Predigt: Markus 1,14-15: "Das Evangelium Gottes"
Jesus kam nach
Wer war, wer ist dieser Jesus? Wir wollen nicht zu weit suchen. In dem, was ich euch aus der Bibel vorlas, wird es uns ja einfach und klar gesagt: Er war und ist der, der das Evangelium Gottes verkündigt. Ein Verkündiger ist einer, der etwas nicht nur sagt, sondern sehr laut sagt, der es ausruft, so wie in manchen Dörfern noch heute der Weibel mit der Glocke gewisse Bekanntmachungen ausruft. Ein solcher Ausrufer war und ist Jesus. Was er aber ausruft, das ist Evangelium, zu deutsch: gute Kunde, frohe Botschaft, erhellende und erquickende Nachricht — |66 ein Wort also, das man nicht mit Kopfschütteln anhören und bei dem man, wenn man es hört, nicht traurig bleiben kann. Es ist aber «das Evangelium Gottes», 72 was er ausruft. Das ist ein ganz merkwürdiger und schöner Ausdruck. Jesus bringt, das sagt dieser Ausdruck, eine gute Kunde, die ihm nicht von irgendwelchen Menschen aufgetragen ist, die er aber auch nicht in eigener Willkür ausrichtet. Sie ist die ihm von Gott aufgetragene Botschaft. «Evangelium Gottes» heißt aber auch dies, daß es sich in dieser Kunde nicht um eine Belehrung darüber handelt, wie es in der Welt zugeht oder zugehen sollte. Sie bringt weder ein Weltpanorama noch ein Weltprogramm. Sie ist gute Kunde von dem, was Gott ist, will und tut, und zwar für uns ist, will und tut. Daß Jesus mit dieser guten Kunde Gottes kommt und auch zu uns allen kommt, seine Ankunft als dieser Botschafter, das ist das Weihnachtsereignis. Weil Er gekommen ist und kommt, darum habt ihr schon als Kinder gesungen: «O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!»3 Darum zündet man in diesen Tagen Lichter an. Darum machen sich die Menschen jetzt große und kleine Geschenke. Darum darf und soll an der Weihnacht ein Jeder, auch der Traurigste, seinen Kopf ein wenig hoch heben.
Aber nicht wahr, nun sollten wir doch ein bißchen mehr erfahren über diese gute Kunde Gottes, und eben das dürfen wir auch. Unendlich viel wäre freilich darüber zu sagen. Aber schön zusammengefaßt steht ja Alles da in dem, was wir gehört haben, und eben daran wollen wir uns für heute halten.
Zuerst: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Das ist das Eine. Man muß es hören wie eine aus der Zeitung vorgelesene Schlagzeilen-Nachricht. Das ist nämlich eine Mitteilung: Es ist etwas geschehen, passiert, Tatsache, was wir noch nicht wußten, nun aber sofort zur Kenntnis nehmen sollen.
Und dann: Tut Buße und glaubet an das Evangelium! Das muß man hören wie einen Mobilmachungsbefehl. Das ist nämlich 73 ein Aufruf: bei uns darf und soll nun auch etwas — etwas jener Nachricht Entsprechendes — geschehen, sofort getan werden!
Ich will versuchen, beides kurz zu erklären.
67 Das Erste: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Diese beiden Worte gehören zusammen, bilden miteinander die Mitteilung, die wir hören sollen: Die Zeit ist erfüllt, weil das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist. Und damit, daß das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist, ist die Zeit erfüllt.
Die Zeit ist erfüllt. Das will sagen: die Stunde schlägt — nicht die Viertel-, nicht die halbe, nicht die Dreiviertel-, nein, die volle, ganze Stunde. Ihre vielen Sekunden und Minuten haben alle ihre Zeit gehabt, sind alle diesem Moment entgegengelaufen. Jetzt ist er da, jetzt schlägt die Uhr. Eine alte Stunde ist vergangen, eine neue hat begonnen. Das Reich Gottes ist nämlich nahe herbeigekommen. Es wird und ist Weihnacht. Ja, es hatten Alle ihre Zeit: der Engländer mit seinem Weltreich, der Franzose mit seiner großen Nation, der
Wieso? Was ist geschehen? Was heißt das: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen? Ein Reich ist eine Herrschaft, die Jemand nicht nur hat, sondern ausübt. Das Reich Gottes ist also die von Gott ausgeübte Herrschaft. Sie ist nahe herbeigekommen, d. h. sie ist vom Himmel auf die Erde, aus der Ewigkeit in die Zeit gekommen. Jetzt, hier, heute ist Gott dabei, seine Herrschaft auszuüben. Und das bedeutet: Gott der Herr selber ist zu uns gekommen, hat sich unser damit angenommen, daß er uns die Führung unserer Angelegenheiten, in der wir uns nicht bewährt haben, aus der Hand und in seine eigene Hand genommen hat. Er will das nicht nur tun, er wird es nicht nur tun, nein, das hat er getan. Das ist sein nahe herbeigekommenes Reich. Er, der uns unendlich |68 viel besser versteht, als wir uns selber verstehen, und der uns unendlich viel mehr liebt, als wir uns selber lieben — er sah den Jammer, den wir anrichten, indem wir meinen, uns selber verstehen und lieben zu können und zu sollen, sah alle die Härte, alle die Greuel, all die Ungerechtigkeit und Unordnung, sah auch unsere falschen Sicherheiten und unsere bösen Zusammenbrüche. Er wollte das nicht länger mit ansehen. Er wollte nicht länger Gott in der Höhe sein, ohne auch auf Erden unser Gott und also unser Helfer, Heiland und Erretter zu sein. Er wollte das nicht nur tun, sondern eben das hat er getan. Das ist sein nahe herbeigekommenes Reich. Er hat uns, die wir alle das nicht verdient haben, gerufen, hat uns zu seinem Haus geführt, hat uns dessen Türe aufgetan, hat uns gesagt, daß dies nun auch unser Haus sein soll, hat uns an seinen Tisch gesetzt, hat uns sein Brot und seinen Wein und alle guten Dinge vorgesetzt. Er hat als rechter Vater an uns gehandelt. Er hat uns eine Heimat bei sich selbst gegeben, in der wir als seine Kinder 75 leben und arbeiten und sogar spielen und Freude haben dürfen, aus der uns auch niemand mehr vertreiben kann. So daß wir nie mehr Waisenkinder, Fremdlinge, Flüchtlinge sein müssen. Das ist es, was er getan hat. So ist sein Reich, das Reich Gottes, nahe herbeigekommen.
Das also ist die Wahrheit, daß das geschehen ist. Damit ist die Zeit erfüllt. Die Stunde hat geschlagen, die das anzeigt.
Das ist das Eine, die Mitteilung, die Jesus bringt, indem er das Evangelium Gottes verkündigt.
Das Andere ist sein Aufruf. Jetzt tönt es anders. Jetzt heißt es: Tut Buße und glaubt an das Evangelium! Wieder gehört beides zusammen: Tut Buße — damit nämlich, daß ihr an das Evangelium glaubt! Glaubt an das Evangelium und tut damit — es gibt keine andere — die rechte Buße!
Ihr seht: jetzt kommt es an uns. Jetzt erst! Ohne jene Mitteilung wäre dieser Aufruf ja leer und sinnlos. Wäre es nicht so, daß das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist, wie könnte man dann Buße tun und glauben? Nun aber ist diese Mitteilung ergangen, von Jesus uns verkündigt. Nun greift diese Verkündigung des Evangeliums Gottes hinein in unsere Herzen, in unser Gewissen, in unsere Gedanken, in unser Leben. Nun kann es gar nicht anders sein, als daß jetzt, hier, heute, sofort auch bei uns das Entsprechende geschehen darf, kann und muß.
Was darf jetzt geschehen? Tut Buße! Ihr denkt wohl bei dem Wort |69 «Buße» zunächst an so etwas wie Reue, Beschämung und Zerknirschung. Und es ist schon etwas dran. Buße tun heißt ja sicher: Sich umkehren, und zwar Rechtsumkehrtmachen und also Vieles, vielleicht so ziemlich Alles, was uns bis jetzt nötig, wichtig, lustig zu sein schien, hinter sich lassen und in entgegengesetzter Richtung neu anfangen! Weil das Reich Gottes 76 nahe herbeigekommen ist, ist eben Vieles, sehr Vieles höchst unzeitgemäß und also unmöglich geworden. Da wird es ohne Reue und Beschämung sicher nicht abgehen. Aber das ändert nichts daran, daß die Buße, zu der wir durch die Verkündigung des Evangeliums Gottes aufgerufen sind, ein freudiges Tun ist. So daß, wer Buße tut, eigentlich sein schönstes Kleid anziehen müßte. Denn wo kann diese Buße anders anheben als in der Freude über das nahe herbeigekommene Reich Gottes? So ist sie nichts Finsteres, sondern etwas ganz Helles: der fröhliche Übergang aus einer alten Stunde, die nicht schön war, in die neue, die Gott für uns hat anbrechen lassen. Buße tun heißt heimkommen, einkehren in jene Heimat, die Gott uns bereitet hat. Buße tun heißt: hineingehen in das Haus, das Gott uns geöffnet hat, heißt Platz nehmen und zugreifen an jenem Tisch, den der Vater uns gerüstet hat. Buße tun heißt aufatmen, heißt endlich, endlich leben dürfen. Wir haben ja noch gar nicht gelebt, jetzt dürfen wir aber leben. Es ist also auch das gute Kunde, frohe Botschaft: daß wir Buße tun — nicht sollen, nicht müssen, sondern dürfen.
Aber wie soll das zugehen? Jetzt kommt das Andere: Glaubet an das Evangelium! An was denkt ihr wohl, wenn ihr das Wort «glauben» hört? Vielleicht an das, was ihr einmal gelernt habt im Konfirmandenunterricht? Oder an das, was ihr von eurem Pfarrer oder jetzt von mir hört? Nun, es wäre schon gut, wenn ihr wieder recht ernstlich glauben würdet, was ihr einst gelernt habt, und so auch das, was euch euer Pfarrer sagt, und wenn ihr jetzt auch mir ein klein bißchen glauben würdet. Es geht aber um etwas viel Größeres: Glaubet an das Evangelium! heißt es ja. Und an das Evangelium glauben heißt: gelten lassen, was uns als gute Kunde nicht von Menschen, sondern von Gott gesagt ist. An das Evangelium glauben heißt: eben das als von ihm gesagt annehmen, in uns hineinnehmen, so 77 daß es in uns Wurzel fassen, wachsen und Frucht bringen kann, so daß es ganz von selbst dazu kommt, daß wir Buße tun. An das Evangelium glauben heißt, noch einfacher gesagt: dankbar sein. Ja, liebe Freunde, ein bißchen richtig dankbar sein dafür, |70 daß wir eine so gute Kunde hören dürfen, und dankbar sein dafür, daß es so ist — und zwar für dich und für mich und auch für alle anderen Menschen so ist —, wie sie es sagt. Denn glauben heißt wirklich auch das, auch dafür dankbar zu sein, daß wir dabei nicht allein sein müssen. Denn wenn wir glauben, so heißt das immer, daß wir in eine Gemeinschaft hineinkommen — ich meine jetzt nicht irgend einen Verein, nicht irgend eine Kirchengemeinschaft —, in die Gemeinde all derer, die auch glauben dürfen, mit denen wir also zusammen glauben dürfen.
Aber nun muß gerade hier noch das Letzte und Wichtigste, eigentlich das Allererste ausdrücklich gesagt sein: An das Evangelium glauben heißt im tiefsten Grund schlicht: sich an den halten, der uns das Evangelium Gottes verkündigt, heißt also: sich an Jesus halten. Die Stunde, die schlägt, ist seine Stunde: die Stunde seines Kommens, seiner Ankunft, seiner Geburt, und also die Weihnachtsstunde. Denn was ist das nahe herbeigekommene Reich Anderes als er selber: der eine Sohn des Vaters, der von ihm her zu uns gekommen ist, damit wir als seine Brüder und Schwestern Gottes Kinder sein dürfen? Er ist die Heimat. Er ist das offene Haus, und er ist das Brot und der Wein auf dem in diesem Haus für uns gedeckten Tisch. Er selber ist das Evangelium Gottes, die gute Kunde von dem, was Gott für uns ist, will und tut. Er selbst ist sein uns jetzt, hier, heute gesagtes Wort, das wir jetzt, hier, heute, sofort zu Herzen zu nehmen aufgerufen sind. Und so heißt «glauben an das Evangelium»: an Ihn glauben, und heißt Buße tun: Vertrauen zu Ihm fassen, umkehren zu Ihm und Ihm nachfolgen. Und das ist dann die 78 rechte Weihnachtsfeier: daß wir das tun — nicht unterlassen und nicht auf später aufheben, sondern eben jetzt tun. Gott schenke uns allen diese rechte Weihnachtsfeier! Gott schenke sie vielen, allen Menschen, der ganzen armen Welt, die nichts so nötig hat wie dies, die große Mitteilung und den großen Aufruf zu vernehmen, an das Evangelium und also an Jesus zu glauben und eben damit Buße zu tun und also zu Ihm umzukehren und eben so rechte Weihnacht zu feiern.
- Nr. 102: «O Heiland, reiß die Himmel auf» (Köln 1623), Strophen 1–4 (= EKG 5, Str. 1,4,5,6)
- Nr. 119: «Fröhlich soll mein Herze springen» von
P. Gerhardt , Strophen 1–3,6–8 (= EKG 27, Str. 1–3,7–9)