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        <title type="volume" n="vol-01">Karl Barth – Rudolf Bultmann. Briefwechsel 1911–1966</title>
        <title type="formal">Anhang Nr. 6</title>
        <title type="content">Buchbesprechung von Rudolf Bultmann: Georg Brandes und Johannes Müller über Jesus</title>
        <title type="citation_line_1">Bultmann, Rudolf: Buchbesprechung von Rudolf Bultmann: Georg Brandes und Johannes Müller über Jesus, 3. August 1925</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/1116 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Rudolf Bultmann. Briefwechsel 1911–1966, hrsg. v. Jaspert, Bernd (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 1994, S. 220–224.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Rudolf Bultmann. Briefwechsel 1911–1966</title>
          <title type="text">Anhang Nr. 6: Buchbesprechung von Rudolf Bultmann: Georg Brandes und Johannes Müller über Jesus</title>
          <author ref="kbga-actors-512">Bultmann, Rudolf</author>
          <editor>Jaspert, Bernd</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1994</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 220-224</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.1, Karl Barth Rudolf Bultmann Briefwechsel 1911-1966, anhang letter 6</title>
          <author ref="kbga-actors-512">Bultmann, Rudolf</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <date type="creation" when="1925-08-03">3. August 1925</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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        <head>Anhang 6</head>
        <div type="abstract">
          <p>
            
              <bibl corresp="kbga-bibls-1393">[Buchbesprechung von
                <hi rend="smallCaps">
                                <persName ref="kbga-actors-512">R. Bultmann</persName>,</hi>
                in:
                Abend-Ausgabe Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Jg. 54, Nr. 363 (3.8.1925), S. 2–3:]</bibl>
            
          </p>
        </div>
        <div>
          <head rend="head-kursiv">
                            <persName ref="kbga-actors-59">Georg Brandes</persName> und <persName ref="kbga-actors-8648">Johannes Müller</persName> über Jesus
          </head>
          <p rend="margin-top">Zwei Schriften sind mir hier gegeben, über die ich dem Leser vergleichend berichten
            soll.<note type="original" n="*">
                            <p>
                                <bibl corresp="kbga-bibls-1394">
                                    <persName ref="kbga-actors-59"><hi rend="italic">Georg Brandes</hi></persName>, Die Jesus-Sage. Berlin, Erich
              Reiß, 1925. 155 Seiten.</bibl>
                            </p>
                            <p>
                                <bibl corresp="kbga-bibls-1045"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-8648">Johannes Müller</persName></hi>, Jesus, wie ich ihn sehe. Grüne Blätter, Zeitschrift für persönliche und
                    völkische Lebensfragen. 27. Band, 1. Heft. <publisher>Verlag der Grünen Blätter</publisher>, Elmau
                    1925. 96 Seiten</bibl>.</p></note> Ich machte mich mit Freude an die Lektüre, denn wenn ein Thema, wie das
            vorliegende, von der Fachwissenschaft so oft behandelt ist und die Forschung so stark
            mit Traditionen belastet ist, so kann es immer sein, daß ein unbefangener Laie, der über
            die Sache kommt, Dinge sieht, die der Fachmann nicht sah, weil jener den Blick in eine
            überraschende neue Richtung lenkt. Wie steht es hier damit?</p>
          <p>Die erste Schrift enthält auf dem Titelblatt das Thema «<hi rend="italic">Die Jesus-Sage</hi>» und als Verfassernamen den Namen des bekannten dänischen Literarhistorikers <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-59">Georg Brandes</persName></hi>. Sie belehrt uns: der Jesus der Evangelien ist eine Sagengestalt wie etwa Wilhelm
            Tell. Das Jesus-Bild ist erwachsen aus dem um Jahrhunderte älteren Bilde einer
            göttlichen Gestalt, die in der Johannes-Offenbarung, dem «Fundament des Neuen
            Testaments»[,] noch deutlich sichtbar ist. Es ist das himmlische Wesen, dessen Augen wie
            Feuerflammen glühen, und dessen Stimme wie großes Wasserrauschen ist, das sieben Sterne
            in der Hand hält, aus dessen Mund ein zweischneidiges Schwert geht, und dessen Angesicht
            leuchtet wie die Sonne. Auch in den «nicht vielen echten Partien» der <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>-Briefe erscheint diese Gestalt als der
            Erstgeborene vor allen Kreaturen, durch den Himmel und Erde geschaffen sind. Vom
            historischen Jesus weiß <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, dieser
            krankhafte, zänkische und wahrscheinlich buckelige Jude, nichts, so wenig wie die
            profanen Schriftsteller jener Zeit. Alte Sehnsüchte und Ideale haben jenes Bild im alten
              <placeName ref="kbga-places-34">Israel</placeName> geschaffen als das Bild des
            Messias. Es verschmolz mit dem Bilde Gottes selbst, und mit ihm wuchs die in
            orientalischen Religionen verbreitete mythologische <pb xml:id="p221" ed="pga"/> Gestalt
            eines sterbenden und auferstehenden Gottheilands zusammen. Fragelust und Wißbegier der
            neu gebildeten Gläubiger [sic!] verursachten es aber, daß mit Hilfe von Anekdoten,
            legendarischen Erzählungen und dergleichen ein Evangelium zusammengeschrieben («ein
            Gebräu gekocht» sagt der geschmackvolle Verfasser) wurde, in dem nun aus jenem
            grandiosen oder grotesken Phantasiebild das idyllische Bild eines in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> umherwandelnden und mahnenden jungen Mannes
            wurde. Den Stoff dazu lieferte vor allem das Alte Testament; auf seine Motive gehen
            zahlreiche Szenen des «Lebens Jesu» zurück. Übrigens ist das so entstandene Jesus-Bild
            nicht einheitlich; verschiedene Tendenzen kreuzen sich in ihm. Hier erscheint Jesus
            erfüllt von Lebensfreude, dort als der düstere Puritaner; hier als gesetzestreuer Jude,
            dort als der Revolutionär. Minderwertiges mischt sich in seinen angeblichen Worten mit
            Höherstehendem, was seinerseits freilich nie die Höhe der griechischrömischen Moral
            erreicht.</p>
          <p>Der Fachmann ist nach der Lektüre nicht gerade überrascht; vielleicht ist es mancher
            Leser, der zu den Laien gehört. <hi rend="italic">Eine</hi> seltsame Entdeckung aber macht zu
            seiner Überraschung auch der Fachmann, nämlich, daß der Verfasser dieses Buches offenbar
            nie gelebt hat. Es ist nämlich ebenso wie das Neue Testament in der Beleuchtung, die ihm
            hier gegeben wird, eine ziemlich groteske Kompilation aus altem und ältestem Gut; es ist
            wie das angebliche «Leben Jesu» völlig aus Motiven früherer Literatur zusammengeflickt.
            Ich habe <persName ref="kbga-actors-398">David Friedrich Strauß</persName> wie
              französische und holländische Forscher (die zuweilen sogar ganz naiv
            genannt werden) darin wiedergefunden; der verschrobene Amerikaner
            <persName ref="kbga-actors-387">W. B. Smith</persName> spukt darin wie der große
              englische Ethnologe <persName ref="kbga-actors-124">Frazer</persName>. Die materialistischen bzw. sozialistischen
            Geschichtsschreiber des «Lebens Jesu» wie der Assyriologe und Deuter des Gilgamesch-Epos
              <persName ref="kbga-actors-207">P. Jensen</persName> und der unter die Astrologen
            gegangene Philosoph <persName ref="kbga-actors-99">A. Drews</persName> haben ihre
            Beiträge liefern müssen. Kurz, so steht hier nichts zu lesen, was ich nicht anderwärts
            auch schon gelesen habe. Ist es möglich, daß ein solches Buch einen wirklichen
            Schriftsteller zum Verfasser hat? Dazu kommt, daß das hier entworfene Geschichtsbild
            keineswegs einheitlich ist; verschiedene Tendenzen kreuzen sich. Hier wird nach der
            Methode ethnologisch-religionsgeschichtlicher Betrachtung erklärt; dort rationalistisch
            oder materialistisch. Hier herrscht humanistische Begeisterung für das griechisch-römische Ethos; dort atmet die Andacht des <pb xml:id="p222" ed="pga"/>
            Modern-Primitiven vor alten Reinheitsbräuchen. Hier werden Ergebnisse modernster
            Geschichtswissenschaft vorgetragen; dort waltet naive Unwissenheit etwa über die
            Entstehung der Mischna oder den altkirchlichen Osterstreit, von dem der Verfasser keine
            Ahnung hat. Hier macht die Skepsis auch vor gut bezeugten Angaben nicht halt; dort wird
            die Personalbeschreibung des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> aus
            apokryphen Apostelakten gläubig hingenommen.</p>
          <p>Daneben soll ich die Schrift von <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-8648">Johannes Müller</persName></hi> stellen! Aber wie geht es an, zwei so fundamental verschiedene Schriften zu
            vergleichen? Denn bei <persName ref="kbga-actors-8648">Müller</persName> erhebt sich kein
            Zweifel an der geschichtlichen Existenz Jesu, und in höchst unbefangener Weise werden
            die evangelischen Berichte verwertet, ohne Reflexion über ihre Unterschiede in der
            geschichtlichen Zuverlässigkeit. Aber immerhin, in <hi rend="italic">einem</hi> Punkt scheint
            ein Vergleich möglich. Denn wie jene Schrift altes Material neu auffrisierte, so gehört
            auch diese Schrift, trotz anderer Qualitäten, im Grunde einer versunkenen Welt an. Und,
            um auch das gleich zu gestehen, an Langeweile kann sie sich mit jener messen. Der <hi rend="italic">eine</hi> Gedanke, der sie durchzieht, wird zu Tode gehetzt, und man erstickt
            schließlich in diesen «Unmittelbarkeiten zu und von Gott», in diesen «schöpferischen
            Gärungen» und «Entfaltungen» und «unbewußten Seelentiefen und Lebensprozessen». Der
            Verfasser zeichnet «<hi rend="italic">Jesus, wie ich ihn sehe</hi>». Das könnte bescheiden
            klingen; aber der Verfasser, der die «Unmittelbarkeit zu und von Gott» für das
            Konstituierende im Leben Jesu hält, versichert uns: «Ich verstehe das, weil ich die
            Eigenart des unmittelbaren Lebens kenne.» Ja er meint: «Wir können Jesus wirklich
            nachfolgen, wahrhaftig und echt, ja besser und leichter als seine Jünger, weil wir ihn
            besser, tiefer und wesentlicher kennen als diese. Denn wir kennen ihn nach dem Geist,
            nach dem, was ihn im Innersten zusammenhielt, ausmachte und bewegte. Wir kennen die
            besondere Fassung seiner Seele und das innere Gesetz seines Lebens.» In diesem Falle muß
            ich mich leider auf die Seite des angeblichen <persName ref="kbga-actors-59">Georg
              Brandes</persName> stellen, der von alledem nichts weiß; denn auch ich weiß davon
            nichts. Ich bin aber offen gestanden der Meinung, daß auch <persName ref="kbga-actors-8648">Joh. Müller</persName> nichts, aber auch <hi rend="italic">gar</hi>
            nichts davon weiß. In Wahrheit besteht seine Darstellung darin, daß er das Ideal des
            «unmittelbaren Lebens zu und von Gott», dessen Eigenart er ja kennt, höchst naiv in die
            Gestalt Jesu hineinprojiziert. Und das wäre ja weiter nicht schlimm; denn wenn nun auch
            der Historiker nicht <pb xml:id="p223" ed="pga"/> befriedigt wäre, so ist es vielleicht
            der naive Leser um so mehr, wenn er hin zu den Quellen des unmittelbaren Lebens geführt
            wird. Aber was findet er? Eine vielleicht naive, aber jedenfalls traditions- und
            phantasielose, schulmeisterliche und kraftlose Romantik. Ich weiß: <persName ref="kbga-actors-8648">Joh. Müller</persName> hat seine Verdienste; aber um dies
            Jesusbuch der Gegenwart anzubieten, muß man schon völlig darüber verblendet sein, daß
            solche Romantik einer vergangenen Zeit angehört. Der Vergangenheit gehört wahrhaftig
            auch der Kampf gegen die Subjektivität und Reflexion an, der einmal sein Recht haben
            mochte. Aber <hi rend="italic">der</hi> führt wahrlich den Kampf schlecht, der vom
            Rationalismus zum unbewußten Seelenleben ruft, statt zu den <hi rend="italic">Sachen</hi>,
            mit denen wir uns zu befassen haben; der zur Hingabe ruft an das, was triebhaft im
            Unbewußten wirkt, statt an das, was an den Menschen fordernd herantritt; der unter dem
            objektiven Geschehen das Handeln versteht, das nicht als ein Willensakt ins Bewußtsein
            tritt, sondern besinnungslos aus einem Nichtwissen als inneres Muß hervorgeht, und der
            die Dämonischen, «wo das Bewußtsein ganz durch die Übermacht des Unterbewußtseins …
            ausgeschaltet war», für die objektivsten Empfänger des gotterfüllten Wesens Jesu hält;
            der unter der Entscheidung, in die der Mensch gestellt ist, die Entscheidung für den
            elementaren Zug und sicheren Geschmack des «autonomen Lebensgefühls» versteht und die
            Entscheidungen nicht sieht, in die uns die Wirklichkeit des Lebens im konkreten
            Verhältnis von Ich und Du, in der konkreten Gegenwart mit ihren Nöten und Pflichten
            stellt. Ich sage: der führt den Kampf schlecht, denn er will den Teufel durch Beelzebub
            vertreiben und weiß gar nicht, wie tief er selbst im Subjektivismus einer
            Reflexionskultur steckt.</p>
          <p>Ich empfinde aber die Anmaßung dieser Schrift so stark, daß ich noch mehr sagen muß.
            Wenn der Verfasser schon einmal von Jesus die Vorstellung hatte, daß er nie
            zusammenhängend sprach, und daß es ihm offenbar auf das Verstehen bzw. Verstandenwerden
            gar nicht ankam, so hätte er selbst danach handeln sollen und seine 96 Seiten
            ungeschrieben sein lassen sollen. Oder <hi rend="italic">hat</hi> er danach gehandelt? Denn
            in der Tat, es finden sich Sätze, die nicht aufs Verstandenwerden berechnet zu sein
            scheinen, wie der: «Nur die Form seines (Jesu) geistigen Lebens war subjektiv, der
            Gehalt war objektiv. Er war das Gegebene, das von Gott Gegebene, das unbewußt die
            subjektiven Vorstellungen in genialer Weise fand …» Ich wenigstens kann mir von einem
            genialen Gehalt kei<pb xml:id="p224" ed="pga" break="no"/>ne Vorstellung machen. Aber im
            Ernste: schon der Stil ist ein Symptom dafür, daß hier mit einem Mindestmaß von
            gedanklicher Arbeit über ein Thema gehandelt wird, das für dilettantische Versuche zu
            ernst ist. Wer der Meinung ist, daß nur die Wendung zu den Sachen die Rettung aus
            Reflexion und Subjektivismus ist, der wird auch die Geschichte in anderem Sinne befragen
            als der Verfasser, nämlich nicht nach dem Seelenleben eines Großen, sondern nach dem,
            was er zu <hi rend="italic">sagen</hi> hat, nach dem <hi rend="italic">Inhalt</hi> seiner Worte,
            nach den <hi rend="italic">Sachen</hi>, auf die jene Worte weisen.</p>
        </div>
      </div>
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