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        <title type="volume" n="vol-12">Predigten 1954–1967</title>
        <title type="content">Predigt: Markus 1,14-15: "Das Evangelium Gottes"</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Markus 1,14-15: "Das Evangelium Gottes", 23. Dezember 1956</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/12014 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1954–1967, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 63–71.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1954–1967</title>
          <title type="text">Predigt: Markus 1,14-15: "Das Evangelium Gottes"</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 63-71</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.12, Predigten 1954-1967, 1956</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Das Evangelium Gottes [Predigt: Mk 1,14-15], in: ders., Den Gefangenen Befreiung. Predigten aus den Jahren 1954–59, Zollikon 1959, S. 69–79 Seitenumbrüche im Text entstammen dieser Edition</bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Karl Barth: Das Evangelium Gottes [Predigt über Markus 1,14–15] (Basler Predigten 20, Nr. 9), Basel 1956/57 </bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Predigt: Mk 1,14-15: "Das Evangelium Gottes" (korrigiertes Typoskript), 23. Dezember 1956. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2088">KBA 1639.1</ref>. </bibl>
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      <div type="opener">
      <head type="header">DAS EVANGELIUM GOTTES</head>
      <epigraph>
        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.14 Mk.1.15">Markus 1,14–15</ref>
          <quote>Jesus kam nach <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName>, verkündigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!</quote>
        </cit>
      </epigraph>
      <dateline>
                        <date when="1956-12-23">23. Dezember 1956</date>, <placeName ref="kbga-places-989">Strafanstalt Basel</placeName>
                    </dateline>
        <div type="prayer">
          <p>Herr, nun lässest du uns auch dies Jahr dem Licht, der Feier und der Freude des Weihnachtstages entgegengehen, der uns das Größte, was es gibt, vor Augen stellt: deine Liebe, mit der du die Welt so geliebt hast, daß du deinen einzigen Sohn dahingabst, damit wir alle an ihn glauben und also nicht verlorengehen, sondern das ewige Leben haben möchten.</p>
          <p>Was werden wir dir schon zu bringen und zu schenken haben? So <pb xml:id="p064" ed="pga"/> viel Dunkel in unseren menschlichen Verhältnissen und in unserem eigenen Innern! So viel verwirrte Gedanken, so viel Kälte und Trotz, so viel Leichtsinn und Haß! So viel, an dem du dich nicht freuen kannst, was uns auch voneinander trennt und was uns bestimmt nicht weiterhilft! So viel, was der Botschaft der Weihnacht schnurstracks zuwiderläuft!</p>
          <p>Was sollst du mit solchen Geschenken anfangen? Und was mit solchen Leuten, wie wir alle es sind? Aber gerade das alles willst du ja zur Weihnacht von uns haben und uns abnehmen — den ganzen Kram und uns selber, wie wir sind, um uns dafür Jesus, unseren Heiland, zu schenken und in ihm einen neuen Himmel und eine neue Erde, neue Herzen und ein neues Begehren, neue Klarheit und eine neue Hoffnung für uns und alle Menschen.</p>
          <p>
                            <pb ed="A" n="70"/> Sei du selber unter uns, wenn wir uns nun an diesem letzten Sonntag vor dem Fest noch einmal gemeinsam darauf rüsten wollen, ihn als dein Geschenk zu empfangen! Schaffe du es, daß hier recht geredet, gehört und gebetet werde: in der rechten dankbaren Verwunderung über das, was du mit uns allen vorhast, über uns alle schon beschlossen, für uns alle schon getan hast! Unser Vater … </p>
          <div type="closer">
                            <salute>Amen!</salute>
                        </div>
        </div>

          <salute>Liebe Brüder und Schwestern!</salute>
      </div>
      <div type="main">
        <p>
                        <hi rend="italic">Jesus kam nach <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName></hi>. Das <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName>, in das er damals kam, war eine Gegend, in der die Juden vermischt mit Heiden lebten, vieles von ihrer Art angenommen und darum keinen guten Ruf hatten. In dieses <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName>, zu diesen Leuten, kam Jesus. Es ist dieselbe Gegend, in der die Juden, die sich jetzt «Israeli» nennen, heute in bitterem Streit mit ihren arabischen Nachbarn liegen. Dorthin kam Jesus und kommt er auch heute. So sind wir schon in der Gegenwart: Und Jesus kommt auch nach <placeName ref="kbga-places-1008">Suez</placeName> und <placeName ref="kbga-places-1009">Port Said</placeName>, wo jetzt die große Auseinandersetzung zwischen den alten europäischen Mächten und den erwachenden Völkern <placeName ref="kbga-places-786">Afrikas</placeName> und <placeName ref="kbga-places-963">Asiens</placeName> angehoben hat.<note xml:id="n01">Militärische Auseinandersetzung um den Suezkanal im Spätjahr <date when="1956">1956</date>: Nachdem der ägyptische Präsident <persName ref="kbga-actors-2668">Gamal Abd el Nasser</persName> am <date when="1956-07-26">26.7.</date> die Allgemeine Suezkanalgesellschaft verstaatlicht hatte, marschierten israelische Truppen in die <placeName ref="kbga-places-1011">Sinai-Halbinsel</placeName> und den <placeName ref="kbga-places-1012">Gaza-Streifen</placeName> ein (<date when="1956-10-29">29.10.</date>). Am <date when="1956-10-31">31.10.</date> begann eine englisch-französische Luftoffensive gegen <placeName ref="kbga-places-379">Ägypten</placeName>, in deren Verlauf am <date when="1956-11-05">5.11.</date> englische Fallschirmjäger in <placeName ref="kbga-places-1009">Port Said</placeName> und französische bei <placeName ref="kbga-places-1013">Port Fuod</placeName> landeten. Eine Drohung der <orgName ref="kbga-actors-8562">Sowjetunion</orgName>, in den Konflikt einzugreifen, und der Druck der <orgName ref="kbga-actors-8455">USA</orgName> und der <orgName ref="kbga-actors-5649">Vereinten Nationen</orgName> führten am <date when="1956-11-06">6.11.</date> zum Waffenstillstand und zwangen <orgName ref="kbga-actors-8783">Israel</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-8605">Großbritannien</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName> zur Räumung der besetzten Gebiete. <orgName ref="kbga-actors-8784">Ägypten</orgName> erklärte sich mit der Stationierung von UN-Polizeitruppen einverstanden, deren erste Einheiten am <date when="1956-12-03">3.12.</date> <placeName ref="kbga-places-1009">Port Said</placeName> besetzten.</note> Er kommt auch nach <placeName ref="kbga-places-799">Ungarn</placeName>, wo <pb xml:id="p065" ed="pga"/> ein ganzes Volk in wilder Entschlossenheit, verzweifelt und doch nicht Verzweifelnd um seine Freiheit kämpft.<note xml:id="n02">Der ungarische Aufstand im Herbst <date when="1956">1956</date> (<date from="1956-10-23" to="1956-11-11">23.10. bis 11.11.</date>) war durch das Eingreifen sowjetischer Truppen (seit <date when="1956-10-26">26.10.)</date> niedergeschlagen worden.</note> Er <pb ed="A" n="71"/> kommt aber auch nach <placeName ref="kbga-places-1010">Warschau</placeName>, nach <placeName ref="kbga-places-86">Prag</placeName> und auch nach <placeName ref="kbga-places-42">Moskau</placeName>, wo es mit der Einigkeit, Festigkeit und Sicherheit eines Systems, das lange unüberwindlich zu bestehen schien, nicht mehr aufs beste bestellt ist. Ja, und Jesus kommt auch in die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, nach <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, wo in den letzten Wochen so viel Geld gesammelt und so anerkennenswert viel Gutes getan wurde für die <placeName ref="kbga-places-799">Ungarn</placeName>, wo aber die Leute auch so merkwürdig wohl daran gelebt haben, aus sicherer Ferne über die bösen Kommunisten zu schelten, als ob damit irgend jemandem geholfen wäre. Aber Eines ist jetzt noch wichtiger: Jesus kommt auch zu uns, in dieses <placeName ref="kbga-places-989">Haus</placeName>, zu allen seinen Insassen und Leitern und Aufsehern. Und daß er kommt, auch zu uns allen kommt, das ist das Weihnachtsereignis. Bemerkt wohl: er kommt zu Allen, er kommt auch dahin, wo man von ihm nichts wissen will — als stiller Gast und Zuhörer, aber freilich auch als stiller, aber strenger Richter und vor allem als der verborgene Heiland eines jeden Menschen, für alle menschliche Not. Denn er ist der Herr, dem alle Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.28.18">Mt. 28,18</ref>]. Daß er zu uns allen kommt, das ist das Weihnachtsereignis.</p>
        <p>Wer war, wer ist dieser Jesus? Wir wollen nicht zu weit suchen. In dem, was ich euch aus der Bibel vorlas, wird es uns ja einfach und klar gesagt: Er war und ist der, der <hi rend="italic">das Evangelium Gottes verkündigt</hi>. Ein Verkündiger ist einer, der etwas nicht nur sagt, sondern sehr laut sagt, der es ausruft, so wie in manchen Dörfern noch heute der Weibel mit der Glocke gewisse Bekanntmachungen ausruft. Ein solcher Ausrufer war und ist Jesus. Was er aber ausruft, das ist Evangelium, zu deutsch: gute Kunde, frohe Botschaft, erhellende und erquickende Nachricht — <pb xml:id="p066" ed="pga"/> ein Wort also, das man nicht mit Kopfschütteln anhören und bei dem man, wenn man es hört, nicht traurig bleiben kann. Es ist aber «das Evangelium Gottes», <pb ed="A" n="72"/> was er ausruft. Das ist ein ganz merkwürdiger und schöner Ausdruck. Jesus bringt, das sagt dieser Ausdruck, eine gute Kunde, die ihm nicht von irgendwelchen Menschen aufgetragen ist, die er aber auch nicht in eigener Willkür ausrichtet. Sie ist die ihm von Gott aufgetragene Botschaft. «Evangelium Gottes» heißt aber auch dies, daß es sich in dieser Kunde nicht um eine Belehrung darüber handelt, wie es in der Welt zugeht oder zugehen sollte. Sie bringt weder ein Weltpanorama noch ein Weltprogramm. Sie ist gute Kunde von dem, was Gott ist, will und tut, und zwar für uns ist, will und tut. Daß Jesus mit dieser guten Kunde Gottes kommt und auch zu uns allen kommt, seine Ankunft als dieser Botschafter, das ist das Weihnachtsereignis. Weil Er gekommen ist und kommt, darum habt ihr schon als Kinder gesungen: «O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!»<note xml:id="n03">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-235">
                                Lied 128 von <persName ref="kbga-actors-2645">J. D. Falk</persName> (1768–1826)</bibl>.</note> Darum zündet man in diesen Tagen Lichter an. Darum machen sich die Menschen jetzt große und kleine Geschenke. Darum darf und soll an der Weihnacht ein Jeder, auch der Traurigste, seinen Kopf ein wenig hoch heben.</p>
        <p rend="margin-top">Aber nicht wahr, nun sollten wir doch ein bißchen mehr erfahren über diese gute Kunde Gottes, und eben das dürfen wir auch. Unendlich viel wäre freilich darüber zu sagen. Aber schön zusammengefaßt steht ja Alles da in dem, was wir gehört haben, und eben daran wollen wir uns für heute halten.</p>
        <p>Zuerst: <hi rend="italic">Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen</hi>. Das ist das Eine. Man muß es hören wie eine aus der Zeitung vorgelesene Schlagzeilen-Nachricht. Das ist nämlich eine <hi rend="italic">Mitteilung</hi>: Es ist etwas geschehen, passiert, Tatsache, was wir noch nicht wußten, nun aber sofort zur Kenntnis nehmen sollen.</p>
        <p>Und dann: <hi rend="italic">Tut Buße und glaubet an das Evangelium!</hi> Das muß man hören wie einen Mobilmachungsbefehl. Das ist nämlich <pb ed="A" n="73"/> ein <hi rend="italic">Aufruf:</hi> bei uns darf und soll nun auch etwas — etwas jener Nachricht Entsprechendes — geschehen, sofort getan werden!</p>
        <p>Ich will versuchen, beides kurz zu erklären.</p>

        <p rend="margin-top">
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p067" ed="pga"/> Das Erste: <hi rend="italic">Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen</hi>. Diese beiden Worte gehören zusammen, bilden miteinander die Mitteilung, die wir hören sollen: Die Zeit ist erfüllt, weil das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist. Und damit, daß das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist, ist die Zeit erfüllt.</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">Die Zeit ist erfüllt</hi>. Das will sagen: die Stunde schlägt — nicht die Viertel-, nicht die halbe, nicht die Dreiviertel-, nein, die volle, ganze Stunde. Ihre vielen Sekunden und Minuten haben alle ihre Zeit gehabt, sind alle diesem Moment entgegengelaufen. Jetzt ist er da, jetzt schlägt die Uhr. Eine alte Stunde ist vergangen, eine neue hat begonnen. Das Reich Gottes ist nämlich nahe herbeigekommen. Es wird und ist Weihnacht. Ja, es hatten Alle ihre Zeit: der Engländer mit seinem Weltreich, der Franzose mit seiner großen Nation, der <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> mit seinem tausendjährigen Reich, der Amerikaner, der die ganze Welt kaufen wollte, der Russe mit seinem Weltkommunismus, der Ungar mit seinem stolzen Heldenmut und so auch der Schweizer mit seiner großen Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit. Alle hatten ihre Zeit. Die Stunde schlägt, die alte ist vorbei, eine neue hat begonnen. Sie ist vorbei. Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Die Weihnacht ist da. Laßt es mich noch anders sagen: Es hatte auch in deinem und meinem Leben Alles seine Zeit. Wir haben gute und böse Tage gehabt, haben schöne und wüste Träume geträumt, haben Hoffnungen gepflegt und Enttäuschungen durchgemacht; es gab da glorreiche und auch sehr, sehr finstere Augenblicke. Es ging Alles seinen Gang bis zu die<pb ed="A" n="74" break="no"/>sem Moment. Jetzt aber schlägt die Stunde, die alte ist abgelaufen, die neue beginnt. Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Es ist Weihnacht geworden.</p>
        <p>Wieso? Was ist geschehen? Was heißt das: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen? Ein Reich ist eine Herrschaft, die Jemand nicht nur hat, sondern ausübt. Das Reich Gottes ist also die von Gott ausgeübte Herrschaft. Sie ist nahe herbeigekommen, d. h. sie ist vom Himmel auf die Erde, aus der Ewigkeit in die Zeit gekommen. Jetzt, hier, heute ist Gott dabei, seine Herrschaft auszuüben. Und das bedeutet: Gott der Herr selber ist zu uns gekommen, hat sich unser damit angenommen, daß er uns die Führung unserer Angelegenheiten, in der wir uns nicht bewährt haben, aus der Hand und in seine eigene Hand genommen hat. Er will das nicht nur tun, er wird es nicht nur tun, nein, das <hi rend="italic">hat</hi> er getan. Das ist sein nahe herbeigekommenes Reich. Er, der uns unendlich <pb xml:id="p068" ed="pga"/> viel besser versteht, als wir uns selber verstehen, und der uns unendlich viel mehr liebt, als wir uns selber lieben — er sah den Jammer, den wir anrichten, indem wir meinen, uns selber verstehen und lieben zu können und zu sollen, sah alle die Härte, alle die Greuel, all die Ungerechtigkeit und Unordnung, sah auch unsere falschen Sicherheiten und unsere bösen Zusammenbrüche. Er wollte das nicht länger mit ansehen. Er wollte nicht länger Gott in der Höhe sein, ohne auch auf Erden unser Gott und also unser Helfer, Heiland und Erretter zu sein. Er wollte das nicht nur tun, sondern eben das <hi rend="italic">hat</hi> er getan. Das ist sein nahe herbeigekommenes Reich. Er hat uns, die wir alle das nicht verdient haben, gerufen, hat uns zu seinem Haus geführt, hat uns dessen Türe aufgetan, hat uns gesagt, daß dies nun auch unser Haus sein soll, hat uns an seinen Tisch gesetzt, hat uns sein Brot und seinen Wein und alle guten Dinge vorgesetzt. Er hat als rechter Vater an uns gehandelt. Er hat uns eine Heimat bei sich selbst gegeben, in der wir als seine Kinder <pb ed="A" n="75"/> leben und arbeiten und sogar spielen und Freude haben dürfen, aus der uns auch niemand mehr vertreiben kann. So daß wir nie mehr Waisenkinder, Fremdlinge, Flüchtlinge sein müssen. Das ist es, was er getan hat. So ist sein Reich, das Reich Gottes, nahe herbeigekommen.</p>
        <p>Das also ist die Wahrheit, daß das geschehen ist. Damit ist die Zeit erfüllt. Die Stunde hat geschlagen, die das anzeigt.</p>
        <p>Das ist das Eine, die <hi rend="italic">Mitteilung</hi>, die Jesus bringt, indem er das Evangelium Gottes verkündigt.</p>
        <p rend="margin-top">Das Andere ist sein <hi rend="italic">Aufruf</hi>. Jetzt tönt es anders. Jetzt heißt es: <hi rend="italic">Tut Buße und glaubt an das Evangelium!</hi> Wieder gehört beides zusammen: Tut Buße — damit nämlich, daß ihr an das Evangelium glaubt! Glaubt an das Evangelium und tut damit — es gibt keine andere — die rechte Buße!</p>
        <p>Ihr seht: jetzt kommt es an uns. Jetzt erst! Ohne jene Mitteilung wäre dieser Aufruf ja leer und sinnlos. Wäre es nicht so, daß das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist, wie könnte man dann Buße tun und glauben? Nun aber ist diese Mitteilung ergangen, von Jesus uns verkündigt. Nun greift diese Verkündigung des Evangeliums Gottes hinein in unsere Herzen, in unser Gewissen, in unsere Gedanken, in unser Leben. Nun kann es gar nicht anders sein, als daß jetzt, hier, heute, sofort auch bei uns das Entsprechende geschehen darf, kann und muß.</p>
        <p>Was darf jetzt geschehen? <hi rend="italic">Tut Buße!</hi> Ihr denkt wohl bei dem Wort <pb xml:id="p069" ed="pga"/> «Buße» zunächst an so etwas wie Reue, Beschämung und Zerknirschung. Und es ist schon etwas dran. Buße tun heißt ja sicher: Sich umkehren, und zwar Rechtsumkehrtmachen und also Vieles, vielleicht so ziemlich Alles, was uns bis jetzt nötig, wichtig, lustig zu sein schien, hinter sich lassen und in entgegengesetzter Richtung neu anfangen! Weil das Reich Gottes <pb ed="A" n="76"/> nahe herbeigekommen ist, ist eben Vieles, sehr Vieles höchst unzeitgemäß und also unmöglich geworden. Da wird es ohne Reue und Beschämung sicher nicht abgehen. Aber das ändert nichts daran, daß die Buße, zu der wir durch die Verkündigung des Evangeliums Gottes aufgerufen sind, ein freudiges Tun ist. So daß, wer Buße tut, eigentlich sein schönstes Kleid anziehen müßte. Denn wo kann diese Buße anders anheben als in der Freude über das nahe herbeigekommene Reich Gottes? So ist sie nichts Finsteres, sondern etwas ganz Helles: der fröhliche Übergang aus einer alten Stunde, die nicht schön war, in die neue, die Gott für uns hat anbrechen lassen. Buße tun heißt heimkommen, einkehren in jene Heimat, die Gott uns bereitet hat. Buße tun heißt: hineingehen in das Haus, das Gott uns geöffnet hat, heißt Platz nehmen und zugreifen an jenem Tisch, den der Vater uns gerüstet hat. Buße tun heißt aufatmen, heißt endlich, endlich leben dürfen. Wir haben ja noch gar nicht gelebt, jetzt dürfen wir aber leben. Es ist also auch das gute Kunde, frohe Botschaft: daß wir Buße tun — nicht sollen, nicht müssen, sondern dürfen.</p>
        <p>Aber wie soll das zugehen? Jetzt kommt das Andere: Glaubet an das Evangelium! An was denkt ihr wohl, wenn ihr das Wort «glauben» hört? Vielleicht an das, was ihr einmal gelernt habt im Konfirmandenunterricht? Oder an das, was ihr von eurem Pfarrer oder jetzt von mir hört? Nun, es wäre schon gut, wenn ihr wieder recht ernstlich glauben würdet, was ihr einst gelernt habt, und so auch das, was euch euer Pfarrer sagt, und wenn ihr jetzt auch mir ein klein bißchen glauben würdet. Es geht aber um etwas viel Größeres: Glaubet an das Evangelium! heißt es ja. Und an das Evangelium glauben heißt: gelten lassen, was uns als gute Kunde nicht von Menschen, sondern von Gott gesagt ist. An das Evangelium glauben heißt: eben das als von ihm gesagt annehmen, in uns hineinnehmen, so <pb ed="A" n="77"/> daß es in uns Wurzel fassen, wachsen und Frucht bringen kann, so daß es ganz von selbst dazu kommt, daß wir Buße tun. An das Evangelium glauben heißt, noch einfacher gesagt: dankbar sein. Ja, liebe Freunde, ein bißchen richtig dankbar sein dafür, <pb xml:id="p070" ed="pga"/> daß wir eine so gute Kunde hören dürfen, und dankbar sein dafür, daß es so ist — und zwar für dich und für mich und auch für alle anderen Menschen so ist —, wie sie es sagt. Denn glauben heißt wirklich auch das, auch dafür dankbar zu sein, daß wir dabei nicht allein sein müssen. Denn wenn wir glauben, so heißt das immer, daß wir in eine Gemeinschaft hineinkommen — ich meine jetzt nicht irgend einen Verein, nicht irgend eine Kirchengemeinschaft —, in die Gemeinde all derer, die auch glauben dürfen, mit denen wir also zusammen glauben dürfen.</p>
        <p>Aber nun muß gerade hier noch das Letzte und Wichtigste, eigentlich das Allererste ausdrücklich gesagt sein: An das Evangelium glauben heißt im tiefsten Grund schlicht: sich an den halten, der uns das Evangelium Gottes verkündigt, heißt also: sich an Jesus halten. Die Stunde, die schlägt, ist seine Stunde: die Stunde seines Kommens, seiner Ankunft, seiner Geburt, und also die Weihnachtsstunde. Denn was ist das nahe herbeigekommene Reich Anderes als er selber: der eine Sohn des Vaters, der von ihm her zu uns gekommen ist, damit wir als seine Brüder und Schwestern Gottes Kinder sein dürfen? Er ist die Heimat. Er ist das offene Haus, und er ist das Brot und der Wein auf dem in diesem Haus für uns gedeckten Tisch. Er selber ist das Evangelium Gottes, die gute Kunde von dem, was Gott für uns ist, will und tut. Er selbst ist sein uns jetzt, hier, heute gesagtes Wort, das wir jetzt, hier, heute, sofort zu Herzen zu nehmen aufgerufen sind. Und so heißt «glauben an das Evangelium»: an Ihn glauben, und heißt Buße tun: Vertrauen zu Ihm fassen, umkehren zu Ihm und Ihm nachfolgen. Und das ist dann die <pb ed="A" n="78"/> rechte Weihnachtsfeier: daß wir das tun — nicht unterlassen und nicht auf später aufheben, sondern eben jetzt tun. Gott schenke uns allen diese rechte Weihnachtsfeier! Gott schenke sie vielen, allen Menschen, der ganzen armen Welt, die nichts so nötig hat wie dies, die große Mitteilung und den großen Aufruf zu vernehmen, an das Evangelium und also an Jesus zu glauben und eben damit Buße zu tun und also zu Ihm umzukehren und eben so rechte Weihnacht zu feiern.</p>
      </div>
      <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
                </div>
        <div type="prayer">
          <p>Ja, Herr unser Gott und Vater, schenke du das Vielen, Allen, und so auch uns, daß wir so Weihnacht feiern dürfen: indem wir ganz dankbar und ganz demütig und dann ganz fröhlich und zuversichtlich zu dem kommen, den du uns gesandt hast und in dem du selber zu uns gekommen bist. Räume du das Viele in uns aus, das, da die <pb xml:id="p071" ed="pga"/> Stunde schlägt, unmöglich geworden ist, nicht mehr unsere Sache sein kann, von uns abfallen darf, muß und wird, indem dein lieber Sohn, unser Herr und Heiland, bei uns Einzug hält und Ordnung schafft.</p>
          <p>Erbarme dich auch über alle die, die dich und dein Reich nicht oder noch nicht recht erkennen, die vielleicht auch einmal Alles gewußt und es dann wieder vergessen oder mißverstanden oder gar verleugnet haben! Erbarme du dich über die heute wieder so besonders geplagte und bedrohte, von so viel Unvernunft heimgesuchte Menschheit! Erbarme du dich insbesondere auch der Not in <placeName ref="kbga-places-799">Ungarn</placeName>! Erhelle du die Gedanken derer, die im Osten und im Westen an der Macht sind und, wie es scheint, heute alle nicht recht aus noch ein wissen! Gib den Regierenden und den Volksvertretern, den Richtern, Lehrern und Beamten, gib den Zeitungsschreibern in unserem Vater<pb ed="A" n="79" break="no"/>land die Einsicht und die Nüchternheit, die sie für ihr verantwortungsvolles Tun nötig haben! Lege du selbst denen, die in dieser Weihnachtszeit zu predigen haben, die rechten, die nötigen, die hilfreichen Worte auf die Lippen und öffne dann auch die Ohren und Herzen derer, die sie hören! Tröste und ermutige du die an Leib und Seele kranken Menschen in den Spitälern, in der <orgName ref="kbga-actors-8782">Friedmatt</orgName><note xml:id="n04">Psychiatrische Universitätsklinik in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>.</note> und anderswo, auch die anderen Gefangenen, auch alle Betrübten, Verlassenen und Verzweifelnden! Hilf ihnen mit dem, was ihnen und uns allen allein wirklich helfen kann: mit der Klarheit deines Wortes, mit dem stillen Werk deines Heiligen Geistes!</p>
          <p>Wir danken dir, daß wir wissen dürfen: wir beten nicht umsonst und werden nie umsonst zu dir beten. Wir danken dir, daß du dein Licht hast aufgehen lassen, daß es scheint in der Finsternis und daß die Finsternis es nicht überwältigen wird. Wir danken dir, daß du unser Gott bist und daß wir dein Volk sein dürfen.</p>
          <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                    </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
           <listBibl type="songs">
             <bibl corresp="kbga-songs-24" type="song">Nr. 102: «O Heiland, reiß die Himmel auf» (Köln 1623), Strophen 1–4 (= EKG 5, Str. 1,4,5,6)</bibl>
             <bibl corresp="kbga-songs-7" type="song">Nr. 119: «Fröhlich soll mein Herze springen» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1–3,6–8 (= EKG 27,
               Str. 1–3,7–9)</bibl>
           </listBibl>
        </div>
        <!--
          <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1917" target="b0102">Nr. 102</ref>: «O Heiland, reiß die Himmel auf» (Köln <date when="1623">1623</date>), Strophen 1-4 (= <bibl><title level="m">EKG</title>
5, Str. 1, 4, 5, 6</bibl>)</item>
          <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1922" target="b0119">Nr. 119</ref>: «Fröhlich soll mein Herze springen» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1-3, 6-8 (= <bibl><title level="m">EKG</title> 27,
Str. 1-3, 7-9</bibl>)</item>-->
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</TEI>
