Predigt: 1 Korinther 6,12
Wir haben am letzten Sonntag von der Bekehrung geredet. Ich habe dann von mehr als einer Seite gehört, dass ich da Fragen berührt habe, die Viele von euch schon lebhaft beschäftigt haben, so dass sie sich freuten, hier etwas darüber zu hören. Ich möchte heute von einem Gegenstand reden, der mit der Frage der Bekehrung in einem engen Zusammenhang steht und von dem ich darum annehmen kann, dass auch schon Viele darüber nachgedacht haben. Wir haben vor acht Tagen gesehen, dass die Bekehrung ein durch das ganze Leben hindurch gehender Kampf ist zwischen Gott und der Sünde in uns. Wenn es vorwärts geht mit uns, durch Christus Gott entgegen, nicht auf einmal, nicht in einem einzigen Ruck ein für allemal, sondern nach und nach, von Stufe zu Stufe, oft genug auch durch Rückschritt und Fall hindurch, das ist die Bekehrung des Christen. Sie dauert von der Wiege bis zum Grab. Sie hat kein Ende, solang wir Menschen sind. Vielleicht, dass sie jenseits des Grabes in einer ganz andern Form unsres Daseins fortgesetzt wird, das wissen wir nicht. |
Bekehrung ist immer zweierlei: dass wir uns abkehren von etwas und dass wir uns Gott zukehren, dass wir Christus anziehen, in dem uns Gott erschienen ist und auf dessen Namen wir getauft sind. Aber nun erhebt sich die sehr wichtige Frage, was denn dieses Etwas ist, von dem wir uns in unsrer lebenslänglichen Bekehrung abzukehren, abzuwenden, was wir zu verlassen haben, was hinter uns zurückbleiben muss, wenn wir vorwärtskommen wollen, Gott entgegen. Man antwortet auf diese Frage gewöhnlich ziemlich rasch: die Welt. Man redet von weltlichen Dingen und Angelegenheiten, von weltlichen Freuden, von Weltkindern oder Weltleuten, die ein weltliches Leben führen oder, wie man sagt: der Welt leben. Man bezeichnet mit diesem Ausdruck «Welt» also immer das, was eigentlich nicht sein sollte, was |438 zurücktreten, verschwinden muss vor dem Reiche Gottes, vor dem Wirken des heiligen Geistes. Zahlreiche Bibelworte scheinen diese Auffassung ohne Weiteres zu begründen: Stellet euch nicht dieser Welt gleich! [
Was ist denn das: «die Welt»? von der da die Rede ist. Nun, sagt man gewöhnlich: das Äußere, das Sichtbare, das Irdische. Von dem soll ein Christ in zunehmendem Maße sich abwenden, um sich dem Innern, dem Unsichtbaren, dem Himmel zuzuwenden. Aber das ist nun Alles gar nicht so einfach. Da hat schon Mancher, der nach einem vollkommenen Leben strebte, die Erfahrung machen müssen, dass er in eine ganze Menge von Fragen, Zweifeln und Schwierigkeiten hineinkam, wenn er versuchte, damit Ernst zu machen. Gibt es denn nicht unter dem Äußern, Sichtbaren, Irdischen Manches, um das wir uns einfach bekümmern, dessen wir uns annehmen müssen, wenn wir leben wollen? Schon unser Leib ist ein großes Stück Welt mit seinen Bedürfnissen nach Pflege, Nahrung, Schlaf. Soll’s jetzt heißen: dieser Dinge dürfe man sich nicht annehmen, weil sie nur weltlich seien? So haben es viele katholische Heilige in der Tat getan, haben sich die Haare und die Fingernägel wachsen lassen, haben sich von Wurzeln genährt und sich den Schlaf abgebrochen, um die Welt gänzlich los zu werden.1 Aber wenn wir ihnen das nicht nachmachen wollen, wie weit dürfen dann diese unentbehrlichen Bedürfnisse unsres Lebens eine Bedeutung haben in unserm Leben, wie weit soll man ihnen nachgeben, und wo ist der Punkt, wo wir sie überwinden und hinter uns zurücklassen müssen um Gottes willen? |
439 Andre weltliche Dinge gibt’s, die dürfen wir haben und pflegen. Oder ist es nicht so? Ich denke an Alles das, was uns das Leben erleichtert und angenehm macht, an die Bequemlichkeit und an das Vergnügen. Auch die entschiedensten Christen benutzen heutzutage, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, die Eisenbahn, das Telephon, die Wasserleitung, die Zeitungen. Auch die entschiedensten Christen machen sich von Zeit zu Zeit irgend ein Vergnügen, wenngleich vielleicht in christlicher Form. Ja, über Alles das hat man auch schon anders gedacht. Es hat Christen gegeben, die sagten: die wahre Vollkommenheit besteht darin, dass man auf alles Angenehme verzichtet. Wenn es uns wohl ist, dann ist das schon ein Zeichen von Weltlichkeit. Ein Christ darf nicht lachen, sondern nur lächeln, und auch das eigentlich nur mit bösem Gewissen. Ja, wer hat nun Recht? Und wenn wir es anders ansehen, ja, wo ist dann die Grenze, die das Erlaubte vom Unerlaubten, die das Reich Gottes vom Reich der Finsternis scheidet? Was geht noch ins Mäß2 und was nicht mehr? |
Aber weiter: es gibt sogenannte weltliche Dinge, deren wir uns geradezu annehmen sollen, die nicht nur notwendig und nicht nur erlaubt, sondern die uns geradezu zur Pflicht werden. Oder wie steht’s mit der Arbeit, die wir Tag für Tag im Beruf oder im Hauswesen zu vollbringen haben? Dürfen wir sagen: ich wäre vollkommener, wenn ich mich nicht mit so nichtigen, vergänglichen Dingen abgeben müsste? Wie steht’s mit der Liebe und Fürsorge, die wir unsern Nächsten schuldig sind? Ist das etwas, was uns von Gott ablenkt, und täte ein rechter Christ besser, in eine Einsiedelei oder ins Kloster zu gehen? Wie steht’s mit den öffentlichen Verhältnissen? Gehen sie uns etwas an oder nicht? Sind die sozialen Fragen weltliche Fragen, um die sich ein Kind Gottes nicht zu scheren braucht? Ist die Politik vom Teufel? Ja, das Alles ist schon behauptet worden, und es gibt nicht wenige gewissenhafte Christen, die auch diese weltlichen Pflichten nur mit einem ein klein wenig bösen Gewissen erfüllen und mit dem Hintergedanken: Eigentlich habe ich an Höheres zu denken als an meine Arbeit, an mein Verhältnis zu den Menschen, an die Ordnung und Unordnung dieser Welt. Aber wenn wir spüren: nein, diese Dinge sind Pflicht, göttliche Pflicht für mich – wie weit geht |440 dann die Teilnahme, die wir ihnen widmen, die Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken dürfen? Wo hört der Christ auf, dem seine Seele und das Reich Gottes des Höchste ist, und wo fängt der Weltmensch an, der in den Geld- und Erwerbsfragen, im gesellschaftlichen Leben, im Politisieren aufgeht? |
Seht, wenn wir das Alles so überdenken, müssen wir uns sagen, dass es gar keine einfache, sondern eine ungeheuer verwickelte Frage ist, diese Frage: was ist die Welt, die durch den Glauben überwunden werden soll? Wir Alle ohne Ausnahme stecken mitten drin in dieser Welt des Äußern, des Sichtbaren, des Irdischen, wir müssen drinstecken, wir dürfen drinstecken, wir sollen drinstecken. Wir mögen uns drehen und wenden, wie wir wollen: die Welt ist da, und wir sind in der Welt. Das wollen wir uns vor Allem offen und ehrlich eingestehen. Es soll nur keines meinen, es sei frei von der Welt. Das ist einfach nicht wahr: Du machst auch ein krummes Gesicht, wenn du Zahnweh hast! Du wartest auch auf deinen Zahltag und wärest sehr befremdet, wenn du ihn einmal nicht kriegtest! Du freust dich auch auf die Fortsetzung der christlichen Erzählung im «Botschafter»3 oder auf das nächste Festlein in deinem christlichen Verein! Du hast auch ein Wesen, an das du dein Herz gehängt und das du nicht missen möchtest. Du hast auch Familiensorgen und Geschäftssorgen, die dich Tag und Nacht verfolgen. Ja sieh, das Alles ist Welt, und du musst zugestehen, dass es Welt ist und noch so vieles Andre, was dich erfüllt. |
Und nun können wir uns die wichtige Frage stellen, wie es denn gemeint ist mit Gottes Forderung, uns von der Welt abzukehren, um ihn zu finden, die Frage, wo denn die Grenze ist zwischen den weltlichen Dingen, um die wir uns bekümmern, die wir mitmachen, denen wir uns widmen dürfen, und den andern, von denen es heißt: Halt! Hier hast du als Christ, als Kind Gottes, als Jünger Jesu nichts zu suchen, aber viel zu verlieren?
441 Wir wollen uns auch da wieder den Rat des Apostels
Paulus stellt in alle unsre Zweifel und Bedenken und Schwierigkeiten hinein das einfache, bestimmte Wort: Es ist mir Alles erlaubt! Er fängt also nicht damit an, eine Grenze zu ziehen zwischen weltlich und christlich, wie wir es gewöhnlich machen. Er führt die Christen nicht in ein enges Tal mit niedern Häusern, um ihnen vorzuschreiben: Hier dürft ihr wohnen und sein, was darüber ist, das ist vom Übel, sondern er führt sie auf einen hohen Berg und zeigt ihnen die ganze Welt und sagt ihnen: das Alles gehört euch, ihr könnt überall hingehen, ihr könnt überall und in Allem Jünger Jesu, Kinder Gottes sein. Es gibt nichts, was euch von vornherein verboten und verschlossen wäre. Es ist mir Alles erlaubt!
Ja, was würde
Seht, nun fällt schon ein wenig Licht in den verworrenen Knäuel von Fragen, in dem wir uns vorhin befunden haben. Wenn
Aber nun müssen wir dem Gedanken des
Aber eben weil dieses wunderbare, freie: Es ist mir Alles erlaubt! hervorwächst aus dem christlichen Gewissen, eben darum gibt es Punkte, gibt es Grenzen, an denen ein Christ in vollem Bewusstsein seiner Freiheit stillsteht und sich sagt: Hier mache ich nicht mit! das interessiert mich nicht! das tue ich nicht! Keine Menschen ziehen diese Grenzen, kein Papst und keine Priester, keine Sitte und keine Gewohnheit und keine fromme Einbildung, sondern Gott selbst im Urteil des freien christlichen Gewissens. Diese Grenzen gelten für alle Menschen ohne Ausnahme, während alle menschlichen Gebote und Verbote immer nur für wenige gelten können. Diese Grenzen sind klar und bestimmt, während die Menschenfündlein alter und neuer Art immer schon daran leiden, dass sie verworren und widerspruchsvoll sind. Diese Grenzen beschränken und hindern die Freiheit nicht, wie es die Gesetze tun, mit denen die Menschen einander das Gewissen beschweren, sondern die Freiheit zeigt und bewährt sich gerade darin, dass sie sich selbst diese Grenzen setzt. Wieder finden wir bei
Wir wollen zuerst von dem zweiten reden: es soll mich aber nichts gefangen nehmen. Was meint der Apostel damit? Nun, er meint: Wenn mich etwas von den Dingen dieser Welt, zu denen ich kraft meines christlichen Gewissens volle Freiheit habe, gefangen nehmen will, dann ist die Grenze erreicht, wo ich aus derselben vollen Freiheit heraus Nein sagen muss. Gefangen nehmen heißt abhängig machen, unter einen dumpfen, unverstandenen Zwang stellen, zum Knecht, zum Sklaven machen. Gefangen genommen werden wir, wenn unser Gewissen abdankt gegenüber den dunkeln, verworrenen Mächten |446 unsres Inwendigen, gegenüber dem Glüst, den Neigungen und Leidenschaften, den Gewohnheiten und Stimmungen, die die Bibel mit einem zusammenfassenden Wort «das Fleisch» nennt. Man könnte sie auch das «wilde Tier» im Menschen nennen. Wenn das Gewissen abdankt, wenn das wilde Tier frei wird in uns, dann werden wir gefangen genommen, dann werden wir als Sklaven ausgeliefert an dieselbe Welt, über die wir in der Kraft Gottes herrschen sollen [vgl.
Das ist nicht ein Opfer unsrer Freiheit, das wir in solchem Fall bringen, sondern gerade die Behauptung unsrer Freiheit. Wie uns Alles in der Welt zu einem Geschenk Gottes oder zu einer göttlichen Aufgabe werden kann, so kann uns auch Alles zu einer Fessel werden. Und wie wir Alles in Dankbarkeit gegen Gott genießen, wie wir Alles zu seiner Ehre treiben dürfen und müssen, so müssen wir auch bereit sein, Alles dranzugeben, wenn es sich mit der Dankbarkeit gegen Gott, mit seiner Ehre, mit der Freiheit unsres Gewissens durch unsre Schuld nicht mehr vereinigen lässt. Ich habe Freiheit, für mein Leben, für meine Gesundheit, für meinen Leib zu sorgen, aber wenn ich spüre, dass mir meine Gesundheit zum Götzen wird, dass Essen und Trinken und andre Bequemlichkeiten meine Gedanken auszufüllen und zu leiten |447 beginnen, dann werden sie zu weltlichen Dingen im schlechten Sinn, dann hat das Fleisch die Oberhand bekommen, dann muss ich lernen, hart und streng gegen mich zu sein, zu verzichten auf Dinge, an denen an sich nichts Schlimmes wäre. Ich habe Freiheit, vergnügt zu sein, ins Wirtshaus, ins Theater, zum Tanz zu gehen, und was es sein mag, aber wenn ich spüre, ich verliere dabei die Herrschaft über mich, ich reite nicht mehr, sondern ich werde geritten, mein Gewissen lenkt nicht mehr, sondern es wird gelenkt vom wilden Tier in mir, dann ist mein Vergnügen Fleischeslust, dann ist es weltliches Vergnügen im übeln Sinn, dann heißt’s eben Nein sagen, völlig und gründlich zu dem, was mich im Laufe hindern will, was es auch sei, und wenn es das feinste und edelste Vergnügen wäre. Ich habe Freiheit, mit ganzer Seele meinem Beruf zu leben, mich meinen Angehörigen zu widmen, mich tätig für Alles zu interessieren, was im öffentlichen Leben vorgeht, aber Freiheit bedeutet, dass ich dabei mein eigener Meister bleibe. Wenn die Gedanken an Geld und Geldeswert mir zum Mittelpunkt meines innern Lebens werden wollen, wenn ich nichts Anderes mehr zu reden und zu denken weiß als von den Schicksalen meiner Familienangehörigen, wenn mir ein Mensch so ans Herz wächst, dass ich meine Selbständigkeit ihm gegenüber verliere, wenn ich ein politisierender Schwätzer, ein Parteibüffel werde, dann muss ich mir sagen, dass auch die edelsten Pflichten und Aufgaben für mich etwas Fleischliches geworden sind. Dann ist das Alles: Beruf und Familie und Politik weltliches Zeug im gemeinsten Sinn geworden. Gott dienen sollte ich damit, aber wenn ich das nicht mehr tun kann in Freiheit des Gewissens, dann heißt’s: Vorwärts! liegen lassen, was mich beschwert! Höher hinauf mit den Gedanken! Heraus aus der Welt, die für mich eine dumpfe, stickige Stube geworden ist, in der ich nicht atmen kann. |
Das hat
448 Und nun gibt
449 Und nun, wenn du zweifelhaft bist über die Grenze zwischen Gott und der Welt in deinem Leben, wenn du dich fragst, ob ein bestimmtes Stück Welt in deinem Leben dir erlaubt sei oder nicht, ob du dich davon abwenden müssest oder nicht, dann frage dich: was sagt die Liebe dazu? Frommt es? Fördere ich dadurch Andere oder werde ich ihnen ein Hindernis? Werde ich dadurch schwächer zur Hilfe oder stärker? Bringe ich damit das Reich Gottes unter den Menschen vorwärts oder rückwärts? Es ist in dieser Frage Alles zusammengefasst. Sie ist die rechte Gewissensfrage. Kann sein, du kannst dir antworten: Ja, die Liebe erlaubt es mir, gebietet es mir vielleicht. Dann erlaubt Gott es dir; denn Gott ist die Liebe [vgl.