15. Dezember 1912

Predigt: Deuteronomium 34,1-7

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Deuteronomium 34,1–7
… und der Herr sprach zu ihm: Dies ist das Land, das ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe … Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen. Also starb Mose, der Knecht des Herrn … und er begrub ihn, … und niemand hat sein Grab erfahren bis auf den heutigen Tag. … Seine Augen waren nicht dunkel geworden und seine Kraft war nicht verfallen.
Liebe Freunde!

Wenn Einer in Wahrheit ein Gottesmensch gewesen ist, so war es Mose. Es heißt von ihm: «es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Mose, den der Herr so erkannt hätte von Angesicht zu Angesicht» [Dtn. 34,10]. Und er steht wirklich einzigartig da neben allen Andern. Keiner hat so umfassend und tiefgreifend gewirkt wie er. An ihm haben alle Spätern hinaufgesehen wie an ihrem geistigen Vater. Selbst Jesus, der größer war als er, hat ehrfurchtsvoll von ihm geredet. Und weit über die biblischen Zeiten hinaus ist seine Gestalt lebendig geblieben und ist noch heute lebendig. Ich will nur an Einen der Größten erinnern, an Johannes Calvin, den Genfer Reformator. Sein Leben und Streben und Wirken war in den wichtigsten Zügen eine gewaltige Nachbildung der Art jenes uralten Gotteszeugen und Gotteskämpfers. Und durch die Zehn Gebote vom Sinai ist Mose zum Erzieher des Christenvolks aller Zeiten geworden. Durch sein mächtiges «Du sollst!» sind auch die Kinder, auch die Einfältigsten immer wieder vor die Majestät der göttlichen Forderungen gestellt worden. Mose ist eine von den Erscheinungen, die wir uns aus der Menschheit nicht wegdenken können. Man kann seine Größe nicht in wenig Worten schildern. Sie besteht nicht zum Wenigsten darin, dass er so Vieles war: der Sinner und Denker, der in der Einsamkeit seinen Gott und seines Volkes Gott entdeckt und kennenlernt [vgl. Ex. 3], der Volksmann und Freiheitsheld, der unverzagt und ausdauernd vor dem Königsthron von Ägypten sein Recht fordert [vgl. Ex. 5], der schließlich fast tollkühn die Hunderttausende aus dem verhassten Lande in die |563 Wüste führt, einer bessern Zukunft entgegen [vgl. Ex. 14], der klare, demütige Geist, der es versteht, Gottes verborgenen Willen in einfache, deutliche Worte und Ordnungen zu fassen [vgl. Ex. 20], schließlich der Führer und ungekrönte König eines großen, wandernden Volkes in 40 schweren Jahren, der es gleichzeitig zu beschützen hat vor den Nöten, die ihm die feindselige Natur und die feindseligen Menschen und Völker bereiten, und vor der Not, die es sich selbst bereitet durch seine eigene Bosheit und Dummheit, der Helfer, von dem Alle Alles erwarten für eine schöne, glückliche Zukunft, und der Prophet, der es weiß und immer wieder sagt: vor Allem Gehorsam gegen Gottes heiliges Gesetz. Das Alles war Mose und noch viel mehr. Und durch Alles hindurch geht wie ein goldner Faden seine Treue gegen Gott, der ihn zu seinem Knecht berufen, sein Eifer für Gottes Sache, neben dem er keine andre Rücksicht kannte, auch nicht die Rücksicht der Liebe, seine unerschütterliche Zuversicht zu Gottes noch größerer Treue.

Dieser Gottesmann hatte einen großen menschlichen Wunsch. Er hatte ihn gemeinsam mit den niedrigsten und unbedeutendsten seiner Volksgenossen. Das war der Wunsch, in das schöne Land Kanaan zu kommen, in das Land, wo einst die Väter Israels, Abraham, Isaak und Jakob, gewohnt hatten und das sie Alle, die Heimatlosen, als ihre Heimat betrachteten, obwohl sie es nie gesehen hatten. Auch Mose nicht. Aber in derselben Stunde, wo Gott ihn berief zum Propheten und Führer seines Volks, erwachte auch die Sehnsucht in ihm nach diesem Lande. Es sollte ja die Krone und der Abschluss seines Werkes sein, wenn er Israel dort hineinführte. Je länger er lebte und je mehr er zu kämpfen und auch zu unterliegen hatte, desto inniger sehnte er sich danach, den Boden des alten Heimatlandes zu betreten, zur Bestätigung gleichsam, dass er nicht umsonst gelebt habe. Es sollte die letzte, größte Gnade Gottes für ihn sein, dieser Einzug, diese Heimkehr, und er freute sich innig darauf, er hat darum gebetet. Ich sagte, das sei ein menschlicher Wunsch gewesen. Menschlich, weil er äußerlich war. Weil wir bei einem solchen Gottesmann höhere Herzenswünsche erwarten als gerade den, das gelobte Land zu sehen, in dem Milch und Honig fließen sollten. Statt seines Gebets: Lass mich hinübergehen in das gute Land jenseits dem Jordan! würden wir eher das andre erwarten: Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde! [Ps. 73,25] Ja, Mose hat menschlich gewünscht und gebetet. |

564 Aber wir wollen uns dabei nicht verwundern und aufhalten. Menschliche und göttliche Wünsche sind gar merkwürdig beieinander und ineinander gemischt bei uns Allen, auch bei den Größten und Besten von uns. Wenn wir auf ein vergangenes Leben zurückblicken, auf unser eigenes oder auf das eines andern, dann vermögen wir Beides voneinander zu trennen, dann vermögen wir zu sagen: hier war unser Sehnen und Streben menschlich, endlich, irdisch, beschränkt und vergänglich, und hier handelte es sich wirklich um das Ewige und Göttliche. Wenn wir in einem Leben so unterscheiden können, dann haben wir es verstanden; das ist freilich sehr schwer und braucht feine, geübte, gewissenhafte Augen. Und das können wir fast immer nur nachträglich tun, eben wenn wir auf ein abgeschlossenes, vergangenes Leben blicken. Wenn wir in die Zukunft sehen, dann sehen wir das Menschliche und das Göttliche, das Irdische und das Ewige immer wunderlich verschlungen. Wir dienen wohl Gott oder möchten es tun, aber wir tun es doch immer, indem wir für irgend eine menschliche Sache, ein menschliches Ziel arbeiten. Wir vertrauen auf ihn, und das heißt doch, dass wir ihm zutrauen, er werde uns ganz bestimmte irdische Dinge erreichen lassen oder von uns abwenden. Und so ist es auch mit unserm Wünschen und Beten. Gewiss sucht ein lebendiger Christ da im letzten Grunde Gott und nur Gott, aber wenn wir wünschen und beten: Dein Reich komme! Dein Wille geschehe! Gib uns heute unser täglich Brot! [Mt. 6,10f.] dann sagen wir das doch nicht in die Luft hinaus, sondern wir denken an bestimmte Dinge, die uns recht und gut und nötig scheinen, und das sind dann eben wieder menschliche Dinge. Wir suchen das Göttliche immer im Gewand des Menschlichen, das Ewige im Gewand des Zeitlichen. Wir haben keine andre Form, um Gott zu dienen, auf ihn zu vertrauen, zu ihm zu beten, als die Aufgaben und Fragen und Nöte unsres menschlichen, irdischen Lebens. Erst im Lichte der Ewigkeit wird Beides reinlich voneinander geschieden. Es ist darum kein Vorwurf, wenn wir von Mose sagten, er habe einen menschlichen Wunsch gehabt. Es war nichts, was seinem göttlichen Propheten- und Heldenberuf entgegen war, wenn er danach verlangte, an der Spitze seines Volkes in Kanaan einzuziehen, im Gegenteil: warum sollte nicht gerade das die Erfüllung und Vollendung seines Berufes sein, vor Gott berechtigt und von Gott gewollt? Warum sollte Mose nicht gerade darin das notwendige |565 Ende seines Weges sehen? Was sollte ihn hindern, danach zu verlangen und darum zu beten? Nein, es war nichts dawider. Es konnte zu Gottes Ehre und nach seinem Willen sein, dass Mose das Land der Väter sah mit dem ganzen Volk und dort seine Tage beschloss, gerade wie Calvin, den wir vorhin mit ihm verglichen haben, es erleben durfte, nach all den Stürmen und Kämpfen, noch ein volles Jahrzehnt lang, dass das Meiste von seinen Gedanken und Plänen in Genf und noch mehr in andern Ländern tatsächlich verwirklicht wurde. Gerade wie unzählige Menschen es erleben dürfen, dass ihr Leben und Streben auch äußerlich von Erfolg gekrönt ist, dass sie am Ziel ihres menschlichen Wünschens und Lebens ankommen. Hier findet einer Freude und Erfolg durch seiner Hände Arbeit. Dort hat Einer den Menschen gefunden, dem er sein Leben schenken darf und der ihm das seinige schenken will. Dort hat es ein Anderer zu Ehre und Einfluss gebracht. Hier haben sich die Verhältnisse fortschrittlich verbessert, und dort hat das Gute einen sichtlichen Sieg über das Böse errungen. Das Alles sind menschliche Dinge, gewiss. Und doch: warum sollte es nicht Gottes Ehre dienen, warum sollte es nicht sein Wille sein, dass wir auch in menschlichen Dingen Erfolg erleben und glücklich sind? Wo man sich innerlich nach Gott sehnt, da darf man sich auch äußerlich seinen Segen wünschen. Es kann so kommen und kann so recht sein, dass er uns geschenkt wird. Und so durfte Mose wohl seinen Wunsch haben und um die Erfüllung dieses Wunsches beten, er möchte ins Land der Väter kommen und dort sterben dürfen. Es ist auch für uns Andre nichts Unrechtes und Gottwidriges dabei, wenn wir menschliche Wünsche haben. Man darf das irdische Begehren nicht zu einer Schlechtigkeit stempeln. Das läuft immer auf eine Unwahrhaftigkeit heraus, denn auch der frömmste Mensch begehrt sehr oft auch irdisch. Wir wollen das vor Allem anerkennen und nehmen, wie es ist. |

Und dann steht es so, dass Gott durch unser menschliches Wünschen und menschliches Leben gleichsam hindurchsieht. Unsre Gedanken mögen lange äußre, irdische Form haben, Gott erkennt doch, wie viel oder wie wenig Gehorsam und Vertrauen und Liebe darunter verborgen ist. Er erkennt das Ewige auch im zeitlichen Gewand. Ob wir uns nun das tägliche Brot wünschen oder etwas, was dazu gehört, ob wir nach Gesundheit verlangen oder nach der Liebe unsrer Mitmenschen, ob wir uns nach etwas bitter Nötigem sehnen oder nach |566 einem Sonnenstrahl bloß zur Verschönerung unseres Lebens – Gott verachtet keinen unsrer Wünsche, er versteht, wie wir’s meinen, er hält sich an die Wahrhaftigkeit und Reinheit und Gerechtigkeit, soviel davon in unsrem irdischen Wünschen und Beten enthalten ist, und freut sich darüber. Wir sind vor ihm wie die Kinder vor der Weihnacht. Bei denen ist noch die Freude am Christkind und die Freude am Christbaum und dem, was daran hängt und darunter liegt, gar merkwürdig vermischt, niemand könnte sie auseinanderlesen, und doch ist diese Freude schön vor Gott, und er nimmt sie an, wie wenn es eine ganz himmlische, geistige Freude wäre. So auch wir. Wir dürfen mit ruhigem Gewissen vor Gott auch menschliche Wünsche haben. Es ist sicher, dass sie vor Gott recht sind, wenn sie aus einem aufrichtigen, demütigen, gerechten Sinn hervorgehen. Und es kann sein, dass sie auch erfüllt werden.

*   *   *

Aber es kann auch sein, dass sie nicht erfüllt werden. Der Wunsch des Mose war recht vor Gott. Denn Gott sah in der Form dieses menschlichen Wunsches die treue Meinung des Mose. Aber der Wunsch wurde nicht erfüllt. Er durfte den Boden Kanaans nicht betreten. All die Andern, die Gott so viel weniger kannten und liebten als er, sie durften es: Josua, sein Schüler und Nachfolger, aber auch der ganze Schwarm des Volkes, die Großen und die Kleinen, die Frommen und die Gleichgiltigen, die Guten und die Bösen. Ihnen Allen wurde ihr Wunsch erfüllt, ihre Sehnsucht gestillt, sie durften hinunter ziehen gegen den Jordan und hinüber in die alte Heimat, von der sie so oft geträumt. Nur gerade Mose nicht. Nur gerade der nicht, der ihnen zuerst verheißen: diese Träume werden Wahrheit werden! und der sein ganzes Leben dem gewidmet hatte, sie Wahrheit werden zu lassen. Fast grausam scheint es einem, wenn man liest, wie Gott gerade seine Wünsche zerbrechen ließ. Da ersteigt der Greis, der doch noch ein Jüngling war an Eifer und Arbeitsfreudigkeit, den Berg Nebo, die höchste Spitze im Gebirge Pisga diesseits des Jordan. Soweit war Israel nach langer Mühsal endlich gekommen. Und vom Nebo aus kann sein Held weit hinein sehen nach allen Seiten in das verheißene Land. «Der Herr zeigte es ihm», heißt es [Dtn. 34,1]. Und es ist nicht etwa an dem, dass der 120jährige nicht mehr sehen und verstehen konnte, was da |567 vor ihm liegt. Nein, «seine Augen waren nicht dunkel geworden», er sieht sehr wohl alle Schönheit, die da ausgebreitet ist, und er ist sich ganz klar: das Ziel unsrer Hoffnungen ist erreicht. Und er ist auch durchaus nicht müde und lebenssatt, wie es heute Mancher schon in der Hälfte seiner Jahre ist. Nein, «seine Kraft war nicht verfallen», er würde munter und getrost seine Hände nach dem erreichten Ziel ausgestreckt haben, er war durchaus bereit, freudig in Empfang zu nehmen, was er sich gewünscht und worum er gebetet hatte. Aber nun kommt es, jäh und unerwartet: du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen! Und dann fährt der Bericht fort, nüchtern und ohne ein Wort des Befremdens: Also starb Mose, der Knecht des Herrn, daselbst im Lande der Moabiter. So wird das Ende seines Lebens zum Ende seines Wunsches.

Liebe Freunde! Solche Mose-Erfahrung kommt oft vor. Und weil wir der Weihnacht und dem neuen Jahr entgegengehen auch mit vielen menschlichen Wünschen und Bitten im Herzen, so wollen wir jetzt gerade davon reden, von den Wünschen, die nicht erfüllt werden, von den Zielen, die wir vor Augen sehen, aber nicht erreichen, von den Hoffnungen, die im letzten Moment enttäuscht werden.

Ich denke an eine ganz bestimmte Klasse von Menschen, die gleichen Mose darin, dass sie Gott vor Augen und im Herzen haben ihr Leben lang,a dass ihre Seele erfüllt ist von einem großen menschlichen Wunsch und dass ihnen dann gerade dieser Wunsch versagt wird. Wie Viele gibt es, die leiden unter dieser Moseerfahrung, und zwar gerade in dieser Weihnachtszeit, die auch sie zur Freude auffordern möchte! Wie manche alleinstehende Frau hat sie schon durchgemacht! Sie trat als junges Mädchen ins Leben hinaus mit einem großen Bedürfnis nach Licht und Liebe. Ihr ganzes Fühlen und Denken war beherrscht von der Hoffnung auf ein recht warmes, schönes, reiches Leben voll Glück und Tätigkeit. Diese Hoffnung begleitete sie in der Arbeit und in der Ruhe durch die Jahre hindurch. Sie war der Inhalt ihres Lebens. Sie muss sich ja erfüllen! dachte sie. Und sie ruhte auf dem Grunde eines kindlichen Vertrauens zu Gott. Aber sie erfüllte sich nicht. Der rechte Wirkungskreis, wo Licht und Liebe hätten gedeihen können, wollte sich nicht finden. Es fanden sich die Menschen nicht, die die |568 Einsame ganz hätten verstehen können, es waren die Verhältnisse anders, rauer, nüchterner, als sie sich als jung eingebildet, es war keine Tätigkeit da, in die sie sich mit voller Seele hätte hineinwerfen können. Und so blieb die Einsame einsam. Sie konnte Anderes suchen als Ersatz für das Glück, das nicht kommen wollte. Man kann irgend einen Beruf ergreifen, nur schon, um sich die Zeit zu vertreiben, man kann Bücher lesen, man kann sich für dies und das interessieren, man kann sich mit Kindern Anderer abgeben, wenn man keine eigenen hat. Das Alles ist gut. Es mag oft den Anschein haben, als ob darin die alte Hoffnung auf das schöne, reife Leben doch erfüllt sei. Bei vielen ist sie erfüllt oder sie merken doch nichts Anderes. Aber es gibt solche einsamen Frauen, die gestehen sich in stillen Stunden, dass ihre Hoffnung auf das Leben sich nicht erfüllt hat. Sie wissen genau, dass das Leben sie im Grunde nicht befriedigt, sondern enttäuscht, sie hatten mehr erwartet und nun kommt es nicht – an diesem Gefühl können sie nichts ändern. Je lebhafter sie sich das Lebensglück ausgemalt und je mehr sie davon in ihrer Umgebung wahrgenommen haben, desto schmerzlicher ist nun das Verzichten. «Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen.» – |

Und dann wollen wir an so manchen armen Kranken denken, der auf seinem Schmerzenslager getrieben ist von dem sehnlichen Wunsch, leben, gesund leben zu dürfen, von dem Wunsch nach Arbeit und Freiheit und Freude. O das ist ein so berechtigter Wunsch! Wir Andern wissen ja gar nicht, wie gut wir es haben neben ihm mit unsrer guten Gesundheit. Und nun möchte er ja nichts als, was uns so selbstverständlich ist. Wieviel heiße, aufrichtige Gebete sind schon von Krankenbetten zu Gott aufgestiegen! Wieviel wahrhaftige Reue und Sinnesänderung hat sich da schon vollzogen,b wie ist Gott da schon umklammert worden mit dem Rufe: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn? [Gen. 32,27] Ja, und dann hat Gott wirklich gesegnet, er hat das Gebet erhört, aber erfüllt, nein, das nicht. Die Gesundheit kam nicht wieder. O was ist das manchmal für ein Abschiednehmen vom Leben, wenn immer wieder die Hoffnung auftaucht: es könnte doch noch besser werden. Aber es wird nicht besser, sondern langsam, aber sicher geht es abwärts. Und es hat schon Mancher erst, wenn’s ans Abschiednehmen ging, so recht erkannt, wie schön und groß das Le|569ben eigentlich sein könnte. Nun kann er nur noch darüber nachdenken, kann seinen Kameraden nachsehen durch das Fenster des Krankenzimmers, wie sie ihren Geschäften und ihrem Vergnügen nachgehen, kann dem Geräusch des Lebens von Weitem folgen, aber er weiß, dass es jetzt nichts Anderes mehr gibt als Verzichten. «Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen.» Mit dir geht’s einen andern Weg. |

Und noch eine andre Gruppe gehört zu diesen Menschen mit der Moseerfahrung. Wieder ganz Andre. Ich meine alle die, die kraft ihres Amtes oder ohne ein besonderes Amt arbeiten an der Besserung des Menschengeschlechts, an der Erziehung des Denkens und Wollens der Leute, an der Hebung der Verhältnisse, an der Erneuerung der gesellschaftlichen Ordnung und ihrer Handhabung. Nämlich die, denen es ernst ist bei solchen Werken, nicht die bloßen Schwätzer und die nur mit einem Titel in der Welt herumstehen und im Grunde nichts wollen – die haben natürlich mit Mose nichts zu tun. Aber die, denen es ernst ist, gleichviel, ob sie einsam studieren und Bücher lesen und sich darum sorgen, wie es besser werden könnte, oder ob sie in einem bestimmten Beruf stehen etwa als Lehrer oder Ärzte oder Pfarrer, oder ob sie einer unabhängigen Bewegung auf geistigem oder praktischem Gebiet ihr Interesse und ihre Kraft widmen, von denen erfahren wohl die Meisten früher oder später, was Mose erfahren hat. Da nehmen wir uns irgend ein Ziel vor, sagen uns: so muss es sein, und so muss es auch erreichbar sein. Wir erfüllen uns ganz mit gewissen Gedanken und Überzeugungen und meinen ganz ehrlich, es müsse lauter Freude und Begeisterung und Willigkeit sich zeigen bei unsern guten Absichten. Wir meinen: es wird schon gehen! das Gute, was ich will, muss es doch gewinnen in der Welt! Das ist unser Land Kanaan, das wir da erwarten, und dass wir darauf warten, es werde schon gut gehen, das ist unser menschlicher Wunsch. Und der geht nun gewöhnlich nicht in Erfüllung, denn gewöhnlich geht es uns durchaus nicht gut in der Welt, auch wenn wir es noch so gut meinen.c Da stehst du da mit deinen schönen Gedanken im Kopf, aber nun musst du die Erfahrung machen, dass die Verhältnisse unendlich viel schwieriger sind, als du zuerst dachtest. Du merkst, dass es dir heute sicher nicht gelingen wird, die ganze Welt von gestern umzuwerfen. Du machst die |570 Erfahrung von der unglaublichen Beschränktheit der Leute, die da stehen wie von Holz, du magst lange eifern und je mehr du eiferst, desto hölzerner werden sie. Du machst die Erfahrung, dass es solche gibt, die einfach nicht wollen, die dir offen und heimlich widerstehen werden, du magst dich stellen, wie du willst. Schließlich gestehst du dir: es geht nicht mit der Welt- und Menschenverbesserung oder es geht so langsam, dass der Einzelne den Fortschritt gar nicht wahrnehmen kann. Er muss das Gefühl bekommen: Es ist doch immer das Gleiche! und er wird darauf verzichten, Erfolge sehen zu wollen in seiner bescheidenen oder wichtigen Tätigkeit. |

Ich wiederhole: Wer da mitarbeitet an einer idealen Bestrebung, heiße sie, wie sie wolle, der verzichte darauf, Erfolge sehen zu wollen. Manchmal kommen sie. Umso besser. Noch öfters aber kommen sie nicht, und es heißt: du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen! Gewiss, das Gute gewinnt es schließlich in der Welt, aber eben sehr oft nach uns, so dass wir nichts mehr davon sehen und davon haben, so dass es für uns zu spät ist, uns darüber zu freuen. Wer nicht bereit ist, diesen Verzicht zu leisten, der lasse lieber die Hände von allen guten Bestrebungen; er wird doch nur Enttäuschung dabei erleben. Aber es ist schwer, diesen Verzicht zu leisten.

Da haben wir die Mose-Erfahrung der unerfüllten Wünsche. Nur ein paar Gruppen von Menschen haben wir genannt, die sie besonders durchmachen müssen. Genau genommen findet sich aber etwas davon in jedem Leben. Es dürfte wenig Leben gehen, wo es nicht an bestimmten Punkten heißt: Es wär’ zu schön gewesen, aber es hat nicht sollen sein!1 wo es nicht Ziele gibt, auf die man verzichten muss, und Wünsche, die zerbrochen worden sind. Es gibt zum Beispiel viel mehr Leute, als man denkt, die ihren Beruf verfehlt haben oder die doch auf einen lieberen Beruf aus höhern Gründen haben verzichten müssen. |571 Wenn das, was sie aufgegeben haben, nicht bloß ein kindischer Traum war, sondern wirklich der Ruf zu der Lebensstellung, für die sie durch Begabung und Neigung gemacht waren, dann wird in ihrem Leben, auch wenn es sonst glücklich ist, bleibend etwas nachklingen von jenem wehmütigen Ton: du hast es gesehen, du sollst nicht hineingehen. Die Erinnerung an den ausgeträumten Jugendtraum wird sich manchmal wie ein trüber Nebel über die Gegenwart legen. Und ich will nur erwähnen, dass ein solcher Schatten eines verscherzten, verlornen Glücks über mancher Ehe liegt.

Warum lässt Gott das zu, diese bittere Mose-Erfahrung? Gewöhnlich ist schon das Wörtlein «warum?» falsch Gott gegenüber. Wir sollten ohne solches Fragen annehmen, was Gott mit uns tut. Aber wir können hier Antwort geben, ohne vorwitzig einzudringen in Gottes Geheimnisse. Zunächst wieder vor Allem die rückhaltlose Anerkennung, dass tatsächlich viele Wünsche, heiße Wünsche auf Erden nicht erfüllt werden. Nur das nicht abschwächen durch die Redensart, dass man ja «dafür» auf andre Weise glücklich werden kann. Wer schon wirkliche Enttäuschungen durchgemacht, der weiß, wie es mit diesem «dafür» steht, nämlich dürftig. Wer auf etwas Großes verzichten muss, der findet keinen Ersatz dafür, sonst ist es nichts Großes gewesen, sondern der Verzicht ist und bleibt eben bitter. Aber wenn wir uns das offen eingestehen, dann wollen wir uns unsrerseits ebenso klar machen, dass Gottes Ziel mit uns keineswegs das ist, uns glücklich zu machen,d uns bestimmte menschliche Ziele erreichen zu lassen. Das kann geschehen, gewiss, und darum ist unser Wünschen und Hoffen natürlich und berechtigt. Aber es muss nicht geschehen. Alles, auch das Höchste, das wir uns hienieden wünschen können, ist nicht in sich selber Zweck und Ziel unsres Lebens in Gott, sondern immer nur ein Sinnbild, die Wahrheit ist dahinter verborgen. Oder es ist eine Stufe, die wir überschreiten und dann hinter uns zurücklassen müssen. Oder es ist die Hülle um ein kostbares Geschenk, aber nicht das Geschenk Gottes selbst. Gott nimmt die Hülle weg, das heißt, er zerbricht unsern Wunsch, und wir fühlen uns unglücklich, aber in Wirklichkeit ist er uns nie näher als dann, er gibt uns jetzt unverhüllt, was er uns geben wollte. Gott will uns mehr geben als das Glück, das unsre Wünsche begehren. Du einsamer, trauriger Mensch, du hast in deiner |572 Traurigkeit etwas ins Herz empfangen von einer unbewussten Größe und Stärke, das du um Alles in der Welt nicht um ein sogenanntes Glück mehr tauschen würdest. Und du stiller, sehnsüchtiger Kranker, du hast einen Frieden im Herz, um den wir Gesunden, Glücklichen dich beneiden könnten. Und wer zu den enttäuschten Pionieren der Menschheit gehört, die so wenig Erfolge sehen – ei, möchtest du etwa etwas Anderes sein, als du bist, einer von dem großen Haufen, die keine Enttäuschungen, aber auch keine Kämpfe kennen, oder spürst du nicht die Kraft, die auch die stöhnende und unterliegende Arbeit für die höhern Güter der Menschheit dir einflößt? Gott gibt uns etwas Anderes, Bessres als was wir «Glück» nennen, er gibt uns oft nicht, was wir wünschen, um uns sich selbst, sein Leben geben zu können. |

Das wäre so eine Antwort auf die Frage: warum solche Mose-Erfahrungen? Sie sind nicht eine Gleichgiltigkeit und nicht eine Grausamkeit Gottes gegen uns, sondern die Ankündigung, dass unser noch etwas Besseres wartet, als was wir uns wünschten. Wir wünschten das Sinnbild und erhalten die Wahrheit. Wir wünschten die Nähe und werden auf den Gipfel geführt. Wir wünschten die Hülle und halten das Geschenk Gottes in den Händen. – |

Auch in der Geschichte vom Tode des Mose ist das angedeutet, wenn es heißt, dass der Herr selbst den Mose begraben habe und dass bis auf den heutigen Tag kein Mensch die Stelle wisse. Damit ist gesagt: wer die Mose-Erfahrung gemacht, der ist damit den Menschen wie entrückt, er ist unabhängig geworden von ihnen, er ist nicht mehr auf ihre Schätzung und ihr Wohlwollen angewiesen, er steht über dem Glück, das die Welt geben und nehmen kann. Sondern er ruht in Gott, sein Leben ist ganz in ihm verschwunden. Gott kennt ihn und liebt ihn, das wird ihm Eins und Alles.

Meine Freunde! Wisst ihr, was nötig ist, dass die Mose-Erfahrung auch bei uns dieses Ende nehme? Dazu ist nötig, dass wir sie ebenso rein erleben wie er. Dass wir sie nicht mit Klagen und Jammern begrüßen, wenn sie in unser Leben tritt, sondern in Demut und Fassung. Das ist freilich schwer. Uns erscheint sie immer wieder furchtbar. Wir hängen an unserm Glück, an unsern Wünschen, auch wenn wir noch so klar wissen, dass Gott Besseres für uns bereit hat. Und immer wieder taucht das enttäuschte Warum? auf, wenn es heißt: du aber sollst nicht hineingehen! Da müssen wir langsam rein und reif wer|573den.e Die Advents- und Weihnachtsbotschaft zeigt uns den Weg dazu. Christus ist ja in Allem und so auch in diesem die Antwort auf die Aufgabe, die Mose uns gegeben hat.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. folgt in eckigen Klammern als Angabe der Uhrzeit am Samstagabend: «[8.15]». ↩
b
Im Mskr. folgt in eckigen Klammern als Angabe der Uhrzeit: «[9.15]». ↩
c
Im Mskr. folgt in eckigen Klammern als Angabe der Uhrzeit: «[10.15]». ↩
d
Im Mskr. folgt in eckigen Klammern als Angabe der Uhrzeit: «[11.15]». ↩
e
Im Mskr. folgt in eckigen Klammern als Angabe der Uhrzeit: «[12.15]». ↩

Sachfußnoten

1
Vgl. den Kehrreim des Liedes «Behüt Dich Gott 🎵», dem sogenannten «Trompeter-Lied»:
B’hüt dich Gott! es wär’ zu schön gewesen,
Behüt dich Gott! es hat nicht sollen sein!
Der Text beruht auf: J. V. von Scheffel, Der Trompeter von Säckingen, ein Sang vom Oberrhein [1854], in: Scheffels Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Bd. 2, hrsg. von Fr. Panzer, Leipzig / Wien [1919], S. 187–394, dort S. 350 📖 (Lieder jung Werners XII).
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