6. Oktober 1912

Predigt: 1 Korinther 6,12

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1.Korinther 6,12
Es ist mir Alles erlaubt; aber es frommt nicht Alles. Es ist mir Alles erlaubt; es soll mich aber nichts gefangen nehmen.
Liebe Freunde!

Wir haben am letzten Sonntag von der Bekehrung geredet. Ich habe dann von mehr als einer Seite gehört, dass ich da Fragen berührt habe, die Viele von euch schon lebhaft beschäftigt haben, so dass sie sich freuten, hier etwas darüber zu hören. Ich möchte heute von einem Gegenstand reden, der mit der Frage der Bekehrung in einem engen Zusammenhang steht und von dem ich darum annehmen kann, dass auch schon Viele darüber nachgedacht haben. Wir haben vor acht Tagen gesehen, dass die Bekehrung ein durch das ganze Leben hindurch gehender Kampf ist zwischen Gott und der Sünde in uns. Wenn es vorwärts geht mit uns, durch Christus Gott entgegen, nicht auf einmal, nicht in einem einzigen Ruck ein für allemal, sondern nach und nach, von Stufe zu Stufe, oft genug auch durch Rückschritt und Fall hindurch, das ist die Bekehrung des Christen. Sie dauert von der Wiege bis zum Grab. Sie hat kein Ende, solang wir Menschen sind. Vielleicht, dass sie jenseits des Grabes in einer ganz andern Form unsres Daseins fortgesetzt wird, das wissen wir nicht. |

Bekehrung ist immer zweierlei: dass wir uns abkehren von etwas und dass wir uns Gott zukehren, dass wir Christus anziehen, in dem uns Gott erschienen ist und auf dessen Namen wir getauft sind. Aber nun erhebt sich die sehr wichtige Frage, was denn dieses Etwas ist, von dem wir uns in unsrer lebenslänglichen Bekehrung abzukehren, abzuwenden, was wir zu verlassen haben, was hinter uns zurückbleiben muss, wenn wir vorwärtskommen wollen, Gott entgegen. Man antwortet auf diese Frage gewöhnlich ziemlich rasch: die Welt. Man redet von weltlichen Dingen und Angelegenheiten, von weltlichen Freuden, von Weltkindern oder Weltleuten, die ein weltliches Leben führen oder, wie man sagt: der Welt leben. Man bezeichnet mit diesem Ausdruck «Welt» also immer das, was eigentlich nicht sein sollte, was |438 zurücktreten, verschwinden muss vor dem Reiche Gottes, vor dem Wirken des heiligen Geistes. Zahlreiche Bibelworte scheinen diese Auffassung ohne Weiteres zu begründen: Stellet euch nicht dieser Welt gleich! [Röm. 12,2] Die Welt liegt im Argen! [1.Joh. 5,19] Mein Reich ist nicht von dieser Welt! [Joh. 18,36] Die Welt vergeht mit ihrer Lust! [1.Joh. 2,17] Ich möchte nun aber, dass wir uns etwas genauer Rechenschaft geben lernen über den Sinn dieses merkwürdigen Wortes, als das gewöhnlich geschieht. |

Was ist denn das: «die Welt»? von der da die Rede ist. Nun, sagt man gewöhnlich: das Äußere, das Sichtbare, das Irdische. Von dem soll ein Christ in zunehmendem Maße sich abwenden, um sich dem Innern, dem Unsichtbaren, dem Himmel zuzuwenden. Aber das ist nun Alles gar nicht so einfach. Da hat schon Mancher, der nach einem vollkommenen Leben strebte, die Erfahrung machen müssen, dass er in eine ganze Menge von Fragen, Zweifeln und Schwierigkeiten hineinkam, wenn er versuchte, damit Ernst zu machen. Gibt es denn nicht unter dem Äußern, Sichtbaren, Irdischen Manches, um das wir uns einfach bekümmern, dessen wir uns annehmen müssen, wenn wir leben wollen? Schon unser Leib ist ein großes Stück Welt mit seinen Bedürfnissen nach Pflege, Nahrung, Schlaf. Soll’s jetzt heißen: dieser Dinge dürfe man sich nicht annehmen, weil sie nur weltlich seien? So haben es viele katholische Heilige in der Tat getan, haben sich die Haare und die Fingernägel wachsen lassen, haben sich von Wurzeln genährt und sich den Schlaf abgebrochen, um die Welt gänzlich los zu werden.1 Aber wenn wir ihnen das nicht nachmachen wollen, wie weit dürfen dann diese unentbehrlichen Bedürfnisse unsres Lebens eine Bedeutung haben in unserm Leben, wie weit soll man ihnen nachgeben, und wo ist der Punkt, wo wir sie überwinden und hinter uns zurücklassen müssen um Gottes willen? |

439 Andre weltliche Dinge gibt’s, die dürfen wir haben und pflegen. Oder ist es nicht so? Ich denke an Alles das, was uns das Leben erleichtert und angenehm macht, an die Bequemlichkeit und an das Vergnügen. Auch die entschiedensten Christen benutzen heutzutage, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, die Eisenbahn, das Telephon, die Wasserleitung, die Zeitungen. Auch die entschiedensten Christen machen sich von Zeit zu Zeit irgend ein Vergnügen, wenngleich vielleicht in christlicher Form. Ja, über Alles das hat man auch schon anders gedacht. Es hat Christen gegeben, die sagten: die wahre Vollkommenheit besteht darin, dass man auf alles Angenehme verzichtet. Wenn es uns wohl ist, dann ist das schon ein Zeichen von Weltlichkeit. Ein Christ darf nicht lachen, sondern nur lächeln, und auch das eigentlich nur mit bösem Gewissen. Ja, wer hat nun Recht? Und wenn wir es anders ansehen, ja, wo ist dann die Grenze, die das Erlaubte vom Unerlaubten, die das Reich Gottes vom Reich der Finsternis scheidet? Was geht noch ins Mäß2 und was nicht mehr? |

Aber weiter: es gibt sogenannte weltliche Dinge, deren wir uns geradezu annehmen sollen, die nicht nur notwendig und nicht nur erlaubt, sondern die uns geradezu zur Pflicht werden. Oder wie steht’s mit der Arbeit, die wir Tag für Tag im Beruf oder im Hauswesen zu vollbringen haben? Dürfen wir sagen: ich wäre vollkommener, wenn ich mich nicht mit so nichtigen, vergänglichen Dingen abgeben müsste? Wie steht’s mit der Liebe und Fürsorge, die wir unsern Nächsten schuldig sind? Ist das etwas, was uns von Gott ablenkt, und täte ein rechter Christ besser, in eine Einsiedelei oder ins Kloster zu gehen? Wie steht’s mit den öffentlichen Verhältnissen? Gehen sie uns etwas an oder nicht? Sind die sozialen Fragen weltliche Fragen, um die sich ein Kind Gottes nicht zu scheren braucht? Ist die Politik vom Teufel? Ja, das Alles ist schon behauptet worden, und es gibt nicht wenige gewissenhafte Christen, die auch diese weltlichen Pflichten nur mit einem ein klein wenig bösen Gewissen erfüllen und mit dem Hintergedanken: Eigentlich habe ich an Höheres zu denken als an meine Arbeit, an mein Verhältnis zu den Menschen, an die Ordnung und Unordnung dieser Welt. Aber wenn wir spüren: nein, diese Dinge sind Pflicht, göttliche Pflicht für mich – wie weit geht |440 dann die Teilnahme, die wir ihnen widmen, die Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken dürfen? Wo hört der Christ auf, dem seine Seele und das Reich Gottes des Höchste ist, und wo fängt der Weltmensch an, der in den Geld- und Erwerbsfragen, im gesellschaftlichen Leben, im Politisieren aufgeht? |

Seht, wenn wir das Alles so überdenken, müssen wir uns sagen, dass es gar keine einfache, sondern eine ungeheuer verwickelte Frage ist, diese Frage: was ist die Welt, die durch den Glauben überwunden werden soll? Wir Alle ohne Ausnahme stecken mitten drin in dieser Welt des Äußern, des Sichtbaren, des Irdischen, wir müssen drinstecken, wir dürfen drinstecken, wir sollen drinstecken. Wir mögen uns drehen und wenden, wie wir wollen: die Welt ist da, und wir sind in der Welt. Das wollen wir uns vor Allem offen und ehrlich eingestehen. Es soll nur keines meinen, es sei frei von der Welt. Das ist einfach nicht wahr: Du machst auch ein krummes Gesicht, wenn du Zahnweh hast! Du wartest auch auf deinen Zahltag und wärest sehr befremdet, wenn du ihn einmal nicht kriegtest! Du freust dich auch auf die Fortsetzung der christlichen Erzählung im «Botschafter»3 oder auf das nächste Festlein in deinem christlichen Verein! Du hast auch ein Wesen, an das du dein Herz gehängt und das du nicht missen möchtest. Du hast auch Familiensorgen und Geschäftssorgen, die dich Tag und Nacht verfolgen. Ja sieh, das Alles ist Welt, und du musst zugestehen, dass es Welt ist und noch so vieles Andre, was dich erfüllt. |

Und nun können wir uns die wichtige Frage stellen, wie es denn gemeint ist mit Gottes Forderung, uns von der Welt abzukehren, um ihn zu finden, die Frage, wo denn die Grenze ist zwischen den weltlichen Dingen, um die wir uns bekümmern, die wir mitmachen, denen wir uns widmen dürfen, und den andern, von denen es heißt: Halt! Hier hast du als Christ, als Kind Gottes, als Jünger Jesu nichts zu suchen, aber viel zu verlieren?

441 Wir wollen uns auch da wieder den Rat des Apostels Paulus holen. Meine Freunde! Wieviel verdanken wir Christen doch diesem einen Apostel Paulus! Man ist immer wieder ganz überwältigt, wenn man seinen Gedanken nachgeht, wenn man sich darein vertieft, wie sicher und weitblickend er seinen und unsern Meister Jesus Christus verstanden hat, wie es ihm möglich ist, alle die großen Lebensfragen gleichsam aus dem Herzen Jesu heraus zu beantworten. Wieviel Missverständnisse und Entstellungen des Evangeliums hätten vermieden werden können, wenn man den einfachen, geraden Linien gefolgt wäre, die er gezogen, wenn man auf die klaren Wegweiser geachtet hätte, die dieser größte Lehrer des Christentums für alle Zeiten aufgerichtet hat. Solchen klaren Bescheid bekommen wir nun bei ihm auch in der Frage, wie wir uns als Kinder Gottes zu der sogenannten Welt stellen sollen.

Paulus stellt in alle unsre Zweifel und Bedenken und Schwierigkeiten hinein das einfache, bestimmte Wort: Es ist mir Alles erlaubt! Er fängt also nicht damit an, eine Grenze zu ziehen zwischen weltlich und christlich, wie wir es gewöhnlich machen. Er führt die Christen nicht in ein enges Tal mit niedern Häusern, um ihnen vorzuschreiben: Hier dürft ihr wohnen und sein, was darüber ist, das ist vom Übel, sondern er führt sie auf einen hohen Berg und zeigt ihnen die ganze Welt und sagt ihnen: das Alles gehört euch, ihr könnt überall hingehen, ihr könnt überall und in Allem Jünger Jesu, Kinder Gottes sein. Es gibt nichts, was euch von vornherein verboten und verschlossen wäre. Es ist mir Alles erlaubt! Martin Luther hat Paulus gut verstanden, als er eine seiner schönsten Schriften anfing mit dem gewaltigen Satz: Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und Niemand untertan.4 Gerade dieses Einteilen des Lebens in christlich und weltlich, das wir so gern haben und das wir ja doch nie ganz zu Stande bringen, wenn wir aufrichtig sind, gerade über das konnte Paulus nur den Kopf schütteln. Als die Christen in Korinth Parteikämpfe bekamen wegen der verschiedenen Lehrer des Evangeliums, bei denen ihre Anhänger das allein richtige Christentum zu finden vermeinten, da |442 rief ihnen Paulus zu: Es ist Alles Euer! Lasst doch das leidige Einteilen und Grenzenziehen bleiben! Lasst doch die Scheuklappen fallen, die ihr euch selbst aufgesetzt habt! Es sei Paulus oder Apollos, es sei Kephas oder die Welt [vgl. 1.Kor. 1,12], es sei das Leben oder der Tod, es sei das Gegenwärtige oder das Zukünftige, alles ist Euer! Als in der Gemeinde in Rom Leute auftraten mit der Meinung, Fleischessen sei eine Sünde, da antwortete Paulus mit aller Bestimmtheit und Feierlichkeit: ich weiß und bin’s gewiss in dem Herrn Jesu, dass nichts unrein ist an ihm selbst! [Röm. 14,14] Und als es wieder in Korinth Bedenken gab, ob die Christen von dem Fleisch essen dürften, das vorher vielleicht beim Götzenopfer verwendet worden war, da schrieb ihnen der Apostel ganz im gleichen Sinn, dass weder Essen noch Nicht-Essen den Menschen besser oder schlechter machen könne [vgl. 1.Kor. 8,7f.]. |

Ja, was würde Paulus gesagt haben zu unsern Fragen, ob ein Christ für seine Gesundheit besorgt sein, ob ein Christ von Herzen lachen dürfe? Ob ein Christ Romane lesen, auf den Tanzboden und ins Theater gehen, weltliche Lieder singen, das Wirtshaus besuchen dürfe? Ob ein Christ an seiner Arbeit Freude haben, ob er einen Menschen herzlich lieben, ob er sich an der Politik beteiligen dürfe? Ich glaube, Paulus hätte auf das Alles nur die eine Antwort: Wir haben Einen Gott, den Vater, von welchem alle Dinge sind und wir zu ihm, und Einen Herrn, Jesum Christ, durch welchen alle Dinge sind und wir durch ihn [1.Kor. 8,6]. Paulus war felsenfest überzeugt, dass kein Ding ein Kind Gottes zu scheiden vermöge von der Liebe seines Vaters [vgl. Röm. 8,38f.], ja noch mehr: dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen [Röm. 8,28]. Paulus wusste, dass wir durch Christus Zugang haben nicht nur zum Vater [vgl. Eph. 2,18], sondern auch zu der Welt des Vaters, und so sah er nach allen Seiten offene Türen. Es ist mir Alles erlaubt! Denn, schreibt er ein andermal: Wo der Geist des Herrn, nämlich der Geist Jesu ist, da ist Freiheit [2.Kor. 3,17]. Paulus ist nie eifriger und zorniger geworden, als wenn er es mit solchen Christen zu tun hatte, die in guter Meinung, aber mit Unverstand den Andern das Leben sauer und das Gewissen schwer machten mit Geboten und Verboten. Das ist ja das alte Gesetz der Juden, konnte er da ausrufen, das doch durch Christus erfüllt und überwunden ist. So bestehet denn in der Freiheit, zu der uns Christus |443 berufen hat, und lasset euch nicht wieder unter das Joch der Knechtschaft fangen [Gal. 5,1]. Der geistliche Mensch urteilt selbst in allen Dingen und kann von Niemand verurteilt werden [1.Kor. 2,15]. Warum sollte ich meine Freiheit richten lassen von eines Andern Gewissen? [1.Kor. 10,29] Und wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn! [Röm. 14,4] – |

Seht, nun fällt schon ein wenig Licht in den verworrenen Knäuel von Fragen, in dem wir uns vorhin befunden haben. Wenn Paulus recht hat, dann steht es also durchaus nicht so, dass die äußere, sichtbare, irdische Welt einfach das Reich des Teufels wäre, das wir zu fliehen haben, und auch nicht so, dass man einfach ein für allemal und für alle Menschen in gleicher Weise ein Gartenhäglein5 machen könnte oder müsste durch diese irdische Welt, das da scheiden würde Christliches und Weltliches, christliches Vergnügen und weltliches Vergnügen, christliche Bücher und weltliche Bücher, christliche Lieder und weltliche Lieder, himmlische und irdische Liebe, und was man da sonst noch unterscheiden mag. Das sind immer Menschenmeinungen und oft genug Menschenfündlein, wo man so urteilt und einteilt. Sondern es gibt nur die eine Welt Gottes des Vaters. Jesus gibt uns das Vertrauen, die Zuversicht, sie so aufzufassen. Sie liegt vor uns wie ein unbeschriebenes Stück Papier. Alles kann für uns etwas Gutes werden, wenn wir Gott lieb haben. Überall können wir Blumen finden, die kostbaren Honig geben. Überall können sich uns Arbeitsplätze auftun, wo wir für Gottes Reich schaffen können. Wir dürfen uns dieses «Alles», dieses Überall nicht schmälern, nicht vernebeln lassen. Es ist ein böser Fehler vieler Christen, dass sie nur bei den Dingen von Herzen dabei sein mögen, die den Stempel «christlich» tragen. Ja, wer hat denn diesen Stempel aufgesetzt? Gott oder du selbst? Woher willst du wissen, ob das, was du jetzt «weltlich» nennst, nicht göttlich notwendig, göttlich erlaubt, göttlich geboten ist? Woher weißt du, ob nicht dein Mitmensch Dinge mitmachen und treiben muss oder darf oder soll, die du jetzt allerdings nicht verstehen kannst? Woher weißt du, ob es nicht schon morgen oder in ein paar Jahren auch für dich Bedürfnisse und Freiheiten und Pflichten geben wird, von denen du heute noch keine Ahnung hast und denen du darum den Stempel |444 «weltlich» aufdrückst? Warum willst denn du absolut Meister sein mit deinen kleinen Gedanken und Gesetzlein, statt Gott Meister sein zu lassen? Sieh, Gottes Gedanke und Gottes Gesetz ist die Freiheit. Er ist nicht ein armseliger, enger, kleiner Gott, sondern reich über alle, die ihn anrufen [Röm. 10,12], und die Erde ist voll seiner Güter [Ps. 104,24].

Aber nun müssen wir dem Gedanken des Paulus weiter folgen. Es ist mir Alles erlaubt! sagt er, und daran darf nicht gerüttelt werden. Aber was bedeutet das, wenn er sagt: mir – es ist mir Alles erlaubt! Damit kann nicht gemeint sein: meinem Glüst6 oder meinen Stimmungen oder meinen Einfällen. Daran haben auch unsre Reformatoren keinen Augenblick gedacht, als sie den großen Grundsatz von der völligen, schrankenlosen Freiheit eines Christenmenschen aufgestellt haben. Paulus sagt ja ausdrücklich, dass wir diese Freiheit von allen Geboten und Verboten durch Christus haben, und durch Christus von Gott. Was er meint, ist nicht die Freiheit der Willkür, sondern die Freiheit des Gewissens. Und das Gewissen ist das durch Christus erleuchtete und stark gemachte Gewissen und kein anderes. Dieses Gewissen ist der freie Herr über alle Dinge. Wenn dir das Gewissen sagt, dass du dies und das tun musst, um leben oder gesund leben zu können, dann lass dir von niemand drein reden: Gott will es. Wenn dir das Gewissen sagt, dass du dies und das tun darfst, dir eine Bequemlichkeit gestatten, dir eine Freude machen, ein Buch lesen, ein Lied singen, ins Wirtshaus oder ins Theater gehen, oder was es auch sei, wenn das Gewissen es dir erlaubt, dann lass dir von niemand drein reden: Gott will es. Und wenn dir das Gewissen Pflichten auferlegt, weltliche Pflichten, wenn es dir befiehlt, dich mit Leib und Seele deinem Beruf zu widmen, dich ganz deinen Angehörigen und Freunden zu schenken, dich in die Politik zu stürzen, dann tu’s, ohne Halbheit und ohne Angst und ohne Zweifel, lass dir von niemand drein reden: Gott will es! Wenn das Gewissen, das christliche Gewissen geredet hast, da musst du mit ihm durch dick und dünn gehen, da verwandeln sich die sogenannten weltlichen Dinge, wie sie auch heißen mögen, sofort in christliche, einfach darum, weil sie dir notwendig, erlaubt oder geboten sind. Da darfst du sie auch nicht mehr als gleichgiltig |445 und nebensächlich behandeln, sondern da darfst und sollst du mit vollem Bewusstsein, mit voller Freude, mit vollem Eifer dabei sein. Christen sollten sich nicht durch Unbrauchbarkeit, Schläfrigkeit, Langweiligkeit auszeichnen in den sogenannten weltlichen Dingen. Sondern wenn ihr Gewissen einmal gesprochen hat: du musst oder du darfst oder du sollst – dann sollen sie die Andern überragen an Leben, an feurigem, heißem, strömendem Leben. Viel ernster müssen sie die Welt nehmen, viel schöner müssen sie die Welt finden, viel eifriger müssen sie in der Welt arbeiten als die Andern – zur Ehre Gottes. |

Aber eben weil dieses wunderbare, freie: Es ist mir Alles erlaubt! hervorwächst aus dem christlichen Gewissen, eben darum gibt es Punkte, gibt es Grenzen, an denen ein Christ in vollem Bewusstsein seiner Freiheit stillsteht und sich sagt: Hier mache ich nicht mit! das interessiert mich nicht! das tue ich nicht! Keine Menschen ziehen diese Grenzen, kein Papst und keine Priester, keine Sitte und keine Gewohnheit und keine fromme Einbildung, sondern Gott selbst im Urteil des freien christlichen Gewissens. Diese Grenzen gelten für alle Menschen ohne Ausnahme, während alle menschlichen Gebote und Verbote immer nur für wenige gelten können. Diese Grenzen sind klar und bestimmt, während die Menschenfündlein alter und neuer Art immer schon daran leiden, dass sie verworren und widerspruchsvoll sind. Diese Grenzen beschränken und hindern die Freiheit nicht, wie es die Gesetze tun, mit denen die Menschen einander das Gewissen beschweren, sondern die Freiheit zeigt und bewährt sich gerade darin, dass sie sich selbst diese Grenzen setzt. Wieder finden wir bei Paulus klaren, unzweideutigen Bescheid über diese Grenzen. Er schreibt: Es ist mir Alles erlaubt, aber es frommt nicht Alles. Es ist mir Alles erlaubt, es soll mich aber nichts gefangen nehmen.

Wir wollen zuerst von dem zweiten reden: es soll mich aber nichts gefangen nehmen. Was meint der Apostel damit? Nun, er meint: Wenn mich etwas von den Dingen dieser Welt, zu denen ich kraft meines christlichen Gewissens volle Freiheit habe, gefangen nehmen will, dann ist die Grenze erreicht, wo ich aus derselben vollen Freiheit heraus Nein sagen muss. Gefangen nehmen heißt abhängig machen, unter einen dumpfen, unverstandenen Zwang stellen, zum Knecht, zum Sklaven machen. Gefangen genommen werden wir, wenn unser Gewissen abdankt gegenüber den dunkeln, verworrenen Mächten |446 unsres Inwendigen, gegenüber dem Glüst, den Neigungen und Leidenschaften, den Gewohnheiten und Stimmungen, die die Bibel mit einem zusammenfassenden Wort «das Fleisch» nennt. Man könnte sie auch das «wilde Tier» im Menschen nennen. Wenn das Gewissen abdankt, wenn das wilde Tier frei wird in uns, dann werden wir gefangen genommen, dann werden wir als Sklaven ausgeliefert an dieselbe Welt, über die wir in der Kraft Gottes herrschen sollen [vgl. Röm. 5,17]. Wenn wir davon etwa spüren, wenn das Fleisch, das wilde Tier in uns uns zum Sklaven machen will, dann ist der Punkt erreicht, wo wir uns sagen müssen: Halt! Jetzt muss ich mich scheiden von der Welt, jetzt muss sie zurückbleiben, weil ich sonst nicht mehr vorwärts komme, dann müssen wir einen Schnitt machen, müssen die Fessel zerreißen, die uns durch unsre Schuld zur Fessel geworden ist.

Lasst fahren, was euch hindert,
Was euren Sinn betört,
Was euren Frieden mindert
Und eure Kraft zerstört!7

Das ist nicht ein Opfer unsrer Freiheit, das wir in solchem Fall bringen, sondern gerade die Behauptung unsrer Freiheit. Wie uns Alles in der Welt zu einem Geschenk Gottes oder zu einer göttlichen Aufgabe werden kann, so kann uns auch Alles zu einer Fessel werden. Und wie wir Alles in Dankbarkeit gegen Gott genießen, wie wir Alles zu seiner Ehre treiben dürfen und müssen, so müssen wir auch bereit sein, Alles dranzugeben, wenn es sich mit der Dankbarkeit gegen Gott, mit seiner Ehre, mit der Freiheit unsres Gewissens durch unsre Schuld nicht mehr vereinigen lässt. Ich habe Freiheit, für mein Leben, für meine Gesundheit, für meinen Leib zu sorgen, aber wenn ich spüre, dass mir meine Gesundheit zum Götzen wird, dass Essen und Trinken und andre Bequemlichkeiten meine Gedanken auszufüllen und zu leiten |447 beginnen, dann werden sie zu weltlichen Dingen im schlechten Sinn, dann hat das Fleisch die Oberhand bekommen, dann muss ich lernen, hart und streng gegen mich zu sein, zu verzichten auf Dinge, an denen an sich nichts Schlimmes wäre. Ich habe Freiheit, vergnügt zu sein, ins Wirtshaus, ins Theater, zum Tanz zu gehen, und was es sein mag, aber wenn ich spüre, ich verliere dabei die Herrschaft über mich, ich reite nicht mehr, sondern ich werde geritten, mein Gewissen lenkt nicht mehr, sondern es wird gelenkt vom wilden Tier in mir, dann ist mein Vergnügen Fleischeslust, dann ist es weltliches Vergnügen im übeln Sinn, dann heißt’s eben Nein sagen, völlig und gründlich zu dem, was mich im Laufe hindern will, was es auch sei, und wenn es das feinste und edelste Vergnügen wäre. Ich habe Freiheit, mit ganzer Seele meinem Beruf zu leben, mich meinen Angehörigen zu widmen, mich tätig für Alles zu interessieren, was im öffentlichen Leben vorgeht, aber Freiheit bedeutet, dass ich dabei mein eigener Meister bleibe. Wenn die Gedanken an Geld und Geldeswert mir zum Mittelpunkt meines innern Lebens werden wollen, wenn ich nichts Anderes mehr zu reden und zu denken weiß als von den Schicksalen meiner Familienangehörigen, wenn mir ein Mensch so ans Herz wächst, dass ich meine Selbständigkeit ihm gegenüber verliere, wenn ich ein politisierender Schwätzer, ein Parteibüffel werde, dann muss ich mir sagen, dass auch die edelsten Pflichten und Aufgaben für mich etwas Fleischliches geworden sind. Dann ist das Alles: Beruf und Familie und Politik weltliches Zeug im gemeinsten Sinn geworden. Gott dienen sollte ich damit, aber wenn ich das nicht mehr tun kann in Freiheit des Gewissens, dann heißt’s: Vorwärts! liegen lassen, was mich beschwert! Höher hinauf mit den Gedanken! Heraus aus der Welt, die für mich eine dumpfe, stickige Stube geworden ist, in der ich nicht atmen kann. |

Das hat Paulus an sich selber erfahren: er beschreibt es im Philipperbrief, wie er einst stolz darauf gewesen sei, ein Israelit, ein Pharisäer, ein Gerechter zu sein [vgl. Phil. 3,4–6]. Warum hätte er sich dessen nicht freuen sollen? Aber dann kam der Augenblick, wo er einsehen musste, dass ihm diese Freude zum Hindernis geworden sei, und darum fährt er fort: was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet! [Phil. 3,7] Und derselbe Mann, der das gewaltige Wort: Alles ist Euer! geschrieben, kann nun ausrufen: ich achte Alles für Kot, auf dass ich Christus gewinne [Phil. 3,8]. Das ist Freiheit, echte, wirkliche Freiheit!

448 Und nun gibt Paulus noch eine andre, noch deutlichere Beschreibung der Grenzen, die die Kinder Gottes sich gegenüber der Welt ziehen müssen. Er sagt: es ist mir Alles erlaubt, aber es frommt nicht Alles. Das will sagen: es hilft nicht Alles, es fördert nicht Alles. Wozu hilft es nicht? Paulus meint: es hilft nicht Alles zur Liebe, die wir unsern Mitmenschen schuldig sind. Es ist merkwürdig, wie Paulus überall, wo er über diese Frage des Verhältnisses zur Welt redet, darauf hinauskommt: es ist euch Alles erlaubt, ihr müsst, dürft, sollt in der Welt mitmachen, aber Alles muss aus der Liebe hervorgehen. Wo die Liebe aufhört, da fängt die Welt an im schlimmen Sinn. Das gibt uns eigentlich auch erst die tiefste Erklärung zu dem, was wir eben von der Freiheit und von der Gefangenschaft gesagt: Freiheit haben wir da, wo uns die Liebe leitet, das heißt, die Sehnsucht, den Andern zu dienen, ihnen zum Besten zu helfen, die Sehnsucht, mitzubauen am Reiche Gottes auf Erden. Gefangen sind wir da, wo wir an uns selbst denken, wo unsre erste Frage lautet: was muss ich? was darf ich? was halte ich gerade für richtig? Das freie christliche Gewissen ist die Liebe, die nicht das Ihrige sucht [vgl. 1.Kor. 13,5]. Das Fleisch, das wilde Tier in uns ist die Selbstsucht. Die Liebe ist es, die die Welt heilig und rein und erlaubt macht, die Selbstsucht macht sie unrein und darum verboten. Hier scheiden sich die Wege, hier muss es sich im tiefsten Grunde entscheiden, wieviel oder wie wenig ein Kind Gottes mit der Welt zu tun haben darf. Wenn es uns um das Reich Gottes zu tun ist, dann heißt es: Alles ist Euer! Wenn es uns um uns selbst zu tun ist, dann heißt es ebenso entschieden: Ich habe Alles für Kot erachtet. Wo wir nicht dabei sein können, ohne die Liebe zu verleugnen, da müssen auch wir denken wie Christus: mein Reich ist nicht von dieser Welt! [Joh. 18,36] Da muss uns unser Gewissen Not machen. Da müssen wir ein heißes, schmerzliches Verlangen empfinden nach der besseren Welt Gottes. Wir dürfen uns nie zu Hause fühlen in der Welt des Hasses und der Gleichgiltigkeit. Wir dürfen uns nie damit zufrieden [geben], dass das so sein müsse. Sondern das Heimweh muss uns plagen danach, Alles aus Liebe und in Liebe tun zu können. Und an unserm Teil muss dieses Heimweh zum Vorschein kommen, indem wir uns frei machen, immer mehr, von Allem, was nicht Liebe ist. Es gibt nichts Notwendiges und nichts Erlaubtes und keine Pflichten, die nicht weichen müssten vor dem höchsten Gebot der Liebe.

449 Und nun, wenn du zweifelhaft bist über die Grenze zwischen Gott und der Welt in deinem Leben, wenn du dich fragst, ob ein bestimmtes Stück Welt in deinem Leben dir erlaubt sei oder nicht, ob du dich davon abwenden müssest oder nicht, dann frage dich: was sagt die Liebe dazu? Frommt es? Fördere ich dadurch Andere oder werde ich ihnen ein Hindernis? Werde ich dadurch schwächer zur Hilfe oder stärker? Bringe ich damit das Reich Gottes unter den Menschen vorwärts oder rückwärts? Es ist in dieser Frage Alles zusammengefasst. Sie ist die rechte Gewissensfrage. Kann sein, du kannst dir antworten: Ja, die Liebe erlaubt es mir, gebietet es mir vielleicht. Dann erlaubt Gott es dir; denn Gott ist die Liebe [vgl. 1.Joh. 4,16]. Kann sein, du musst dir antworten: Nein, die Liebe verbietet es mir, dann verbietet es dir auch Gott, und er schenke dir dann auch die Kraft, ein fröhliches Nein zu sagen. Aber du musst dir die Antwort selbst geben – das ist die Herrlichkeit, aber auch das furchtbar Schwere des freien christlichen Gewissens. Versuch’ es einmal, so zu urteilen über die weltlichen Dinge, nicht nach alten Gewohnheiten, nicht nach den Machtsprüchen auch der frömmsten Leute – aber auch nicht nach den Gewohnheiten und Machtsprüchen des wilden Tieres in dir, sondern in der freien Verantwortlichkeit deines Gewissens, in der Freiheit und in der Liebe Christi! Sieh, wenn du dich darin übst, dann wird dein lebenslänglicher Kampf um die rechte Bekehrung siegreich sein, dann führt dich dein Weg durch die Welt hindurch vorwärts, aufwärts, näher zu Gott. Denn in solchem freien, wahrhaft freien Urteilen und Handeln stehst du in der Gemeinschaft Jesu. Und indem du zu ihm aufsiehst, bekommst du auch die Erleuchtung und die Stärke, die dazu von Schritt zu Schritt nötig sind.

Amen.

Sachfußnoten

1
Die Einschränkung von Speise und Schlaf gilt etwa für Roselina von Celle-Roubaud (1263–1329; heiliggesprochen 1857) und für Pedro de Alcantara (1499–1562; heiliggesprochen 1669); lediglich Kräuter zu sich nahm Romuald (um 952–1027; heiliggesprochen 1032), der Stifter des Kamaldulenserordens; dass er sich in seiner Zeit als Einsiedler, bevor er zum Ordensgründer wurde, die Haare und Fingernägel wachsen ließ, wird unter anderem von Ignatius von Loyola (1491–1556; heiliggesprochen 1622) berichtet. ↩
2
Schweizerdeutsch für ein Gefäß zum Messen etwa von Getreide. ↩
3
Gemeint ist die seit 1853 in Elberfeld erscheinende Zeitschrift «Botschafter des Heils in Christo», das zu dieser Zeit von Rudolf Brockhaus (1856–1932) herausgegebene führende Organ der Brüderbewegung, die nach einem Besuch ihres Begründers, John N. Darby (1800–1882), 1837 in der Schweiz Fuß gefasst hatte und zu der sich auch in Safenwil einige Familien zählten (vgl. dazu unten, S. 530). ↩
4
Vgl. M. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen. 1520 📖: «Eyn Christen mensch ist eyn freyer herr über alle ding und niemandt unterthan. Eyn Christen mensch ist eyn dienstpar knecht aller ding und yderman unterthan» (WA 7, 21,1–4). ↩
5
Schweizerdeutsch für: «Gartenzaun». ↩
6
Schweizerdeutsch für: «Appetit», «Verlangen», «Gelüst». ↩
7
Beginn von Strophe 2 des Liedes «Zum Kampf ihr Streiterscharen» von G. Duffield in der Übersetzung von J. Meyer (in: Lieder zur Ehre des Erretters! Vereinslieder des Blauen Kreuzes [Schweizerausgabe], Bern [19048] 192414, Nr. 28 📖):
Lasst fahren, was euch hindert, / Was euren Sinn betört,
Was euren Mut vermindert / Und eure Kraft zerstört.
Kein Halber, Unentschloss’ner, / Sei unter uns zu sehn!
Stets treuer, unverdross’ner / Lasst uns im Kampfe stehn!
↩