Predigt: (Abendgottesdienst): "Mitten unter euch - euer Gott - mein Volk!"
Das hat nach dem Zeugnis des Alten Testamentes Gott zu seinem Volk Israel gesagt: «Ich werde mitten unter euch wandeln und will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein.» Und da wäre nun viel zu sagen darüber, was das für dieses Volk, aus dem unser Herr Jesus Christus hervorgegangen ist, bedeutet hat und bis auf diesen Tag bedeutet. Das ist sicher, daß die Geschichte Israels eben in Jesus Christus zu ihrem Ziel gekommen ist und daß sich in ihm auch dieses Wort erfüllt hat. Indem es sich aber in ihm erfüllte, ist es zum Posaunenstoß geworden, der in die ganze Welt hinausgegangen ist. So dürfen wir damit rechnen, daß es auch uns, gerade uns, angeht. — Ich will versuchen, es euch kurz zu erklären.
Das Erste: «Ich werde mitten unter euch wandeln.» Wandeln heißt: in einer bestimmten Richtung unterwegs sein, von einem Ort zum anderen ab- und zugehen. So etwa wie der Milchmann oder der Brief|57träger oder der Mann, der die Stromzähler kontrolliert, von einem Haus zum anderen, kreuz und quer durch unsere Straßen geht. Das Wort wird in der Bibel in der Tat in der Regel dann verwendet, wenn es darum geht, das Tun und Lassen von Menschen zu beschreiben, von denen es dann wohl heißen kann, daß ihr «Wandel» ein Gott wohlgefälliger oder auch nicht wohlgefälliger, ein guter oder böser gewesen sei. Das Wort wird aber merkwürdigerweise gelegentlich auch auf Gott angewendet. So lesen wir gleich am Anfang der Bibel, daß Gott in der Kühle des Abends in jenem Garten wandelte [
«Unter euch», heißt es. Also: die Orte, wo er wandelt, wo er ab- und zugeht, wo er der lebendige Gott ist, sind die Straßen, auf denen auch wir wandeln, unsere Straßen, auf denen die Autos fahren und das Tram, Linie 15 und 16, und auf denen wir selbst unsere Wege gehen. Seine Orte — das sind unsere Häuser mit ihren Eßzimmern und Wohnzimmern, Schlafzimmern und Küchen, unsere Gärten, unsere Arbeitsstätten, unsere Vergnügungsorte und gewiß auch das Zwinglihaus2 und warum nicht auch diese Kapelle hier auf dem
«Ich werde mitten unter euch wandeln» — auch das will bemerkt sein. Gott wandelt als der Mittelpunkt, als die Quelle und der Ursprung, auch als das Ziel aller unserer Lebensgeschichten. Sie geschehen, indem in ihrer innersten Mitte zuerst und im Grunde seine Geschichte, die Geschichte Gottes, geschieht. Wir leben, indem Er lebt. Seiner Hände Werk sind wir. Das verbindet uns mit ihm, und das verbindet auch unser Leben, das ja ein so vielfach zerstreutes ist, zu einer Einheit, das verbindet uns auch untereinander: daß er mitten unter uns wandelt, daß wir wie Punkte in einem Kreis sind, dessen Mitte er ist. Also: Gott ist nicht am Rande; Gott ist auch nicht nur, wie manche Gelehrte heute zu |58 sagen pflegen, die Grenze3. Ja, daß wir fromm sind und an ihn glauben, das möchte eine Sache sein, die sehr 62 am Rande unseres Lebens stattfindet, während unsere Mitte ganz woanders ist. Daß es in
Weil er dieser lebendige, dieser nahe und eben: dieser eine Gott ist, darum wandelt er, ob wir es wissen und merken und ob wir es so haben wollen oder nicht, wirklich mitten unter uns allen: unter den Alten und unter den Jungen, unter den Kranken und unter den Gesunden, unter den Geschäftigen und unter den Besinnlichen, unter den Guten und unter den Bösen. Weil er der allmächtige Gott ist, darum wird er nicht müde und matt
[vgl.
Genau so ist es. Genau so hält es Gott als der gnädig mitten unter uns wandelnde Gott: ob wir arbeiten oder ruhen, ob wir vergnügt oder traurig sind, ob wir wachen oder schlafen, in diesem Jahr 1956 und bestimmt auch im nächsten Jahr, in der Zeit und erst recht in der Ewigkeit, wo wir ihn, den Lebendigen, den Nahen, den Einen sehen werden von Angesicht zu Angesicht.
Ich komme zum Zweiten: «Und will euer Gott sein», heißt es. Das will sagen: Ich will als der lebendige, nahe, eine, als der allmächtige, der heilige, der gnädige Gott, der ich bin, der sein, der gerade euch meint, gerade euch in seinen ewigen Gedanken trägt, gerade euch liebt, aber auch gerade euch anfordert zum Gehorsam und zu seinem Dienst, der nämlich gerade euch brauchen kann und will — der gerade mit euch, wohlverstanden, gerade heute, jetzt, in diesem Augenblick mit euch redet.
Weiter: Ich will der sein, der als der Schöpfer des Himmels und der Erde, als der Herr aller Menschen, als der ewige König und Sieger, als der, der das erste Wort hat und das letzte behält, gerade euch gehört, so |60 daß ihr zu mir sagen dürft: Unser Vater! Unser Gott! und ein Jeder für sich: Mein Vater! Mein Gott! Gerade für euch habe ich ja mich selbst dahingegeben in meinem eigenen Sohn. Und so will ich für euch Gott sein — und also für euer Dasein, für eure Ängste und Sorgen und Peinlichkeiten, für eure Sünden und für euer Sterben, aber auch für eure Auferweckung von den Toten, für euer zeitliches und ewiges Leben.
64 Noch weiter: Ich will der sein, der es einfach mit euch hält, der für euch Partei ergreift, der mit euch solidarisch ist unter allen Umständen und gegen Alles, was euch quält, wenn nötig gegen die ganze Welt, gegen alle Menschen — ja, aber vor allem auch gegen euch selber! Denn ist es nicht so, daß des Menschen schlimmster Feind immer er selber ist? Und daß wir keinen Parteigänger und Helfer nötiger haben als den, der es auch so ist? der gerade, weil er für uns ist, auch gewaltig gegen uns auftritt? Gott ist dieser — dieser allein echte Helfer und Parteigänger. Man kann es ja auch so ausdrücken: Gott will der sein, der mit göttlichem Ernst, in göttlicher Vollkommenheit zu uns Ja sagt. Eben Gottes Ja ist aber ein heiliges und heilsames Ja, das auch ein Nein in sich schließt: zu all dem an und in uns nämlich, zu dem er um seinet- und um unserer selbst willen durchaus Nein sagen muß. So geht es uns mit ihm wohl wie mit dem Arzt, der einem bekanntlich auch Arzneien und Pillen zu schlucken geben kann und muß, die man nicht gerne schluckt. Ich werde nie vergessen, wie ich als kleiner Bub jahrelang jeden Morgen ein Gläslein Fischtran trinken mußte. Es war schrecklich — aber es hat mir offenbar gut getan. Der Arzt kann uns wohl auch ins Krankenhaus schicken, wo es auch nicht eben lustig ist. Oder die Sache kann auf eine kleine oder auch große Operation hinauslaufen: sehr unangenehm, aber auch sehr nötig und heilsam! So steht es mit dem Ja Gottes und dem darin enthaltenen Nein, das uns nicht gefallen will. Es bleibt doch dabei: Gott ist der, der auch mit seinem Nein Ja zu uns sagt — ein volles, ein unbeschränktes, ein mit keinem Fragezeichen versehenes Ja — ein Ja voll Wille und Kraft, uns zu erretten, uns zu tragen, uns auf die Füße zu stellen, uns frei und froh zu machen. Das also heißt: Ich will euer Gott sein. Kurz zusammengefaßt ganz schlicht: Ich will euer Gutes sein — euer Gutes gegen alles Böse, euer Heil gegen alles Un65heil, euer Friede gegen allen Streit. So will ich, indem ich mitten unter euch wandle, euer Gott sein.
61 Ich komme zum Dritten und Letzten: «Und ihr sollt mein Volk sein« — indem ich nämlich mitten unter euch wandle, indem ich euer Gott sein will, sollt ihr das, sollt ihr mein Volk sein. Das ist vielleicht von Allem das Unbegreiflichste und Höchste, gerade weil es nun so direkt von uns gesagt ist: ihr — mein Volk! Denn, nicht wahr, das können wir uns auf keinen Fall selber anmaßen, das können wir uns auch in keiner Weise verdienen und verschaffen: sein, Gottes Volk zu sein. Eben das wird uns aber da gesagt, eben das sollen und dürfen wir uns da sagen lassen und annehmen: Ihr sollt mein Volk sein! — Wir wollen auch das Wort für Wort wohl überlegen.
«Ihr» — ja wirklich ihr sollt mein Volk sein — nämlich ihr, wie ihr seid, nicht als künftige Heilige oder Engel, sondern: Ihr mit eurem vergänglichen Leben und Wirken, hinter das einmal, früher oder später, auf dem «
«Mein Volk». Will sagen: Ihr sollt Leute sein, die in mir ihren Herrn und Richter, aber auch ihren Vater und Erbarmer haben — sollt Leute sein, die mich fürchten, die mich lieben, die mich anrufen, die jeden Morgen neu zu mir umkehren und mein Angesicht suchen [vgl.
«Mein Volk»; wir wollen auch das nicht übersehen. Also nicht ein Sandhaufen von lauter Einzelnen: hier Einer in seinem Haus und dort Einer auf seinem Balkon, hier Einer mit seiner Frau und dort ein Anderer mit seinen Kindern, hier Einer mit dem, was ihm nützlich scheint, |62 und dort Einer mit dem, was ihm Spaß macht. Nicht so, sondern weil und indem ihr durch mich zusammengerufen und zusammengehalten seid, soll es gelten: «Wir als die von einem Stamme stehen auch für einen Mann»6, sollen ein Volk von Brüdern und Schwestern sein, die sich aneinander halten, die einander vielleicht ein wenig, vielleicht auch kräftig helfen dürfen, die sich eben damit (vielleicht mit Worten, vielleicht auch ohne Worte) auch untereinander Zeugen dafür sein können, daß ich lebe, mitten unter euch wandle, euer aller Gott bin: ihr mein Volk!
Ist das nicht wirklich das Unbegreiflichste und Höchste von Allem, was wir gehört haben, daß wir Gottes Volk sein sollen? Ich bin froh, daß ich das nicht erfunden habe und also auch nicht zu verantworten und zu begründen brauche, sondern euch einfach darauf aufmerksam machen darf: Gott selbst hat es so (von uns!) gesagt, und Gott selbst sagt es so (von uns!) bis auf diesen Tag. Daraufhin darf und muß ich es euch auch sagen: Ja, ihr sollt mein Volk sein. Wir wollen das, wir wollen auch alles Vorangehende als Gottes Wort hören und uns gesagt sein lassen und mit nach Hause nehmen und vielleicht vor dem Einschlafen noch ein bißchen darüber nachdenken: Ich werde mitten unter euch wandeln. Ich will euer Gott sein. Ihr sollt mein Volk sein.
Ich komme zum Schluß. Ich habe versucht, euch dieses Wort 67 auszulegen als Gottes in Jesus Christus erfülltes Wort. Im Licht seiner Wahrheit gelesen und gehört, verstanden und beherzigt, hat dieses Wort unendliche Kraft. Es heißt ja dann nicht bloß: Ich werde mitten unter euch wandeln, sondern: Ich wandle mitten unter euch. Und nicht nur: Ich will euer Gott sein, sondern: Ich bin euer Gott. Und nicht nur: Ihr sollt mein Volk sein, sondern: Ihr seid mein Volk. Spürt ihr die Kraft dieses Wortes — die Kraft dessen, in dem es erfüllt, in dem es heutige Gegenwart ist? Wie dem auch sei: weil es das in Jesus Christus erfüllte Wort Gottes ist, darum darf ich, darum dürft aber auch ihr dessen ganz gewiß sein, ohne Sorge und ohne Zweifel, daß sich Alles ganz genau so verhält, wie ich es euch jetzt zu sagen versucht habe.
- Nr. 39: «Mein ganzes Herz erhebet dich» (nach Ps. 138), Strophen 1–3
- Nr. 208: «Ach bleib mit deiner Gnade» von
J. Stegmann , Strophen 1–6 - Nr. 214: «Es segne uns der Herr» von
H. Annoni