Georg Brandes und
Johannes Müller über Jesus
Zwei Schriften sind mir hier gegeben, über die ich dem Leser vergleichend berichten
soll.* Ich machte mich mit Freude an die Lektüre, denn wenn ein Thema, wie das
vorliegende, von der Fachwissenschaft so oft behandelt ist und die Forschung so stark
mit Traditionen belastet ist, so kann es immer sein, daß ein unbefangener Laie, der über
die Sache kommt, Dinge sieht, die der Fachmann nicht sah, weil jener den Blick in eine
überraschende neue Richtung lenkt. Wie steht es hier damit?
Die erste Schrift enthält auf dem Titelblatt das Thema «Die Jesus-Sage» und als Verfassernamen den Namen des bekannten dänischen Literarhistorikers Georg Brandes. Sie belehrt uns: der Jesus der Evangelien ist eine Sagengestalt wie etwa Wilhelm
Tell. Das Jesus-Bild ist erwachsen aus dem um Jahrhunderte älteren Bilde einer
göttlichen Gestalt, die in der Johannes-Offenbarung, dem «Fundament des Neuen
Testaments»[,] noch deutlich sichtbar ist. Es ist das himmlische Wesen, dessen Augen wie
Feuerflammen glühen, und dessen Stimme wie großes Wasserrauschen ist, das sieben Sterne
in der Hand hält, aus dessen Mund ein zweischneidiges Schwert geht, und dessen Angesicht
leuchtet wie die Sonne. Auch in den «nicht vielen echten Partien» der Paulus-Briefe erscheint diese Gestalt als der
Erstgeborene vor allen Kreaturen, durch den Himmel und Erde geschaffen sind. Vom
historischen Jesus weiß Paulus, dieser
krankhafte, zänkische und wahrscheinlich buckelige Jude, nichts, so wenig wie die
profanen Schriftsteller jener Zeit. Alte Sehnsüchte und Ideale haben jenes Bild im alten
Israel geschaffen als das Bild des
Messias. Es verschmolz mit dem Bilde Gottes selbst, und mit ihm wuchs die in
orientalischen Religionen verbreitete mythologische |221 Gestalt
eines sterbenden und auferstehenden Gottheilands zusammen. Fragelust und Wißbegier der
neu gebildeten Gläubiger [sic!] verursachten es aber, daß mit Hilfe von Anekdoten,
legendarischen Erzählungen und dergleichen ein Evangelium zusammengeschrieben («ein
Gebräu gekocht» sagt der geschmackvolle Verfasser) wurde, in dem nun aus jenem
grandiosen oder grotesken Phantasiebild das idyllische Bild eines in Galiläa umherwandelnden und mahnenden jungen Mannes
wurde. Den Stoff dazu lieferte vor allem das Alte Testament; auf seine Motive gehen
zahlreiche Szenen des «Lebens Jesu» zurück. Übrigens ist das so entstandene Jesus-Bild
nicht einheitlich; verschiedene Tendenzen kreuzen sich in ihm. Hier erscheint Jesus
erfüllt von Lebensfreude, dort als der düstere Puritaner; hier als gesetzestreuer Jude,
dort als der Revolutionär. Minderwertiges mischt sich in seinen angeblichen Worten mit
Höherstehendem, was seinerseits freilich nie die Höhe der griechischrömischen Moral
erreicht.
Der Fachmann ist nach der Lektüre nicht gerade überrascht; vielleicht ist es mancher
Leser, der zu den Laien gehört. Eine seltsame Entdeckung aber macht zu
seiner Überraschung auch der Fachmann, nämlich, daß der Verfasser dieses Buches offenbar
nie gelebt hat. Es ist nämlich ebenso wie das Neue Testament in der Beleuchtung, die ihm
hier gegeben wird, eine ziemlich groteske Kompilation aus altem und ältestem Gut; es ist
wie das angebliche «Leben Jesu» völlig aus Motiven früherer Literatur zusammengeflickt.
Ich habe David Friedrich Strauß wie
französische und holländische Forscher (die zuweilen sogar ganz naiv
genannt werden) darin wiedergefunden; der verschrobene Amerikaner
W. B. Smith spukt darin wie der große
englische Ethnologe Frazer. Die materialistischen bzw. sozialistischen
Geschichtsschreiber des «Lebens Jesu» wie der Assyriologe und Deuter des Gilgamesch-Epos
P. Jensen und der unter die Astrologen
gegangene Philosoph A. Drews haben ihre
Beiträge liefern müssen. Kurz, so steht hier nichts zu lesen, was ich nicht anderwärts
auch schon gelesen habe. Ist es möglich, daß ein solches Buch einen wirklichen
Schriftsteller zum Verfasser hat? Dazu kommt, daß das hier entworfene Geschichtsbild
keineswegs einheitlich ist; verschiedene Tendenzen kreuzen sich. Hier wird nach der
Methode ethnologisch-religionsgeschichtlicher Betrachtung erklärt; dort rationalistisch
oder materialistisch. Hier herrscht humanistische Begeisterung für das griechisch-römische Ethos; dort atmet die Andacht des |222
Modern-Primitiven vor alten Reinheitsbräuchen. Hier werden Ergebnisse modernster
Geschichtswissenschaft vorgetragen; dort waltet naive Unwissenheit etwa über die
Entstehung der Mischna oder den altkirchlichen Osterstreit, von dem der Verfasser keine
Ahnung hat. Hier macht die Skepsis auch vor gut bezeugten Angaben nicht halt; dort wird
die Personalbeschreibung des Paulus aus
apokryphen Apostelakten gläubig hingenommen.
Daneben soll ich die Schrift von Johannes Müller stellen! Aber wie geht es an, zwei so fundamental verschiedene Schriften zu
vergleichen? Denn bei Müller erhebt sich kein
Zweifel an der geschichtlichen Existenz Jesu, und in höchst unbefangener Weise werden
die evangelischen Berichte verwertet, ohne Reflexion über ihre Unterschiede in der
geschichtlichen Zuverlässigkeit. Aber immerhin, in einem Punkt scheint
ein Vergleich möglich. Denn wie jene Schrift altes Material neu auffrisierte, so gehört
auch diese Schrift, trotz anderer Qualitäten, im Grunde einer versunkenen Welt an. Und,
um auch das gleich zu gestehen, an Langeweile kann sie sich mit jener messen. Der eine Gedanke, der sie durchzieht, wird zu Tode gehetzt, und man erstickt
schließlich in diesen «Unmittelbarkeiten zu und von Gott», in diesen «schöpferischen
Gärungen» und «Entfaltungen» und «unbewußten Seelentiefen und Lebensprozessen». Der
Verfasser zeichnet «Jesus, wie ich ihn sehe». Das könnte bescheiden
klingen; aber der Verfasser, der die «Unmittelbarkeit zu und von Gott» für das
Konstituierende im Leben Jesu hält, versichert uns: «Ich verstehe das, weil ich die
Eigenart des unmittelbaren Lebens kenne.» Ja er meint: «Wir können Jesus wirklich
nachfolgen, wahrhaftig und echt, ja besser und leichter als seine Jünger, weil wir ihn
besser, tiefer und wesentlicher kennen als diese. Denn wir kennen ihn nach dem Geist,
nach dem, was ihn im Innersten zusammenhielt, ausmachte und bewegte. Wir kennen die
besondere Fassung seiner Seele und das innere Gesetz seines Lebens.» In diesem Falle muß
ich mich leider auf die Seite des angeblichen Georg
Brandes stellen, der von alledem nichts weiß; denn auch ich weiß davon
nichts. Ich bin aber offen gestanden der Meinung, daß auch Joh. Müller nichts, aber auch gar
nichts davon weiß. In Wahrheit besteht seine Darstellung darin, daß er das Ideal des
«unmittelbaren Lebens zu und von Gott», dessen Eigenart er ja kennt, höchst naiv in die
Gestalt Jesu hineinprojiziert. Und das wäre ja weiter nicht schlimm; denn wenn nun auch
der Historiker nicht |223 befriedigt wäre, so ist es vielleicht
der naive Leser um so mehr, wenn er hin zu den Quellen des unmittelbaren Lebens geführt
wird. Aber was findet er? Eine vielleicht naive, aber jedenfalls traditions- und
phantasielose, schulmeisterliche und kraftlose Romantik. Ich weiß: Joh. Müller hat seine Verdienste; aber um dies
Jesusbuch der Gegenwart anzubieten, muß man schon völlig darüber verblendet sein, daß
solche Romantik einer vergangenen Zeit angehört. Der Vergangenheit gehört wahrhaftig
auch der Kampf gegen die Subjektivität und Reflexion an, der einmal sein Recht haben
mochte. Aber der führt wahrlich den Kampf schlecht, der vom
Rationalismus zum unbewußten Seelenleben ruft, statt zu den Sachen,
mit denen wir uns zu befassen haben; der zur Hingabe ruft an das, was triebhaft im
Unbewußten wirkt, statt an das, was an den Menschen fordernd herantritt; der unter dem
objektiven Geschehen das Handeln versteht, das nicht als ein Willensakt ins Bewußtsein
tritt, sondern besinnungslos aus einem Nichtwissen als inneres Muß hervorgeht, und der
die Dämonischen, «wo das Bewußtsein ganz durch die Übermacht des Unterbewußtseins …
ausgeschaltet war», für die objektivsten Empfänger des gotterfüllten Wesens Jesu hält;
der unter der Entscheidung, in die der Mensch gestellt ist, die Entscheidung für den
elementaren Zug und sicheren Geschmack des «autonomen Lebensgefühls» versteht und die
Entscheidungen nicht sieht, in die uns die Wirklichkeit des Lebens im konkreten
Verhältnis von Ich und Du, in der konkreten Gegenwart mit ihren Nöten und Pflichten
stellt. Ich sage: der führt den Kampf schlecht, denn er will den Teufel durch Beelzebub
vertreiben und weiß gar nicht, wie tief er selbst im Subjektivismus einer
Reflexionskultur steckt.
Ich empfinde aber die Anmaßung dieser Schrift so stark, daß ich noch mehr sagen muß.
Wenn der Verfasser schon einmal von Jesus die Vorstellung hatte, daß er nie
zusammenhängend sprach, und daß es ihm offenbar auf das Verstehen bzw. Verstandenwerden
gar nicht ankam, so hätte er selbst danach handeln sollen und seine 96 Seiten
ungeschrieben sein lassen sollen. Oder hat er danach gehandelt? Denn
in der Tat, es finden sich Sätze, die nicht aufs Verstandenwerden berechnet zu sein
scheinen, wie der: «Nur die Form seines (Jesu) geistigen Lebens war subjektiv, der
Gehalt war objektiv. Er war das Gegebene, das von Gott Gegebene, das unbewußt die
subjektiven Vorstellungen in genialer Weise fand …» Ich wenigstens kann mir von einem
genialen Gehalt kei|224ne Vorstellung machen. Aber im
Ernste: schon der Stil ist ein Symptom dafür, daß hier mit einem Mindestmaß von
gedanklicher Arbeit über ein Thema gehandelt wird, das für dilettantische Versuche zu
ernst ist. Wer der Meinung ist, daß nur die Wendung zu den Sachen die Rettung aus
Reflexion und Subjektivismus ist, der wird auch die Geschichte in anderem Sinne befragen
als der Verfasser, nämlich nicht nach dem Seelenleben eines Großen, sondern nach dem,
was er zu sagen hat, nach dem Inhalt seiner Worte,
nach den Sachen, auf die jene Worte weisen.