Der Herr dein Erbarmer. Predigt über Jesaja 54, 10
Wie gerne würde ich euch jetzt ein gutes Wort sagen, das ein Jeder und eine Jede von euch verstehen und begreifen könnte und das euch nachher in eure Zellen und tröstlich und ermutigend ins neue Jahr begleiten würde. Aber mit den guten Worten, die von einem Menschen zu anderen Menschen gehen sollten und möchten, ist es so eine Sache. Sie haben es alle an sich, daß sie, wie es in dem Text, den wir eben gehört haben, von den Bergen und Hügeln heißt: weichen und fallen, aus dem Munde des einen Menschen wie Rauch und Schall hinüber zu den anderen und dort zum einen Ohr hinein, zum anderen wieder hinausgehen. Was sind sie dann gewesen? Was ist dann mit ihnen ausgerichtet? Und das ist so, weil wir Menschen selbst, indem wir reden und hören, weichende und fallende, vergängliche Wesen sind. Nun, ich will versuchen, euch ein wenig zu erklären, was uns da von dem alten Propheten als Gottes Wort bezeugt wird, wobei ich aber wahrhaftig darum bitten muß — und ihr müßt auch darum bitten! —, daß Gott selber das, was da gesagt ist, aufs neue auch zu uns sage, und so sage, daß wir es hören und begreifen dürfen und müssen.
«Gott» — habe ich eben gesagt. Ja, nicht wahr, wenn man in die Kirche kommt — ob es nun das Münster oder diese unsere Kapelle sei —, im|155mer wieder dieses Wort «Gott»! Wer, wie, 7 wo, was «Gott»?, denkt jetzt vielleicht der Eine oder Andere Von euch. Was ist damit gemeint, was sagt mir das, was soll ich damit anfangen: «Gott»? Hat nicht ein großer Philosoph, der hier in
«Der Herr, dein Erbarmer» heißt im Munde des Propheten: der, der groß und majestätisch, der eben der Herr — der aber darin groß, majestätisch, der Herr ist, daß er sich des Volkes Israel erbarmt, dieses Volk aus
156 «Der Herr, dein Erbarmer» — das darf und muß nun aber für uns noch mehr heißen: Er hieß eben nicht umsonst der Erbarmer, er hat doch sein Erbarmen mit diesem Volk Israel wahr gemacht. Er hat das damit getan, daß er selbst in der Mitte dieses Volkes und so in der Mitte aller Menschen selber ein Mensch wurde: der Bruder aller Menschen inmitten ihres unguten Wesens und ihres großen Elends und der Erretter aller Menschen aus ihrem unguten Wesen, aus ihrem großen Elend.
Ich bin einmal gefragt worden, wie das eigentlich komme, daß in der in den Evangelien erzählten Geschichte Jesu — denn er war doch jener Menschenbruder! — zwar von Kranken und Armen, von Sündern und Zöllnern viel die Rede sei, kaum aber ausdrücklich von Gefangenen: nämlich von Gefangenen in dem wörtlichen Sinn, wie ihr es hier seid. Nun, es ist wahr: man meint da zunächst wenig zu finden. Aber sollten wir nicht vielleicht vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen? Ist in Wahrheit nicht die ganze Geschichte Jesu eine einzige Geschichte von dem Unerhörten, daß der ewige große Gott sich selber in die Gefangenschaft des menschlichen Wesens und Daseins mit Allem, was dazu gehört, begeben hat? Und ist er da nicht von den Menschen zuletzt auch ganz wörtlich gefangen genommen, verhaftet, abgeführt, verhört, verurteilt und als Verbrecher hingerichtet worden? Wenn es Einen gegeben hat, der solidarisch gerade mit den Gefangenen war, so war er es. Und in dieser Solidarität mit ihnen, als dieser große Verhaftete, Verurteilte und Hingerichtete hat er allen 9 Gefangenen Freiheit gebracht, Errettung, Erlösung. Das ist der Herr, dein Erbarmen dieser Gefangene, der dein, der unser aller Befreier ist.
Wie wäre es, liebe Freunde, wenn wir uns im Stillen angewöhnen würden, jedesmal wenn wir dieses merkwürdige Wort «Gott» hören oder lesen, sofort zu denken: der Herr, dein Erbarmer, das heißt also: derjenige, der in der Geschichte Israels und dann in der Geschichte des Menschen Jesus gehandelt und gesprochen hat und bis auf diesen Tag lebendig auch an uns handelt, auch zu uns spricht? Eben dieser ist Gott! Wir würden dabei immer noch genug Grund haben, uns zu wundern. Wir wären dann aber, was dieses Wort «Gott» betrifft, wenigstens auf der rechten Spur. Und wer weiß, es könnte uns dann geschehen, daß dieses kranke Wort «Gott» in unserem Mund und in unseren Ohren wieder gesund zu werden beginnen möchte!
157 Was aber spricht der Herr, dein Erbarmer? Das wollen wir jetzt hören!
Das spricht er: Meine Gnade soll nicht von dir weichen. Meine Gnade! Ich, der Herr, bin dir gut, heißt das. Aber nicht nur so von weitem gut, sondern ich, der Herr, wende mich dir zu und tue das nicht als bloße Gebärde und mit leeren Händen. Ich, der Herr, nehme mich deiner an, noch mehr: ich, der Herr, will jetzt deine Sache, die Sache deines Lebens, in meine Hand nehmen, zu meiner eigenen und so zu einer guten Sache machen. Weil du so ein feiner Mensch bist, weil du das verdient hast? Nein, nein, nicht darum! Aber weil ich es so wähle und will, dir und mir gnädig zu sein. «Meine Gnade» heißt: Du bist ein recht unnützer Knecht, aber als solchen will ich gerade dich in meinen Dienst nehmen. Du bist mir ein höchst zweifelhafter Freund — mein Feind oft eher als mein Freund! 10 —, ich aber will dir ein guter, dein bester Freund sein. Du bist ein ungehorsames Kind — ach ja, wir alle sind nur eben seine ungehorsamen Kinder —, ich aber will dir ein treuer Vater sein. Das ist die Gnade, die nicht von dir weichen soll. Wieso nicht? Einfach darum nicht, weil sie Gnade ist und also ganz und gar nicht von dir abhängt — weil sie meine Gnade, nicht menschliche, sondern Gottesgnade ist! Darum kann und wird sie nicht von dir weichen. Sie mag dir eine verborgene Gnade sein, aber sie soll nicht von dir weichen. Sie mag und muß dir weithin eine harte, eine strenge Gnade sein, die dir auch manchmal weh tut, aber sie soll nicht von dir weichen. Wir sind allesamt undankbare Stümper ihr gegenüber, aber sie soll nicht von dir und nicht von mir und nicht von uns allen weichen!
Das Andere, was der Herr, dein Erbarmer, spricht, ist: Der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen. Das hängt mit dem Ersten zusammen. Es ist eben nicht Laune oder Zufall, Gott ist nicht ungerecht und nicht unheilig, wenn er uns, die wir es so gar nicht verdient haben, gnädig ist. Nein, er ist uns darum gnädig, weil es da einen Bund gibt, den er geschaffen — einen Vertrag, den er geschlossen hat, weil eben darin sein ewiger Wille am Werk ist. Dieser Bund kann nicht gebrochen werden, sondern steht fest, dieser Vertrag wird gehalten, dieser ewige Wille wird ausgeführt. Und das war und ist sein ein für allemal beschlossener und ausgeführter, sein ewiger Wille: Er «war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber» [
Aber nun wird es nicht anders gehen, als daß wir auch das Andere hören: Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen. Nicht wahr, das tönt entschieden weniger gut. Es muß eine schauerliche Sache gewesen sein, als im Anfang des 19. Jahrhunderts das Gebirge oberhalb von
Nun also noch ein paar Worte von den Bergen, die weichen, und von den Hügeln, die hinfallen:
Ein solcher Berg ist wohl vor allem die uns Menschen gegebene Zeit. Wir werden in einigen Tagen Sylvester haben, und das wird bedeuten: Lebewohl 1959! Du warst und kehrst nicht wieder. Und wenn etwas ganz sicher ist hinsichtlich des kommenden Jahres 1960, dann dies, daß auch es einen Sylvester haben und also hinfallen, weichen und vorbei sein wird. Ja, und irgendeinmal, wenn es nämlich zum Sterben geht, wird es für uns alle Sylvester werden. Und irgendeinmal wird auch der große Sylvester anbrechen, wird es für die ganze Welt gar keine Zeit mehr geben. Aber meine Gnade soll nicht von dir weichen! Läßt man sich das sagen, dann wird man stark, in der weichenden, der fallenden, der vergehenden Zeit zu leben, sie zu haben, solange sie uns noch gegeben wird, sie zu nützen, sie aber auch ohne Betrübnis herzugeben, wenn sie, wie es nicht anders sein kann, vorübergeht, uns wieder genommen wird.
Weichende Berge und fallende Hügel sind sicher auch die menschlichen Lebensverhältnisse und Weltordnungen, wie sie in der Geschichte von jeher gekommen und wieder gegangen sind. Eben: gekommen und eines Tages wieder gegangen mit all dem Guten und weniger Guten, das sie den Menschen gebracht haben. Es gibt in der Weltgeschichte keine Ewigkeiten: kein ewiges Deutschland, aber auch keine ewige Schweiz, wie man in der Kriegszeit, um sich ein bißchen Mut zu machen, gelegentlich gesagt hat. Es gibt keinen ewigen Kapitalismus, und es wird auch keinen ewigen Kommunismus geben. Aber meine Gnade soll nicht von dir weichen! Das ist es, was wir 13 im Wechsel und Vorübergehen der menschlichen Verhältnisse und Weltordnungen vernehmen dürfen. Vernehmen wir es, dann können wir es auch in dieser unserer Zeit, was sie uns auch noch bringen mag, aushalten — und nicht nur so aushalten, daß wir es hinnehmen, wie es kommt, sondern so, daß wir an unserem großen oder kleinen Ort mittragen und ein Jeder, so gut er es vermag, seinen Beitrag leistet: wenn nicht zum Besten, so doch zum Besseren. Wer das Wort von der Gnade, die nicht weicht, vernimmt, der kann und darf das tun, Schritt für Schritt, ohne Wut, aber auch ohne Angst, |160 unter allen Umständen und in allen Verhältnissen als ein geborgener Mensch.
Bei den Bergen, die weichen, und den Hügeln, die hinfallen, mögen und müssen wir wohl auch an die Menschen, und zwar gerade an die besten, nächsten und liebsten Menschen denken, die um uns sind. Ist es nicht so: auch die besten Menschen haben eben ihre Grenzen, enttäuschen uns irgendwo, so daß wir, ob wir wollen oder nicht, auch über sie den Kopf schütteln müssen? Auch die einst nächsten Menschen können uns fern und fremd werden. Und auch die liebsten Menschen können uns eines Tages genommen werden. «Verlasset euch nicht auf Menschen» [vgl.
Laßt mich noch etwas Anderes nennen, was auch weicht und fällt: ich meine das, was man eines Menschen Lebensleistung nennt. Sicher, das ist eine schöne Sache, wenn Einer etwas Kleines oder Großes treulich ausgerichtet hat in seinem Le14ben. Warum sollte er sich dessen nicht freuen dürfen? Ich kenne auch so Einen, der ist ziemlich fleißig gewesen, hat Bücher geschrieben, dicke Bücher darunter, hat viele Studenten unterrichtet, kam öfters in die Zeitung und zuletzt sogar in den «
Und noch ein Letztes: Haben wir nicht auch schon gedacht: das Sicherste, was man haben könne, sei dies, einen festen inneren Halt, Charakter und auch wohl einen gewissen Glauben zu haben? Sicher ist das eine gute Sache. Aber: «Wer da steht, der sehe zu, daß er nicht falle!»
[vgl.
Ich bin am Ende. Man pflegt sich zum Neuen Jahr Gutes zu wünschen: Glück und Segen und Gesundheit und frohe Tage. Das ist schön und recht so, und das wollen wir uns auch gegenseitig wünschen: ich euch und ihr mir auch. Aber im Grunde gibt es ja nur ein ganz Gutes, das wir einander wünschen können: daß, was wir eben gehört haben, uns wirklich aufrichte, halte, tröste und erfreue: «Meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen.» Das gilt, denn das sagt nicht irgend ein Mensch, das spricht der Herr: dein, mein, unser aller Erbarmer.
- Nr. 132: «Nun laßt uns gehn und treten» von
P. Gerhardt , Strophen 1–7 - Nr. 48: «Sollt ich meinem Gott nicht singen» von P. Gerhardt, Strophen 1–3,10 (= EKG 232, Str. 1–3,11)
- Drittes Lied unbekannt