28. Januar 1950 – 23. März 1950

Zwei Gespräche im jüdischen Jugendbund «Emuna» in Basel

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ZWEI GESPRÄCHE IM JÜDISCHEN JUGENDBUND
«EMUNA» IN BASEL

1950

Im Herbst 1949 nahm Hermann Adler1 im Namen des 1927 gegründeten jüdischen Jugendbundes «Emuna»2 telefonisch Kontakt zu Barth auf und lud ihn zu einem Gesprächsabend ein. Barth sagte zu und erhielt am 14. Dezember 1949 von André Lévy3 einige Fragen zugeschickt, die von Jugendlichen aus der «Emuna» sowie von jüdischen Studenten verfasst worden waren.4

Barth antwortete, er sei «bereit, mit Ihrer Gruppe über die mir zugesandten Fragen zu reden», und: «Ob ich sie beantworten kann, ist eine andere Frage!» Zugleich wies er auf seinen eben im Radio gehaltenen Vortrag «Die Judenfrage und ihre christliche Beantwortung»5 hin, der bald gedruckt erscheinen würde: «Es wäre nicht ungeschickt, wenn ich das, was ich dort gesagt habe, bei den Teilnehmern an dem beabsichtigten Gespräch als bekannt voraussetzen könnte.»6

206Als Termin für das, wie sich zeigen sollte, erste Gespräch einigte man sich auf den 28. Januar 1950. Die «Emuna» lud zu diesem Gespräch, das in einem Saal des Hotels Bristol an der Centralbahnstrasse 15 in Basel stattf and, schließlich durch einen Rundbrief ein,7 und noch am Tag des Gesprächs erschien auch im «Israelitischen Wochenblatt» eine Einladung. Letztere wurde von der Redaktion mit einer kritischen Anmerkung versehen.8 Man bemerkte, die Tatsache, dass gerade Barth eingeladen wird, dürfte «in vielen jüdischen Kreisen sehr überraschend wirken und nicht überall gebilligt werden», und verwies dabei insbesondere auf Äußerungen Barths in jenem Radiovortrag: «Prof. Karl Barth hat kürzlich die Gelegenheit, durch das Radio zur gesamten Bevölkerung zu sprechen, dazu benutzt, um den Juden zu erklären, die Wurzel des Antisemitismus läge in der Tatsache, daß die Juden Jesus nicht als Messias anerkannt hätten und daß sie ihn auch heute noch nicht anerkennen. Er empfahl den Juden, zum Christentum überzutreten, dann werde der Antisemitismus ein Ende finden; sie würden sehr freundlich aufgenommen.»9 So erwartete man von dem Treffen mit Barth auch wenig: «Bestenfalls wird man an einander vorbeireden und schließlich auf dem gleichen Standpunkt stehen wie am Anfang.» Zu hoffen sei jedenfalls, dass auch «berufene Führer des Basler Judentums» zugegen seien, denn: «es hat doch keinen Sinn, dass sich unerfahrene junge Leute und Studenten einem Manne vom Format eines Karl Barth gegenüberstellen.»10

Über den Verlauf des Gesprächs schrieb Lévy rückblickend an Barth: Es sei «nicht in der Weise ausgefallen […], wie wir erwartet hatten»; die «Jugend» sei, «durch den Ansturm der vielen Erwachsenen wahrscheinlich etwas beeindruckt», in die «hinteren Reihen» gedrängt worden und so «um die direkte Aussprache mit Ihnen gekommen». Dennoch habe Barth «viel bis jetzt Unverstandenes besser beleuchtet und uns ein Gedankengut erschlossen, das uns fremd war.»11 Charlotte von Kirschbaum beschrieb den Abend als «sehr ein|207drucksvoll», berichtete aber auch von Unstimmigkeiten zwischen Barth und dem ebenfalls anwesenden katholischen Historiker Karl Thieme.12

Da bei der Aussprache einige der vorbereiteten Fragen offen blieben, hatte man schon am Ende des Abends eine Fortsetzung ins Auge gefasst.13 So wurde Barth schließlich Anfang März zu einem zweiten Gesprächsabend eingeladen, der am 23. März 1950 an gleicher Stelle stattfand.14 Von diesem zweiten Abend liegt ein Protokoll15 vor, das Hans Ornstein16 aufgrund eigener stenographischer Notizen anfertigte und Barth zukommen ließ.17

Barth hatte zu allen ihm vorgelegten Fragen kurze Antwortnotizen (KBA 45020) geschrieben. Zum ersten Gespräch, von dem kein Protokoll erhalten ist, besteht die Edition aus den Fragen und diesen Notizen Barths; für das zweite Gespräch dient das Protokoll Hans Ornsteins als Grundlage der Edition, die Antwortnotizen Barths sind hier an den jeweiligen Fragen zusätzlich angemerkt.

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Erstes Gespräch (28. Januar 1950) – Antwortnotizen Barths

Frage 1:

Es wird behauptet, das Christentum sei unter gleichen Voraussetzungen entstanden wie der Chassidismus, sind auch Sie dieser Ansicht? Wenn ja, welches sind, nach Ihrer Meinung, die gemeinsamen Züge?

Barth:

Behauptung beruht auf ungenauer Sicht beider Phänomene:

Chass[idismus]: Parallelbewegung des östl[ichen] Judentums des 18. Jhs. zum Rationalismus + Pietismus des christl[ichen] Westens. Verallgemeinerung (Natur!) und Individualisierung (Mystik!) der Offenbarung bis zu der Gleichsetzung der Offenbarung mit dem einzelnen Zaddik (=Tora!), seiner Demut, Freude, Inbrunst!

«Chr[isten]t[um]»:
Erfüllung der  ┐  - in ihrer Einzigkeit und  ┐ 
Heilsgeschichte  │  universellen Tragweite  │  in J[esus]
 ├  Israels   - in ihrem Charakter als gött-  ├  v[on]
Abschluss der Offen-  │  liche Planung und Handlung  │  Naz[areth]
barungsgeschichte  │  - in ihrer eschatologischen  │ 
 ┘  Ausrichtung  ┘ 


Frage 2:

Wer steht mehr auf dem Boden des Gesetzes, auf dem Christus stand, die heutige Kirche oder das Judentum?

Barth:

Vorsicht bei solchen Gegenüberstellungen! «Heutige Kirche» – «(heutiges!) Judentum»

Beiderseits: das recht verstandene (in seiner «heutigen» Gestalt vielfach verdunkelte…) Judentum[,] und ebenso Kirche!

Wer steht «mehr»… Besser: wie steht hier die Kirche (s. o.!), dort das Judentum (s. o.!) auf dem Boden des Gesetzes

«Der Boden des Gesetzes, auf dem Christus stand»?

          auf dem Boden
  • 1. seiner Anerkennung als der vor der Erfüllung der Heilsgeschichte, vor dem Abschluss der Off[enbarungs]gesch[ichte] geltenden, von Gott durch Moses proklamierten Lebensordnung des erwählten Gottesvolks
  • 209 2. seiner mit dem Kommen des Reiches geschehenen Erfüllung des Buchstabens durch den Geist, der innern Verpflichtung durch die Freiheit, der Verpflichtung der Menschen Gott gegenüber durch die Herrschaft Gottes im Menschen (Jer. 31,31f.)
  • 3. seiner Interpretation von diesem seinem Sinn u[nd] Ziel her (Matth. 5,18ff.)

So steht die Kirche (s. o.!) auf dem Boden des Gesetzes – in welchem Sinn das (s. o.!) Judentum?


Frage 3:

In der Bergpredigt steht: Bis Himmel und Erde zusammenkommen, darf nicht ein Jota am alten Gesetze geändert werden [Mt. 5,18]. Die Kirche hat darauf verzichtet, auf Einhaltung von Geboten, die im Alten Testamente stehen, Wert zu legen. War die Kirche, wir meinen vom christlichen Standpunkte aus gesehen, hierzu berechtigt?

Barth:

durch 2. erledigt.


Frage 4:

Es wird behauptet, es bestünde ein Unterschied zwischen dem Gesetz Jesu und dem Gesetz Pauli. Wie erklären Sie, falls eine solche Diskrepanz vorhanden wäre, solche Gegensätze?

Barth:

Keine solche «Diskrepanz»[,] aber Verschiedenheit der Situation u[nd] des Wortgebrauchs
Röm. 10,4: «Christus ist das Ziel des Gesetzes»
Insofern Röm. 7,14: es ist geistlich   7,10[:] es führt zum Leben  7,12[:] das Gebot ist heilig, gerecht und gut   3,31[:] wir heben das Gesetz nicht auf, sondern wir richten es auf!

Aber: Richtung [?] in der christl[ichen] Gemeinde mit der Lehre: dass Observanz der Buchstaben, dass deren Forderung (Beschneidung!) nach wie vor (auch für heidnische Christen!) zur «Gerechtigkeit vor Gott» nötig sei – als ob es nicht in X [Christus] erfüllt sei, im Glauben an ihn (im Geist) erfüllt werde, als ob nicht «die Liebe des Gesetzes Erfüllung» sei (Röm. 13,10)
«Gesetz» in diesem Sinne gegen Glaube, Geist, Christen

210 Absetzbewegung     nicht gegen das Gesetz, aber zur Bestätigung seiner Erfüllung in der in X [Christus] angebr[ochenen] neuen Weltzeit.
nicht gegen Israel, aber wegen der Gleichung[:] Israels Messias = der Retter der Welt


Frage 5:

Nach Jesaja tritt mit dem Erscheinen des Messias der Weltfrieden ein, für die christliche Welt gilt Christus als der Messias. Steht zu dieser Annahme nicht die Tatsache als Gegensatz, dass beispielsweise christliche Völker untereinander Krieg führen, dass in der christlichen Welt Schwerter nicht zu Pflugscharen umgegossen werden [vgl. Mi. 4,3; Jes. 2,4], sondern Glocken zu Kanonen?

Barth:

«Christliche Völker»? «Christliche Welt»? Christliche Gemeinde: von innen und außen bedroht in einer in Sünde u[nd] Leid zu Ende gehenden Weltgeschichte, aber mit Botschaft der schon gefallenen Entscheidung, des schon angebrochenen Reiches – von da aus die Hoffnung auf diese Offenbarung.

NT: Jes. 2,2–5; 9,2–7; 11,1–10 sind erfüllt, aber auch Jes. 53,1–10

Christliche Hoffnung identisch mit der des A[lten] T[estaments], aber als begründete Hoffnung, sofern sie auf Anheben ihrer Erfüllung schon zurückblickt.


Frage 6:

Wir Juden erkennen an, dass Jesus einen großen Einfluss auf die heidnische Welt ausgeübt hat, indem er sie zum Gottesglauben bekehrt hat. Selbstverständlich gelten nicht alle den Juden von Gott gegebenen Gesetze für die außerjüdische Welt, für die Juden sind aber diese Gebote bindend. Das Christentum enthält zwar viel Jüdisches, hat aber auch Kompromisse mit altheidnischen Vorstellungen geschlossen (der orthodoxe Jude sieht im Christentum einen popularisierten und verwässerten Gottesglauben). Daraus stellt sich die Frage, ob die Judenmission berechtigt ist?

Barth:

Ja, aber «Kompromisse», «Popularisierungen» und «Verwässerungen» – nur im Chr[isten]t[um]? In dem hier Gesagten wahrgenommen?

«Judenmission» falscher Name, weil Israel und Kirche ein Volk sind. Israel z[u] X [Christus] hin, Kirche von X [Christus] her – unterschieden nur dadurch, dass Kirche diese Mitte erkennt und anerkennt.

211 Eben darum Gemeinschaft zu vollziehen über den Ruf –   nicht:
werdet aus Juden Christen[!]
sondern:
werdet als Juden Christen!
«Heidenmission» ist wesentliche Aufgabe der Kirche, Gemeinschaft mit Israel gehört zu ihrem Wesen selbst – Israel ist in spezifischer Weise unentbehrlich für die Kirche.

Niederschrift über den zweiten Ausspracheabend der Basler «Emuna»
mit Prof. Karl Barth, Basel, vom 23. März 1950
(nach stenographischen Notizen)

Beginn 20 Uhr 30. Nach Begrüßung durch den Vorsitzenden geht Prof. Barth zunächst nochmals auf den am 28. Januar zuletzt behandelten Punkt «Judenmission» ein.

Barth:

Die Pointe meiner Antwort war, dass «Judenmission» ein viel zu kaltes, distanziertes Wort ist zur Bezeichnung des Verhältnisses zwischen der christlichen Gemeinde, der christlichen Kirche und dem Volke Israel; weil nach christlicher Auffassung weder die christliche Gemeinde ohne Israel sein kann, noch Israel ohne die christliche Gemeinde, weil da eine letzte Identität besteht, so dass das Wort «Mission», bei dem man sich unwillkürlich vorstellt, dass man weit weggeht zu anderen, eigentlich unangemessen ist, bei der nahen Beziehung, in der wir uns bei allem Widerspruch und Gegensatz befinden.

Nun möchte ich über das hinaus, was ich da sagte, sachlich eigentlich nichts mehr hinzufügen, sondern Fragen beantworten. – (Nachdem keine solchen gestellt werden, setzt Barth fort): Ich möchte nur eine kleine Geschichte erzählen aus meinem eigenen Leben. Ich habe ein einziges Mal in meinem Leben einen Juden getauft. Das war nun nicht ein Fall von Judenmission, in keiner Weise. Es ist etwa 25 Jahre her. Ich war in Göttingen. Ein Kollege jüdischer Nationalität, Privatdozent, mit Frau, hat mich aufgesucht. Die beiden waren nicht «gläubige» Juden, sondern sogenannte Assimilationsjuden. Sie hatten zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, der Knabe war neun Jahre |212 alt. Der Knabe machte eines Tages folgende Schwierigkeit. Er sagte den Eltern: Vater, Mutter, ich möchte getauft werden. Sie fragten ihn, warum. Das Kind konnte es ihnen nicht recht klarmachen. Sie fragten, ob sie mir den Knaben einmal schicken dürfen. Das neunjährige Büblein kam zu mir, und ich fragte ihn, wie er dazu gekommen sei, das zu sagen. Er erwiderte: Ich ging in die Schule, sah, wie die Kameraden eine Schulbibel mit dem Alten und dem Neuen Testament hatten, für den Schulgebrauch, ich ließ sie mir leihen, las beide Testamente. Wie ich das alles gelesen hatte, da hatte ich den Eindruck, das Alte und das Neue Testament gehören zusammen; wenn ich ein richtiger jüdischer Mensch sein will, muss ich eigentlich sagen, dass Jesus, von dem im Neuen Testament die Rede ist, jener ist, auf den im Alten Testament hingewiesen wird. Wenn ich ein richtiger Jude sein will, muss ich Christ werden, deshalb will ich getauft werden. Ich sagte darauf dem Kinde, du kannst getauft werden, mehr braucht es nicht. Du brauchst nicht einmal mehr Unterricht zu haben, wenn du gesehen hast, dass das Alte und das Neue Testament zusammengehören, dass Jesus die Erfüllung ist. Das erklärte ich seinen Eltern, und das Kind wurde getauft.18 Es war keine Judenmission, das Alte und Neue Testament hatten auf das Kind diesen Eindruck gemacht. Es erinnerte mich an manches aus dem Neuen Testament, so aus der Apostelgeschichte. – Die Nutzanwendung aus der Geschichte kann nur die sein: so ungefähr würde ich es mir vorstellen, ohne Bekehrungspredigt. Es soll eine «Entdeckung» gemacht werden.

Barth verweist darauf, dass nicht nur das Alte, sondern auch das Neue Testament von Juden geschrieben wurde. Er ersucht um Fragen zu diesem Thema.

Frage:

ob Barth nicht vom christlichen Standpunkt aus zugestehen kann, dass es ein Verständnis des Alten Testaments geben kann, |213 das nicht vom Neuen aus erfolgt? Betrachten Sie das als absolute Irrlehre?

Barth:

Selbstverständlich, das ist der jüdische Ort, das Alte Testament ohne das Neue. Darüber habe ich gar keine Lust, ein Urteil auszusprechen. – Wir als Christen können nur sagen, wir lesen dieses Alte Testament auch und dann hat es für uns diesen merkwürdigen Ausgang, wo dann das ganze Alte Testament nicht beseitigt, sondern, wir gebrauchen diesen Ausdruck, erfüllt ist. Das ist letztlich keine Diskussions-, sondern eine Glaubensfrage. Wir können ja auch das Alte Testament probieren ohne das Neue zu lesen; und Sie können probieren, sie zusammenzulesen, und so das entdecken, was der Neunjährige in Göttingen gesehen hat, ohne Kunst und Beweise.

Frage:

Wenn ein christliches Kind zu einem Rabbiner gekommen wäre und hätte das Gleiche gesagt, hätte der Rabbiner es wohl zu den Eltern zurückgeschickt. Ich glaube, es wäre die Haltung des Rabbiners gewesen, den Schritt zu erschweren, nicht zu erleichtern. Wir empfinden es als «aktive Mission», wenn ein kleines Kind zu Ihnen kommt und die Sache gar nicht verstanden hat und sagt, es wolle sich taufen lassen. Wir kennen ja nicht die Motive des Kindes, es hat vielleicht das wahre Judentum gar nicht gekannt.

Barth:

Ich glaube, dem Kinde waren die Worte «Christentum» und vielleicht auch «Judentum» ganz fremd gewesen. Sie müssen es in diesem Falle mir überlassen, zu beurteilen, ob ich das als Motiv annehmen durfte. Ich musste es als Motiv annehmen, es war der entscheidende Punkt. Es brauchte nicht mehr, als was das Kind mir gesagt hatte. Im Neuen Testament gibt es solche Geschichten, dass Leute, Juden und Heiden, gekommen sind und sagten: «Ich glaube; ich möchte getauft werden.» – Ich kann mich an die einzelnen Umstände nicht mehr erinnern, ich kann nur sagen, dass ich glaubte, das Rechte zu tun, weil die entscheidende Frage so beantwortet war. – Die ganze Geschichte gefällt Ihnen also nicht. Ich habe mir das so gedacht.

Frage:

Soviel ich weiß, sind mit dem Erscheinen des Messias nach jüdischer Auffassung bestimmte Anzeichen verbunden, die vorausgesagt sind. Sind Sie der Meinung, dass mit dem Erscheinen Christi diese Voraussagen erfüllt worden sind?

Barth:

Ja.

214 Frage:

Aber die Juden sind doch nicht dieser Meinung. Und der Messias ist doch gewissermaßen eine jüdische «Erfindung».

Barth:

Die Frage, ob Jesus der Messias ist oder nicht: das können Sie von uns zunächst nur einmal hören, wir sagen das, wir bezeugen das. Und dann sagen wir: so, wenn ihr es wissen wollt, dann forschet in der Schrift, denn sie ist es, «die von mir zeuget» [vgl. Joh. 5,39]. Aber: überlegen kann man sich das nicht. Das ist eine Frage des Sehens.

Auf eine weitere Frage erklärt Barth: Vom christlichen Standpunkt aus bestehe kein Interesse «zu überzeugen», es könne nur darum gehen, einander kennen zu lernen. – Mein Zeugnis war: wir gehören schon zusammen. Es ist nur eine merkwürdige Wand, ein «eiserner Vorhang»19 da, dass Sie sagen, wir glauben es nicht. Aber es ist sicher wahr, wir gehören doch zusammen. Dieser Jesus ist euer Messias, wir haben ihn von euch bekommen, wir sind nur hinzugekommen, wir aus den Heiden, wir sind eigentlich nur zu Besuch bei euch.

Frage:

Man muss doch zugeben, dass zwischen Altem und Neuem Testament ein diametraler Gegensatz besteht. Das Alte Testament fordert strikte Einhaltung der Gesetze vom Sinai. Wieso kann man überhaupt von den Juden verlangen, dass plötzlich eine Entlastung kommt, dass man sagt, das Neue Testament entlastet euch? Wir können doch nicht sagen, wir sind nun entlastet; durch das Wortbekenntnis «Jesus Christus ist der Messias» entlastet man sich. Das ist leicht, aber viel schwerer ist es, im Ringen mit dem Satan zu bestehen, es täglich neu zu beweisen, dass man sich dem Willen Gottes unterwirft. Jesus hat selbst gepredigt, er sei gekommen, das Gesetz zu erfüllen [vgl. Mt. 5,17]. Die Aufgabe des Juden ist es, nicht nur formell das Gesetz zu erfüllen, sondern den Geist des Gesetzes zu erfüllen. Ich glaube, man hat den Reden Jesu einen ganz anderen Anstrich gegeben, Saulus wollte erst Heiden zu Juden machen. Als er sah, dass das nicht ging, hat er, um es volkstümlicher zu gestalten, es auf eine einfachere Basis gebracht. So hat er alle die Vorschriften abgeschafft, um es populär zu machen. Das Christentum ist ein großer Fortschritt, |215 aber es hat nicht die Stufe des Judentums. Wir Juden haben die höchste Stufe, man kann nicht verlangen, dass wir auf die zweite Stufe steigen.

Barth:

Der Unterschied ist nicht im Alten und Neuen Testament, sondern in der Auffassung des Alten und des Neuen Testaments.

Werczberger20 (auf die Geschichte vom Neunjährigen zurückkommend):

Ich glaube, es ist notwendig zu sagen: das Kind hat vom Judentum wahrscheinlich nichts gewusst. Aber ist da nicht der diametrale Unterschied zwischen Judentum und Christentum gegeben, dass ein neunjähriges Kind ein Glaubensbekenntnis ablegen kann? Das ist beim Christentum möglich, da aber für das Judentum die Verwirklichung des Gesetzes verbindlich ist, kann also ein neunjähriges Kind unter keinen Umständen ein Glaubensbekenntnis ablegen. Es ist also kein eigentliches Beispiel der Taufe eines Juden, der vom Judentum herkam. Ich kannte einen dreijährigen Buben, der heulend nach Hause kam, er wolle kein Jude sein, weil eine Spielkameradin ihm verboten hatte, den Garten zu betreten (1943). – Er las Jahre später im Neuen Testament mit großer Begeisterung, ohne sich taufen zu lassen, und kam dann mit seiner jüdischen Kritik. Es gibt kein Judentum ohne Kulturtradition.

Barth:

Meine Auffassung war: wenn das Kind das Alte Testament kennt und offenbar gut gekannt hat, hat es damit das Wesentliche des Judentums21 in sich gehabt, seinen assimilierten Eltern zum Trotz.

Es wird nunmehr an die Beantwortung der Fragen gegangen, die letzthin unbeantwortet blieben.

Frage 7:

Ist die Auffassung berechtigt, dass der Bilderkult als Kompromiss mit den griechisch-römischen Heiden notwendig war?22

Barth:

Der Bilderkult war sicher in keiner Weise «notwendig». Bilderkult, religiöse Verehrung von Bildern, das ist eine Sache, die auch erst viel später ins Christentum eingedrungen ist, dazu ist es in |216 der Tat durch die Berührung mit den griechisch-römischen Heiden gekommen. – Die Bilder werden nicht angebetet, sondern nur geehrt, man denkt dabei an denjenigen, der in den Bildern abgebildet ist, griechisch «duleia», nicht «latreia» (Verehrung). Ich persönlich bin gegen jede Verwendung von Bildern im Gottesdienst, ich bin reformiert. Ich bin sogar Gegner der Glasbilder, die Sie in unseren evangelischen Kirchen sehen, die mehr dekorative Bedeutung haben.23 Ich trete immer dafür ein, dass unsere Kirche so aussehen sollte wie Ihre Synagoge. In diesem Punkt denke ich jüdisch. Ich bin nämlich der Meinung, der Gottesdienst ist die Verkündigung des Wortes Gottes, und die soll nicht durch Bilder, durch Anschauungen gestört werden. Was Gott uns durch das Wort sagt, kann man nicht durch Bilder auffangen, «fixieren», auch nicht durch die Kunst. Es gehört nicht in den Gottesdienst hinein. Ich bin nicht der Einzige, der dieser Ansicht ist, unsere reformierte Kirche in der Schweiz ist weit weg von dieser ganzen Möglichkeit.

Frage:

ob zu jener Zeit (Entstehung des Neuen Testaments) und auch heute noch das Gebot «Du sollst dir kein Bildnis machen…» [Ex. 20,4] aufgehoben war, bzw. ist?

Barth:

Ja, sie hatten dazu ihre Deutungen. Sie haben sich darauf berufen, dass, indem Gott selber Mensch wurde in Christus, dadurch eine Vereinigung des Ewigen und des Zeitlichen stattgefunden hat, dass diese Vereinigung des Diesseitigen und des Jenseitigen in Bildern fortgesetzt werden könne. Sie sagten: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht. Das ist mir aber keine ausreichende Exegese.24

Frage:

Hinweis auf Grundverschiedenheit der Gottesvorstellungen im Judentum und Christentum.

Barth:

Ich bin gegen die katholische Auffassung, dass man Bilder machen könne im Hinblick auf die Menschwerdung Gottes.

Es entwickelt sich eine Debatte über die Verschiedenheit zwischen Judentum und Christentum dadurch, dass das Judentum jede Verkörperung ablehnt. Barth spricht von der sich daraus ergebenden Auffassung, dass Gott nur «jenseits», fern, abwesend sei. Der Mensch ist |217 im Grunde allein, auf sich selbst angewiesen. Der Mensch kann nur blicken auf diesen fernen Gott, da ist ja in der Tat eine ernste Differenz, wenn das Evangelium sagt, «Das Wort ward Fleisch» [Joh. 1,14], Gott ist in die Welt gekommen, um unser Bruder zu werden. Er ist unter uns. Und er ist noch unter uns. Sie rühren da an einen Punkt, der sehr ernst ist. Die Christen sagen: Dieser ewige und ferne Gott ist auch der nahe Gott, der transzendente ist auch der immanente Gott. – Der Bilderdienst der katholischen Religion ist fatal, dass man sich da die Möglichkeit schafft, sich Gott zu repräsentieren. Das «Nachahmen» vom Menschen her, was Gott tut, lehne ich ab. Es folgt nicht mehr aus der Menschwerdung Gottes in Christo, weil es ein Menschenwerk dorthin stellt, wo Gott gehandelt hat.

Dr. Ehrlich25 spricht über das Problem der Transzendenz. Ich kann nicht ganz verstehen, wie Sie annehmen, dass die Juden ihren Gott nicht auch als nahen Gott empfinden, selbst wenn sie sich von ihm kein Bild machen und keinerlei Gestalt [vgl. Ex. 20,4]; und selbst wenn sie nicht glauben, dass dieser Gott als Mensch auf die Erde gekommen ist. – Hinweis auf die Propheten und Psalmisten.

Werczberger:

Wir empfinden Gott immer unmittelbar, in allem, was wir erleben. Wir glauben an die Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen. Das Beten ist unmittelbar an Gott gerichtet.

Barth:

Das sage ich auch, dass alles, Himmel und Erde, und alle Menschen, und die Schlange und der Fuchs, Gottes Werk sind, und von Gott zeugen. Aber nun basiert doch die ganze Existenz Israels auf dem Gedanken der Erwählung. Nun sind Moab, die Philister, Israel nicht ein und dasselbe. Israel ist das erwählte Volk, sein Gott wohnt gewiss überall, aber auf dem Sinai gibt er sein Gesetz. Und er wohnt in Jerusalem. Seiner Allgegenwart unbeschadet gibt es die besondere Wirklichkeit Gottes, nämlich die Wirklichkeit des Raums, des Handelns Gottes. Moses ist Moses, David ist David, der Prophet ist der Prophet. Nach christlicher Anschauung ist Christus nichts anderes als das Ziel dieser ganzen Erwählungsgeschichte. In diesem Nachkommen Davids wird Gott selbst Mensch, so wie in der ganzen Geschichte Israels sich diese Erwählung ankündigt.

218 Werczberger spricht von der, dem Judentum eigenen, besonderen Erlebnisform Gottes, die unter dem Ausdruck «Schechina» das Erlebnis der Gegenwart Gottes begreift.


Frage 8:

Israel hat viele Fehler, steht in einer chassidischen Legende, aber die Welt hasst Israel nicht seiner Fehler, sondern seiner Tugenden wegen.26 – Was ist Ihre Stellungnahme zu diesem Satz?27

Barth:

«Hic Rhodus, hic salta»28… Warum hasst die Welt Israel? Darin können nicht inbegriffen sein die Glieder der lebendigen Christengemeinde. Das müssen dann die «Gojim»29 sein, sie müssen mit der «Welt» gemeint sein. Ich würde mich da nicht festlegen, dass es um Fehler oder Tugend geht. Darüber könnte man lange reden, aber da kommt nichts heraus. Das ist keine würdige Ebene der Diskussion. Es geht um etwas anderes.

Wenn die Welt, die Gott nicht kennt, so wie Israel und die christliche Kirche Gott kennt, Israel hasst, dann tut sie es nicht wegen der Fehler oder Tugenden Israels, sondern weil in Israel ein einzigartiges Phänomen in der Weltgeschichte ist… was das für eine merkwürdige Sache ist, ein Jude zu sein… weil es eine so unvergleichbare Position ist, theologisch betrachtet, die man als Jude einnimmt. Sehen wir uns das Alte Testament an, wie dort das Volk Israel daran ist. Dieses Volk wird zusammengeschart unter Mose und nun macht Gott gerade mit diesem Volk einen Bund. Es gab so viele Völker. Aber dieses Volk führt Gott aus Ägypten, durchs Rote Meer, Gott ist sein Freund, sein Wohltäter. So sagt es das ganze Alte Testament. Wo sind alle diese Völker |219 hingekommen, von denen dort die Rede ist? Wo sind die Römer heute? Alles fort (die heutigen Römer sind nicht die des Altertums). Und das Volk der Juden hat durchgehalten. Sie sind noch da. Da hält etwas durch von einer Treue Gottes… Wer kann eigentlich sagen, was ein Jude ist? Der Leibarzt Friedrichs des Großen hat auf die Frage des Königs nach einem Gottesbeweis geantwortet: «Majestät, die Juden».30 Das ist der Gottesbeweis, dass sie da sind… Der ganze Antisemitismus ist im Grunde eine Äußerung des Verdrusses. Das ärgert die Welt, dass es da so etwas Besonderes geben soll… Das ist jedenfalls der theologische Grund des Antisemitismus. Israel ist nie beliebt gewesen, weil es von Gott geliebt war. Wenn man nun das Alte Testament liest, welche besonderen Eigenschaften hat denn dieses Volk gehabt? Hatte es besondere Tugenden, bewies es Gott Treue? Nun, die Propheten haben sich immer über das Volk beklagt, dass es abgefallen sei von Gott. Es wird nie der Jude gerühmt im Alten Testament, sondern Gott. Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten.31 Bei einem Volk, das so im Licht steht, kommen dann auch die menschlichen Sünden so viel mehr ans Licht als bei andern Völkern, dann sieht man die Juden in diesem Licht stehen und sieht Dinge, die man bei anderen nicht so übel nehmen würde, ganz anders. Die Welt sieht Israel nur von außen her, sie sieht nicht ins Geheimnis hinein. Sie sieht eine Erscheinung, die sie mit Neid, mit … (unleserliches Wort im Stenogramm) erfüllt.

In seinen weiteren Ausführungen stellt Barth dar, dass an die Juden auf Grund ihrer geschichtlichen Position andere Maßstäbe gelegt werden als an andere Völker, z. B. die Schweizer.

Barth:

Auch die anderen Völker sind so «Völker», aber bei den Juden kommt es, im Guten wie im Bösen, ganz anders heraus. Und nun ärgern sich die Leute und hauen los (gegen die Juden). So haben sie den Antisemitismus erfunden. Dieser Zorn gegen die Juden ist der Zorn gegen Christus, denn er ist der Erwählte Gottes. Die Welt will |220 Christus nicht anerkennen, obwohl er für sie gekommen ist. Es ist daher klar, dass ein Christ unmöglich Antisemit sein kann.

Ich habe immer gesagt: Bei Hitler und dem Nazismus ist das eigentlich Böse: sein Antisemitismus.32 Er meinte im Grunde Christus. Wenn ich Israelit wäre, würde ich froh sein, von der Welt gehasst zu werden, ich würde nicht schelten, nicht grimmige Gedichte machen wie Herr Adler,33 ich würde sagen, dass es ja so sein muss. Zwischen einem ungläubigen Israel, einem Israel, das nicht an den Messias glauben will, und der ungläubigen Welt der Gojim wird immer Streit sein, sie können es nicht verstehen. Überwindung des Antisemitismus kann es nur geben in der gemeinsamen Erkenntnis von Jesus Christus, dem Messias Israels, der auch jener der Welt ist.

(Nach einer ihm gestellten Zwischenfrage setzt Barth fort:)

Barth:

Es geht nicht um Begeisterung, es geht um ein Erstaunen vor einer Tatsache, die ich einerseits im Alten Testament sehe, anderseits in der ganzen Geschichte. Der Jude ist der Jude, auch wenn er getauft wird. Er bleibt Jude. Er ist ein Glied dieses Volkes. Das hat nichts mit der Treue zur Synagoge zu tun, nur mit der Tatsache, dass Israel lebt. – Israel wird bis zum Ende der Tage sein, was es ist. Wer sollte ihm seine Einzigkeit nehmen wollen? Aber der Sinn seiner Ein|221zigartigkeit müsste darin herauskommen, dass es den Messias erkennen würde. Die Menschen merken gar nicht, was Israel ist. Man muss Christ sein, um diesen ausgezeichneten Stand Israels zu kennen.

Auf einen Hinweis, dass zwischen seinen heutigen Äußerungen und gewissen Erklärungen in seiner Radio-Ansprache über die Judenfrage vom 12. Dezember vorigen Jahres34 ein Widerspruch bestehe, erwidert Barth:

Barth:

Ich stehe zu dem, was ich im Radio gesagt habe. Bei den Juden kommt (besonders deutlich) heraus, was der Mensch überhaupt ist, anders als bei andern Völkern, wie z. B. den Schweizern. Das ist aber in keiner Weise gegen die Juden gesagt, sondern wenn ich hier die Schweizer erwähnt habe, so war das etwas ironisch gemeint. Man merkt den Schweizern ihre Sünden nicht so an wie den Juden (infolge ihrer besonderen Position).

In einer Frage wird davon gesprochen, der Antisemitismus sei gewissermaßen notwendig zur Erhaltung der Juden; sie erinnerten sich dadurch an ihre besondere Aufgabe. An die Geschichte von Haman [vgl. Esth. 3–7] wird erinnert.

Dr. Ornstein:

Was Prof. Barth gesagt hat, war, theologisch gesehen, zumal von seinem theologischen Standpunkt aus, gewiss richtig. Aber ich muss doch bitten, ein Phänomen wie das des Antisemitismus nicht nur durch die theologische Brille zu sehen. Gewiss spielt das theologische Moment hier eine wichtige Rolle, es gibt aber noch andere Momente, psychologischer Art, die von großer Bedeutung sind. Und sie wollen auch gewürdigt sein.

Ich muss da auch eine Geschichte erzählen, sie liegt mehr als 40 Jahre zurück. Es war in Österreich, wo es schon damals einen nicht geringen Antisemitismus gab. In meinem Elternhaus hatten wir eine Lehrerin, die die Tochter des Rabbiners von Linz war. Sie hatte einen hochbegabten Bruder, der studierte. Und er hat sich damals, aus Verzweiflung über den ihm begegnenden Antisemitismus, vor die Stadtbahn geworfen. Es wurde ihm die Gnade zuteil, weiter leben zu dürfen, aber… ohne Arme. Er lebt noch jetzt in England als Emigrant, ich |222 habe ihn besucht, als ich das letzte Mal an der Oxforder Weltkonferenz von 194635 in London war. – An einen solchen Fall bitte ich zu denken. Und ich bitte an die Myriaden unserer armen Toten zu denken, die hingemordet worden sind in unserer Zeit. Und da bitte ich doch zu überlegen, ob es angeht, den Antisemitismus als etwas Fatales hinzunehmen, das den Juden eben begleitet, und gegen den man nichts machen sollte…?

Prof. Barth (mit Betonung):

Ich bin ein entschiedener Anti-Antisemit. Ich würde, wenn es gegen den Antisemitismus geht, einen Bund schließen mit des Teufels Großmutter.

Ich bitte aber doch nicht von Psychologie und sonstigem zu sprechen. Das Theologische ist das Ganze. Es geht um das Verstehen der Dinge von Gott her. Man muss alles von Gott her verstehen.

Barth drückt sein tiefes Bedauern aus über den Vorfall, den Ornstein erzählt hat, und über die riesigen Opfer des Antisemitismus.

Es folgt eine Debatte darüber, ob Israel um Abrahams willen und Abraham um seiner persönlichen Verdienste willen erwählt worden sei, oder ob die Erwählung, wie Barth betont, von Gott ausgegangen sei, dem Abraham dann gehorcht habe.

Barth spricht von der Forderung, den Willen Gottes zu verwirklichen, und vom Stolz darauf, dies tun zu dürfen. Der Materialismus der letzten 150 Jahre war hier abträglich. – Ich habe von einem Stolz gesprochen, der dem Juden nicht genommen werden kann: was der Jude durch Gottes Gnade ist.


Es folgt eine Pause von etwa 5 Minuten. Nach deren Ablauf beantwortet Prof. Barth die restlichen Fragen 9–11 in einem.

Frage 9:

Es wird behauptet, es komme den Christen nicht so sehr auf die religiöse Tat als auf das Bekenntnis zur religiösen Tat an, der Glaube an Christus sei wichtiger als die Einhaltung seiner Gesetze. Wenn also beispielsweise ein Jude mehr als die den Christen gegebenen Gesetze einhält, könne er doch nicht so vor Gott bestehen wie ein Christ, wenn dieser gar nichts einhielte, sondern sich nur zu Christus bekennte. – Stimmt das?36

223Barth:

Nein, das stimmt nicht. Das ist eine ziemlich tolle Lehre. Das könnte ich nicht vertreten. Ich will zwei Antworten zu geben versuchen. Ich will antworten, worauf es dem Christen ankommt. Worauf kommt es dem Christen an?

1. Es kommt ihm an auf die Tatsache, dass Jesus Christus als die Erfüllung des Alten Testaments, von Jes. 53 und Jer. 31, gekommen ist, aber es geht durch das ganze Alte Testament, dass diese Erfüllung von Gott gesendet und uns gegeben ist. Der Christ blickt von sich selbst weg auf diesen einen hin.

2. Es kommt ihm [darauf] an, dass er im Glauben zu diesem einen gehören darf, dass er die Freiheit hat, mit ihm leben zu dürfen, von ihm gehalten, geführt zu sein.

3. Es kommt ihm an auf ein Leben in der Verantwortung, die damit begründet ist, dass er zu Jesus Christus gehören darf. Das bedeutet Verantwortung, Pflicht, Auftrag, die der Christ hat. Darauf kommt es dem Christen an.

Wie versteht der Christ den frommen Juden? Ich schicke voraus

1. als das Entscheidende: Der Christ versteht den frommen Juden als einen Menschen, der leben darf von einer Verheißung, die dem Abraham und seinem ganzen Volke gegeben ist. Dass er die besondere Gnade hat, diesem Volke anzugehören.

2. Er versteht den frommen Juden als einen Menschen, der auch als Jude, nicht als Christ, möglicherweise dem Christen lebensmäßig, moralisch, in seiner Haltung, überlegen sein kann.

3. Der Christ versteht den frommen Juden als einen, der, ob er nun ein besserer oder ein schlechterer Mensch ist, jedenfalls leider noch |224 nicht gehört hat, was die Glocke geschlagen hat, in welcher Zeit wir eigentlich stehen, der sein eigentlich Bestes noch nicht entdeckt hat; der es wie eine Binde vor den Augen hat, dass er nicht merkt, dass ihm, was das Alte Testament angezeigt hat, gekommen ist. – Die Fragen der Verheißung, der Treue Gottes sind große Fragen, die wir an jeden Juden zu richten haben.

Frage 10:

Wie ist Ihre Stellungnahme zur Auseinandersetzung zwischen katholischer Kirche und kommunistischem Regime? Wie stellt sich die protestantische Kirche dazu?37

Barth:

Ich kann hier nicht im Namen der protestantischen Kirche reden. Ich kann nur meine Stellung bekanntgeben. – Die Art, wie die katholische Kirche mit dem kommunistischen Regime sich auseinandersetzt, missfällt mir. Ich sehe die Sache so, dass ein sehr weltlicher Absolutheitsanspruch auf einen anderen weltlichen stößt. Ich beklage, dass von der katholischen Kirche das Evangelium Jesu Christi in einer so weltlichen Weise vertreten wird. Ich würde nicht sagen, dass jene Protestanten richtig sind, die sich mit den Katholiken gegen den Kommunismus verbinden.

Frage 11:

Es wird behauptet: die christliche Moral stehe über der jüdischen. Wie ist diese Meinung vom christlichen Standpunkt aus zu begründen? Und welches sind die moralischen Grundsätze, die das Christentum vertritt und das Judentum noch nicht gekannt hat?38

Barth:

Meine Gegenfrage ist: wer behauptet das? Die christliche Moral, sofern man von einer solchen sprechen kann, ist nur eine ganz besondere geistliche, freiheitliche, Reich-Gottes-mäßige Entfaltung und Anwendung des im Alten Testament offenbarten Gesetzes Gottes, und nun ist entscheidend zwischen Juden und Christen nicht eine |225 Differenz der moralischen Grundsätze. Ich glaube nicht, dass moralische Grundsätze trennend zwischen uns stehen. Es besteht aber eine ganz ernste Differenz zwischen uns in der Stellung und der Funktion der Moral.

Wenn ich recht sehe, ist es so: Der Jude interessiert sich für die Moral und für die moralischen Grundsätze, weil er der Meinung ist, dass durch das Einhalten moralischer Grundsätze, durch ein moralisches Leben, er das Heil sowohl persönlich erlangen kann als auch dafür sorgen, dass das Heil für die ganze Welt näher kommt. – Ich hatte einmal den Besuch von Rabbiner Taubes39 von Zürich, während des Krieges. Er war dafür, dass nach dem Kriege möglichst viele Juden in Jerusalem zusammenkommen und das Gesetz noch einmal beschwören mögen. Dann würde Gott ein Einsehen haben, dann würde es mit dem jüdischen Volke besser werden, mit der Welt besser werden.


Im Folgenden wird der bekannte (talmudische) Ausspruch erwähnt, dass der Messias kommen werde, wenn Israel nur einen einzigen Sabbath richtig halten würde.40

Barth:

Man muss begreifen, dass bei uns die Moral zwar auch da ist, aber sie hat eine ganz andere Stellung und Funktion. Bei uns ist das Moralische nicht vorne, und dann kommt das Heil, sondern zuerst ist das Heil da und als Konsequenz aus dem gekommenen Heil ergibt sich dann auch, dass Moral ist. Wir haben ganz bestimmte Aufgaben, Verantwortung. – Vergleichsweise wäre zu sagen: Der Jude steigt den Berg hinauf, der Christ geht den Berg hinunter… Eine Diskussion über die moralischen Grundsätze ist mir ganz unmöglich, weil da kein Streit besteht. Zu diskutieren ist nur über die Stellung der Moral in beiden Bereichen.

Dr. Ehrlich:

Ich möchte doch noch auf ein Problem hinweisen, das mir grundsätzlich in der Stellung zwischen Judentum und Christen|226tum wichtig scheint. Das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum könnte zwar nicht grundsätzlich, so doch gradweise bereinigt werden, wenn die Christen verstehen würden, auf der einen Seite, dass die Juden Christus als Messias nicht anerkennen, die Juden aber auf der andern Seite doch in Jesus einen Menschen sehen, der zumindest den alttestamentlichen Propheten nahesteht.

Barth:

Wäre das wohl eine gute Bereinigung, wenn man sozusagen auf beiden Seiten eine Subtraktion machen würde, so eine Konzession? Ich glaube, das ist nie gut. Zwischen ernsthaften Menschen kann man [sich] nicht so entgegenkommen. Ich habe das auch nicht so in der Hand. – Es ist doch viel besser, wir bleiben in einem ehrlichen Gegenüber stehen. Wir wollen, Sie und ich, streng bleiben.

Werczberger lehnt gleichfalls, und zwar vom jüdischen Standpunkt aus, die Anregung Ehrlichs ab. Wenn wir Juden das Neue Testament lesen und die Persönlichkeit Jesu zu verstehen suchen, können wir zu verschiedenen Ergebnissen kommen. Aber es kann unmöglich zu Kompromissen kommen.

Frage:

ob es nicht möglich ist, zuzugeben (vom christlichen Standpunkte aus), dass es in Gottes Plan liege, dass die Juden als Juden erhalten bleiben, während die Christen an Christus glauben.

Barth:

Das würde ich ablehnen. Die Juden haben doch sehr ernste Einwände gegen uns. Ich glaube, wir dürfen nicht aufhören, von beiden Seiten nicht, aneinander zu rütteln. Wir können einander nicht im Frieden lassen.

Im Folgenden lehnt Barth, bei aller hohen Anerkennung, den Standpunkt der «Toleranz», wie ihn Lessing in der Parabel von den drei Ringen im «Nathan»41 entwickelt hat, als den «letzten» Standpunkt ab.

Barth:

Toleranz ist hoch zu schätzen, aber nicht ausreichend.


Die Diskussion wird nach einigen weiteren Fragen und Debatten gegen ½12 Uhr nachts mit gegenseitigen Versicherungen des Dankes für die gewährte Aussprachemöglichkeit abgeschlossen.

Sachfußnoten

1
Hermann Adler (1911–2001), deutscher jüdischer Schriftsteller, der nach seiner Befreiung aus dem KZ Bergen-Belsen 1944 in Basel wohnte.↩
2
Zu dem von Arthur Weil (1880–1959), der ein Jahr zuvor Rabbi in Basel geworden war, gegründeten Jugendbund «Emuna» vgl. N. Sibold, Bewegte Zeiten. Zur Geschichte der Juden in Basel von den 1930er Jahren bis in die 1950er Jahre (Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz, Bd. 14), Zürich 2010, S. 153–158 📖.↩
3
André Levy (1927–2007) studierte seit 1946 in Basel Medizin und war seit 1947 Präsident der «Emuna»; später wurde er Leiter der Neurochirurgischen Universitätsklinik Basel.↩
4
Vgl. den Brief A. Lévys an Barth vom 14.12.1949 (KBA 9349.834) sowie das Frageblatt (KBA 45021).↩
5
K. Barth, Die Judenfrage und ihre christliche Beantwortung, in: KBRS 106 (1950), Nr. 2 vom 19.1.1950, S. 18–20 (wieder abgedruckt in: ders., Der Götze wackelt. Zeitkritische Aufsätze, Reden und Briefe von 1930 bis 1960, hrsg. von K. Kupisch, Berlin 1961, S. 144–149) 📖.↩
6
Brief Barths an A. Lévy vom 18.12.1949 (KBA 9249.267).↩
7
Ein Exemplar ist erhalten in: Staatsarchiv Basel, Sign. IGB-REG Q 10 (1).↩
8
Prof. Karl Barth als Referent bei einem jüdischen Jugendbund!, in: Israelitisches Wochenblatt, Jg. 50 (1950), Nr. 4 vom 28.1.1950 📖 (ein Exemplar in: Archiv für Zeitgeschichte Zürich, NL Werner Rings 433).↩
9
Ebd. 📖↩
10
Ebd. 📖↩
11
Vgl. den Brief A. Lévys an Barth vom 1.2.1950 (KBA 9350.83).↩
12
Brief Ch. von Kirschbaums an Ernst Wolf vom 31.1.1950 (KBA 98828.334): «Immer wieder und von allen Seiten ging es um die Frage des Gesetzes und seiner Erfüllung. In sehr misslicher Weise schaltete sich Karl Thieme ein, der auch da war, um zu zeigen, dass das katholische Verständnis dem jüdischen viel näher sei. Karl ließ ihn eine Weile reden und sagte dann: ‹So, meine Herren und Damen, jetzt wird es zu kompliziert. Ich möchte vorschlagen, Herrn Prof. Thieme einen eigenen Abend einzuräumen, aber heute Abend wollen doch wir miteinander das Gespräch durchführen!› Das war vielleicht ein wenig herb, aber die einzige Möglichkeit, die sehr spannungsvolle Situation gut durchzuhalten.» – Karl Thieme (1902–1963), deutscher Historiker und Politologe, der 1933 aus seiner Professur in Elbing entfernt wurde, 1934 vom Protestantismus zum Katholizismus konvertierte, 1935 in die Schweiz emigrierte und sich von dort aus gegen den zeitgenössischen Antisemitismus und die Judenverfolgung engagierte.↩
13
Vgl. den Brief A. Lévys an Barth vom 20.2.1950 (KBA 9350.121).↩
14
Vgl. den Brief A. Lévys an Barth vom 7.3.1950 (KBA 9350.149).↩
15
Erhalten als Typoskript-Durchschlag, 9 Seiten, DIN A4, einzeilig beschrieben (KBA 45022).↩
16
Hans Ornstein (1893–1952), österreichisch-schweizerischer Jurist und Publizist, 1919 Rechtsanwalt, 1938 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert, 1939 erst nach London emigriert, dann in Zürich, regte 1945 die Gründung der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz an und wurde deren Zentralsekretär.↩
17
Vgl. den Brief Ornsteins vom 28.3.1950 (KBA 9350.192).↩
18
Bei dem erwähnten Kind handelt es sich Hans Hermann Fränkel (1916–2003), Sohn von Hermann Fränkel (1888–1977; Privatdozent für klassische Philologie) und dessen Frau Lili. Fränkel wurde laut Taufregister der Reformierten Gemeinde Göttingen am 21. Juni 1925 zusammen mit seiner vier Jahre jüngeren Schwester Edith Johanna von Barth getauft (vgl. Predigten 1921–1935, S. XII, Anm. 17 📖). – Vgl. auch Barths Wiedergabe der Geschichte dieser Taufe in einem 1961 geführten Gespräch mit Methodistenpredigern: Gespräche 1959–1962, S. 194 📖).↩
19
Anspielung auf die 1946 von Winston Churchill geprägte Bezeichnung der quer durch Europa verlaufenden Grenze zwischen dem sowjetischen Einflussbereich und den westeuropäischen Ländern.↩
20
Vermutlich Isidor Werczberger (1899–1973), der bis 1934 Religionslehrer am Jüdischen Schulwerk in Leipzig war, dann nach Basel emigrierte und hier erneut als Religionslehrer tätig war.↩
21
Im Orig. irrtümlich «Christentums»; vom Hrsg. korrigiert.↩
22
Antwortnotizen Barths: «‹Bilderkult›(?) sicher nicht notwendig, sondern bekämpft, hat sich nur teilweise durchgesetzt[.] Ich persönlich nicht nur gegen λατρεία und δουλεία, sondern gegen Bilder überhaupt!!»↩
23
Vgl. zu Barths Position auch den Abschnitt «Bilderfrage», in: Unveröffentlichte Texte zur KD, S. 589–609 📖.↩
24
Zur Darstellung der altkirchlichen Argumente für die Bilderverehrung vgl. Unveröffentlichte Texte zur KD, S. 594f. 📖↩
25
Möglicherweise handelt es sich um Ernst Ludwig Ehrlich (1921–2007), deutsch-schweizerischer Judaist und Historiker, der 1943 von Berlin in die Schweiz fliehen konnte und 1950 in Basel promoviert wurde.↩
26
Die Herkunft dieses Satzes konnte nicht ermittelt werden.↩
27
Antwortnotizen Barths: «Warum hasst ‹die Welt› Israel (Antisemitismus!)? Fehler + Tugenden d. h. Erwählung und Sünde, die der Welt v[on] Israel exemplarisch vorgehalten sind. Richtet sich gegen X [Christus], darum christlich unmöglich. Israel dürfte (in Erkenntnis seines Messias) stolz darauf sein, gehasst zu werden. Zwischen unchristlicher Welt u[nd] unchristlichem Israel kaum vermeidlich!!»↩
28
Auf Äsops Fabel «Der Prahler» zurückgehende lateinische Wendung (deutsch: «Hier ist Rhodos, springe hier»), mit der gemeint ist, dass es nun zu zeigen gilt, was man kann. Bei Äsop wird der Satz zu einem Fünfkämpfer gesagt, der mehrfach mit einem Weitsprung in Rhodos geprahlt hat (vgl. Büchmann S. 306 📖).↩
29
Hebräisch für «Völker» im Sinne von «Nationen», oft verwendet als Bezeichnung für diejenigen, die nicht Juden sind.↩
30
Dieser von Barth gerne – und oft als auf Johann Georg von Zimmermann, den Leibarzt Friedrichs des Großen, zurückgehend – zitierte Ausspruch wird von Fr. Freiherr von Lipperheide, Spruchwörterbuch, Berlin 1907, S. 428 📖, Voltaire zugeschrieben; andernorts werden auch andere Urheber genannt.↩
31
Vgl. J. W. von Goethe, Götz von Berlichingen, erster Akt (Jagsthausen. Götzens Burg) 📖: «Wo viel Licht ist, ist starker Schatten».↩
32
Vgl. exemplarisch K. Barth, Die Kirche und die politische Frage von heute [1938], in: Schw.St., S. 69–107, dort S. 88–90 📖, wo Barth begründet, warum es sich beim Nationalsozialismus um eine «grundsätzlich antichristliche Gegenkirche» handle: «der eigentlich durchschlagende, biblisch-theologische Grund zu dieser Feststellung liegt […] in seinem prinzipiellen Antisemitismus. Stünde dieser ganz allein, so würde er ganz allein genügen für den Satz: der Nationalsozialismus ist die grundsätzlich antichristliche Gegenkirche. […] Wer ein prinzipieller Judenfeind ist, der gibt sich als solcher, und wenn er im übrigen ein Engel des Lichtes wäre, als prinzipieller Feind Jesu Christi zu erkennen. Antisemitismus ist Sünde gegen den Heiligen Geist. Denn Antisemitismus heißt Verwerfung der Gnade Gottes. Der Nationalsozialismus aber lebt und webt eben im Antisemitismus.»↩
33
Gemeint ist Hermann Adler; Barth denkt vermutlich an H. Adler, Balladen der Gekreuzigten, der Auferstandenen, Verachteten, Zürich 1946 📖. Ein Exemplar dieser Gedichtsammlung findet sich in Barths Bibliothek und wurde ihm am 30. Dezember 1949 von seiner früheren Studentin Sophie Apolant (1900–1972; vgl. Unveröffentlichte Texte zur KD, S. 3, Anm. 1 📖), wohl im Zusammenhang mit dem kommenden Gespräch in der «Emuna», zugeschickt; vgl. den Brief Apolants an Barth vom 30.12.1949 (KBA 9349.887).↩
34
Laut Taschenkalender Barth wurde der oben bereits erwähnte Radio-Vortrag «Die Judenfrage und ihre christliche Beantwortung» (s. oben, Anm. 5), auf den sich auch das «Israelitische Wochenblatt» kritisch bezogen hatte (s. oben, Einleitung), am 13. Dezember 1949 gehalten (Eintrag vom 13.12.1949).↩
35
An der christlich-jüdischen Konferenz in Oxford vom August 1946 wurde die Gründung einer internationalen Dachorganisation christlich-jüdischer Vereinigungen beschlossen.↩
36
Antwortnotizen Barths:
  • «Eine tolle Lehre!
  • – Worauf kommt es dem Christen an?
    • 1.auf X [Christus] als die Erfüllung von Jer. 31 usw.
    • 2.auf seine im Glauben vollzogene Zugehörigkeit zu ihm
    • 3.auf ein Leben in der damit begründeten Verantwortung
  • – Wie versteht der Christ den frommen Juden?
    • 1.als Menschen unter der Verheißung[,] von der Abraham lebte
    • 2.als in seinem vorchristlichen Verhältnis zu dieser Verheißung den Christen lebensmäßig u. U. überlegen
    • 3.als einen, der noch nicht gemerkt, was die Glocke geschlagen hat, seiner eigenen Sache nicht treu ist».
↩
37
Antwortnotizen Barths: «Sie missfällt mir. Hier stößt ein weltlicher Absolutheitsanspruch auf den andern und die protest[antische] Kirche ist in Irrtum u[nd] Unrecht, wenn sie mit dem Kath[olizismus] gegen den Komm[unismus] geht.»↩
38
Antwortnotizen Barths: «Wer behauptet das? Die christliche ‹Moral› ist eine (geistliche, freiheitliche, reichsmässige) Entfaltung und Anwendung des Gesetzes
   Entscheidend ist nicht eine Differenz der ‹moralischen Grundsätze›
   sondern die Stellung u[nd] Funktion der Moral:
      jüdisch: interessiert an Erlangung des Heils
      christlich: Konsequenz aus seiner Wirklichkeit».↩
39
Zwi Taubes (1900–1966) war seit 1936 der Rabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich; er hatte Barth am 25. Juni 1944 besucht.↩
40
Vgl. Ta’an. 1,1, 64a: «Sagte Rabbi Lewi: Behütete Israel nur einen Shabbat in der richtigen Weise, sofort würde der Ben David kommen!» (Übersetzung nach Ta’anyot. Fasten, übersetzt von A. Lehnardt, Übersetzung des Talmud Yerushalmi, Bd. II/9, hrsg. von Fr. Avemarie / M. Hengel, Tübingen 2008, S. 13 📖).↩
41
Vgl. G. E. Lessing, Nathan der Weise, dritter Akt, siebenter Auftritt 📖.↩