Anhang Nr. 6 · 3. August 1925

Buchbesprechung von Rudolf Bultmann: Georg Brandes und Johannes Müller über Jesus

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Anhang 6

[Buchbesprechung von R. Bultmann, in: Abend-Ausgabe Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Jg. 54, Nr. 363 (3.8.1925), S. 2–3:] 📖

Georg Brandes und Johannes Müller über Jesus

Zwei Schriften sind mir hier gegeben, über die ich dem Leser vergleichend berichten soll.* Ich machte mich mit Freude an die Lektüre, denn wenn ein Thema, wie das vorliegende, von der Fachwissenschaft so oft behandelt ist und die Forschung so stark mit Traditionen belastet ist, so kann es immer sein, daß ein unbefangener Laie, der über die Sache kommt, Dinge sieht, die der Fachmann nicht sah, weil jener den Blick in eine überraschende neue Richtung lenkt. Wie steht es hier damit?

Die erste Schrift enthält auf dem Titelblatt das Thema «Die Jesus-Sage» und als Verfassernamen den Namen des bekannten dänischen Literarhistorikers Georg Brandes. Sie belehrt uns: der Jesus der Evangelien ist eine Sagengestalt wie etwa Wilhelm Tell. Das Jesus-Bild ist erwachsen aus dem um Jahrhunderte älteren Bilde einer göttlichen Gestalt, die in der Johannes-Offenbarung, dem «Fundament des Neuen Testaments»[,] noch deutlich sichtbar ist. Es ist das himmlische Wesen, dessen Augen wie Feuerflammen glühen, und dessen Stimme wie großes Wasserrauschen ist, das sieben Sterne in der Hand hält, aus dessen Mund ein zweischneidiges Schwert geht, und dessen Angesicht leuchtet wie die Sonne. Auch in den «nicht vielen echten Partien» der Paulus-Briefe erscheint diese Gestalt als der Erstgeborene vor allen Kreaturen, durch den Himmel und Erde geschaffen sind. Vom historischen Jesus weiß Paulus, dieser krankhafte, zänkische und wahrscheinlich buckelige Jude, nichts, so wenig wie die profanen Schriftsteller jener Zeit. Alte Sehnsüchte und Ideale haben jenes Bild im alten Israel geschaffen als das Bild des Messias. Es verschmolz mit dem Bilde Gottes selbst, und mit ihm wuchs die in orientalischen Religionen verbreitete mythologische |221 Gestalt eines sterbenden und auferstehenden Gottheilands zusammen. Fragelust und Wißbegier der neu gebildeten Gläubiger [sic!] verursachten es aber, daß mit Hilfe von Anekdoten, legendarischen Erzählungen und dergleichen ein Evangelium zusammengeschrieben («ein Gebräu gekocht» sagt der geschmackvolle Verfasser) wurde, in dem nun aus jenem grandiosen oder grotesken Phantasiebild das idyllische Bild eines in Galiläa umherwandelnden und mahnenden jungen Mannes wurde. Den Stoff dazu lieferte vor allem das Alte Testament; auf seine Motive gehen zahlreiche Szenen des «Lebens Jesu» zurück. Übrigens ist das so entstandene Jesus-Bild nicht einheitlich; verschiedene Tendenzen kreuzen sich in ihm. Hier erscheint Jesus erfüllt von Lebensfreude, dort als der düstere Puritaner; hier als gesetzestreuer Jude, dort als der Revolutionär. Minderwertiges mischt sich in seinen angeblichen Worten mit Höherstehendem, was seinerseits freilich nie die Höhe der griechischrömischen Moral erreicht.

Der Fachmann ist nach der Lektüre nicht gerade überrascht; vielleicht ist es mancher Leser, der zu den Laien gehört. Eine seltsame Entdeckung aber macht zu seiner Überraschung auch der Fachmann, nämlich, daß der Verfasser dieses Buches offenbar nie gelebt hat. Es ist nämlich ebenso wie das Neue Testament in der Beleuchtung, die ihm hier gegeben wird, eine ziemlich groteske Kompilation aus altem und ältestem Gut; es ist wie das angebliche «Leben Jesu» völlig aus Motiven früherer Literatur zusammengeflickt. Ich habe David Friedrich Strauß wie französische und holländische Forscher (die zuweilen sogar ganz naiv genannt werden) darin wiedergefunden; der verschrobene Amerikaner W. B. Smith spukt darin wie der große englische Ethnologe Frazer. Die materialistischen bzw. sozialistischen Geschichtsschreiber des «Lebens Jesu» wie der Assyriologe und Deuter des Gilgamesch-Epos P. Jensen und der unter die Astrologen gegangene Philosoph A. Drews haben ihre Beiträge liefern müssen. Kurz, so steht hier nichts zu lesen, was ich nicht anderwärts auch schon gelesen habe. Ist es möglich, daß ein solches Buch einen wirklichen Schriftsteller zum Verfasser hat? Dazu kommt, daß das hier entworfene Geschichtsbild keineswegs einheitlich ist; verschiedene Tendenzen kreuzen sich. Hier wird nach der Methode ethnologisch-religionsgeschichtlicher Betrachtung erklärt; dort rationalistisch oder materialistisch. Hier herrscht humanistische Begeisterung für das griechisch-römische Ethos; dort atmet die Andacht des |222 Modern-Primitiven vor alten Reinheitsbräuchen. Hier werden Ergebnisse modernster Geschichtswissenschaft vorgetragen; dort waltet naive Unwissenheit etwa über die Entstehung der Mischna oder den altkirchlichen Osterstreit, von dem der Verfasser keine Ahnung hat. Hier macht die Skepsis auch vor gut bezeugten Angaben nicht halt; dort wird die Personalbeschreibung des Paulus aus apokryphen Apostelakten gläubig hingenommen.

Daneben soll ich die Schrift von Johannes Müller stellen! Aber wie geht es an, zwei so fundamental verschiedene Schriften zu vergleichen? Denn bei Müller erhebt sich kein Zweifel an der geschichtlichen Existenz Jesu, und in höchst unbefangener Weise werden die evangelischen Berichte verwertet, ohne Reflexion über ihre Unterschiede in der geschichtlichen Zuverlässigkeit. Aber immerhin, in einem Punkt scheint ein Vergleich möglich. Denn wie jene Schrift altes Material neu auffrisierte, so gehört auch diese Schrift, trotz anderer Qualitäten, im Grunde einer versunkenen Welt an. Und, um auch das gleich zu gestehen, an Langeweile kann sie sich mit jener messen. Der eine Gedanke, der sie durchzieht, wird zu Tode gehetzt, und man erstickt schließlich in diesen «Unmittelbarkeiten zu und von Gott», in diesen «schöpferischen Gärungen» und «Entfaltungen» und «unbewußten Seelentiefen und Lebensprozessen». Der Verfasser zeichnet «Jesus, wie ich ihn sehe». Das könnte bescheiden klingen; aber der Verfasser, der die «Unmittelbarkeit zu und von Gott» für das Konstituierende im Leben Jesu hält, versichert uns: «Ich verstehe das, weil ich die Eigenart des unmittelbaren Lebens kenne.» Ja er meint: «Wir können Jesus wirklich nachfolgen, wahrhaftig und echt, ja besser und leichter als seine Jünger, weil wir ihn besser, tiefer und wesentlicher kennen als diese. Denn wir kennen ihn nach dem Geist, nach dem, was ihn im Innersten zusammenhielt, ausmachte und bewegte. Wir kennen die besondere Fassung seiner Seele und das innere Gesetz seines Lebens.» In diesem Falle muß ich mich leider auf die Seite des angeblichen Georg Brandes stellen, der von alledem nichts weiß; denn auch ich weiß davon nichts. Ich bin aber offen gestanden der Meinung, daß auch Joh. Müller nichts, aber auch gar nichts davon weiß. In Wahrheit besteht seine Darstellung darin, daß er das Ideal des «unmittelbaren Lebens zu und von Gott», dessen Eigenart er ja kennt, höchst naiv in die Gestalt Jesu hineinprojiziert. Und das wäre ja weiter nicht schlimm; denn wenn nun auch der Historiker nicht |223 befriedigt wäre, so ist es vielleicht der naive Leser um so mehr, wenn er hin zu den Quellen des unmittelbaren Lebens geführt wird. Aber was findet er? Eine vielleicht naive, aber jedenfalls traditions- und phantasielose, schulmeisterliche und kraftlose Romantik. Ich weiß: Joh. Müller hat seine Verdienste; aber um dies Jesusbuch der Gegenwart anzubieten, muß man schon völlig darüber verblendet sein, daß solche Romantik einer vergangenen Zeit angehört. Der Vergangenheit gehört wahrhaftig auch der Kampf gegen die Subjektivität und Reflexion an, der einmal sein Recht haben mochte. Aber der führt wahrlich den Kampf schlecht, der vom Rationalismus zum unbewußten Seelenleben ruft, statt zu den Sachen, mit denen wir uns zu befassen haben; der zur Hingabe ruft an das, was triebhaft im Unbewußten wirkt, statt an das, was an den Menschen fordernd herantritt; der unter dem objektiven Geschehen das Handeln versteht, das nicht als ein Willensakt ins Bewußtsein tritt, sondern besinnungslos aus einem Nichtwissen als inneres Muß hervorgeht, und der die Dämonischen, «wo das Bewußtsein ganz durch die Übermacht des Unterbewußtseins … ausgeschaltet war», für die objektivsten Empfänger des gotterfüllten Wesens Jesu hält; der unter der Entscheidung, in die der Mensch gestellt ist, die Entscheidung für den elementaren Zug und sicheren Geschmack des «autonomen Lebensgefühls» versteht und die Entscheidungen nicht sieht, in die uns die Wirklichkeit des Lebens im konkreten Verhältnis von Ich und Du, in der konkreten Gegenwart mit ihren Nöten und Pflichten stellt. Ich sage: der führt den Kampf schlecht, denn er will den Teufel durch Beelzebub vertreiben und weiß gar nicht, wie tief er selbst im Subjektivismus einer Reflexionskultur steckt.

Ich empfinde aber die Anmaßung dieser Schrift so stark, daß ich noch mehr sagen muß. Wenn der Verfasser schon einmal von Jesus die Vorstellung hatte, daß er nie zusammenhängend sprach, und daß es ihm offenbar auf das Verstehen bzw. Verstandenwerden gar nicht ankam, so hätte er selbst danach handeln sollen und seine 96 Seiten ungeschrieben sein lassen sollen. Oder hat er danach gehandelt? Denn in der Tat, es finden sich Sätze, die nicht aufs Verstandenwerden berechnet zu sein scheinen, wie der: «Nur die Form seines (Jesu) geistigen Lebens war subjektiv, der Gehalt war objektiv. Er war das Gegebene, das von Gott Gegebene, das unbewußt die subjektiven Vorstellungen in genialer Weise fand …» Ich wenigstens kann mir von einem genialen Gehalt kei|224ne Vorstellung machen. Aber im Ernste: schon der Stil ist ein Symptom dafür, daß hier mit einem Mindestmaß von gedanklicher Arbeit über ein Thema gehandelt wird, das für dilettantische Versuche zu ernst ist. Wer der Meinung ist, daß nur die Wendung zu den Sachen die Rettung aus Reflexion und Subjektivismus ist, der wird auch die Geschichte in anderem Sinne befragen als der Verfasser, nämlich nicht nach dem Seelenleben eines Großen, sondern nach dem, was er zu sagen hat, nach dem Inhalt seiner Worte, nach den Sachen, auf die jene Worte weisen.

Sachfußnoten

*

Georg Brandes, Die Jesus-Sage. Berlin, Erich Reiß, 1925. 155 Seiten. 📖

Johannes Müller, Jesus, wie ich ihn sehe. Grüne Blätter, Zeitschrift für persönliche und völkische Lebensfragen. 27. Band, 1. Heft.

Verlag der Grünen Blätter
, Elmau 1925. 96 Seiten 📖.↩