3. November 1912

Predigt: 2 Korinther 4,6 (Reformation)

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Reformation
2.Korinther 4,6
Der Gott, der da sprach: aus der Finsternis soll leuchten des Licht! der ist es, der es in unsern Herzen Tag werden ließ zum strahlenden Aufgang der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi.
Liebe Freunde!

Der heutige erste Novembersonntag ist alljährlich dem Gedächtnis der Reformation gewidmet. Er ist dazu bestimmt worden, weil am 31. Oktober 1517 Martin Luther, der Augustinermönch und Theologieprofessor zu Wittenberg, seine 95 Thesen gegen den Ablass an die Türe der dortigen Schlosskirche geschlagen hat.1 Das war nichts Außerordentliches, sondern bedeutete nach damaligem Brauch einfach die Herausforderung zu einer öffentlichen Disputation. Die Thesen selbst sind eine kurze Darlegung über die rechte Buße, das heißt, die innere Umkehr des Menschen zu Gott. Es steht nichts gegen die römische Kirche darin und nichts gegen den Papst und nichts gegen eine katholische Lehre. Als guter Katholik wollte Luther seine Meinung sagen über das grobe Missverständnis, als könne die Buße des Herzens und Gewissens ersetzt werden durch eine Geldleistung. Die katholische Kirche hatte das offiziell nie gelehrt. Wohl aber wurde ihre Lehre vom Ablass in weiten Kreisen so verstanden und von einzelnen Wanderpredigern tatsächlich auch so verkündigt. Gewissenlose Agenten trieben mit der Vergebung der Sünden ein schwunghaftes Geldgeschäft. Wie weit der Papst2 davon wusste, ist schwer auszumachen. Er war wie manche Päpste jener Zeit mehr ein Welt|487mann als ein Priester. Sicher ist, dass der prachtvolle Dom zu St. Peter in Rom, der Stolz aller Katholiken, erbaut nach den Plänen des unsterblichen Künstlers Michelangelo, zum größten Teil bezahlt ist aus deutschen Ablassgeldern. Und zweitens ist sicher, dass die hohe und niedere Geistlichkeit nicht daran dachte, das Volk über sein Missverständnis der richtigen katholischen Lehre aufzuklären. Sondern jene Wanderprediger und Agenten des Ablasses, unter denen besonders ein gewisser Tetzel berühmt war,3 standen unter dem besondern Schutze des höchsten deutschen Kirchenfürsten, des Erzbischofs Albrecht von Mainz4. Wir können es auf sich beruhen lassen, ob die Leiter der damaligen katholischen Kirche selbst die Wölfe waren, die in den Schafstall einbrachen, oder bloß die Hirten, die flohen, als der Wolf kam [vgl. Joh. 10,12]. Jedenfalls kam der Wolf: die religiösen Überzeugungen des Volkes wurden schmachvoll ausgebeutet, und jedenfalls waren die Hirten mit schuld daran. – |

Gegen dieses Unheil und nur dagegen wollte Luther seine Stimme erheben. In guten Treuen meinte er, nur die alte katholische Wahrheit ans Licht zu stellen. In der 48. und 50. These sagte er zum Beispiel: «Der Papst trägt mehr Verlangen nach dem andächtigen Gebet der Gläubigen als nach dem Geld, das sie herbeibringen.»5 «Wenn der Papst wüsste von dem Schacher der Ablassprediger, er würde lieber den Dom St. Petri zu Asche verbrennen lassen, als dass derselbe von Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe sollte erbaut werden.»6 Der |488 Inhalt seiner Darlegungen war der: Wahren Ablass, das heißt, Vergebung seiner Sünden habe der, der in aufrichtiger Reue stehe, und nur der.7 Die Geldleistung für den St. Petersdom könne dazu treten als ein äußeres Zeichen der Buße oder als ein Werk der Dankbarkeit. Luther hat also nicht einmal diese Spende an sich bekämpft, wenn er auch gesagt hat, dem Armen geben oder dem Bedürftigen leihen sei nach des Papstes Meinung noch besser, als Ablass zu lösen.8 Protestieren wollte er nur gegen die irrtümliche Ansicht, als könne man sich durch eine Geldgabe in ein besseres Verhältnis zu Gott bringen. – |

Diese Thesen Luthers sind eines der merkwürdigsten Schriftstücke der Geistesgeschichte. Weniger wegen dem, was darin steht, als wegen dem, was verborgen, Luther selbst noch unbewusst, dahinter steht, und wegen dem, was dann daraus geworden ist. Gegen einen kirchlichen Missbrauch meinte Luther zu schreiben – und als ein Kampfruf gegen die Kirche selbst ist seine Schrift von vielen Tausenden begeistert aufgefasst worden und hat als solcher ein donnerartiges Echo gefunden. Als ein ergebener und wohlmeinender Freund des Papstes meinte er, damit zu wirken, und das meinte er noch volle zwei Jahre lang zu sein – und als ein unbesonnener oder boshafter Aufrührer ist er von den Leitern der Kirche von vornherein beurteilt worden. Ein Liedlein meinte er zu singen und eine Kriegstrompete ist daraus geworden. Wenn man seine Schriften und Briefe aus jener Zeit liest, hat man den Eindruck, dass er förmlich gegen seinen Willen, nämlich |489 durch den Beifall seiner Freunde und noch viel mehr durch den Widerspruch seiner Gegner, zum Reformator, zum Begründer einer neuen, von Rom freien christlichen Kirche geworden ist. Es ist und bleibt etwas Rätselhaftes, wie er infolge dieser kleinen, kaum ein paar Seiten umfassenden Schrift über einen an sich wenig bedeutenden kirchlichen Skandal eines Morgens erwachte als jubelnd begrüßter Prophet und als bitter geschmähter Ketzer. Als frommer römisch-katholischer Christ hatte Luther den Gedanken ausgesprochen, dass vor Gott nur die Reue und Umkehr des Herzens etwas gelte – und ihm antwortete ein ganzer Chor von Stimmen: «Du sprichst ein großes Wort gelassen aus:9 wenn das so ist, dann ist das römisch-katholische Wesen zu Ende!» Die Gegner waren es zuerst, die diesen Schluss zogen, und hauptsächlich ihre wilde Aufregung war es, die Luther selbst zu der Erkenntnis trieb: es ist so. Schritt für Schritt wurde er durch sie, durch ihre Ratlosigkeit und Unsicherheit, vorwärts getrieben zu eigner größerer Klarheit. Schritt für Schritt musste er weiter gehen und ihnen sagen: nicht nur kein Geld kann zwischen Gott und dem Menschen entscheiden, sondern kein Wallfahren und kein Gelübde, kein Messelesen und -hören und kein äußerlicher Gehorsam gegen äußerliche Satzungen, kein Priester und kein Papst. Was ihr gute Werke nennt, Leistungen, Verdienste, durch die man sich Gott angenehm machen kann, das gibt es nicht – vor Gott gibt es nur Reue und Umkehr des Herzens und Gewissens. Das ist das eine gute Werk, neben dem es kein Anderes gibt. Das war freilich nicht mehr römisch-katholisch. Aber Luther war selbst wie erstaunt, fast bestürzt, als er sich plötzlich außerhalb des alten Wesens sah, als er seine eigenen Gedanken in ihrer ganzen Tragweite verstand, in ihrer umstürzenden und schöpferischen Bedeutung. – |

Was soll man dazu sagen? Es ging Luther wie dem Mann, von dem Jesus im Gleichnis erzählt, der Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf Tag und Nacht, und der Same geht auf und wächst, dass er’s nicht weiß, denn die Erde bringet von ihr selbst zum ersten das Gras, danach die Ähren, danach den vollen Weizen in den Ähren. Wenn sie aber Frucht gebracht hat, so schickt er bald die Sichel hin; denn die Ernte ist da [vgl. Mk. 4,26–29]. Ja, «die Ernte ist da», hieß es auch für |490 Luther, aber gerade so rätselhaft wie dem Sämann ist es auch ihm ergangen. Wenn man die Sache rein menschlich betrachtet, so wird es immer unmöglich sein zu sagen, wer die Reformation eigentlich gemacht hat. War es Luther? Ja, seine Thesen waren freilich nicht so harmlos, wie er selbst sie auffasste. Man weiß heute, dass er schon 1516 seinen Wittenberger Studenten Dinge vorgetragen hat, die zum katholischen Christentum passten wie die Faust aufs Auge10.11 Aber warum merkten die Studenten nichts davon? Warum er selbst nicht? Warum wurde es ihm und seinen Freunden und Feinden nicht bei Anlass jener Thesen zum Erlebnis, dass das Alte vergangen und Alles neu geworden sei? [vgl. 2.Kor. 5,17] Nein, Luther hat die Reformation nicht gemacht, sondern er ist zum Reformator gemacht worden. |

Haben seine Freunde und Anhänger die Reformation gemacht? Die sogenannten Humanisten, die Gelehrten jener Zeit, die sich freuten, dass den Dunkelmännern eins versetzt worden sei, oder die Fürsten, die lüstern waren nach den reichen irdischen Besitztümern der Kirche, oder die biedern Bürger, die sich wie der nürnbergische Schuster und Dichter Hans Sachs ergötzten an dem Gesang der wittenbergischen Nachtigall?12 Gewiss, das Alles half dann, das war |491 dann Alles auch dabei. Aber hätte es für sich allein zur Reformation geführt? Jene gelehrten Humanisten in ihren Studierstuben, zum Beispiel der berühmte Erasmus in Basel,13 waren doch recht unklare und teilweise auch ein wenig feige Herren, die es mit der mächtigen römischen Kirche nicht verderben wollten, weil sie sonst vielleicht bei ihren Büchern wären gestört worden. Die Fürsten, die nachher die Reformation unterstützten, nicht ohne eigenes Interesse, waren wohlmeinende Leute, aber man hört von einigen der Bekanntesten unter ihnen, dass sie etwas stark viel Bier tranken und sonst viel zu gemütlich waren, um eine neue Epoche der Weltgeschichte zu schaffen von sich aus. In den Bürgern und Bauern, die dann Luther zujubelten, war wohl viel gutes, gesundes Holz, aber sie hätten mit ihrer wackern Gesinnung doch von sich aus auch keine Reformation fertig gebracht. |

Schließlich könnte man sagen, und das wäre, menschlich geredet, noch am Einleuchtendsten: Die Feinde Luthers haben die Reformation gemacht, die gelahrten Doktoren von Leipzig und andern Orten,14 die durch ihre Verworrenheit und Widersprüche Luther erst dazu nötigten, viel weiter zu gehen, als er es in den Thesen von 1517 tat. Dazu das bald grobe, bald weinerliche Verhalten der Abgesandten des Papstes, die nach Deutschland kamen, um mit ihm zu verhandeln, |492 schließlich die ablehnende, verständnislose Stellung des Papstes selbst, der Luther zuerst als betrunkenen Deutschen und dann gleich als einen furchtbaren Ketzer behandelte, aber keinen Augenblick daran dachte, ernst auf das zu hören, was Luther ihm in mehreren persönlichen Briefen demütig sagen wollte.15 Das Alles hat der Reformation geholfen.|

Man kann noch mehr sagen. Die katholische Kirche selbst hat die Reformation gemacht, hervorgebracht. Ihr damaliger Zustand rief förmlich nach einem solchen Ausbruch, wie er dann kam: die gewissenlose Geldwirtschaft und Geldherrschaft in den geistlichen Dingen, die man sich fast nicht schlimm genug vorstellen kann, die erbärmliche Trägheit und Unwissenheit gerade der Pfarrer und Mönche, die mit dem Volk am Meisten in Berührung kam[en], die Sittenlosigkeit in allen Kreisen der Geistlichkeit, die als etwas ganz Selbstverständliches hingenommen wurde. Auch einsichtige Katholiken geben zu: es musste damals etwas kommen. Sie fahren dann zwar gewöhnlich fort: Luther mit seiner Ketzerei sei dann gewesen wie eine aufbrechende Eiterbeule an einem kranken Leib. Bald darauf sei es ja dann mit der katholischen Kirche wieder besser geworden. Aber dieses unappetitliche Gleichnis will nicht recht stimmen. Luther wollte doch die bewussten Schäden gerade bekämpfen und hat es getan; dann kann man ihn aber nicht mit der aufbrechenden Beule vergleichen, sondern mit dem Arzt, der sie heilen will. Und dann ist’s wieder schwer, die Reformation zu erklären. Man kann ja sicher sagen: die Krankheit ruft dem Arzte; aber sie macht ihn nicht. Die Feinde Luthers, der damalige unselige Zustand der Kirche – sie haben Luther nicht zu dem gemacht, was er war. Man könnte sonst gerade so gut sagen, dass der Trinker die Abstinenz macht oder die Tuberkulose das Sanatorium, in dem sie geheilt wird. – |

493 Ob wir also auf Luther selbst oder auf seine Freunde oder auf seine Feinde sehen, wir finden wohl allerlei, was uns helfen kann zu begreifen, was dann geschah, aber gerade der Vorgang selbst, das Auftauchen und Durchschlagen der großen reformatorischen Gedanken von der allein wirksamen Gnade, die den Menschen zu Gott bringt, von der unbedingten Freiheit, mit der er dann in Gott lebt, dieser Vorgang, so stark und triumphierend und schöpferisch, wie er sich vollzogen hat, bleibt ein Rätsel, ein Geheimnis, wie wir solche an allen großen Wendepunkten der Geschichte konstatieren müssen. Wir können nur ehrfürchtig erkennen, dass es von da an Christen gegeben hat, die der klaren Erkenntnis lebten, dass sie nur in Gottes Hand und dass sie nur Gott verantwortlich seien. Zu diesen Christen dürfen auch wir gehören. Wie es auch damals gewesen und gekommen sein mag, durch die Reformation ist es uns möglich geworden, so zu Gott zu stehen, als Kinder zum Vater, ohne Zwischenwände. Aber eben weil der Vorgang, der am 31. Oktober 1517 angehoben hat, in seinem Innersten ein so geheimnisvoller Vorgang ist, wenn wir auch nur ein wenig darüber nachdenken, eben darum sollen und dürfen wir die Reformation hochhalten als ein göttliches Geschenk. Gott ließ es Tag werden in unsern Herzen, sagte Paulus von dem Augenblick, wo er von der jüdischen Erkenntnis Gottes aufsteigen durfte zur Erkenntnis Gottes im Angesichte Christi. Ein solches Tagwerden von Gott her ist auch die Reformation, deren wir heute gedenken. |

Weil das so ist, wollen wir uns zweierlei gesagt sein lassen. Erstens, dass in unserm evangelischen Christentum kein Anlass liegt zur Überhebung gegen Andre. Wir wollen nicht Reformation feiern mit dem Gedanken: ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie diese Katholiken [vgl. Lk. 18,11]. Sicher, wenn wir uns vertiefen in die großen, schlichten Gotteswahrheiten, wie sie uns durch die Reformatoren erschlossen worden sind, und wenn wir sie dann vergleichen mit dem ängstlichen, künstlichen, etwas dumpfen Gebilde, in dem gerade ernste Katholiken ihre Religion sehen, dann freut man sich, dass man steht, wo man steht. Aber die Dankbarkeit, die wir bei solchem Vergleich empfinden, soll dann wirklich Dankbarkeit sein und wirklich rein von aller Geringschätzung den Andern gegenüber. Dazu haben wir keinen Anlass. Gott ist es ja, der es in uns Tag werden ließ, der uns zu Erben der Reformation eingesetzt hat. Wir haben die aufgehende |494 Sonne nicht angezündet, durch Gottes Gnade sind wir, was wir sind [1.Kor. 15,10]. Und weiter: Man kann auch nach Sonnenaufgang sich noch einmal aufs andere Ohr legen, und viele, die sich Protestanten nennen, tun das: sie denken und sie leben, wie wenn sie von dem Evangelium von der Gnade Gottes und von der Freiheit des Christenmenschen nie etwas gehört hätten. Und andrerseits kann es Solche geben, die in dunkler Nacht tapfer und sicher ihren Weg gehen. So hat es schon im Mittelalter katholische Christen gegeben, die ohne das Licht der Reformation Gott näher gekommen sind als viele Protestanten, und Solche gibt es auch heute. Wenn wir uns das sagen, dann fassen wir unsern Protestantismus mit allen seinen Vorzügen auf als ein unverdientes Geschenk. Dann fragen wir uns: was bist du, das du nicht empfangen hättest? [vgl. 1.Kor. 4,7] und: was hast du getan mit dem, was du empfangen hast? |

Aber vielleicht ist die Gefahr protestantischer Überhebung über Andersgläubige geringfügiger unter uns als die entgegengesetzte Gefahr einer kindischen und oberflächlichen Geringschätzung des besondern Gutes, das uns durch die Reformation anvertraut ist. Ich empfinde jedes Mal fast etwas wie eine Scheu, wenn des Gespräch auf katholisch und reformiert kommt, denn ich bin jedes Mal erstaunt zu sehen, wie verschwindend wenig Verständnis vorhanden ist für diese Dinge, wie urteilslos auch fromme und nachdenkliche Leute gerade in diesem Punkte sind. Da stellt man die beiden Konfessionen so nebeneinander, wie wenn es zwei Kramläden wären, die miteinander Konkurrenz haben. Und nun sieht man, dass man in beiden Läden Zucker und Petrol kaufen kann, und hört, dass in beiden Kirchen irgendwie vom lieben Gott die Rede ist, und zieht daraus den Schluss: alle Religionen sind gleich gut, wenn man nur brav ist. O diese langweilige Toleranz! Vor lauter Toleranz haben wir es ganz verlernt, über die verschiedenen Arten von Religionen nachzudenken, wir kommen nur immer gleich daher mit unserm: es sind alle recht, wenn man nur brav ist! und haben dabei jedenfalls für den besondern Wert unsrer eigenen Art kein Gefühl. Da waren unsre Vorfahren doch andre Leute: die haben sich über die Unterschiede der Religion die Köpfe zerbrochen, manchmal auch gegenseitig, aber dafür hatten sie dann auch etwas an ihrer Religion, es war ihnen eine Freude und ein Stolz, reformierte Christen zu sein. Haben wir etwa keinen Anlass, freudig und stolz |495 darauf zu sein? Oder sind wir’s nicht, weil wir zu jenen gehören, die wieder eingeschlafen sind nach Sonnenaufgang? Ich meine, wenn uns das vor Augen steht, dass Gott es ist, der es in uns hat tagen lassen, wenn wir nur auch ein wenig etwas spüren, miterleben von den großen, befreienden Erkenntnissen, die in der Reformation gemacht worden sind, dann muss das Gerede von der Toleranz einmal still sein und das Gefühl muss uns übernehmen: wie haben wir es doch so gut, wie hat es Gott doch so gut gemeint mit uns, wie hat er unsa doch soviel gegeben, was andre noch nicht haben. Ist es nicht eine sträfliche Blindheit gegenüber jenem Tagwerden von Gott her, wenn wir katholisches und reformiertes Wesen nebeneinander stellen und nichts zu sagen wissen als: S’ ist mir Alles eins?16 Nein, nicht so, sondern, wie es im Wappen der Stadt Genf heißt zur Erinnerung an die Reformation: Post tenebras lux! nach der Finsternis Licht!17 So dürfen und so sollen wir bekennen, nicht zu unsrer Verherrlichung und nicht zur Herabwürdigung Andersgläubiger, aber zur Ehre Gottes, und um uns selber zu größerer Treue und größerem Eifer anzuspornen.

Oder ist es etwa nicht so? Ist es eine unbewiesene Behauptung, wenn wir auf die Reformation das Apostelwort anwenden: Der Gott, der da sprach: aus der Finsternis soll leuchten das Licht, der ist es, der es in unsern Herzen Tag werden ließ? Was wollten wir antworten, wenn ein Katholik uns heute sagen würde: «euer neues Wesen ist ein Irrtum»? «Euer vermeintliches Licht ist erst recht die größte Finsternis»? Nun ja, beweisen können wir das freilich nicht, dass die Reformation ein Tagesanbruch ist nach langer dunkler Nacht. Und streiten wollen wir jedenfalls nicht darüber, mit Niemandem. Es kommt ja auch darauf an, was man unter Licht und Finsternis versteht. Wir glauben, das Licht da zu sehen, wo uns Christus deutlich und lebendig ist. So ist es Luther gegangen. Er hat zwei Entdeckungen gemacht. Von der Einen war schon die Rede: es war die, dass vor Gott nur die |496 Reue und der Gehorsam des Herzens und Gewissens etwas gilt, kein äußeres Werk. Die andre Entdeckung war die, dass solche Reue und solcher Gehorsam nur durch Christus in uns geschaffen werden. Luther hat erkannt, dass der Mensch getrost und tapfer und ernst und frei werde, wenn Jesus sein einziger Meister sei, und so hat er auf ihn hingewiesen und das arme Volk, das nach guten Werken fragte um seiner Seligkeit willen, eingeladen: Kommt zu ihm, werdet eins mit ihm, so nimmt er euch eure Sünde ab und gibt euch dafür seine Vollkommenheit!18 Und um diese Einladung noch wirksamer zu machen, hat er doch die Bibel übersetzt und so seinem Volke zugänglich gemacht. Denn die Bibel führt auf mannigfachen Wegen sicher immer wieder zu Christus. Wenn man ihm oder den andern Reformatoren jene Frage vorgelegt hätte, woran sie erkennen wollten, dass ihr Neues auch ein Besseres sei, sie würden geantwortet haben mit Paulus: Gott ließ es in unsern Herzen tagen zum strahlenden Aufgang der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi.Gott in Christus, allein in ihm, Gottes Gesetz und Gottes Liebe in Christus, das war das neue Bessere, das sie zu haben meinten. |

Und das ist es auch, was wir Protestanten von heute vor unsern katholischen Mitchristen voraus zu haben meinen: die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi. Für uns ist Christus der Mittelpunkt unsres Denkens und Lebens, Christus, nicht als ein Wort, sondern als die Lebensfülle, die mit diesem Worte bezeichnet ist. Die Katholiken sagen uns gerne, wie viel ihnen fehlt bei unsrer protestantischen Art: das Geheimnisvolle, das Farbige, das Anschauliche, das Rührende. Es ist wahr, wir sind nüchtern mit unsern Gottesdiensten. Es ist wahr, wir sind ärmlich mit unsern Gebeten und Predigten neben dem reichen Aufzug der katholischen Messe, die Augen, Ohren und Gemüt gleicher Weise beschäftigt. Und unser Himmel mit Gott unserm Vater ist leer neben dem katholischen Himmel |497 mit der zahlreichen Gesellschaft von Heiligen und Seligen, an die man seine Gebete richten kann. Menschen mit einer lebhaften Anschauungsfähigkeit werden sich immer von Zeit zu Zeit bei einer leisen Sehnsucht überraschen: Könnte ich doch auch noch katholisch sein! Eben weil der katholische Glaube in vielem so viel reicher ist. Aber gerade in dem einen Hauptpunkt sind wir die Reicheren: wir sehen mehr von Jesus, wir verstehen ihn besser, wir haben ihn unmittelbarer vor Augen als sie. Nicht, dass ihm nicht genügend Ehre angetan würde, mehr als bei uns sogar, göttliche Benennung und Verehrung wird ihm dort ja täglich zu Teil. Aber es ist etwas Kaltes, Lebloses, dieser katholische Christus. Man hat einen Eindruck wie von einem Gespenst oder von einer Wachsfigur, wenn der Katholik von dem «göttlichen Erlöser» redet. Er ist ein Gott neben andern göttlichen Wesen im Himmel. Er ist nicht Jesus von Nazareth, den man von Nahem kennenlernen, mit dem man leben kann. Es ist nicht der Jesus, der menschliche Gesichtszüge trägt, der uns in seiner Menschheit die Herrlichkeit Gottes offenbart, der uns zu Menschen erziehen will. Wir glauben, reicher zu sein als die Katholiken, weil nach unsrer Einsicht Jesus nicht über den Wolken schwebt, sondern auf der Erde geht. Neben diesem einen Menschen Jesus, in dem der ewige Gott mit uns redet, haben wir dann das bunte Allerlei der alten Kirche nicht mehr nötig. Jesus, der wirklich lebendige Jesus, nicht ein gemalter, hat uns so viel zu sagen, dass es für uns eine Verarmung wäre, wenn wir der Maria und einigen hundert Heiligen gleiche oder ähnliche Rechte neben ihm einräumen wollten. Such, wer da will, Nothelfer viel, die mir doch nichts erworben!19 Wir möchten uns den Sonnenaufgang von Gott her nicht verdunkeln lassen.

Das ist’s, woran wir erkennen, dass wir sagen dürfen: nach Finsternis Licht. Wir haben Jesus, wir Reformierten, den lebendigen, wirklichen Jesus, Jesus allein ohne andre Nothelfer und ohne menschliche Vermittler und Stellvertreter.

Liebe Freunde, da kommt es nun darauf an, ob wir diesen Vorzug als einen Vorzug erkennen. Ob wir das Gefühl dafür haben, dass da |498 wirklich etwas Neues, Besseres, Höheres in die Welt gekommen ist, als Luther sein Evangelium zu verkündigen begann, dass Gott von den Menschen inneren Gehorsam fordere und dass solcher Gehorsam nur durch Christus in uns geschaffen werde. Wenn wir davon etwas spüren, dann wird uns auch das Gedächtnis der Reformation etwas Freudiges und Liebes werden als das Gedächtnis einer der großen Taten Gottes uns zu Gute.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Mskr.: «es»; von den Hrsg. korrigiert. ↩

Sachfußnoten

1
Über die «frühe Reformation im Reich bis 1530» (Kapitelüberschrift) informiert Th. Kaufmann, Erlöste und Verdammte. Zur Geschichte der Reformation, München 2016, S. 83–194 📖; ausführlicher: ders., Geschichte der Reformation, Frankfurt/Main / Leipzig 2009, S. 153–608 📖. ↩
2
Leo X. (Giovanni de’ Medici; 1475–1521); 1513 zum Papst gewählt. ↩
3
Johann Tetzel (1465–1519), Dominikanermönch und Ablassprediger. ↩
4
Albrecht von Brandenburg (1490–1545); seit 1513 als Albrecht IV. Erzbischof von Magdeburg, seit 1514 auch von Mainz, 1518 zum Kardinal ernannt. ↩
5
WA 1, 235,32f. 📖: «Docendi sunt christiani, quod Papa sicut magis eget ita magis optat in veniis dandis pro se devotam orationem quam promptam pecuniam.» – Die Thesen wurden am 31. Oktober 1517 auf lateinisch veröffentlicht unter dem Titel: Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum (WA 1, 233–238) und sind in den ursprünglichen Fassungen nicht von 1–95, sondern dreimal von 1–25 und einmal von 1–20 durchgezählt; hieran orientiert sich auch der WA-Abdruck. – Zum Thesenanschlag – insbesondere zur Diskussion um dessen Historizität – vgl. auch Kaufmann, Geschichte 📖 (Anm. 1), S. 182–208; ders., Erlöste 📖 (Anm. 1), S. 108–114. ↩
6
WA 1, 235,36–38 📖: «Docendi sunt christiani, quod, si Papa nosset exactiones venialium predicatorum mallet Basilicam s. Petri in cineres ire quam edificari cute, carne et ossibus ovium suarum.» ↩
7
Vgl. These 36: «Quilibet christianus vere compunctus habet remissionem plenariam a pena et culpa etiam sine literis veniarum sibi debitam» (WA 1, 235,7f. 📖) / «Jeder Christ, der wahrhaft Reue empfindet, hat einen Anspruch auf vollkommenen Erlass von Strafe und Schuld, auch ohne Ablassbrief» (die deutsche Übersetzung orientiert sich an Luther deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart, hrsg. von K. Aland, Bd. 2: Der Reformator, Göttingen 1991, S. 56 📖). ↩
8
Vgl. die Thesen 42 und 43: «Docendi sunt christiani, quod Pape mens non est, redemptionem veniarum ulla ex parte comparandam esse operibus misericordie. Docendi sunt christiaui, quod dans pauperi aut mutuans egenti melius facit quam si venias redimeret» (WA 1, 235,20–23 📖) / «Man soll die Christen lehren, dass es die Meinung des Papstes nicht ist, dass der Erwerb von Ablass den Werken der Barmherzigkeit irgendwie vergleichbar sei. Man soll die Christen lehren, dass es besser sei, den Armen etwas zu schenken und den Bedürftigen zu leihen, als Ablässe zu kaufen» (die deutsche Übersetzung orientiert sich an Luther deutsch, Bd. 2 📖 [Anm. 7], S. 58). ↩
9
J. W. von Goethe, Iphigenie auf Tauris, 1. Aufzug, 3. Auftritt 📖. ↩
10
Mit der seit dem 15. Jahrhundert üblichen Redewendung, etwas passe «wie die Faust aufs Auge», wird ausgesagt, dass es gerade nicht zusammenpasst, sich nicht, wie es ursprünglich hieß, «reimt»; vgl. Röhrich II, S. 421f 📖. ↩
11
Gemeint sind die 1513 begonnene Psalmenvorlesung sowie die Vorlesungen über den Römerbrief 1515/16 und über den Galaterbrief 1516/17; vgl. etwa J. Köstlin, Luthers Leben, Leipzig 1882, S. 74f. 📖: «Von jenen ersten Vorlesungen Luthers […] sagt Melanchthon: Nach langer und dunkler Nacht habe man hier ein neues Licht der christlichen Lehre aufgehen sehen; […]. In der That liegt die christliche Grundanschauung, auf welcher das innere Leben des Reformators ruht, für welche er in den Kampf ging und welche ihm Kraft und frischen Muth für die Kämpfe gab, ihren wichtigsten Zügen nach schon in den Vorlesungen und Predigten jener Jahre vor und nimmt zu an Klarheit und Bestimmtheit.» ↩
12
Hans Sachs (1494–1576), nürnbergischer Schuhmachermeister und Dichter, stellte sich 1523 auf die Seite der Reformation und bekundete das mit seinem umfangreichen Spruchgedicht «Die wittenbergisch nachtigal» (in: H. Sachs, Dichtungen, Zweiter Theil: Spruchgedichte, hg. von J. Tittmann, Leipzig 1885, S. 10–30, dort S. 10 📖):
Wacht auf, es nahent gen dem tag!
ich hör singen im grünen hag
ein wunnikliche nachtigal;
ir stim durchklinget berg und tal. …
↩
13
Erasmus von Rotterdam (1466–1536) lebte 1514–1529 und 1535/36 in Basel, wo er auch begraben ist. An seiner Schrift «De libero arbitrio 📖» (1524) und Martin Luthers Antwort darauf («De servo arbitrio 📖»; 1525), lässt sich exemplarisch der Unterschied zwischen dem von der Renaissance geprägten Humanismus des Erasmus und dem reformatorischen Gedankengut zeigen. Erasmus blieb trotz einer ironischen Schrift über Papst Julius II. (Giuliano della Rovere [1443–1513]; Papst seit 1503), die er nach dessen Tod anonym herausgab (Erasmus von Rotterdam, Papst Julius vor der Himmelstür / Julius exclusus e coelis, übers. von W. von Koppenfels [excerpta classica, 26], Mainz 2011 📖), papsttreu. ↩
14
Anspielung auf die Disputationen, an denen Luther seine Thesen verteidigte, speziell auf die vom 27. Juni bis zum 15. Juli 1519 abgehaltene Leipziger Disputation, wo er sich vor allem mit Johannes Eck auseinanderzusetzen hatte; vgl. dazu Kaufmann, Geschichte 📖 (Anm. 1), S. 233–243; ders., Erlöste 📖 (Anm. 1), S. 121–123. ↩
15
Vgl. die Briefe Luthers an Papst Leo X. vom 30. Mai 1518 (WA 1, 527–529 📖) und 4./5. Januar 1519 (WA.Br 1, 291–293 📖). Am 15. Juni 1520 drohte der Papst Luther den Bann an, am 6. September 1520 schickte Luther ihm einen Sendbrief mit der Schrift «Von der Freiheit eines Christenmenschen» (WA 7, 12–38) 📖, und am 10. Dezember 1520 verbrannte er öffentlich die päpstliche Bannandrohung. Am 3. Januar 1521 verhängte der Papst in der Bulle «Decet Romanum Pontificem» (in: Dokumente zur Causa Lutheri [1517–1521], hrsg. von P. Fabisch / E. Iserloh, Bd. 2 [CCath 42], Münster 1991, S. 457–467 📖]) über Luther den Bann. ↩
16
Umgangssprachlich für: «es ist mir alles gleichgültig». ↩
17
Die auch sonst vielfach benutzte Formel in Anlehnung an Hiob 17,12 (Vulgata-Text) ist der Wahlspruch der Reformation Calvins sowie der Stadt Genf und speziell der dortigen Universität; als Inschrift findet er sich auch am monumentalen Genfer Reformationsdenkmal, dessen Bau 1909 begonnen und 1917 abgeschlossen wurde. ↩
18
Barth fasst hier zusammen, was Luther ausführlicher formuliert in: M. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen. 1520: 📖 «Nit allein gibt der glaub ßovil, das die seel dem gottlichen wort gleych wirt aller gnaden voll, [...] sondernn voreynigt auch die seele mit Christo, [...]. So hatt Christus alle gütter und seligkeit, die seyn der seelen eygen. So hatt die seel alle untugent und sund auff yhr, die werden Christi eygen. Hie hebt sich nu der frölich wechßel und streytt» (WA 7, 25,26–34). ↩
19
Beginn der zweiten Strophe des Chorals «Such’, wer da will, ein ander Ziel» von G. Weißel (GERS 224; RG 276; EG 346; dort jeweils: «die uns doch nichts erworben») 🎵. ↩