26. Mai 1912

Predigt: Psalm 51,14b (Pfingsten)

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Pfingsten
Psalm 51,14b
Rüste mich aus mit einem freudigen Geist!
Liebe Gemeinde!

Am heutigen Tag denken wir daran, wie der heilige Geist am Pfingstfest in Jerusalem die Jünger Jesu ergriffen und erfüllt hat. Unter Brausen vom Himmel und unter Erscheinung von Feuerflammen, wird uns erzählt. Das ist der Geburtstag nicht des Reiches Gottes auf Erden, aber der christlichen Kirche gewesen; denn von da an haben sich die Jünger als Apostel gefühlt, das heißt, als Sendboten ihres gekreuzigten und lebendigen Herrn, von da an sind sie hinausgegangen, um Menschen zu fischen in der Nähe und in der Ferne [vgl. Lk. 5,10], von da an hat es die Welt zu spüren bekommen, dass das Reich Gottes jetzt nahe herbeigekommen sei [vgl. Mk. 1,15].

Aber was wir heute hören wollen, soll nicht bloß eine Erinnerungsfeier sein, sondern wenn wir an den heiligen Geist denken, der zu den ersten Jüngern Jesu gekommen ist, wollen wir die Frage in uns aufsteigen lassen, ob wir ihn auch haben und das Gebet und die Sehnsucht, er möchte auch zu uns kommen. Es handelt sich um unser gegenwärtiges, jetziges Leben. Wissen wir auch etwas von der neuen Geburt, die es gibt, wenn der Geist weht? Sind wir auch Sendboten Jesu? Können wir in irgend einem Sinn von uns sagen, dass wir daran seien, Menschen zu gewinnen? Spürt man in unsrer Ruhe etwas von der Ruhe des Reiches Gottes? Ach, wenn wir doch mit einem freudigen Ja! antworten könnten! |

Aber ich will nun diese Pfingstfrage noch deutlicher ausdrücken: Haben wir den freudigen Geist, meine Freunde, von dem im Psalm die Rede ist? Der heilige Geist der Pfingsten war ganz zweifellos vor Allem ein freudiger Geist, das spüren wir ganz deutlich, wenn wir die Geschichte im Neuen Testament [vgl. Act. 2] lesen. Wissen wir auch etwas davon? Ich glaube, da müssen wir nun gleich bekennen, dass wir |222 wenig oder gar nichts davon wissen und dass wir allen Anlass haben, uns innerlich zu öffnen mit dem demütigen Verlangen: Komm, heil’ger Geist, erfülle unsre Herzen!1 An Geist fehlt es uns freilich nicht. Es mag wenig Leute geben in unsrer Gemeinde, die sich überhaupt gar nicht mit irgendwelchen höhern Dingen beschäftigen. Ich denke an die mancherlei religiösen Versammlungen in unserm Dorf mit all dem Verschiedenartigen, was da den verschiedenen Gemütern geboten wird. Ich denke an die zahlreichen fleißigen oder sogar regelmäßigen Kirchgänger. Ich denke an die treue Arbeit, die Tag für Tag in der Schule an der Jugend geleistet wird. An die Vielen, die Freude haben, Bücher zu lesen und Vorträge zu hören. An die Sozialisten und an die Freunde eines guten Gesanges und an unsre Abstinenzbewegung in ihren verschiedenen Färbungen. Das Alles ist doch Geistesleben, wenn auch das Geistliche nicht immer und überall im Vordergrund steht. Ja, wenn man so daran denkt, was oft an einem einzigen Abend in Safenwil Alles geht von solchen höhern Betätigungen, könnten wir sagen und uns rühmen: Es ist viel Geist da an einem kleinen Ort. Aber wir wollen uns doch zuerst fragen, ob der Geist, den wir da auf so mancherlei Weise pflegen, dann auch freudiger Geist sei, wie es der heilige Geist sein müsste? |

Ich möchte die Freunde, die in die verschiedenen Versammlungen2 gehen, fragen, ob sie das ehrlich von sich sagen können. Ob’s unter ihnen kein Murren, keine Unzufriedenheit, keine Kleinlichkeiten gibt? Ob das entschiedene Christentum, das sie pflegen, auch etwas Freudiges ist, etwas, das Sonnenwärme ausstrahlt und die Andern erfreuen und anziehen muss? Ich möchte die Freunde unsrer Landeskirche fragen, ob wir hier in diesem Raum wirklich immer in einem freudigen Geist zusammenkommen und wieder auseinandergehen? |223 Ob nicht schon oft die Gleichgiltigkeit, die Oberflächlichkeit, die Äußerlichkeit im Stillen regiert haben in unsern Gottesdiensten und in unsern Kirchenpflegssitzungen3? Ob die Momente nicht im Grunde selten sind, wo wir nicht bloß geistlich beschäftigt sind, sondern freudig geworden im heiligen Geist!? Und wie steht’s in der Schule? Wo sollte mehr Geist zu verspüren sein als hier, wo die Jugend geweckt und gebildet wird!? Aber ist dieser Geist auch immer ein freudiger Geist? Regiert da immer und überall ein freier, würdiger Ton zwischen Lehrern und Schülern? Spürt man durch Alles hindurch einen Zug von Liebe und Verständnis, einen Zug von Leben, der alles Mechanische, Sklavenhafte, Künstliche beseitigt? Sind wir soweit? Ich möchte dieselbe Frage an unsre Sozialisten richten. Ihre Sache ist eine große Geistessache. Vielleicht die größte in unsrer Gegenwart. Aber nur für den, der den Geist wirklich hat. Der Name und die Zugehörigkeit zu einem Verein tut’s hier so wenig wie anderwärts. Ob ihr den Geist habt, das erkennt aber auch ihr daran, ob es ein freudiger Geist ist. Fröhliche Leute müsstet ihr sein, da ihr eine so große und schöne Sache zu vertreten habt. Anspüren müsste man es euch, dass ihr über den Geldgeist und über den kleinen, persönlichen Zank- und Schimpfgeist hinaus seid. Begeisterte und darum innerlich befreite Menschen müsstet ihr sein. Ja seid ihr’s denn? Und wieder möchte ich das all unsre Safenwiler Sänger und Sängerinnen fragen können. Die Kunst, die sie pflegen, ist eine ganz besonders feine Form des Geisteslebens. Aber ist er denn auch wirklich da in euren Gesangvereinen, jener freudige Geist, der allein echter Geist ist? Ist’s euch nie vorgekommen, dass ihr vom Frühling und vom Vaterland und von der Liebe gesungen habt oder auch von Jesus und von der Seligkeit, aber nachher wart ihr gerade so trocken und launisch wie vorher, ja, vielleicht seid ihr noch am selben Abend wegen irgend einer Kinderei aneinander geraten? Ja, glaubt ihr, euer Singen, und wäre es noch so schön, habe irgend einen Wert, wenn es nicht den freudigen Geist in euch weckt und wachhält, der aufwärts strebt und darum den Zank und den Klatsch und die Dorfpolitik hinter sich lassen muss? Habt ihr diesen Geist? Und endlich dieselbe Frage an unsre Abstinenten, hei|224ßen sie nun Guttempler4 oder Blaukreuzler5. Auch wir stehen an einer großen Sache, nichtwahr, an einem Unternehmen, das für unser Volk und unsre Kultur von der größten Bedeutung ist. Auch wir stehen an einer Geistessache. Aber das ist die große Frage, ob wir auch mit freudigem Geist daran stehen. Es gibt so viele langweilige, griesgrämliche Abstinenten, denen man es von Weitem ansieht, dass sie das Bewusstsein haben, etwas Extra-Schwieriges und darum Extra-Gutes zu tun, und die darum auf die Andern eher einen missgünstigen und darum unerfreulichen Eindruck machen. Das dürfte um keinen Preis sein. Wer den Kampf gegen einen Feind wie den Alkoholismus auf sich genommen und damit allerdings einem Vergnügen entsagt hat, der müsste sich als erstes Gebot das Wort Jesu merken: Wenn ihr fastet, so sollt ihr nicht sauer sehen wie die Heuchler! [Mt. 6,16] Das heißt mit andern Worten: Ihr sollt fröhliche Leute sein! Sind wir das, liebe Abstinenten? – |

Nichtwahr, wenn wir Alle, welches auch unser Kreis und unsre Interessen sein mögen, uns so fragen, dann müssen wir uns gestehen: wir haben wohl allerlei Geister in Safenwil: religiöse, ideelle, wissenschaftliche, politische, und das ist schön und gut. Aber was uns fehlt oder doch fast ganz fehlt, das ist der Geist der Freude, der alle diese Geister beherrschen müsste; was uns fehlt, das ist der Schwung, das Leuchtende, Mitreißende, das Lebendige, Notwendige. Wir treiben wohl dies und das, aber wir lassen uns nicht so durchdringen von dem, was wir treiben, wie wir’s müssten, um auf diesem oder jenem Gebiet rechte Geistesmenschen zu sein. Die Etikette, der Zeddel verspricht überall mehr, als der Inhalt hält. Hier heißt’s: Reich Gottes, hier heißt’s: Kultur und Bildung, hier heißt’s: Kunst, und hier heißt’s: Fortschritt! Aber wenn man dahinter sieht, sind doch überall und überall nur Menschen, oft sehr kleine Menschen mit ihren Geldgedanken und Ehrgeizgedanken, mit ihren Launen und Abneigungen und Steckköpfigkeiten6. Der Geist, den wir von allen Seiten so eifrig |225 pflegen, müsste uns mehr verwandeln, meine Freunde, man müsste es uns mehr anmerken, dass wir mit so großen Dingen beschäftigt sind, wir Alle. Es müsste ein freudiger, das heißt, ein lebendiger Geist walten in allen unsren geistigen Beschäftigungen. Der fehlt uns; wir wollen offen sein. Ich wüsste im ganzen Dorf von denen, die ich kenne, vielleicht vier oder fünf Personen, von denen ich rückhaltlos und ohne Zaudern sagen dürfte: die haben nun den freudigen Geist. Die sind nicht kleinlich, nicht gleichgiltig und oberflächlich, nicht mechanisch, die schimpfen und brummen nicht, die zanken und klatschen nicht, die sind keine Langweiler und keine Griesgrame. Sondern die haben sich von dem Wenigen oder Vielen, was ihnen an Geistesleben zugänglich war, erfassen und erfüllen lassen, die leben nun darin und leben davon. Die sind nun wirkliche Geistesmenschen. Ich zähle mich nicht zu diesen Wenigen. Wir Übrigen Alle haben den freudigen Geist entweder gar nicht oder nur spärlich und stückweise, dafür aber mehr oder weniger von jenen unangenehmen Eigenschaften, die weder mit Freude noch mit Geist etwas zu schaffen haben.

Und weil dem so ist, wollen wir uns heute, am Pfingsttag, wieder einmal sehnsüchtig danach ausstrecken. Denn der heilige Geist, den die Jünger Jesu damals empfangen haben, das war sicher ein freudiger Geist. Erinnert euch nur, wie sie anfingen, in Begeisterung zu reden zu den Leuten aus aller Herren Länder, die in Jerusalem beieinander waren [vgl. Act. 2,1–11]. Und an Petrus, den vorher so furchtsamen, der jetzt vor alles Volk hintritt und klar und unerschrocken Zeugnis gibt von seinem Herrn [vgl. Act. 2,14–36]. Und schließlich an die opferwillige, schlichte Gemeinschaft, in der sich die junge Christengemeinde nachher zusammenfand [vgl. Act. 2,42–47]. Diese Leute hatten auch Geist und Geistesleben, aber eben freudigen Geist, nicht oberflächlichen, kleinlichen, langweiligen Geist. Anders als wir. Diesen Pfingstgeist, den wirklichen, echten, den freudigen Geist sollten wir auch haben. Rüste mich aus damit! betet der Psalmsänger und sagt uns damit, dass wir ihn nicht machen können, sondern dass wir ihn uns schenken lassen müssen durch ernste Selbstprüfung und durch tief inwendiges, eindringendes Gebet.

Aber jetzt wollen wir näher überlegen, wie er denn aussieht, dieser freudige Geist, und woran wir erkennen können, ob wir ihn haben und ob wir ihn vollständig haben. Da ist vor Allem zu sagen, dass der Geist |226 in seinem Wesen Ruhe ist. Die wenigen Menschen, die ihn völlig besitzen, sagen uns, dass sie etwas Unerschütterliches, Bestimmtes, etwas Ewiges gefunden haben, dass sie von den Schwankungen des Lebens nicht mehr aus dem Gleichgewicht gebracht werden können. Wenn wir Andern bei aller Beschäftigung mit geistigen Dingen nicht jenen freudigen Geist verspüren, so liegt das in erster Linie daran, dass wir jenen Schwankungen des Lebens noch ausgeliefert sind, dass wir noch nicht festen, unbeweglichen Boden unter den Füßen gewonnen haben. Ein Geistesmensch hat Ruhe in seinem Gewissen. Das will nicht sagen, es sei eingeschlafen oder er habe es nicht mehr nötig. Nein, es redet beständig in ihm, feiner und nachdrücklicher als in Andern sogar, aber es stört ihn nicht mehr, sondern es weist ihn vorwärts. Es führt ihn nicht mehr in Stürme hinein, sondern es leitet ihn wie der Polarstern das Schiff in einer klaren Nacht. Und mit der Ruhe im Gewissen kommt auch die Ruhe gegenüber dem äußern Leben und seinen Übeln. Ich will nur eins nennen: die Ruhe gegenüber dem Geld. Wenn uns die Geldfragen nicht innerlich völlig kalt lassen, wenn wir nicht einsehen, dass es dumm und überflüssig ist, uns darüber aufzuregen, solange wir noch ein Stück Brot unter Händen haben – wenn wir nicht überlegen werden gegenüber dem Geld, werden wir keine Geistesmenschen. Wir mögen dann lange Politik und Kunst und Bildung kultivieren und noch so lange das Christentum, der freudige Geist bleibt sicher aus, solange uns das Geld etwas Wichtiges ist, solange wir nicht gelernt haben, es ruhig zu nehmen. Ich habe Menschen gekannt, die haben sich bewusst vorgenommen, das Geld nie als etwas Ernsthaftes zu behandeln, sondern immer nur als eine offenkundige Nebensache. Es ist ihnen oft schwer geworden, aber sie haben es im Großen und Ganzen durchgeführt. Reich sind sie nicht geworden, aber den freudigen Geist haben sie gefunden und behalten. Was wollen wir lieber? |

Dieselbe Ruhe müssen wir aber gewinnen den Menschen gegenüber. Denkt, wie gerade Petrus in der Pfingstgeschichte diese Ruhe bewahrt hat! [vgl. Act. 2,14–21] Die Mitmenschen mit ihren Fehlern sind immer eine Gefahr für uns. Nicht nur des sogenannten schlechten Beispiels wegen. Sondern viel öfter so, dass ihre Fehler uns zu ganz andren Fehlern auffordern. Ein anmaßender, herrischer Mensch macht uns kriecherisch, ängstlich, feig – ein dummer oder boshafter |227 Mensch macht uns zornig – ein lasterhafter Mensch macht uns hochmütig. So stehen wir in der Regel zu den Fehlern unsrer Mitmenschen. Und darum bleibt der freudige Geist aus. Wir müssten lernen ruhig werden. Ruhe heißt auch hier Überlegenheit. Wir müssten soweit überlegen sein über uns selbst und die Andern, um uns zu sagen, dass ihre Fehler uns auf keinen Fall das Recht geben, auch Fehler zu begehen. Es müsste uns in Fleisch und Blut übergehen, dass Unrecht nicht durch Unrecht, sondern nur durch Recht überwunden werden kann. O meine Freunde, wenn ihr nur diesen einen Grundsatz: Ruhe gegenüber den Andern! mitnehmen wolltet an nun lobenswerten geistigen Bestrebungen aller Art, ich glaube, dann würde jene tiefe innerliche Freude bei uns einziehen, die wir jetzt noch vermissen müssen. – |

Aber Freude ist mehr als Ruhe. Der freudige Geist, um den wir heute bitten wollen, ist der Geist der Willigkeit. Es gibt eine Ruhe, eine Gelassenheit, die mit dem heiligen Geist der Apostel sehr wenig gemein hat, ja, die das Gegenteil davon ist. Wo ein Mensch jenes Unerschütterliche, Ewige gefunden hat, da kann er doch nicht still und kalt bleiben, sondern er muss zugreifen und etwas tun. Das sehen wir wieder an den Jüngern Jesu in der Pfingstgeschichte [vgl. Act. 2,37f.]. Wie handeln diese Menschen, erleuchtet von einem großen Gedanken und getrieben von einer großen Kraft. Erleuchtet! Getrieben! Das ist das große Geheimnis. Das heißt Willigkeit. Unser Geistesleben ist so oft etwas Unfreudiges, weil wir unwillig dabei sind. Seht, in allen geistigen Bestrebungen, denen wir uns anschließen können, von einer religiösen Gemeinschaft bis zum Gesangverein, in Allem, was gut ist, ist ein Zug verborgen, eine Anforderung, die leise an uns ergeht: Sei recht dabei, tu dein Bestes. Ob wir diesen Zug spüren und ihm folgen, das ist die Frage der Willigkeit. Es sind immer Viele, vielleicht die Meisten, die da und dort mitmachen, wie man sagt, aber sie sind nirgends willig, sie sind nirgends mit der Seele dabei. |

Ich will nun sagen, was das heißt: willig sein. Das heißt vor Allem: aufrichtig sein mit sich selber. Die Willigkeit, ohne die es keinen freudigen Geist gibt, müsste damit anfangen, dass einmal jeder und jede von uns hier in der Kirche oder in der Versammlung oder in der Sitzung seiner Behörde oder seines Vereins sich plötzlich und ehrlich fragte: Sag, was tust du eigentlich hier? Gehörst du hieher, ja oder |228 nein! Es würde dann mehr als einer entdecken, dass er im Grunde ganz andere Interessen und Wünsche hat als die, welche zu jenem Zug passen, der in der Bestrebung ist, bei der er «mitmacht». Manch Einer würde zum Beispiel entdecken, dass er im Grunde ganz etwas Anderes meint und will vom Leben als das, was er von Zeit zu Zeit in der Kirche anzuhören kommt. Manch Einer würde entdecken, dass er in einem Verein oder in einer Behörde, in die er zufällig hineingeraten ist, im Grunde nichts zu suchen hat, weil ihm der Zug, der darin herrscht oder herrschen sollte, fremd ist. Solche Aufrichtigkeit gegen sich selbst gäbe zunächst vielleicht große und unangenehme Überraschungen. Aber dann hätte sie auch den Segen im Gefolge, den die Wahrheit immer hat: es würde keiner mehr sich mit Dingen beschäftigen, die ihm im Grunde unsympathisch oder doch gleichgiltig sind. Es blieben dann überall nur noch die übrig, die wirklich und im Ernst etwas wollen. Und für die würde dann die zweite Hälfte der Willigkeit lauten: streng sein mit sich selbst. Ohne das geht es nicht ab. Der heilige Geist ist der Geist der Wahrheit, aber auch der Geist der Zucht [vgl. 2.Tim. 1,7]. Wo wir einmal stehen, wo wir uns aufrichtig und bewusst hingestellt haben, da sollten wir dann auch mit Leib und Seele zu finden sein. Streng sein mit sich selbst – das heißt: Wenn ich einmal begriffen habe, was meine Aufgabe ist auf dem großen Arbeitsfeld des Geistes, dann darf ich diese Aufgabe nicht mehr verlassen: Nicht wegen der Schwierigkeiten, die sich einstellen werden, denn die sind nur ein Zeichen, wie nötig die Sache ist. Nicht wegen unangenehmer Menschen, mit denen ich vielleicht zusammenarbeiten muss, denn es ist eine Weichlichkeit, eine gute Sache im Stich zu lassen, weil mir dieser und jener nicht gefällt, der auch dabei ist. Aber auch nicht wegen des Verleiders7, der sich unvermeidlich einstellt, wenn man längere Zeit irgendwo gewirkt hat. Der Verleider ist nur eine Stimmung. Wenn man sie nicht beachtet, geht sie vorüber. Es gilt streng zu sein gegenüber allen solchen Gelüsten. Der rechte freudige Geist kommt sicher erst, wenn wir einmal oder einige Mal zu solchen Gelüsten: Nein gesagt haben. Denn die Willigkeit ist um so freudiger, je mehr sie in der Überlegung [?] gefestigt und im Kampf bewährt ist. – |

229 Dann würde ich aber schließlich noch Eines sagen über den freudigen Geist des Psalmsängers. Er ist darum freudig, weil er in seinem innersten Wesen tiefster Ernst ist. Ihr habt das vielleicht auch schon an euch selbst beobachtet, dass wir immer dann am Vollendetsten fröhlich sein können, wenn die Freude aus dem vollendeten Ernst herauswächst. Mit diesem Gedanken möchte ich heute schließen. Er wird uns gerade durch die Pfingstgeschichte nahegelegt. Dieser Eifer, dieser Jubel, mit dem die Jünger ihre Botschaft unter das Volk werfen. Und doch sind diese Jünger nur durch fünfzig Tage vom Kreuzestod ihres Meisters entfernt. Ist der Ernst jener Tage von ihnen gewichen? Nein, nichts ist verloren davon. Aber was dann zu Tage tritt, das ist Freude und gar nichts Anderes. Der Ernst des Lebens kann nicht besser zum Ausdruck kommen denn in der Freude. Denn auch das Ernsteste ist ja nicht etwas Trauriges, Düsteres, Schlechtes, sondern etwas Großes und Schönes. Wenn wir es recht in uns aufgenommen haben, dann muss es als Freude wieder zum Vorschein kommen. Dann müssen wir aber auch sagen: Die rechte Freude ist nur die, die im Ernst des Lebens ihre Wurzeln hat. Seht, wie es bei den Kindern geht. Sie freuen sich an ihrem Spielen, solange es ihnen Ernst ist dabei; wenn sie einmal den Ernst verlieren beim Spiel, dann ist es auch mit der Freude vorbei. Das ist ein Bild unsres Lebens. Die Freude gedeiht nur auf dem Boden des Ernstes. Was man so oberflächlich Freude nennt, von dem kann man ruhig sagen, dass es keine Freude ist. Wir bilden uns ja vielleicht künstlich ein, es sei etwas Großes und Schönes. Aber im Grunde glauben wir nicht daran, wir belächeln uns selbst in den Augenblicken der scheinbar größten Lust, wir langweilen uns wie die Kinder, die zum Puppenspielen zu groß geworden sind, weil sie es nicht mehr ernstnehmen können. Freude kann nicht sein, wo nicht Ernst ist. Friedrich Nietzsche hat es gut gesagt:

Alle Lust will Ewigkeit,
will tiefe, tiefe Ewigkeit.8

230 Der Ernst, die Ewigkeit, ist nur die eine Seite der Freude. Der Ernst ist die Ehrfurcht vor der Ewigkeit. Der Ernst ist die Verehrung jenes unerschütterlichen Bestimmten, in dem unser Leben Wurzel fassen muss, der Ernst ist die Anerkennung Gottes. Diese Anerkennung aber könnte in den freudigsten Liedern nicht freudig genug ausgesprochen werden. Es muss über das Leben des Geistesmenschen eine stille, unbezwingliche Heiterkeit verbreitet sein. Je mehr er in der Welt des göttlichen Ernstes lebt, desto mehr und desto freundlicher muss er in dieser Welt lächeln können. Jesus hat das auch getan. Der Ernst ist die Quelle der rechten Freude. Und rechte Freude ist immer das Anzeichen des Ernstes.

Seht, liebe Freunde, das ist der freudige Geist der Pfingsten. Er ist Ruhe, er ist Willigkeit, er ist tiefer Ernst, der sich doch nur lächelnd äußern kann. Das ist der Geist, den wir nicht haben oder fast gar nicht haben, nicht nur wir, die Menschen überhaupt. Aber wir können ihn bekommen. Dieser Geist ist von Jesus aus zu den Menschen gegangen. In ihm war er zuerst. Und dann blieb er bei ihnen, als Jesus selbst von ihnen Abschied nahm. Er ist auch bei uns, wenn wir ihn mit Wachen und Beten suchen. Und wenn wir uns immer wieder das Bild Jesu lebendig vor Augen stellen. Von ihm her kommt Alles, was wir über den freudigen, den heiligen Geist Gottes zu sagen haben, und mehr als das. Von ihm her kommt die Kraft des Geistes, in uns einzudringen und uns in Besitz zu nehmen. Das geschehe uns!

Amen.

Sachfußnoten

1
Beginn der ersten Strophe des gleichnamigen Pfingstlieds von D. Bortniansky (Liederborn. Geistliche und weltliche Lieder und Gesänge für gemischten Chor zum Gebrauch an Gymnasien und Realschulen, hrsg. von E. Schmidt, Gütersloh 19024, S. 173f. [Nr. 135] 📖):
Komm, Heiliger Geist, erfülle unsere Herzen,
die Herzen Deiner Gläubigen.
Komm und entzünde in ihnen das Feuer,
das Feuer Deiner göttlichen Liebe.
↩
2
Gemeint sind die Feiern der christlichen Gemeinschaften außerhalb oder neben dem Gemeindegottesdienst. ↩
3
In der Schweiz ist «Kirchenpflege» die übliche Bezeichnung für das Presbyterium bzw. den Gemeindekirchenrat. ↩
4
Die 1851 in den USA als Abstinenzorganisation gegründeten Guttempler (offizieller Name: «International Organization of Good Templars») arbeiten bis heute unter den Grundsätzen Enthaltsamkeit, Solidarität und Frieden. Die Schweizer Sektion wurde 1892 in Zürich gegründet. ↩
5
Zur Arbeit des Blaukreuzvereins in der Schweiz und zur Rolle Barths in der Safenwiler Sektion vgl. oben, S. 84f., Anm. 10. ↩
6
«Steckköpfigkeit» steht im Schweizerdeutschen für: «Sturheit». ↩
7
Der «Verleider» meint im Schweizerdeutschen: «Überdruss», «Verdruss». ↩
8
Schlusssatz des Abschnitts «Das Nachtwandler-Lied», in: Fr. Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Vierter und letzter Theil, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 395–404, dort S. 404 📖. ↩