2. Juni 1912

Predigt: Matthäus 5,13

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Matthäus 5,13
Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man es salzen? Es ist zu nichts hinfort nütze, denn dass man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten.
Liebe Freunde!

Ein rechter Mensch muss ein Aristokrat sein. – |

Ich weiß, dass es euch wundern wird, das von mir zu hören; denn ich weiß, dass ihr euch unter einem Aristokraten etwas sehr Unerfreuliches vorstellt. Was das ist, dahinter bin ich noch nicht so recht gekommen, ich merke nur so viel, dass ihr irgendwie an vornehme Leute denkt, die es zeitlebens gut haben, die darum das Leben von einfachen Bauern und Arbeitern nicht kennen und verächtlich auf sie heruntersehen. Daneben gibt es dann auch allerlei besondere Begriffe von dem Worte: Für den Einen fangen die Aristokraten schon bei denen an, die sich durch eine bessere Kleidung, vielleicht durch einen Stehkragen, vor den Übrigen auszeichnen. Für den Andern ist der ein Aristokrat, der seinen eigenen Weg geht, statt sich regelmäßig oder doch öfters im Wirtshaus mit dem Herrn Jedermann zu unterhalten und zu beraten. Wieder für Andre ist eine allzu feine Bildung oder allzu guter Geschmack ein verdächtiges Zeichen von Aristokratie. Und natürlich gibt es auch solche, die wittern dieses schlimme Übel, sobald ihnen etwas begegnet, was ihnen auch nur von ferne als allzu ernste und strenge Frömmigkeit vorkommt. Kurzum, das Wort hat einen bösen Klang, es ist ein feindseliges Schlagwort für die Politik und für die Dorfpolitik. Und nun nehme ich es trotzdem in den Mund und wiederhole: ein rechter Mensch muss ein Aristokrat sein.

Wie meine ich das? Ich halte mich an das, was das Wort Aristokratie wörtlich bedeutet. Es stammt aus dem öffentlichen Leben des alten Griechenland, wo es eine bestimmte Form der Staatsverfassung bedeutete. Wörtlich übersetzt heißt es: Herrschaft der Besten. Ein Aristokrat war also einer, der etwas galt, der Einfluss und Regierungsgewalt besaß, weil er einer von den Besten war.1 Es ist also ganz richtig, |232 was man beim Klang dieses Fremdwortes gewöhnlich empfindet: Die Menschen sind und waren schon im alten Athen und Sparta durchaus nicht ohne Weiteres Alle gleich, sondern da gibt es Gute, Bessere und Beste, und die sollen nicht Alle gleiche Macht haben untereinander, sondern Geltung, Einfluss und Gewalt kommt denen zu, die die Besten sind. In diesem Sinn hat Jesus am Anfang der Bergpredigt seine Jünger ausdrücklich zu Aristokraten ernannt, indem er ihnen gesagt hat: ihr seid das Salz der Erde! Damit ist unzweifelhaft gemeint: Wie das Salz etwas Besonderes ist gegenüber dem Teig oder der Speise überhaupt, in die es gemengt wird, so seid auch ihr etwas Besonderes, Eigenartiges auf der Erde. Und wie das Salz die meisten Speisen erst brauchbar, essbar macht, so sollt ihr, so sollen alle rechten, lebendigen Menschen die Welt beeinflussen, beherrschen. Sie sind dazu da, um mit ihrer Eigenart zur Geltung zu kommen auf der Erde. Sie sind Aristokraten und sollen als solche sich fühlen und handeln. |

Freilich hat diese Aristokratie andre Merkmale, als was man gewöhnlich so heißt. Für Jesus gehört man noch nicht zu den Besten, die herrschen sollen und durchdringen in der Welt, etwa weil man besser geschult ist als Andre. Noch weniger deshalb, weil man aus einer «guten Familie» stammt, wie man das nennt. Und noch viel weniger deshalb, weil man Geld hat. Alle solche Aristokratie anerkennt Jesus nicht im Geringsten. Sie ist Luft und Schein. Aber das heißt nicht, dass alle Menschen gleich seien und gleich bleiben müssten, wie man so oft oberflächlicher Weise sagen hört. Viel eher müsste man sagen: dass alle Menschen gleich werden müssen. Aber nicht so, dass die Besseren und Besten heruntergezogen werden auf den Standpunkt der Übrigen, sondern so, dass die noch unten Stehenden hinaufgezogen werden. Und wenn das geschehen soll, dann muss es Solche geben, die oben stehen. Das sind die, von denen Jesus gesagt hat: ihr seid das Salz der Erde! Ihr seid Aristokraten und müsst wissen, dass ihr es seid! Jawohl, es gibt Unterschiede unter den Menschen, gerade in der großen Hauptsache des Lebens. Es gibt Solche, denen es von Gott geschenkt ist, der eigentlichen Bestimmung der Menschen sehr viel näher zu sein |233 als Andre. Sie sind durch die Umgebung, in der sie aufgewachsen sind, und durch die Erfahrungen, die sie durchgemacht haben, besser erzogen worden als die Andern, denen das gefehlt hat. Sie sind unter feinen, rücksichtsvollen Menschen aufgewachsen, und so ist ihr Gefühl und ihr Gewissen selbst fein und empfindlich geworden. Sie haben harte Kämpfe und Anstrengungen erlebt und ihr Wille ist darin kraftvoll und unbeugsam geworden. Sie sind durch Glück und Unglück in ihrem Leben von der Oberfläche in die Tiefe geleitet worden, sie sind nachdenklich geworden, sie haben den verborgenen Gott kennengelernt. Sie haben viel Liebe erfahren, und so ist es ihnen leicht und selbstverständlich geworden, wiederum zu lieben. Schon in diesem ihrem zeitlichen Leben ist, wenn auch unter viel Irrtum und Schwachheit, viel ewiges Leben. In dieser Lage waren die Jünger Jesu. Denn durch Jesu Vorbild und Anweisung waren sie angeleitet zur Gotteserkenntnis und zum Lebensernst, zur Güte und zur Wahrheit, ganz anders als ihre sämtlichen Zeitgenossen. |

Aber in dieser Lage sind auch wir. Denn in irgend einer Beziehung ist auch jeder von uns reicher an ewigem Leben als Andre. Wir brauchen uns bloß einmal über uns selbst zu besinnen, um uns zu überzeugen, jedes von uns, dass es in einer bestimmten Hinsicht besser zum Guten, zum Göttlichen angeleitet worden ist als das große Heer der übrigen Menschen. Jeder kann da etwas Ausnahmsweises bei sich selbst entdecken. Jeder darf sich sagen, dass er, und wenn es auch nur in einem geringfügigen Punkt wäre, dazu veranlagt ist, zu den Besten zu gehören. Ich glaube nun aber auch, dass Jeder sich dieser seiner ausnahmsweisen Stellung zu Gott bewusst werden muss. Wir müssen uns klar werden darüber, dass es eine Auszeichnung bedeutet, ein feines Gefühl und Gewissen oder einen starken Willen, einen tiefen Sinn oder ein liebevolles Herz zu haben, dass es etwas Besonderes ist, ein Jünger Jesu zu sein, und wenn wir es auch nur in recht bescheidenem Maß wären. Wir sollen es wissen, ja, wir sollen stolz sein darauf, wenn Gott uns irgendwo und irgendwie näher zu sich gezogen hat. Das habe ich gemeint, wenn ich sagte: ein rechter Mensch muss ein Aristokrat sein! Und das meinte auch Jesus, als er seine Jünger über ihre eigene Bedeutung aufklärte mit dem Wort: ihr seid das Salz der Erde! – |

234 Aber nun ist es freilich mit diesem Stolz, mit diesem Selbstbewusstsein des rechten Menschen, des Christen, eine eigentümliche Sache. Wenn wir ihn recht auffassen wollen, müssen wir uns vor Augen halten, dass Jesus wenige Zeilen vorher im Evangelium gesagt hat: Selig sind, die da geistlich arm sind! [Mt. 5,3] Das heißt auf den ersten Anblick sozusagen das Gegenteil; es bedeutet: Selig sind, die wissen, dass sie vor Gott nichts Besonderes sind! Auch an den Pharisäer im Tempel müssen wir denken, der gebetet hat: Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie dieser und jener! [vgl. Lk. 18,11] und an den Zöllner, der gebetet hat: Gott sei mir Sünder gnädig! [Lk. 18,13] Diese so ganz anders tönenden Worte des Herrn müssen wir uns laut vorsagen, dann verstehen wir erst, was die Aristokratie des Christen für einen Sinn hat und was für einen nicht. Man könnte es so ausdrücken: Er soll stolz sein; aber dieser Stolz hat durchaus nichts zu tun mit dem zufriedenen, über sich selbst vergnügten, eitlen Wesen, an das man bei diesem Wort gewöhnlich denkt. Zu solchem Wesen liegt für einen rechten Menschen nicht der geringste Anlass vor. Denn wenn etwas recht ist an ihm, dann verdankt er das keineswegs sich selbst, wenn es auch sozusagen bei ihm zum Vorschein kommt. Es ist doch einzig und allein durch seine Erziehung, durch die Menschen, die ihn umgeben, durch die besondern Umstände seines Lebens in ihm geweckt und zur Entfaltung gebracht worden, das heißt aber, durch Gott. Er hat bloß etwas bekommen und angenommen; etwas Verdienstliches ist nicht dabei. Und weiter wird er sich sagen müssen: ich habe wohl Vieles von Gott bekommen, aber ich habe lange nicht Alles von ihm angenommen. Ich bin vielleicht etwas durch Gottes Führung, aber ich könnte viel mehr sein, wenn ich Gottes Führung nicht nur ein Stück weit, sondern ganz gefolgt wäre. Ich mag gute Eigenschaften und Fähigkeiten haben, aber ich könnte noch ganz andre haben, wenn ich nicht immer wieder untreu wäre mit dem, was mir gegeben ist. Wenn wir getan haben Alles, was wir zu tun schuldig sind, so sollen wir sprechen: wir sind unnütze Knechte [vgl. Lk. 17,10]. So denkt ein rechter Mensch natürlicherweise. Und sein Stolz? Ja, stolz ist er wahrhaftig nicht darauf, dass er etwas ist, mehr als Andre, näher bei Gott als sie, sondern darauf, dass er als das, was er ist, etwas tun darf in der Welt. Er ist stolz auf seine Aufgabe. Seine Aristokratie besteht nicht in dem eitlen, hohlen Gefühl: Ich bin mehr als Andre! sondern in dem |235 Pflichtbewusstsein: Ich bin dazu auf der Welt, um mit dem Bessern, das ich habe, durchzudringen unter den Menschen, um es zur Geltung zu bringen, bis sie es auch haben. Ich habe und bin etwas Besonderes, nämlich ich habe den Beruf, zu helfen auf dieser Erde. Das ist der Stolz, den Jesus seinen Jüngern einflößen wollte, als er sie das Salz der Erde nannte. Ihr seid etwas Besonderes, etwas Großes und Erhabenes, wollte er ihnen sagen: Seht es nur ein, seid dankbar dafür, seid stolz darauf! Aber sonnt und spiegelt euch keinen Augenblick in dem Gefühl: Ich, ich! Ich bin ein Apostel des Messias, ich bin fromm, bin fein, nehme es genau, denke viel nach, tue viel Gutes – nein, nicht «ich», nicht ihr – ihr seid gar nichts, wenn man’s genau nehmen wollte –, aber Gott ist Etwas, Gott, der euch brauchen will, der durch euch sein Werk in der Welt treiben will. Ihr seid das Salz der Erde, will heißen: ihr habt das bescheidene Recht und die stolze Pflicht, dem Durchdringen des rechten, bessern, höhern Gottesgeistes unter den Menschen dienstbar zu sein.

Wir wollen am nächsten Sonntag in einer Predigt über den Text: «Ihr seid das Licht der Welt!» [Mt. 5,14] auf diesen großen Gedanken zurückkommen. Heute wollen wir uns noch etwas genauer besinnen über die Wahrheit, von der wir ausgegangen sind, nämlich über den Satz, ein rechter Mensch müsse ein Aristokrat sein; er müsse etwas Besonderes haben und sein und müsse sich dessen bewusst sein. Denn wer als Licht in der Welt leuchten will, der muss vor Allem sicher ein Licht sein. Wer wirken will als Werkzeug Gottes unter den Menschen, der muss kräftiges Leben besitzen. Wer Andre aufwärts ziehen will, der muss selbst oben stehen. Wer helfen will, der muss die Hände frei haben. Oder, mit dem Bilde Jesu ausgedrückt: das Salz muss wirklich und zuverlässig Salz sein. Jesus kennt nämlich die Möglichkeit, dass es auch anders sein kann. Er nennt ausdrücklich die Gefahr, dass jenes Leuchten, Wirken, Aufwärtsziehen, Helfen in der Welt aufhört oder gar nicht zu Stande kommt, weil die, die das Alles tun sollten, gar nichts Besonderes mehr sind. Er kennt den Fall, dass das Salz durch irgend ein Missgeschick seinen Gust2 verloren hat und darum auch keine Speise mehr schmackhaft machen kann. Den Fall, dass ein Aris|236tokrat verlumpt3, das heißt, das verliert, was ihn vor andern Leuten auszeichnete, und damit logischerweise auch das Recht und die Fähigkeit, sie zu beeinflussen und zu regieren. Den Fall, dass Einer, der ein rechter Mensch, nämlich ein Helfer sein könnte und sollte für die Andern, ihnen nichts mehr zu geben hat, weil er selbst nichts mehr hat. Was soll dann werden? Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man es salzen? Es ist zu nichts hinfort nütze, denn dass man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten. – |

Wir haben allen Grund, diesen Fall sehr ernst zu nehmen, meine Freunde. Denn wenn es wahr ist, was wir gesagt haben, dass Jedes unter uns Salz sein kann und soll gegenüber den übrigen Menschen, nämlich etwas Besonderes, ein Mensch mit einer eigenartigen Gottesgabe und darum mit dem stolzen Beruf, damit auf die Menschen zu wirken, so wird auch das Andre wahr sein, dass Jedes von uns in der Gefahr steht, ein dummes Salz oder ein verlumpter Aristokrat zu werden. Wir wollen uns vor Allem klar zu machen suchen, wie es zu diesem traurigen Fall kommt. Ein rechter Mensch muss sich von den Andern zu seinen Gunsten unterscheiden, er muss ihnen überlegen sein, sagten wir. Denn nur wenn er ihnen überlegen ist, kann er ihnen helfen. Das klingt nun in der Theorie ganz schön, aber in der Praxis macht man immer und überall die Beobachtung, dass diese Andern absolut keine Freude haben an überlegenen Menschen. Schon das besser gefüllte Portemonnaie oder das bessere Kleid eines Menschen erweckt bekanntlich bei vielen Andren höchst unlustige und unfreundliche Empfindungen; noch viel mehr aber gilt das von der Aristokratie derer, die Gott näher gekommen sind und das Leben tiefer erfassen als die Andern. Das kommt denen, die nicht soweit sind, zunächst immer als etwas Unangenehmes vor. Das ist wohl uns Allen auch schon so gegangen. Wenn wir bemerkten, dass Andre in unsrer Umgebung plötzlich nicht mehr den Allerweltsweg gingen, auf dem wir selbst waren, plötzlich höhere Anforderungen an sich selbst und die Andern stellten, da empfanden wir das, auch wenn es uns direkt nicht störte, als eine Belästigung. |

Ich möchte als bekanntestes Beispiel nur die Tatsache nennen, dass Alkoholabstinente noch immer in vielen Gesellschaftskreisen als et|237was Peinliches empfunden werden. Die Frage wäre einer besondern Erörterung wert, warum das so ist. Wahrscheinlich, weil die Andern in jedem, der eine höhere Lebensstufe erstiegen hat, eine stille Aufforderung vernehmen: du solltest es eigentlich auch so machen! Das Salz wirkt eben. Aber zuerst ist eine solche Aufforderung zweifellos etwas Lästiges. Die natürliche Trägheit, die im Menschen ist, wehrt sich dagegen. Und darum wird der Aristokrat des Gottesgeistes selten gleich gut aufgenommen. Sondern wo einer es wagt und ein Leben führen will mit mehr innerer Feinheit und Freiheit, mit mehr Gewissenhaftigkeit und mehr Konsequenz, mit mehr Sinn und Wert und Tiefe, als es gerade landesüblich ist, da muss er sicher zuerst von allen Seiten hören: Ach was, was bildest du dir ein, wozu willst du etwas Besonderes sein? Man spürt eben deutlich, dass alle Aristokratie der Familie und des Geldes noch gar nichts ist gegen diese Aristokratie, und darum will man gerade diese um keinen Preis gelten lassen. Warum denn so etwas Besonderes? jammert man dann gar rührend, warum es nicht machen wie alle Leute? Wir kennen sie gewiss Alle, die Redensarten, die man gegen die anzuwenden pflegt, die besser sein wollen als die Andern. Vielleicht haben wir sie selbst schon gebraucht und sicher haben wir sie schon in der Zeitung gelesen. Besserseinwollen, sagt man, das ist eine Beschränktheit. Natürlich, wie kann sich Einer erfrechen, es anders zu machen, als man’s gewohnt ist! Fragt sich nur, auf welcher Seite dabei die Beschränktheit ist! Besserseinwollen widerspricht dem «Zuge der Zeit», schreibt man in die Zeitung. Wer es dennoch tut, den nennt man einen Stündler4 oder einen Jesuiten. Allerdings! Der Zug der Zeit ist noch immer ein Bummelzug gewesen. Ein Glück, dass es daneben auch Schnellzüge gibt. Aber Besserseinwollen ist ein Zeichen von Hochmut! sagt man schließlich. Ach, wenn man doch selbst den hohen Mut fassen würde, besser sein zu wollen! Je ehrlicher man es dabei nimmt, desto sichrer würde man darauf kommen, dass es da nichts von Hochmut gibt, weil man doch immer nur in den Anfängen ist. Und sehr oft braucht es ja nicht einmal solche Einwendungen und Redensarten, sondern nur die einfache Tatsache, dass eben Niemand da ist, der mit Ernst dabei wäre, auch das |238 Bessere zu wollen. Was muss in einem Konfirmanden vorgehen, der tagtäglich in einem Kreis leben muss, in dem man tut, als ob Alles, was er im Unterricht gehört, Luft wäre? Was für ernsthafte Schwierigkeiten bereitet es sogar Erwachsenen, aufrecht zu bleiben, wenn Alles um sie herum stillschweigend das Gegenteil tut von dem, was nach ihrer Überzeugung Recht wäre. «Disi tüends au!» oder «disi tüends au nid!»5 O was liegt doch für eine Macht in dem Vorbild, das die unbestimmten «disi» uns tagtäglich geben. Was wird da aus dem Salz werden! Und was aus der Aristokratie des Gottesgeistes? Ja, da kann’s nun geschehen, dass das Salz dumm wird, das heißt, dass wir, statt uns unsrer Besonderheit zu freuen und sie tapfer zu vertreten, werden wie alle Andern auch. Das passiert oft denen am Geschwindesten, die zuerst ihren Standpunkt und ihre Überzeugung am Lautesten vertreten haben. Mir selbst ist es in meinem Leben einmal so gegangen, dass ich für immer daran denken werde.6 |

In Graubünden entspringt der Rhein als ein munterer, übermütiger Bergbach, der alle Steine vor sich hertreibt.7 In unsern Gegenden und weiter unten ist er ein mächtig wallender Strom geworden. In Holland aber ist er ein breites, trübes Gewässer geworden, das so träge dahinfließt, dass man kaum noch merkt, dass das ein Strom sein soll. Schließlich läuft er unter zahlreichen Sandbänken ins Meer. Hüt dich, hüt dich vor Versandung,8 wenn dir von Gott etwas Gutes geschenkt |239 ist! Das Dummwerden, das Versanden besteht darin, dass du den Andern nachgibst, statt dass sie dir nachgeben müssen, – dass du zu ihnen hinuntersteigst, statt dass du sie zu dir hinaufzwingst. Dann hört eben das Salz auf, Salz zu sein, auch wenn es noch so lang den Namen trägt. Der Gust ist weg und Niemand kann es mehr brauchen. Es ist einer der kläglichsten Vorgänge im geistigen Leben des Menschen, der sich da vollzieht. Ich wiederhole, dass diese Gefahr beständig uns Alle bedroht, dass wir Alle vor ihr auf der Hut sein müssen. |

Zwei Gebiete sind es, auf denen sie sich besonders bemerkbar macht. Das eine Gebiet ist das der Vergnügungen im weitesten Sinn des Wortes. Es liegt mir fern, ein Gesetz darüber aufrichten zu wollen, was ein rechter Mensch mitmachen dürfe und was nicht. Aber das meine ich allerdings: ein rechter Mensch muss auch im Vergnügen ein Aristokrat sein und bleiben. Es gibt da so viel Blödes und Geschmackloses, dass sich das Gefühl und das Gewissen in einem Jedem regen und ihn zwingen muss, sich selbst ein Gesetz und eine Grenze aufzurichten, über die er aus freien Stücken nicht hinausgehen will. Wer da meint, er könne oder müsse sogar Alles mitmachen, was etwa gemacht wird, der ist ein Charakterlump, ganz einfach. Es gibt für jeden Dinge, für die er sich zu gut sein sollte, er mag sich selbst bestimmen, was für ihn dazu gehört. Die Hauptsache ist, dass er weiß: es ist eine Grenze da, wenn ich über die heruntergehe, dann gebe ich meine Würde preis. Und da darf man sich dann weder durch das Geschrei noch durch das spöttische Lächeln der Andern irremachen lassen. Wir werden immer solchen begegnen, die von uns verlangen, wir müssten ihnen zuliebe noch etwas tiefer heruntersteigen. Es wird immer solche geben, die sagen: jetzt dürfe man in Safenwil bald nicht mehr lachen! Nur nicht nachgeben. Nur nicht solchen zu Ehren wieder ein oberflächlicher Mensch werden, der mit jedem Tingel-Tangel zu belustigen ist. |

Das andre Gebiet, an das ich jetzt denke, ist Alles, was mit dem Geld zusammenhängt. Hier helfen weniger die Worte als das Vorbild der Andern dazu, das Salz dumm zu machen. Aber vielleicht geschieht es hier auch viel wirksamer. Wer von Gott zur Gewissenhaftigkeit, |240 zur Gerechtigkeit, zur Liebe angeleitet worden ist, wer etwas weiß vom ewigen Leben, der kennt damit Dinge, die absolut wertvoller sind als der Besitz. Er weiß, dass Gott die Welt regiert, und nicht das Geld. Er wird es als ein notwendiges Übel betrachten, aber nicht seine Seele daran hängen und noch weniger seinetwegen dem Willen Gottes entgegen handeln. O wenn doch hier unser Salz nicht dumm werden müsste! Aber wie oft geschieht das! Wie sind oft die strengsten Christen, die idealst gerichteten Leute nebenbei die rabiatesten Geldmenschen, so schlimm oder schlimmer als die übrigen. Warum? Die Andern machen’s auch so. Man muss mit den Wölfen heulen, um nicht von ihnen gefressen zu werden.9 Man muss mitmachen, um nicht zu kurz zu kommen. Wenn wir uns doch erheben könnten über diese schädlichen Masseneinbildungen. Wenn wir doch nur zehn, zwanzig Leute hätten, die durch die Tat beweisen wollten, dass es für sie Gesichtspunkte gibt, die wichtiger und dringender sind als das Geldverdienen. Wie würde nur schon damit ein ganz andres Leben bei uns einkehren, wenn unser Salz an diesem einen Ort nicht dumm wäre, sondern wirksam.

Ich könnte noch Anderes nennen. Ich will es nicht tun. Tut ihr es selbst! Ich will’s nur noch einmal wiederholen: es kommt für jeden, der irgendwie und irgendwo etwas von Gott, vom höhern Leben verstanden und ergriffen hat, darauf an, seine Überlegenheit gegenüber den Andern zu behaupten. Es gilt, sich nicht irremachen zu lassen durch das Geschwätz, durch den Hochmut. Es gilt, sich zu wehren gegen das Bestreben der Andern, uns durch ihr wertes Vorbild wieder zu sich herunterzuziehen. Wir tun ihnen wahrhaftig den schlechtesten Dienst, wenn wir ihnen nachgeben. Denn dann können wir sie auch nicht mehr anführen. Ich möchte sagen: wir müssen lernen, aus Liebe zu den Andern hochmütig zu werden, das heißt, es aus Liebe zu ihnen resolut anders zu machen als sie. Die Folgen dürfen wir getrost Gott überlassen. Wo die Menschen Salz sein und bleiben wollten, da hat er noch immer dafür gesorgt, dass das Salz auch gewirkt hat. Wenn wir |241 ihm vertrauen, müssen wir ihm auch gehorsam sein. Und wenn wir ihm gehorsam sind, dann dürfen wir ihm das Vertrauen schenken, dass etwas dabei herauskommt.

Sachfußnoten

1
Barth bezieht sich auf die Definitionen der antiken Staatstheorie, innerhalb derer die «Aristokratie» die Herrschaft der an die Gesetze sich haltenden (wenigen) Besten ist; vgl. bes. Platon, Πολιτικός / Politicus, 291c–303d 📖; Aristoteles, Πολιτικά / Politica, III,6–8 📖. ↩
2
«Gust» kann im Schweizerdeutschen verwendet werden für: «Geschmack». ↩
3
Schweizerdeutsch für: «bankrottgehen». ↩
4
Spottname für die Angehörigen der pietistischen Gemeinschaft; vgl. oben, S. 84, Anm. 7. ↩
5
Schweizerdeutsch für: «die tun das auch» bzw. die tun das auch nicht». ↩
6
Möglicherweise denkt Barth an seine Studentenzeit in Bern, wo er in der Studentenverbindung «Zofingia» eben dem Alkohol sehr zugesprochen hat. ↩
7
Sowohl der Vorderrhein (Ausfluss des Tomasees) als auch der Hinterrhein (Rheinwaldhorn) entspringen im Kanton Graubünden und vereinigen sich noch dort, bei Reichenau GR, zu einem Fluss. ↩
8
In J. V. von Scheffel, Der Trompeter von Säckingen. Ein Sang vom Oberrhein, Stuttgart 1854 📖, lässt der Autor im vierten Stück, «Jung Werners Rheinfahrt», den Fluss selbst seinen Lauf schildern; über das letzte Stück bis zur Mündung heißt es dort (Scheffels Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, hrsg. von Fr. Panzer, Bd. 2, Leipzig / Wien [1919], S. 241):
Und zuletzt wird ich ein Lasttier,
Schäb’gen Krämern muß ich dienen,
Auf dem vielgeprüften Rücken
Schwimmt das niederländ’sche Treckschuyt,
Und im Sand, den ich so tödlich
Hasse, schlepp’ ich müd’ mein Dasein,
Und ich bin schon lang gestorben,
Eh’ das Meeresgrab mich aufnimmt.
Hüt’ dich, hüt’ dich vor Versandung!
↩
9
«Mit den Wölfen heulen» ist ein seit mittelhochdeutscher Zeit belegtes Sprichwort, das sich zu einer Redewendung im Sinne von «sich jeder Umgebung anpassen» verselbständigt hat; vgl. Röhrich V, S. 1742 📖. Ähnlich: «Wenn man unter den Wölfen ist, muss man mit ihnen heulen», oder: «Wer mit den Wölfen essen will, muss mit den Wölfen heulen.» ↩