Predigt: Hebräer 10,35
Was heißt das, Vertrauen? Wir vertrauen, wenn wir irgendwo Gutes erwarten, ohne dass wir beweisen oder darauf schwören können, dass es gut kommen wird. Wenn wir Gutes erwarten auf Treu und Glauben, weil es uns versprochen ist. Wir gehen in den Nebel hinein in der Erwartung, dass der Weg uns an ein Ziel führen werde. Wir rufen ins Dunkel hinein in der Erwartung, eine menschliche Stimme werde uns antworten. Wir strecken die Hand aus in der Erwartung, es werde einer da sein, der in die ausgestreckte Hand einschlägt. Das ist Vertrauen: – Zuversicht dem Unbekannten gegenüber. Eigentlich haben wir ja solches Vertrauen jeden Augenblick nötig. Denn Keines von uns weiß, was der nächste Augenblick ihm bringen wird. |
Aber erst Jesus hat dieses Vertrauen zur bewussten Lebensanschauung, zur selbstverständlichen Regel gemacht für sich selbst und für seine Jünger. Er steht darin in wichtigem Gegensatz zu allem Heidentum. Die Heiden sind immer Menschen, die kein Vertrauen haben. Das Unbekannte ist ihnen furchtbar. Was sie nicht unmittelbar in der Gewalt haben, das ist ihnen ein Schrecken: die Natur, der Tod, die menschlichen Leidenschaften, die Unendlichkeit. Und so ist ihre Religion ein Zittern und Beben vor den Mächten, die dem Menschen überlegen sind und die sie darum Götter nennen. Es sind finster gefährliche Mächte, mit denen man sich möglichst vorsichtig abfinden muss, aber auch dann noch untreu und betrügerisch. Die Religion des Heiden ist ein versteckter Kampf mit seinen Göttern. Im besten Fall kommt es dazu, dem Unbekannten mit ruhiger Gelassenheit entgegenzugehen, ohne Angst und Aufregung, aber wohlverstanden: auch ohne Freude und ohne irgend eine Erwartung. Es ist die tote Ruhe dessen, der weiß, dass Alles so kommen muss, wie es kommt. Unterdrücktes Misstrauen ist noch kein Vertrauen. |
475 Jesu Lebensanschauung ist die des Vertrauens. Für ihn gab es keine unbekannten Mächte in der Welt, vor denen man die Waffen strecken müsste. Sondern in Allem, was er fand in der Welt, sah er ein Werk des Vaters, etwas, das wohl uns unbekannt und fremd erscheinen mag, von dem wir aber sofort wissen: Gott ist es bekannt. Gott ist die Macht über allen Mächten, und wer sein Kind ist, den dürfen sie nicht erschrecken. Als Kind Gottes hat Jesus das kühne Wort gesprochen: Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater! [
Jesus wusste freilich sehr wohl, dass die Welt, von uns aus gesehen, [sich] anders ausnimmt: dass es da Hindernisse gibt und Schwierigkeiten in uns und um uns: ungöttliche, feindliche Mächte, vor denen wir die Augen nicht verschließen dürfen, als wären sie nicht da. Das hat Jesus auch nicht getan. Er hat sie in ihrer ganzen Größe und Gefahr erkannt, er hat unter ihnen gelitten, er hat mit ihnen gekämpft, er hat die Seinigen zu Kämpfern gegen sie erzogen. Aber er hat dabei keinen Augenblick vergessen, wie die Welt, von Gott aus gesehen, aussieht. Immer wieder stand es vor seinem Auge: Alles in Gottes Hand, Alles zu Gott hin, Alles in seinem Dienst! Und darum konnte er freudig an Alles herantreten, nicht zagend und bedenklich, auch nicht kalt und gleichgiltig, sondern in der Zuversicht: ich kann’s wagen, Gott muss ja siegen. Hinter dem Nebel muss Gott verborgen sein. Aus dem Dunkel muss seine Stimme antworten. In meine Hand muss er die seinige legen. Dieses «Gott muss!» war die Kraft Jesu. Er hatte gar nichts Anderes als das Versprechen, das Gott ihm in einer großen Stunde gegeben hatte: Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe! [
Das ist das christliche Vertrauen und seine Herrlichkeit, seine «große Belohnung», wie es in unserm Text heißt. Sie besteht darin, dass es gerechtfertigt wird, dass Gott sein Versprechen erfüllt. Das christliche Vertrauen ist das Vertrauen Jesu. Keiner hat es gelebt wie er. Keiner hat so völlig die Welt von Gott aus ansehen können wie er, Keiner wie er sagen: Alle Dinge sind mir übergeben! Keiner an die Welt herantreten und sie überwinden wie er. Wir bleiben weit hinter ihm zurück, besonders hinter dem Vertrauen, das er am Kreuze bewiesen. Aber gerade vom Kreuze ist ein Strom von Vertrauen ausgegangen auch auf uns. Den Kampf und Sieg über Sünde, Leiden und Tod, den Jesus dort gekämpft, hat er nicht nur für sich selbst gekämpft, sondern auch für uns. Dort ist es der Welt klargemacht worden, dass es etwas gebe, was Allem überlegen sei, nämlich Gottes Gerechtigkeit, die in Jesu Gehorsam sich leuchtend offenbarte. Dort ist ein Licht angezündet worden, vor dem wir nicht mehr ganz die Augen verschließen können. Die Gewalt jener Weltmächte ist von da an gebro|477chen, die Menschen müssen von da an keine Heiden mehr sein, die in Angst oder Gleichgiltigkeit leben. Jesus bietet uns vom Kreuz herab sein letztes großes Geschenk dar: sein Vertrauen. Seine Gesinnung ist von da an eine Tatsache gewesen in der Welt. Nicht mehr zu beseitigen! Es hat von da an Menschen gegeben, die, weniger groß und vollkommen als er, aber in der gleichen Richtung wie er Vertrauen übten, die Gutes erwarteten in der bösen Welt, weil sie wussten, dass die ganze böse Welt Gottes Eigentum sei, auch wenn sie es nicht verstanden.
Und da sind wir nun und müssen uns fragen, ob wir auch etwas wissen und haben von diesem Vertrauen? Christen heißen wir ja und sind als solche Nachkommen und jüngere Brüder dessen, der die Lebensauffassung des Vertrauens gegenüber allem Heidenwesen unter der Menschheit aufgerichtet hat. Wissen wir auch etwas von dieser Lebensauffassung? Der Apostel sagt es uns: Ja, ihr habt und wisst etwas davon! Er schreibt ja nicht: ihr sollt Vertrauen haben! sondern: werft euer Vertrauen nicht weg! Er setzt also voraus, dass wir es haben. Und das ist so: ganz fremd ist uns das Vertrauen Jesu nicht. Es ist von dem freudigen, siegessichern Sinn Jesu gegenüber der Welt, gegenüber dem Unbekannten und Schwierigen auf die Menschheit übergegangen, merkwürdigerweise auch auf die, die seinen Namen aus allerlei Gründen lieber von sich abschütteln. Man kann darauf zählen: wo man redet von Zuversicht und Hoffnung, von Begeisterung, die den Widerstand der stumpfen Welt besiegt, von Treue, die zu leiden und zu bluten weiß in der Gewissheit, dass auch das zum Guten dienen muss, wo man davon redet und wo man das übt, da stammen die vollsten und reinsten Klänge aus dem Evangelium Jesu, da haben wir es mit Wirkungen seines Kreuzes zu tun. Um wieviel mehr bei allen denen, die sich zu seinem Namen bekennen. So hoch die Vertrauensgedanken Jesu über uns stehen, so wenig wir uns bei manchen davon getrauen, sie nachzusprechen, sie sind doch gewissermaßen unser Eigentum geworden, wenigstens als Ausdruck unsrer Sehnsucht. Ich denke zum Beispiel an die Lieder
Aber lieber als sie ist mir das, was ich etwa schon selber habe sehen dürfen von christlichem Vertrauen als einer gegenwärtigen Lebenstatsache. Ich denke an Männer, die im Sturm der Zeit unverrückt die Hoffnung bewahrten, die ihnen Christus ins Herz gepflanzt, die Hoffnung: dein Reich komme! [
479 Ich denke an eine Reihe von Frauen, die ich nach und nach kennengelernt, die ein meist bescheidendes, geringfügiges Leben zubringen im Schein des christlichen Vertrauens. Sie warten getrost auf die Herrlichkeit, die sich nach viel Kummer und Leid offenbaren muss. Sie verlassen sich darauf, dass Gott hinter Allem steht. Ich spüre auch ihnen etwas an von jenem: Gott muss! das wir bei Jesus selbst verspüren. Da ist sicher auch sein Vertrauen und die große Belohnung, die ihm verheißen ist. Ich denke an manche Kranken- und Sterbebetten, wo jene Zuversicht dem Unbekannten gegenüber zum Vorschein kam, wo ich die Empfindung hatte: die sehen jetzt jenen Berg von Schwierigkeiten des Lebens auch schon ein wenig von Gottes Seite her an, und darum stehen sie getrost davor, die sind dem wenigstens sehr nahe, dass sie aufrichtig sagen können:
Und dann denke ich an so viele Äußerungen des Vertrauens nicht nur den großen, sondern auch den kleinen Schwierigkeiten des Lebens gegenüber. Spüren wir nicht Alle, dass das Vertrauen, und zwar das Vertrauen, wie Jesus es geübt und verkündigt hat, etwas vom Besten und Notwendigsten in unserm Leben ist? Ich habe Jemand, der dem Tod entgegenging und auf eine lange glückliche Ehezeit zurückblicken durfte, gefragt, was die Grundlage und die Hauptsache sei für eine rechte, gute Ehe. Sie gab mir zur Antwort das einzige Wort: Vertrauen! Ich sprach dieser Tage mit einem befreundeten Pfarrer über die Mittel und Wege, Menschenseelen zu bewahren und zu fördern. Wir waren sehr verschiedener Ansicht, aber darin kamen wir völlig überein, dass durch Vertrauen und nur durch Vertrauen zu helfen sei. Ebenfalls in der vergangenen Woche bekam ich einen Brief von einem meiner Genfer Konfirmanden, der mir schrieb, er sei zur Überzeugung gekommen, der Sinn des Lebens sei die Tat; die Tat aber beruhe |480 auf einem tiefen Vertrauen.9 Ich könnte von den Behörden und Vereinen erzählen, denen ich als Student und dann als Pfarrer angehörte: wie es da an einem Ort anregend, fördernd, freudig zuging und am andern langweilig und ewig zänkisch und ungefreut10, weil am einen Ort das Vertrauen vorhanden war und am andern nicht. Das sind nur ein paar persönliche Erfahrungen von mir. Ihr könntet sie vermehren. Warum rede ich davon? Um euch zu zeigen: Das christliche Vertrauen ist nicht eine schöne, aber leere Idee. Und so wenig es in uns die Höhe und Tiefe des Vertrauens Jesu erreicht hat, es ist doch da unter uns: es gibt zahlreiche und sehr verschiedenartige Menschen, die in ihm das Beste und Größte ihres Lebens gefunden haben. Der Apostel hat also Recht, wenn er ohne Weiteres annimmt, dass wir dieses kostbare Gut oder doch etwas davon besitzen. Wir dürfen das auch jedes von sich selbst sagen, nicht nur von Andern. Es kann ja nicht sein, dass Jesus ganz umsonst gelebt hat und gestorben ist für uns. Irgend etwas hat er jedem von uns zurückgelassen.
Aber jetzt wollen wir uns sagen lassen: Werfet euer Vertrauen nicht weg! Dazu kommt uns also manchmal die Neigung an, dass wir dieses schönste Vermächtnis Jesu fortwerfen, wie wenn es etwas Schlechtes oder doch Unnützes wäre. Brauch’ ich noch zu sagen, dass wir damit jedes Mal einen Verrat an Jesus und am Christentum begehen? Wir wollen uns darüber besinnen, wie es dazu kommt. Nun, im Allgemeinen können wir sagen: wenn der Berg der Schwierigkeiten zu hoch wird oder aber die Flügelkraft unsres Geistes zu schwach, so dass wir uns nicht mehr aufschwingen können zum Standpunkt Gottes, um von da aus die Welt ruhig und friedlich zu beurteilen, sondern wieder zurückfallen in die heidnische Art, uns vor der Welt zu ängstigen, uns |481 mit ihr herumzuraufen oder uns trotzig vor ihren Mächten zu beugen. Statt dessen sollten wir immer dabei bleiben:
und darum bei einem freudigen: Ich hab’s gewagt!12 Wenn wir das nicht mehr können, das heißt, nicht mehr wollen, dann haben wir das getan, was der Apostel nennt: unser Vertrauen wegwerfen. |
Ich will einige Beispiele nennen: Zum Vertrauen Jesu gehört, [dass] wir uns sagen: auf alle Fälle und unbedingt und durch dick und dünn muss ich mich in meinem Tun an die Wahrheit und Gerechtigkeit im strengsten Sinn halten. Zum Vertrauen gehört die Überzeugung, dass das Gute wirklich in allen Lebenslagen das Beste ist. So, nun ärgert dich ein Mitmensch ganz furchtbar, Tag und Nacht musst du dem nachstudieren, was er dir gesagt. Lieber Freund! Kannst du die Sache auch vom Standort Gottes aus betrachten? Bist du dir noch klar darüber, dass auch die furchtbarste Sünde deines Mitmenschen dir noch nicht das Recht gibt, wieder zu sündigen, gegen ihn loszubrechen wie sieben Teufel.13 Wenn du das getan hast, dann hast du das Vertrauen |482 weggeworfen, dir ist dann nicht mehr das Gute das Höchste gewesen, sondern dein Zorn! |
Oder du hast dir irgendwo Mühe gegeben für eine gute Sache, aber jetzt kommt dich der Verleider14 an, etwa so, wie es hier in
Oder ich will wieder ein Beispiel aus meinem eigenen Leben nennen. Ich war in der letzten Zeit mehrere Male bis zum Samstag in Verlegenheit, was ich am Sonntag predigen wolle. Es kommt jedem Pfarrer vor, dass er zeitenweise nicht viel zu sagen hat. Da war es mir dann gar sauer, eine Predigt zu verfassen, und der Gedanke kam mir, ob ich nicht eine alte von
|483 Ich will eine andre Art nennen, wie wir oft das christliche Vertrauen wegwerfen. Nicht nur an unsern eigenen Kräften und Aufgaben verzweifeln wir oft, sondern vielleicht noch vorher und noch mehr an unsern Mitmenschen. Aus dem Vertrauen Jesu heraus wächst die Liebe. Die Liebe sucht den Andern, indem sie an sein Bestes glaubt. Sie sieht Gutes bei ihm, auch wenn sie es auf den ersten Blick nicht zu sehen vermag. Sie freut sich über das Kleinste, was sie so gesucht und gefunden hat. Aber es ist sehr schwer, dabei zu bleiben. Gerade hier werfen wir meistens sehr rasch und fast selbstverständlich unser Vertrauen weg. Ich habe einmal ein altes Mannli gefragt, ob es in
Noch eine dritte Art, sein Vertrauen wegzuwerfen: Wer das christliche Vertrauen hat, der geht freudig dem Ungewissen entgegen. Eins ist ihm ja nicht ungewiss: dass Gott Alles so ordnet, wie es recht und |484 heilsam ist. Wir dürfen Gott fragen: warum tust du mir das? Das hat Jesus auch getan [vgl.
Wir müssen fest werden im Vertrauen, nichtwahr? Das ist ein großes wichtiges Ziel. Werft euer Vertrauen nicht weg! Wie macht man es, um es zu behalten? Ach, man kann da nicht viel «machen». Vertrauen ist ein Geschenk Gottes, und ein Geschenk ist es, wenn wir es behalten dürfen. Da soll man ein paar von den Vertrauens- und Trostliedern des Gesangbuchs lesen oder ein paar Psalmen, wie es unsre Großväter schon getan haben. Da soll man nie zu lange studieren über die Frage: will ich jetzt weiter vertrauen oder nicht? sondern soll irgend etwas tun in der Zeit. Da soll man dafür sorgen, dass irgendwo in der Seele das Wörtlein: dennoch! [vgl.