20. Oktober 1912

Predigt: Matthäus 5,8

464
137
Matthäus 5,8
Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!
Liebe Zuhörer,

Der große Kirchenlehrer Augustin hat das bekannte Wort geschrieben: Herr, zu dir hast du uns geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis dass es ruht in dir!1 Er schrieb das aus eigener Lebenserfahrung heraus, er meinte aber, dass das auch von Allen andern Menschen gelte. Und das ist wahr. Wir Menschen ohne alle Ausnahme sind unruhig, bis dass wir ruhen in Gott. Wir Alle haben ein großes heimliches Lebensziel, und das heißt: Gott schauen. Auf dieses Lebensziel ist unser Träumen und Hoffen und Verlangen gerichtet. Solange wir diesem Ziel noch ferne sind, solange sind wir innerlich unglücklich, und wenn wir mitten im Geld und Glück säßen, sind wir haltlos, ratlos, zerrissen, unzufrieden. Solange haben wir keine rechte Freude am Leben und oft genug einen wahren Ekel davor. Diesem Ziel gehen wir entgegen, ob wir es wissen und aussprechen oder nicht. Manchmal stolpern wir ihm auch entgegen. Manchmal fallen wir auch und liegen lange, jahrelang, jahrzehntelang da wie Tote, wie Betrunkene auf dem Weg, der zu diesem Ziel führt. Wir möchten Gott schauen. Jede Seele sehnt sich, lechzt danach. Und wenn wir dann angefangen haben, etwas von ihm zu schauen, dann fängt die Sehnsucht neu an; wir können uns nicht begnügen, wir möchten mehr schauen, wir ahnen, dass wir am Fuß, erst am Fuß der Himmelsleiter stehen. Wir möchten vorwärts, aufwärts – wir kommen uns sofort wieder unsäglich arm und trostlos vor, wenn es nicht weitergeht. Das Schauen Gottes ist der große Inhalt, manchmal auch die große Frage, das große Rätsel unsres Lebens.

465Wirklich bei allen Menschen. Nicht nur etwa bei denen, die besonders religiös veranlagt sind, religiöse Neigungen haben, oder wie man das sonst nennen will. Sondern auch bei denen, die dem Namen, dem Worte «Gott» wenig Interesse entgegenbringen und die deshalb vielleicht erstaunt wären zu hören, dass das Ziel, Gott zu schauen, der Inhalt oder die Frage auch ihres Lebens sei. Es ist doch so. Wir wollen uns nicht um Worte streiten. Wenn wir in die Seelen der Menschen hineinblicken könnten, dann würden wir finden, dass in Allen unter der Oberfläche, unter der oft sehr dicken und harten Oberfläche von allerlei kleinen, vergänglichen, unguten Gedanken und Wünschen und Hoffnungen noch etwas Anderes verborgen ist, wie ein fließender Bach unter der Eisdecke, nämlich jenes große Sehnen, das nichts Anderes ist als das Sehnen nach Gott. Was wollen wir Menschen im Grunde? Nun, wir drücken das sehr verschieden aus, aber es ist doch immer dasselbe. Wir möchten an der rechten Stelle stehen im Leben, an einem Örtlein, an dem wir Freude haben und wo wir dann auch hoffen können, unser Bestes zu leisten. Wir möchten nicht ein fünftes Rad sein am Wagen, sondern das Bewusstsein, die Sicherheit haben: man hat mich lieb und man hat mich nötig. Es gibt so viele gerade junge Leute, die diese Sehnsucht haben nach der rechten Stelle im Leben. Bei ihnen ist’s freudige Sehnsucht, sie hoffen zu finden, wonach ihr Herz begehrt, und sind sicher, dass es irgendwie schon gut kommen müsse. Andre habe sich lange besonnen und gesehnt und stehen an der Schwelle zwischen Jugend und Mittelalter vielleicht einsam, auf sich selbst gestützt. Sie denken: ich habe es nicht gefunden, ich kann es noch immer nicht sicher sagen: man hat mich lieb und man hat mich nötig. Werde ich es je finden? Da ist die Sehnsucht schon wehmütig, nichtwahr? Und wieder Andre, die stehen im vollen Leben, die haben sich längst entschieden für einen Beruf oder für einen Menschen, ich meine, für eine Ehe, aber sie sind unbefriedigt, sie haben gefunden, aber nicht das Rechte, sie fühlen: ich bin nicht an dem Örtlein, wo ich hingehöre. Soll’s denn nun wirklich dahin und zu spät, soll mein Leben ein verfehltes Leben sein? Da ist dann die Sehnsucht nur noch etwas Schmerzliches. Aber ob sie freudig oder wehmütig oder schmerzlich sei, diese Sehnsucht ist im Grunde nichts Anderes als die Sehnsucht, Gott zu schauen. Und die Gott schauen, das sind Menschen, die jenes Bewusstsein haben: ich bin am rechten Ort, ich |466 möchte nirgends sein, als wo ich bin, und die gleichsam gehoben und getragen werden von der Sicherheit: Was ich jetzt bin, dazu bin ich bestimmt, das muss ich sein. |

Manchmal denken und reden wir freilich auch anders von dem Lebensziel, das uns Allen vorschwebt. Da wird uns etwas Anderes zur Hauptsache, nämlich die Frage, ob wir denn unsre Stelle im Leben auch recht ausfüllen. Da blicken wir nicht mehr auf die Verhältnisse und auf die Menschen um uns herum, sondern auf uns selbst, da wird unser Denken und unsre Aufmerksamkeit in Anspruch genommen durch die Überlegung, ob denn am rechten Ort auch der rechte Mensch stehe. Du bist vielleicht ein junger Mensch und hast gute Eltern und weißt, dass du gute Eltern hast, die dich lieb haben und dein Bestes wollen und bestreben. Du weißt, was das bedeutet. Nichtwahr, du kennst auch die verborgene Frage, die sich gerade in deinem Fall einfach einstellen muss: Was wird aus mir? Wie will ich dem Leben dankbar sein, das mich so viel reichlicher bedacht hat als Andre? Und du hast einen Beruf ergriffen, du spürst, dass du wirklich berufen bist dazu, du weißt: hier und nirgends anders gehör’ ich hin. Aber nichtwahr, gerade wenn man seinen Beruf so auffasst, dann kommt die große Sehnsucht: o wenn ich doch ein rechter, tüchtiger, vollkommener Mann meines Berufs werden und sein könnte, kein Pfuscher, kein Stümper, kein Durchschnittsarbeiter, sondern ein Meister in meiner Arbeit, welches sie auch sei. Und du hast den rechten Ort im Leben gefunden, an der Seite eines lieben Mannes oder einer lieben Frau, das ist etwas vom Kostbarsten, was das Leben zu geben hat. Aber gerade weil du so unendlich glücklich bist, legt sich zentnerschwer die Frage auf ich, ob du denn nicht nur glücklich bist, sondern auch glücklich machst, ob du denn deinem Mann oder deiner Frau ein rechter Geliebter und Freund bist, ob du ihm oder ihr nicht etwas schuldig bist, was sie vermissen, ohne es zu sagen? O wer uns das geben könnte: recht, vollkommen zu sein, was wir sind. Das Bewusstsein zu haben: ich habe etwas unternommen und, Gott sei Dank, ich kann es auch ausführen! Kennst du diese Sehnsucht, lieber Freund? Siehst du, das ist auch wieder ein Stück von der Sehnsucht nach dem Schauen Gottes. Denn Gott schauen, das heißt doch, die Kraft haben, das Gute zu tun am rechten Ort. Gott schauen ist Ernst und Verantwortlichkeitsgefühl und Freudigkeit. Nichtwahr, danach sehnen wir uns, davon erfüllt und durchdrungen zu sein?! |

467 Man kann aber das große Lebensziel auch noch von einer andern Seite ansehen und benennen. Wir möchten Herr werden über die Schwierigkeiten des Lebens: über die, die wir kennen, und über die, die wir bloß ahnen. Wir spüren, dass wir durch Kampf und Sieg hindurchgehen müssen, um vollkommen zu sein. Dass man kämpfen muss, ja, das merken wir, aber Siegen, wie kommt man dazu? Wie lernt man auszuhalten, zu tragen, zu überwinden, wenn das Widerwärtige gegen uns daher kommt, Krankheit und Tod oder Enttäuschungen, die wir mit Andern erleben, oder die eigene Ungeschicklichkeit und Verworrenheit? Nichtwahr, es wird oft so furchtbar schwer, weiterzuleben, auch wenn man sich noch so sehr am rechten Ort fühlt und noch so sehr das Gute zu tun gewillt ist. Das Dumpfe, Dunkle, Traurige kommt oft so ermüdend gegen uns in vielen, vielen Wogen, die einander ablösen. Vielleicht hast du das schon erfahren, vielleicht ahnst du, dass es so im Leben zugeht. Nichtwahr, zu gewissen Stunden kommt uns das ganze Leben vor wie ein ungeheurer Berg von Schwierigkeit und Traurigkeit. Und dann heißt unsre ganze Sehnsucht: Frei werden! Diesen Berg wegnehmen! Irgendwie Meister werden über alles das, was uns die Kanäle, die Adern des Lebens verstopft und zerstört! Wenn wir da irgendwie obenauf kommen könnten, so wie man früher den Ritter Georg abbildete mit dem Fuß auf dem Nacken eines Drachen,2 das würde uns freuen, das wäre ein Ziel, das wäre eine Hoffnung. – |

Seht, das ist wieder ein Stück von der Sehnsucht, Gott zu schauen. Diese Sehnsucht nimmt unzählige Formen und Gestalten an, ich habe nur die einfachsten genannt. Sie ist manchmal wie ein loderndes Feuer oder wie ein wallender Strom und manchmal wie ein Funke unter der Asche oder wie eine Quelle, die nur noch tröpfeln will. Sie ist beim Einen Menschen sein Helfer und Bestes, das Einzige, worauf er sich noch etwas zu Gute tut: Gott sei Dank, ich sehne mich doch wenigs|468tens noch nach etwas Wertvollem, nach Kraft, nach Halt! Beim Andern ist sie etwas, was er verflucht, dessen er sich schämt; er will kein solches Kind mehr sein, er meint, längst fertig zu sein mit jedem höhern Verlangen. Hier kommt sie als Freude, als Schönheit, als Begeisterung zum Vorschein und hier als Traurigkeit, als Zorn, als Verachtung. Es kommt einfach Alles vor. Die Sehnsucht, Gott zu schauen, ist so mannigfaltig, als die Menschen mannigfaltig sind. Sie ist das Allgemeinste und Sicherste, was bei den Menschen zu suchen und zu finden ist.

Denn was heißt denn das: Gott schauen? Das ist nicht ein bloßer Gedanke, eine schöne Idee oder ein Bild, das wir uns machen. Man kann Gott nicht anschauen, wie wir hier einander anschauen: hier bin ich und hier bist du. Wenn es sich um Gott handelt, dann gibt es kein solches Gegenüber mehr, sondern wenn wir Gott schauen, dann heißt das sofort, dass Gott zu uns kommt, dass Gott gleichsam in uns einströmt, dass er bei uns ist mit allen seinen Gaben. Wenn wir Gott schauen, dann vollzieht sich das, was in einem alten Pfingstlied gebetet wird:

Komm Schöpfer Geist, kehr bei uns ein
Und lass uns deine Wohnung sein!3

Gott schauen heißt im Licht leben, in der Kraft und im Sieg. Denn Gott ist Licht und Kraft und Sieg. Gott schauen heißt in der Liebe leben, denn Gott ist die Liebe. Wo diese Dinge sind, da wird Gott geschaut. Und diese Dinge zu haben, darauf geht die Sehnsucht unsres Lebens. Der Apostel schaut Gott, dem es zur Lebensaufgabe geworden ist, ein Botschafter zu sein an Christi statt [vgl. 2.Kor. 5,20], der seine Richtung und seine Kraft empfängt in der Gewissheit: Ich lebe, aber nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir [Gal. 2,20], und der über den Widerstand der stumpfen Welt triumphiert, weil er weiß: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? [Röm. 8,31] Der Künstler schaut Gott, der in Tönen oder in Farben dem Ewigen, Göttlichen Gestalt zu geben, es hörbar, sichtbar zu machen vermag, der edler, feiner, tiefer wird, indem er schönere Klänge, leuchtendere Lichter |469 entdeckt, der die Menschen mit sich reißt und der die Welt vergessen kann, weil er das Schöne erfasst hat. Die alte Magd schaut Gott, die ihre Freude und ihren Beruf darin gefunden, andern zu dienen, die das mit Liebe getan hat und tut und die nun nicht mehr verlangt, als bis an ihr Ende lieben zu dürfen. Und die Mutter schaut Gott, die ihre Kinder ernährt und erzogen hat mit aller Treue und in der Furcht Gottes und die nun schließlich allein steht, allein sich bereit macht, als eine reife Frucht abgenommen zu werden. Wo Licht und Kraft und Sieg ist in den Menschen, da schauen sie Gott, da kommt Gott zu ihnen. Da sind Menschen, die nicht bloß in der Sehnsucht leben, sondern im Segen, in der Erfüllung. Solche Menschen ruhen in Gott, wie Augustin gesagt hat. Sie haben in Gott den Frieden gefunden, den sie nicht gefunden hätten, auch nicht bei der Erfüllung all der andern Wünsche und Träume, die sie haben mögen, neben und außer jener großen Sehnsucht. Sie sind gelandet gleichsam nach einer langen Fahrt über stürmisches Meer. Es ist still geworden in ihnen, und der Wind und der Regen schlagen nur noch von außen an ihr Haus. Ihr inneres Lebens ist ein Stück Ewigkeit mitten in dieser Zeit.

Aber nun müssen wir fragen: wie kommen wir dazu, Gott zu schauen und in ihm zu ruhen? Müssen wir es bei der Sehnsucht bewenden lassen, wenn wir sie noch nicht haben: den rechten Ort, den Lebensort und Arbeitsort in dieser Welt, den rechten Ernst und das rechte Streben, den Triumph über das Böse und Hinderliche und Alles, was sonst zum Schauen Gottes gehört? Sehnsucht ohne Erfüllung? Es gibt so Viele, die es so ansehen, die Enttäuschten, die Mutlosen, die Eingebildeten, die Selbstzufriedenen, Alle auf ihre besondere Weise. Sie lassen sich die Sehnsucht verderben und verleiden, weil sie die rechte Erfüllung nicht kennen. Zur Zeit Jesu gab es im jüdischen Volk Unzählige solcher Sehnsüchtiger ohne Erfüllung. In allen Sorten: von den Traurigen, die sich müde geseufzt und müde gearbeitet, bis zu den satten, behaglichen Leuten, die vor lauter Vergnügen über sich selbst und ihre Vortrefflichkeit die Sehnsucht, Gott zu schauen, verlernt hatten. Sie waren doch Alle im selben Spital krank. Und so sind sie auch in allen Sorten in unsrer Gemeinde vertreten. Wir Alle gehören irgendwie zu ihnen, wir Alle sind schon sehnsüchtig gewesen, ohne auf Erfüllung zu hoffen. Und nichtwahr, das wissen wir, das braucht man uns nicht zu beweisen, dass solche Sehnsucht dann ein krankhafter, ein tief unglücklicher Zustand ist?

|470 Seht, aus diesem Zustand eröffnet Jesus einen Ausweg, indem er uns sagt: Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen! Das «reine Herz» ist also der Zustand, in dem die Sehnsucht erfüllt wird. Und dieser Ausdruck: ein «reines Herz» will sagen: dass wir der Liebe, die Gott uns entgegenbringt, eine reine Liebe zu ihm entgegenbringen müssen. Nur die Liebe sieht die Liebe, die Liebe aber sieht sie sicher, das sagt unser Textwort. Reine Liebe zu Gott braucht es, um Gott zu schauen und seiner teilhaftig zu werden. Ich sage nicht: vollkommene Liebe. Sonst könnte kein Mensch Gott schauen, denn alle unsre Liebe zu Gott ist immer unvollkommen, das heißt, wir haben ihrer zu wenig, sie ist zu schwach. Das muss uns nach und nach geschenkt werden, dass unsre Liebe zu Gott vollkommen und stark werde, das verlangt er nicht von uns, das gibt er uns. Aber das verlangt er von uns: reine Liebe, und wenn es auch nur ganz wenig wäre irgendwo in einer Ecke unsrer Seele. Reine Liebe braucht Gott, um sich uns zeigen und schenken zu können. Reine Liebe! und dafür und daran können wir nun arbeiten und etwas tun. |

Ich will versuchen, kurz zu beschreiben, wie das ist: das reine Herz, die reine Liebe, die wir Gott entgegenbringen müssen. Das bedeutet zuerst Aufrichtigkeit. Wenn jene Sehnsucht sich erfüllen soll, dann muss es uns ehrlich darum und nur darum zu tun sein. Es geht nicht an, dass die Eisdecke über dem verborgenen Bächlein von Gottessehnsucht starr und steif und ungebrochen bleibe. Wir können unsre alten Wünsche und Gedanken über das Leben nicht fortbestehen lassen, wenn es uns Ernst ist damit, Licht und Kraft und Sieg in unser Leben zu bekommen. Sondern da muss es irgendwo ein kleines Loch geben, wir müssen irgendwo aufrichtig werden, nichts mehr gelten lassen wollen als den Willen Gottes. Nur das nicht denken, dass das Alte weitergehen kann wie bisher, sondern aufrichtige Willigkeit, sich von Gott ziehen und bestimmen zu lassen. Es handelt sich zum Beispiel um jene Sehnsucht, nicht mehr fünftes Rad am Wagen zu sein, sondern seine Stelle auszufüllen in der Arbeit, in den Herzen, in der Liebe der Menschen. Diese Sehnsucht kann erfüllt werden. Du sollst Gott schauen. Aber du musst reines Herzens, du musst aufrichtig sein. Du musst dich erstens davor hüten, heimlich doch ganz gern fünftes Rad sein zu wollen. Es gibt solche Heimatlosen, die nirgends hingehören, niemandem lieb und niemandem nötig sind, aber sie empfin|471den eine gewisse Lust dabei, sich als solche anzusehen und selbst zu bedauern. Das ist Unaufrichtigkeit. Die musst du fahren lassen, musst gehen, wenn Gott dir nun sagt: hier brauche ich dich! |

Zweitens musst du dich davor hüten, eigenmächtig bestimmen zu wollen: hier gehöre ich hin und hier nicht! Es gibt Viele, die finden das rechte Sollen nicht für ihr Leben, weil sie viel zu krampfhaft und zu wählerisch danach suchen. Musst du dir nicht aufrichtigerweise sagen, dass der rechte Ort für dich im Leben dir viel näher liegt und erreichbarer ist, als du in deiner Aufregung zugeben willst? Musst du dir nicht vielleicht sagen, dass es vielleicht gerade der ist, auf dem du dich jetzt befindest und von dem du unbefriedigt bist, so dass es nur an dir liegt, sofort am rechten Ort zu sein, indem du ihn als den rechten Ort ansiehst? Lass das Künstliche sein, das Gemachte, das Außerordentliche, das gehört noch zu der Eisdecke des alten Wesens. Die Liebe zu Gott muss da ein Loch schmelzen: du musst bereit sein, einfach zu werden und das Nächstliegendste zu tun. |

Eine andre Seite der reinen Liebe zu Gott ist die Demut. Wir können Gott nicht schauen, solange wir irgendwie glänzen wollen. Manchmal wollen wir mit unsern guten Eigenschaften glänzen, manchmal wenigstens damit, dass man uns nichts vorwerfen kann, manchmal sogar mit unsrer Sünde, indem wir uns etwas darauf zu Gute tun, dass wir sie einsehen und darüber reden können. Die Unreinheit unsres Herzens ist gerade in diesem Punkt ganz unbegreiflich. Wir flüchten uns mit unsrer Eitelkeit von einem Schlupfwinkel in den andern. Wir finden immer wieder etwas, mit dem wir uns ein klein wenig sehen lassen können. Solange wir uns sehen lassen wollen, solange können wir Gott nicht schauen. Wir stehen uns dann gleichsam selber im Licht. Denken wir an jene verborgene Sehnsucht jedes Menschen, etwas Rechtes zu sein. Das kannst du werden. Aber nichtwahr, du denkst dabei nicht daran, anerkannt oder gar bewundert zu werden. Nichtwahr, du denkst nicht: ich will mich als etwas Rechtes zeigen? Denn wenn du so denkst, wenn du es auf irgend einen Schein, und wäre es der schönste, abgesehen hast, dann ist Alles von vornherein vergiftet. Du kannst weder Gott noch deinen Mitmenschen noch dir selbst vormachen, du seist etwas, was du nicht bist, zum Beispiel du habest mehr Liebe, mehr Einsicht, mehr Tatkraft, mehr Tiefe, als du wirklich hast. Du selbst wirst dich bei solchem Unter|472nehmen verurteilen und verachten müssen. Deine Mitmenschen zucken über kurz oder lang die Achseln über dich. Und Gott zeigt sich kalt, ganz kalt gegen dich, wenn du dich so hinstellst und etwas zu sein meinst. Sondern wenn du Gott schauen, wenn du am rechten Ort der rechte Mensch sein möchtest, dann muss du demütig sein. Es handelt sich nicht um dich, sondern um Gott. Er will von dir Besitz ergreifen, zum Beispiel indem du ein guter Sohn oder Bruder oder Ehegatte werden sollst oder ein freudiger, tüchtiger Mann deines Berufs. Willst du das sein oder werden, dann lass das Wörtlein «Ich» zurück und lass nur das Gute übermächtig sein in dir. Solange deine Sehnsucht noch mit Ich anfängt, solange bist du noch nicht reinen Herzens, solange kannst du Gott noch nicht schauen. Aber wenn du irgendwo am Rechten und Guten so Freude bekommst, dass du dich selbst dabei völlig vergessen kannst, dass du nichts mehr begehrst, denn dass das Rechte und Gute geschehe, da ist das Herz rein, da schaust du Gott, da nimmt er Wohnung in dir. Auch diese Demut kannst du mit Willen und Vorsatz gewinnen und lernen. |

Als eine dritte Seite im Wesen der reinen Liebe zu Gott werde ich die Tatkraft nennen. Die Unreinheit ist immer das Gegenteil davon, ist Trägheit. Es gibt so viel Gottessehnsucht, die nicht erfüllt wird, weil die Trägheit es nicht will. Die Trägheit ist die Macht der Gewohnheit. Wir gewöhnen uns Unwahrheiten an, Fehler, Leidenschaften, Laster. Wo diese Macht ist, da können wir Gott nicht schauen, da legen wir selber seinem Kommen zu uns einen unüberwindlichen Stein in den Weg. Gott will uns helfen, aber wenn wir träge sind, so sagen wir damit: ich will mir nicht helfen lassen, ich bin es anders gewohnt und meine Gewohnheit ist mir zu lieb, als dass ich sie aufgeben könnte. Du möchtest Herr und Sieger werden über die Schwierigkeiten und Nöte des Lebens! Du beneidest den Ritter Georg, der den Fuß auf den Nacken des Drachen setzt! Dein Wunsch kann schon erfüllt werden, du kannst wie Ritter Georg werden, aber du musst dir nicht selber Schwierigkeiten und Not bereiten wollen, indem du deine Gewohnheiten mitschleppst in den Kampf des Lebens. So wirst du nie Meister. Sondern mit entschlossener Hand musst du von dir abreißen, was dich beklemmt und beengt und dir trübe Augen macht. Tatkraft braucht es, um Gott zu schauen, Tatkraft nun einmal dir selbst gegenüber, die Tatkraft des reinen Herzens, die nichts dulden will, was den |473 Schwung und die Freudigkeit zum Leben lähmen könnte. Wenn du diese Tatkraft des reinen Herzens aufzubringen vermagst, dann sorgt Gott dafür, dass daraus die Tatkraft hervorwächst, die in unserm Leben gegenüber den Hindernissen und Dunkelheiten des Daseins Meister und Sieger bleibt. Eins kommt aus dem Andern. Wenn wir reinen Herzens sind, dann können wir auch Gott schauen. Immer, überall, dann wird aus der Sehnsucht Erfüllung.

Ich sagte: da könne man irgendwie dafür besorgt sein, da könne man etwas dazu tun, um ein reines Herz zu bekommen, und so sei es in jedermanns Macht, dahin zu kommen, dass er Gott schaut und ruht in Gott. Aufrichtig werden, demütig werden, tatkräftig werden nannte ich als Mittel, ein reines Herz zu bekommen. Das sind wirklich Alles Dinge, die man sich vornehmen, die man ausführen kann. Und ich hätte noch andre, ähnliche nennen können. Aber wir wollen die Hauptsache nicht vergessen. Man könnte weiter fragen: wie kommt man dazu, sich vorzunehmen und es auszuführen, aufrichtig, demütig, tatkräftig zu sein und damit so große Dinge zu gewinnen? Da müssen wir uns an den halten, der das Wort vom reinen Herzen gesprochen hat. Von ihm her haben wir nicht nur das Wort, sondern auch den Willen und die Kraft zur Tat. Was wir jetzt beschrieben haben, das war der Weg Jesu zum Schauen Gottes. Er ist ihn selbst gegangen, und er ladet uns ein, ihn mit ihm zu gehen. Denn mit ihm gehen müssen wir, auf ihn sehen und uns nach ihm einreihen, wenn wir mit ihm ans Ziel kommen wollen.

Amen.

Sachfußnoten

1
Vgl. A. Augustinus, Confessiones I, 1,1 (CSEL 33, S. 1,8f.) 📖: «Magnus es, domine, [...]. Tu excitas, ut laudare te delectet, quia fecisti nos ad te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.» ↩
2
So etwa dargestellt im Altarbild des Bergheimer Tempelhof-Altars von Jost Haller (Straßburg, um 1445; heute in: Colmar, Musée d’Unterlinden) oder im von Fritz Geiges (1853–1935) 1903 gefertigten Wandgemälde am Schwabentor in Freiburg i. Br. Die größere Zahl an Bildern oder Plastiken zeigt den Heiligen Georg, wie er vom Pferd aus mit seiner Lanze den Drachen tötet, so etwa die Steinplastik des Hl. Georg am Basler Münster, aber auch zahlreiche Stadt- und Staatswappen. ↩
3
Anfang der ersten Strophe des Chorals «Komm, Schöpfer Geist» von A. E. Fröhlich nach dem lateinischen Hymnus «Veni Creator Spiritus» von Hrabanus Maurus (GERS 146; RG 499). 🎵 ↩