19. April 1957

Predigt: Lukas 23,33 (Karfreitag): "Die Übeltäter mit ihm"

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DIE ÜBELTÄTER MIT IHM
Herr unser Gott! Wir sind an diesem Tag versammelt, um dessen zu gedenken, wie du deinen guten, starken Willen mit der Welt und mit uns allen ausgeführt hast, indem du unseren Herrn Jesus Christus, deinen lieben Sohn, in Gefangenschaft geraten ließest, damit wir frei würden, schuldig sprechen ließest, damit wir unschuldig würden, leiden ließest, damit wir Freude hätten, in den Tod gabst, damit wir ewig leben dürften.
Wir von uns aus könnten nur verlorengehen. Und wir haben solche Errettung nicht verdient, niemand von uns. Du aber hast dich in der unbegreiflichen Hoheit deines Erbarmens mit unserer Sünde und unserem Elend gemein gemacht, um so Großes an uns zu tun. Wie sollten wir dir anders danken als damit, daß wir dieses Große begreifen, ergreifen und gelten lassen?
Wie soll das aber anders geschehen, als indem derselbe lebendige Heiland, der für uns gelitten hat, gekreuzigt wurde, gestorben und begraben, aber auch auferstanden ist, jetzt selbst in unsere Mitte tritt, zu unseren Herzen und Gewissen redet, uns für deine Liebe aufschließt, uns anleitet, uns ihr ganz zu anvertrauen, von ihr und nur von ihr zu leben?
Daß das in der Macht deines Heiligen Geistes geschehe, darum bitten wir dich: in aller Demut, aber auch in aller Zuversicht. Unser Vater …!
Amen.
Lukas 23,33
81 Meine lieben Brüder und Schwestern!

Ich möchte euch, bevor ich meine Predigt beginne, ans Herz legen, die Karfreitagsgeschichte, d. h. die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu Christi, wie sie in den vier Evangelien erzählt wird, selbst nachzulesen: am besten heute noch und dann noch mehr als einmal und immer wieder. Unendlich Vieles ist zu bedenken und aufzunehmen in dieser Geschichte: die ganze Weltgeschichte ist darin beschlossen, und mehr als das: die ganze Geschichte Gottes mit uns Menschen und so unsere ganze Geschichte mit Gott — und, wenn man es recht versteht, die Le|73bensgeschichte jedes Einzelnen von uns. Ich müßte mehr Zeit haben als eine halbe Stunde, um euch da auch nur eine Übersicht, geschweige denn eine Einsicht in das Ganze zu vermitteln. Und darum möchte ich zu unserer gemeinsamen Betrachtung jetzt nur einen Satz aus dieser Geschichte herausgreifen, und zwar die Stelle Lukas 23,33:

Sie kreuzigten ihn und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.

Die Übeltäter mit ihm. Soll man sich mehr wundern darüber, ihn, Jesus, da in so schlechter Gesellschaft — oder darüber, sie, diese Übeltäter, in so guter Gesellschaft zu finden? Nun, wie man will: Beides ist wahr! Das Eine ist sicher: da hängen sie alle drei, Jesus und die Übeltäter, einer zur Rechten und einer zur Linken — alle in der gleichen öffentlichen Schande, in der gleichen stundenlangen Qual, im gleichen langsamen, unerbittlichen Sterben. Nachdem wohl in denselben Tagen wie er auch diese zwei irgendwo verhaftet, in ein Gefängnis gebracht und von irgend einem Richter verurteilt worden waren. Und nun hingen sie am Kreuz mit ihm und befanden sich so in einer Solidarität, in einer Gemeinschaft, in einem Bund mit ihm, der 82 nicht mehr aufzulösen war, so gewiß die Nägel, mit denen auch sie an ihren Kreuzen befestigt waren, hielten — so gewiß es wie für ihn, so auch für sie kein Zurück gab, sondern nur die schimpfliche, schmerzliche Gegenwart und als Zukunft nur die Nacht ihres nahenden Todes. (Es ist sehr eigentümlich, daß es so viele Bilder von der Kreuzigung Jesu gibt, auf denen diese Übeltäter fehlen. Ich meine, man hätte von dieser Sache besser überhaupt nie Bilder gemacht. Aber wollte man es schon tun, dann durften diese zwei Übeltäter zur Rechten und zur Linken auf keinen Fall fehlen. Auf den Bildern und in den Darstellungen, in denen sie unsichtbar sind, fehlt etwas Wichtiges, ja Entscheidendes!)

Die Übeltäter mit ihm. Wißt ihr, was das heißt? Erstaunt nicht zu sehr, wenn ich euch sage: das war die erste christliche Gemeinde — die erste sichere, unauflösliche, unzerstörbare christliche Gemeinde nämlich. Christliche Gemeinde ist überall da, wo eine Versammlung von Leuten ist, die Jesus nahe, die bei ihm sind — so, daß seine Verheißung, seine Zusage, sein Versprechen sie unmittelbar, direkt angeht — so, daß sie es hören können: daß er Alles, was er ist, für sie ist, und Alles, was |74 er tut, für sie tut, so, daß sie von dieser Verheißung leben dürfen. Das ist die christliche Gemeinde, und die erste sichere christliche Gemeinde waren diese zwei Übeltäter.

Eine unsichere, eine zweifelhafte Gemeinde hat es schon vorher gegeben: die Jünger, die er berufen hat, die mit ihm durch Galiläa gezogen und mit ihm nach Jerusalem gekommen waren, die alle seine Worte gehört und alle seine Taten gesehen hatten. Aber wie war es dann im Garten Gethsemane: «Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?» [Mt. 26,40]. Nein, sie konnten, sie wollten es nicht. Sie haben einfach geschlafen, während er einsam wachte und betete. Und wie war es, als dann die Polizei kam, um ihn zu holen? «Da verließen ihn alle Jünger und 83 flohen» [Mt. 26,56]. Und wie war es bei Petrus, den die katholische Kirche bis auf diesen Tag für ihren ersten Papst hält? Im Hofe des Hohenpriesters, als eine Magd auf ihn zeigte: «Dieser war auch mit ihm», da hat der große Petrus abgeleugnet: «Weib, ich kenne diesen Menschen nicht» [Lk. 22,56f.]. Und dreimal hat er so geredet, bis auch der Hahn zum drittenmal krähte. Um nicht zu reden von Judas, der Jesus verraten hat um dreißig Silberlinge [Mt. 26,15]! Also: es gab da wohl auch schon eine christliche Gemeinde. Aber was ist das für eine unsichere Gesellschaft gewesen!

Die zwei Übeltäter, die jetzt als Gekreuzigte mit ihm waren, hatten wohl zuvor kaum je von ihm gehört, geschweige denn, daß sie gläubige, bekehrte Leute, Heilige waren. Weit entfernt! Ganz im Gegenteil! Dafür aber konnten sie ihn jetzt nicht allein lassen, nicht schlafen, mußten sie jetzt wohl oder übel viele Stunden lang an ihren Kreuzen mit ihm wachen. Entfliehen konnten sie auch nicht aus seiner gefährlichen Gesellschaft. Und so konnten sie ihn auch nicht gut verleugnen, indem sie da ja öffentlich als seine Genossen ausgestellt waren. So waren sie rein tatsächlich eine sichere christliche Gemeinde. Er und sie, sie und er waren verbunden — waren und sind in Ewigkeit nicht mehr voneinander zu trennen. Es brauchte viel, bis Petrus und die anderen Jünger auch zu dieser ersten sicheren Gemeinde stießen. Und als sie es taten, da konnten sie nur hinten anschließen: da, wo diese zwei auf Golgatha mit Jesus Gekreuzigten die Ersten waren.

Aber bevor wir auf diese Zwei zurückkommen, müssen wir von Jesus selbst reden, mit dem zusammen sie der gleichen Schande, den gleichen |75 Schmerzen, dem gleichen Tod ausgeliefert waren. Er war die Hauptperson, der Held des Karfreitags, er das Haupt dieser ersten Christengemeinde. Und nun hören wir: sie kreuzigten ihn, Jesus. Wer? Die Henker, die römischen Soldaten, diese 84 auf Befehl des Statthalters Pilatus, dieser auf Drängen der Kirchenführer von Jerusalem, diese gewaltig unterstützt durch das überhandnehmende Geschrei des Volkes: Kreuzige! Kreuzige! [Lk. 23,21].

Was geschah da? Zunächst und sichtbar das Gleiche, was den beiden Anderen auch geschah: ein Mensch, der den anderen wegen dem, was er war, sagte und tat, unleidlich, untragbar geworden, wurde da vom Leben zum Tode gebracht, unschädlich gemacht, ausgelöscht. Er wäre nicht er und sie wären nicht sie gewesen, wenn sie es anders gehalten, wenn sie ihm das nicht angetan hätten. So erlitt Jesus dort dasselbe, was aus besonderen Gründen jene zwei Übeltäter zu erleiden hatten — was übrigens ähnlich oder gleich auch andere Menschen erlitten und erduldet haben: er mit ihnen und sie mit ihm. Man hat schon ganz mit Recht gesagt, daß andere Menschen von ihren Mitmenschen noch schlimmer geplagt wurden, daß sie — vielleicht im Krieg oder in Konzentrationslagern oder auf dem Krankenbett — noch viel Härteres erlitten haben als dort Jesus. Aber darauf kommt es jetzt nicht an, weil das ja nur das Äußere und Sichtbare war, was dort geschah.

In dem sichtbaren Leiden und Sterben dieses Menschen Jesus geschah aber unsichtbar etwas, was im Leiden und Sterben der zwei mit ihm gekreuzigten Übeltäter nicht geschah und auch nicht geschehen konnte — was auch im Leiden und Sterben keines anderen Menschen geschah noch geschehen konnte. Warum nicht? Darum nicht, weil er und nur er dieser Mensch war: ein Mensch wie wir alle, aber, anders als wir alle, der Mensch, in welchem Gott selbst zur Stelle und am Werk war. So wie es der römische Hauptmann nach seinem Tode ausrief: «Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!» [Mk. 15,39].

Was aber war und tat Gott in diesem Menschen, in seinem Leiden und Sterben? Der Apostel Paulus hat es in einem ein85zigen Sätzlein ausgesprochen: «Er war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber» [2.Kor. 5,19]. — Ich will versuchen, euch das in kürzesten Worten zu erklären.

Es geschah, daß in diesem Menschen Gott selbst in die von ihm geschaffene und Allem zum Trotz von ihm geliebte Welt hineingetreten, |76 mitten hineingegangen, selber weltlich geworden ist — ein Mensch wie andere, wie wir alle —, um dem Streit der Welt gegen ihn und dem sie selber zerreißenden Streit unter sich ein Ende zu machen, um an die Stelle ihrer großen Unordnung seine Ordnung zu setzen. Es geschah, daß Gott in diesem Menschen, wie wir im Unservater beten: seinen Namen geheiligt hat, sein Reich hat kommen, seinen Willen hat geschehen lassen auf Erden wie im Himmel [Mt. 6,9f.]. In diesem Menschen hat er seine Ehre groß gemacht und — das ist das Wunderbare — hat er eben das zu unserem Heil getan. Er hat es getan, indem er die tausend Wunden, aus denen die Welt blutet, nicht nur verbunden, sondern geheilt, indem er uns Menschen in der Person dieses Einen, seines lieben Sohnes, nicht nur teilweise und vorläufig, sondern radikal und endgültig geholfen, uns vom Verderben errettet, uns alle als seine Kinder an sein Herz gezogen hat, damit wir alle leben, wirklich und ewig leben dürfen.

Es geschah nämlich dort, in diesem Menschen, daß Gott weggenommen, abgeschafft, weggefegt hat wie mit einem großen Besen: unsere ganze menschliche Verkehrtheit, unseren Übermut, unsere Angst, unsere Gier, unsere Falschheit, dieses Ganze, mit dem wir alle uns dauernd an ihm verfehlen, mit dem wir einander und uns selber das Leben schwer und unmöglich machen. Er hat durchgestrichen das Ganze, das unser Leben — das Leben der Gesunden und der Kranken, der Glücklichen und der Unglücklichen, der Hohen und der Niedrigen, der Reichen und der Armen, der Freien und der Gefangenen — in 86 seiner Wurzel schrecklich, traurig, finster macht. Er hat es in jenem einen Menschen weggetan, so daß es nicht mehr zu uns gehört, so daß es hinter uns liegt, und so hat er in ihm nach langer Nacht für uns alle den Tag, nach langem Winter für uns alle den Frühling anbrechen lassen.

Es geschah das aber in jenem einen Menschen so, daß Gott jenes Ganze des Bösen auf sich selber genommen, unsere Verkehrtheit sich zu eigen gemacht hat, in seinem eigenen lieben Sohn sich als Übeltäter hinstellen, sich verklagen, sich verurteilen und vom Tode zum Leben bringen ließ: als hätte er, der heilige Gott, alles das Üble getan, was wir Menschen getan haben und tun. So, indem er in Jesus Christus sich selbst so dahingab, hat er die Welt versöhnt mit sich selber, so uns errettet und befreit zum Leben in seinem ewigen Reich. Er hat unsere Last von uns genommen und weggetragen, indem er sie in ihrer ganzen Schwere sich selbst aufgeladen hat. Er, der Unschuldige, ist da an unse|77re, der Schuldigen, Stelle getreten. Er, der Mächtige, ist da eingetreten für uns Schwache. Er, der Lebendige, für uns, die Sterbenden!

Das, meine lieben Freunde, ist das Unsichtbare, das im Leben und Sterben des Mannes am mittleren der drei Kreuze auf Golgatha als Gottes Tat geschah: diese Versöhnung — in der Verdammung dieses Mannes unser Freispruch, in seiner Niederlage unser Sieg, in seiner Qual der Anfang unserer Freude, in seinem Tod die Geburt unseres Lebens. Und — wohlverstanden! — das war es, was die Menschen, die ihn kreuzigten, ausrichteten. Sie wußten in der Tat nicht, was sie taten [vgl. Lk. 23,34]. Sie waren gerade die Rechten, um mit ihrem bösen Wollen und Tun das Gute auszuführen, das in Wahrheit Gott mit der Welt und für die Welt — auch für sie, diese Verblendeten samt und sonders — gewollt und getan hat.

87 Jetzt aber zurück zu den beiden nach der guten, heilsamen Ordnung desselben göttlichen Wollens und Tuns mit Jesus gekreuzigten Übeltätern. Wir kennen ihre Namen nicht. Wir wissen auch nichts von ihrem Vorleben und nichts von dem, was sie angestellt und verbrochen haben; wir wissen nicht, ob es vielleicht für das, was sie getan haben, gewisse Entschuldigungen gab oder ob ihre Schuld noch viel schwerer war, als wir uns denken möchten. Wir wissen nur eben, daß sie (nicht bedingt, sondern unbedingt!) verurteilt waren und nun, wie der Eine von ihnen selbst sagte, «empfingen, was ihre Taten wert waren» [Lk. 23,41]. Wir wissen aber über das alles hinaus: daß sie ohne und gegen ihren Willen tatsächlich mit ihm, mit Jesus, gekreuzigt waren. Niemand vorher und nachher war der in Jesus geschehenen Gottestat der Versöhnung, der Ehre Gottes und dem Heil der Welt so direkt, so unmittelbar nahe wie diese Zwei! Wohl wahr: nur Einer von diesen Zweien erkannte, wer er war, was in seinem Leiden und Sterben geschah, was das für alle Menschen und so auch für ihn bedeutete, während der Andere, wie im Evangelium nachher erzählt wird, bei dem allgemeinen, blinden, dumpfen Spott mittat: Warum er, wenn er doch Christus, der Sohn Gottes sei, sich selber und doch auch ihnen nicht helfen wolle und könne [Lk. 23,39]! Das war gewiß ein gewichtiger und wohl zu bedenkender Unterschied zwischen diesen Beiden. Wir wollen uns aber für diesmal nicht damit beschäftigen. Denn so wichtig war dieser Unterschied nun auch wieder nicht, daß er an die Verheißung rühren, sie wohl gar zu |78 nichte machen konnte, die so deutlich, so dringlich — die eben tatsächlich gleichmäßig an diese Beiden ergangen ist.

Man bedenke: gerade für die Übeltäter starb der Mann, mit dem sie, gekreuzigt zu seiner Rechten und Linken, ihrem Sterben entgegengingen. Er starb nicht zugunsten einer guten, sondern zugunsten einer bösen Welt. Nicht für die Frommen, sondern 88 für die Gottlosen, nicht für die Gerechten, sondern für die Ungerechten: für ihren Freispruch, zu ihrem Sieg, zu ihrer Freude, damit sie das Leben haben möchten. Und nun waren diese Beiden offenbar und unleugbar eben Übeltäter: böse Leute, Gottlose, Ungerechte. Und nun war er, selber als ein Übertreter, ein Übeltäter verurteilt, gerade mit ihnen gekreuzigt, waren sie mit ihm unter demselben Gericht.

Man bedenke weiter: Mein Leib dahingegeben für euch! Mein Blut vergossen für euch! So hat es Jesus beim Abendmahl gesagt. Wie sollte das damals verstanden werden, bevor es geschah? Nun aber geschah es. Nun wurde sein Leib dahingegeben, nun wurde sein Blut vergossen, und nun wurden diese zwei Übeltäter Zeugen dieses Dahingebens und Vergießens. Und wie! Nicht bloß als Zuschauern wurde ihnen ja dieses Geschehen dargeboten, sondern so, daß in der Gemeinschaft mit ihm, in jenem unauflöslichen Bund mit ihm auch ihr eigenes böses, trauriges, finsteres Leben dahingegeben, ihr eigenes unreines, von so vielen Leidenschaften verdorbenes Blut vergossen wurde. Was für Zeugen! Wie unmittelbar und direkt ist es diesen Beiden nicht nur vor Augen gestellt, nicht nur erzählt, sondern gewissermaßen in ihr eigenes Dasein hineingepflanzt, ihnen nicht nur ans Herz, sondern in ihr sterbendes Herz hineingelegt worden: Für euch gegeben! Für euch vergossen!

Und man bedenke vor allem: Gottes gewaltige Tat zu seiner Ehre und zu unserem Heil, Gottes Sieg zur Errettung der Welt geschah ja in dem, was da neben ihnen, bei ihnen, ja in ihrem eigenen Dasein geschah. Der Überwinder des Todes, der König im Reich des Lebens war ja der arme, geschlagene Knecht, in dessen Todesseufzer sich die ihrigen mischten. Und auf dem Weg zum Antritt seines Königreiches, zu dessen Proklamation, auf dem Weg zu seiner Auferstehung von den Toten am dritten Tag war ja dieser mit ihnen zugrunde, der Auslöschung ent89gegen gehende dritte Mann! Waren sie also in dieser dunkelsten Stunde ihres Lebens nicht unleugbar auf dem Weg zu demselben Ziel? «Sind wir mit Christus gestorben, so wissen wir, daß wir mit ihm leben werden« |79 [Röm. 6,8] — so hat wieder der Apostel Paulus ein anderes Mal geschrieben. Nun, diese Beiden starben wortwörtlich mit Christus: so war ihnen zugesagt, so durften sie wissen, daß sie auch wortwörtlich mit ihm leben würden.

Ob sie das alles aufgenommen, verstanden, geglaubt haben? Lassen wir die Frage für diesmal offen! Das ist sicher, daß die Verheißung von dem allem für sie da war, daß sie unter dieser Verheißung standen, daß sie sie damit empfingen und hatten, daß sie mit ihm leiden und sterben durften. Diese Verheißung, die da ist und gilt, wo Menschen als Übeltäter mit Jesus leiden und sterben dürfen — sie ganz allein begründet die christliche Gemeinde und macht diese Menschen zu Christen. Und sie, diese Zwei, waren die Ersten, die, indem sie mit Jesus leiden und sterben durften, durch diese Verheißung zur christlichen Gemeinde versammelt wurden.

Wir kommen zum Schluß. Ich habe gesagt, daß Petrus und die anderen Jünger nachher nur hinten anschließen konnten: dort, wo die zwei Übeltäter die Ersten waren. Das gilt aber für uns Menschen aller Zeiten. Christengemeinde, Christen gibt es gerade nur da, wo diese Verheißung ergeht und gilt. Sie ergeht aber nur an gekreuzigte Übeltäter, an Menschen, die vor Gott und vor dem Mitmenschen ganz und gar im Unrecht sind, mit denen es darum hoffnungslos zu Ende geht und die sich dagegen selber, von sich aus, nicht wehren können. Für sie ist Jesus gestorben. Und bedenkt es wohl: solche und nur solche — aber gerade solche sind würdig, zum Abendmahl zu gehen.

90 Und nun sind wir alle, liebe Freunde, Gott sei Dank gar nicht gefragt, ob wir solche Menschen sein wollen. Wir sind es, wir alle: ihr hier in diesem Haus, das man die Strafanstalt nennt, ihr mit dem, was euch hierher geführt, und mit dem, was ihr hier erfahrt, in eurer besonderen Weise — wir Anderen draußen in unserer anderen, aber — glaubt es nur! — nicht weniger ernsthaften Weise. Solche Menschen, gekreuzigte Übeltäter, sind in Wahrheit wir alle. Und nun kommt es eigentlich nur auf Eines an: ob wir uns sagen lassen, daß wir das sind, um die solchen Menschen gegebene Verheißung zu hören, hinten anzuschließen. «Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade» [1.Petr. 5,5]. Die empfangen, die bekommen sie, die nicht zu hoch, aber doch auch nicht zu gering von sich denken, um tapfer hinten anzu|80schließen: dort, wo die zwei Übeltäter von Golgatha die Ersten waren. Gott gebe uns allen die Freiheit, das zu tun, und helfe uns, von ihr Gebrauch zu machen! Und so segne er uns alle, wenn wir nun in dieser Freiheit miteinander zum Abendmahl gehen wollen!

Amen.
Herr unser Gott, barmherziger und allmächtiger Vater! Wie hast du die arge Welt so lieb, daß du mit deinem eigenen lieben Sohn einen so wunderlichen Weg gehen wolltest zu ihrer, zu unser aller Befreiung! So und nicht anders war es recht vor dir, und so und nicht anders soll es jetzt auch uns recht sein. Und wenn es nun so ist, daß wir nur durch ihn und in der Gemeinschaft mit ihm Freiheit finden und also nur durch die Tiefe in die Höhe, nur durch das Leid zur Freude, nur durch den Tod zum Leben kommen werden, so dürfen und wollen wir auch das annehmen als deine gute und heilsame Ordnung.
91 Hilf du, daß immer wieder Einige deinen Weg mit Jesus und mit uns erkennen und in deiner Ordnung ihren Frieden finden: in diesem Hause, überall, wo heute des Todes unseres Herrn gedacht, und auch da, wo seiner nicht oder nicht recht gedacht wird: in der ganzen Welt. Du hast Zugänge zu den Menschen, die wir nicht sehen und kennen und die dir doch weit offene Zugänge sind.
In dieser Gewißheit denken wir jetzt auch hier an die Kranken und Geisteskranken, an die Armen und Betrübten, an die Irrenden und Verwirrten jeder Art. In dieser Gewißheit bitten wir dich um den Geist der Weisheit für alle die, die in der Kirche oder im Staat in verantwortlichen Stellungen mitzureden, zu raten, zu beschließen, zu richten, zu befehlen haben: für die Arbeiter und für ihre Herren, für die Lehrer und ihre Schüler, für die Leute, die Bücher und Zeitungen schreiben, und für ihre Leser. Sie alle, wir alle haben es nötig, daß im Angesicht des Kreuzes unseres Herrn für uns gebetet wird und daß wir im Angesicht seines Kreuzes auch füreinander beten. Und wie heilig und freundlich bist du, daß wir uns daran halten dürfen, daß jedes aufrichtige Gebet bei dir Erhörung findet!
Wir danken dir dafür, daß Jesus lebt und daß mit ihm auch wir leben dürfen. Und schließlich danken wir dir dafür, daß wir jetzt, dem zum Zeichen, miteinander das Abendmahl empfangen dürfen.
Amen.
81Lieder:
  • Nr. 149: «O Welt, sieh hier dein Leben» von P. Gerhardt, Strophen 1–5 (= EKG 64, Str. 1,3–5,7) 🎵
  • Nr. 169: «Jesus lebt, mit ihm auch ich» von Chr. F. Gellert, Strophen 1–3,6 🎵