14. Juni 1959

Predigt: Psalm 68,20: "Gelobt sei der Herr"

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GELOBT SEI DER HERR!
Herr unser Gott! Hier findest du uns versammelt, um dein Wort zu reden und zu hören, dich anzurufen, dich zu preisen, dich zu bitten um das, was uns und der ganzen Welt allein gut und heilsam ist.
Aber wie soll das recht geschehen? Du weißt ja, was für Leute wir alle sind, und wir wissen es auch, können es jedenfalls vor dir nicht verleugnen: unsere harten Herzen, unsere unreinen Gedanken, unser ungeordnetes Begehren und Alles, was daraus gekommen ist und noch kommt — unsere Irrtümer und Übertretungen — soviel Worte und Taten, die dir nicht gefallen und mit denen wir auch den Frieden auf Erden nur stören und zerstören können. Wer sind wir, daß wir in dieser Stunde dir zu dienen und uns untereinander wirklich zu helfen vermöchten?
Es geht nicht ohne dein eigenes Reden und Wirken in unserer Mitte. Wir halten uns ganz allein an die Verheißung deiner Gnade und Barmherzigkeit: daß Jesus Christus, dein lieber Sohn, gekommen ist, uns Armen frohe Botschaft zu bringen, uns Gefangenen Befreiung zu verkündigen und uns Blinden das Augenlicht — uns Sünder zu erretten. Aber an diese Verheißung halten wir uns auch in dieser Stunde. Du kannst, was wir nicht können. Du willst es auch. Wir glauben und vertrauen: Du wirst es auch tun — nicht weil wir gut und stark wären, aber weil du es bist. Unser Vater …!
Psalm 68,20
Gelobt sei der Herr Tag für Tag! Uns trägt der Gott, der unsere Hilfe ist.
177 Meine lieben Brüder und Schwestern!

Kann und darf ich euch dazu einladen und auffordern, euch darum bitten, mit mir — nein, nicht mit mir, sondern mit dem, der in der heiligen Schrift redet — einzustimmen in dieses: «Gelobt sei der Herr Tag für Tag!»? Unsere Gedanken und Gefühle laufen doch in der Regel in ganz anderer Richtung. Wir loben nicht den Herrn, sondern wir alle — ich schließe mich ein — wir murren.

146 Etwa so: Bedauert und beklagt sei mein Schicksal, das es nicht gut mit mir gemeint hat, das mich so hereinfallen ließ, das nichts Besseres mit mir anzufangen wußte, als mich dahin zu bringen, wo ich jetzt bin! Oder etwas anders: Gescholten und angeklagt seien die Menschen, unter denen ich gelebt habe, die mir durch ihr Tun und Lassen so mitgespielt haben, wie sie es taten — die Umgebung, in der ich zu meinem Schaden aufgewachsen bin — vielleicht sogar meine Eltern, die sich so wenig um mich bekümmerten, die mich so gar nicht gut erzogen, die mir so wenig Liebe entgegengebracht haben! Oder noch anders: Wie anstößig, verdrießlich und verächtlich ist mir doch der und der Mensch, mit dem ich da täglich zu tun habe: dieser Mensch mit seinerArtn oder vielmehr Unart, mit seinem Wesen oder vielmehr Unwesen! Oder noch ein bißchen anders: Mich selbst könnte ich wohl an den Haaren nehmen, mir selber möchte ich wohl eine Ohrfeige versetzen, wenn ich an eine gewisse dunkle Zeit, an eine gewisse finstere Stunde in meinem Leben denke, von der ab es schief und bachab mit mir gegangen ist, an deren Folgen ich bis heute zu tragen 178 habe. Oder das Murren könnte auch weitergreifen: Aufbegehren und protestieren müßte und möchte man gegen die Leute, die in dieser unserer Zeit unsere schöne freie Luft mit ihren blöden Experimenten radioaktiv vergiften und verpesten und damit vielleicht ganzen kommenden Generationen Unheil bereiten, ein Unheil, das wahrscheinlich schon jetzt auf uns lastet, auch wenn wir dessen noch nicht gewahr sind.

Ja, und in Grund und Boden hinein möchte man heute die vier Männer in Genf kritisieren, die nun schon seit fünf Wochen um einen runden Tisch sitzen, um ein Wort für den Frieden zu finden und damit eine Entscheidung über die Zukunft von uns allen zu vollziehen, und haben bis zur Stunde nichts fertig gebracht als unaufhörlich die gleichen unnützen Sprüche.1 Und dann wohl gleich auch noch — und sogar noch mehr — ihre Hintermänner in Moskau, Washington und in Bonn und unsere Zeitungen (nicht zuletzt die schweizerischen!), die Tag für Tag zum kalten Krieg hetzen, und endlich die ganze Menschheit im Osten |147 und im Westen, die wie eine große Schafherde in den Abgrund zu rennen und uns alle mitreißen zu wollen scheint. Und könnte es nicht sein, daß der Eine oder Andere Lust hätte, auch gegen das Christentum zu protestieren, auch gegen die Kirche, die evangelische und die katholische und ihre Vertreter, die so oft mit den Wölfen geheult haben und noch heulen, die jedenfalls so schwach zu sein scheinen, daß sie nichts Besseres als immer wieder Steine statt Brot zu bieten haben?

Soll ich noch mehr in dieser Richtung sagen? Da wäre sicher noch viel mehr und von jedem sein Besonderes zu sagen, zu beklagen und anzuklagen. Und sei es denn, daß es uns als eine wunderbare Befriedigung und Erleichterung vorkommen könnte, in dieser Art nach dieser oder jener Seite oder nach allen zugleich so recht zu murren! Und sei es denn — warum sollte es 179 nicht so sein? —, daß wir dabei teilweise und vielleicht Punkt für Punkt mehr oder weniger recht haben könnten!

Aber was nun? Also tapfer weiter gemurrt? Sollte ich hier etwa Amen sagen? Könnte wohl sein, daß der Eine oder Andere von euch zufrieden wäre, wenn ich jetzt tatsächlich Amen sagen würde! Könnte wohl sein, daß er nachher rühmen würde: heute habe er sich einmal gut verstanden gefühlt, genau so meine er es auch!

Aber halt einmal: So geht es wohl nicht! Darum handelt es sich ja jetzt nicht, daß wir uns selbst verstehen und auch gegenseitig voneinander verstanden fühlen. Sondern darum geht es jetzt, daß wir alle etwas ganz Anderes verstehen lernen. Eben wegen dieses Anderen kann ich jetzt noch nicht Amen sagen.

Das ist das Andere: Gelobt sei der Herr Tag für Tag! Ihr merkt schon, das tönt schon ganz anders! Ja, und das ist auch ganz etwas Anderes als unser ganzes leises oder lautes, berechtigtes oder unberechtigtes Murren. Wie ein Berg von 4000 Metern steht das unseren Gedanken und Gefühlen gegenüber. Wie ein Erdbeben erschüttert das die ganze Landschaft unseres Murrens. Wie ein reißender Fluß durchbricht das die Dämme unseres Klagens, Anklagens, Kritisierens und Protestierens. «Gelobt sei der Herr Tag für Tag!» Ach, meint doch ja nicht, das sei nun eben meine Ansicht. Ginge es jetzt um meine Ansicht, dann könnte ich euch offen gestehen: ich murre auch manchmal, und das ganz gerne, und ich meine dann auch jedesmal guten Grund dafür zu haben. Wir reden aber von einem unendlich viel Höheren, Besseren als alle meine und |148 eure Ansichten. «Gelobt sei der Herr Tag für Tag!» Das ist schlicht die Wahrheit, die über uns allen, die gegen uns alle, die aber vor allen Dingen für uns alle ist. Die Wahrheit, die in unseren Herzen aufgehen will, wie die Sonne es jetzt so früh 180 tut, und wenn sie kommt, dann beginnen alle Vögel zu zwitschern, und alle Blumen neigen sich ihr entgegen! Kein Mensch lebt von seinen Ansichten, und wenn sie noch so gut und begründet wären. Der Mensch lebt von der Wahrheit. Hier ist sie: «Gelobt sei der Herr Tag für Tag!» Wenn wir hier einstimmen, dann treten wir hinein in die Wahrheit, dann sind wir eigentlich schon in der Wahrheit. Es wird dann Tag. Es beginnt dann — dann erst — das wirkliche Leben. Weil dem so ist, darum konnte ich vorhin nicht Amen sagen. Weil dem so ist, darum wage ich es jetzt trotz Allem, lade ich euch ein, fordere ich euch auf, bitte ich euch, einzustimmen: Ja, «gelobt sei der Herr Tag für Tag!» — Laßt mich euch das kurz erklären.

Gelobt sei der Herr! Der Herr macht die Wahrheit zur Wahrheit, zum Boden, auf dem wir stehen und gehen können, zur Luft, in der wir atmen dürfen. Der Herr ist der Ursprung und Anfang, von dem wir alle herkommen. Der Herr ist auch das Ziel und Ende, dem wir alle entgegengehen. Der Herr ist der, der nicht nur groß, sondern der allein Große — nicht nur gut, sondern der allein Gute ist, von dem alles Gute kommt. Er ist der freie Herr, der Quell aller Freiheit. Er ist der einzige Herr, weil er der Schöpfer aller Dinge ist, weil Alles ihm gehört, weil wir alle die Seinigen sind.

Gelobt sei der Herr! «Loben» heißt schlicht: recht geben, gutheißen — was, wenn es um das Lob des Herrn geht, nicht möglich ist, ohne daß wir uns selbst unrecht geben, uns selbst nicht gutheißen können. Nebenbei gesagt: Habt ihr schon bemerkt, was in den Liedern unseres Kirchengesangbuchs passiert: daß in ihnen allen irgendwie der Herr gelobt, ihm recht und damit uns Menschen unrecht gegeben wird? Wir haben vorhin gesungen aus diesem Buch und werden es nachher wieder tun. Seht, da stimmen wir eigentlich schon ein: 181 Gelobt sei der Herr! Und nun kommt es nur darauf an, daß wir dieses unser Einstimmen ganz ernst nehmen — nur darauf: das Entsprechende ernstlich zu denken, zu wollen und dann auch zu tun. Wie dem auch sei: Es handelt sich nicht darum, unser Schicksal, auch nicht darum, den Menschen, und erst recht nicht darum, den Zeitungen oder irgend einer Partei recht |149 zu geben. Damit mögen wir es halten, wie wir müssen und wollen. Es handelt sich also nicht darum, irgend eine Kreatur, das Leben, die Welt, sondern den Herrn zu loben. Ihn darum, weil er es verdient, gelobt zu werden — weil ihn zu loben kein künstliches und kein frommes Unternehmen, sondern das Allernatürlichste, das Notwendige, das Selbstverständliche ist — weil er recht hat als der Einzige über allem unserem vermeintlichen Recht und gegen alles unser Unrecht. Und ihn zu loben ist darum gut, weil wir damit, daß wir das tun, gut fahren, weil wir damit, wie der Engländer sagt, «auf die sichere Seite» (on the safe side) kommen: aus der Welt der Lüge heraus hinein in das Land der Wahrheit, in welchem man leben kann.

Von einem dem Herrn Tag für Tag, also jeden Tag darzubringenden Lob ist aber die Rede. Nicht wahr, sehr Vieles kann nicht alle Tage sein. Man kann nicht jeden Tag gleich gut arbeiten, kann auch nicht jeden Tag lustig und guter Laune sein. Und zum Glück kann man das Leben auch nicht jeden Tag gleich schwer nehmen, nicht jeden Tag das gleiche böse Gesicht machen. Eines aber kann und darf jeden Tag geschehen: unter allen Umständen, ob die Sonne scheint oder ob es regnet, ob wir gerade froh und vergnügt oder etwas betrübt oder richtig traurig sind, ob es uns gut oder schlecht geht. Den Herrn loben, ihm recht geben, das ist eine Sache, die große Sache für jeden Tag. Warum? Darum, weil Er Tag für Tag der Ursprung ist, von dem wir herkommen, und Tag für Tag das Ziel, dem wir entgegengehen. Weil er Tag für Tag der eine 182 Große, der eine Gute, der eine Freie ist, der auch uns Freiheit gibt. Kurz, weil Er Tag für Tag der Herr ist. Er, der Hüter Israels, schläft noch schlummert nicht, wie es in einem anderen [Psalm 121,4] heißt. Er wacht, er wirkt alle Tage, bis ans Ende aller Tage und über dieses Ende hinaus in alle Ewigkeit. Eben davon haben wir darin, daß wir den Herrn Tag für Tag zu loben haben, ein kleines Abbild, bis auch wir über das Ende hinaus sein werden: «bis ich dich nach dieser Zeit lob und lieb in Ewigkeit»2.

Aber nun soll doch nachher Keiner von euch sagen: er hat heute gepredigt, daß man nicht murren, daß man vielmehr den Herrn loben solle! Solle? Das habe ich nicht gepredigt. Was ich gepredigt habe, das ist |150 nicht ein Gesetz, eine Mühsal, ein Zwang, den ihr nun auf euch nehmen, ein Krampf, den ihr nun machen müßtet. Wenn Jemand da mit einstimmt und also den Herrn lobt Tag für Tag, dann heißt das nicht, daß er irgend etwas soll oder muß und also keuchend bergauf zu steigen hätte irgend einem Ideal entgegen. Der wird dabei vielmehr fröhlich und beschwingten Schrittes bergab gehen. Denn wenn Einer das tut, dann darf er das tun: nicht in irgend einer Freiheit, die er sich dazu genommen hätte oder nehmen könnte, sondern in der Freiheit, die ihm dazu gegeben wird aus dem Quell aller Freiheit: von dem, der der eine, große Freie ist.

Uns trägt nämlich der Gott, der unsere Hilfe ist. In Luthers Bibelübersetzung lautet dieses Wort ein wenig anders. «Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch», heißt es dort. Das ist auch schön und wahr, und es hat gewiß schon Tausende und Tausende von Menschen gegeben, die sich gerade mit diesem Wortlaut getröstet haben. Ich habe das Wort hier wiedergegeben, wie es in der Zürcher Bibel übersetzt ist, weil ich denke, daß es so noch genauer wiedergibt, was gemeint ist, und vielleicht doch noch schöner und wahrer ist, als Luther 183 es verstanden hat. Denn eigentlich ist es ja nicht so, daß Gott eine Last auf uns legt, sondern wir sind die Last, die Er auf sich genommen hat und selber trägt.

Daß er uns trägt, das heißt bestimmt auch: er erträgt uns. Gott könnte uns sehr wohl unerträglich finden, vielleicht gar nicht zuletzt wegen unseres Murrens, bei dem wir ja wirklich keine gute Figur machen. Er könnte uns dementsprechend behandeln und also fallen lassen. Aber eben das tut er nicht. Er ist ein großer Herr, der sogar uns, sogar mich und dich ertragen kann und ertragen will und auch wirklich erträgt.

«Uns trägt der Gott, der unsere Hilfe ist.» Das heißt aber, daß er uns nicht bloß erträgt: er trägt uns heraus aus dem Schlamm unserer Torheiten und Bosheiten und unserer verschiedenen großen und kleinen Traurigkeiten. Er trägt uns hindurch durch das von uns selbst gepflanzte Gestrüpp unserer Einbildungen und Verkehrtheiten. Er trägt uns hinweg aus dem Reich des Todes und trägt uns hinüber in das ewige Leben: so wie ich es euch hier am Ostersonntag zu sagen versucht habe. In dem allem könnten wir uns nicht selbst tragen. Wie sollten wir auch? Er aber |151 tut es: «der wie auf Adlers Flügeln dich sicher geführet»3. Habe noch nichts davon gemerkt!, meinst du jetzt? Ja, es gibt noch Vieles, was wir noch nicht gemerkt haben, darum falsch meinen, und was doch wahr ist. Und dazu gehört auch und vor allem dies: «Uns trägt der Gott, der unsere Hilfe ist.»

Ist! Also nicht nur: der uns ein bißchen hilft. Und nicht nur: der irgendeinmal später, vielleicht erst im Himmel, unsere Hilfe sein wird. Nein, Er ist unsere Hilfe. Er ist nun einmal nicht nur für sich selber Gott in irgendwelcher Höhe und Feme, in irgend einem göttlichen Geheimnis. Er ist der Gott, der gerade als solcher, als Gott, unsere Hilfe ist. Wir reden — das sei jetzt nur kurz angedeutet — von dem Gott, dessen Sohn 184 Jesus Christus heißt und ist: von dem Gott, der sich uns in diesem Einen gleich gemacht, an die Seite gestellt, sich für uns eingesetzt und hingegeben hat. Wir reden von dem Gott, der uns in diesem Einen als dessen Brüder und Schwestern zu seinen eigenen Kindern gemacht hat. Wir reden von dem Gott, der, indem er uns zu Jesus Christus ruft und in seine Gemeinschaft stellt, unser Vater ist. In Ihm ist und bleibt er unsere Hilfe. Denkt an Weihnacht, denkt an Karfreitag, denkt an Ostern, denkt an die Himmelfahrt, dann wißt ihr, was gemeint ist: Uns trägt der Gott, der unsere Hilfe ist. Und denkt dann gleich auch an das große Geheimnis des Pfingsttages. Denn das ist der Heilige Geist, wenn das über uns kommt und uns nicht mehr losläßt, sondern uns recht frei macht, den Herrn zu loben: Uns trägt der Gott, der unsere Hilfe ist.

Ganz zum Schluß möchte ich nun aber doch noch einmal auf das Murren zurückkommen, mit dem wir es am Anfang zu tun hatten. Wie steht es jetzt damit?

Nun, zunächst gewiß so, daß Gott der Herr uns bestimmt auch in und gegenüber all dem Großen und dem Kleinen trägt, wogegen wir mit Recht oder Unrecht zu murren haben. Und weiter auch so, daß er uns bestimmt auch in und mit unserem Murren selbst trägt, das nun ein|152mal, sogar wenn es berechtigt ist, niemals eine schöne Sache ist. Dürfen wir im Glaubensbekenntnis sagen: ich glaube an eine Vergebung der Sünden, dann mag darunter gewiß auch verstanden sein: Ich glaube an eine Vergebung auch meines täglichen Murrens, Scheltens und Protestierens.

Aber nehmen wir jetzt an, wir hörten, wir verstünden das, wir nähmen diese Vergebung an. Setzen wir voraus, wir machten Gebrauch von der Freiheit, die uns geschenkt ist, den Herrn zu loben, ihm recht und uns unrecht zu geben. Wie 185 wären wir dann eigentlich dran? Könnten und dürften wir dann eigentlich so weiter murren wie bisher? Ich las dieser Tage in der Zeitung die kuriose Nachricht von einem Prinzen, dem Bruder des belgischen Königs. Ihm wurde von einer dortigen Stadt als Geschenk ein schönes neues Gewehr angeboten. Er habe aber dieses Geschenk nicht angenommen — mit der Begründung: «Es tut mir leid, ich kann nicht schießen.» Wie wäre es eigentlich, wenn ich, wenn das Murren wieder einmal so richtig in mir aufsteigen will, statt loszumurren, ganz freundlich sagen würde: «Es tut mir leid, ich kann nicht mehr murren»? Oder sagen wir vorsichtig: Ich kann nur noch so ein bißchen murren. Eigentlich ist mir nicht wohl, eigentlich schäme ich mich dabei. Es geht im Grunde nicht mehr. Danke für das Gewehr! Warum geht es im Grunde nicht mehr? Es geht darum nicht mehr, weil ich — ich kann mir nicht helfen — anders beschäftigt bin: weil jenes Andere, weil gegenüber meinem ganzen Murren die Wahrheit für mich in den Vordergrund getreten ist, die große freie und befreiende Wahrheit: Gelobt sei der Herr Tag für Tag! Uns trägt der Gott, der unsere Hilfe ist.

Amen.
Lieber himmlischer Vater! Wir danken dir. Und nun laß es geschehen und gelten in unseren Herzen und in unserem Reden und Tun, daß wir dich loben, dir recht geben Tag für Tag: so auch an diesem Tag und in der Macht deines Heiligen Geistes auch morgen und übermorgen! Ertrage und trage uns fernerhin: einen Jeden, eine Jede von uns. Wir alle haben es nötig, Jeder und Jede auf besondere Weise. Sei und bleibe du 186 für uns, für Alle, die in diesem Hause sind, und auch für unsere Angehörigen in der Nähe und in der Ferne der Gott, der unsere Hilfe ist!
Sei und bleibe du aber auch Derselbe über und in dem so verwirrenden und verwirrten, bedrückenden und bedrückten menschlichen |153 Tun und Geschehen unserer Tage! Sage und zeige Allen, daß sie dir nicht verloren sind, daß sie dir aber auch nicht davonlaufen können! Erweise dich überall als der Herr der Frommen und der Gottlosen, der Klugen und der Törichten, der Gesunden und der Kranken — als der Herr auch unserer armen Kirche, der evangelischen und der katholischen und aller anderen — als der Herr der guten und der schlechten Regierungen, der ernährten und der unterernährten Völker — als der Herr besonders auch der Leute, die heute so viel Gutes und weniger Gutes meinen reden und schreiben zu müssen — als unser aller Schutzherr, dem wir uns anbefehlen dürfen, aber auch als unser aller Gerichtsherr, dem wir am Jüngsten Tage und heute schon verantwortlich sind.
Großer, heiliger und barmherziger Gott, wir sehnen uns nach deiner letzten Offenbarung, in der es vor Aller Augen klar werden wird, daß die ganze geschaffene Welt und ihre Geschichte, daß alle Menschen und ihre Lebensgeschichten in deiner gütigen und strengen Hand waren, sind und sein werden. Wir danken dir auch dafür, daß wir uns auf diese Offenbarung freuen dürfen. Das alles im Namen Jesu Christi, in welchem du uns Menschen von Ewigkeit her geliebt, erwählt und berufen hast.
Amen.
Lieder:
  • Nr. 27: «Nun jauchzt dem Herren, alle Welt» (nach Ps. 100) von D. Denicke, Strophen 1–5 🎵
  • Nr. 272: «Von Gott will ich nicht lassen» von L. Helmbold, Strophen 1–4 🎵
  • Nr. 208: «Ach bleib mit deiner Gnade» von J. Stegmann, Strophen 1–3 🎵

Sachfußnoten

1
Konferenz der Außenminister der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens und Frankreichs mit beratender Teilnahme von Delegationen der beiden deutschen Staaten, 11.5.-5.8.1959. Verhandlungsgegenstand waren die Deutschland- und Berlinfrage und die europäische Sicherheit. Die Konferenz erbrachte keine Einigung.↩
2
Schlußzeilen der letzten Strophe des Liedes 48 (EKG 232) «Sollt ich meinem Gott nicht singen» (1653) von P. Gerhardt 🎵.↩
3
Vgl. Strophe 2 des Liedes 52 (EKG 234) «Lobe den Herren, den mächtigen König» (1680) von J. Neander 🎵:
Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
der wie auf Flügeln des Adlers dich sicher geführet …
(EKG: «… der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet …»)↩