Predigt: Matthäus 5,13
Ein rechter Mensch muss ein Aristokrat sein. – |
Ich weiß, dass es euch wundern wird, das von mir zu hören; denn ich weiß, dass ihr euch unter einem Aristokraten etwas sehr Unerfreuliches vorstellt. Was das ist, dahinter bin ich noch nicht so recht gekommen, ich merke nur so viel, dass ihr irgendwie an vornehme Leute denkt, die es zeitlebens gut haben, die darum das Leben von einfachen Bauern und Arbeitern nicht kennen und verächtlich auf sie heruntersehen. Daneben gibt es dann auch allerlei besondere Begriffe von dem Worte: Für den Einen fangen die Aristokraten schon bei denen an, die sich durch eine bessere Kleidung, vielleicht durch einen Stehkragen, vor den Übrigen auszeichnen. Für den Andern ist der ein Aristokrat, der seinen eigenen Weg geht, statt sich regelmäßig oder doch öfters im Wirtshaus mit dem Herrn Jedermann zu unterhalten und zu beraten. Wieder für Andre ist eine allzu feine Bildung oder allzu guter Geschmack ein verdächtiges Zeichen von Aristokratie. Und natürlich gibt es auch solche, die wittern dieses schlimme Übel, sobald ihnen etwas begegnet, was ihnen auch nur von ferne als allzu ernste und strenge Frömmigkeit vorkommt. Kurzum, das Wort hat einen bösen Klang, es ist ein feindseliges Schlagwort für die Politik und für die Dorfpolitik. Und nun nehme ich es trotzdem in den Mund und wiederhole: ein rechter Mensch muss ein Aristokrat sein.
Wie meine ich das? Ich halte mich an das, was das Wort Aristokratie wörtlich bedeutet. Es stammt aus dem öffentlichen Leben des alten Griechenland, wo es eine bestimmte Form der Staatsverfassung bedeutete. Wörtlich übersetzt heißt es: Herrschaft der Besten. Ein Aristokrat war also einer, der etwas galt, der Einfluss und Regierungsgewalt besaß, weil er einer von den Besten war.1 Es ist also ganz richtig, |232 was man beim Klang dieses Fremdwortes gewöhnlich empfindet: Die Menschen sind und waren schon im alten
Freilich hat diese Aristokratie andre Merkmale, als was man gewöhnlich so heißt. Für Jesus gehört man noch nicht zu den Besten, die herrschen sollen und durchdringen in der Welt, etwa weil man besser geschult ist als Andre. Noch weniger deshalb, weil man aus einer «guten Familie» stammt, wie man das nennt. Und noch viel weniger deshalb, weil man Geld hat. Alle solche Aristokratie anerkennt Jesus nicht im Geringsten. Sie ist Luft und Schein. Aber das heißt nicht, dass alle Menschen gleich seien und gleich bleiben müssten, wie man so oft oberflächlicher Weise sagen hört. Viel eher müsste man sagen: dass alle Menschen gleich werden müssen. Aber nicht so, dass die Besseren und Besten heruntergezogen werden auf den Standpunkt der Übrigen, sondern so, dass die noch unten Stehenden hinaufgezogen werden. Und wenn das geschehen soll, dann muss es Solche geben, die oben stehen. Das sind die, von denen Jesus gesagt hat: ihr seid das Salz der Erde! Ihr seid Aristokraten und müsst wissen, dass ihr es seid! Jawohl, es gibt Unterschiede unter den Menschen, gerade in der großen Hauptsache des Lebens. Es gibt Solche, denen es von Gott geschenkt ist, der eigentlichen Bestimmung der Menschen sehr viel näher zu sein |233 als Andre. Sie sind durch die Umgebung, in der sie aufgewachsen sind, und durch die Erfahrungen, die sie durchgemacht haben, besser erzogen worden als die Andern, denen das gefehlt hat. Sie sind unter feinen, rücksichtsvollen Menschen aufgewachsen, und so ist ihr Gefühl und ihr Gewissen selbst fein und empfindlich geworden. Sie haben harte Kämpfe und Anstrengungen erlebt und ihr Wille ist darin kraftvoll und unbeugsam geworden. Sie sind durch Glück und Unglück in ihrem Leben von der Oberfläche in die Tiefe geleitet worden, sie sind nachdenklich geworden, sie haben den verborgenen Gott kennengelernt. Sie haben viel Liebe erfahren, und so ist es ihnen leicht und selbstverständlich geworden, wiederum zu lieben. Schon in diesem ihrem zeitlichen Leben ist, wenn auch unter viel Irrtum und Schwachheit, viel ewiges Leben. In dieser Lage waren die Jünger Jesu. Denn durch Jesu Vorbild und Anweisung waren sie angeleitet zur Gotteserkenntnis und zum Lebensernst, zur Güte und zur Wahrheit, ganz anders als ihre sämtlichen Zeitgenossen. |
Aber in dieser Lage sind auch wir. Denn in irgend einer Beziehung ist auch jeder von uns reicher an ewigem Leben als Andre. Wir brauchen uns bloß einmal über uns selbst zu besinnen, um uns zu überzeugen, jedes von uns, dass es in einer bestimmten Hinsicht besser zum Guten, zum Göttlichen angeleitet worden ist als das große Heer der übrigen Menschen. Jeder kann da etwas Ausnahmsweises bei sich selbst entdecken. Jeder darf sich sagen, dass er, und wenn es auch nur in einem geringfügigen Punkt wäre, dazu veranlagt ist, zu den Besten zu gehören. Ich glaube nun aber auch, dass Jeder sich dieser seiner ausnahmsweisen Stellung zu Gott bewusst werden muss. Wir müssen uns klar werden darüber, dass es eine Auszeichnung bedeutet, ein feines Gefühl und Gewissen oder einen starken Willen, einen tiefen Sinn oder ein liebevolles Herz zu haben, dass es etwas Besonderes ist, ein Jünger Jesu zu sein, und wenn wir es auch nur in recht bescheidenem Maß wären. Wir sollen es wissen, ja, wir sollen stolz sein darauf, wenn Gott uns irgendwo und irgendwie näher zu sich gezogen hat. Das habe ich gemeint, wenn ich sagte: ein rechter Mensch muss ein Aristokrat sein! Und das meinte auch Jesus, als er seine Jünger über ihre eigene Bedeutung aufklärte mit dem Wort: ihr seid das Salz der Erde! – |
234 Aber nun ist es freilich mit diesem Stolz, mit diesem Selbstbewusstsein des rechten Menschen, des Christen, eine eigentümliche Sache. Wenn wir ihn recht auffassen wollen, müssen wir uns vor Augen halten, dass Jesus wenige Zeilen vorher im Evangelium gesagt hat:
Selig sind, die da geistlich arm sind! [
Wir wollen am nächsten Sonntag in einer Predigt über den Text: «Ihr seid das Licht der Welt!» [
Wir haben allen Grund, diesen Fall sehr ernst zu nehmen, meine Freunde. Denn wenn es wahr ist, was wir gesagt haben, dass Jedes unter uns Salz sein kann und soll gegenüber den übrigen Menschen, nämlich etwas Besonderes, ein Mensch mit einer eigenartigen Gottesgabe und darum mit dem stolzen Beruf, damit auf die Menschen zu wirken, so wird auch das Andre wahr sein, dass Jedes von uns in der Gefahr steht, ein dummes Salz oder ein verlumpter Aristokrat zu werden. Wir wollen uns vor Allem klar zu machen suchen, wie es zu diesem traurigen Fall kommt. Ein rechter Mensch muss sich von den Andern zu seinen Gunsten unterscheiden, er muss ihnen überlegen sein, sagten wir. Denn nur wenn er ihnen überlegen ist, kann er ihnen helfen. Das klingt nun in der Theorie ganz schön, aber in der Praxis macht man immer und überall die Beobachtung, dass diese Andern absolut keine Freude haben an überlegenen Menschen. Schon das besser gefüllte Portemonnaie oder das bessere Kleid eines Menschen erweckt bekanntlich bei vielen Andren höchst unlustige und unfreundliche Empfindungen; noch viel mehr aber gilt das von der Aristokratie derer, die Gott näher gekommen sind und das Leben tiefer erfassen als die Andern. Das kommt denen, die nicht soweit sind, zunächst immer als etwas Unangenehmes vor. Das ist wohl uns Allen auch schon so gegangen. Wenn wir bemerkten, dass Andre in unsrer Umgebung plötzlich nicht mehr den Allerweltsweg gingen, auf dem wir selbst waren, plötzlich höhere Anforderungen an sich selbst und die Andern stellten, da empfanden wir das, auch wenn es uns direkt nicht störte, als eine Belästigung. |
Ich möchte als bekanntestes Beispiel nur die Tatsache nennen, dass Alkoholabstinente noch immer in vielen Gesellschaftskreisen als et|237was Peinliches empfunden werden. Die Frage wäre einer besondern Erörterung wert, warum das so ist. Wahrscheinlich, weil die Andern in jedem, der eine höhere Lebensstufe erstiegen hat, eine stille Aufforderung vernehmen: du solltest es eigentlich auch so machen! Das Salz wirkt eben. Aber zuerst ist eine solche Aufforderung zweifellos etwas Lästiges. Die natürliche Trägheit, die im Menschen ist, wehrt sich dagegen. Und darum wird der Aristokrat des Gottesgeistes selten gleich gut aufgenommen. Sondern wo einer es wagt und ein Leben führen will mit mehr innerer Feinheit und Freiheit, mit mehr Gewissenhaftigkeit und mehr Konsequenz, mit mehr Sinn und Wert und Tiefe, als es gerade landesüblich ist, da muss er sicher zuerst von allen Seiten hören: Ach was, was bildest du dir ein, wozu willst du etwas Besonderes sein? Man spürt eben deutlich, dass alle Aristokratie der Familie und des Geldes noch gar nichts ist gegen diese Aristokratie, und darum will man gerade diese um keinen Preis gelten lassen. Warum denn so etwas Besonderes? jammert man dann gar rührend, warum es nicht machen wie alle Leute? Wir kennen sie gewiss Alle, die Redensarten, die man gegen die anzuwenden pflegt, die besser sein wollen als die Andern. Vielleicht haben wir sie selbst schon gebraucht und sicher haben wir sie schon in der Zeitung gelesen. Besserseinwollen, sagt man, das ist eine Beschränktheit. Natürlich, wie kann sich Einer erfrechen, es anders zu machen, als man’s gewohnt ist! Fragt sich nur, auf welcher Seite dabei die Beschränktheit ist! Besserseinwollen widerspricht dem «Zuge der Zeit», schreibt man in die Zeitung. Wer es dennoch tut, den nennt man einen Stündler4 oder einen Jesuiten. Allerdings! Der Zug der Zeit ist noch immer ein Bummelzug gewesen. Ein Glück, dass es daneben auch Schnellzüge gibt. Aber Besserseinwollen ist ein Zeichen von Hochmut! sagt man schließlich. Ach, wenn man doch selbst den hohen Mut fassen würde, besser sein zu wollen! Je ehrlicher man es dabei nimmt, desto sichrer würde man darauf kommen, dass es da nichts von Hochmut gibt, weil man doch immer nur in den Anfängen ist. Und sehr oft braucht es ja nicht einmal solche Einwendungen und Redensarten, sondern nur die einfache Tatsache, dass eben Niemand da ist, der mit Ernst dabei wäre, auch das |238 Bessere zu wollen. Was muss in einem Konfirmanden vorgehen, der tagtäglich in einem Kreis leben muss, in dem man tut, als ob Alles, was er im Unterricht gehört, Luft wäre? Was für ernsthafte Schwierigkeiten bereitet es sogar Erwachsenen, aufrecht zu bleiben, wenn Alles um sie herum stillschweigend das Gegenteil tut von dem, was nach ihrer Überzeugung Recht wäre. «Disi tüends au!» oder «disi tüends au nid!»5 O was liegt doch für eine Macht in dem Vorbild, das die unbestimmten «disi» uns tagtäglich geben. Was wird da aus dem Salz werden! Und was aus der Aristokratie des Gottesgeistes? Ja, da kann’s nun geschehen, dass das Salz dumm wird, das heißt, dass wir, statt uns unsrer Besonderheit zu freuen und sie tapfer zu vertreten, werden wie alle Andern auch. Das passiert oft denen am Geschwindesten, die zuerst ihren Standpunkt und ihre Überzeugung am Lautesten vertreten haben. Mir selbst ist es in meinem Leben einmal so gegangen, dass ich für immer daran denken werde.6 |
In
Zwei Gebiete sind es, auf denen sie sich besonders bemerkbar macht. Das eine Gebiet ist das der Vergnügungen im weitesten Sinn des Wortes. Es liegt mir fern, ein Gesetz darüber aufrichten zu wollen, was ein rechter Mensch mitmachen dürfe und was nicht. Aber das meine ich allerdings: ein rechter Mensch muss auch im Vergnügen ein Aristokrat sein und bleiben. Es gibt da so viel Blödes und Geschmackloses,
dass sich das Gefühl und das Gewissen in einem Jedem regen und ihn zwingen muss, sich selbst ein Gesetz und eine Grenze aufzurichten, über die er aus freien Stücken nicht hinausgehen will. Wer da meint, er könne oder müsse sogar Alles mitmachen, was etwa gemacht wird, der ist ein Charakterlump, ganz einfach. Es gibt für jeden Dinge, für die er sich zu gut sein sollte, er mag sich selbst bestimmen, was für ihn dazu gehört. Die Hauptsache ist, dass er weiß: es ist eine Grenze da, wenn ich über die heruntergehe, dann gebe ich meine Würde preis. Und da darf man sich dann weder durch das Geschrei noch durch das spöttische Lächeln der Andern irremachen lassen. Wir werden immer solchen begegnen, die von uns verlangen, wir müssten ihnen zuliebe noch etwas tiefer heruntersteigen.
Es wird immer solche geben, die sagen: jetzt dürfe man in
Das andre Gebiet, an das ich jetzt denke, ist Alles, was mit dem Geld zusammenhängt. Hier helfen weniger die Worte als das Vorbild der Andern dazu, das Salz dumm zu machen. Aber vielleicht geschieht es hier auch viel wirksamer. Wer von Gott zur Gewissenhaftigkeit, |240 zur Gerechtigkeit, zur Liebe angeleitet worden ist, wer etwas weiß vom ewigen Leben, der kennt damit Dinge, die absolut wertvoller sind als der Besitz. Er weiß, dass Gott die Welt regiert, und nicht das Geld. Er wird es als ein notwendiges Übel betrachten, aber nicht seine Seele daran hängen und noch weniger seinetwegen dem Willen Gottes entgegen handeln. O wenn doch hier unser Salz nicht dumm werden müsste! Aber wie oft geschieht das! Wie sind oft die strengsten Christen, die idealst gerichteten Leute nebenbei die rabiatesten Geldmenschen, so schlimm oder schlimmer als die übrigen. Warum? Die Andern machen’s auch so. Man muss mit den Wölfen heulen, um nicht von ihnen gefressen zu werden.9 Man muss mitmachen, um nicht zu kurz zu kommen. Wenn wir uns doch erheben könnten über diese schädlichen Masseneinbildungen. Wenn wir doch nur zehn, zwanzig Leute hätten, die durch die Tat beweisen wollten, dass es für sie Gesichtspunkte gibt, die wichtiger und dringender sind als das Geldverdienen. Wie würde nur schon damit ein ganz andres Leben bei uns einkehren, wenn unser Salz an diesem einen Ort nicht dumm wäre, sondern wirksam.
Ich könnte noch Anderes nennen. Ich will es nicht tun. Tut ihr es selbst! Ich will’s nur noch einmal wiederholen: es kommt für jeden, der irgendwie und irgendwo etwas von Gott, vom höhern Leben verstanden und ergriffen hat, darauf an, seine Überlegenheit gegenüber den Andern zu behaupten. Es gilt, sich nicht irremachen zu lassen durch das Geschwätz, durch den Hochmut. Es gilt, sich zu wehren gegen das Bestreben der Andern, uns durch ihr wertes Vorbild wieder zu sich herunterzuziehen. Wir tun ihnen wahrhaftig den schlechtesten Dienst, wenn wir ihnen nachgeben. Denn dann können wir sie auch nicht mehr anführen. Ich möchte sagen: wir müssen lernen, aus Liebe zu den Andern hochmütig zu werden, das heißt, es aus Liebe zu ihnen resolut anders zu machen als sie. Die Folgen dürfen wir getrost Gott überlassen. Wo die Menschen Salz sein und bleiben wollten, da hat er noch immer dafür gesorgt, dass das Salz auch gewirkt hat. Wenn wir |241 ihm vertrauen, müssen wir ihm auch gehorsam sein. Und wenn wir ihm gehorsam sind, dann dürfen wir ihm das Vertrauen schenken, dass etwas dabei herauskommt.