Predigt: Matthäus 5,38–41
Unerhörte, unbegreifliche Dinge verlangt das Evangelium von seinen Bekennern. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so sind auch Gottes Gedanken höher denn unsre Gedanken und seine Wege höher denn unsre Wege [vgl.
Und noch etwas: Was uns das Evangelium bringen will, das sind nicht ungewohnte und darum interessante neue Gedanken, über die man gemächlich studieren und hin- und herreden kann. Sondern das Unbegreifliche, Beunruhigende, Ärgerliche, das es enthält, betrifft unser Leben, und zwar gerade unser tägliches, gewöhnliches Leben. Man kann vor ihm nicht flüchten und sagen: Halt, es ist Sonntag heute, ich will von den Alltagsdingen nichts hören, wir wollen von Anderm |302 reden! Denn der Sonntag ist für den Werktag da, und der Angriff des Evangeliums richtet sich gegen unser Leben, unsre Verhältnisse und Umstände. Wenn wir nicht hören wollen, was es dazu zu sagen hat, dann heißt das, dass wir es überhaupt nicht hören wollen. – Und wer das Evangelium anders verkündigen wollte, so dass es nicht mehr unerhört wäre, nicht mehr beunruhigte und stumm wäre gegenüber den Fragen und Tatsachen unsres gewöhnlichen, wirklichen Lebens, der müsste es zuerst fälschen. Nicht wahr, das wollen wir nicht tun? –
Unser heutiges Textwort ist für diese ganze übernatürliche Art der Botschaft Jesu eines der deutlichsten Beispiele. Jesus fordert da ein Verhalten von uns, das das direkte Gegenteil ist von dem, das unser natürliches Urteil und Empfinden uns empfiehlt. Seine Forderung hat nichts Beruhigendes, sondern sie erschüttert uns in unserm innersten Wesen. Und sie enthält kein erbauliches Gedankenspiel für den Sonntag, sondern sie geht hinein in das Alleralltäglichste und Gewöhnlichste unsres Lebens. Denn das ist doch etwas vom Gewöhnlichsten unter den Erfahrungen, die das Leben mit sich bringt, dass uns jemand Anderes stört und zuwider ist, dass er uns etwas zu Leid tut. Es vergeht kein Tag, an dem uns nicht irgend jemand etwas zu Leid täte mit Handlungen oder Worten oder oft auch nur durch seinen Gesichtsausdruck. Und ich glaube, für sehr viele Menschen vergeht keine Stunde, in der sie nicht länger oder kürzer studierten1 über Dinge, die man ihnen zu Leid getan hat und über die bösen Menschen, die es getan haben. Manche aber verfolgt der Gedanke daran ganze Tage und Wochen und Monate und einige ihr ganzes übriges Leben hindurch. Aber uns Allen hat es schon zu schaffen gegeben und gibt es zu schaffen, wenn uns Andre weh tun. Das ist sozusagen Hausbrot in unserm Leben. Wie verhalten wir uns nun bei dieser Erfahrung? Nun, das ist sehr einfach: der getretene Wurm krümmt sich,2 die gefangene Biene braucht ihren Stachel und der geschlagene Hund seine Zähne. Und wenn uns jemand zuwider lebt, dann leben wir ihm eben auch zuwider. Das scheint fast ein Naturgesetz zu sein so. Leid beantworten wir |303 mit Leid, Weh mit Weh, Ärger mit Ärger. Das macht sich ganz von selbst. Unsre Buben auf der Straße sind darin am Ehrlichsten. Da folgt auf jeden Faustschlag unmittelbar wieder einer in vermehrter und verbesserter Auflage. Wir Erwachsenen sind darin etwas vorsichtiger, aber durchaus nicht besser. Unsre erste Regung, wenn uns jemand zu nahe tritt, ist ebenfalls die: das sollst du aber zu spüren bekommen! Wir rücken mit dieser Absicht nicht so schnell und handgreiflich heraus wie die Buben, aber sie ist doch da. Wir grübeln lange darüber, wie wir es am Besten und Feinsten machen könnten, aber wir verzichten um keinen Preis darauf, das Empfangene in irgend einer Form zurückzugeben. Und wenn wir an den, der uns wehgetan, nicht herankommen können, dann erlaben wir uns wenigstens in Gedanken daran, ihm zurückzugeben, indem wir die Faust in der Tasche machen oder ihm im Stillen böse Namen geben oder auch, indem wir zu uns selbst oder zu vertrauten Freunden sagen: Der wird einmal seinen Lohn in der Ewigkeit finden! der wird schon sehen! Immer aber machen wir die kleine Rechnung: das hast du mir getan? – das soll dir vergolten werden! Und dann vergelten wir’s, geben das Böse zurück, wenn auch vielleicht nur in Gedanken. Man muss sich wehren in der Welt! Man kann sich nicht auf die Zehen treten lassen! |
Und nun ist Eines merkwürdig, nämlich dass wir diesen Trieb: Wie du mir so ich dir! durchaus nicht als etwas Schlechtes empfinden. Ganz im Gegenteil: Wenn wir so, äußerlich oder bloß in Gedanken, einem Andern das Böse zurückgeben, das er uns zugefügt, dann tun wir das im Bewusstsein unsres hohen, göttlichen und menschlichen Rechtes dazu. Wie ein Engel des jüngsten Gerichtes kommen wir uns vor in solchen Augenblicken: Nein, ich lasse nicht auf mir herumtrampeln, ich werde ihm oder ihr zeigen, dass ich mir nicht Alles gefallen lasse! Alles hat seine Grenzen! Der oder die soll es jetzt einmal merken, was von ihnen zu halten ist! Die sollen nicht schlecht heimgeschickt werden! Es wird sich ja zeigen, wer recht hat! Jetzt ist’s genug und jetzt weiß ich, was ich mache! Ich könnte noch unzählige dieser Redensarten anführen, die uns in solchen Augenblicken durch den Kopf und über die Lippen gehen, und sie alle enthalten im Grunde das Gleiche: das Bewusstsein: Ich habe Recht, ich habe Recht! und dem Andern, der mich geplagt hat, geschieht nur, was er verdient, wenn ich mich jetzt wehre und ihm auch eins ver|304setze, oder ihm doch ganz gehörig grolle und ihn zu den wüsten Leuten rechne. Solche Gedanken erfüllen uns Alle, auch die Brävsten unter uns. Sie gehören uns zum Allerselbstverständlichsten. Mit solchen Gedanken seid ihr hieher gekommen. Mit solchen Gefühlen bin ich schon öfters auf der Kanzel gestanden. Mit solchen Worten verhandelt ihr nachher schon vor der Kirchentüre wieder über diesen und jenen, mit denen ihr gerade auseinander seid, wie das ja uns Allen vorkommt. Wir sind immer mit der Vergeltung beschäftigt, mit dem offenen oder heimlichen Kampf gegen die wüsten Leute. Wir wollen ehrlich sein und uns rundweg eingestehen, dass dem so ist. Nur ja nicht denken, es sei nicht so, weil wir vielleicht unsern Widersachern nichts tun, sondern bloß über sie schimpfen und die Hände ringen oder inwendig gegen sie brummeln. Das ist auch Vergeltung. Und diese Vergeltung, diesen Widerstand gegen unsere Widersacher halten wir für das natürlichste Recht von der Welt, wer von uns wäre bereit, es sich nehmen zu lassen? |
Im alten israelitischen Gesetz wie auch in manchen alten Gesetzen der verschiedensten Völker war dieses natürliche Recht auch ausdrücklich anerkannt. Wer einem Andern ein Auge eingeschlagen hat, dem soll wieder ein Auge ausgeschlagen werden. Ein zerbrochener Zahn wird mit einem Zahn des Feindes bezahlt. Wer tötet, soll wieder getötet werden, und jedes Unheil, das Einer anrichtet, soll auf ihn selbst zurückfallen! Von dieser uralten Rechtsregel sind wir Alle bestimmt und erfüllt, auch wenn wir sie als solche gar nicht kennen. Was würde aus der Welt, wenn wir nicht mehr so denken, wenn wir uns gegen die wüsten Leute nicht mehr wehren dürften?!
Und nun hat Jesus merkwürdiger Weise gerade das gesagt: wir sollten uns gegen die wüsten Leute nicht wehren. Er hat die Regel gekannt, die mit großen Buchstaben im Alten Testament stand und mit noch größern in den Köpfen und Herzen der Menschen: Auge um Auge, Zahn um Zahn! [
Widerstehet nicht dem Bösen! Denkt euch das Wort auf der ersten Seite des Hauptbuches eines Kaufmanns, denkt es euch als Wandspruch im
Untersuchungszimmer des Richters oder im Studierzimmer des Politikers oder Zeitungsredaktors, versuch’ es einmal, es dir alle Viertelstunden in Erinnerung zu rufen, wenn du einen unerfreulichen Vorgesetzten, einen bösen Nachbarn hast, der es darauf abge|306legt hat, dich zu ärgern! Versuch’ es, das Wort laut vor dich hin zu sagen, wenn dir wieder einmal ein handgreifliches Unrecht zugestoßen ist,
wenn einfältige und boshafte Leute dich nicht verstanden haben und dir plump und läppisch oder hinterlistig in den Weg treten! Widerstehet nicht dem Bösen! Das Wort passt wirklich in dieser Welt überall gleich schlecht hin! Wir verstehen es, wenn wir an solche Worte denken, dass Jesus sagen konnte: mein Reich ist nicht von dieser Welt! [
Wenn wir es nun trotzdem versuchen wollen, dieses fremdartige, ungeheure Wort zu verstehen, so möchte ich vor Allem warnen vor dem Versuch, es abzuschwächen. Wir wollen nicht sagen: Dies hat nur damals gegolten. Es passte in jene alte Zeit, aber nicht in die unsrige. Ich glaube, wenn wir von Jesus etwas haben wollen, dürfen wir nicht alle Augenblicke sagen: das galt nur für damals, wir leben in andren Zeiten.
Das lässt sich von manchen Worten zum Beispiel der Propheten oder des
Auch damit sollen wir nicht zu schnell kommen, es sei nicht so wörtlich gemeint mit der Ohrfeige, der wir uns aussetzen, und mit dem Mantel, den wir drangeben sollen. Jesus habe damit nur sagen wollen, man solle nicht zu weit gehen im Kampf gegen böse Menschen, es sei manchmal besser, ihnen nachzugeben. Das ist ja nun allerdings richtig, dass Jesus mit den Beispielen, die er genannt hat, nicht ein wörtliches Gesetz hat aufstellen, sondern eben nur Beispiele hat geben wollen dafür, wie ernst wir es mit seiner Forderung nehmen müssten. Aber eben: zum Ernst fordert er uns auf, nicht dazu, es leicht zu nehmen und zu denken: es ist so schlimm nicht gemeint, es ist nur geistig zu verstehen und dergleichen. Das ist zu viel Bequemlichkeit. |
Und noch einen Umweg um das Wort Jesu herum möchte ich abraten, nämlich den zu sagen: es gilt nicht für das ganze Leben! Es gibt Gebiete und Fragen, wo es immer noch ganz gut und in der Ordnung ist, der Regel: Auge um Auge, Zahn um Zahn zu folgen. Solche Ausnahmen seien zum Beispiel der Krieg oder die politischen Kämpfe oder Alles, was mit dem Geschäft zusammenhängt, oder Fälle, wo |307 unsre Ehre angegriffen ist. Da heiße es, sich seiner Haut zu wehren ohne Rücksicht auf die Forderung Jesu. Das tönt ja nun auch wieder sehr einfach, aber es ist doch sonderbar, dass Jesus selbst von solchen Ausnahmen gar nichts gesagt hat. Müssen wir daraus nicht schließen, dass er sie auf das ganze Leben angewendet wissen wollte? Müssen wir nicht, wenn wir ihm recht geben wollen, auf Alles verzichten, Alles verwerfen lernen, was zu seinem Grundsatz nicht passt? – Nein, abschwächen wollen wir dieses gewaltige Wort nicht, sondern es soll in seiner ganzen Härte und Fremdheit stehen bleiben. Aber nun erhebt sich die Frage, was Jesus damit gewollt hat.
Das ist sicher, dass Jesus uns nicht zu Feiglingen hat erziehen wollen und nicht zu weichen, gleichgiltigen Menschen, die es mit freundlichem Lächeln mitansehen, wenn das Böse sich breit macht in der Welt, die es nie wagen, der Schlechtigkeit gegenüber fest auf die Füße zu stehen,
sondern die schon umfallen, noch bevor man sie angerührt. Es gibt solche Christen; aber sie dürfen sich jedenfalls nicht auf Jesus berufen. Denn wenn einer ein Kämpfer, ein Held gewesen ist, so war es Jesus. Er hat dem Bösen nicht bloß widerstanden, sondern er hat es auch angegriffen von sich aus, wo er es fand. Derselbe Mann, der gesagt hat: Widerstehet nicht dem Bösen! hat das andre Wort gesprochen:
Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater und die Tochter wider ihre Mutter, und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein! [vgl.
Aber seht, nun müssen wir uns überlegen, ob wir aufrichtig sagen können, dass wir einfach die Sache des Guten und Göttlichen vertreten, wenn wir uns gegen das Böse wehren, wenn wir uns den wüsten Leuten entgegenstellen, wie wir es am Anfang geschildert haben, äußerlich oder bloß innerlich? Tun wir das wie Jesus in dem Gedanken: der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt! [
Seht, dieses Raubtier in uns wollte Jesus bändigen und fesseln mit seinem fremdartigen Wort: Widerstehet nicht dem Bösen! Er hat uns wahrhaftig damit den Kampf gegen das Böse nicht verboten. Denn den hat er an vielen andern Orten selbst geboten und selbst gekämpft. Aber nur wenn es ein Kampf für das Gute ist, soll er uns erlaubt und geboten sein. Wenn es uns um das Rechte zu tun ist, wenn es sich darum handelt, Menschen zu bessern, Wahrheiten zu verbreiten, Recht und Gerechtigkeit zu fördern, Zustände und Gewohnheiten zu |310 veredeln, dann sollen wir kämpfen, dann kann unter Umständen auch eine Ohrfeige oder ein sehr kräftiges Wort das Mittel dazu sein. Aber wer von uns wollte es sich anmaßen, meine Freunde, zu behaupten: Ich bin so Einer, der im Namen Gottes Ohrfeigen und kräftige Worte auszuteilen hat an die Feinde Gottes? Ist’s nicht so: wenn wir dem Bösen widerstehen, dann treibt uns das Raubtier und nicht der Geist Gottes? Nur gegen dieses Raubtier hat Jesus kein Mitleid gekannt. Er wollte uns sagen: wenn ihr nur darum euch wehrt gegen das Böse, weil es euch Vergnügen macht, auch einmal etwas anzustellen in Taten, Worten und Gedanken, wenn ihr bloß deshalb gegen das Unrecht loszieht, weil man gerade Euch Unrecht getan hat, dann seid ihr selbst von vornherein im Unrecht. Dann bleibt lieber zu Hause und lasst das Böse an euch geschehen! Ihr seid nicht reif, nicht würdig, Gottesstreiter zu sein, solange es euch um persönliche Vergeltung zu tun ist. Jeder Schritt, den ihr tut, ist Sünde. Die Stärke, die ihr mit solchem Streit zu entfalten meint, ist in Wirklichkeit Schwäche. Denn wer noch daran ist, Böses zurückzugeben, der ist selbst noch böse, und wenn er es auch bloß in Gedanken täte.
Meine Freunde, das ist freilich die Aussicht in eine neue, unbegreifliche Welt, die sich in diesem Wort vor uns auftut. In eine Welt, in der nicht mehr das Tier regiert, sondern Gott. In eine Welt, in der nicht mehr gezankt wird, sondern nur noch gearbeitet und gestrebt. In eine Welt, in der die Menschen nicht mehr recht haben, sondern einander helfen wollen. Diese Aussicht kann uns wie eine abenteuerliche Phantasie erscheinen. Wir können die Achseln zucken und sagen: dahin kommen wir doch nie, der Mensch bleibt immer derselbe. Wahrhaftig, man hätte oft Lust, so zu denken. Aber ich weiß etwas Besseres: wir können uns von Jesus anleiten lassen, selber den Anfang der neuen, unbegreiflichen Welt zu machen, uns von jetzt an zu fragen, wenn wir Lust verspüren zu kämpfen gegen das Böse, ob es das Raubtier oder der Gottesgeist ist, der uns dazu auffordert. Wer weiß, wir werden es in unzähligen Fällen dann bleiben lassen, das Schwert zu ziehen, und werden das Böse unbekämpft lassen. Wir werden aber auch die Erfahrung machen, dass wir durch einen einzigen solchen Sieg über unsre Kampflust mehr gewinnen als dadurch, dass wir hundertmal wüsten Leuten den Meister zeigen. Denn wenn wir dieses Opfer bringen, das Opfer des Ich, das recht haben und es gewinnen |311 möchte, dann kann uns Gott brauchen, dann werden wir seine Streiter in seiner Sache. Nicht mehr kämpfen, um recht zu kämpfen! Das ist’s.