29. September 1912 – kein Datum

Predigt: Galater 3,26-27

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Galater 3,26–27
Ihr seid Alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christus Jesus. Denn wie viele euer auf Christus getauft sind, die haben Christus angezogen.
Liebe Freunde!

Wir heißen Christen. Aber ist es denn auch wahr, dass wir Christen sind? Woran erkennen wir, dass wir es wirklich sind? Was macht uns zu Kindern Gottes? Oder was muss geschehen, damit wir es werden? – |

Du hast dich darüber vielleicht noch nie oder noch nie gründlich besonnen, vielleicht weil du das dunkle Gefühl hast, das seien unangenehme Fragen. Und du hast darüber heimlich schon viel studiert, aber die Sache hat dir Kummer und Angst gemacht, und du bist zu keinem rechten Ziel gekommen. Und du hast darüber nachgedacht und hast eine Antwort gefunden und hast dich dabei beruhigt, aber dein Gewissen oder gewisse Erfahrungen und Beobachtungen sagen dir zeitenweise doch, es könne auch ein wenig anders sein und es wäre gut, Revision zu halten. So haben wir denn wohl Alle Anlass, sie einmal recht ernsthaft vorzunehmen, diese Frage, was denn einen Menschen zum Kinde Gottes macht.

Der Apostel Paulus hat darauf eine Antwort gegeben, die für uns Alle immer wieder etwas Überraschendes haben muss, so einfach ist sie, so groß und so tiefsinnig. Er verkündigt uns keine Geheimlehre, er macht uns keine Enthüllungen über das verborgene Wesen Gottes, die man erst annehmen und verstehen müsste. Er stellt kein Gesetz auf und macht keine Bedingungen, denen man sich unterwerfen müsste, um ein Kind Gottes zu sein, sondern er schreibt seinen Galatern ganz schlicht: Ihr seid Alle Kinder Gottes. Du und ich, wir Alle, jedes Einzelne von uns ohne Ausnahme ist ein Kind Gottes, das heißt, ein Wesen, das Gott in seinem unergründlichen Reichtum an Licht und Barmherzigkeit lieb hat, ein Wesen, das für ihn einen unermesslichen Wert hat, das er keinen Augenblick vergisst, dem er die größte und |425 eingehendste Sorgfalt widmet, ein Wesen, das ein ewiges Leben, eine unendliche Zukunft besitzt. Ihr seid das! schreibt Paulus. Er sagt nicht: ihr sollt es sein! Er sagt nicht: o wenn ihr es doch wäret! sondern: ihr seid Kinder Gottes! Wäre Paulus noch ein Gläubiger der alttestamentlichen Religion gewesen, er hätte nicht so reden können; er hätte dann von Opfer und Gesetzesgehorsam reden müssen als von den Mitteln, mit denen man einen gnädigen Gott kriegen könne. Als Perser würde er geheimnisvolle Reinigungen und Heiligungsübungen empfohlen haben. Als Buddhist hätte er von der Entsagung, vom völligen Vergessen der Welt geredet, und als Jünger des chinesischen Religionsstifters Kong-Tse von einer Unmenge an Vorschriften über höfliches und korrektes Benehmen. Immer hätte er dann sagen müssen: wenn du dieses tust und jenes nicht tust, dann bist du ein Kind Gottes. |

Nun sagt er also: Du bist ein Kind Gottes! und das kann er sagen, weil er Jesus kennt. Er hat bei Jesus eine Art, das Leben und die Menschen zu beurteilen, gelernt, die es in andern Religionen, und wo man nichts von Jesus weiß, notwendig nicht geben kann. Paulus hat in Jesus die Gnade Gottes gesehen und erfahren, denn als er mit ihm bekannt wurde, da stand auf einmal vor ihm das Bild eines Menschen, der nicht erst durch besondere Werke und Leistungen und Anstrengungen ins rechte Verhältnis zu Gott kommen musste, sondern der Gottes Kind, Gottes Sohn war von vornherein, ganz natürlich und selbstverständlich, dessen Speise es war, den Willen zu tun dessen, der ihn gesandt [vgl. Joh. 4,34]. Und dieser Eine, Einzigartige wollte nicht eine fremdartige Wundererscheinung sein in der bösen Menschheit, nicht ein Kometenstern, der leuchtend über den dunkeln Himmel zieht, um dann wieder zu verschwinden, nicht der Sohn Gottes, neben dem es keinen andern gibt, sondern im Gegenteil das Haupt einer neuen Menschheit. In alle Welt rief er es hinaus, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen sei [vgl. Mt. 3,2]: Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid! [Mt. 11,28] |

Und diesen Ruf hat nun Paulus wie kein Anderer von den Aposteln gehört und verstanden und aufgenommen. Wie es mit ihm selbst und mit den Menschen überhaupt stehe ohne Jesus, das hat er [an] andern Stellen deutlich genug ausgesprochen: Wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollten! [Röm. 3,23] |426 Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes! [Röm. 7,24] Wenn man sich selbst und die Andern beurteilt, ohne an Christus zu denken, dann kann man nur seufzen und sich selbst verdammen, dann verfällt man auf alle die Versuche, Gott zufriedenzustellen und das zu erlangen, was man nicht hat, wie sie in den andern Religionen und am Meisten im Judentum gemacht worden sind. Aber weil Paulus Jesus kennengelernt, darum konnte er sich selbst und die Andern nicht mehr beurteilen, ohne an ihn zu denken. An die Stelle des Bildes von Sünde und Tod trat ihm das Bild des neuen Menschen, des Sohnes Gottes, und dieses Bild flößte ihm unwiderstehlich die Gewissheit ein: du bist auch ein Sohn Gottes! und die andern Alle sind es auch. Jawohl, sie Alle. Wenn Paulus an Jesus dachte, dann hatte er das Zutrauen, das zu sagen. Ihm war es, wie wenn er durch Jesus Gottes ganz bestimmtes und sicheres Versprechen empfangen hätte: Ihr seid Alle meine Kinder! Sünde und Tod herrschen nicht mehr! Sie haben nicht mehr das letzte und höchste Wort. Die neue Menschheit ist da! Und jetzt kam es Paulus nur noch darauf an, den Leuten dieses Versprechen, diese bestimmte Zusage Gottes, auch mitzuteilen und sie nachher immer wieder daran zu erinnern, ihnen zu sagen: ihr dürft anders über euch urteilen, jetzt, sofort, ohne Weiteres – ihr seid Gottes Kinder – kein Gesetz, keine Vorschriften, keine Bedingungen und Umstände dürfen dazwischen treten, wir sind Gottes geliebte Kinder, er sagt es uns ja durch Christus. Seht den an, wie ich ihn angesehen habe, dann wisst ihr, nicht was ihr sein sollt, sondern was ihr seid. So wie Gott ihn geliebt hat, so liebt er euch. |

Und nun fügt Paulus noch etwas hinzu: er erinnert die Galater daran, dass sie getauft sind auf den Namen Jesu. An ihre Taufe sollen sie denken, um dessen ganz gewiss zu werden, dass Gottes volle Liebe ihnen zugewendet ist. Wieviele euer auf Christus getauft sind, die haben Christus angezogen, die stehen also von vornherein und selbstverständlich in der neuen Menschheit drin. Sünde und Tod haben keine Macht mehr über sie. Sie sind Gottes werte Kinder. Als solche dürfen sie sich betrachten ohne alles Hinzutun von ihrer Seite. Als solche sieht auch Paulus sie an, und Keiner soll sie als etwas Anderes ansehen. An unsrer Taufe dürfen wir erkennen, dass wir Gottes Kinder sind. Durch die Taufe sind wir es geworden. An unsre Taufe müssen wir uns erinnern, um es zu sein und zu bleiben. Natürlich meint |427 Paulus damit nicht die Erinnerung an die paar Wassertropfen, mit denen wir da berührt worden sind, sondern das, was sie bedeuten, nämlich das bestimmte Versprechen Gottes, das uns da gemacht worden ist. Aufgrund dieses Versprechens dürfen wir es auch in der größten Angst des Gewissens und inmitten der Schranken der Vergänglichkeit alles Irdischen trotzig behaupten und sagen: Ich bin ein Kind Gottes. Aus keinem andern Grund als, weil Christus der Sohn Gottes war. Was ihm geschenkt ist, das ist mir geschenkt. Sein Sieg ist mein Sieg. Sein Leben ist mein Leben. Seine Kraft ist meine Kraft.

Aber nun müssen wir einen Augenblick innehalten. Denn nun müssen wir von einem Einwand reden, der schon seit den ältesten Zeiten des Christentums gemacht worden ist und der sicher bei dem, was ich gesagt habe, auch in Einigen von euch aufgestiegen ist. Was, höre ich sagen, durch die Erinnerung an seine Taufe soll jedermann ohne Weiteres erkennen können, dass er ein Christ, ein Kind Gottes ist? Alle die Hunderttausende und Millionen, die getauft worden sind und getauft werden alle Sonntage, das sollen Kinder Gottes sein, einfach ohne Weiteres, nur weil sie sich darauf berufen können, im Namen Jesu getauft worden zu sein? Das ist doch ein heller Unsinn, sagt man. Getauft sind ja auch die unzähligen Heere von Sündern, Gleichgiltigen und Gottesleugnern, getauft ist der große Haufe derer, die gewohnheitsmäßig von Zeit zu Zeit zur Kirche gehen, im Übrigen aber in der Welt und im Sinn der Welt leben, getauft ist auch der Herr Jedermann, der alles Mögliche in sich hat, nur nicht christliche Wahrheit und christliche Liebe. Von denen Allen sollte es gelten: ihr seid Kinder Gottes? Nein, sagt man, das gilt nur von denen, die eine besondere Bekehrung durchgemacht haben in ihrem Leben, das will sagen, ein bestimmtes Erlebnis oder doch eine bestimmte Zeit, in der sie sich für Gott entschieden, in der sie gläubig geworden, in der sie neue Menschen geworden sind. Erst durch dieses Erlebnis, sagt man, gewinnen wir die Zuversicht, singen und sagen zu können: Gott ist die Liebe, er liebt auch mich!1 Bevor wir dieses Erlebnis gemacht, sind wir verraten und verkauft an die Sünde, wie Paulus es in dem ergreifenden 7. Kapitel des Römerbriefs geschildert hat. Nachher erst, durch die |428 Kraft der Bekehrung, wird es uns geschenkt, dass wir uns der in Christus erschienenen Gnade Gottes freuen können. Wer dieses vorher und nachher nicht durchgemacht, der weiß nicht, was er sagt, wenn er sich ein Kind Gottes nennt.

Und die Taufe? Ja, sagt man, die Taufe der Kinder, die ja doch noch nichts wissen und vermögen, die hat wenig oder gar keine wirkliche Bedeutung. Wenn Paulus sagt: so viele euer getauft sind, die haben Christus angezogen, so meint er damit die Geistestaufe, und die erhält man erst in der Bekehrung und durch die Bekehrung. Meine Freunde! Was sollen wir sagen zu diesem Einwand? Wir sind nicht dazu da, um über Menschenlehren hin und her zu streiten, aber er kann uns mit dem Berechtigten und Unberechtigten, das darin liegt, veranlassen, noch tiefer einzudringen in den Sinn das großen Apostelwortes: Ihr seid Alle Gottes Kinder!

Zunächst können wir das sagen: Paulus wollte die Zuversicht des Menschen: ich bin ein Kind Gottes! auf einen festen, unerschütterlichen Grund setzen. Und darum wies er die Leute an: Erinnert euch an Christus, auf den ihr getauft seid, und nur an ihn. Da habt ihr einen Grund, der nicht wanken und weichen kann. Von ihm könnt ihr es immer wieder hören: Gott liebt dich! und wenn wir das wissen, so ist ja Alles gut. Ein solcher fester, unerschütterlicher Grund ist nun die sogenannte Bekehrung, ein solches Menschenerlebnis, von dem man sagen kann: damals, dort und dort war es! gerade nicht. In einem Bekehrungserlebnis kann man sich und Andere täuschen, wie es so Vielen auf der Bußbank der Heilsarmee gegangen ist. Man kann sich etwas vormachen und einbilden bei dem Entschluss: Jetzt, jetzt übergebe ich mich ganz dem Herrn! Man steht unter irgend einem starken Eindruck, vielleicht einer begangenen Sünde oder eines geistesmächtigen Redners, man ist mitgerissen von jenen unruhigen, aufpeitschenden englischen Bekehrungsliedern, und nun meint man etwas zu tun, was im tiefsten Grunde Blendwerk ist. Man hat sich ganz nicht |429 dem Herrn übergeben, man ist nur besonders stark religiös aufgeregt gewesen. Ich sage nicht, es sei immer so, aber dass es so sein kann und oft so ist, das ist Tatsache. Die sogenannte Bekehrung kann einem aber auch nachträglich wieder zweifelhaft werden. Man besinnt sich, vielleicht schon am andern Morgen: ist’s denn auch wirklich wahr? Ist’s mir denn auch Ernst genug gewesen? Habe ich mich denn auch völlig bekehrt? Man fragt sich: wo ist denn die zerknirschte und begeisterte Stimmung hingekommen, in der ich mich befand, warum empfinde ich nichts mehr von jenen erhabenen, feurigen Gefühlen, die mich in jenen Stunden oder Zeiten erfüllten? Warum bin ich so nüchtern und trocken geworden, so gar nicht wie ein Christusgetaufter? War wohl meine Bekehrung nicht ganz echt? Und selbst wenn man sich nicht getäuscht hat und nicht zweifelhaft geworden ist, wenn ein wirklicher Aufschwung, eine Änderung mit dem Menschen vorgegangen ist, ist’s noch nie vorgekommen, dass ein solcher wirklich Bekehrter nachher wieder gefallen ist, gefallen so schwer, dass ihm der Prediger und er selbst sich sagen müsste: du musst eine zweite Bekehrung erwarten und durchmachen, bevor du ein wirkliches Kind Gottes bist? Ich möchte Alle die, die sich für bekehrt halten, fragen, ob sie vor diesen Gefahren absolut sicher sind, sicher vor der Selbsttäuschung, sicher vor den Zweifel, sicher davor, dass sie wieder aus der Bekehrung fallen könnten? Ich meine, man kann die Bekehrung auffassen, wie man will, sie ist immer ein menschliches Erlebnis, und alles Menschliche ist unsicher. Das, was den Christen ausmacht, das, worauf er seine Zuversicht setzen kann im Leben und im Sterben, das muss etwas Sicheres, etwas Unbewegliches sein. Und dieses Sichere haben wir nicht in uns selbst, auch nicht in unsrer Bekehrung, sondern in unsrer Taufe, die uns an Christus erinnert. Er steht hoch über uns, wie der Leuchtturm über den unruhig steigenden und fallenden Wellen. In ihm können wir uns nicht täuschen, er sagt uns klar und deutlich: Gott ist die Liebe! auch wenn wir uns bloß eingebildet haben, besser geworden zu sein. Er verschwindet nicht, wenn die schönen religiösen Stimmungen und Gefühle unsres Herzens wieder verschwinden, wie sie gekommen sind:

Wenn ich auch gar nichts fühle
Von deiner Macht,
430 Du bringst mich doch zum Ziele
Auch durch die Nacht!2

Er fällt nicht mit, wenn wir aus der Bekehrung fallen. Er muss nicht ein zweites Mal für uns geboren werden, leben und sterben, sondern als der da war und ist und sein wird [vgl. Apk. 1,8] geht er durch die Jahrtausende und durch unser Leben, unbeirrt und unberührt von unserm Steigen und Fallen. Seht, das ist das Große und Einzigartige an der christlichen Gottes- und Lebenserkenntnis, wie sie uns besonders durch unsre Reformatoren wieder erschlossen worden ist, dass wir da unsres Gottes gewiss werden dürfen, ohne dass da ein zerbrechliches Menschenwerk und Menschenerlebnis vorangehen müsste. Nicht eine Bekehrung erst macht uns zu fröhlichen Kindern Gottes, sowenig wie das Opfern und Beten und Fasten der Juden, sondern der einzige Blick auf Christus, das einzige Bewusstsein: der da sagt mir’s, dass Gott etwas von mir wissen will, dass ich ihm wert bin. Und um das zu haben, da braucht man nicht auf irgend etwas Besonderes zu warten, da braucht man kein geistlicher Mensch zu sein, da braucht man nichts zu veranstalten, das kann jedermann, jetzt, sofort, in diesem Augenblick und immer wieder haben. Das hält, wenn Alles nicht nur um uns, sondern auch in uns wankt und fällt. Und darum greif du nur danach, lieber Freund, wer du auch seist, und halte es getrost für wahr: du bist ein Kind Gottes! Wenn du dich an deine Taufe erinnerst, so stehst du auf einem Grund, dem der Wechsel und die Fragwürdigkeit alles Irdischen nichts anhaben kann.

Das Zweite, was Paulus am Herzen lag, als er jenes Wort schrieb, das war, dass das Kind Gottes sich sofort und sicher bewähre in einem neuen Leben, dass aus der Zuversicht, mit der wir sagen dürfen: Gott ist die Liebe! nichts Anderes hervorwachse als ein Leben in wahrer Freiheit und Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit. Darum hat er geschrieben: Ihr seid Alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christus Jesus, und nicht etwa: durch den Glauben an eure Bekehrung oder durch den Glauben an das inwendige Licht des heiligen Geistes. Darum schreibt er: ihr habt Christus angezogen, und nicht etwa: ihr |431 seid jetzt gläubige Menschen geworden. Paulus wollte, dass wir uns auf etwas verlassen sollen, das uns sicher Antrieb und Kraft zum Guten wird. Das geschieht uns, wenn wir uns auf Christus verlassen. Denn wenn wir auch nur einen Augenblick auf ihn hinhören, dann ertönt in unserm Herzen der Klang des Ewigen, des Göttlich-Guten, wie des Abends manchmal Glockentöne zu uns herüberkommen über Berg und Wald, vom Winde verweht und doch rein und schön. Dieser Klang von Jesus her in unsere Herzen ist der Anfang des neuen Lebens, und wenn er noch so schwach wäre. Was er in uns erweckt und anregt, das dürfen wir unbedingt sicher als gut ansehen. Wo er uns hinweist, da vermögen wir unbedingt sicher auch zu gehen. Wenn wir unschlüssig sind, dann dürfen wir mit aller Bestimmtheit erwarten, dass der Blick auf ihn uns Licht geben werde, wie wir handeln sollen, und wenn wir zagen, wenn das Gute uns zu schwer ist, dann gibt uns der Blick auf ihn mit aller Bestimmtheit die Kraft, das Gute zu tun. Es ist wahr, was er einmal gesagt hat: Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe [Joh. 15,3]. Wieder könnten wir nicht sagen: wir sind schon rein um unsrer Bekehrung, um unsres Glaubens willen, und wenn es die vollkommenste Bekehrung, der vollkommenste Glaube wäre. Denn unsre Bekehrung und unser Glaube geben uns weder Licht noch Kraft, sondern umgekehrt: um uns zu bekehren und um zu glauben, haben wir Licht und Kraft nötig. Die haben wir, wenn wir auf Christus aufmerken. Unsre Bekehrung und unser Glaube aber werden notwendig immer etwas menschlich Mangelhaftes sein, und wir werden gefährlich in die Irre gehen, wollten wir uns auf sie verlassen. Entweder nämlich, wir sehen es ein, dass wir Gott nicht genug tun, dass unsre Bekehrung noch lange nicht vollständig ist, dann wird uns eine furchtbare Last auferlegt, wenn wir, um unsres Gottes gewiss zu sein, um Frieden mit ihm zu haben, unsre Bekehrung erst vollständig machen wollen. Das ist ja die Aufgabe, vor der Luther im Kloster schier verzweifelt ist, bis er schließlich die Waffen streckte. Wir müssen mit ihm dahin kommen, dass wir erkennen: Gott sei Dank, es kommt nicht darauf an, dass ich bekehrt bin, sondern darauf, dass Christus an mir arbeitet. Durch den Blick auf ihn bin ich rein und heilig, nicht durch mein bisschen Bekehrtsein, durch meinen schwachen Glauben.

432 Der andre Irrtum tritt dann ein, wenn wir es nicht einsehen, dass unsre Bekehrung und unser Glaube noch unvollständig sind, wenn wir uns einbilden, durch ein Bekehrungserlebnis rein und heilig geworden zu sein. Das ist ein Irrtum, der gegenwärtig im Kanton Bern durch gewisse Prediger verbreitet wird und, wie es scheint, großen Anklang findet.3 Er ist aber zu allen Zeiten etwa aufgetreten und hat immer dieselben fatalen Folgen gezeitigt. Da hält man sich für sicher und gerettet, und plötzlich steht man mit all seiner Reinheit und Heiligkeit wieder ganz in der Herrschaft des Mammons, der Fleischeslust, der Lüge. Wie gegen den Irrtum der Verzweiflung, so gibt es auch gegen den Irrtum des Leichtsinns kein anderes Mittel als die Einsicht: Nicht durch die Bekehrung kommt das neue Leben, sondern durch Christus. Wenn wir auf ihn sehen, statt auf uns selbst, dann können wir nicht fallen, denn wir können ganz sicher sein, dass er uns immer wieder mahnen, demütigen, strafen, aber auch aufrichten und vorwärts führen wird. Die Verzweiflung und der Leichtsinn kommen in gleicher Weise davon, dass wir uns auf uns selbst verlassen, dass wir an unsre Bemühungen und Erlebnisse glauben wollen. Und die rechte Freudigkeit und der rechte Ernst zum Guten kommen in gleicher Weise davon, dass wir auf ihn und nur auf ihn sehen. – |

Dieses neue Leben in dem freudigen und ernsten Glauben an Jesus Christus ist dann ein fortwährendes Fortschreiten von einer Stufe zur andern. Denn der Blick auf Jesus, die Gewissheit, die wir daraus schöpfen: ich bin ein Kind Gottes, sie bringen Leben und Bewegung in unsre Seele. Man kann nicht wissen: ich bin Gottes Kind! und dabei sitzen bleiben, wie man ist. Hier meint jenes Bekehrungschristentum etwas ganz Richtiges, das wir uns Alle merken müssen. Jawohl, es müssen Entscheidungen fallen in unserm Leben, wir müssen uns be|433kehren, das heißt, umkehren vom Bösen zum Guten, von der Lüge zur Wahrheit, von uns selbst zu Gott. Es entspinnt sich ein Kampf im Menschen, wo einer das erkannt hat: ich bin Gottes Kind durch den Glauben an Jesus! Da ist auf der einen Seite der neue Mensch, der jubelt: ich lebe, aber nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir! [Gal. 2,20] und der darf bekennen: Gott sei Dank, ich bin bekehrt! auf der andern Seite der alte Mensch, der seufzen muss: ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleische, wohne nichts Gutes! [Röm. 7,11] und der muss bekennen: Gott sei’s geklagt, ich bin noch unbekehrt! Das ist der Bekehrungskampf, und der weiß noch nicht, dass er ein Kind Gottes ist, der von diesem Kampf nichts weiß. Aber dieser Kampf kann nicht ein für allemal gekämpft sein, ein paar Minuten, Tage oder Jahre lang, um dann erledigt zu sein, sondern dieser Kampf begleitet uns schlechterdings durch das ganze Leben. Er hebt an in der zartesten Jugend, er verschärft sich im Jünglings- und Jungfrauenalter, er erfüllt das Männer- und Frauenleben, er dauert fort, wenn der Tag sich neigt, und bis an die Schwelle des Todes. Nach der Sage haben Engel und Teufel noch um die Leiche des Moses gestritten [vgl. Jud. 9]. Aber das haben wir an Jesus, dass dieser Kampf ein siegreicher, ein fortschreitender Kampf ist. Wir kommen weiter, Gott wird stark und stärker in uns. Weil die Fahne Jesu Christi uns voranweht, wissen wir: der Feind wird geschlagen werden. Das ist die Bekehrung, die die Kinder Gottes erleben, alle Tage neu und alle Tage gründlicher. Aber nicht auf ihr Streiten setzen sie ihre Zuversicht, sondern auf den, der ihnen zum Streiten die Kraft gibt. Nicht weil wir bekehrt sind, sind wir Kinder Gottes, sondern weil wir Kinder Gottes sind, dürfen wir zeitlebens unsre Bekehrung zunehmen und sich vollenden sehen.

Und noch ein dritter Sinn lag für Paulus in seinem Wort: Ihr seid Alle Gottes Kinder durch den Glauben! Wir müssen bloß das erstaunliche Wort «Alle» beachten, das Paulus da braucht. Damit wollte er festlegen und aussprechen, dass das neue Leben, das aus dem Blick auf Jesus sofort entsteht, nichts Anderes ist als Liebe, bedingungs- und vorbehaltlose Liebe. Wer nichts Höheres begehrt, als auf Jesus zu sehen, wer wirklich bloß in ihm seinen Frieden und sein Lebensziel gefunden, für den wird sich das ganz von selbst verstehen. Er wird in seinen Mitmenschen ohne Ausnahme Brüder und Schwestern, Kinder desselben Vaters sehen. Er wird, auch wenn er das beste Leben lebte, |434 auch wenn er noch so fortgeschritten wäre in der Bekehrung, im Blick auf seinen Meister sich gestehen: Wenn wir Alles getan haben, was wir zu tun schuldig sind, so müssen wir sprechen: wir sind unnütze Knechte! [Lk. 17,10] Und darum wird er sich auch dem unnützesten, dem verworfensten Mitmenschen Gott gegenüber nicht höher stellen wollen. Die Erfahrung der schrankenlosen Gnade Gottes wird ihn zur schrankenlosen Liebe anleiten. Dazu muss aber wirklich der Glaube an Jesus das Höchste sein bei uns und nicht der Glaube an unsre Bekehrung. Wer da meint, ein Kind Gottes zu sein, weil er bekehrt ist, bei dem kommt unweigerlich die Liebe zu kurz. Denn der wird dann ganz sicher daraus die Folge ziehen: Andre sind nicht bekehrt, darum sind sie keine Kinder Gottes! und das kann man drehen und wenden, wie man will, das ist nicht aus der Liebe gedacht und geredet. Das ist vielleicht die allerschlimmste Folge davon, dass man die Bekehrung zur Hauptsache im Christentum macht, statt Jesus. Da fängt dann jenes unangenehme Riechen und Schnuppern an den Mitmenschen an, das gerade fromme Leute so oft auszeichnet: Ist er auch bekehrt? Ist sie auch gläubig? jene unverschämte Unterscheidung zwischen Gotteskindern und Weltkindern, jene zudringlichen Feststellungen und Fragen: wer den Frieden gefunden habe und wer nicht. Ja, ich bitte dich, woher nimmst du denn das Recht zu solchen Fragen? Bist du denn bekehrt? Bist du denn gläubig? Bist du denn wirklich gar kein Weltkind mehr? Meinst du, Gott habe besondere Freude an dir? Woher weißt du, ob nicht dein unbekehrter Nächster in der Bekehrung viel weiter ist als du? Und sogar wenn du dreimal so weit wärest als er, solches Reden und Fragen und Urteilen ist nicht aus der Liebe, wie sie die wirklichen Kinder Gottes erfüllt. Wenn du so denkst und redest, wenn du eine besondere Gemeinschaft aufsuchst aus diesen Gründen oder doch das Abendmahl der Landeskirche aus diesem Grunde vermeidest, weil da zu viele Ungläubige seien, dann sind das Taten nicht des neuen Menschen, sondern des alten Adam in dir. Die Liebe gerät nicht in Entsetzen und Entrüstung über dem Gedanken, dass wirklich all die Millionen von Gleichgiltigen und Gottesleugnern auch Gottes Kinder sind, gerade so gut wie wir, sondern die Liebe freut sich darüber, dass das Wahrheit ist. Jawohl, Gottes Versprechen gilt auch ihnen, das Licht und die Kraft, die von Jesus ausgehen, wirken auch auf sie, wenngleich man von außen oft nichts wahrnehmen kann davon, |435 der Bekehrungskampf zwischen dem alten Menschen und dem neuen, der von Christus irgendwie berührt ist, geht auch in ihnen vor sich. |

Warum willst du denn da Gott in den Arm fallen und sagen: Halt! die da können deine Kinder nicht sein, denn sie sind nicht so bekehrt wie ich. Ja, willst du dir denn dein bisschen Bekehrtsein doch wieder als Verdienst anrechnen, das dich über andre erhebt, oder warum redest du so? Freue dich doch darüber! Als Kind Gottes musst du dich doch darüber freuen, dass Gott alle Menschen seine Kinder nennt. Gewiss ist der alte Mensch stark, sehr stark in ihnen – gerade wie in dir auch, nichtwahr?! Aber weißt du was? Das geht dich gar nichts an, da brauchst du gar nicht danach zu fragen und gar nichts festzustellen. Gerade wie du für dein Teil den Feind zu überwinden hoffst in der Kraft Christi, gerade so darfst und sollst du hoffen für die Andern, und wenn sie noch zehnmal ruppiger und ungläubiger wären. Du kannst doch nicht für dich größere Hoffnung haben als für die Andern, weil du ein bisschen weiter bist als siea. Was wollen denn deine kleinen Fortschritte, wenn es solche sind, sagen, von Gott aus gesehen. Betrachte du ruhig alle deine Mitmenschen ohne Ausnahme als zukünftige Sieger, als wirkliche Kinder Gottes, ganz im gleichen Sinn, wie du selbst dich als zukünftigen Sieger, als Kind Gottes betrachtest. |

Aber etwas Feines und Großes kannst du machen, wenn du dankbar sein willst für das Licht und die Kraft, die dir in Jesus geschenkt worden sind. Paulus ist aus Freude über die Entdeckung: ihr seid alle Gottes Kinder, zum Missionar geworden. Er musste allen Menschen, so vielen als möglich, das Bild Jesu auch zeigen, das ihm die unerschütterliche Gewissheit gegeben, dass er ein Kind Gott sei. Das mussten sie auch wissen. Und darum hat er Christus, den Gekreuzigten, gepredigt, damit das Kind Gottes, das in den Leuten schlummerte, erwache und zum Bewusstsein komme. Das kannst du auch machen! Du brauchst dazu nicht als Missionar in ferne Länder zu ziehen. Du brauchst weder Pfarrer noch Prediger zu werden, zeige doch den Andern, den Ungläubigen und Unbekehrten, ganz einfach dein Leben, ein Leben, das von Jesus erfüllt und beherrscht ist. Das muss wirken und wird wirken. Und wenn du dabei vielleicht Misserfolg hast, dann such’ die Ursache am rechten Ort, nämlich bei dir, und sag’ dir: ich bin offenbar noch lange nicht bekehrt genug.

436 Und wenn wir uns jetzt noch einmal die Frage vom Anfang stellen wollen: Ist es auch wahr, dass wir Christen sind? Dann wollen wir offen gestehen: nein, es ist nicht wahr, denn wir sind noch unbekehrt! Aber dem wollen wir sofort hinzufügen: Doch es ist wahr, Gott sei Dank, wir sind seine Kinder durch den Glauben an Christus Jesus.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Mskr.: «du»; vom Hrsg. korrigiert. ↩

Sachfußnoten

1
Aus der ersten Strophe des Liedes «Gott ist die Liebe, lässt mich erlösen» von A. D. Rische 🎵 (in: Zweihundertsechszig zweistimmige Lieder für Kindergottesdienste und Sonntagsschulen, hrsg. von E. Blösch, Bern 1874 3, S. 178 [Nr. 164] 📖):
Gott ist die Liebe, lässt mich erlösen,
Gott ist die Liebe, Er liebt auch mich.
Drum sag ich noch einmal: Gott ist die Liebe!
Gott ist die Liebe, Er liebt auch mich.
↩
2
Aus Strophe 3 des Liedes «So nimm denn meine Hände» von J. Hausmann (RG 695; EG 376 🎵; dort: «Wenn ich auch gleich nichts fühle», und: «du führst mich doch zum Ziele»). ↩
3
Möglicherweise steht Barth hier das Wirken von Wilhelm Meili (1854–1928) vor Augen, der 1911 als Prediger an die Freie Evangelische Gemeinde in Bern gekommen war. Nach Jahrzehnten der Stagnation und der Aufspaltung gelang es Meili, die stadt- und landbernischen Freien Evangelischen Gemeinden wieder in einem Bund zu vereinigen, und sein «gesegnete[r] Dienst» führte im Kanton insgesamt zu einer «Neubelebung» (A. Klotz, Entstehung des Bundes Freier Evangelischer Gemeinden in der Schweiz. Referat, gehalten anlässlich der Jubiläumsfeier «150 Jahre FEG Bern», am 11. November 1979 in der Heiliggeistkirche in Bern [abrufbar unter: https://www.kapelle.ch; zuletzt aufgerufen am 20.11.2021], 4 S., dort S. 3 📖). ↩