10. November 1912 – kein Datum

Predigt: Johannes 8,1-11

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Johannes 8,1–11
…Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. … «Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!» … «Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr!»
Liebe Zuhörer!

Das war ein schöner Tag für die Leute von Jerusalem, als sie sich schon des Morgens in aller Frühe zusammen ereifern konnten: Nein, aber auch!1 Wisst ihr schon? Nein, ist’s auch möglich? So eine Person! Ein solches Mensch!2 Ich wollte mich auch geschämt haben! Nicht etwas Gewöhnliches war passiert, wie man es sich etwa alle Tage erzählt von diesem oder von jenem, sondern etwas ganz Unerhörtes und Schlimmes: Eine Frau hatte die Ehe gebrochen, und es war ausgekommen,3 und nun redete alle Welt davon. Weil man gerade das Fest der Laubhütten feierte, so waren schon am Morgen die Straßen voller Menschen, und umso schneller kann es jeder erfahren: Man schüttelt den Kopf, man legt die Stirne in entrüstete Falten, man zieht die Mundecken ein wenig krumm, dass es aussieht wie ein Lächeln, aber es bedeutet nicht Lächeln, sondern tiefe Abscheu. Und während die Einen fragen: Was ist auch das? und ganz befremdet und erstaunt tun, sagen die Andern: Ich hab mir’s doch gedacht! denn sie haben schon längst gerochen, dass etwas nicht in Ordnung war. Nichtwahr, das war ein schöner Tagesanfang für die Leute in Jerusalem? Nichtwahr, das tut wohl, so eine recht saftige, gerechte Entrüstung über etwas Böses am Morgen, früh gleich nach dem Erwachen, und dann die Aussicht auf einen langen, langen Tag, an dem man über das vorge|500fallene Böse noch viel hören und reden kann? Die Leute von Jerusalem lebten wohl daran.

Im Tempelvorhof oben hatte sich schon frühmorgens der merkwürdige Mann aus Galiläa eingefunden, Jesus von Nazareth. Wer war er? Was wollte er? Darüber waren bei Hoch und Niedrig, beim Volk und bei den Studierten gar verschiedene Meinungen. Die Einen sagten, er sei ein frommer Mann, die Andern nannten ihn einen Verführer, Einige hielten ihn für den Messias, andere für einen Teufelsbesessenen, Viele sagten: er ist ein Prophet! aber die wurden wieder von Andern widerlegt: es sei noch nie aus Galiläa ein Prophet gekommen [vgl. Joh. 7,52]. Mehrere Male hatten die Hohepriester und Ältesten ihre Leute ausgeschickt, um ihn gefangen zu nehmen, aber es war immer missglückt; einmal kamen ihre Knechte ganz überwältigt zurück und konnten nur sagen: es hat noch nie ein Mensch so geredet wie dieser [Joh. 7,46]. Er selbst hatte keine andere Rechtfertigung als die: Mein Vater hat mich gesendet! [vgl. Joh. 20,21] Um diesen Mann hatten sich gerade an jenem Morgen wieder viele Leute gesammelt, die des Festes wegen in den Tempel gekommen waren, und er redete in der Mitte mit leiser, klarer Stimme von Gott und von seinem Reich und von der Ewigkeit. Er war mit all seinen Gedanken drüben in der unsichtbaren Welt des Geistes, in einer Welt, wo es Unwahrheit und Hin und Her und Geräusch nicht gibt, sondern nur reine, ruhige, stille Bewegung nach oben. Er war drüben und er versuchte, die da um [ihn] standen, auch zu sich hinüber zu ziehen: in die Fülle aus der Leere, in das Wesen aus dem Schein, aus dem Tode in das Leben, aus der Welt ins Himmelreich! Und da und dort sah man es einem von den Zuhörern an, dass er gefangengenommen war und mitgehen musste, wo der Meister ihn führte. Da und dort leuchtete es in einem Auge auf wie Feuer, und hier einer und dort einer gingen einer heiligen Stunde entgegen.

Da wurde der Mann aus Galiläa und wurden seine Zuhörer brutal unterbrochen. Eine Gruppe von Menschen draußen drängte sich aus der Stadt her in den Tempelvorhof, blickte suchend umher, entdeckte Jesus und steuerte dann mit wichtiger Miene auf ihn zu. Eine große Anzahl Anderer folgte: lärmend, schwatzend, lachend, die Hände verwerfend. Jesus musste innehalten und aufsehen, der Kreis seiner Zuhörer wurde auseinandergedrängt. Und jetzt fingen die neu Ange|501kommenen an zu reden, mit lauten, harten Stimmen, rücksichtslos, in einem Ton, wie wenn Glas zerbricht, wahrscheinlich Mehrere aufs Mal. Sie ließen deutlich merken: wir sind gekommen, um zu reden, nicht um zu hören. Und für Jesus und seine Zuhörer war es eine so recht deutliche Erinnerung, dass die sichtbare Welt, die Menschenwelt, die sie eben verlassen hatten, auch noch da sei. Nichtwahr, das ist auch schon vorgekommen, dass uns so ein Rumpel und Spektakel der Menschen gestört hat mit[ten] in schönen, heiligen Stunden? Wir können uns nicht immer dagegen wehren, wie wir wohl möchten. Nur dann nicht zornig oder verdrießlich werden, sondern ruhig abwarten, was kommt! Gott lässt uns oft mitten in einem solchen menschlichen Rumpel und Spektakel etwas Schönes, Ewiges erleben.

Die dort ankamen und anfingen, auf Jesus einzureden, die waren von den allerbrävsten und allerfrömmsten Leuten im damaligen Jerusalem. Und sie waren von denen, die sich am Meisten aufregten, als an jenem Morgen die schlimme Geschichte mit jener Frau in der Stadt bekannt wurde. Einer von ihnen aber war auf den Gedanken gekommen: wir wollen den sonderbaren Mann aus Galiläa, der so viel von Gott und Gottes Gerechtigkeit redet, fragen: Was sagst du dazu? Was denkst du darüber, wenn ein Mensch so schlecht ist wie dieses Weib? Ein Anderer hatte sich dann noch erinnert, dass im 3. Mosebuch irgendwo stand: wer die Ehe bricht, der soll des Todes sterben [Lev. 20,10], den soll man steinigen. Das war nun zwar schon seit Jahrhunderten nicht mehr Sitte, und es war keine Rede davon, dass man es wirklich wieder hätte tun können. Das würde die römische Obrigkeit niemals erlaubt haben. Aber man konnte es wenigstens auch vorbringen, konnte Jesus den Bibelspruch wie einen Knüppel vor die Füße werfen und dann warten, was er sagen würde. Gerade wie vorwitzige Leute noch heutzutage manchmal Bibelsprüche brauchen, nicht weil es ihnen Ernst ist damit, aber weil sie sich damit auf eine interessante Weise wichtigmachen können. – |

Warum sind jene Leute zu Jesus gekommen, um seine Meinung zu hören über die fatale Ehebruchsgeschichte? Der Evangelist, der uns den Vorgang erzählt, deutet an, sie hätten ihn damit versuchen, ihn in eine Falle locken wollen. Das kann wohl so sein. Sie gehörten zu der Partei der Strenggläubigen, die es darauf abgesehen hatten, irgend einen Anlass zu finden, um gegen den fremden Prediger vorgehen zu |502 können. Es hätte sie vielleicht gefreut, wenn er gesagt hätte: ich glaube nicht an jenen Bibelspruch! Sie hätten dann triumphieren können: Seht, er ist ein Neuerer, ein Abtrünniger von Moses! Aber wie dem auch sei. Was sie zu Jesus führte in dieser Sache, das war sicher zum guten Teil auch einfach etwas von jener saftigen, gerechten Entrüstung über das Böse, an der diese höherstehenden Männer teilnahmen so gut wie das gewöhnlichere Volk. Das Anblick der Sünde hatte etwas in ihnen aufgestachelt. Sie verlangten leidenschaftlich danach, sie bloßzustellen, ans Licht zu ziehen, sie so recht zu verachten und der allgemeinen Verachtung auszusetzen. Die Sünde muss gerichtet, bestraft sein! das war ihre Leidenschaft. Und nun war es wie eine unbewusste Huldigung vor Jesus, wie ein ungewolltes Bekenntnis zu ihm, dass sie gerade ihn um sein Urteil anriefen. Es war, wie wenn sie etwas ahnten, dass kein grelleres Licht auf das Böse fallen könne als von seiner Person aus, dass die Sünde nicht stärker verurteilt werden könne als durch seine Heiligkeit. Sie gingen zu dem Propheten von Galiläa, weil sie gespannt waren auf den furchtbaren Gegensatz [von] menschlicher Reinheit und menschlicher Verdorbenheit, der sich da auftun musste. – |

Aber sie gingen nicht allein. Sie nötigten die schuldige Frau mitzukommen, durch die Straßen der Stadt in den menschenerfüllten Tempelraum. Sie dachten nicht daran, was für eine Folter sie ihr damit bereiteten, und wenn sie daran dachten, so freuten sie sich noch über die steigende Angst und Aufregung, in die dieses Wesen versetzt wurde. Gerade das machte ja die Entrüstung über das Böse, die in ihnen tobte, zu etwas Genussreichem, dass sie mit Fingern hinweisen konnten auf einen bösen Menschen, dass die Sünde, die sie so verachten und ins rechte Licht stellen wollten, nicht etwas Allgemeines, Unsichtbares war, sondern da diese schlechte Person, die schlecht war, wo sie die Haut anrührten! Wir können das ja auch an uns beobachten, dass diese zornige Entrüstung über das Böse, mit wir ja alle gleichsam geladen sind, doch immer erst dann zum Ausbruch kommt, wenn wir einen bestimmten Menschen verurteilen und verdammen, sozusagen unter der Last unserer Verachtung begraben können. Es ist nie so viel Tugendstolz und Tugendeifer da, wie wenn irgendwo ein Menschenkind recht sichtbar gefehlt hat. Dann bricht es fast jubelnd los von allen Seiten: Pfui! Pfui! Pfui! Vielleicht, dass von den Männern, die |503 jene Sünderin vor Jesus brachten, Mancher von seiner Frau zu Hause angetrieben worden war. Denn wenn es sich um eine ihres Geschlechts handelt, so sind viele Frauen ganz besonders unbarmherzig in ihrer Entrüstung. Jedenfalls musste es die Ehebrecherin auf unangenehme Weise empfinden, dass sie einem Haufen Menschen Anlass gegeben hatte, sich ihrer eigenen Tugend zu erinnern.

So brachten sie sie vor Jesus, und Jesus musste aus seiner reichen Schatzkammer von hohen und großen Gedanken über Mensch und Menschenleben zurückkehren zu den Menschen, wie sie in Wirklichkeit noch sind, aus dem Land der Sehnsucht in das Land der rohen, nüchternen Gegenwart. Und nun redeten sie, miteinander und durcheinander: Meister, dies Weib! Auf frischer Tat ergriffen! Eine Ehebrecherin! Sollte man so eine nicht zu Tode steinigen? Ja, steinigen, wie Mose geboten hat! Was sagst du? Was sagst du dazu? – O diese Frage: was sagst du dazu? da lag doch so recht Alles darin, was jene braven, frommen Männer und den Volkshaufen hinter ihnen zu Jesus geführt hatte: Ihre Leidenschaft gegen das Böse, die einem Jubel über das Böse so ähnlich sah, ihre Freude, ein menschliches Haupt mit Schuld zuzudecken wie mit schweren, eckigen Pflastersteinen, ihre Gier, den Abgrund klaffen zu sehen zwischen Jesu Vollkommenheit, die sie ahnten, ohne daran zu glauben, und zwischen dieses Weibes Erbärmlichkeit, von der sie überzeugt waren, ohne darüber nachgedacht zu haben. O diese Frage: was sagst du dazu? Sind wir nicht auch schon damit herumgesprungen von einer Haustüre zur andern? Haben wir sie nicht auch schon herumgeboten bei der Arbeit? Haben wir nicht schon viele Stunden unsres Lebens freudig geopfert, um diese Frage recht gründlich uns beantworten zu lassen: Was seisch derzue?4 Und sind es nicht ganz dieselben Gründe, die uns zu dieser Frage treiben: schaudernde Abscheu vor dem Bösen, Schadenfreude, Neugierde nach immer neuen Urteilen und Richtersprüchen. Und weil wir diese Frage nicht an Jesus richten, sondern an Menschen wie wir, so steht sie nicht still, wie es dort geschah, sondern sie rollt weiter wie eine Lawine und wird immer größer, und der sündige Mensch wird nicht einmal gesteinigt, sondern zehnmal und immer wieder.

Jesus hat auf die Flut von anklagenden Worten, die auf ihn hereinbrach, geantwortet, indem er schwieg. Er hat mehr als einmal mit |504 Schweigen geantwortet in seinem Leben, ganz besonders aber an seinem letzten Tag: vor den Hohepriestern, vor Pilatus, vor Herodes. Es ist ein nachdenkenswerter Umstand, dass Jesus die Ankläger und Richter dieses ehebrecherischen Weibes ganz gleich behandelte wie später seine eigenen Ankläger und Richter. Und das war derselbe Jesus, der die Sünde so scharf verurteilte, dass er sagen konnte: Wenn dich dein Auge ärgert, so reiß es aus und wirf es von dir! [Mt. 5,29] Er hat gegenüber der offenen Tatsache der Sünde geschwiegen. Etwas wird uns erzählt: er habe sich gebückt und habe mit dem Finger geschrieben am Boden, wohl im Sand, der den Vorhof bedeckte. Man hat sich oft gefragt, was das bedeutet habe. War es ein Zeichen der Gleichgiltigkeit, der Zerstreutheit, mit der er das wichtige Gerede der Leute hinnahm? Oder wollte er ihnen damit durch ein stummes Gleichnis antworten: Worte, Worte, Worte sind eure Anklagen und Reden – Worte, in den Sand geschrieben, vom nächsten Lüftlein verweht – Gottes Gerechtigkeit ist eine andre Gerechtigkeit als die eurige. Vielleicht war Beides darin: Gleichgiltigkeit und ein stummes Gleichnisreden. Jesus war nach außen wie abwesend. Es muss ein merkwürdiges Bild gewesen sein: die gerechten Männer mit ihren gierigen Fragen auf den Lippen. Die Zuhörer und das Volk, die aus allerlei Gründen auf Jesu Antwort gespannt waren. Die fehlbare Frau, allen Blicken ausgesetzt, festgehalten durch die Eiferer für Tugend und Recht, die am Liebsten in den Erdboden versunken wäre. Schließlich Jesus, der Prophet aus Galiläa, der, gefragt, nichts antwortet, sondern Buchstaben in den Sand schreibt. Es hat sich mehr als ein Maler daran gewagt, diesen Augenblick darzustellen, aber ich glaube, der Künstler muss noch kommen, der uns zu sagen weiß, was Alles darin enthalten ist. Es ist eben gar viel darin enthalten: Ewig-Menschliches und Ewig-Göttliches. Es müsste vielleicht ein Künstler sein, der all dies gleich gut kennen würde: den verlorenen Sünder, den braven Durchschnittsmenschen, den Gott zugewandten Heiligen. Dann könnte er uns die Ehebrecherin malen und die Pharisäer und Jesus. – |

Jesu Schweigen war auf alle Fälle eine glatte Ablehnung der Anklage. Er ist auf die Frage: Was sagst du dazu? nicht eingegangen. Er hat sie nicht aufgefangen und weitergegeben wie einen Spielball, wie wir es machen. Sondern er hat sie den Fragern vor die Füße geworfen, indem er darauf geschwiegen hat. Sein Schweigen sollte ihnen sagen: |505 Ich will nichts hören, nichts wissen von eurer Frage: Sie geht mich nichts an, und ihr solltet sie gar nicht stellen! – |

Aber wir wollen dieses Schweigen Jesu doch nicht nur hinnehmen, sondern zu verstehen suchen. Warum hat Jesus den leidenschaftlichen Verächtern der Sünde nicht recht gegeben? Warum hat er ihnen nicht beigestimmt: jawohl, sie hat die Steinigung verdient! Warum hat er nicht wenigstens einen Fluch ausgesprochen über die Gottverlassene, die das Gesetz ihres Volkes und ihres Gewissens übertreten hatte? Kein Zweifel: Moses und Elias wären hier auf Seiten der Ankläger gestanden. Kein Zweifel: die frommen und braven Leute aller Zeiten, gerade sie werden beim Lesen oder Hören dieser Geschichte immer wieder Lust verspüren, sich zu den Anklägern zu stellen und gegen die Frau, die eine so erbärmliche Person war. Aber das war nun gerade einer von den Anlässen, wo es sich so recht deutlich zeigte und immer noch zeigt, dass Jesus mehr war als ein Prophet und mehr als ein frommer Mensch, dass er der Sohn Gottes war, der den Vater besser kannte als die Andern. Und weil er den Vater kannte, kannte er die Welt und die Menschen. Er sah dem Getriebe der Seelen auf den Grund und urteilte dann anders, ganz anders, als wir zu urteilen pflegen. |

Die Sünderin? Ja, sie war eine Sünderin. Sie war auf falschem, gefährlichem Weg, sie hatte die Majestät Gottes verletzt, die nicht mit sich markten lässt. Aber Jesus war nicht wie wir, die wir unsre Mitmenschen um eines Fehlers, um eines Falles willen gleich zu Kindern des Todes stempeln; er sah den ganzen Menschen an, nicht bloß die eine Tat. Und so sah er in der Ehebrecherin nicht eine Verlorene, sondern ein Kind Gottes, das in der Irre geht. Er fühlte auch in ihr das Göttliche, Gute, das in keinem Menschen ganz erstickt werden kann, fühlte vielleicht sogar etwas von Wahrhaftigkeit, Treue und Liebe, durch die sie andern, die nie offenen Ehebruch begangen, überlegen war. Es kommt ja vor, dass die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzte sind! [vgl. Mt. 19,30 u. ö.] Und wie er das Gute sah und würdigte in dieser groben Sünderin, so sah und verstand er die Wege, die sie ins Böse geführt. Er litt nicht unter dem bösen Vorurteil, dem wir bis auf den heutigen Tage gerade in den Fragen der geschlechtlichen Sittlichkeit immer noch unterworfen sind, als sei sowieso die größere Schuld, ja, die Schuld überhaupt auf Seiten des weiblichen Teils. Wie |506 unendlich viel Ungerechtigkeit hat doch dieses Vorurteil schon angerichtet. Immer und immer wieder soll die Frau, das Mädchen, moralisch und rechtlich die Folgen der bösen Tat tragen, während der Mann, der Verführer, unbeschienen und kaum etwas belästigt seinen Weg geht. Warum hatten die Pharisäer nicht auch den schuldigen Mann herbeigebracht, warum nur die Frau? Jesus ließ sich durch das, was bis heute Brauch und Sitte ist, nicht täuschen. Er verurteilte die Schuld so, wie sie wirklich verurteilt werden muss. Er dachte an die Macht der Verführung, an die Schwachheit des Willens, an die Gewalt der Leidenschaft, an die Irrtümer des Herzens. Und weil er an das Alles dachte, beurteilte er die Ehebrecherin nach Heilandsart und nicht nach Menschenart. Auf die Frage: Was sagst du dazu? hätte er antworten müssen: Die arme Frau, sie ist doch Gottes Kind! Aber das hätten die Andern nicht verstanden und darum schwieg er. |

Aber auch den Anklägern sah er auf den Grund der Seele. Sie schienen ja freilich gar gewaltige Gotteskämpfer zu sein mit ihrer leidenschaftlichen Verachtung der Sünde, die sich über dem Haupte dieser Frau entlud. Aber war es denn so weither damit? War nicht in ihrem Geschwätz über die verdorbene Person reichlich viel Freude am Skandal? Hand aufs Herz, wir sind bei unsrer Entrüstung über das Böse oft im Innersten vergnügt darüber! Es tut so wohl, sich über böse Leute aufregen zu können. Und weiter: ist’s nicht oft so, dass wir, während unser Mund entrüstet schimpft, heimlich das Böse höchst interessant finden? Wir sind scheinbar voll Abscheu über die böse Tat, aber in Wirklichkeit möchten wir vor Allem möglichst genau erfahren, wie Alles gewesen ist und sich zugetragen hat, und dann kokettieren wir im Stillen mit der Sünde, wegen derer wir unsre Mitmenschen verurteilen. Oder ist’s nicht so? |

Und nun dieses Verurteilen selbst? Ist da etwas Gutes dabei, das man gelten lassen könnte? Ich glaube, wir können da ganz getrost antworten: Nein! Wenn wir so schwätzen und herumfragen: was sagst du dazu? dann hat das mit wirklichem Abscheu vor dem Bösen gar nichts zu tun. Sondern das ist außer dem Vergnügen am Skandal und außer der heimlichen Bewunderung des Bösen einfach die natürliche Gehässigkeit des Menschen, die sich freut, einem Andern eins zu versetzen, die natürliche Unbarmherzigkeit, die sich freut, einen Andern in den Kot zu treten. Wir machen uns Dampf und Nebel vor, wenn |507 wir uns bei solchen Anlässen einbilden, unser Abscheu vor dem Bösen sei etwas Erfreuliches. Er ist es durchaus nicht. Wenn er es wäre, müssten wir vor Allem Abscheu vor uns selbst empfinden, nur schon darüber, dass wir so gehässig und unbarmherzig sein können gegen andre sündige Menschen. Jesus hat durch Dampf und Nebel hindurchgesehen. Und darum hatte er auf die Frage: was sagst du dazu? geschwiegen. Er hätte antworten müssen: o ja, Ehebruch ist etwas unendlich Trauriges – aber ihr armen Menschen, seht ihr nicht, wie traurig ihr selbst dran seid? Und auch das würden sie nicht verstanden haben.

Aber jetzt verstanden sie auch sein Schweigen nicht, in dem doch Alles enthalten war, was er ihnen zu sagen hatte. Sie drängten ihn zum Reden, zum Urteil, sie wollten nicht umsonst hergekommen sein. Sie waren zu massiv, um das Gotteswort ohne Worte zu vernehmen. Gut. Jesus konnte es ihnen auch in Worten geben. Sie bekamen ihr Urteil. Wie Gerichtstrompeten des jüngsten Tages kam es in all ihr Schwätzen und Fragen und Urteilen hinein. Man spürte es wieder, wie Jesus in einem Jenseits stand mit beiden Füßen, wie er von da aus redete, von da aus die Hände ausstreckte, um die Menschen auch dahin zu ziehen. Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie! Das war Jesu Urteil und Meinung zu der Sache. Jesus hat das Mosewort von der Steinigung der Ehebrecher bestätigt. Jawohl, sagte er: wer so etwas Schlimmes tut, der soll des Todes sterben – aber nichtwahr: nur der darf urteilen, der selbst rein ist. Wenn so Einer da ist, so soll er vortreten und ersten Stein werfen. O wie kam ihnen das so unerwartet! Wie plötzlich wurde da der Blitzstrahl ihres Urteils abgelenkt und schlug ein, wo sie es nicht im Geringsten vermutet hatten! Wie unangenehm wurden sie da auf einmal selbst beleuchtet, während sie die Sünde jener Frau hatten beleuchten wollen! Wie überraschend schnell wurde der Richter zum Angeklagten. Nein, wenn man so wollte: ohne Sünde waren sie nicht! Wenn’s darauf ankam, dann konnte keiner anfangen. Dann war es mit dem Urteilen und Strafen vorbei, noch ehe es begonnen. Und dann mussten Alle zittern und beten bei dem Gedanken, es könnte einer da sein, der ohne Sünde wäre. Wir wissen nicht, ob sie das Alles begriffen oder bloß dumpf ahnten, ob sie ihre Niederlage verstanden oder bloß spürten, dass es mit der schönen Entrüstung über die Sünde vorbei sei wie mit einer Seifenblase. Es gab |508 einen unangenehmen Auftritt. Die frommen, eifrigen Männer waren wie Buben, die etwas sagen wollen und nicht dürfen und schließlich verlegen lachen und schweigen. Einer drückte sich hinter den Rücken des Andern, es gab ein Schieben und Drängen, Groß und Klein, Alt und Jung spürten etwas wie eine Vernichtung, wie wenn eine Eiche vom Sturm entwurzelt ist. Sie gingen weg. |

Jesus nützte seinen Sieg nicht aus. Er verfolgte sie nicht mit spöttischen oder mahnenden Worten. Er zog sich wieder ins Schweigen zurück. Ja, er folgte ihnen nicht einmal mit den Augen. Er ersparte ihnen auch diese Beschämung. Er bückte sich wieder und schrieb mit dem Finger am Boden, als wollte er sagen: in den Sand geschrieben, im Sande verweht das menschliche Fragen und Raten und Meinen – Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.5 – |

Nach einiger Zeit erhob er seine Blicke. Es war keiner mehr in der Nähe, auch die Zuhörer, die vorhin um ihn gewesen, hatten sich verzogen, es war wie eine Erschütterung durch sie Alle hindurchgegangen. Aber die ehebrecherische Frau war noch da; es hatte also Keiner den ersten Stein geworfen. So viele Ankläger und schließlich kein Richter, als es sich fragte: seid ihr auch reine Richter?! Und nun wendet sich Jesus zum ersten Mal an die schuldige Frauensperson. Man sollte erwarten, wenigstens jetzt werde vor Allem ein strafendes Wort fallen. Aber nein. Jesus fragt sie: wo sind deine Verkläger? Hat niemand das Urteil ausgeführt? Sie antwortet: Herr, Niemand! Jesus will: sie selbst soll es wissen und sich dessen bewusst sein, dass kein Mensch das Recht und die Würde hat, sie zu verurteilen. Das soll sie erinnern an ihre Selbständigkeit und Selbstverantwortlichkeit. O das hatte sie jetzt nötiger als alle Strafpredigten. Und dass sie das selbst aussprechen durfte: Herr, Niemand! Niemand darf mir zu nahe treten, niemand darf mich richten, ich stehe auf mir selbst und habe meine eigene Aufgabe, gerade wie die Andern auch – schon das tat ihr wohl. Aber konnte sie das eigentlich sagen: Niemand! War da nicht Einer vor ihr, der ihr zum furchtbarsten Ankläger hätte werden können, Einer, der das Recht und die Gewalt gehabt hätte, sie zu verurteilen und zu bestrafen? Müsste der nicht ohne Sünde, ohne Schuld |509 sein, der den ganzen Schwarm der entrüsteten, gerechten Leute vertrieb wie einen Mückenschwarm durch die einfache Frage: seid ihr denn gerecht? Hatte sie nicht in ihrem Befreier ihren Richter gefunden? Die Frage mag wohl angstvoll in ihr aufgestiegen sein, aber Jesus nahm sie ihr von den Lippen, durch die ruhige, fast trockene Erklärung: So verdamme ich dich auch nicht! So ersetzte Jesus die Menschentat der Entrüstung und des Strafurteils durch die Heilands-, die Gottestat der Gnade. So verdamme ich dich auch nicht! Das wollte sagen: du hast gefehlt, aber ich will von deinem Fehler nichts wissen! Du bist schlecht! Aber ich will dich jetzt als gut ansehen! Du bist sündig, aber ich will, dass du gerecht seist. Es ist das gewaltige, Alles überwindende Trotzdem! der Gnade, das Jesus da ausspricht. Wie ein Sprung ins Dunkle ist dieser Freispruch: So verdamme ich dich auch nicht! Verdient hatte ihn die Frau nicht. Sie war eine schlechte Person. Und trotzdem Jesus das weiß, wagt er es zu sagen: Du bist nicht schlecht! Er konnte das, weil er eben Jesus war. Denn Gnade ist doch nichts Anderes als Vertrauen. Jesus erwies der Frau Vertrauen. Er sagte ihr ganz zuversichtlich: du bist nicht so schlecht, wie du scheinst! Und nun gibt es keine größere Macht in der Welt als solches Vertrauen. Vertrauen steckt an. Das Gute, das man erwartet, stellt sich auch wirklich ein. Nämlich wenn man ein guter Mensch ist. Jesu Vertrauen wirkte unwiderstehlich auf jene Frau. Es hat immer wieder unwiderstehlich gewirkt. Der uns das zu spüren gibt: ich erwarte das Beste von dir, der es uns so machtvoll zu spüren gibt wie Jesus, der ist unser Erlöser. O wenn wir doch das auch vermöchten, liebe Freunde, unsern fehlenden Mitmenschen ein klein wenig von diesem großen Vertrauen, von der Gnade Christi zu spüren zu geben! Dann würde uns das Urteilen und Steinewerfen keine Freude mehr machen, sondern wir könnten ebenso leicht und selbstverständlich fortfahren, wie Jesus es getan hat: nichtwahr, du armer Mensch, du verirrtes Kind Gottes, du bist jetzt heimgekehrt! nichtwahr, du bist jetzt kein armer Mensch mehr! Also: gehe hin und sündige hinfort nicht mehr! Du kannst ja nicht mehr sündigen! Das ist Vertrauen. Und wie wir die Gnade Gottes in Christus immer aufs Neue nötig haben, so heißt es für uns, einander immer aufs Neue Vertrauen schenken.

Amen.

Sachfußnoten

1
Schweizer Redeweise, mit der ein verstärktes, entrüstetes «Nein» ausgesprochen wird. ↩
2
Schweizer Redeweise (mit hier negativer Konnotation) für: «ein solcher Mensch». ↩
3
Schweizerdeutsch für: «es hatte sich herausgestellt», oder, umgangssprachlich: «es war herausgekommen». ↩
4
Schweizerdeutsch für: «Was sagst Du dazu?» ↩
5
Letzte Zeilen der Strophen 1–10 des Liedes «Sollt ich meinem Gott nicht singen?» von P. Gerhardt (GERS 3 [dort 11 Strophen]; RG 724; EG 325) 🎵. ↩