<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-57029">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-57">Gespräche 1948–1952</title>
        <title type="content">Interview mit dem Kristeligt Dagblad</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Interview mit dem Kristeligt Dagblad, in: Gespräche 1948–1952, 1. November 1952</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/57029 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Gespräche 1948–1952, hrsg. v. Pfenninger, Michael (Gesamtausgabe, Abt. IV), Zürich 2025, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/57029</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Gespräche 1948–1952</title>
          <title type="text">Interview mit dem Kristeligt Dagblad</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Pfenninger, Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2025</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">28</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Kaj Erik Lindqvist: Jeg er jo ikke nogen god barthianer, siger Karl Barth, in: Kristeligt Dagblad Jg. 57 (1952), Nr. 28 (1.11.1952) </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1952-11-01">1. November 1952</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>conversation</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:38+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:38+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
        <body>
           
             <div type="conversation">
                 <pb xml:id="p403" ed="pga"/>  
                <head type="sub">27</head> 
                <head>INTERVIEW MIT DEM «KRISTELIGT DAGBLAD»</head>
                <head type="sub">1952</head>
                <div type="abstract">
    <p>Die dänische Zeitung «<orgName ref="kbga-actors-6026">Kristeligt Dagblad</orgName>» veröffentlichte am <date when="1952-11-01">1. November 1952</date> das hier vorliegende Interview mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> unter dem Titel «Jeg er jo ikke nogen god barthianer, siger Karl Barth» («Ich bin ja kein guter Barthianer, sagt Karl Barth»).<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-5806">K. E. Lindqvist, <hi rend="italic">Jeg er jo ikke nogen god barthianer, siger Karl Barth</hi>, in: Kristeligt Dagblad, Jg. 57, Nr. 28 vom 1.11.1952, S. 8</bibl>.</note> Es ging auf ein im Oktober 1952 in Barths Haus geführtes Gespräch mit dem für die Zeitung arbeitenden Journalisten <persName ref="kbga-actors-10215">Kaj Erik Lindqvist</persName><note xml:id="n02"><persName ref="kbga-actors-10215">Kaj Erik Lindqvist</persName> (1923–1990), für verschiedene Zeitungen tätiger dänischer Journalist.</note> zurück. </p>
    <p><persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName> beschrieb in der Einleitung zum Interview-Abdruck seinen Eindruck vom Ort des Gesprächs und von seinem Gesprächspartner: </p>
                    <p><hi rend="text-recte">Kleiner Arzt – großes [Praxis-]Schild, großer Arzt – kleines Schild. – Passt das Sprichwort vielleicht auch auf Theologen? Der Gedanke berührt einen, wenn man vor der <placeName ref="kbga-places-1311">Nummer 25</placeName> in der netten, ruhigen Pilgerstrasse steht, [einer Straße] mit kleinen zweistöckigen Häusern mit Vorgarten am Stadtrand von <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>. Denn über die Türklingel steht mit kleinen Buchstaben: <persName ref="kbga-actors-2151">BARTH</persName>. […] Wenn man ihn aber nur von Fotografien kennt, sieht man plötzlich ein, dass sie lügen. Der Barth der Zeitungsbilder ist ein ausgesprochen strenger und unnahbarer Herr, er ist aber ein viel lächelnder und viel redender, vielleicht ein bisschen unbeholfener Mann, der 66-Jährige.<note xml:id="n03"><persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n01">Anm. 1</ref>): «Lille læge – stort skilt, stor læge – lille skilt. – Mon mundheldet ogsaa passer paa teologer? Tanken strejfer én, naar man staar foran nr. 25 in den pæne, stille Pilgerstrasse, smaa 2-etages huse med haver foran i udkanten af Basel. Over dørklokken staar nemlig med diminutive bogstaver: BARTH. […] Og kender man ham kun fra fotografier, opdager man pludselig, at de lyver. Avisbilledernes Barth er en særdeles barsk og utilnærmelig herre, og saa er det en meget smilende og meget talende, maaske lidt kejtet mand, den 66-aarige».</note></hi></p>
    <p><pb xml:id="p404" ed="pga" rend="noPipe"/> Außer dem Zeitungsbericht liegen im Karl Barth-Archiv keine Dokumente oder Hinweise zum Gespräch vor. Die Edition bietet die deutsche Übersetzung dieses Berichts;<note xml:id="n04">Der deutsche Text fußt auf einer Übersetzung durch Lise-Lotte Rebel und Bent Flemming Nielsen, denen der Hrsg. zu großem Dank verpflichtet ist.</note> das dänische Original findet sich im Anhang des Bandes (<ref type="pub" target="../volume/57/p560#p560">S. 560–565</ref>).</p>
                </div>
                <div>
                    <head>Ich bin ja kein guter Barthianer, sagt Karl Barth</head>

                    <p rend="asHead">Der bekannte Professor 
                     empfängt einen Mitarbeiter vom Kristeligt Dagblad<lb/> und redet über Ost und West, Säkularisierung, Kindertaufe und Gnade und über das,<lb/> was man nicht mit in den Himmel nehmen kann</p>
                    <p>[…]</p>
                     
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Haben Sie eine gute Reise gehabt? Können Sie zum Schreiben sehen, oder soll ich mehr Licht machen? – – –</p>
                    </sp>
                    <p rend="asHead">
                        <hi rend="italic">Der leere Raum...</hi>
                    </p>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</speaker> 
                        <p>Sie haben sich während der letzten Phase des Krieges viel mit dem deutschen Problem beschäftigt?</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Ja, das habe ich getan, aber die Entwicklung hat mich zweifellos überrascht. Ich habe die Erwartung gehabt, dass die Sieger, besonders die Amerikaner, <orgName ref="kbga-actors-9047">Deutschland</orgName> und die Deutschen vernünftiger behandeln. Die Deutschen haben nichts aus dem <term ref="kbga-terms-1333">Krieg</term> gelernt. Wenn man die Hoffnung hatte, dass sie wieder «gesund» werden sollten,<note xml:id="n05">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5815"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Wie können die Deutschen gesund werden?</hi>, Zollikon-Zürich 1945</bibl>. Eine dänische Übersetzung dieser Schrift war bereits 1946 erschienen: <bibl corresp="kbga-bibls-5816">ders., <hi rend="italic">Hvorledes kan Tyskerne helbredes?</hi> (Den kristne Realisme, 3), København 1946</bibl>.</note> muss man feststellen, dass sie es jetzt noch weniger sind denn je. Und die Verantwortung dafür liegt bei den Alliierten. Überall tauchen die alten Ideale wieder auf, die noch viel weiter zurückgehen als bis zu <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName>. Es ist der Geist von früher, der die Gefahr ausmacht. Ich kenne ihn seit meiner Zeit als Professor in Deutschland von 1921 bis 1933.<note xml:id="n06">Wenn es sich nicht um einen Hörfehler handeln sollte – <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> war ja auch 1934 und 1935 noch «Professor in Deutschland» – kann nur die Zeit gemeint sein, die Barth <hi rend="italic">vor</hi> <persName ref="kbga-actors-185">Hitlers</persName> Machtübernahme dort Professor war.</note> <pb xml:id="p405" ed="pga"/> Hitler selbst habe ich nie so energisch bekämpft. Ich halte <persName ref="kbga-actors-1047">Hindenburg</persName><note xml:id="n07"><persName ref="kbga-actors-1047">Paul von Hindenburg</persName> (1847–1934), 1914 aus dem Ruhestand reaktiviert und Oberbefehlshaber der deutschen Truppen an der Ostfront, 1916 Chef der Obersten Heeresleitung, 1925 deutscher Reichspräsident. Hindenburg ernannte <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler; er galt schon bei seiner Wahl 1925 vielen als Moment der Kontinuität zum untergegangenen Kaiserreich.</note> für schuldiger als ihn. – Und dazu kommt noch die <term ref="kbga-terms-2330">deutsche Wiederaufrüstung</term>.</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</speaker> 
                        <p> Aber «der leere Raum»<note xml:id="n08">Vermutlich eine Anspielung auf das von Befürwortern der westdeutschen <term ref="kbga-terms-2330">Wiederbewaffnung</term> oft verwendete Argument, ein unbewaffnetes, neutrales Deutschland stelle ein machtpolitisches Vakuum – eben einen leeren Raum – zwischen dem Ost- und dem Westblock dar.</note> – –?</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Es gibt eine Sache, die eine noch gefährlichere Herausforderung gegen den Osten ist als der leere Raum, und das ist der gefüllte Raum, – der mit 20 Divisionen gefüllt ist.</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</speaker> 
                        <p> Viele Menschen beschäftigen sich mit einer Parallelisierung des Nazismus der 40er Jahre mit dem Kommunismus der 50er.</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Natürlich, sie haben viel Gemeinsames: Den <term ref="kbga-terms-2030">Staatstotalitarismus</term>, den religiösen <term ref="kbga-terms-1207">Fanatismus</term> und die Verachtung des Menschen, der heutige Mensch, der auf dem Altar der Hoffnung und der Perspektiven geopfert wird.</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</speaker> 
                        <p> Aber die Unterschiede?</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Der <term ref="kbga-terms-135">Nazismus</term> war ganz einfach Wahnsinn. <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> war verrückt, und sein Regime hat keine einzige bedeutsame Persönlichkeit, keine Musik, keine Kunst, keine Literatur hervorgebracht. Der <term ref="kbga-terms-880">Kommunismus</term> ist ein schlechter Versuch, eine richtige Idee zu verwirklichen. Der <term ref="kbga-terms-1121">Marxismus</term> <hi rend="italic">ist</hi> eine Idee, mit Gedanken und Ernsthaftigkeit im Rücken, und <persName ref="kbga-actors-5630">Stalin</persName> ist ein Mann von Format. Das zu behaupten hat mich in der Schweiz unpopulär gemacht. Kniefall vor Stalin, sagt man.<note xml:id="n09"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte 1949 in einem Vortrag gesagt: «Es entbehrte nun wirklich alles Sinnes, wenn man den Marxismus mit dem ‹Gedankengut› des Dritten Reiches, wenn man einen Mann von dem Format von <persName ref="kbga-actors-5630">Joseph Stalin</persName> mit solchen Charlatanen wie <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName>, <persName ref="kbga-actors-5705">Göring</persName>, <persName ref="kbga-actors-10769">Heß</persName>, <persName ref="kbga-actors-5704">Goebbels</persName>, <persName ref="kbga-actors-3277">Himmler</persName>, <persName ref="kbga-actors-3476">Ribbentrop</persName>, <persName ref="kbga-actors-345">Rosenberg</persName>, <persName ref="kbga-actors-3562">Streicher</persName> usw. es gewesen sind, auch nur einen Augenblick im gleichen Atem nennen wollte» (<bibl corresp="kbga-bibls-5478"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Die Kirche zwischen Ost und West. Vortrag, gehalten in der Stadtkirche in Thun und im Münster in Bern am 6. Februar 1949</hi>, Zollikon-Zürich 1949, S. 22</bibl>). Barths Aussage wurde heftig kritisiert und spielte auch im sog. «Berner Kirchenstreit» zwischen Barth und dem bernischen Kirchendirektor <persName ref="kbga-actors-1571">Markus Feldmann</persName> eine Rolle (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5817">O.Br. 1945–1968, <ref type="pub-" target="../volume/15/p229#p229">S. 229</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/15/p250#p250">250–253</ref></bibl>). Feldmann hatte Barth mit Blick auf diesen Satz geschrieben: «Was konnte Sie veranlassen, den Diktator im Osten vom Diktator im Norden vorteilhaft abzuheben, wenn nicht der Wunsch nach einer Reverenz vor dem Diktator im Osten?» (Brief vom <date when="1951-02-05">5.2.1951</date>, in: a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/15/p231#p231">S. 231–270</ref>, dort <ref type="pub-" target="../volume/15/p252#p252">S. 252</ref>).</note> Nein, nur das Feststellen einer Tatsache. Ich habe <pb xml:id="p406" ed="pga"/>  mehrere Freunde unter den Kommunisten. Das habe ich nie unter Nationalsozialisten gehabt.</p>
                    <p>Wir dürfen uns nicht einer falschen Vereinfachung gegenüber den beiden Ideologien schuldig machen. Gegenüber dem Nazismus war nur eine Antwort möglich. Mit dem Kommunismus stehen wir indessen einer <term ref="kbga-terms-2467">wirklichen Idee</term> gegenüber, und ihr kann man nur mit einer besseren Idee entgegentreten. In <placeName ref="kbga-places-1457">Westdeutschland</placeName> muss ein <hi rend="italic">richtiger</hi> <term ref="kbga-terms-437">Sozialismus</term> die 20 Divisionen ersetzen. So wie die Verhältnisse jetzt sind, wird der <term ref="kbga-terms-880">Kommunismus</term> ins Land gezogen wie Wasser in einen trockenen Schwamm.</p>
                    </sp>
                    <p rend="asHead">
                        <hi rend="italic">Hromádka und Chao</hi>
                    </p>
                   
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</speaker> 
                        <p> Und die Kirchen hinter dem Eisernen Vorhang?</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Wir hier aus dem Westen sollten vorsichtig sein, den <term ref="kbga-terms-2232">Ostkirchen</term> ihren Standpunkt zu diktieren. Und von der Seite des Staates sind ja noch keine Übergriffe geschehen. Wohl hat man in <placeName ref="kbga-places-799">Ungarn</placeName> den reichen Landbesitz der Kirche und vier ihrer fünf Gymnasien enteignet, sowie drei der vier theologischen Fakultäten aufgelöst.<note xml:id="n10">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5813">M. Tomka, <hi rend="italic">Religiöser Wandel in Ungarn. Religion, Kirche und Sekten nach dem Kommunismus</hi> (Forum Weltkirche, 12), Ostfildern 2010, S. 66</bibl>: «Der reformierte[n] Kirche wurde zunächst die Weiterführung von sechs, der evangelischen Kirche von zwei Gymnasien gestattet, den jüdischen Kultgemeinden wurde ein Gymnasium gestattet – doch diese Zahl hat sich nach ‹freiwilligen› Verzichten im Jahr 1952 auf eine einzige protestantische und eine israelitische Oberschule reduziert.» – Zu den Schließungen der theologischen Akademien / Fakultäten von <placeName ref="kbga-places-895">Sárospatak</placeName> und <placeName ref="kbga-places-874">Pápa</placeName> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5814">Barths Offenen Brief an Albert Bereczky vom 16.9.1951, in: O.Br. 1945–1968, <ref type="pub-" target="../volume/15/p274#p274">S. 274–289</ref>, dort <ref type="pub-" target="../volume/15/p277#p277">S. 277</ref></bibl>. Vgl. ferner <bibl corresp="kbga-bibls-5812">J. Fuisz, <hi rend="italic">Der Beitrag der Religionsgemeinschaften zum Ungarnaufstand 1956</hi>, in: KZG 17 (2004), S. 113–132, dort bes. S. 120–123</bibl>.</note> Wo aber steht etwas in der <term ref="kbga-terms-110">Bibel</term> darüber, dass die Kirche be<pb xml:id="p407" ed="pga" break="no"/>sitzend sein soll? Die Kirche muss den Gürtel enger schnallen, und es mag sein, dass sie, wenn sie ganz in die Ecke getrieben ist, erst <hi rend="italic">Kirche</hi> wird.</p>
                    <p>Die Situation in <placeName ref="kbga-places-186">Ostdeutschland</placeName> ist eine ähnliche. Hier schließt man die <term ref="kbga-terms-1144">theologischen Fakultäten</term> in <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName>, <placeName ref="kbga-places-36">Jena</placeName>, <placeName ref="kbga-places-215">Greifswald</placeName>, <placeName ref="kbga-places-296">Rostock</placeName> und <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>, und vereint alle Theologiestudenten unter einem Dach in <placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName> – über <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Grab!<note xml:id="n11">1952 schlug <persName ref="kbga-actors-3241">Otto Grotewohl</persName> (1894–1964), Ministerpräsident der <orgName ref="kbga-actors-8773">DDR</orgName>, die Auflösung sämtlicher Theologischer Fakultäten an staatlichen Universitäten des Landes vor; stattdessen sollte eine Hochschule in kirchlicher Trägerschaft gegründet werden, wofür auch Wittenberg als Standort diskutiert wurde. Die Pläne wurden jedoch nicht umgesetzt. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-328">JK 13 (1952), S. 497f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5811">Fr. Stengel, <hi rend="italic">Die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates bis zu ihrer Umwandlung in Sektionen 1970/71</hi> (AKThG 3), Leipzig 1998, S. 78–97</bibl>.</note> Persönlich glaube ich nicht, dass es praktisch möglich ist, 1000 Studenten auf diese Weise zu unterrichten, – außerdem werden sie einspurig (ensporede) und vermissen die Kontakte mit Studentenkameraden anderer Fächer. Das <hi rend="italic"><term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term></hi> aber darf nicht als Verteidigung für die nette <term ref="kbga-terms-306">Tradition</term> benützt werden, die hier – bedauerlicherweise – gebrochen wird. Die Reinheit des <term ref="kbga-terms-73">Glaubens</term> wird davon nicht bedroht, nicht einmal, wenn die Studenten in den Grundsätzen der herrschenden politischen Lehre geschult werden sollten.</p>
                    <p>Die Kirche hat in der Vergangenheit viele Fehler gemacht, und für diese muss sie jetzt die Strafe tragen, sagt Professor <persName ref="kbga-actors-1664">Hromádka</persName> über die <term ref="kbga-terms-2034">ungarische Kirche</term>. Er fügt indessen hinzu, dass sie noch nicht in Glaube und Lehre angegriffen worden ist.<note xml:id="n12">Nicht ermittelt.</note></p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</speaker> 
                        <p> Und wenn das geschieht?</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Die Meisten in der westlichen Welt finden, dass <persName ref="kbga-actors-1664">Hromádka</persName> in seiner Toleranz schon zu weit gegangen ist. Er hat aber schon <placeName ref="kbga-places-2">Amerika</placeName> besucht, und die Amerikaner sind es, die ihn die <term ref="kbga-terms-1299">Freiheit des Geistes</term> gelehrt haben, die er jetzt praktiziert. Er wird sicherlich Nein zu sagen wissen, wenn <hi rend="italic">das</hi> zu sagen ist. Das traue ich ihm zu.</p>
                    <p><pb xml:id="p408" ed="pga" rend="noPipe"/> Sehen Sie sich <persName ref="kbga-actors-10770">Chao</persName> an, den chinesischen Theologieprofessor, der aus der <term ref="kbga-terms-206">ökumenischen Arbeit</term> austrat aufgrund der Frage des <term ref="kbga-terms-2327">Koreakrieges</term>.<note xml:id="n13"><persName ref="kbga-actors-10770">Tzu-ch’en Chao</persName> (1888–1979), chinesischer Theologe, Prof. für religiöse Philosophie in Yenching, war 1949 ins Präsidium des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählt worden. Aus Protest gegen das ÖRK-Dokument «Statement on the Korean Situation and World Order» (abgedruckt in: <hi rend="italic">Minutes and Reports of the Third Meeting of the Central Committee of the WCC Toronto [Canada] July 9–15, 1950</hi>, Genf o. J., S. 91f.), das die nordkoreanische Seite im Koreakonflikt verurteilte, trat Chao aus dem Präsidium des <orgName ref="kbga-actors-6077">ÖRK</orgName> zurück. Im März 1951 wurde er durch die chinesische Regierung aller seiner Ämter enthoben. – Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-328">JK 13 (1952), S. 382f.696</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5809">W. Glüer<hi rend="italic">, Christliche Theologie in China. T. C. Chao, 1918–1956</hi>, Gütersloh 1979, S. 173</bibl>.</note> Jetzt wird er im fünften Monat von denen in Hausarrest gehalten, in deren Auftrag zu stehen viele im Westen ihn beschuldigt hatten. Warum? Weil er, entgegen den Wünschen der <term ref="kbga-terms-880">Kommunisten</term>, ungekünstelt über eine Kirche, einen Herrn, eine christliche Bruderschaft gesprochen hat. Als die <term ref="kbga-terms-2469">Freiheit des Evangeliums</term> bedroht wurde, hat er nicht nachgegeben.</p>
                    </sp>
                    
                    <p rend="asHead"><hi rend="italic">Das stimmt nicht mit Grundtvig überein</hi>
                    </p>

                    <p>
                       <hi rend="italic">[Kommentar <persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</hi>
                       Der Professor hat sich warm geredet. Die Pfeife ist ausgegangen und muss nochmals angezündet werden. Seine letzten Sätze stehen noch in der Stille. Die Sprache ist die harte Deutsche, der schweizerische Ton macht daraus aber eine milde, lächelnde Rede, auch wenn das Thema ernst ist.</p>
                  
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Die <term ref="kbga-terms-10">Theologie</term> hat eine <term ref="kbga-terms-2055">Verantwortung</term> gegenüber den Fragestellungen der Zeit, sie darf aber nicht für <term ref="kbga-terms-2471">Ost oder West</term> optieren. Nur in Freiheit kann sie gedeihen, und heute muss sie mehr als zuvor aus dem Elfenbeinturm heraus.</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</speaker> 
                        <p> Ist es die zunehmende Verweltlichung, die dies notwendig macht?</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Warum ist in unseren Tagen so viel von Verweltlichung die Rede? <term ref="kbga-terms-1225">Säkularisierung</term> gab es ja schon immer. War die Verlobung zwischen <term ref="kbga-terms-308">Staat und Kirche</term> in früheren Tagen nicht eine klare Manifestation davon? Und war nicht die mittelalterliche Einheitskultur die bis heute raffinierteste Form der Säkularisierung? Jetzt ist das wahre Verhältnis klar zutage getreten, und die Situation ist ehrlicher. Heute ist eine wirkliche Debatte zwischen <term ref="kbga-terms-380">Gesellschaft</term> und Kirche möglich.</p>
                    <p><pb xml:id="p409" ed="pga" rend="noPipe"/> Als ein sichtbares Merkmal der Illusion, die diese Einheitskultur gewesen ist, haben wir zum Beispiel die <term ref="kbga-terms-1856">Kindertaufe</term>. Das Zentrale des <term ref="kbga-terms-807">Christentums</term> ist jedoch nicht ein Zustand, sondern eine <term ref="kbga-terms-26">Entscheidung</term>. <hi rend="italic">Das</hi> hat die Kindertaufe verschleiert. Die <term ref="kbga-terms-2473">Taufe ist Gottes Entscheidung</term>, aber der Mensch muss sie anerkennen. Ja, ja – ich weiß wohl, dass dies nicht mit Ihrem <persName ref="kbga-actors-1016">Grundtvig</persName><note xml:id="n14"><persName ref="kbga-actors-1016">Nikolai Frederik Severin Grundtvig</persName> (1783–1872), dänischer Theologe, Schriftsteller und Politiker. Zu seinem Verständnis der Kindertaufe vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5808">N. Fr. S. Grundtvig, <hi rend="italic">Kirchliche Erläuterungen besonders für lutherische Christen</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Schriften in Auswahl</hi>, hrsg. von K. E. Bugge / F. Lundgreen-Nielsen / Th. Jørgensen, Göttingen 2010, S. 678–751, dort bes. S. 727–732</bibl>.</note> übereinstimmt…!</p>
                    <p>Die Taufe erfordert die <term ref="kbga-terms-2474">Verantwortung des Menschen</term>. Deshalb muss der Mensch zuerst das Wort hören, darauf [muss er] es bejahen, und <hi rend="italic">dann</hi> folgt die <term ref="kbga-terms-68">Taufe</term>. Vielleicht ist ein zwölfjähriges Kind dazu bereit, vielleicht wird man es erst als alter Mann. Aber die <hi rend="italic">Verantwortung</hi> ist das Zentrale.</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</speaker> 
                        <p> Wollen Sie hiermit eine <term ref="kbga-terms-2475">Wiedertaufe</term> aller als Kind Getauften vorschlagen?</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Nein, gewiss nicht. Die <term ref="kbga-terms-68">Taufe</term> ist ja genügend echt, die Ordnung aber, die Tauftradition ist falsch, eben weil sie aus dem fehlenden Blick früherer Zeiten dafür entsprungen ist, dass die Welt immer verweltlicht gewesen ist. Wir sollen nicht nochmals taufen, aber wenn nun schließlich die <term ref="kbga-terms-1225">Säkularisierung</term> klar zutage getreten ist, muss das eine Veränderung unserer Taufpraxis mit sich bringen.</p>
                        </sp>

                    <p rend="asHead">
                        <hi rend="italic">Freiheit ist ein großes Wort</hi>
                    </p>
                  
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</speaker> 
                        <p> Beten Sie ein Tischgebet?</p>
                    </sp>

                    <p>Karl Barth schaut den Fragenden fragend an und muss erst die Geschichte von dem schwedischen Pfarrer hören, der darüber verblüfft war, dass sein dänischer Kollege beim Mittagessen im Pfarrhaus das Tischgebets unterließ. «Wenn ich kein Tischgebet bete, dann stammt das aus meiner barthianischen Vorzeit», lautete die Erläuterung.</p>
                  
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Selbstverständlich bete ich ein <term ref="kbga-terms-1792">Tischgebet</term>, das habe ich immer getan, lächelt Barth, ich bin ja auch <term ref="kbga-terms-2476">kein guter Barthianer</term>. Darüber bin ich ja schon seit Langem unterrichtet von den dänischen Ti– –  wie heißen sie?</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker><pb xml:id="p410" ed="pga" rend="noPipe"/> [<persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</speaker> 
                        <p> <orgName ref="kbga-actors-9466">Tidehvervsfolk</orgName>…?</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Richtig, ja; die haben mich ja seit Langem exkommuniziert.<note xml:id="n15">Gemeint ist der Kreis um die 1926 gegründete dänische Zeitschrift «<orgName ref="kbga-actors-9466">Tidehverv</orgName>» (Zeitenwende), der sich in den 1920er Jahren stark auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezog. Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-5807">H. V. Mikkelsen, <hi rend="italic">Barth im Spiegel der dänischen Theologie. Rezeption und Kritik im lutherischen Kontext</hi>, in: M. Leiner / M. Trowitzsch (Hrsg.), <hi rend="italic">Karl Barths Theologie als europäisches Ereignis</hi>, Göttingen 2008, S. 54–78, dort S. 54–56</bibl>. – Barth hatte 1933 bei seinem Aufenthalt in Dänemark Mitglieder dieses Kreises getroffen und Kritik an deren theologischem Ansatz geübt (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-473"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Das erste Gebot als theologisches Axiom</hi>, in V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub-" target="../volume/49/p209#p209">S. 209–241</ref>, dort <ref type="pub-" target="../volume/49/p210#p210">S. 210f.</ref></bibl>).</note> Was nützt es übrigens, aus dem, was ein Mann sagt und schreibt, eine <hi rend="italic">Lehre</hi> zu machen? Grundtvig<hi rend="italic">ia</hi>nismus…! <term ref="kbga-terms-207">Barth<hi rend="italic">ia</hi>nismus</term>…! Ach, diese ia, ia, i-a, i-a, – ist das nicht, was der Esel sagt?</p>
                    <p>Ein Schüler muss selbst Meister werden. Nicht durch das Wiederholen seines eigenen Lehrers, sondern dadurch, dass er von ihm lernt und selbständig wird. Ab und zu hätte ich auch Lust, dies der Kirche zu sagen. Hier muss volle Freiheit herrschen. Denn <term ref="kbga-terms-658">Freiheit</term> ist ein großes Wort, auch im <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term>. Schauen Sie hier.</p>
                    </sp>

                    <p>
                        <hi rend="italic">[Kommentar <persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</hi> Karl Barth holt vom Regal über dem Schreibtisch den neusten publizierten Band seiner «<term ref="kbga-terms-2358">Kirchlichen Dogmatik</term>» und zeigt das Inhaltsverzeichnis: Freiheit in der Gemeinschaft, Freiheit zum Leben, Freiheit in der Beschränkung.<note xml:id="n16">Gemeint ist der 1951 erschienene Band <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4</bibl>; die auch im dänischen Originaltext auf Deutsch gedruckten Paragraphenüberschriften sind die der §§ 54–56.</note> – Aber dieses Wort Freiheit bedeutet gleichzeitig Verantwortung, fügt er hinzu.</p>

                    <p rend="asHead">
                        <hi rend="italic">Große Konferenzen interessieren mich nicht</hi>
                    </p>
                
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</speaker> 
                        <p> Sie sind an der Vorarbeit zum Treffen des Weltkirchenrates in <orgName ref="kbga-actors-10771">Evanston 1954</orgName> beteiligt?</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Ja, unsere Begegnungen im <orgName ref="kbga-actors-10749">Komitee</orgName> dauern jedes Mal zehn Tage! Ich weiß aber noch nicht, ob ich nach <placeName ref="kbga-places-1532">Evanston</placeName> komme.<note xml:id="n17">Zu Barths Mitarbeit im «<orgName ref="kbga-actors-10749">Komitee der 25</orgName>» zur theologischen Vorbereitung der vom <date to="1954-08-31" from="1954-08-15">15.–31. August 1954</date> tagenden <orgName ref="kbga-actors-10771">Weltkirchenkonferenz in Evanston</orgName> s. oben, <ref type="pub" target="../volume/57/p352#fn_n69">S. 321, mit Anm. 69</ref>. Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 410–415</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5698">Tietz, S. 352f.</bibl> – <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nahm schlussendlich nicht an der Konferenz teil. </note> Niemand weiß ja, was die Zukunft bringen wird. Die Arbeit an sich <pb xml:id="p411" ed="pga"/> interessiert mich; aber die großen Konferenzen als solche gewiss nicht. Und eine solche Amerikareise wird ja vermutlich auch Gastvorlesungen mit sich bringen. Die stelle ich [aber] mehr und mehr zurück. Wenn ich für einen Vortrag eingeladen werde, antworte ich in der Regel: Nein, aber schicken Sie mir Ihre Fragen; dann werde ich mit denen arbeiten. Ich glaube, dass die Vortragsform im Rückgang ist. Ich predige auch fast nicht mehr in Kirchen. Innerhalb meiner vier Wände habe ich auch mehr als genug zu tun. Und meine Vorlesungen an der Universität soll ich jedenfalls auch halten. Gerade jetzt steht das Semester vor der Tür.</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</speaker> 
                        <p> Dann werden wir Sie in unseren nördlichen Breitengraden kaum zu sehen bekommen?</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:]</speaker> 
                        <p> Nein, sicherlich nicht, Sie müssen aber da oben grüßen, – <hi rend="italic">omnibus et singulis!</hi> Die <term ref="kbga-terms-2358">Dogmatik</term> nimmt meine ganze Zeit in Anspruch. Sie gibt mir genug Arbeit.</p>
                   </sp>
                    <sp>
                        <speaker>[<persName ref="kbga-actors-10215">Lindqvist</persName>:]</speaker> 
                        <p> Wann wird sie fertig?</p>
                   </sp>
                    
                        <p> Kopfschüttelnd sagt Karl Barth: <lb/>
                            Sie ist im Voraus genau geplant, aber sie wächst mit jedem Band – wie ein großer, großer Baum…! Sollte ich nicht, was die Seitenzahl angeht, der größte Dogmatiker der letzten 3–400 Jahre sein?</p>
                    <p>Aber ich werde sie vermutlich nicht mit in den Himmel bringen, schließt der schalkhafte Professor mit einem launigen Blick in Richtung der <term ref="kbga-terms-2358">acht Bände</term> auf dem Schreibtischregal. – Wir werden ja aus Gnade gerechtfertigt, und nicht aus «guten Werken»<note xml:id="n18">Das Zitat «guten Werken» steht auch im dänischen Original in Deutsch.</note>…!</p>
                

                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
