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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-12">Predigten 1954–1967</title>
        <title type="content">Der Herr dein Erbarmer. Predigt über Jesaja 54, 10</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Der Herr dein Erbarmer. Predigt über Jesaja 54, 10, 27. Dezember 1959</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/12025 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1954–1967, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 153–162.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1954–1967</title>
          <title type="text">Der Herr dein Erbarmer. Predigt über Jesaja 54, 10</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 153-162</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.12, Predigten 1954-1967, 1959</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Der Herr dein Erbarmer, in: ders., Rufe mich an! Neue Predigten aus der Strafanstalt Basel, Zürich 1965, S. 5–16 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Predigt: Jes 54,10: "Der Herr, dein Erbarmer", 27. Dezember 1959. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2099">KBA 1650</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Der Herr dein Erbarmer. Predigt über Jesaja 54, 10, 27. Dezember 1959. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6125">KBA 808</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1959-12-27">27. Dezember 1959</date>
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          <head type="header">DER HERR, DEIN ERBARMER</head>
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                        <date when="1959-12-27">27. Dezember 1959</date>, <placeName ref="kbga-places-989">Strafanstalt Basel</placeName>
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        <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.54.10">Jesaja 54,10</ref>
          <quote>Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen. Aber meine Gnade soll nicht vor dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.</quote>
                        </cit>
        </epigraph>
        <div type="prayer">
          <p>Herr, unser großer und gütiger Gott! Weil du in deinem lieben Sohn zu uns gekommen bist, darum dürfen und wollen wir auch zu dir kommen, dein Wort hören, unsere Sinne und Gedanken zu dir erheben und dir mit dem, was wir hier miteinander tun, Antwort zu geben versuchen.</p>

          <p>
                            <pb rend="noPipe" xml:id="p154" ed="pga"/> Wir wissen wohl, wieviel uns von dir trennt und wie wenig wir es verdienen, so in deine heilige Nähe zu kommen. Wir wagen es, weil du uns als deine Kinder dazu einladest und aufrufst. Es ist aber schon nötig, daß du selbst uns hilfst, recht von dir zu reden und recht auf dich zu hören. Erlaube uns nicht, zerstreut und gleichgültig dabei zu sein! Erlaube uns aber auch nicht, selber gescheit sein und Alles besser wissen zu wollen! Bewege uns stattdessen durch den starken, freudigen Ton deiner Wahrheit, damit sie uns sammle, zu dir hinführe und uns anleite, in diesen Tagen mit allen anderen Menschen demütig und getrost vom alten ins neue Jahr hinüberzugehen!</p>
          <p>Unser Vater …! </p>
          <div type="closer">
                            <salute>Amen. 
                            </salute>
                        </div>
        </div>
          <salute><pb ed="A" n="6"/> Meine lieben Brüder und Schwestern!</salute>
      </div>
      <div type="main">
        <p>Wie gerne würde ich euch jetzt ein gutes Wort sagen, das ein Jeder und eine Jede von euch verstehen und begreifen könnte und das euch nachher in eure Zellen und tröstlich und ermutigend ins neue Jahr begleiten würde. Aber mit den guten Worten, die von einem Menschen zu anderen Menschen gehen sollten und möchten, ist es so eine Sache. Sie haben es alle an sich, daß sie, wie es in dem Text, den wir eben gehört haben, von den Bergen und Hügeln heißt: weichen und fallen, aus dem Munde des einen Menschen wie Rauch und Schall hinüber zu den anderen und dort zum einen Ohr hinein, zum anderen wieder hinausgehen. Was sind sie dann gewesen? Was ist dann mit ihnen ausgerichtet? Und das ist so, weil wir Menschen selbst, indem wir reden und hören, weichende und fallende, vergängliche Wesen sind. Nun, ich will versuchen, euch ein wenig zu erklären, was uns da von dem alten Propheten als Gottes Wort bezeugt wird, wobei ich aber wahrhaftig darum bitten muß — und ihr müßt auch darum bitten! —, daß Gott selber das, was da gesagt ist, aufs neue auch zu uns sage, und so sage, daß wir es hören und begreifen dürfen und müssen.</p>
        <p>«Gott» — habe ich eben gesagt. Ja, nicht wahr, wenn man in die Kirche kommt — ob es nun das Münster oder diese unsere Kapelle sei —, im<pb xml:id="p155" ed="pga" break="no"/>mer wieder dieses Wort «Gott»! Wer, wie, <pb ed="A" n="7"/> wo, was «Gott»?, denkt jetzt vielleicht der Eine oder Andere Von euch. Was ist damit gemeint, was sagt mir das, was soll ich damit anfangen: «Gott»? Hat nicht ein großer Philosoph, der hier in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> gelebt hat, gesagt, daß Gott tot sei?<note xml:id="n01">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1598">
                                <persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Die fröhliche Wissenschaft</hi> (1881/82, 1886), Drittes Buch, Abschnitt 125: «<hi rend="italic">Der tolle Mensch</hi>», in: <hi rend="italic">Nietzsches Werke</hi>, Bd. 5, Leipzig o. J., S. 163f.</bibl>
                        </note> Nun, so schlimm wird es wohl nicht sein. Sollte Gott wirklich für viele Menschen und manchmal auch für uns alle ein toter Gott sein, so heißt das noch lange nicht, daß er tot ist! Aber etwas ist schon daran: das WoWortGott» ist zwar auch nicht einfach tot, wohl aber krank, schwerkrank, weil es so oft falsch benützt und mißbraucht worden, weil es so etwas wie eine abgeschliffene Münze geworden ist. Nun kommt aber gerade das Wort «Gott» in unserem Text gar nicht vor. Dafür bekommen wir hier deutlichen Bescheid darüber, wer und was Gott ist: er ist <hi rend="italic">der Herr, dein Erbarmer</hi>.</p>
        <p>«Der Herr, dein Erbarmer» heißt im Munde des Propheten: der, der groß und majestätisch, der eben der <hi rend="italic">Herr</hi> — der aber darin groß, majestätisch, der Herr ist, daß er sich des Volkes Israel <hi rend="italic">erbarmt</hi>, dieses Volk aus <placeName ref="kbga-places-379">Ägypten</placeName> befreit, durch die Wüste hindurchgeführt und ihm ein schönes Land gegeben hat, daß er es immer wieder erhalten, führen und beschützen wollte. Das Volk Israel war ein kleines und dazu ein ungutes und damals sehr elendes Volk. Ihm war ja damals Alles verloren gegangen: zuerst und vor allem gerade sein Glaube an seinen Gott, an den Herrn, der doch sein Erbarmer war, der Gehorsam diesem Herrn gegenüber. Ja, solche Zeiten gibt es, wo den Menschen der Glaube an Gott und der Gehorsam gegen ihn abhanden kommt. Und dann ist alles Andere auch verloren. Verloren gegangen war Israel mit dem rechten Glauben und Gehorsam: die Macht und der Glanz des Königtums <persName ref="kbga-actors-2172">Davids</persName>, verloren die Stadt <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> samt dem von <persName ref="kbga-actors-2245">Salomo</persName> erbauten Gotteshaus, verloren die Heimat, das Land seiner Väter, verloren seine Freiheit. Geblieben war ihm gerade nur <pb ed="A" n="8"/> noch Eines: der Herr, sein Erbarmer. Dieser aber blieb ihm, hörte seinem Unglauben und Ungehorsam zum Trotz nicht auf, sein Erbarmer zu sein — als solcher in seiner Mitte zu leben, zu handeln, zu sprechen, so wie er es nun eben auch durch diesen Propheten getan hat.</p>
        <p rend="margin-top">
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p156" ed="pga"/> «Der Herr, dein Erbarmer» — das darf und muß nun aber für uns noch mehr heißen: Er hieß eben nicht umsonst der Erbarmer, er hat doch sein Erbarmen mit diesem Volk Israel wahr gemacht. Er hat das damit getan, daß er selbst in der Mitte dieses Volkes und so in der Mitte aller Menschen selber ein Mensch wurde: der Bruder aller Menschen inmitten ihres unguten Wesens und ihres großen Elends und der Erretter aller Menschen aus ihrem unguten Wesen, aus ihrem großen Elend.</p>
        <p>Ich bin einmal gefragt worden, wie das eigentlich komme, daß in der in den Evangelien erzählten Geschichte Jesu — denn er war doch jener Menschenbruder! — zwar von Kranken und Armen, von Sündern und Zöllnern viel die Rede sei, kaum aber ausdrücklich von Gefangenen: nämlich von Gefangenen in dem wörtlichen Sinn, wie ihr es hier seid. Nun, es ist wahr: man meint da zunächst wenig zu finden. Aber sollten wir nicht vielleicht vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen? Ist in Wahrheit nicht die ganze Geschichte Jesu eine einzige Geschichte von dem Unerhörten, daß der ewige große Gott sich selber in die Gefangenschaft des menschlichen Wesens und Daseins mit Allem, was dazu gehört, begeben hat? Und ist er da nicht von den Menschen zuletzt auch ganz wörtlich gefangen genommen, verhaftet, abgeführt, verhört, verurteilt und als Verbrecher hingerichtet worden? Wenn es Einen gegeben hat, der solidarisch gerade mit den Gefangenen war, so war er es. Und in dieser Solidarität mit ihnen, als dieser große Verhaftete, Verurteilte und Hingerichtete hat er allen <pb ed="A" n="9"/> Gefangenen Freiheit gebracht, Errettung, Erlösung. Das ist der Herr, dein Erbarmen dieser Gefangene, der dein, der unser aller Befreier ist.</p>
        <p>Wie wäre es, liebe Freunde, wenn wir uns im Stillen angewöhnen würden, jedesmal wenn wir dieses merkwürdige Wort «Gott» hören oder lesen, sofort zu denken: der Herr, dein Erbarmer, das heißt also: derjenige, der in der Geschichte Israels und dann in der Geschichte des Menschen Jesus gehandelt und gesprochen hat und bis auf diesen Tag lebendig auch an uns handelt, auch zu uns spricht? Eben dieser ist Gott! Wir würden dabei immer noch genug Grund haben, uns zu wundern. Wir wären dann aber, was dieses Wort «Gott» betrifft, wenigstens auf der rechten Spur. Und wer weiß, es könnte uns dann geschehen, daß dieses kranke Wort «Gott» in unserem Mund und in unseren Ohren wieder gesund zu werden beginnen möchte!</p>

        <p rend="margin-top">
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p157" ed="pga"/> Was aber spricht der Herr, dein Erbarmer? Das wollen wir jetzt hören!</p>
        <p>Das spricht er: <hi rend="italic">Meine Gnade soll nicht von dir weichen</hi>. Meine Gnade! Ich, der Herr, bin dir gut, heißt das. Aber nicht nur so von weitem gut, sondern ich, der Herr, wende mich dir zu und tue das nicht als bloße Gebärde und mit leeren Händen. Ich, der Herr, nehme mich deiner an, noch mehr: ich, der Herr, will jetzt deine Sache, die Sache deines Lebens, in meine Hand nehmen, zu meiner eigenen und so zu einer guten Sache machen. Weil du so ein feiner Mensch bist, weil du das verdient hast? Nein, nein, nicht darum! Aber weil ich es so wähle und will, dir und mir gnädig zu sein. «Meine Gnade» heißt: Du bist ein recht unnützer Knecht, aber als solchen will ich gerade dich in meinen Dienst nehmen. Du bist mir ein höchst zweifelhafter Freund — mein Feind oft eher als mein Freund! <pb ed="A" n="10"/> —, ich aber will dir ein guter, dein bester Freund sein. Du bist ein ungehorsames Kind — ach ja, wir alle sind nur eben seine ungehorsamen Kinder —, ich aber will dir ein treuer Vater sein. Das ist die Gnade, die nicht von dir weichen soll. Wieso nicht? Einfach darum nicht, weil sie Gnade ist und also ganz und gar nicht von dir abhängt — weil sie meine Gnade, nicht menschliche, sondern Gottesgnade ist! Darum kann und wird sie nicht von dir weichen. Sie mag dir eine verborgene Gnade sein, aber sie soll nicht von dir weichen. Sie mag und muß dir weithin eine harte, eine strenge Gnade sein, die dir auch manchmal weh tut, aber sie soll nicht von dir weichen. Wir sind allesamt undankbare Stümper ihr gegenüber, aber sie soll nicht von dir und nicht von mir und nicht von uns allen weichen!</p>
        <p>Das Andere, was der Herr, dein Erbarmer, spricht, ist: <hi rend="italic">Der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen</hi>. Das hängt mit dem Ersten zusammen. Es ist eben nicht Laune oder Zufall, Gott ist nicht ungerecht und nicht unheilig, wenn er uns, die wir es so gar nicht verdient haben, gnädig ist. Nein, er ist uns darum gnädig, weil es da einen Bund gibt, den er geschaffen — einen Vertrag, den er geschlossen hat, weil eben darin sein ewiger Wille am Werk ist. Dieser Bund kann nicht gebrochen werden, sondern steht fest, dieser Vertrag wird gehalten, dieser ewige Wille wird ausgeführt. Und das war und ist sein ein für allemal beschlossener und ausgeführter, sein ewiger Wille: Er «war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber» [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.19">2.Kor. 5,19</ref>]. Versöhnte sie mit sich selber! Darum heißt er «der Bund meines Friedens», will sagen: des von mir ge<pb xml:id="p158" ed="pga" break="no"/>schaffenen Friedens. Darum kann er nicht hinfallen, darum ist er unwiderruflich. Es stand in der vorigen Woche in der <orgName ref="kbga-actors-2669">National-Zeitung</orgName> eine Weihnachtsbetrachtung<note xml:id="n02">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1599">
                                <persName ref="kbga-actors-2644">R[olf) E[berhard]</persName>, <hi rend="italic">Umkehr</hi>, in: <hi rend="italic">National-Zeitung</hi> (Basel), Jg. 117 Nr. 597, 24.12.1959, Weihnachtsausgabe, S. 1.</bibl>
                        </note> — vielleicht hat der Eine oder Andere von euch sie auch gelesen —, in der daran erinnert <pb ed="A" n="11"/> wurde, daß es dem Menschen im vergangenen Jahr gelungen ist, nach dem Mond zu greifen. Daran sei nun nichts mehr rückgängig zu machen und zu ändern, daß die Russen eine desinfizierte Kapsel dort hinauf gesendet haben und daß die nun eben dort ist! Dann fuhr der Verfasser aber fort: Es gebe etwas, was nun doch noch erstaunlicher und sicherer sei — daß nämlich Gott (der noch etwas weiter oben als der Mond und die Sonne, die Milchstraße und alle Welten jenseits der Milchstraße zu Hause ist) einen gewaltigen Griff nach der Erde getan, und daß er da etwas ganz Anderes und Besseres zurückgelassen habe als jene blöde Kapsel: eben den Bund seines Friedens, eben unsere Versöhnung mit ihm, eben den einen Jesus Christus, in welchem diese geschehen ist. Seht, darum, weil dieser Friede geschlossen ist, kann und wird Gottes Gnade nicht von uns weichen. Weil sie auf diesen Bund, auf dieses ein für allemal Geschehene und nicht mehr zu Widerrufende zwischen Gott und uns begründet ist und weil dieser Bund nicht hinfallen kann, darum soll seine Gnade nicht von uns weichen.</p>
        <p rend="margin-top">Aber nun wird es nicht anders gehen, als daß wir auch das Andere hören: <hi rend="italic">Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen</hi>. Nicht wahr, das tönt entschieden weniger gut. Es muß eine schauerliche Sache gewesen sein, als im Anfang des 19. Jahrhunderts das Gebirge oberhalb von <placeName ref="kbga-places-706">Goldau</placeName> im <placeName ref="kbga-places-495">Schwyzerland</placeName> in Bewegung kam und das ganze Dorf verschüttete.<note xml:id="n03">Bei der Verschüttung von <placeName ref="kbga-places-706">Goldau</placeName> und drei weiteren Dörfern durch den größten Bergsturz der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> in historischer Zeit am <date when="1806-09-02">2.9.1806</date> kamen 457 Menschen ums Leben.</note> Ja, da wich der Berg, da fielen die Hügel. Aber wir wollen ja nicht überhören: auch da, auch wenn von den weichenden Bergen und fallenden Hügeln die Rede ist, spricht der Herr, dein Erbarmer. Auch das wird nicht einfach eine böse, sondern, auch wenn wir davor erschrecken, im Grunde eine gute Sache sein. Würden die Berge nicht weichen und die Hügel nicht fallen, dann <pb ed="A" n="12"/> würde die Wahrheit, daß <pb xml:id="p159" ed="pga"/> der Bund nicht hinfällt und die Gnade nicht weicht, wohl keinen Raum in unseren Herzen gewinnen.</p>
        <p>Nun also noch ein paar Worte von den Bergen, die weichen, und von den Hügeln, die hinfallen:</p>
        <p>Ein solcher Berg ist wohl vor allem die uns Menschen gegebene <hi rend="italic">Zeit</hi>. Wir werden in einigen Tagen Sylvester haben, und das wird bedeuten: Lebewohl <date when="1959">1959</date>! Du warst und kehrst nicht wieder. Und wenn etwas ganz sicher ist hinsichtlich des kommenden Jahres <date when="1960">1960</date>, dann dies, daß auch es einen Sylvester haben und also hinfallen, weichen und vorbei sein wird. Ja, und irgendeinmal, wenn es nämlich zum Sterben geht, wird es für uns alle Sylvester werden. Und irgendeinmal wird auch der große Sylvester anbrechen, wird es für die ganze Welt gar keine Zeit mehr geben. Aber meine Gnade soll nicht von dir weichen! Läßt man sich das sagen, dann wird man stark, in der weichenden, der fallenden, der vergehenden Zeit zu leben, sie zu haben, solange sie uns noch gegeben wird, sie zu nützen, sie aber auch ohne Betrübnis herzugeben, wenn sie, wie es nicht anders sein kann, vorübergeht, uns wieder genommen wird.</p>
        <p>Weichende Berge und fallende Hügel sind sicher auch die menschlichen <hi rend="italic">Lebensverhältnisse</hi> und <hi rend="italic">Weltordnungen</hi>, wie sie in der Geschichte von jeher gekommen und wieder gegangen sind. Eben: gekommen und eines Tages wieder gegangen mit all dem Guten und weniger Guten, das sie den Menschen gebracht haben. Es gibt in der Weltgeschichte keine Ewigkeiten: kein ewiges Deutschland, aber auch keine ewige Schweiz, wie man in der Kriegszeit, um sich ein bißchen Mut zu machen, gelegentlich gesagt hat. Es gibt keinen ewigen Kapitalismus, und es wird auch keinen ewigen Kommunismus geben. Aber meine Gnade soll nicht von dir weichen! Das ist es, was wir <pb ed="A" n="13"/> im Wechsel und Vorübergehen der menschlichen Verhältnisse und Weltordnungen vernehmen dürfen. Vernehmen wir es, dann können wir es auch in dieser unserer Zeit, was sie uns auch noch bringen mag, aushalten — und nicht nur so aushalten, daß wir es hinnehmen, wie es kommt, sondern so, daß wir an unserem großen oder kleinen Ort mittragen und ein Jeder, so gut er es vermag, seinen Beitrag leistet: wenn nicht zum Besten, so doch zum Besseren. Wer das Wort von der Gnade, die nicht weicht, vernimmt, der kann und darf das tun, Schritt für Schritt, ohne Wut, aber auch ohne Angst, <pb xml:id="p160" ed="pga"/> unter allen Umständen und in allen Verhältnissen als ein geborgener Mensch.</p>
        <p>Bei den Bergen, die weichen, und den Hügeln, die hinfallen, mögen und müssen wir wohl auch an die <hi rend="italic">Menschen</hi>, und zwar gerade an die besten, nächsten und liebsten Menschen denken, die um uns sind. Ist es nicht so: auch die besten Menschen haben eben ihre Grenzen, enttäuschen uns irgendwo, so daß wir, ob wir wollen oder nicht, auch über sie den Kopf schütteln müssen? Auch die einst nächsten Menschen können uns fern und fremd werden. Und auch die liebsten Menschen können uns eines Tages genommen werden. «Verlasset euch nicht auf Menschen» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.146.3">Ps. 146,3</ref>]: sie weichen, sie fallen. Aber meine Gnade soll nicht von dir weichen! Nehmen wir das zu Herzen, dann wird das zur Folge haben, daß wir es lernen dürfen, dankbar zu sein für die Menschen, die wir haben, und Geduld mit ihnen zu haben, so wie sie nun eben sind, wobei wir gewiß auch daran danken mögen, wieviel Geduld wir selber nötig haben und auch erfahren dürfen.</p>
        <p>Laßt mich noch etwas Anderes nennen, was auch weicht und fällt: ich meine das, was man eines Menschen <hi rend="italic">Lebensleistung</hi> nennt. Sicher, das ist eine schöne Sache, wenn Einer etwas Kleines oder Großes treulich ausgerichtet hat in seinem Le<pb ed="A" n="14" break="no"/>ben. Warum sollte er sich dessen nicht freuen dürfen? Ich kenne auch so Einen, der ist ziemlich fleißig gewesen, hat Bücher geschrieben, dicke Bücher darunter, hat viele Studenten unterrichtet, kam öfters in die Zeitung und zuletzt sogar in den «<orgName ref="kbga-actors-5625">Spiegel</orgName>»<note xml:id="n04">Das deutsche Nachrichtenmagazin <bibl corresp="kbga-bibls-1600">«<hi rend="italic">Der Spiegel</hi>» brachte in Jg. 13 Nr. 52 vom 23.12.1959, S. 69–81</bibl>, eine Titelgeschichte über <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>.</note>. Oh jeh! Aber schließlich, warum nicht? Nur Eines ist ganz sicher: auch der hat seine Zeit und nicht mehr als seine Zeit. Einmal werden Andere kommen, die dasselbe besser machen werden. Und irgendeinmal wird er gänzlich verschollen sein — auch wenn er die Pyramiden oder den <placeName ref="kbga-places-1024">Gotthard-Tunnel</placeName> gebaut oder die Atomspaltung erfunden hätte. Und Eines ist noch sicherer: ob die Lebensleistung eines Menschen groß oder klein, bedeutend oder unbedeutend war — wird er einmal vor seinem ewigen Richter stehen, so wird Alles, was er getan und vollbracht hat, nicht mehr sein als ein Maulwurfshügel, und etwas Besseres wird ihm dann nicht übrig bleiben, als auf das Unverdiente zu hoffen: nicht auf eine Krone, sondern ganz schlicht auf ein unverdient gnädiges Urteil. Das allein wird dann zählen, Lebensleistung hin und <pb xml:id="p161" ed="pga"/> her. Meine Gnade aber soll nicht von dir weichen! Davon lebt der Mensch. Davon allein kann er leben.</p>
        <p>Und noch ein Letztes: Haben wir nicht auch schon gedacht: das Sicherste, was man haben könne, sei dies, einen festen inneren Halt, Charakter und auch wohl einen gewissen Glauben zu haben? Sicher ist das eine gute Sache. Aber: «Wer da steht, der sehe zu, daß er nicht falle!»
          [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10.12">1.Kor. 10,12</ref>]. Liebe Freunde, es kann gar keine Frage sein, wir alle leben im Grunde am Rand eines Abgrunds, an welchem uns der Fall ins Böse, in die Torheit und Bosheit in Gedanken, Worten und Taten immer wieder schrecklich naheliegt. Da gilt, auch wenn wir Christen sein möchten und auch wirklich sein sollten: «Unverhofft ist schon oft über manchen Frommen die Versuchung kommen.»<note xml:id="n05">
                            <bibl corresp="kbga-songs-46" type="song">Schluß der 1. Strophe des Liedes 302 «Mache dich, mein Geist, bereit» (1695) von <persName ref="kbga-actors-2396">J. B. Freystein</persName> (1671–1718); dort: «… über <hi rend="italic">viele</hi> Frommen …» (Andere Textversion EKG 261.)</bibl>
                        </note> Nein, man kann tatsächlich nicht an seinen Charakter, nicht an das Gute <pb ed="A" n="15"/> in sich selbst glauben. Nein, man kann auch nicht an seinen eigenen Glauben glauben. Das könnte nur böse herauskommen. Glauben kann und darf man nur daran, daß Gott für uns ist. Glauben kannst und darfst du nur daran, daß Jesus Christus für dich gestorben und auferstanden ist. «Christi Blut und Gerechtigkeit, das — nur das! — ist mein Schmuck und Ehrenkleid.»<note xml:id="n06">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-236">Anfang des Liedes 265 (EKG 273), Leipzig 1638</bibl>(<bibl corresp="kbga-bibls-2030">die folgenden Strophen 2–8 im Schweizer Gesangbuch von <persName ref="kbga-actors-441">N. L. Graf von Zinzendorf</persName></bibl>).</note> Ob ich stark oder schwach bin, stehe oder falle, zweifle oder ruhigen Herzens bin, im Dunkeln oder im Hellen meines Weges gehe: Meine Gnade soll nicht von dir weichen — daran halte dich, daran wollen wir alle uns halten.</p>
        <p rend="margin-top">Ich bin am Ende. Man pflegt sich zum Neuen Jahr Gutes zu wünschen: Glück und Segen und Gesundheit und frohe Tage. Das ist schön und recht so, und das wollen wir uns auch gegenseitig wünschen: ich euch und ihr mir auch. Aber im Grunde gibt es ja nur ein ganz Gutes, das wir einander wünschen können: daß, was wir eben gehört haben, uns wirklich aufrichte, halte, tröste und erfreue: «Meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen.» Das gilt, denn das sagt nicht irgend ein Mensch, das spricht der Herr: dein, mein, unser aller Erbarmer. </p>
        </div>
        <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
                </div>
        <div type="prayer">
          <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p162" ed="pga"/> Lieber Vater im Himmel! Wir danken dir, daß wir dich erkennen dürfen, indem du selbst uns sagst, wer du bist und was du willst. Wir danken dir, daß du uns nachgehst über alle Höhen und in alle Tiefen unseres Lebens. Wir danken dir, daß du uns allen erlaubst, dich beim Wort zu nehmen, in dir den festen Grund und die ewige Quelle alles Guten zu haben und lieb zu haben.</p>
          <p>
                        <pb ed="A" n="16"/> Bewahre uns vor allem Stumpfsinn und Trübsinn und Leichtsinn, die uns im neuen wie im alten Jahr zur Versuchung werden möchten! Hilf uns warten, wo es nun einmal kein Eilen gibt — tragen, was uns nun eben auferlegt ist — das Gute nicht verachten, weil wir uns Besseres wünschen! Erfreue uns mit der Freiheit, die kein Mensch dem anderen geben, die ihm aber auch kein anderer nehmen kann!</p>
          <p>Und nun rufen wir dich an und beten miteinander: für Alle, die in diesem Hause sind — für alle Gefangenen in der ganzen Welt — für unsere Angehörigen in der Nähe und in der Ferne — für die Kranken und für die Ärzte und Schwestern, die sie pflegen — für Alle, die in Trauer sind — für die Lehrer und ihre Schüler und für die Jugend in den Jahren des Übergangs — für die, die in den Zeitungen das Wort führen — für die Behörden unserer Stadt und unseres Landes — für die westlichen und für die östlichen Staatsmänner — für die christlichen Kirchen in ihren verschiedenen Gestalten — für das Volk Israel — für die Verkündiger des Evangeliums unter den ungetauften wie unter den getauften Heiden in der ganzen Welt. Du weißt, was überall nötig ist. Und wir wissen, daß bei dir die Fülle der Hilfe ist. Öffne du unsere Herzen, dann werden unsere Hände nicht leer bleiben!</p>
          <p>So danken und so bitten wir im Namen unseres Herrn Jesus Christus, durch den du uns es möglich gemacht hast, auf der Erde zu stehen, den Himmel offen zu sehen und uns darauf zu freuen, daß er einst kommen wird in großer Herrlichkeit, um Alles neu zu machen.</p>
          <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                    </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-47">Nr. 132: «Nun laßt uns gehn und treten» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1–7</bibl>
            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-20">Nr. 48: «Sollt ich meinem Gott nicht singen» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1–3,10 (= EKG 232, Str. 1–3,11)</bibl>
            <bibl type="song">Drittes Lied unbekannt</bibl>
          </listBibl>

          <!--  <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1923" target="b0132">Nr. 132</ref>: «Nun laßt uns gehn und treten» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1-7</item>
          <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1909" target="b0048">Nr. 48</ref>: «Sollt ich meinem Gott nicht singen» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1-3, 10
(= <bibl><title level="m">EKG</title> 232, Str. 1-3, 11</bibl>)</item>
          <item>Drittes Lied unbekannt</item> -->
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
