27. Oktober 1912 – kein Datum

Predigt: Hebräer 10,35

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Hebräer 10,35
Werfet euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat!
Liebe Freunde!

Was heißt das, Vertrauen? Wir vertrauen, wenn wir irgendwo Gutes erwarten, ohne dass wir beweisen oder darauf schwören können, dass es gut kommen wird. Wenn wir Gutes erwarten auf Treu und Glauben, weil es uns versprochen ist. Wir gehen in den Nebel hinein in der Erwartung, dass der Weg uns an ein Ziel führen werde. Wir rufen ins Dunkel hinein in der Erwartung, eine menschliche Stimme werde uns antworten. Wir strecken die Hand aus in der Erwartung, es werde einer da sein, der in die ausgestreckte Hand einschlägt. Das ist Vertrauen: – Zuversicht dem Unbekannten gegenüber. Eigentlich haben wir ja solches Vertrauen jeden Augenblick nötig. Denn Keines von uns weiß, was der nächste Augenblick ihm bringen wird. |

Aber erst Jesus hat dieses Vertrauen zur bewussten Lebensanschauung, zur selbstverständlichen Regel gemacht für sich selbst und für seine Jünger. Er steht darin in wichtigem Gegensatz zu allem Heidentum. Die Heiden sind immer Menschen, die kein Vertrauen haben. Das Unbekannte ist ihnen furchtbar. Was sie nicht unmittelbar in der Gewalt haben, das ist ihnen ein Schrecken: die Natur, der Tod, die menschlichen Leidenschaften, die Unendlichkeit. Und so ist ihre Religion ein Zittern und Beben vor den Mächten, die dem Menschen überlegen sind und die sie darum Götter nennen. Es sind finster gefährliche Mächte, mit denen man sich möglichst vorsichtig abfinden muss, aber auch dann noch untreu und betrügerisch. Die Religion des Heiden ist ein versteckter Kampf mit seinen Göttern. Im besten Fall kommt es dazu, dem Unbekannten mit ruhiger Gelassenheit entgegenzugehen, ohne Angst und Aufregung, aber wohlverstanden: auch ohne Freude und ohne irgend eine Erwartung. Es ist die tote Ruhe dessen, der weiß, dass Alles so kommen muss, wie es kommt. Unterdrücktes Misstrauen ist noch kein Vertrauen. |

475 Jesu Lebensanschauung ist die des Vertrauens. Für ihn gab es keine unbekannten Mächte in der Welt, vor denen man die Waffen strecken müsste. Sondern in Allem, was er fand in der Welt, sah er ein Werk des Vaters, etwas, das wohl uns unbekannt und fremd erscheinen mag, von dem wir aber sofort wissen: Gott ist es bekannt. Gott ist die Macht über allen Mächten, und wer sein Kind ist, den dürfen sie nicht erschrecken. Als Kind Gottes hat Jesus das kühne Wort gesprochen: Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater! [Mt. 11,27] Das ist ein Wort des Vertrauens. Es will sagen: dass Jesus sich gewissermaßen an die Stelle Gottes setzte und von da aus die Welt ansah, und nun sah er: es muss Alles zum Guten dienen, es muss Alles zur Ehre Gottes beitragen: die Natur und der Geist, der Tod und das Leben, die Römer und die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Liebe der Jünger und der Hass der Feinde. Es hat Alles in der Welt sein Ziel, dem es unaufhaltsam zuströmt. Es ist nichts da, was dem Gott der Liebe in Wirklichkeit ein Hindernis sein könnte. Es steht Alles in seinem Dienst. So sieht die Welt aus, von Gott aus gesehen. Da gibt es keine feindlichen Mächte, die auch Götter zu nennen wären neben Gott. Da gibt es keine Regenten, die man respektieren müsste neben dem einen Herrscher. |

Jesus wusste freilich sehr wohl, dass die Welt, von uns aus gesehen, [sich] anders ausnimmt: dass es da Hindernisse gibt und Schwierigkeiten in uns und um uns: ungöttliche, feindliche Mächte, vor denen wir die Augen nicht verschließen dürfen, als wären sie nicht da. Das hat Jesus auch nicht getan. Er hat sie in ihrer ganzen Größe und Gefahr erkannt, er hat unter ihnen gelitten, er hat mit ihnen gekämpft, er hat die Seinigen zu Kämpfern gegen sie erzogen. Aber er hat dabei keinen Augenblick vergessen, wie die Welt, von Gott aus gesehen, aussieht. Immer wieder stand es vor seinem Auge: Alles in Gottes Hand, Alles zu Gott hin, Alles in seinem Dienst! Und darum konnte er freudig an Alles herantreten, nicht zagend und bedenklich, auch nicht kalt und gleichgiltig, sondern in der Zuversicht: ich kann’s wagen, Gott muss ja siegen. Hinter dem Nebel muss Gott verborgen sein. Aus dem Dunkel muss seine Stimme antworten. In meine Hand muss er die seinige legen. Dieses «Gott muss!» war die Kraft Jesu. Er hatte gar nichts Anderes als das Versprechen, das Gott ihm in einer großen Stunde gegeben hatte: Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe! [Mt. 3,17] Rings um ihn her standen wie Berge jene un|476bekannten oder feindlichen Mächte der Welt, aber im Vertrauen auf Gottes Versprechen wagt es Jesus, Gutes zu erwarten von der bösen Welt. Und wie mächtig hat dieses Vertrauen gewirkt! Wie ganz anders ist Jesus mit dieser bösen Welt fertig geworden, weil jenes «Gott muss!» ihm vor Augen stand. Die bösen Geister wichen vor ihm, die Kranken nahmen ihre Betten und wandelten, Blinden wurden die Augen aufgetan, der träge Sinn seiner Jünger wurde aufgerüttelt und mitgerissen, seine Feinde standen da geblendet von seinem Licht wie später Saulus vor Damaskus [vgl. Act. 9,3]. Und als dann der letzte Ansturm der Weltmächte kam, als sie scheinbar siegten auf Golgatha, wie hat da in Wirklichkeit Jesus triumphiert, schon im Voraus in seinem Gebet in Gethsemane [vgl. Mt. 26,39–44], wo er noch einmal einstimmte in die große Wahrheit seines Lebens: Gott muss recht behalten! und dann am Kreuze, wo er starb mit dem Jubelruf: Gott hat recht behalten! Jesus hat gezittert in diesem letzten Ansturm in Gethsemane und auf Golgatha, das darf uns nicht verwundern, aber nur um sein eigenes Schicksal und auch das nur vorübergehend, an Gott und seinem Sieg ist er keinen Augenblick irre geworden. Und Gott hat gesiegt. Gerade das war ja der Sieg Gottes, dass Jesu Vertrauen nicht zu erschüttern war. Weil es so war, musste auf das Kreuz die Auferstehung, auf den Sieg der Finsternis der Sieg des Lichtes folgen.

Das ist das christliche Vertrauen und seine Herrlichkeit, seine «große Belohnung», wie es in unserm Text heißt. Sie besteht darin, dass es gerechtfertigt wird, dass Gott sein Versprechen erfüllt. Das christliche Vertrauen ist das Vertrauen Jesu. Keiner hat es gelebt wie er. Keiner hat so völlig die Welt von Gott aus ansehen können wie er, Keiner wie er sagen: Alle Dinge sind mir übergeben! Keiner an die Welt herantreten und sie überwinden wie er. Wir bleiben weit hinter ihm zurück, besonders hinter dem Vertrauen, das er am Kreuze bewiesen. Aber gerade vom Kreuze ist ein Strom von Vertrauen ausgegangen auch auf uns. Den Kampf und Sieg über Sünde, Leiden und Tod, den Jesus dort gekämpft, hat er nicht nur für sich selbst gekämpft, sondern auch für uns. Dort ist es der Welt klargemacht worden, dass es etwas gebe, was Allem überlegen sei, nämlich Gottes Gerechtigkeit, die in Jesu Gehorsam sich leuchtend offenbarte. Dort ist ein Licht angezündet worden, vor dem wir nicht mehr ganz die Augen verschließen können. Die Gewalt jener Weltmächte ist von da an gebro|477chen, die Menschen müssen von da an keine Heiden mehr sein, die in Angst oder Gleichgiltigkeit leben. Jesus bietet uns vom Kreuz herab sein letztes großes Geschenk dar: sein Vertrauen. Seine Gesinnung ist von da an eine Tatsache gewesen in der Welt. Nicht mehr zu beseitigen! Es hat von da an Menschen gegeben, die, weniger groß und vollkommen als er, aber in der gleichen Richtung wie er Vertrauen übten, die Gutes erwarteten in der bösen Welt, weil sie wussten, dass die ganze böse Welt Gottes Eigentum sei, auch wenn sie es nicht verstanden.

Und da sind wir nun und müssen uns fragen, ob wir auch etwas wissen und haben von diesem Vertrauen? Christen heißen wir ja und sind als solche Nachkommen und jüngere Brüder dessen, der die Lebensauffassung des Vertrauens gegenüber allem Heidenwesen unter der Menschheit aufgerichtet hat. Wissen wir auch etwas von dieser Lebensauffassung? Der Apostel sagt es uns: Ja, ihr habt und wisst etwas davon! Er schreibt ja nicht: ihr sollt Vertrauen haben! sondern: werft euer Vertrauen nicht weg! Er setzt also voraus, dass wir es haben. Und das ist so: ganz fremd ist uns das Vertrauen Jesu nicht. Es ist von dem freudigen, siegessichern Sinn Jesu gegenüber der Welt, gegenüber dem Unbekannten und Schwierigen auf die Menschheit übergegangen, merkwürdigerweise auch auf die, die seinen Namen aus allerlei Gründen lieber von sich abschütteln. Man kann darauf zählen: wo man redet von Zuversicht und Hoffnung, von Begeisterung, die den Widerstand der stumpfen Welt besiegt, von Treue, die zu leiden und zu bluten weiß in der Gewissheit, dass auch das zum Guten dienen muss, wo man davon redet und wo man das übt, da stammen die vollsten und reinsten Klänge aus dem Evangelium Jesu, da haben wir es mit Wirkungen seines Kreuzes zu tun. Um wieviel mehr bei allen denen, die sich zu seinem Namen bekennen. So hoch die Vertrauensgedanken Jesu über uns stehen, so wenig wir uns bei manchen davon getrauen, sie nachzusprechen, sie sind doch gewissermaßen unser Eigentum geworden, wenigstens als Ausdruck unsrer Sehnsucht. Ich denke zum Beispiel an die Lieder Paul Gerhardts: Befiehl du deine Wege! 🎵1 oder: «Ist Gott für mich, so trete gleich Alles wider mich!» 🎵2 |478 oder: Warum sollt ich mich denn grämen! 🎵3 Das ist uns eigentlich Alles zu hoch. So wie darin geredet ist, konnte nur Jesus reden. Und doch singen und beten wir diese Lieder. Es ist selbst wieder ein Stück Vertrauen, wenn wir das tun. Aber auch abgesehen davon: das Vertrauen Jesu ist eine Tatsache geworden, – kleiner, bescheidener, aber doch – in unzähligen Christenleben. Ich denke jetzt nicht an die, von denen man dann in den Büchern lesen kann, an die Märtyrer der ersten Zeit, an einen Luther oder A. H. Francke4 oder an Bodelschwingh5 oder General Booth6. In solchen Leben ist es natürlich auch Tatsache geworden, Tausenden zur Erleuchtung und zum Segen. |

Aber lieber als sie ist mir das, was ich etwa schon selber habe sehen dürfen von christlichem Vertrauen als einer gegenwärtigen Lebenstatsache. Ich denke an Männer, die im Sturm der Zeit unverrückt die Hoffnung bewahrten, die ihnen Christus ins Herz gepflanzt, die Hoffnung: dein Reich komme! [Mt. 6,10] trotz der bösen Welt, trotz dem, was man den Abfall, die Gottlosigkeit, die Verdorbenheit unsrer Zeit nennt. Inmitten des Hasses die Botschaft der Liebe, inmitten eines öden Materialismus die Botschaft von der Überlegenheit des Geistes, inmitten des Mammonsdienstes die Botschaft von der Freiheit und Würde der Kinder Gottes, inmitten des Stumpfsinns und der Oberflächlichkeit die Botschaft von dem, was ewig edel, hilfreich und gut ist.7 Wo diese Botschaft verkündigt wird, da ist das christliche Vertrauen, das die Welt nicht fürchtet, sondern überwindet, das Vertrauen, das sich nur auf Gottes Versprechen gründet.|

479 Ich denke an eine Reihe von Frauen, die ich nach und nach kennengelernt, die ein meist bescheidendes, geringfügiges Leben zubringen im Schein des christlichen Vertrauens. Sie warten getrost auf die Herrlichkeit, die sich nach viel Kummer und Leid offenbaren muss. Sie verlassen sich darauf, dass Gott hinter Allem steht. Ich spüre auch ihnen etwas an von jenem: Gott muss! das wir bei Jesus selbst verspüren. Da ist sicher auch sein Vertrauen und die große Belohnung, die ihm verheißen ist. Ich denke an manche Kranken- und Sterbebetten, wo jene Zuversicht dem Unbekannten gegenüber zum Vorschein kam, wo ich die Empfindung hatte: die sehen jetzt jenen Berg von Schwierigkeiten des Lebens auch schon ein wenig von Gottes Seite her an, und darum stehen sie getrost davor, die sind dem wenigstens sehr nahe, dass sie aufrichtig sagen können:

Ich will gehen in Angst und Not,
Ich will gehen bis in den Tod,
Ich will gehen ins Grab hinein
Und doch allzeit fröhlich sein!8 |

Und dann denke ich an so viele Äußerungen des Vertrauens nicht nur den großen, sondern auch den kleinen Schwierigkeiten des Lebens gegenüber. Spüren wir nicht Alle, dass das Vertrauen, und zwar das Vertrauen, wie Jesus es geübt und verkündigt hat, etwas vom Besten und Notwendigsten in unserm Leben ist? Ich habe Jemand, der dem Tod entgegenging und auf eine lange glückliche Ehezeit zurückblicken durfte, gefragt, was die Grundlage und die Hauptsache sei für eine rechte, gute Ehe. Sie gab mir zur Antwort das einzige Wort: Vertrauen! Ich sprach dieser Tage mit einem befreundeten Pfarrer über die Mittel und Wege, Menschenseelen zu bewahren und zu fördern. Wir waren sehr verschiedener Ansicht, aber darin kamen wir völlig überein, dass durch Vertrauen und nur durch Vertrauen zu helfen sei. Ebenfalls in der vergangenen Woche bekam ich einen Brief von einem meiner Genfer Konfirmanden, der mir schrieb, er sei zur Überzeugung gekommen, der Sinn des Lebens sei die Tat; die Tat aber beruhe |480 auf einem tiefen Vertrauen.9 Ich könnte von den Behörden und Vereinen erzählen, denen ich als Student und dann als Pfarrer angehörte: wie es da an einem Ort anregend, fördernd, freudig zuging und am andern langweilig und ewig zänkisch und ungefreut10, weil am einen Ort das Vertrauen vorhanden war und am andern nicht. Das sind nur ein paar persönliche Erfahrungen von mir. Ihr könntet sie vermehren. Warum rede ich davon? Um euch zu zeigen: Das christliche Vertrauen ist nicht eine schöne, aber leere Idee. Und so wenig es in uns die Höhe und Tiefe des Vertrauens Jesu erreicht hat, es ist doch da unter uns: es gibt zahlreiche und sehr verschiedenartige Menschen, die in ihm das Beste und Größte ihres Lebens gefunden haben. Der Apostel hat also Recht, wenn er ohne Weiteres annimmt, dass wir dieses kostbare Gut oder doch etwas davon besitzen. Wir dürfen das auch jedes von sich selbst sagen, nicht nur von Andern. Es kann ja nicht sein, dass Jesus ganz umsonst gelebt hat und gestorben ist für uns. Irgend etwas hat er jedem von uns zurückgelassen.

Aber jetzt wollen wir uns sagen lassen: Werfet euer Vertrauen nicht weg! Dazu kommt uns also manchmal die Neigung an, dass wir dieses schönste Vermächtnis Jesu fortwerfen, wie wenn es etwas Schlechtes oder doch Unnützes wäre. Brauch’ ich noch zu sagen, dass wir damit jedes Mal einen Verrat an Jesus und am Christentum begehen? Wir wollen uns darüber besinnen, wie es dazu kommt. Nun, im Allgemeinen können wir sagen: wenn der Berg der Schwierigkeiten zu hoch wird oder aber die Flügelkraft unsres Geistes zu schwach, so dass wir uns nicht mehr aufschwingen können zum Standpunkt Gottes, um von da aus die Welt ruhig und friedlich zu beurteilen, sondern wieder zurückfallen in die heidnische Art, uns vor der Welt zu ängstigen, uns |481 mit ihr herumzuraufen oder uns trotzig vor ihren Mächten zu beugen. Statt dessen sollten wir immer dabei bleiben:

es kann mir nichts geschehen,
als was er hat ersehen
und was mir selig ist,11

und darum bei einem freudigen: Ich hab’s gewagt!12 Wenn wir das nicht mehr können, das heißt, nicht mehr wollen, dann haben wir das getan, was der Apostel nennt: unser Vertrauen wegwerfen. |

Ich will einige Beispiele nennen: Zum Vertrauen Jesu gehört, [dass] wir uns sagen: auf alle Fälle und unbedingt und durch dick und dünn muss ich mich in meinem Tun an die Wahrheit und Gerechtigkeit im strengsten Sinn halten. Zum Vertrauen gehört die Überzeugung, dass das Gute wirklich in allen Lebenslagen das Beste ist. So, nun ärgert dich ein Mitmensch ganz furchtbar, Tag und Nacht musst du dem nachstudieren, was er dir gesagt. Lieber Freund! Kannst du die Sache auch vom Standort Gottes aus betrachten? Bist du dir noch klar darüber, dass auch die furchtbarste Sünde deines Mitmenschen dir noch nicht das Recht gibt, wieder zu sündigen, gegen ihn loszubrechen wie sieben Teufel.13 Wenn du das getan hast, dann hast du das Vertrauen |482 weggeworfen, dir ist dann nicht mehr das Gute das Höchste gewesen, sondern dein Zorn! |

Oder du hast dir irgendwo Mühe gegeben für eine gute Sache, aber jetzt kommt dich der Verleider14 an, etwa so, wie es hier in Safenwil Mode ist, dass, wenn jemand irgend einen Verdruss hat, er zur Strafe aus allen Kommissionen austritt.15 Ja, der Verleider! Wenn die Sache vorher gut war, ist sie es wahrscheinlich jetzt auch noch, trotz deines Verdrusses über diesen oder jenen. Willst du jetzt wirklich einem bösen Lärm nachgeben und das Gute nicht mehr tun? Sieh, das heißt dein Vertrauen wegwerfen. Du musst deinen Zorn von der Seite Gottes aus ansehen, dann kommt er dir sicher klein vor, und du kannst und musst getrost fortfahren, das Gute zu tun. |

Oder ich will wieder ein Beispiel aus meinem eigenen Leben nennen. Ich war in der letzten Zeit mehrere Male bis zum Samstag in Verlegenheit, was ich am Sonntag predigen wolle. Es kommt jedem Pfarrer vor, dass er zeitenweise nicht viel zu sagen hat. Da war es mir dann gar sauer, eine Predigt zu verfassen, und der Gedanke kam mir, ob ich nicht eine alte von Genf16 zum zweiten Mal halten könnte. Ich habe es zwar nicht getan, aber der Gedanke war doch ein rechter Fall von «Wegwerfen des Vertrauens». Denn was gegen die Wahrheit ist, das geht nun einmal nicht, und aller Ärger und Verleider und alle Müdigkeit können es nicht entschuldigen. Es fragt sich in allen diesen Fällen: ob die Welt in uns siegen soll oder Gott! ob wir uns wie Jesus klar machen: Gott muss! oder ob wir uns ein verborgenes Konträktlein machen des Inhalts: Gott kann auch anders. |

|483 Ich will eine andre Art nennen, wie wir oft das christliche Vertrauen wegwerfen. Nicht nur an unsern eigenen Kräften und Aufgaben verzweifeln wir oft, sondern vielleicht noch vorher und noch mehr an unsern Mitmenschen. Aus dem Vertrauen Jesu heraus wächst die Liebe. Die Liebe sucht den Andern, indem sie an sein Bestes glaubt. Sie sieht Gutes bei ihm, auch wenn sie es auf den ersten Blick nicht zu sehen vermag. Sie freut sich über das Kleinste, was sie so gesucht und gefunden hat. Aber es ist sehr schwer, dabei zu bleiben. Gerade hier werfen wir meistens sehr rasch und fast selbstverständlich unser Vertrauen weg. Ich habe einmal ein altes Mannli gefragt, ob es in Safenwil mehr Gute oder mehr Böse gebe! Er machte ein sehr bedenkliches Gesicht und schwieg lange. Ich sah ihm den Kampf an, der in ihm war. Dann kam die Antwort: Doch mehr Gute! Ich habe mich selten über etwas so gefreut hier wie über diese Antwort. Der hat dort sein Vertrauen nicht weggeworfen, sondern ist in der Liebe geblieben. Aber an mehreren andern Orten, wo ich dieselbe Frage stellte, hat man mir fast triumphierend das Gegenteil geantwortet. Wo bleibt die Liebe, die den Andern im besten Sinn verstehen will, wo bleibt sie, wenn wieder einmal ein Streit los ist im Dorf, und wenn es in der gerechtesten Sache wäre, und wenn Alle, Alle recht hätten, wie es ja immer geht. Ist dann nicht Alles Vertrauen wie weggeblasen? Behandelt man dann nicht den Gegner, als ob er der leibhaftige Teufel wäre, obwohl man sonst an keinen glaubt? Denkt man dann auch nur einen Augenblick daran, das Gute und nicht das Böse von ihm zu erwarten, wie es sein müsste, wenn wir mit Jesus von Gott aus in die Welt hinausgesehen haben? Wer behält jetzt recht? Heißt es: Gott muss! wie es bei Jesus geheißen hat, oder aber: Ich muss! wie es bei den Heiden heißt. Nichtwahr, wir kennen die Melodie:

Wir haben lang genug geliebt
Wir wollen endlich hassen!17

Noch eine dritte Art, sein Vertrauen wegzuwerfen: Wer das christliche Vertrauen hat, der geht freudig dem Ungewissen entgegen. Eins ist ihm ja nicht ungewiss: dass Gott Alles so ordnet, wie es recht und |484 heilsam ist. Wir dürfen Gott fragen: warum tust du mir das? Das hat Jesus auch getan [vgl. Mt. 27,46]. Solches Fragen kann uns zu tieferer Erkenntnis führen. Aber klagen dürfen wir nicht. Klagen, das heißt, bittere Gedanken haben, bittere Worte reden, ein bitteres Gesicht machen über sein Geschick, das heißt sein Vertrauen wegwerfen. Wer das Gute erwartet, der kann doch nicht bitter sein. Er muss oft ernst sein, wenn er sieht, wie schwere Mühe es ihm macht, dazu zu helfen, dass Gottes Wille geschehe auf Erden wie im Himmel [vgl. Mt. 6,10]. Er muss oft traurig sein, wenn er sehen muss, wie seine Kräfte zu schwach sind, um Gottes Lasten zu tragen und Gottes Aufgaben auszuführen. Aber bitter, unzufrieden, nein, gerade das nicht. Das würde ja heißen: ich wollte lieber, dass Gottes Wille nicht geschehe! Das ist ein Wunsch, den wir Alle schon gehabt haben. Aber gerade er soll nicht sein. Denn wie das Vertrauen seine große Belohnung hat, so hat das Misstrauen, das Klagen seine große Strafe. Das Vertrauen hat die Belohnung darin, dass Gott sich uns naht mit seiner Kraft und seinem Licht, dass wir über die Welt und ihre Mächte triumphieren, wie es Jesus geschehen ist. Das Klagen hat seine Strafe darin, dass der Gott, dem wir uns nicht völlig übergeben wollen, sich von uns zurückzieht, uns seinen Frieden vorenthält. Ich kenne eine Frau in Genf, die das schon besonders schmerzlich hat erfahren müssen. Vielleicht haben wir es aber auch Alle schon selber gespürt, dass es so ist.

Wir müssen fest werden im Vertrauen, nichtwahr? Das ist ein großes wichtiges Ziel. Werft euer Vertrauen nicht weg! Wie macht man es, um es zu behalten? Ach, man kann da nicht viel «machen». Vertrauen ist ein Geschenk Gottes, und ein Geschenk ist es, wenn wir es behalten dürfen. Da soll man ein paar von den Vertrauens- und Trostliedern des Gesangbuchs lesen oder ein paar Psalmen, wie es unsre Großväter schon getan haben. Da soll man nie zu lange studieren über die Frage: will ich jetzt weiter vertrauen oder nicht? sondern soll irgend etwas tun in der Zeit. Da soll man dafür sorgen, dass irgendwo in der Seele das Wörtlein: dennoch! [vgl. Ps. 73,23] aufgerichtet sei als eine scharfe Ecke, um die man sich flüchten kann vor dem verfolgenden Versucher. Dieses eine Wörtlein hat schon Manchen vor dem Wegwerfen des Vertrauens bewahrt. Da soll man vor Allem nicht vergessen, wie es alle Helden des christlichen Vertrauens getan haben, immer wieder den aufzusuchen, der dieses christliche Vertrauen unter uns Menschen ge|485pflanzt hat. Das letzte und beste Mittel, das Vertrauen zu behalten, in der Wahrheit, in der Liebe, in der Freudigkeit zu bleiben, wäre wohl, wenn wir beten könnten, wie Jesus in Gethsemane gebetet. Wir wollen nicht so viel sagen, denn das bringen wir sicher nicht zu Stande. Aber wenn wir es wenigstens versuchen, so zu beten und solange wir es versuchen, wird uns Gottes Gnade wohl auch davor bewahren, unser Vertrauen wegzuwerfen.

Sachfußnoten

1
GERS 266; RG 680; EG 361. 🎵 ↩
2
GERS 225; RG 656; EG 351. 🎵 ↩
3
GERS 267; RG 678; EG 370. 🎵 ↩
4
August Hermann Francke (1663–1727), Gründer der Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale. ↩
5
Friedrich von Bodelschwingh d. Ä. (1831–1910); bedeutender Theologe der Inneren Mission, seit 1872 Leiter der Krankenanstalt Bethel bei Bielefeld, der später nach ihm benannten Anstalten. ↩
6
William Booth (1829–1912) gründete und leitete gemeinsam mit seiner Frau die Heilsarmee / Salvation Army; s. auch oben, S. 360–373, Barths Predigt vom 25.8.1912 zum Tode von Booth. ↩
7
Vgl. die erste Strophe des Gedichts «Das Göttliche» von J. W. von Goethe (1783 / Erstdruck 1785; Berliner Ausgabe, Bd. 1, S. 331–333, dort S. 331 📖):
Edel sei der Mensch, / hülfreich und gut!
Denn das allein / unterscheidet ihn
von allen Wesen, / die wir kennen.
↩
8
Beginn der 15. und letzten Strophe des Liedes «Auf den Nebel folgt die Sonn» von P. Gerhardt 🎵 (in: P. Gerhardt, Dichtungen und Schriften, hrsg. von E. von Cranach-Sichart, München 1957, S. 298–301, dort S. 301 📖; auch in: Evangelisches Gesangbuch für Rheinland und Westfalen, Dortmund 1930, Nr. 462 📖 [dort Strophe 7]). ↩
9
Es handelt sich um Theophil Roth, der zu dieser Zeit als Handlungsgehilfe in Wuppertal-Elberfeld arbeitete und Barth von seinen Erfahrungen in Deutschland in einem 20seitigen Brief berichtete, den er mit «Ihr Schüler Theo Roth» unterzeichnete. Unter anderem führte er aus: «Ich […] habe gelernt, dass der wahre Sinn des Lebens in der Tat liegt; nur dadurch gelangt man zu Selbstbewusstsein und Selbstzufriedenheit, die der Anfang von Allem sind, die reine Tat um der Tat willen, die, eben weil sie frei und selbstlos herangeht, auf Vertrauen ruht» (Brief Th. Roths an Barth vom 20.10.1912 [KBA 9312.45]). ↩
10
Schweizerdeutsch für: unerfreulich, verdrießlich. ↩
11
Beginn der dritten Strophe des Liedes «In allen meinen Taten» von P. Fleming (GERS 263; RG 676; EG 368) 🎵. ↩
12
«Ich hab’s gewagt» (im Original: «Ich habs gewogt») ist das Motto Ulrichs von Hutten, das dieser mehreren seiner Bücher voranstellte; eine Erstausgabe von Herr Wlrichs von Hutten Anzöig, wie allwegen sich die Römischen Bischöff oder Bäpst gegen den teütschen Kayßeren gehalten haben, uff das kürtzst uß Chronicken und Historien gezogen, K. Maiestät fürzubringen, [Straßburg], [1521] 📖, wurde im Auftrag der Bayerischen Staatsbibliothek digitalisiert (freier Zugang: https://opacplus.bsb-muenchen.de/title/BV009727592 [zuletzt aufgerufen am 25.11.2021]). – Zugleich handelt es sich um den Beginn eines seiner Lieder («Ain new lied herr Ulrichs von Hutten», in: Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrhundert, Bd. 3, hrsg. von R. von Liliencron, Leipzig 1867, S. 361 📖):
Ich habs gewagt mit sinnen
und trag des noch kain rew,
mag ich nit dran gewinnen,
noch müß man spüren trew;
…
↩
13
Vermutlich eine Anspielung auf Jeremias Gotthelfs Erzählung «Das arme Kätheli» (in: J. Gotthelf, Erzählungen, Bd. 3, Berlin 1876, S. 113–126) 📖, in der berichtet wird, wie das Waisenkind Kätheli von der Pflegefamilie, der es als «Gütermeitschi» zur Erziehung zugeteilt war, bei einem gemeinsamen Essen gequält und misshandelt wurde; später sieht es in einem Traum, wie diejenigen, die es so behandelten, in der Hölle von sieben Teufeln in analoger Weise, aber noch viel schlimmer gepeinigt werden. ↩
14
Schweizerdeutsch für: «Überdruss». ↩
15
Kommissionen sind Organe der staatlichen, kommunalen oder kirchgemeindlichen Verwaltung für bestimmte Aufgaben (z. B. Finanz-, Steuer- oder auch Liturgiekommission), deren Mitglieder in der Regel gewählt sind, aber auch ernannt werden können. ↩
16
Barths Genfer Predigten sind ediert in: Predigten 1907–1910, S. 139–709; Predigten 1911, S. 3–196. ↩
17
Schlusszeilen aller Strophen des Gedichts «Das Lied vom Hasse» von G. Herwegh (Erstdruck 1841; Herweghs Werke in drei Teilen, hrsg. von H. Tardel, Bd. 1, Berlin u. a. [1909], S. 47f.) 📖 ↩