Interview mit dem Kristeligt Dagblad
INTERVIEW MIT DEM «KRISTELIGT DAGBLAD»
Die dänische Zeitung «
Lindqvist beschrieb in der Einleitung zum Interview-Abdruck seinen Eindruck vom Ort des Gesprächs und von seinem Gesprächspartner:
Kleiner Arzt – großes [Praxis-]Schild, großer Arzt – kleines Schild. – Passt das Sprichwort vielleicht auch auf Theologen? Der Gedanke berührt einen, wenn man vor der
404 Außer dem Zeitungsbericht liegen im Karl Barth-Archiv keine Dokumente oder Hinweise zum Gespräch vor. Die Edition bietet die deutsche Übersetzung dieses Berichts;4 das dänische Original findet sich im Anhang des Bandes (S. 560–565).
Ich bin ja kein guter Barthianer, sagt Karl Barth
Der bekannte Professor
empfängt einen Mitarbeiter vom Kristeligt Dagblad
und redet über Ost und West, Säkularisierung, Kindertaufe und Gnade und über das,
was man nicht mit in den Himmel nehmen kann
[…]
Haben Sie eine gute Reise gehabt? Können Sie zum Schreiben sehen, oder soll ich mehr Licht machen? – – –
Der leere Raum...
Sie haben sich während der letzten Phase des Krieges viel mit dem deutschen Problem beschäftigt?
Ja, das habe ich getan, aber die Entwicklung hat mich zweifellos überrascht. Ich habe die Erwartung gehabt, dass die Sieger, besonders die Amerikaner,
Aber «der leere Raum»8 – –?
Es gibt eine Sache, die eine noch gefährlichere Herausforderung gegen den Osten ist als der leere Raum, und das ist der gefüllte Raum, – der mit 20 Divisionen gefüllt ist.
Viele Menschen beschäftigen sich mit einer Parallelisierung des Nazismus der 40er Jahre mit dem Kommunismus der 50er.
Natürlich, sie haben viel Gemeinsames: Den Staatstotalitarismus, den religiösen Fanatismus und die Verachtung des Menschen, der heutige Mensch, der auf dem Altar der Hoffnung und der Perspektiven geopfert wird.
Aber die Unterschiede?
Der Nazismus war ganz einfach Wahnsinn.
Wir dürfen uns nicht einer falschen Vereinfachung gegenüber den beiden Ideologien schuldig machen. Gegenüber dem Nazismus war nur eine Antwort möglich. Mit dem Kommunismus stehen wir indessen einer wirklichen Idee gegenüber, und ihr kann man nur mit einer besseren Idee entgegentreten. In
Hromádka und Chao
Und die Kirchen hinter dem Eisernen Vorhang?
Wir hier aus dem Westen sollten vorsichtig sein, den Ostkirchen ihren Standpunkt zu diktieren. Und von der Seite des Staates sind ja noch keine Übergriffe geschehen. Wohl hat man in
Die Situation in
Die Kirche hat in der Vergangenheit viele Fehler gemacht, und für diese muss sie jetzt die Strafe tragen, sagt Professor
Und wenn das geschieht?
Die Meisten in der westlichen Welt finden, dass Hromádka in seiner Toleranz schon zu weit gegangen ist. Er hat aber schon
408 Sehen Sie sich
Das stimmt nicht mit Grundtvig überein
[Kommentar
Die Theologie hat eine Verantwortung gegenüber den Fragestellungen der Zeit, sie darf aber nicht für Ost oder West optieren. Nur in Freiheit kann sie gedeihen, und heute muss sie mehr als zuvor aus dem Elfenbeinturm heraus.
Ist es die zunehmende Verweltlichung, die dies notwendig macht?
Warum ist in unseren Tagen so viel von Verweltlichung die Rede? Säkularisierung gab es ja schon immer. War die Verlobung zwischen Staat und Kirche in früheren Tagen nicht eine klare Manifestation davon? Und war nicht die mittelalterliche Einheitskultur die bis heute raffinierteste Form der Säkularisierung? Jetzt ist das wahre Verhältnis klar zutage getreten, und die Situation ist ehrlicher. Heute ist eine wirkliche Debatte zwischen Gesellschaft und Kirche möglich.
409 Als ein sichtbares Merkmal der Illusion, die diese Einheitskultur gewesen ist, haben wir zum Beispiel die Kindertaufe. Das Zentrale des Christentums ist jedoch nicht ein Zustand, sondern eine Entscheidung. Das hat die Kindertaufe verschleiert. Die Taufe ist Gottes Entscheidung, aber der Mensch muss sie anerkennen. Ja, ja – ich weiß wohl, dass dies nicht mit Ihrem
Die Taufe erfordert die Verantwortung des Menschen. Deshalb muss der Mensch zuerst das Wort hören, darauf [muss er] es bejahen, und dann folgt die Taufe. Vielleicht ist ein zwölfjähriges Kind dazu bereit, vielleicht wird man es erst als alter Mann. Aber die Verantwortung ist das Zentrale.
Wollen Sie hiermit eine Wiedertaufe aller als Kind Getauften vorschlagen?
Nein, gewiss nicht. Die Taufe ist ja genügend echt, die Ordnung aber, die Tauftradition ist falsch, eben weil sie aus dem fehlenden Blick früherer Zeiten dafür entsprungen ist, dass die Welt immer verweltlicht gewesen ist. Wir sollen nicht nochmals taufen, aber wenn nun schließlich die Säkularisierung klar zutage getreten ist, muss das eine Veränderung unserer Taufpraxis mit sich bringen.
Freiheit ist ein großes Wort
Beten Sie ein Tischgebet?
Karl Barth schaut den Fragenden fragend an und muss erst die Geschichte von dem schwedischen Pfarrer hören, der darüber verblüfft war, dass sein dänischer Kollege beim Mittagessen im Pfarrhaus das Tischgebets unterließ. «Wenn ich kein Tischgebet bete, dann stammt das aus meiner barthianischen Vorzeit», lautete die Erläuterung.
Selbstverständlich bete ich ein Tischgebet, das habe ich immer getan, lächelt Barth, ich bin ja auch kein guter Barthianer. Darüber bin ich ja schon seit Langem unterrichtet von den dänischen Ti– – wie heißen sie?
Richtig, ja; die haben mich ja seit Langem exkommuniziert.15 Was nützt es übrigens, aus dem, was ein Mann sagt und schreibt, eine Lehre zu machen? Grundtvigianismus…! Barthianismus…! Ach, diese ia, ia, i-a, i-a, – ist das nicht, was der Esel sagt?
Ein Schüler muss selbst Meister werden. Nicht durch das Wiederholen seines eigenen Lehrers, sondern dadurch, dass er von ihm lernt und selbständig wird. Ab und zu hätte ich auch Lust, dies der Kirche zu sagen. Hier muss volle Freiheit herrschen. Denn Freiheit ist ein großes Wort, auch im Evangelium. Schauen Sie hier.
[Kommentar Lindqvist:] Karl Barth holt vom Regal über dem Schreibtisch den neusten publizierten Band seiner «Kirchlichen Dogmatik» und zeigt das Inhaltsverzeichnis: Freiheit in der Gemeinschaft, Freiheit zum Leben, Freiheit in der Beschränkung.16 – Aber dieses Wort Freiheit bedeutet gleichzeitig Verantwortung, fügt er hinzu.
Große Konferenzen interessieren mich nicht
Sie sind an der Vorarbeit zum Treffen des Weltkirchenrates in
Ja, unsere Begegnungen im
Dann werden wir Sie in unseren nördlichen Breitengraden kaum zu sehen bekommen?
Nein, sicherlich nicht, Sie müssen aber da oben grüßen, – omnibus et singulis! Die Dogmatik nimmt meine ganze Zeit in Anspruch. Sie gibt mir genug Arbeit.
Wann wird sie fertig?
Kopfschüttelnd sagt Karl Barth:
Sie ist im Voraus genau geplant, aber sie wächst mit jedem Band – wie ein großer, großer Baum…! Sollte ich nicht, was die Seitenzahl angeht, der größte Dogmatiker der letzten 3–400 Jahre sein?
Aber ich werde sie vermutlich nicht mit in den Himmel bringen, schließt der schalkhafte Professor mit einem launigen Blick in Richtung der acht Bände auf dem Schreibtischregal. – Wir werden ja aus Gnade gerechtfertigt, und nicht aus «guten Werken»18…!