Brief Nr. 61 · 14. November 1929

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Soeben wurde ich von Berlin telephonisch angerufen. Streng vertraulich wird mir mitgeteilt, daß Becker und Richter1 geneigt seien, Gogarten als Ihren Nachfolger nach Münster zu berufen2, wenn von Ihnen ein Sondervotum für Gogarten vorliege. Ich werde gebeten, Ihnen das telegraphisch mitzuteilen, und werde sofort telegraphieren3, schreibe |95 aber doch auch diesen Eilbrief, der vielleicht auch noch vor Ihrer Fakultäts-Sitzung eintrifft.

Ich hatte ohnehin angenommen, daß Sie ein Sondervotum für Gog. machen würden, erfülle aber den Berliner Wunsch gerne; denn ich habe ja auch den dringenden Wunsch, daß er endlich eine Professur bekommt4, — zumal unter dem Eindruck unseres Zusammenseins vor und in Eisenach.5 Wie trostlos es dort war, davon ein andermal! Rade war ratlos und verzweifelt, weil er Gog.’s und meine Verzweiflung an der theologischen Situation im Kreise des «Gegenwarts-Christentums» nicht verstehen konnte.

Sie werden sich ja nicht auf eine Kompromißliste einlassen, es sei denn, daß Gog. an deren erster Stelle mit allem Nachdruck genannt ist. Da das nicht zu erreichen sein wird, wie ich vermute, bleibt nichts als Ihr Sondervotum, durch das Sie — vielleicht ist es nicht zu viel gesagt — Gogarten retten und der Deutschen Theologie einen entscheidenden Dienst erweisen.

Herzliche Grüße von Haus zu Haus!
Ihr
Rudolf Bultmann

Sachfußnoten

1
Carl Heinrich Becker (12.4.1876–10.2.1933), 1925–1930 preußischer Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung in Berlin. Werner Richter (5.5.1887–19.9.1960), 1925–1932 Ministerialdirektor in demselben Ministerium.↩
2
Barth wurde zum Sommersemester 1930 als Nachfolger von O. Ritschl nach Bonn berufen.↩
3
Bultmann telegraphierte am 14.11.1929, 16.10 Uhr, an Barth: «ihr sondervotum fuer gogarten wird in berlin gewuenscht = bultmann» (Telegramm im Karl Barth-Archiv).↩
4
Gogarten war damals noch Privatdozent in Jena.↩
5
Bultmann und Gogarten sprachen am 2. Oktober 1929 bei der Herbstversammlung des Bundes für Gegenwartchristentum in Eisenach über das Thema «Wahrheit und Gewißheit». Anstelle des erkrankten vorgesehenen dritten Redners, Karl Aé (Dresden), sprach Pfarrer Karl Fischer (Lauenstein/Sachsen) zu demselben Thema. Am 3. Oktober fand eine z. T. heftige Aussprache über die drei Vorträge statt; Protokoll davon in: An die Freunde Nr. 94 (1929), Sp. 1080–1098 📖, vgl. Sp. 1098–1100 📖. Siehe auch den Bericht von R. Paulus über die Tagung in: CW, Jg. 43 (1929), Sp. 1018–1026. 📖 Gogartens Vortrag erschien in: ZdZ, Jg. 8 (1930), S. 96–119 📖. Bultmanns Vortrag Wahrheit und Gewißheit wurde als Anhang 3 seiner Theologischen Enzyklopädie, hrsg. von E. Jüngel und K. W. Müller,
Tübingen
1984, S. 183–205 📖
, posthum veröffentlicht. Karl Aés für die Tagung vorbereiteter Vortrag erschien in: CW, Jg. 44 (1930), Sp. 618–625 📖.↩