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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Johannes 14,27</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Johannes 14,27, 29. Dezember 1912</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56056 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56056</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Johannes 14,27</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Joh 14,27, 29. Dezember 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1590">KBA 1126</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1912-12-29">29. Dezember 1912</date>
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          <term>sermon</term>
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                <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1912-12-29">29. Dezember 1912</date>
                    </dateline>
            <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.27">Johannes 14,27</ref>
                <quote>
                                Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>Jetzt sind die <term ref="kbga-terms-1410">Weihnachtstage</term> wieder einmal hinter uns, und wenn wir so darauf zurückblicken, dann fragen wir wohl: was haben wir nun, <hi rend="italic">was bleibt</hi> uns nun davon? Ein paar Tannennadeln, ein Goldfaden, ein Wachströpflein am Boden zur Erinnerung, dass da einmal der Weihnachtsbaum gestanden; aber ist das Alles? Wir Menschen sind doch ein merkwürdiges Geschlecht. Was wir vorgestern sehnlichst erwarteten und gestern klopfenden Herzens erlebten, ist uns heute gleichgiltig und morgen haben wir es vergessen. Da fragt man schließlich auch beim Größten: was bleibt davon? Man möchte doch nicht nur erleben, sondern etwas behalten, und gerade wer recht Weihnacht gefeiert hat, der möchte etwas davon mitnehmen. Dieses Verlieren im Strome der Zeit hat so etwas Wehmütiges, Unbefriedigendes. Und vielleicht denken wir jetzt ganz Ähnliches in Bezug auf das beinahe abgelaufene Jahr. Schon wieder eins: gekommen, gegangen, vorüber. Was bleibt uns davon? Ließ es uns ein schönes Geschenk zurück, das wir gerne wieder hervornehmen und uns ansehen, einen Segen, für den wir dankbar sind, oder eine Wunde, die uns brennt, sobald man sie berührt, oder haben wir nichts als das Gefühl, dass eben wieder einmal ein Jahr um ist, während uns nichts davon zurückbleibt? | </p>
                    <p>So mögen sich auch die <term ref="kbga-terms-272">Jünger</term> Jesu gefragt haben, als ihr Meister von ihnen gegangen war und sie allein zurückließ in der gleichgiltigen und feindseligen <term ref="kbga-terms-378">Welt</term>, aus der er sie zu sich berufen hatte. Was blieb nun, nachdem er gegangen war? Dankbare <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> über das, was er ihnen gewesen, oder nagender Schmerz, dass er ihnen genommen war, oder gar nichts, Schweigen, Nebel, Vergessen, wie es so manchem Toten gegangen ist bei den Menschen? Nein, da erinnerten sie sich an sein Wort, das sie gehört und nicht verstanden hatten zu seinen Leb<pb xml:id="p598" ed="pga" break="no"/>zeiten: <hi rend="italic">den Frieden lasse ich euch</hi>. Nun, an dieser Erbschaft hatten sie dann genug für ihr ganzes Leben, nicht nur für sich selbst, sondern, wie bei der Speisung der Fünftausend [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.6.40 Mk.6.44">Mk. 6,40–44</ref>], auch für unzählige Andre. Der <term ref="kbga-terms-589">Friede</term>, den Jesus hinterlassen, erwies sich als das höchste, das ewige Gut der <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term>, und noch heute sind wir damit nicht zu Ende, sondern fangen eigentlich erst an damit, es recht zu verstehen und nutzbar zu machen. So wollen denn auch wir uns am Ende der <term ref="kbga-terms-1987">Weihnachtszeit</term> und am Ende dieses altgewordenen Jahres das von Jesus sagen lassen: den Frieden lasse ich euch!</p>
                    <p>Was ist das, <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-589">Friede</term>?</hi> Es gehört so ungeheuer viel dazu. Es ist eines von den Worten, wo man immer in Gefahr sein wird, zu wenig zu sagen, wenn man ihren Inhalt beschreiben will. Und doch möchte ich versuchen, ihn nur in einigen Worten zu beschreiben. Was ich zu wenig sage, mögt ihr euch selbst ergänzen. Für heute möchte ich sagen: Friede ist Ruhe, Freude, Wachstum. <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1650">Ruhe</term></hi> zuerst: Nicht <term ref="kbga-terms-1279">Trägheit</term> oder <term ref="kbga-terms-1630">Dummheit</term> oder so etwas. Aber Ruhe, das heißt, die große Gelassenheit, die einen Menschen ergreift, der im tiefsten Innersten seiner <term ref="kbga-terms-356">Seele</term> den Grund seines Lebens gefunden und sich daran befestigt hat. Und dazu Bestimmtheit, Sicherheit, weil das Jagen und das Tasten, das Erraten und Probieren vorüber, weil der Weg gefunden und gebahnt, wenn auch noch nicht zu Ende gegangen ist. Und daraus kommt dann eine gewisse große Stille. Man hat nicht mehr so das Bedürfnis, alle Augenblicke aus sich hervorzubrechen und ein großes Getöse zu machen. Man fängt an, einen großen Teil seines <term ref="kbga-terms-1431">Lebens nach innen</term> zu leben, und was man <term ref="kbga-terms-1100">nach außen lebt</term> in <term ref="kbga-terms-1692">Worten</term> und <term ref="kbga-terms-1691">Handlungen</term>, das mag wohl ernst und gewichtig und eifrig sein, aber es bekommt etwas eigentümlich Geräuschloses, Unauffälliges, Selbstverständliches. Solche Ruhe in einer Menschenseele, das ist der Friede, den Jesus uns gelassen hat. |</p>
                    <p>Aber es gehört noch mehr dazu. <term ref="kbga-terms-589">Friede</term> ist <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term></hi>. Es gib viele Menschen, die haben scheinbar jene gelassene, bestimmte, stille <term ref="kbga-terms-1650">Ruhe</term>, aber sie sind dabei kalt und <term ref="kbga-terms-1471">gleichgiltig</term> gegen das, was um sie vorgeht, oder sie tragen irgend einen Groll in sich herum, den sie in sich erwürgt haben und der doch noch lebt, einen Groll entweder gegen eine Fügung ihres Lebens oder gegen gewisse Menschen. Groll ist das, wenn wir heimlich rumpeln und knurren in unserm Inwendigen, wenn wir Krallen verborgen haben in unsrer <term ref="kbga-terms-356">Seele</term> wie eine Katze <pb xml:id="p599" ed="pga"/> unter ihren weichen Pfötlein, wenn es unausgefüllte Löcher und Gruben hat in uns wie auf einem schlecht unterhaltenen Weg. Da ist die schönste Ruhe nach außen nichts wert; es braucht Freude. Wir müssen dazu kommen, Freundschaft zu schließen mit dem <term ref="kbga-terms-56">Leben</term>, das Erfreuliche darin zu finden und uns dann auch wirklich daran zu freuen, und ebenso und vor Allem mit unsern <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term>: wir dürfen uns nie innerlich trennen von ihnen, die Vorstellung von Feinden oder von «bösen Leuten» muss ganz verschwinden aus unsern Herzen, wir müssen innerlich die Andern immer an der Hand behalten, sogar wenn wir und sie ganz andre Wege gehen, sogar wenn wir ihnen oder sie uns entgegen treten. Jene Ruhe, die den Grund gefunden und sich nicht mehr irre machen lässt, darf nicht nur außen angeklebt sein, sondern sie muss unser ganzes Verhältnis zu unserm Leben und zu unsern Mitmenschen erfüllen und beherrschen. Ich habe an der <term ref="kbga-terms-1410">Weihnacht</term> gesagt, sie müsse uns alles vergolden.<note xml:id="n01">
                            <p> Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/56/p586#p586">S. 586–596</ref>, bes. <ref type="pub" target="../volume/56/p594#p594">S. 594</ref>.</p>
                        </note> Ich denke jetzt an einen Sonnenuntergang, den ich vor etwa 14 Tagen beobachtet habe. Da war unsre ganze Landschaft von einem wundervollen, einheitlichen, flammenden Rot wie übergossen für einige Augenblicke. So müsste es anhaltend sein in unserm Leben. Das ist Freude. |</p>
                    <p>Aber versteht mich recht: wenn ich sage: <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term> ist <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> am <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> und an den <term ref="kbga-terms-800">Menschen</term>, wer sie auch seien, so meine ich damit nicht eine faule Zufriedenheit, die Alles gut findet und lässt, wie es ist. Da versteht man das <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> des Friedens ganz falsch, wenn man es so versteht. Und darum habe ich als Drittes gesagt: Friede ist <hi rend="italic">Wachstum</hi>, Zunehmen, Weiterkommen. Also ja nicht Stillstand, Gemächlichkeit, Schlaf. Wir haben vorhin das prächtige Lied gesungen: Kommt, Brüder, lasst uns gehen<note xml:id="n02">
                            <p> <bibl type="song" corresp="kbga-songs-132">GERS 327; EG 393 (dort: «Kommt, Kinder, …»)</bibl>.</p>
                        </note>…!<note place="footnote" n="a" type="textcritical" xml:id="na">
                            <p> Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> folgt eingeklammert: «Nr. 327, <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">λεσεν</foreign> N!» Die Nummer entspricht der Nummer des zitierten Liedes im Gesangbuch (GERS), die griechischen Buchstaben sollen wohl besagen, dass <persName ref="kbga-actors-26">N[elly]</persName>, Barths Braut, den Text des Liedes lesen möge.</p>
                        </note> Das Lied ist von <persName ref="kbga-actors-797">Gerhard Tersteegen</persName>, der selbst auch ein solcher Friedensmensch gewesen ist. Aber ich kann darin nichts finden von jenem gewissen dumpfen, stumpfen Wesen, das nur die Augen schließen und zufrieden und selig sein will, sondern im Gegenteil: es geht ein Zug von Leben und Streben, von <pb xml:id="p600" ed="pga"/> Aufwärtssteigen und Weiterkommen durch das Lied, lest es nur zu Hause nach!</p> 
  <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Kommt, stärket euren Mut,</l> 
                          <l>Zur Ewigkeit zu wandern</l>
                          <l>Von einer Kraft zur andern.</l>
                          <l>Es ist das Ende gut!<note xml:id="n03">
                                    <p> Schluss von Strophe 1 des genannten Liedes «Kommt, Brüder, lasst uns gehen!»</p>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                    <p>So sicher der <term ref="kbga-terms-589">Friede</term> <term ref="kbga-terms-1650">Ruhe</term> ist und <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term>, so sicher ist er zugleich Bewegung, Bewegung dem Höhern, Bessern entgegen. Das gute Ende ist ja noch nicht da, sondern es steht erst in weiter Ferne vor uns. Nicht als ob ich es schon ergriffen hätte, ich jage ihm aber nach, ob ich es ergreifen möchte [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.12">Phil. 3,12</ref>]. Nur wer so denkt und wer danach sein <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> einrichtet, nur wer wirklich «wandern» will zur <term ref="kbga-terms-1247">Ewigkeit</term>, nur der kennt den Frieden. Es heißt nicht: Selig sind die Satten, sondern: Selig sind, die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>]. Wer von dieser Sehnsucht nichts weiß, wer kein Wachstum kennt, der weiß nicht, was Frieden ist. Aber diese Sehnsucht muss getragen sein von Ruhe und von Freude, sonst ist sie etwas Oberflächliches oder etwas, was die Menschen zur Verzweiflung treiben könnte.</p>
                    <p>
                        <term ref="kbga-terms-1650">Ruhe</term> und <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> und Wachstum miteinander, und keines ohne die beiden anderen, das ist der Friede, den Jesus uns gelassen hat und der uns bleiben soll, auch wenn die Weihnacht wieder hinter uns liegt, und wenn wir von einem Jahr ins andre hinübergehen. Den Frieden lasse ich euch! Jesus hätte auch sagen können: mich selbst lasse ich euch! Denn dieser Friede war das Wesen <term ref="kbga-terms-1434">seines Lebens</term>, seiner Person. Er selbst besaß ihn nach allen Seiten, er ging von ihm aus auf seine <term ref="kbga-terms-272">Jünger</term>, und bei ihm haben sie ihn immer wieder gefunden. Seine Erbschaft ist nicht die eines Toten. Man kann sie sich nicht denken getrennt von ihm. Er selber als der Lebendige muss sie immer wieder verteilen.</p>
                    <p>Aber <hi rend="italic">was haben wir Menschen</hi> mit dieser lebendigen Erbschaft des <term ref="kbga-terms-589">Friedens</term> <hi rend="italic">gemacht</hi> und was machen wir damit? O wenn wir uns das fragen, dann müssen wir uns bitter <hi rend="italic">schämen</hi>. Wie wenig haben wir doch noch davon ergriffen und uns zu eigen gemacht! So wenig, dass wir ganz mit Recht manchmal auf den Gedanken kommen mögen, ob nicht das <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> des Friedens ein schöner Traum nur sei. Ja, <pb xml:id="p601" ed="pga"/> durch unsre <term ref="kbga-terms-77">menschliche Schuld</term> ist es oft so. O wann werden wir einmal dahin kommen, dass man vom <term ref="kbga-terms-174">Bösen</term> in der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> nur noch träumen kann, wie man jetzt vom <term ref="kbga-terms-829">Guten</term> oft nur zu träumen wagt? – Den Frieden lasse ich euch! und dabei stehen wir eben wieder am Ende eines <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-2012">Völkerkampfes</term></hi>, der wie kaum ein früherer alle Schrecken altertümlicher und moderner <term ref="kbga-terms-1283">Kriegsführung</term> in sich vereinigte: die alte barbarische Lust des Mordens im <term ref="kbga-terms-430">Kampf</term> aufs Messer und die kalte raffinierte Technik des <term ref="kbga-terms-1701">Tötens</term> durch Maschinen.<note xml:id="n04">
                            <p> Gemeint ist der in diesen Wochen mehrfach von Barth angesprochene Erste Balkankrieg (vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/56/p544#fn_n03">S. 544f., Anm. 3</ref>). Zur hier thematisierten Art der Kriegsführung vgl. bes. <bibl corresp="kbga-bibls-1507">W. Höpken, <hi rend="italic">Archaische Gewalt oder Vorboten des «totalen Krieges»? Die Balkankriege 1912/13 in der europäischen Kriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts</hi>, in: U. Brunnbauer (Hrsg.), <hi rend="italic">Schnittstellen. Gesellschaft, Nation, Konflikt und Erinnerung in Südosteuropa. Festschrift für H. Sundhaussen zum 65. Geburtstag</hi>, München 2007, S. 245–261</bibl>.</p>
                        </note> Was für Bilder entrollten die Zeitungen Tag für Tag in diesen Monaten, und was für Scheußlichkeiten kommen erst jetzt, nachträglich und nach und nach, ans Licht der Öffentlichkeit, von <term ref="kbga-terms-277">Christen</term> begangen, unter dem Zeichen des <term ref="kbga-terms-129">Kreuzes</term> und im Namen des <term ref="kbga-terms-807">Christentums</term>. Wie blutwenig ist doch noch übergegangen in den Besitz der <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term> von der Erbschaft Jesu, solange solche Kriege noch möglich sind, solange die menschliche Selbstsucht und Leidenschaft noch so stark ist, dass sie sich in solchen fürchterlichen Zusammenstößen ganzer Völker entladen muss. Das «<term ref="kbga-terms-2011">christliche Europa</term>» – klingt es nicht wie ein Hohn, wenn man davon redet? | </p>
                    <p>Aber wir brauchen durchaus nicht bis auf die <placeName ref="kbga-places-788">Balkanhalbinsel</placeName> zu gehen, um zu sehen, wie schlecht wir Menschen den <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term>, den Jesus uns gelassen hat, verwalten. Wir wollen jetzt sofort bei uns selbst, in <hi rend="italic">
                            <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi> einkehren und Ausschau halten. Einige von euch erinnern sich vielleicht an meine Predigt vom letzten Neujahrstag.<note xml:id="n05">
                            <p> Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/56/p030#p030">S. 3–12.</ref>
                            </p>
                        </note> Dort war auch vom Frieden die Rede, besonders auch vom Frieden in Safenwil. Ich redete vom <term ref="kbga-terms-1106">Zornkraut</term>, das hier herum wachsen müsse und die Leute immer wieder hintereinander bringe.<note xml:id="n06">
                            <p> «Hintereinander bringen» steht im Schweizerdeutschen für: gegeneinander aufbringen, zu Fall bringen.</p>
                        </note> Ich sagte, wir wollten uns im neuen Jahr Mühe geben, es anders, besser zu machen, und versprach, nach der nächsten Weihnacht wollten wir uns dann <pb xml:id="p602" ed="pga"/> überlegen, wie weit wir es darin gebracht. Der Augenblick ist nun gekommen; aber was soll man jetzt sagen? Ist’s besser geworden? Haben wir uns überhaupt Mühe gegeben, es besser zu machen? Oder sind wir noch immer die alten <term ref="kbga-terms-2013">streitlustigen Safenwiler</term>, die kaum 14 Tage vorüber gehen lassen, ohne dass wieder irgend ein größerer <term ref="kbga-terms-1430">Zank</term> das ganze Dorf in Atem hält, um von den kleinern nicht zu reden. Ja seht, unser Gezänk ist in Gottes Augen genau so schlimm wie die Gräuel des <term ref="kbga-terms-1982">Balkankrieges</term>, und von der Erbschaft Jesu haben wir im Kleinen noch genau so wenig wie die <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> im Großen. Wozu steht denn eine Kirche und ein Pfarrhaus im Dorf, wozu kommt ihr zur Predigt<note xml:id="n07">
                            <p> «Zur Predigt gehen» ist eine ältere aargauische Redeweise für den Kirchgang.</p>
                        </note> und in die Blaukreuzstunde<note xml:id="n08">
                            <p> Im «<orgName ref="kbga-actors-8613">Blaukreuzverein</orgName>» versammelten sich die vom Alkohol Abstinenten; zu Barths enger Verbindung zum Safenwiler Verein – er war seit Januar 1912 dessen Präsident – vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/56/p084#fn_n10">S. 84f., Anm. 10.</ref>
                            </p>
                        </note>, wenn dann doch die Empfindlichkeit und das <term ref="kbga-terms-1818">Misstrauen</term>, die <term ref="kbga-terms-1936">Schadenfreude</term> und die <term ref="kbga-terms-1704">Rachsucht</term> bei jedem Anlass wieder hervorbrechen dürfen? Aber wenn ich auf das verflossene Jahre zurückblicke, so muss ich vor Allem auch sagen, dass ich selbst euch oft ein schlechtes Beispiel gegeben habe. Alle diese Mächte des Unfriedens, unter denen ich euch leiden sehe, kenne ich sehr genau aus mir selber; ich leide auch darunter. Und so habe ich, statt euch den <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term> zu bringen, öfter <term ref="kbga-terms-1430">mitgezankt</term>. Am Anfang des Jahres gleich habe ich, als man mich angriff, einen Zeitungsartikel geschrieben, zu dessen Inhalt ich noch heute stehe, aber mit bösen, giftigen Ausdrücken, die von dem Frieden Jesu nichts an sich hatten.<note xml:id="n09">
                            <p> Gemeint ist die am 6. Februar 1912 geschriebene <hi rend="italic">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-1508">Antwort auf den Offenen Brief des Herrn W. Hüssy in Aarburg</bibl></hi> (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/56/p047#fn_n10">S. 47f., Anm. 10</ref>).</p>
                        </note> Hier in der Kirche habe ich ein paarmal Dinge gesagt, die ihr zum Teil nicht verstanden habt und die dann auch nicht ohne meine Schuld als Zornkraut gewirkt haben. Und auch sonst habe ich mehr als einmal ins Feuer geblasen, statt es zu löschen, Leute hintereinander gebracht, statt sie zu versöhnen. So haben wir uns nichts vorzuhalten und wollen uns auch nichts vorhalten gegenseitig. Aber wir Alle wollen uns selbst vorhalten mit aller Macht, dass wir vom Frieden Jesu noch weit weg sind und dass wir im neuen Jahr genug zu tun haben werden, ihm ein klein wenig nahe zu kommen. |</p>
                    <p><pb xml:id="p603" ed="pga"/> Ja, in unserm eigenen <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-459">persönlichen Leben</term></hi>, da sehen wir es doch am deutlichsten, viel deutlicher noch als beim Gedanken an das Völkerleben und an das Leben in unserm Dorfe, dass der Friede Jesu uns kaum erst von Weitem gegrüßt hat. Wie weit sind wir doch von jener gelassenen, bestimmten, stillen <term ref="kbga-terms-1650">Ruhe</term>, wie er sie gelebt hat und wie er sie uns schenken möchte. Statt dessen geht’s auf und ab und im Zickzack bei uns und wir verbreiten Alle viel zu viel Geräusch um unsre Person. Und wo ist die <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term>, die wir als <term ref="kbga-terms-277">Christen</term> haben sollten? Wie schnell sind wir doch bereit, die Stirne in Falten zu ziehen und die Mundecken hängen zu lassen, oft wegen der kleinsten Widerwärtigkeit! Wie wenig braucht es, um uns traurig oder auch zornig zu machen. Und das Wachstum? Das innere Fortschreiten? Spüren wir nicht Alle, wie lahm wir eigentlich sind, wie wir nach Entschuldigungen suchen, um zurückbleiben zu können, wie wir probieren, uns davon zu machen, sobald es einmal ein wenig energisch heißt: vorwärts, aufwärts? Und wie hinter alledem der schlechte Wille verborgen ist ganz einfach, das «<term ref="kbga-terms-2014">radikale Böse</term>» im Menschen, das uns hindern und zurückbringen will auf der Wanderung zur <term ref="kbga-terms-1247">Ewigkeit</term>?<note xml:id="n10">
                            <p> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1509">
                                    <persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft</hi>, Akademie-Ausgabe, Bd. VI, Berlin 1914, S. 1–202, dort S. 37</bibl>: «Dieses Böse ist <hi rend="italic">radical</hi>, weil es den Grund aller Maximen verdirbt; zugleich auch als natürlicher Hang durch menschliche Kräfte nicht zu <hi rend="italic">vertilgen</hi>, weil dieses nur durch gute Maximen geschehen könnte, welches, wenn der oberste subjective Grund aller Maximen als verderbt vorausgesetzt wird, nicht statt finden kann; gleichwohl aber muß er zu <hi rend="italic">überwiegen</hi> möglich sein, weil er in dem Menschen als frei handelndem Wesen angetroffen wird.»</p>
                        </note> Nichtwahr, wir spüren das Alles und haben auch da nichts zu rühmen, wenn wir ehrlich sind, und müssen bekennen, dass wir bei Jesus noch Alles zu lernen haben.</p>
                    <p>Und so müssen wir daran <hi rend="italic">glauben</hi> wie an eine große <term ref="kbga-terms-72">Verheißung</term>, dass es doch wahr ist und sich erfüllen muss, das große Versprechen: den Frieden lasse ich euch! Trotz allem muss es wahr sein, trotz allem Schrecklichen und Lieblosen in der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term>, in unsrer Umgebung und in unserm Innern. Wir müssen es uns von Jesus sagen lassen, in dem es schon erfüllt war. Es ist ein Samenkorn, der Friede, der in ihm war, aber aus einem Samenkorn kann ja ein Weizenfeld werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.23">Mt. 13,23</ref>]. So wird der Friede <hi rend="italic">Christi</hi> einmal <hi rend="italic">unser</hi> <term ref="kbga-terms-589">Friede</term> sein! </p>
                    <p>Der Friede <hi rend="italic">Christi</hi>. «Meinen<hi rend="italic"> Frieden gebe ich euch;</hi> nicht<hi rend="italic"> gebe ich, wie die Welt gibt!</hi>» Wir müssen uns nun noch einmal vor die Frage <pb xml:id="p604" ed="pga"/> stellen: was ist das, der Friede, den Jesus uns lassen will? Es heißt Manches Friede und ist doch kein Friede. Was meinte Jesus, als er sagte: «<hi rend="italic">meinen</hi> Frieden gebe ich euch! und als er den so genau von <hi rend="italic">dem</hi> Frieden, den die Welt gibt, unterschied? Ich glaube, dreierlei zu erkennen.</p>
                    <p>Erstens: Der Friede Christi muss <hi rend="italic">von innen kommen</hi>. Ich sage nicht: er sei bloß etwas Innerliches. Nein, aber er muss von innen kommen. Die Mächte der <term ref="kbga-terms-1650">Ruhe</term>, der <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term>, des Wachstums müssen unser <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term>, unser <term ref="kbga-terms-1466">Herz</term>, unsern <term ref="kbga-terms-989">Willen</term>, unsre <term ref="kbga-terms-1435">Gefühle</term> ergreifen, und dann müssen sie unser ganzes Leben und nicht nur unser <term ref="kbga-terms-56">Leben</term>, sondern das Leben der ganzen <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> ergreifen und verwandeln. Wo es anders geht, da entsteht bloß der Friede, den die Welt gibt und der im Grunde kein Friede ist. Ich will zwei Beispiele nennen. Gegenwärtig tagt in <placeName ref="kbga-places-40">London</placeName> bekanntlich die <hi rend="italic">Friedenskonferenz</hi>.<note xml:id="n11">
                            <p> Die Bevollmächtigten der am Krieg beteiligten Parteien tagten seit dem <date when="1912-12-14">14. Dezember 1912</date> im <placeName ref="kbga-places-1107">St. James’s Palace in London</placeName> unter dem Vorsitz des britischen Außenministers <persName ref="kbga-actors-9133">Edward Grey</persName> (1862–1933), um über einen Friedensschluss zu verhandeln. Vorher und parallel dazu traf sich, ebenfalls in London, mehrmals die Botschafter-Konferenz der europäischen Großmächte <orgName ref="kbga-actors-8605">Großbritannien</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-8359">Deutsches Reich</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-8732">Russland</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-8248">Österreich-Ungarn</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-8521">Italien</orgName>, die über eine umfassende Lösung der Balkanfrage beriet. Am <date when="1912-05-30">30. Mai 1913</date> wurde der Erste Balkankrieg mit der Unterzeichnung des Londoner Vertrags beendet.</p>
                        </note> Hoffen wir aus ganzer Seele, dass sie mit dem Friedensschluss zwischen den kriegführenden Staaten endigt. Wir, die wir den Krieg nur aus Büchern und Zeitungen kennen, wissen wohl gar nicht, was wir am <term ref="kbga-terms-2020">Frieden für einen Segen</term> haben. In gewissen Liedern von <persName ref="kbga-actors-131">Paul Gerhardt</persName>, da kann man etwas davon spüren, mit welcher Inbrunst am Ende des <term ref="kbga-terms-1208">Dreißigjährigen Krieges</term> die Christen Gott gedankt haben für den «edlen Frieden».<note xml:id="n12">
                            <p> Vgl. etwa das von <persName ref="kbga-actors-131">Paul Gerhardt</persName> 1648 geschriebene Lied «Gott Lob! Nun ist erschollen das edle Fried- und Freudenwort», das als «<bibl corresp="kbga-bibls-1313">Danklied für die Verkündigung des Friedens</bibl>» bezeichnet wird (<bibl corresp="kbga-bibls-1313">P. Gerhardt, <hi rend="italic">Dichtungen und Schriften</hi>, hrsg. von E. von Cranach-Sichart, München 1957, S. 285–287</bibl>), oder die sechste Strophe seines Liedes «<bibl corresp="kbga-bibls-1313">Ich singe Dir mit Herz und Mund</bibl>» (Erstdruck: 1653; <bibl corresp="kbga-bibls-1313">a.a.O., S. 295–298</bibl>): 
         <q rend="block">
                                    <lg>
                                        <l>Wer gibt uns Leben und Geblüt?</l> 
                        <l>Wer hält mit seiner Hand</l> 
                        <l>Den güldnen, werten, edlen Fried</l> 
                        <l>In unserm Vaterland?</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </p>
                        </note> So mag er wohl heute wieder auf dem <placeName ref="kbga-places-788">Balkan</placeName> ersehnt werden <pb xml:id="p605" ed="pga"/> als eine Gottesgabe. Und wir werden mit dankbar sein dafür, dass wir vor einem furchtbaren Schicksal, das nahe genug an uns vorüberging, gnädig bewahrt worden sind. Aber den Frieden Christi bringt die Londoner Konferenz sicher nicht, und der kann überhaupt durch keine Konferenz gebracht worden. Die Waffen können niedergelegt oder doch gesenkt werden. Die Kanonen verstummen, das <term ref="kbga-terms-1701">Morden</term> hört auf. Aber hören darum die <term ref="kbga-terms-1709">Völker</term> auf, sich gegeneinander zum Morden zu rüsten? Werden sie sich nicht fernerhin, wie wilde Tiere zum Sprung gerüstet, gegenüberstehen, wie es jetzt zwischen <orgName ref="kbga-actors-8733">England</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-9047">Deutschland</orgName> schon seit Jahrzehnten bald der Fall ist? Die Raubtierinstinkte der Völker werden durch solche Friedensschlüsse wohl gebändigt, aber nicht beseitigt; dazu braucht es die höhere erzieherische Kraft des Geistes Christi, der diese sogenannten <term ref="kbga-terms-2011">christlichen Völker Europas</term> langsam, langsam zu einer andern Auffassung ihres gegenseitigen Verhältnisses bringen muss. Erst wenn die <term ref="kbga-terms-1558">Selbstsucht</term> und der <term ref="kbga-terms-1637">Hass</term> überwunden sind, ist der wirkliche <term ref="kbga-terms-589">Friede</term> da. |</p>
                    <p>Und nun das zweite Beispiel. Letzte Woche ist auch in unserm Dorf ein kleines <hi rend="italic">Flugblatt</hi> verteilt worden, betitelt: «Eine Weihnachtsbotschaft … und Frieden auf Erden!»<note xml:id="n13">
                            <p> Im KBA nicht erhalten.</p>
                        </note> Gestern Abend, als ich an der <term ref="kbga-terms-1846">Predigt</term> arbeitete, ist es mir auch noch anonym durch die Post zugeschickt worden mit einem dicken Fragezeichen darunter. Auch da ist vom Frieden die Rede, es heißt, um zum Frieden zu kommen, müsse die Macht des <term ref="kbga-terms-163">Kapitalismus</term> gebrochen werden, und das müsse geschehen durch die Macht der internationalen Arbeiterorganisation. Nun, das kann schon geschehen und wird sehr wahrscheinlich früher oder später geschehen, dass dem unsinnigen <term ref="kbga-terms-1283">Kriegswesen</term> einfach durch die Völker selbst oder durch die Mehrheit innerhalb der <term ref="kbga-terms-1709">Völker</term> ein Ende gemacht wird. Der <orgName ref="kbga-actors-9132">Basler Kongress</orgName><note xml:id="n14">
                            <p> Gemeint ist der außerordentliche Internationale Sozialistenkongress, der sogenannte «<orgName ref="kbga-actors-9132">Basler Friedenskongress</orgName>» vom <date to="1912-11-25" from="1912-11-24">24./25. November 1912</date>; vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/56/p545#fn_n05">S. 545f., Anm. 5.</ref>
                            </p>
                        </note> ist dafür schon ein bedeutungsvolles Anzeichen, dass das kommt. Aber da setze ich auch ein dickes Fragezeichen, wenn es nun in dem Flugblatt weiter heißt: «Dies ist der Weg, auf dem wir einst zum Erdenfrieden kommen werden, dies ist der Weg, auf dem wir alles Große, Schöne, das wahrhaft <pb xml:id="p606" ed="pga"/> Gute und das einzig Menschenwürdige erreichen werden», und wenn auf Grund dieser Betrachtung die christliche <term ref="kbga-terms-1413">Weihnachtsbotschaft</term> gleichsam ersetzt wird durch eine <term ref="kbga-terms-437">sozialistische</term>. Das ist Einbildung. Nehmen wir an, es wären nun alle <term ref="kbga-terms-1464">Arbeiter</term> der Erde wirklich einig unter sich, und die Macht des <term ref="kbga-terms-163">Kapitalismus</term> wäre ein für allemal gebrochen, gäbe es dann wirklich keine <term ref="kbga-terms-1558">Selbstsucht</term>, kein <term ref="kbga-terms-1818">Misstrauen</term>, keine <term ref="kbga-terms-1753">Bosheit</term> mehr unter den Menschen, käme damit das Große, <term ref="kbga-terms-1626">Schöne</term>, <term ref="kbga-terms-829">Gute</term>, <term ref="kbga-terms-1597">Menschenwürdige</term> einfach wie durch’s Kamin herunter zu uns auf die Erde? Das glaube, wer da wolle. Nur, auch wenn die Ziele des <term ref="kbga-terms-437">Sozialismus</term> alle erreicht sein werden, worauf wir uns freuen wollen, das wird doch erst der Friede sein, den die <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> gibt, das heißt, ein äußerlicher Friede wie jetzt der Friede von <placeName ref="kbga-places-40">London</placeName>. Es müssen dann neue Aufgaben und Entwicklungen sich einstellen für die Menschheit, um sie dem ganzen, vollen <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term>, der von innen kommt, entgegenzuführen. Der Friede Christi, der wahre Frieden, kommt weder durch Friedens-Konferenzen noch durch Veränderungen unsrer <term ref="kbga-terms-2007">Gesellschaftsordnung</term>, so nötig und hocherfreulich die auch sind, sondern allein dadurch, dass wir bösen Menschen langsam zur <term ref="kbga-terms-757">Nachfolge Jesu</term> erzogen werden.</p>
                    <p>Das Zweite, was in dem Ausdruck: <hi rend="italic">meinen</hi> Frieden gebe ich euch! liegt, ist, wenn ich es recht verstehe, der Gedanke: der Friede kommt <hi rend="italic">nicht ohne Anstoß und Kampf!</hi> Nicht gebe ich Frieden, wie die <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> gibt, das heißt, nicht eine glatte, bequeme, angenehme Zufriedenheit will ich euch einflößen. Wir sollen an das andre, scheinbar diesem widersprechende Wort Jesu denken: Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.34">Mt. 10,34</ref>] Der Friede Jesu, so schön er ist und so heiß er uns eigentlich willkommen sein müsste, er steht doch in starkem Gegensatz zu unserm gewöhnlichen, natürlichen Denken und Empfinden. Wenn er zu uns kommen soll, so handelt es sich da um eine sehr merkliche Veränderung unsres ordinären Gemütszustandes. Da kann es ohne Anstoß nicht abgehen. Ein <term ref="kbga-terms-589">Friede</term> ohne allen Anstoß ist sicher nicht der rechte Friede. Wir haben vom Frieden in der Welt geredet; jetzt muss ich noch etwas sagen über den Frieden bei uns in <hi rend="italic">
                            <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>. Ich weiß, es sind Manche unter uns, die gern Frieden haben möchten, aber sie meinen nicht den Frieden Jesu, sondern den Frieden, den die Welt gibt, nämlich den Frieden ohne Kampf und Anstoß. So verlangt ihr oder doch Viele von euch <pb xml:id="p607" ed="pga"/> speziell von eurem <term ref="kbga-terms-1897">Pfarrer</term>, dass er ein Mann des Friedens sei, der möglichst wenig Anstoß gebe weder links noch rechts. Ja, ein Mann des Friedens soll und möchte ich wirklich sein in dem genannten <hi rend="italic">großen</hi> Sinn. Aber in diesem <hi rend="italic">kleinen</hi> Sinn: Nein, das geht nicht. Da müsste ich mich auf das Wort eines Größeren zurückziehen, der gesagt hat: «Wenn ich den Menschen gefällig sein wollte, so wäre ich Christi Knecht nicht» [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.1.10">Gal. 1,10</ref>]. Ich werde euch auch im neuen Jahr nicht immer so <term ref="kbga-terms-1846">predigen</term>, dass ihr nachher sagen könnt: es war eine «schöne» Predigt, weil ihr gehört habt, was ihr euch gerade auch schon gedacht hattet. Da hätte ja das Predigthören gar keinen Sinn, wenn der Erfolg nur der wäre. Das wäre der Frieden, den die Welt gibt. Manchmal wird es einfach nötig sein, dass ich euch etwas sage, an dem ihr Anstoß nehmt, weil ich euch ohne das nicht auf den rechten Frieden hinweisen kann. Nichtwahr, ihr wollt euch heute auch vornehmen, da nicht jedes Mal einen solchen Jammer anzustimmen auf dem Heimweg und in den Wirtshäusern, wie es im vergangenen Jahr ein paarmal geschehen ist. Und wenn ich einmal etwas sagen sollte, was unrecht ist, dann kommt doch bitte zu mir und sagt es mir selbst, statt hinten herum darüber zu reden, ich will es euch auch nicht übelnehmen, wenn ihr mir die Wahrheit sagt. Aber nur nicht diese Ängstlichkeit, als sei ein wenig Anstoß das Furchtbarste auf der Welt. Und ich möchte euch das auch für euer Verhältnis zueinander anraten. Es sind Manche unter euch, die sind wohl für sich selbst gut gesinnt, aber sie haben eine furchtbare Angst, es zu zeigen und damit da und dort Anstoß zu erregen. Sie sollten sich nur sagen, dass sie damit jedenfalls der Sache des Friedens <hi rend="italic">nicht</hi> dienen, denn das ist <term ref="kbga-terms-1155">kein Friede</term>, wenn einer sich vor dem andern fürchtet und sich nicht die Finger verbrennen will. Wenn ihr rechte Friedensmenschen sein möchtet, so müsst ihr ein wenig mutiger werden, euch ein wenig tapferer zu der Sache des wahren Friedens stellen, nicht gleich fragen: was sagen die Leute dazu?</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Denn wer nicht kämpft, trägt auch die Kron</l> 
                            <l>Des ewigen Lebens nicht davon!<note xml:id="n15">
                                    <p> Aus Strophe 7 des Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-144">«Mir nach! spricht Christus, unser Held» von <persName ref="kbga-actors-864">J. Scheffler (Angelus Silesius)</persName> (GERS 294; RG 812; EG 385 [in RG und EG Strophe 6])</bibl>.</p>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                    <p><pb xml:id="p608" ed="pga" rend="noPipe"/> Und nun noch das Dritte: <hi rend="italic">Meinen</hi> Frieden gebe ich euch! bedeutet: es ist der <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term> <hi rend="italic">unter dem Kreuze</hi> und durch das <term ref="kbga-terms-129">Kreuz</term>. Wir wollen das besonders auf unser <term ref="kbga-terms-459">persönliches Leben</term> anwenden, auf den Frieden der <term ref="kbga-terms-356">Seele</term>, den uns Jesus schenken kann und nach dem wir uns ja sicher sehnen. Wenn wir nur nicht dabei an jenen Frieden denken, der kein Friede ist, etwa an das, was man sonst «Glück» nennt. <term ref="kbga-terms-920">Glück</term> und <term ref="kbga-terms-1511">Vergnügen</term> und Wohlsein sind große Dinge, wir wollen uns freuen, wenn Gott sie uns schenkt, aber man kann Glück haben und doch keinen Frieden. Behaglichkeit ist nicht <term ref="kbga-terms-1650">Ruhe</term>, Vergnügen ist nicht <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term>, Tätigkeit ist nicht Wachstum. Der ganze äußere Betrieb eines sogenannten friedlichen Lebens kann da sein und ist doch kein Friede da. Der Unfriede zeigt sich da und dort oder er bricht plötzlich in helle Flammen aus. Warum? Der Friede, den Jesus gibt, ist Friede durch das Kreuz. Wer ihn haben will, der muss sich selber überwunden und ganz Gott übergeben haben, wie Jesus es am Kreuz getan. Oft schickt uns Gott auch ein wirkliches Kreuz, ein <term ref="kbga-terms-603">Leid</term>, einen Schmerz zu Hilfe, damit wir diesen Weg zum Frieden leichter gehen können. Aber mit oder ohne ein solches Leid: das Kreuz darf nicht fehlen zum Frieden. Es muss etwas geopfert worden sein, freiwillig oder unfreiwillig, nämlich unser <term ref="kbga-terms-1628">Ich</term> mit seinem <term ref="kbga-terms-1953">Trotz</term>. Das muss lernen, ruhig zu werden in Gott, dann kommt mit der Ruhe auch die Freude und das Wachstum des rechten Friedens. – |</p>
                    <p>Es ist also immer etwas Überraschendes, Rätselhaftes an dem <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term>, den Jesus zu geben hat: dass er so von innen nach außen zu uns kommt, dass er Anstoß und Kampf erregt, dass er uns unter das <term ref="kbga-terms-129">Kreuz</term> führt. Das Alles könnte uns erschrecken, vielleicht auf den Gedanken führen, ob wir nicht besser täten, die Erbschaft Jesu auszuschlagen. Nein, sagt er uns: <hi rend="italic">Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!</hi> Es ist da nichts zu erschrecken bei dem, was Jesus uns hinterlässt. Freilich, es ist Manches anders, als wir es wohl zu finden erwarten, aber wenn wir näher überlegen, werden wir uns sagen müssen, dass es eben viel <hi rend="italic">größer</hi> ist, als wir uns gedacht hatten.</p>
                    <p>Und so wollen wir denn zum Schluss des Jahres beide Hände ausstrecken und bitten: Herr, gib uns Frieden, <hi rend="italic">deinen</hi> <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term> und keinen andern.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
