Brief Nr. 48 · 26. Mai 1927

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Nachdem ich das Berneuchener Buch gelesen habe, meine ich, Sie sollten irgendwo öffentlich sich dazu äußern, da Sie im Vorwort ja auch für das Folgende mit verantwortlich gemacht werden.1 Ich will den guten Willen der Berneuchener nicht verkennen, wenn ich mich auch oft genug über das unberechtigte Selbstbewußtsein ärgere. Auch verkenne ich manche treffenden Urteile nicht. Aber das Ganze ist ein so elender Kitsch und enthält so alberne Deklamationen, zeichnet sich aus durch eine absolute Ahnungslosigkeit von der Reformation und verquickt Ihre (und unsere) Sätze in so unverantwortlicher Weise mit Tillichschen Spekulationen, daß man öffentlich widersprechen muß, und das müßten Sie m. E. tun!

Zu unserer Diskussion erlaube ich mir auf einen Luther-Satz hinzu|75weisen, in der Vorlesung über den Galaterbrief 1516/17 ed. Schubert2 p. 36,13ff: «Sequitur: quod Christus in evangelio multa docuit, fecit ad clariorem legis cognitionem ac per hoc maiorem peccati cognitionem, ut gratia tanto ardentius quereretur» etc. Das ist doch sehr merkwürdig! Meine Luther-Kenntnis reicht leider nicht aus, um zu sagen, ob das ein bei Luther auch sonst vertretener und vielleicht breiter entwickelter Gedanke ist.

Herzliche Grüße von Haus zu Haus!
Ihr
R. Bultmann

P. S. Am 13. VI. soll ich in Zürich vor der «asketischen Gesellschaft», am 14. vor der Theologenschaft reden.3

Sachfußnoten

1
Das Berneuchener Buch. Vom Anspruch des Evangeliums auf die Kirchen der Reformation, hrsg. von der Berneuchener Konferenz, Hamburg 1926 (Nachdruck Darmstadt 1978). 📖 Das Buch basiert im wesentlichen auf Vorarbeiten des Marburger Pfarrers Wilhelm Thomas, 1925. Die endgültige Gestalt erhielt es durch Ludwig Heitmann, Karl Bernhard Ritter und Wilhelm Stählin. — Die Barth betreffende Stelle (S. 7) lautet: «Die Verfasser empfinden es als eine Pflicht der Dankbarkeit, an dieser Stelle auszusprechen, daß das Buch ohne die grundlegenden Arbeiten anderer nicht geschrieben worden wäre; sie nennen aus der Reihe evangelischer Führer hier nur: Paul Althaus, Karl Barth, Friedrich Brunstäd, Paul Tillich.» Barth nahm zum «Berneuchener Buch» beiläufig Stellung in: Die christliche Dogmatik im Entwurf, a.a.O. (Nr. 43, Anm. 4), S. 385 📖 (Neuausgabe S. 502f. 📖), sowie in: KD I/1, S. 64 📖.↩
2
H. von Schubert (Hrsg.), Luthers Vorlesung über den Galaterbrief 1516/17 (Abh. d. Heidelb. Akad. d. Wiss. — Phil.-hist. Kl. 5), Heidelberg 1918. 📖 Der Text dieser Vorlesung erschien 1939 nochmals: im zweiten (neu paginierten) Teil von WA 57. Das Zitat dort S. 60, Z. 9–11. 📖.↩
3
«Asketische Gesellschaft» war der damalige Name des Pfarrvereins des Kantons Zürich. — Thema von Bultmanns Vortrag: «Die theologische Bedeutung der historisch-kritischen Arbeit am Neuen Testament»; unveröffentlicht.↩