Interview mit Edouard Martinet
INTERVIEW MIT EDOUARD MARTINET
Vom 31. August bis 10. September 1949 nahm
Heute um 4 Uhr kommt ein Monsieur Martinet zu mir, Redaktor der Illustré, der in diesem Blatt einen ganzen Artikel über mich schreiben und mich zu diesem Zweck interviewen will. Es ist jetzt dann wirklich genug publicité um mich herum und die Zeit der Stille dürfte wieder anbrechen.3
In der redaktionellen Einleitung zum Abdruck des Interviews4 beschrieb Martinet Barth als das «enfant terrible» der Tagung: Barth habe «seine Interventionen mit seinem köstlichen Basler Humor und sein Französisch mit seinem nicht weniger köstlichen schweizerdeutschen Akzent gewürzt», und er habe «öfters diejenigen seiner Gesprächspartner ins Schwitzen gebracht, deren Dialektik sich nicht als die strengste und deren Aussagen sich nicht als die überzeugendsten erwiesen».5 Über das Gespräch mit Barth schrieb er:
201Da Professor
Als das Interview gedruckt vorlag, teilte Barth seinem Sohn
Eben heute erhielt ich wieder einen Bericht über ein von mir «erteiltes» Interview (im «Illustré») in dem [es] von mir – ich kann es nicht unterlassen, dies auch nach Borneo weiterzugeben – heißt: «En présence d’un tel homme, comment ne pas éprouver un sentiment de réconfort? Me trompai-je en pensant, que l’on devait éprouver un sentiment semblable – mutatis mutandis – en présence de
Im Folgenden wird eine deutsche Übersetzung des Interviews abgedruckt.
Nachklang der vierten Rencontres Internationale in Genf
Die Meinung Prof. Karl Barths
[…]
«Was denken Sie über die Rencontres?» […]
Da ich das erste Mal zu den
«Wie schätzen Sie aufgrund Ihrer Erfahrung Christen und Nicht-Christen angesichts der Schwierigkeiten des praktischen Lebens, des Krieges, ein?» […]
Christen und Nicht-Christen sind solidarisch in der Bedrängnis und im Mut. Ich wage nicht, so zu tun, als hätte ich Christen gesehen, die besser sind als Nicht-Christen. Das ist es nicht, was den wahren Christen ausmacht. Er muss sich in aller Bescheidenheit bei den anderen einordnen. Keine Zurschaustellung. Entweder man ist Christ oder man ist es nicht. Es geht nicht um äußere Handlungen, sondern um eine Haltung, eine Art zu sein.
«Was ist für Sie ein Humanist?»
Man hat ihn nicht definiert, das ist lustig, […]. Letztlich ist der Humanismus der Mensch, und der Mensch ist der Ich-ismus. Man hat an einen neuen Humanismus gedacht, an den Marxismus, an den Existentialismus. Entweder ist es ein historisches Konzept oder ein Ideal. Und genau das werden wir morgen auch sein. Ich mag sie nicht sehr, die großen Projekte, großen Programme mit -ismen: Marxismus, Existentialismus – nicht einmal das Christentum10, kann ich wohl sagen. Wir haben noch nie die Zukunft vorausgesehen. Für uns Christen gibt es jedoch eine bestimmte Interpretation der Zukunft. Ich sage mir: Glaube an deinen Gott, dann wirst du sehen. Ich akzeptiere den neuen Humanismus, das, was ich sein werde. Ich nehme in aller Freude und in aller Demut an, was Gott für uns tun wird. Ich bin nicht a priori ein Gegner. Mir geht es nicht so sehr um den Humanisten, als um den Menschen als Geschöpf und als Kind Gottes. Und der zukünftige Mensch wird dem entsprechen, was wir akzeptieren oder ablehnen.11 Das wird eine Tatsache sein, keine Idee.
«Ist der Marxismus, der mit dem Christentum einer der beiden Pole der Rencontres war, ein Humanismus?» […]
Alles, was sich -ismus nennt, sagt er uns, ist unmenschlich, ein Programm, eine Idee, die man bildet, um sie jemandem aufzuzwingen. In diesem Sinne mögen der Marxismus, der Kapitalismus, der Monismus, ich würde sogar sagen: das Christentum vom Teufel geholt wer|204den! […] Die -ismen sind Versuche, […]. Wenn die -ismen […] als Hilfskonstruktionen angesehen werden, können sie vielleicht nützlich sein. Aber sobald sie absolut sein wollen, werden sie unmenschlich. Das ist Totalitarismus. […]
Was ich Ihnen hier sage, richtet sich nicht spezifisch gegen den Marxismus, der Wahrheiten enthält.
[…]