Anhang Nr. 5 · 21. Juni 1925 – 22. Juni 1925

Rudolf Schlunck an Karl Barth

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Anhang 5

[Aus einem Brief von Pfarrer Rudolf Schlunck, Melsungen, (21./22.6.1925) an K. Barth (Orig. im Karl Barth-Archiv):]

Du sprachst von Kutters Ruf nach der Schweiz. Das hat mich innerlich weiter beschäftigt. Was Dir irgend einer sagte, Du dürfest auf keinen Fall die Position aufgeben, ist gewiß nicht richtig, weil Deine Position nicht auf Göttingen ruht, sondern auf dem Wort, da hat Kutter recht. Ihm wäre nur entgegenzuhalten, daß Du in Göttingen auf Deiner Schweizer Kanzel gestanden hast und stehst. Die Position auf dem Wort darfst Du nicht aufgeben, die in Göttingen wohl. Der Katheder ist die Fortsetzung der Kanzel, ihre Konzentration auf einen bestimmten Zweck. Das Katheder kann für Dich zeitweilig sein, die Kanzel nicht. So hast Dus ja auch angesehen.

Ob Du nun jetzt den Katheder aufgibst, ist natürlich eine Frage der persönlichen Führung durch Gott, die Du letzten Endes allein entscheiden kannst und zwar ohne die Wünsche mitspielen zu lassen. Es kann sehr wohl sein, daß Dich Gott vom exponierten Außenposten auf den Mutterboden zurückversetzen will, daß Du daraus neue Kraft saugst und Dich für den Generalkampf stärkst und sammelst. Auch wohl möglich, daß Du Deine bei dieser kühnen Sendung gewonnenen Erkenntnisse mit der Schweizer Kanzel in Ausgleich bringen sollst und also zu nächst wieder in die Schweiz gewiesen wärest. Dieser geistige Ausgleich würde dann, wenn er gelingt, den engen Konnex der durch Dein weiter greifendes Zeugnis Gewonnenen mit Deiner Mutterkirche herbeiführen und das begonnene ökumenische Gespräch von dort aus fortsetzen.

Aufgeben darfst Du den geschaffenen Kreis nicht und das würde ja durch Deine Rückversetzung in die Schweiz nicht bedingt sein. Nur käme es in diesem Falle darauf an, ob Du das Zutrauen hättest, daß der gestreute Same sich in Deutschland zu einer gewissen Selbständigkeit entwickelte. Genug Rufe würden Dir zu teil werden, um hier und da in Deutschland helfend einzugreifen.

Wenn Kutter den prinzipiellen Vorrang der Kanzel vor dem Katheder behauptet, so hat er recht. Aber diese Anschauung ist nicht herrschend, sondern das Gegenteil. Indem Du zur Kanzel zurückkehrtest, |219 würdest Du weithin ihr Erstgeburtsrecht bezeugen. Und das wäre angesichts der Beschaffenheit der Katheder gut. Du würdest die Augen aller für Deinen Kampf Bewegten auf die Kanzel und ihre Ehre lenken und damit der «Wissenschaft» die verdiente Lektion geben.

Was tut Dir diese «Wissenschaft»? Rechts und Links befehden Dich. Wenn Du sie in Göttingen auf eine leere Stelle stoßen lässest, läuft sich ihr Stoß aus und Du kannst sie von der Schweiz her packen. Es ist möglich, daß Du auf diesem Wege zu einer anderen Professur kommst, die nichts mehr von der Unklarheit Deiner heutigen Professur an sich hat und nicht mehr der geheimen Unterhöhlung durch die Fachleute ausgesetzt ist. Glaube mir, die Herren werden nicht ruhen in dem Sinne, wie sie Dich stürzen und die Schlappschwänze in Berlin, genannt Minister, lassen Dich in der höflichsten Form in Stich. In dieser Lage auf einen Ruf nach anderswo warten, dazu würde ich nicht raten, wenn nicht wider Erwarten Dir doch eine ganz bestimmte Aussicht gemacht würde. Andernfalls aber könnte die Entwicklung darauf hinauslaufen, was ich wünschte, daß eine freie theologische Fakultät geboren würde, hier oder dort, nicht in Preußen oder doch vielleicht gerade in Preußen. Da könntest Du Deine Dogmatik schreiben, die das munus regium nicht als Abschnitt 3 des § so und so, sondern als gestaltendes Prinzip behandelte und aufstellte.

Dornenlos wird dieser Weg nicht sein, aber Du bleibst der freie Steuermann Deines Schiffes. Dornenlos wird das Bleiben und Warten in Göttingen auch nicht sein, aber die Erquickung wäre viel geringer.

Nun hast Du meine Gedanken. Dazu noch einen herzlichen Gruß von
Deinem Rd.