8. September 1949

Interview mit Edouard Martinet

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INTERVIEW MIT EDOUARD MARTINET

1949

Vom 31. August bis 10. September 1949 nahm Barth an den vierten Genfer «Rencontres Internationales» zum Thema «Pour un nouvel humanisme» teil.1 Für den Nachmittag des 8. September war er von dem Journalisten Edouard Martinet2 um ein Gespräch über seine Eindrücke von der Tagung gebeten worden, das in der Zeitschrift «L’Illustré» erscheinen sollte. Unmittelbar vor dem Gespräch schrieb Barth:

Heute um 4 Uhr kommt ein Monsieur Martinet zu mir, Redaktor der Illustré, der in diesem Blatt einen ganzen Artikel über mich schreiben und mich zu diesem Zweck interviewen will. Es ist jetzt dann wirklich genug publicité um mich herum und die Zeit der Stille dürfte wieder anbrechen.3

In der redaktionellen Einleitung zum Abdruck des Interviews4 beschrieb Martinet Barth als das «enfant terrible» der Tagung: Barth habe «seine Interventionen mit seinem köstlichen Basler Humor und sein Französisch mit seinem nicht weniger köstlichen schweizerdeutschen Akzent gewürzt», und er habe «öfters diejenigen seiner Gesprächspartner ins Schwitzen gebracht, deren Dialektik sich nicht als die strengste und deren Aussagen sich nicht als die überzeugendsten erwiesen».5 Über das Gespräch mit Barth schrieb er:

201Da Professor Karl Barth in seinem Vortrag methodisch und präzise vorgegangen war und mit beeindruckender, demonstrativer Strenge, haben wir uns erlaubt, ihm sehr klare Fragen zu stellen. Lächelnd und an seiner Pfeife ziehend hat er sie wie ein fleißiger Schüler notiert; dann hat er uns freundlich, offen, ohne akademische Arroganz, ohne theologische Steifheit, vielmehr mit einer natürlichen Gutmütigkeit, einem sehr feinen Sinn für Humor und einem tiefen, nachsichtigen, beruhigenden Sinn für die Relativität menschlicher Werte seine Meinung dargelegt.6

Als das Interview gedruckt vorlag, teilte Barth seinem Sohn Christoph mit, was ihn selbst in der Einleitung wohl am meisten amüsiert hatte:

Eben heute erhielt ich wieder einen Bericht über ein von mir «erteiltes» Interview (im «Illustré») in dem [es] von mir – ich kann es nicht unterlassen, dies auch nach Borneo weiterzugeben – heißt: «En présence d’un tel homme, comment ne pas éprouver un sentiment de réconfort? Me trompai-je en pensant, que l’on devait éprouver un sentiment semblable – mutatis mutandis – en présence de Goethe?» Dabei hatte ich immer über Jaspers gelästert, dass er dort offenkundig den alten Goethe habe spielen wollen!7

Im Folgenden wird eine deutsche Übersetzung des Interviews abgedruckt. Edouard Martinets Einleitung, in der er das Gespräch auch |202 in die Reihe der bisherigen «Rencontres» einordnete, seine die Antworten Barths, aber auch eigene Fragen lobenden Kommentare und der Barths Antworten fast schon preisende abschließende Absatz sind hier und auch in der Wiedergabe des Originaltextes im Anhang8 ausgelassen und durch […] markiert.

Nachklang der vierten Rencontres Internationale in Genf
Die Meinung Prof. Karl Barths

[…]

[Frage:]

«Was denken Sie über die Rencontres?» […]

[Barth:]

Da ich das erste Mal zu den Rencontres gekommen bin, hatte ich keine vorgefasste Meinung. Aber gestatten Sie mir zunächst ein paar kritische Worte: In den Gesprächen stellen einige ihren Esprit zur Schau. Sie haben ihr kleines Manuskript in der Tasche, das sie um jeden Preis vorlesen wollen, oft ohne Bezug zum behandelten Thema. Pech für die Zuhörer; Hauptsache, sie reden so lange wie möglich. Wir sind doch hier nicht bei einem – wie ich es scherzhaft nennen würde – intellektuellen Jahrmarkt. Der Präsident sollte als Katalysator wirken. Die Gespräche sollten eine gemeinsame Anstrengung sein, nicht nur ein Meinungsaustausch. Wie dem auch sei, diese Rencontres sind eine bemerkenswerte Sache, diese Gelegenheit, sich so unterschiedliche Meinungen wie jene eines ehrwürdigen Vaters Maydieu und jene eines Henri Lefebvre, Apostel des Kommunismus, gegenüberzustellen. Ich musste nach Genf kommen, um etwas Vergleichbares zu sehen. Wäre es anderswo möglich? Die Folge davon: Ich habe in Genf eindrucksvolle Bekanntschaften gemacht. Ich kannte den Kommunismus und das Christentum wohl; aber mit Menschen zusammen zu leben, die für diese beiden Formen des Humanismus repräsentativ sind, ist eine gute Sache. Wir können als Einzelpersonen zu einer besseren Verständigung kommen.

Meine zweite Frage:9

«Wie schätzen Sie aufgrund Ihrer Erfahrung Christen und Nicht-Christen angesichts der Schwierigkeiten des praktischen Lebens, des Krieges, ein?» […]

203[Barth:]

Christen und Nicht-Christen sind solidarisch in der Bedrängnis und im Mut. Ich wage nicht, so zu tun, als hätte ich Christen gesehen, die besser sind als Nicht-Christen. Das ist es nicht, was den wahren Christen ausmacht. Er muss sich in aller Bescheidenheit bei den anderen einordnen. Keine Zurschaustellung. Entweder man ist Christ oder man ist es nicht. Es geht nicht um äußere Handlungen, sondern um eine Haltung, eine Art zu sein.

Dritte Frage:

«Was ist für Sie ein Humanist?»

[Barth:]

Man hat ihn nicht definiert, das ist lustig, […]. Letztlich ist der Humanismus der Mensch, und der Mensch ist der Ich-ismus. Man hat an einen neuen Humanismus gedacht, an den Marxismus, an den Existentialismus. Entweder ist es ein historisches Konzept oder ein Ideal. Und genau das werden wir morgen auch sein. Ich mag sie nicht sehr, die großen Projekte, großen Programme mit -ismen: Marxismus, Existentialismus – nicht einmal das Christentum10, kann ich wohl sagen. Wir haben noch nie die Zukunft vorausgesehen. Für uns Christen gibt es jedoch eine bestimmte Interpretation der Zukunft. Ich sage mir: Glaube an deinen Gott, dann wirst du sehen. Ich akzeptiere den neuen Humanismus, das, was ich sein werde. Ich nehme in aller Freude und in aller Demut an, was Gott für uns tun wird. Ich bin nicht a priori ein Gegner. Mir geht es nicht so sehr um den Humanisten, als um den Menschen als Geschöpf und als Kind Gottes. Und der zukünftige Mensch wird dem entsprechen, was wir akzeptieren oder ablehnen.11 Das wird eine Tatsache sein, keine Idee.

Vierte Frage:

«Ist der Marxismus, der mit dem Christentum einer der beiden Pole der Rencontres war, ein Humanismus?» […]

[Barth:]

Alles, was sich -ismus nennt, sagt er uns, ist unmenschlich, ein Programm, eine Idee, die man bildet, um sie jemandem aufzuzwingen. In diesem Sinne mögen der Marxismus, der Kapitalismus, der Monismus, ich würde sogar sagen: das Christentum vom Teufel geholt wer|204den! […] Die -ismen sind Versuche, […]. Wenn die -ismen […] als Hilfskonstruktionen angesehen werden, können sie vielleicht nützlich sein. Aber sobald sie absolut sein wollen, werden sie unmenschlich. Das ist Totalitarismus. […]

Was ich Ihnen hier sage, richtet sich nicht spezifisch gegen den Marxismus, der Wahrheiten enthält. Marx war ein großer Mann. Aber wenn man daraus einen Götzen macht, wird das zu Inhumanismus führen. Tatsächlich kann ich mich weder dem Kommunismus noch dem Antikommunismus anschließen. Man soll daraus keine Prinzipienfrage machen. Da der Marxismus ein Prinzip ist, dürfen wir ihm kein anderes Prinzip entgegenstellen. Kurz gesagt, der Kommunismus wäre nützlich, wenn er ein Beitrag wäre und keine exklusive These. Aber ich sehe keine andere Lösung als die christliche für den neuen Humanismus, den man uns als Thema der vierten Rencontres vorgeschlagen hat, denn wir regieren nicht, wir werden von Gott «regiert». Und weil ich Christ bin, […], konnte ich Ihnen all dies sagen. Wir mögen aufgerufen sein, andere Humanismen kennenzulernen, aber letztendlich wird es immer um den Menschen gehen, der weder von Ideen lebt noch von einem System, sondern für den die erste und letzte Frage immer lauten wird: «Wer bist Du?, Du!, und nicht dein -ismus.»

[…]

Sachfußnoten

1
Siehe oben, S. 155-199.↩
2
Edouard Martinet (1896–1962), Schweizer Schriftsteller und Journalist.↩
3
Brief Barths an Ch. von Kirschbaum vom 8.9.1949 (KBA 9272.317).↩
4
E. Martinet, Echo des quatrièmes Rencontres Internationales de Genève. L’opinion du professeur Karl Barth, abgedruckt in: L’Illustré, Jg. 1949, Nr. 39, S. 17f. 📖 (ein Exemplar des Artikels ohne nähere Angaben in: KBA 5085).↩
5
Ebd. 📖: «Pimentant ses interventions de son savoureux humour bâlois et son français de son non moins savoureux accent fédéral, il mit souvent sur le gril ses interlocuteurs, dont la dialectique ne s’avérait pas des plus rigoureuses et les affirmations des plus probantes.» – Ein erkennbar deutschschweizerisch geprägtes Französisch bzw. ein Französisch mit diesem Akzent wird in der französischsprachigen Westschweiz – in der Regel abwertend – als français fédéral bzw. accent fédéral bezeichnet. Die Verknüpfung mit dem «Bund» rührt daher, dass ein solches Französisch häufig in Texten der Schweizer Bundesverwaltung zu finden ist, wenn sie in Deutsch formuliert und dann ins Französische übersetzt sind.↩
6
Ebd. 📖: «Comme le professeur Karl Barth, dans sa conférence, avait procédé avec méthode et précision, et avec une rigueur démonstrative impressionnante, nous nous sommes permis de lui poser des questions bien nettes. En souriant et en suçant sa pipe, il en a pris note, comme un écolier appliqué; puis, gentiment, ouvertement, sans morgue académique, sans raideur théologique; au contraire, avec une bonhomie naturelle, un humour très fin, un sens profond, indulgent, rassurant, de la relativité des valeurs humaines, il nous a donné son opinion.»↩
7
Brief vom 29.9.1949 (KBA 9249.200); das Zitat findet sich im Artikel von Martinet, es lautet auf Deutsch: «Wie kann man in der Gegenwart eines solchen Menschen nicht ein Gefühl von Trost erleben? Täuschte ich mich, als ich dachte, dass man ein ähnliches Gefühl – mutatis mutandis – in der Gegenwart Goethes erlebt haben muss?»↩
8
Siehe unten, S. 518–520.↩
9
Im Original sind hier und im Folgenden die Hinweise auf die Fragen Martinets nicht hervorgehoben.↩
10
Das im Französischen sich ergebende Wortspiel mit gleichen Endungen – «marxisme, existentialisme […] christianisme» – lässt sich im Deutschen nicht wiedergeben.↩
11
Möglicherweise liegt in dem inhaltlich sich schwer in den Kontext einfügenden Satz schon im Original ein Übersetzungsfehler vor; gemeint sein könnte: «Und der zukünftige Mensch wird dem entsprechen, ob wir es akzeptieren oder ablehnen.»↩