Anhang Nr. 4 · 15. Juli 1924

O. Urbach an Karl Barth

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Anhang 4

[Brief von O. Urbach, ohne Datum (wahrscheinlich Juli 1924) an K. Barth (Orig. in der UB Marburg, Handschr.-Abt. Ms 860):]

z. Zt. Marburg/Lahn
Calvinstr. 1a
Sehr geehrter Herr Professor!

Entschuldigen Sie gütigst, daß ich als Unbekannter mir erlaube, einen Brief an Sie zu richten. Ich habe etwa vor einem Jahre Ihren «Römerbrief» (dritte Auflage!) gelesen und seitdem hab ich immer wieder zu diesem gewaltigen Werk gegriffen, dem ich so unendlich viel verdanke. — Nun fällt mir hier in Marburg, wo ich gerade weile, ein Artikel des Prof. Bultmann über «Die liberale Theologie und die jüngste theol. Bewegung»1 in die Hände. Ein guter Bekannter gab mir diesen Artikel mit dem Bemerken, Sie hätten dem Artikel inhaltlich durchaus zugestimmt. — Ich muß gestehen, hochgeehrter Herr Professor, daß ich schmerzlich enttäuscht war, daß Sie diesem — an sich wohl lehrreichen — Artikel zustimmen konnten. Schon das ist befremdlich, daß R. Bultmann Ihre theologische Auffassung aus der liberalen Theologie ableiten will.2 Sie selbst haben immer wieder in den Vorreden betont, daß Sie sich verwandt fühlen mit Hofmann, J. T. Beck, Godet, Schlatter; ja im Vorwort zur dritten Auflage (XX.) sagen Sie es frei heraus, daß Sie sich der positiven Theologie «von Haus aus näher und verwandter» fühlen. Ih|214rer ganzen Gedankenführung nach konnte ich mir das auch gar nicht anders denken. So wurden Ihre Gedanken auch von anderen Seiten verstanden. Im Johanneum zu Barmen, einem Predigerseminar der Gemeinschaftstheologen hat man Ihr Werk lesen lassen und es hat bahnbrechend und ungemein anregend auf die Gemeinschaftsprediger der neuen Generation gewirkt. — Ob nicht auch Dallmeyer3 der glänzendste und aufrichtigste Vertreter und Kritiker der Gemeinschaften von Ihnen gelernt hat? wer vermag es zu sagen? — DieChristlichen Vereine Junger Männer, in welchen ich ehrenamtlich an führender Stelle mitarbeite, planten, Sie zu Vorträgen zu berufen (vergl. C.V.J.M.-Hannover, wo Sie ablehnten!). Nur diese Beispiele wähle ich, um zu zeigen, wie man in ernsten, christlichen Kreisen Ihre Theologie als eine Theologie begrüßte, die rücksichtslos den Kampf aufnahm gegen alles Unchristliche und Widerchristliche jeder Gestalt. Ich selbst hatte einmal über Ihre Theologie zu referieren. Ich zog eine Linie von der «Theologie der Tatsachen» als Gegnerin der Theologie der Rhetorik, zur «Theozentrischen Theologie» (Schaeder!), streifte Lütgerts glänzende Kritik des Idealismus4 und kam dann zu sprechen auf Ihre Theologie, die ich als theozentrisch, antiidealistisch bezeichnete, als eine Theologie, die den Mut findet, die Dinge so zu sehen, wie sie sind d. h. Theologie der Tatsachen ist! Ich glaube auch jetzt noch fest daran, daß Ihre Theologie eine Bahnbrecherin sein wird — aber sie wird es erst dann sein, wenn Sie sich gelöst haben aus der Umklammerung durch die moderne, liberale Theologie. Das was R. Bultmann will, ist ja eigentlich Ihren Zielen, Gedanken diametral entgegengesetzt. Berührungspunkte mögen da sein, vielleicht ähnliche Begriffe und Paradoxa, aber innerlich sind beide Theologien getrennt wie Feuer und Wasser. Gewiß: Bultmanns Kritik an der liberalen Theologie in dem oben erwähnten Aufsatze ist einfach unübertrefflich. Was er über Reischle usw. sagt5 ist durchaus berechtigt. |215 Die liberale Theologie hat sich totgelaufen. Man steht hilflos da und weiß nicht mehr, wo man den winzig klein gewordenen historischen Jesus stellen soll. Als Zierat sind andere historische Porzellanfiguren geeigneter, als Eckstein aber hat man ihn verworfen. Die «Theologie der Rhetorik» will die Konsequenzen nicht ziehen und tröstet mit billigen Phrasen, die jedes Kind widerlegen kann. — Die liberale Theologie hat den Ast abgesägt, auf welchem sie saß und wundert sich jetzt über ihre «Position». In der Kritik besteht nun also tatsächlich eine Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Bultmann. Aber, sehr geehrter Herr Professor, da gibt es noch mindestens ebenso verblüffende Ähnlichkeiten z. B. D. F. Strauß «Die Halben und die Ganzen»6, ja Arthur Drews7 — der mit anderen Gelehrten (allerdings mit falschen Mitteln!) die letzten Konsequenzen zu ziehen wagt, wovor die meisten noch erschrecken! — Der gesunde Menschenverstand muß das Ende einer «Theologie» voraussehen, die ihren Quellen fundamental mißtrauischer gegenübersteht als die radikalste Profangeschichtsforschung. Aber diese Verwandtschaft ist doch nur eine Verwandtschaft in der Negation, in der Kritik. Ich gehe in der Kritik, in der Negation ziemlich weit mit den Kommunisten, Nationalisten, Katholiken, Buddhisten, Spenglerianern — und mit jedem, den Sie nennen können — also auch mit R. Bultmann! Aber daraus folgt noch nicht die Bejahung der nun gewählten Position. Bultmann zieht die Bilanz der radikalsten Forschung u. zw. nach dem Grundsatz: Je radikaler desto besser. Dann ist natürlich das Erträgnis der Historie = 0. Und nun springt er in das Reich der Ideen und des Mythos. Je weniger aus der Historie herauskommt, umso besser, denn desto größer ist das Wagnis, der Sprung! Ich komme jetzt nicht mit logischen Einwänden. Sonst würde ich etwa sagen: Warum springt B. auf die Christusidee, weshalb nicht auf jede andere Mythe, die ich — unter vollständiger Beiseitsetzung des N. T. — mir selbst ausmale? Warum nicht auf die Mohammed, Buddha, Marx, Lenin, Nietzsche oder y Mythe? Warum nicht — los von aller Geschichte — auf irgend eine selbstgeschaffene Idee? Ja, hochverehrter Herr Professor, wenn ich in |216 diesem Sinne die Historie preisgebe, dann gerate ich zwar nicht in den Relativismus der Historie, aber in den Relativismus der Ideen. «Hebt er sich aufwärts und berührt mit dem Scheitel die Sterne, nirgends haften dann die unsicheren Sohlen und mit ihm spielen Wolken und Winde.» (Goethe)8 Der «Orthodoxe» — ich finde es übrigens nicht vornehm, daß Bultmann die positive Theologie immer als Orthodoxie bezeichnet!— der Orthodoxe klammert sich an historische Tatsachen — und hält an diesen trotz allem fest. Er glaubt an sie. Gewiß ist der Einwand berechtigt: wie aber, wenn …? Aber der Historiker kann diesen Tatsachenglauben nicht erschüttern. Er, der Orthodoxe, glaubt, trotzdem und dennoch! Die Berechtigung des Tatsachenglaubens aber liegt darin, daß tatsächlich die Vergangenheit doch fest liegt. Die Geschichte ist «gefroren», «versteinert» — z. B. ist es für alle Ewigkeit eine unumstößliche Tatsache, daß ich diesen Brief geschrieben habe.

Der Mystiker klammert sich an sein Erlebnis — und hält daran fest, trotz aller Einreden: «Könnte das nicht eine Illusion sein usw.?»9 Er glaubt trotzdem! Denn: Wer will die eigene Erfahrung aus meiner Seele reißen?

Zwei verschiedene Arten der Religion: Objektivismus und Subjektivismus! Und nun kommt Bultmann mit seiner sehr feinen Kritik (die allerdings der Orthodoxie doch nicht ganz gerecht wird!). Er negiert beides und — klammert sich an eine a-historische, und a-subjekte Mythe, Idee! Er glaubt an diese Idee — trotz aller Einreden: «Nur durch die Historie kamst du zu dieser Mythe; aber ist nicht jede andere Mythe, Idee ebenso berechtigt? Ist nicht der Wunsch Vater des Gedankens?» Kurz: Bultmann wiederholt beide Fehler in einer anderen Etage noch einmal! Für ihn selbst mag diese Mythe, Idee wertvoll sein — niemals wird er einem anderen auch nur begreiflich machen können, was die ganze Sache für einen leisesten Sinn hat. Er wird sagen: das ist eben das Wesen des Glaubens usw. — Ja, so ähnlich «sagts der Pfarrer auch, nur mit ein bißchen andern Worten.»10 — Aus der Sphäre des Menschlichen kommen wir auf diese Weise nicht!

Es wäre bedauerlich, wenn Ihre Theologie einen Kompromiß eingin|217ge mit der Bultmann’schen. Jede reformatorische Tat kommt eines Tages in die Versuchung des Kompromisses. Von der Entscheidung dieser Stunde hängt dann das Sein und Nichtsein ab. Ich sehe es ganz deutlich, daß Ihnen die Theologie B’s zum Anstoß gesetzt ist, wo alles ankommt auf das Entweder — Oder. Wenn Sie, hochgeehrter Herr Professor, jetzt entschlossen den Trennungsstrich ziehen, dann allein kann Ihre Theologie das sein und werden, was sie sein sollte: eine reformatorische Tat. Es ist noch Zeit für Sie, entschlossen den Rückweg anzutreten!

Ich würde gewiß niemals die Feder ergriffen haben, Ihnen einen so langen Brief zu schreiben, wenn ich es nicht für meine heiligste Pflicht hielte, Ihnen das zu sagen, was mir selbst immer klarer und deutlicher geworden ist: die Theologie Ihres Römerbriefes und Bultmanns Theologie sind diametrale Gegensätze! Wagen Sie es doch, Herr Professor, zu erklären, daß Ihre Theologie niemals eine Vollendung der liberalen Theologie sein wollte. Ihr hochseliger Vater Fr. Barth, der fromme Blumhardt und all die anderen Ihrer Lehrer würden zu Tode erschrekken, wenn sie das hörten! Wie konnte nur Bultmann aus der Tatsache, daß Sie in Marburg studierten — und vielleicht auch früher einmal innerlich zur Marburger Theologie gehörten — einen solchen Schluß ziehen, obwohl Ihre Worte in der Vorrede zur dritten Auflage so sonnenklar das Gegenteil besagen! Ich möchte von einer Krisis des Kreises um Barth, Gogarten, Brunner usw. sprechen. In der schönen Predigtsammlung «Komm Schöpfer Geist» steht das wundertiefe Wort: Es gibt eine Dämmerung die zum Morgen führt und eine Dämmerung die zur Nacht führt.11 — Was ist es für eine Dämmerung, in welche die «Theologie des Römerbriefes» gekommen ist? Wollte Gott eine Dämmerung zum Morgen! Ja, das walte Gott, zur Ehre Seines Namens, zum Segen Seiner Kirche! — Verzeihen Sie, bitte, die temperamentvolle Schreibweise; ich hoffe, da es uns doch auf die Sache ankommt, wird Sie die Form nicht stören!

Mit ergebenem Gruße
verbleibe ich hochachtungsvoll
O. Urbach

Sachfußnoten

1
In: ThBl, Jg. 3 (1924), Sp. 73–86 📖 (= GuV I, S. 1–25 📖).↩
2
Vgl. GuV I, S. 1. 📖 ↩
3
Vgl. H. Dallmeyer, Die Gemeinschaftsbewegung, ihre Arbeit und Aufgabe, Neumünster 1914 📖; ders., Die Gemeinschaftsbewegung. Womit sie aufräumen muß, Lindhorst 1924. 📖 ↩
4
Vgl. A. Fr. Chr. Vilmar, Die Theologie der Thatsachen wider die Theologie der Rhetorik. Bekenntnis und Abwehr, Gütersloh 18764 📖; E. Schaeder, Theozentrische Theologie. Eine Untersuchung zur dogmatischen Prinzipienlehre, 2 Bde., Leipzig 1909/1914 📖; W. Lütgert, Die Religion des deutschen Idealismus und ihr Ende, Gütersloh, Bd. I 19232; Bd. II 19231.2 (Bd. III 1925; Bd. IV 1930) 📖.↩
5
GuV I, S. 9–13. 📖 ↩
6
D. Fr. Strauß, Die Halben und die Ganzen. Eine Streitschrift gegen die HH. DD. Schenkel und Hengstenberg, Berlin 1865. 📖 ↩
7
A. Drews, Die Christusmythe, 2 Bde., Jena 1909/1911 (2. völlig umgearbeitete Aufl. 1924). 📖 ↩
8
Aus J. W. von Goethes Gedicht «Grenzen der Menschheit», 2. Strophe. 📖 ↩
9
Vgl. R. Bultmann, GuV I, S. 13. 📖 ↩
10
Vgl. J. W. von Goethe, Faust I, V. 3460f. (Marthens Garten). 📖 ↩
11
[E. Thurneysen,] Moseszeit und Christuszeit [Predigt über 2.Kor. 3,12–17], in: K. Barth / E. Thurneysen, Komm Schöpfer Geist! Predigten, München 1924, S. 216 📖: «Wir Heutigen sehen das Ende dieses Vergänglichen so wenig wie Israel das Ende seines Gesetzes. Wir leben in der Dämmerung einer Zwischenzeit, da man noch gar nicht weiß, ob es Tag oder Nacht werden will.»↩