Sehr geehrter Herr Professor!
Entschuldigen Sie gütigst, daß ich als Unbekannter mir erlaube, einen Brief
an Sie zu richten. Ich habe etwa vor einem Jahre Ihren «Römerbrief» (dritte
Auflage!) gelesen und seitdem hab ich immer wieder zu diesem gewaltigen Werk
gegriffen, dem ich so unendlich viel verdanke. — Nun fällt mir hier in
Marburg, wo ich gerade
weile, ein Artikel des Prof. Bultmann über «Die liberale Theologie und die jüngste theol. Bewegung»1 in die Hände. Ein guter Bekannter gab mir diesen Artikel mit dem
Bemerken, Sie hätten dem Artikel inhaltlich durchaus zugestimmt. — Ich muß
gestehen, hochgeehrter Herr Professor, daß ich schmerzlich
enttäuscht war, daß Sie diesem — an sich wohl lehrreichen — Artikel
zustimmen konnten. Schon das ist befremdlich, daß R. Bultmann Ihre theologische
Auffassung aus der liberalen Theologie ableiten will.2 Sie selbst haben immer wieder in den Vorreden betont, daß Sie sich
verwandt fühlen mit Hofmann,
J. T. Beck, Godet, Schlatter; ja im Vorwort zur dritten Auflage (XX.) sagen Sie
es frei heraus, daß Sie sich der positiven Theologie «von
Haus aus näher und verwandter» fühlen.
Ih|214rer ganzen Gedankenführung nach
konnte ich mir das auch gar nicht anders denken. So wurden Ihre Gedanken
auch von anderen Seiten verstanden. Im Johanneum zu
Barmen, einem
Predigerseminar der Gemeinschaftstheologen hat man Ihr Werk lesen lassen und
es hat bahnbrechend und ungemein anregend auf die Gemeinschaftsprediger der
neuen Generation gewirkt. — Ob nicht auch Dallmeyer3 der glänzendste und aufrichtigste Vertreter und
Kritiker der Gemeinschaften von Ihnen gelernt hat? wer vermag es zu sagen? —
DieChristlichen Vereine Junger Männer, in welchen ich ehrenamtlich an
führender Stelle mitarbeite, planten, Sie zu Vorträgen zu berufen
(vergl. C.V.J.M.-Hannover, wo Sie ablehnten!). Nur diese
Beispiele wähle ich, um zu zeigen, wie man in ernsten,
christlichen Kreisen Ihre Theologie als eine Theologie begrüßte, die
rücksichtslos den Kampf aufnahm gegen alles Unchristliche und
Widerchristliche jeder Gestalt. Ich selbst hatte einmal
über Ihre Theologie zu referieren. Ich zog eine Linie von der «Theologie der
Tatsachen» als Gegnerin der Theologie der Rhetorik,
zur «Theozentrischen Theologie» (Schaeder!), streifte Lütgerts glänzende Kritik des Idealismus4 und kam dann zu sprechen auf Ihre
Theologie, die ich als theozentrisch, antiidealistisch
bezeichnete, als eine Theologie, die den Mut findet, die Dinge so zu sehen,
wie sie sind d. h. Theologie der Tatsachen ist! Ich glaube auch jetzt noch
fest daran, daß Ihre Theologie eine Bahnbrecherin sein
wird — aber sie wird es erst dann sein, wenn Sie sich gelöst haben aus der
Umklammerung durch die moderne, liberale Theologie. Das was R. Bultmann will, ist ja eigentlich
Ihren Zielen, Gedanken diametral entgegengesetzt.
Berührungspunkte mögen da sein, vielleicht ähnliche Begriffe und Paradoxa,
aber innerlich sind beide Theologien getrennt wie Feuer und Wasser. Gewiß: Bultmanns Kritik an der liberalen Theologie in dem oben
erwähnten Aufsatze ist einfach unübertrefflich. Was er über Reischle usw. sagt5 ist durchaus berechtigt. |215
Die liberale Theologie hat sich totgelaufen. Man steht hilflos da und weiß nicht mehr, wo man den winzig klein
gewordenen historischen Jesus stellen soll. Als Zierat sind andere
historische Porzellanfiguren geeigneter, als Eckstein aber hat man ihn
verworfen. Die «Theologie der Rhetorik» will die Konsequenzen nicht ziehen und tröstet mit billigen Phrasen, die jedes Kind
widerlegen kann. — Die liberale Theologie hat den Ast abgesägt, auf welchem
sie saß und wundert sich jetzt über ihre «Position». In der Kritik besteht
nun also tatsächlich eine Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Bultmann. Aber, sehr geehrter Herr
Professor, da gibt es noch mindestens ebenso verblüffende Ähnlichkeiten z. B.
D. F. Strauß «Die Halben und die Ganzen»6, ja Arthur Drews7 — der mit anderen Gelehrten (allerdings mit falschen Mitteln!) die
letzten Konsequenzen zu ziehen wagt, wovor die meisten noch erschrecken! — Der gesunde Menschenverstand muß das
Ende einer «Theologie» voraussehen, die ihren Quellen fundamental
mißtrauischer gegenübersteht als die radikalste Profangeschichtsforschung.
Aber diese Verwandtschaft ist doch nur eine Verwandtschaft in
der Negation, in der Kritik. Ich gehe in der Kritik, in der
Negation ziemlich weit mit den Kommunisten, Nationalisten,
Katholiken, Buddhisten, Spenglerianern — und mit jedem, den Sie nennen können — also
auch mit R. Bultmann! Aber daraus
folgt noch nicht die Bejahung der nun gewählten Position. Bultmann zieht die
Bilanz der radikalsten Forschung u. zw. nach dem Grundsatz: Je
radikaler desto besser. Dann ist natürlich das Erträgnis der
Historie = 0. Und nun springt er in das Reich der Ideen und des Mythos. Je
weniger aus der Historie herauskommt, umso besser, denn desto größer ist das Wagnis, der Sprung! Ich komme jetzt nicht mit
logischen Einwänden. Sonst würde ich etwa sagen: Warum springt B. auf die
Christusidee, weshalb nicht auf jede andere Mythe, die ich
— unter vollständiger Beiseitsetzung des N. T. —
mir selbst ausmale? Warum nicht auf die Mohammed, Buddha, Marx, Lenin, Nietzsche oder y Mythe? Warum nicht — los von aller
Geschichte — auf irgend eine selbstgeschaffene Idee? Ja, hochverehrter Herr
Professor, wenn ich in |216 diesem Sinne die
Historie preisgebe, dann gerate ich zwar nicht in den Relativismus der
Historie, aber in den Relativismus der Ideen. «Hebt er sich aufwärts und berührt mit dem Scheitel die Sterne,
nirgends haften dann die unsicheren Sohlen und mit ihm spielen Wolken und
Winde.» (Goethe)8 Der «Orthodoxe» — ich finde es übrigens nicht vornehm,
daß Bultmann die positive
Theologie immer als Orthodoxie bezeichnet!— der Orthodoxe
klammert sich an historische Tatsachen — und hält an diesen trotz allem
fest. Er glaubt an sie. Gewiß ist der Einwand berechtigt:
wie aber, wenn …? Aber der Historiker kann diesen
Tatsachenglauben nicht erschüttern. Er, der Orthodoxe,
glaubt, trotzdem und dennoch! Die Berechtigung des Tatsachenglaubens aber
liegt darin, daß tatsächlich die Vergangenheit doch fest liegt. Die
Geschichte ist «gefroren», «versteinert» — z. B. ist es für alle Ewigkeit
eine unumstößliche Tatsache, daß ich diesen Brief geschrieben habe.
Der Mystiker klammert sich an sein Erlebnis — und hält
daran fest, trotz aller Einreden: «Könnte das nicht eine Illusion sein
usw.?»9 Er glaubt trotzdem! Denn: Wer will die eigene Erfahrung aus meiner
Seele reißen?
Zwei verschiedene Arten der Religion: Objektivismus und Subjektivismus! Und
nun kommt Bultmann mit seiner sehr feinen Kritik (die allerdings der
Orthodoxie doch nicht ganz gerecht wird!). Er negiert beides und — klammert
sich an eine a-historische, und a-subjekte Mythe, Idee! Er glaubt an diese
Idee — trotz aller Einreden: «Nur durch die Historie kamst du zu dieser Mythe; aber ist nicht jede andere Mythe, Idee
ebenso berechtigt? Ist nicht der Wunsch Vater des Gedankens?» Kurz: Bultmann
wiederholt beide Fehler in einer anderen Etage noch
einmal! Für ihn selbst mag diese Mythe, Idee wertvoll sein — niemals wird er
einem anderen auch nur begreiflich machen können, was
die ganze Sache für einen leisesten Sinn hat. Er wird sagen: das ist eben
das Wesen des Glaubens usw. — Ja, so ähnlich «sagts der Pfarrer auch, nur
mit ein bißchen andern Worten.»10 — Aus der Sphäre des Menschlichen
kommen wir auf diese Weise nicht!
Es wäre bedauerlich, wenn Ihre Theologie einen Kompromiß eingin|217ge mit der Bultmann’schen. Jede
reformatorische Tat kommt eines Tages in die Versuchung des Kompromisses.
Von der Entscheidung dieser Stunde hängt dann das Sein und Nichtsein ab. Ich
sehe es ganz deutlich, daß Ihnen die Theologie B’s zum Anstoß gesetzt ist,
wo alles ankommt auf das Entweder — Oder. Wenn Sie, hochgeehrter Herr
Professor, jetzt entschlossen den Trennungsstrich ziehen, dann
allein kann Ihre Theologie das sein und werden, was sie sein
sollte: eine reformatorische Tat. Es ist noch Zeit für Sie, entschlossen den Rückweg anzutreten!
Ich würde gewiß niemals die Feder ergriffen haben, Ihnen einen so langen
Brief zu schreiben, wenn ich es nicht für meine heiligste Pflicht hielte,
Ihnen das zu sagen, was mir selbst immer klarer und deutlicher geworden ist:
die Theologie Ihres Römerbriefes und Bultmanns Theologie sind diametrale Gegensätze! Wagen Sie es doch, Herr
Professor, zu erklären, daß Ihre Theologie niemals eine Vollendung der liberalen Theologie sein wollte. Ihr hochseliger Vater Fr.
Barth, der fromme Blumhardt und all die anderen Ihrer Lehrer würden zu Tode
erschrekken, wenn sie das hörten! Wie konnte nur Bultmann aus der Tatsache, daß Sie in
Marburg studierten — und
vielleicht auch früher einmal innerlich zur Marburger Theologie gehörten — einen solchen Schluß ziehen,
obwohl Ihre Worte in der Vorrede zur dritten Auflage so sonnenklar das
Gegenteil besagen! Ich möchte von einer Krisis des Kreises
um Barth, Gogarten, Brunner usw. sprechen. In der schönen
Predigtsammlung «Komm Schöpfer Geist» steht das wundertiefe Wort: Es gibt
eine Dämmerung die zum Morgen führt und eine Dämmerung die zur Nacht
führt.11 — Was ist es für
eine Dämmerung, in welche die «Theologie des Römerbriefes» gekommen ist?
Wollte Gott eine Dämmerung zum Morgen! Ja, das walte Gott, zur Ehre Seines
Namens, zum Segen Seiner Kirche! — Verzeihen Sie, bitte, die
temperamentvolle Schreibweise; ich hoffe, da es uns doch auf die Sache
ankommt, wird Sie die Form nicht stören!
Mit ergebenem Gruße
verbleibe ich hochachtungsvoll