das etwas ganz Anderes, als wenn unsereiner sich vornimmt und sagt, er werde heute nachmittag dies und das tun, wo wir doch nicht wissen, was dazwischen kommen mag, und nicht einmal das, ob wir heute nachmittag überhaupt noch am Leben sein werden. Wenn Gott seine Verheißung gibt und also sagt: Ich will, ich werde, dann tut er, was er sagt, daß er tun werde. Mehr noch: es beginnt dann schon zu geschehen, was er sagt.
Laßt uns etwas davon hören, wie wir dran sind, wenn das geschieht. Es zerreißt dann die Wolke, die uns den Berg seines Gesetzes verhüllt. Wir sehen ihn dann im hellen Sonnenlicht so, wie er ist. Dasselbe Gesetz Gottes sagt uns dann etwas ganz Anderes, als es uns zuvor zu sagen |167 schien, als wir zuvor zu hören gemeint haben. Nicht mehr: Du sollst! heißt es jetzt, sondern: Du darfst! Was hast du da eben gesagt: Ich kann nicht? ich mag nicht? ich will nicht? Was hast du da versucht auf dem von dir selbst erbauten und erkletterten Berg deiner eigenen Gerechtigkeit? Warum hast du Angst vor mir? Und warum begegnest du mir gleichzeitig so hochmütig? Warum willst du mich so oder so betrügen? Was soll das ganze Spiel, das du da vor mir aufführst? So kannst du doch mit mir und meinem Gebot nur umgehen, solange du noch meinst, du müssest mir gehorchen! Alles grundfalsch! Kein Mensch muß müssen2, und gerade Gott gegenüber ganz bestimmt nicht. «Erfüllung eines Soll», wie man in den Ost-Staaten sagt, ist gerade nicht der Gehorsam, den Gott fordert. Gehorchen heißt: gehorchen dürfen, in Freiheit, von sich aus gehorchen, von sich aus das Gute wählen und das Böse meiden. So steht es mit dem Berg des Gesetzes Gottes, wenn die Wolke weicht, wenn wir ihn im Licht der Sonne sehen dürfen, wie er wirklich ist und aussieht.
23 Was will denn Gott von uns? Was fordert sein Gesetz? Wohlverstanden: Es ist schon ein richtiges Gesetz; es fordert etwas von uns, und es gebietet und verbietet uns etwas, und es will gehalten und von uns erfüllt sein. Aber was fordert es?
So lautet sein Gebot, wenn wir es recht hören und verstehen: Laß du dich jetzt ganz einfach von mir lieb haben und habe mich wieder lieb! Sehr schlicht das ist «das Gute», wenn du das tust. Sehr schlicht das ist die Wurzel, das ist der Sinn, das ist die Kraft aller Zehn Gebote. «Liebe und tue, was du willst!»3, hat ein großer Kirchenvater gesagt. Ein kühnes Wort, aber ein wahres Wort. Denn so ist es: Wer sich von Gott lieb haben läßt und ihn daraufhin wieder lieben darf und aus dieser Liebe heraus tut, was er will, der tut ganz sicher das Rechte. So steht es.
168 Und so lautet Gottes Verbot: Wehr dich jetzt einmal nicht mehr gegen die Liebe, in der ich dich liebe und du mich lieb haben darfst! Denn sich dagegen wehren — das ist das Böse, das ist die Sünde, das ist die Übertretung aller Zehn Gebote, aus der alles Wüste und Schlechte hervorgeht. Wenn du dich dagegen wehrst, dich nicht lieb haben lässest und von der Freiheit, wieder lieben zu dürfen, keinen Gebrauch machst, dann magst du der brävste, tüchtigste, ernsthafteste Mensch sein: es wird dann auch das Beste, was du willst und tust, falsch und verkehrt sein. So steht es.
Also: Wenn Gott sein Gesetz, dieses sein Gebot und Verbot in dein Inneres legt, in dein Herz schreibt, dann darfst du es halten. Du darfst dich ja dann lieb haben lassen und darfst ja dann wieder lieben: ihn, Gott, und darum auch deinen Nächsten. Du darfst dann wohl auch in aller Unvollkommenheit und Unsicherheit und in aller Bescheidenheit zur Umkehr von deinem bisherigen Weg antreten, darfst dann — nicht gleich «absolut», aber doch ein bißchen reiner, aufrichtiger, selbst24loser werden, da und dort wenigstens ein bißchen helfen und vielleicht sogar Anderen ein bißchen vorbildlich sein. Ja, und weiter: dann darfst du auch glauben, darfst du auch beten, darfst du auch in der Bibel lesen, darfst du sogar in die Kirche kommen. Ach ja, ich hoffe so sehr, ihr alle seid nicht weil ihr müßt, sondern weil ihr dürft, hierher gekommen! Du darfst: das ist das neue, das wahre Gebot, das in unser Inneres gelegte, in unser Herz geschriebene Gesetz Gottes. Es ist einfach und schlicht unsere eigene Freiheit für ihn, für das gehorsame Tun seines Willens.
Aber gibt es denn das?, fragt ihr mich wohl. Wie sollen wir uns das denken: ein Gesetz, das im Unterschied zu allen sonstigen Gesetzen keinen Druck, keine Plage bedeutet, nichts uns Fremdes, sondern das Gesetz ist, das uns selbst frei macht zu der Freiheit, gerade von uns aus willig und bereit zu sein, Gott Gehorsam zu leisten: den Gehorsam, der ihm dann ohne weiteres wohlgefällig ist? Wie schafft und gibt Gott diese Freiheit? Wie geschieht das, daß er sein heiliges, hohes Gesetz in unser Inneres legt, es so in unser Herz schreibt, daß wir es von uns aus halten und erfüllen dürften? Ja, nur Gott kann das schaffen und geben. Du kannst es nicht, ich kann es auch nicht, wir alle können es nicht. Wie ich am Anfang sagte: das ist Gottes Werk und Gabe an uns, seine freie Gnade. Aber eben: das ist seine freie Gnade, das schafft er, das gibt er.
169 Ich möchte dazu zum Schluß nur noch das Wichtigste und Entscheidende sagen. Es gibt tatsächlich einen Ort, wo wir es sehen, mit Augen sehen und mit Händen greifen können, wie Gott das schafft und gibt, wie das Werk seiner freien Gnade geschieht. Wir treten ja jetzt wieder ein in die Zeit des Gedenkens an die Leidensgeschichte, in welcher Gott in der Person seines lieben Sohnes bis aufs Letzte, bis in den verdienten Tod 25 des größten Sünders unser Nächster, unser Bruder, ganz und gar unseresgleichen geworden ist: ganz der Unsrige, damit wir, alle Menschen, die Seinigen, schon Gottes Kinder sein dürften. In dieser Geschichte geschah es, daß die Wolke, die den Berg des Gesetzes Gottes verhüllte, zerriß. In ihr wurde es wahr: «Ich werde ihr Gott und sie werden mein Volk sein» [vgl.
- Nr. 39: «Mein ganzes Herz erhebet dich» (Nach Ps. 138), Strophen 1–3
- Nr. 255: «Wie schön leuchtet der Morgenstern» nach
Ph. Nicolai , Strophen 1–4 - Nr. 25: «Singt, singt dem Herren neue Lieder» (nach Ps. 98) von
M. Jorissen , Strophe 2