Brief Nr. 96 · 31. März 1935

Karl Barth an Rudolf Bultmann

158

96

Lieber Herr B.!

Nein, Sie brauchen dort keine Rede zu halten. Das tut jeweilen, vermutlich auf Grund vorausgehender Verabredung, irgend ein Angelsachse unter den Doktorierten. Dagegen hält der Rektor beim Essen eine Ansprache, bei der Sie gut aufpassen müssen, um im rechten Augenblick, wenn Sie erwähnt werden, liebenswürdig zu lächeln. Frack ist nicht nötig. Den Talar leiht man Ihnen sicher von der Universität; so war’s jedenfalls in Glasgow. Man wird Ihnen nachher den «hood», eine Art Kapuze in leuchtenden Farben, das eigentliche Ehrenzeichen, zum Kauf anbieten. Ich habe es leichtsinniger Weise getan, obwohl der Scherz 4 Pfund kostete, und bin nachher bei allen Universitätsanlässen hier darin herumgelaufen. Wenn schon, denn schon, dachte ich und erklärte hier den staunenden Medizinern etc.: ich sei nämlich der päpstliche Legat. Der Doktorierungsakt selber ist überaus feierlich: ich mußte knieen wie s. Z. bei der Konfirmation, und dazu wurde etwas in unverständlichem englischem Latein über mich gemurmelt. Die Studenten aber dürfen nach alter Übung Krakehl dazu machen. St. Andrews ist eine putzige herrlich gelegene Miniaturuniversität. Sehen Sie zu, daß Sie sich noch rechtzeitig die Hypothese von der ephesinischen Gefangenschaft aneignen, weil der sehr nette Kollege Duncan dort besonders darauf erpicht ist.1 Ein ehemaliger Schüler von mir, Porteous, vertritt |159 das A. T.2 Das Ganze wird Ihnen in jeder Hinsicht Spaß machen, was man ja heutzutage wirklich nötig hat. Ich gratuliere Ihnen und wünsche Ihnen alles Gute. Wo ich im Juni bin, ist noch ganz unübersehbar.3

Mit herzlichem Gruß!
Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Vgl. G. S. Duncan, St. Paul’s Ephesian Ministry. A Reconstruction with Special Reference to the Ephesian Origin of the Imprisonment Epistles, London 1929 📖, ein Buch, in dem die erstmals von Adolf Deißmann 1897 geäußerte These von der Entstehung der paulinischen Gefangenschaftsbriefe in Ephesus untermauert wurde.↩
2
Norman Walker Porteous (geb. 9.9.1898), seit 1931 Professor in St. Andrews, 1937 in Edinburgh. Vgl. seine Beiträge Volk und Gottesvolk im Alten Testament, in: Theologische Aufsätze. Karl Barth zum 50. Geburtstag, hrsg. von E. Wolf, München 1936, S. 146–163 📖; The Care of the Poor in the Old Testament, in: Service in Christ. Essays presented to Karl Barth on his 80th Birthday, ed. by J. I. McCord/T. H. L. Parker, London 1966, S. 27–36. 📖 ↩
3
Barth hielt sich im Juni 1934 auf dem «Bergli», in dem Sommerhaus seiner Freunde Pestalozzi in Oberrieden am Zürichsee, auf. Dort erreichten ihn das Telegramm, das seine Versetzung in den Ruhestand aussprach, und die Berufung nach Basel (s. Nr. 92, Anm. 1).↩