19. Mai 1912

Predigt: Johannes 3,30

211
116
Johannes 3,30
Er muss wachsen – ich aber muss abnehmen.
Liebe Freunde!

Dieses Wort hat Johannes der Täufer gesprochen, von sich selbst und seinem Verhältnis zu Jesus, dem Größern, der nach ihm kommen sollte [vgl. Mk.1,7; Joh. 1,27]: Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen! Das wollte in seinem Mund sagen: er muss sich jetzt offenbaren als Messias und Gottessohn, ich aber habe meinen Dienst vollendet und muss darum zurücktreten und verschwinden. Seht nicht auf mich, sondern seht auf ihn! Aber ich möchte das Wort heute sofort in dem weiteren, umfassenderen Sinn verstehen, der unzweifelhaft darin verborgen ist. Er muss wachsen – ich aber muss abnehmen! Dies Wort zeichnet nicht nur das geschichtliche Verhältnis Johannes des Täufers zu Jesus, sondern es spricht ein großes Gesetz aus, das über dem Leben von uns Allen waltet, ein Gesetz, das ebenso allgemein und ebenso absolut gilt wie die Gesetze, nach denen die Sonne und die Erde und alle Gestirne ihren Lauf gehen. Wir haben es oft verstanden, um es ebenso oft wieder zu vergessen und außer acht zu lassen. Wir haben uns seiner oft gefreut und wir haben es bewusst oder unbewusst ebenso oft verwünscht. Aber ob wir es verstehen und ob wir Freude daran haben oder nicht, das ändert nichts an seiner Geltung. Wenn unser Leben jenem: es muss! entsprach, dann ging es aufwärts mit uns, und wenn es ihm nicht entsprach, wenn wir die Regel umkehrten, dann ging es auf alle Fälle mit uns abwärts. Wir können die Wahrheit nur bestätigen, zu unserm Segen oder zu unserm Fluch, aber es ist uns in keiner Weise möglich, ihr zu entrinnen oder sie umzubiegen. Sie vollzieht sich einfach an uns, wie sich eben Gesetze vollziehen, diese Wahrheit: Er muss wachsen – ich aber muss abnehmen. Und jetzt ist nur das die Frage, ob wir wollen, dass ihr Segen oder ihr Fluch sich an uns vollziehe. Darüber wollen wir heute nachdenken.

*   *   *

212 Er muss wachsen! Bei diesem «Er» wollen wir jetzt an Alles Gute denken, was in einem jeden von uns lebt. In jedem von uns drängt und treibt ein göttliches Samenkorn, dass er Baum werden möchte, in jedem ohne Ausnahme glüht ein Funke, der uns in Flammen setzen will. Wir spüren in uns, und wäre es in der verborgensten Ecke unsres Herzens, etwas Festes, Aufrichtendes, Vorwärtsführendes. Wir mögen es oft nicht sehen, aber wir wissen doch, dass es da ist, wir mögen es vor Andern verleugnen, aber im Stillen glauben wir doch daran. Wer uns den Glauben an dieses höhere Lebendige in uns nehmen würde, der würde uns das Leben selbst nehmen. Es wäre soviel, wie wenn er uns das Herz herausschnitte. Dieses höhere Lebendige in uns, das ist Er, der wachsen muss. Aber wir, die wir hier versammelt sind, sind nicht irgendwelche Naturmenschen, wir wollen bei diesem Guten in uns nicht nur an diese oder jene gute Eigenschaft unsres Wesens und Gemüts denken, die wir vielleicht haben oder die doch Andre an uns rühmen. Ja, wir wollen am Besten überhaupt nicht an diese sogenannten guten Eigenschaften denken, die jedem von uns «von Natur», wie man sagt, eigen sein mögen. Dinge wie Sanftmut oder Gutmütigkeit, wie Verstand oder Gewandtheit, die sind, in anderem Lichte besehen, oft genug ebensogut schlechte Eigenschaften an uns. Jedenfalls liegt in diesen Dingen noch nicht das Gute, das Göttliche der Menschenseele. Sondern das ist immer etwas, was durch das Leben in uns entstanden, etwas, was wir im Leben geworden sind, durch die Erziehung, die wir genossen, durch die Eindrücke, die wir von andern Menschen empfangen, durch die Lebenserfahrungen, die wir gemacht haben. Das Alles bestimmt freilich unsern Charakter im Bösen wie im Guten, aber jedenfalls strömt auf diese Weise auch das Gute, das Göttliche in uns ein. Wir verdanken es nicht uns selbst, sondern wir leben von Gnade, das heißt, von dem, was uns durch das Leben geschenkt worden ist. |

Und nun meine ich, dass uns Allen durch das Leben sehr viel geschenkt ist, dass wir unendlich viel mehr Gnade erfahren haben als unzählige andre Menschen. Wenn wir in unser Inwendiges sehen und uns nach dem Göttlichen fragen, das es da geben möchte, dann stehen wir sehr viel besser da als ein Chinese oder als ein Australneger: Wir sind als Christen geboren von Eltern, deren Voreltern schon seit tausend und mehr Jahren Christen gewesen sind; wir sind unter Men|213schen aufgewachsen, die im gleichen Falle waren, die Erziehung und die Einflüsse, die wir erfuhren, waren christliche; als Christen haben wir die Erfahrungen unsres Lebens aufnehmen und verarbeiten können. Was heißt das, «christlich»? Gewiss nicht der bloße Name, sondern der Sinn und die Art, die Überzeugung und die Kraft, der Geist, der heilige Geist, den Christus gehabt hat und die von ihm ausgegangen sind ins Leben. Die Wirkungen dieses heiligen, christlichen Geistes haben wir Alle zeitlebens erfahren, die einen 16 Jahre, die andern 30, die andern 50, die andern 70. Er ist von Christus her auf uns gekommen wie die Aare von den Bergen in unsre Gegenden fließt. Und wie die Aare allerlei Flüsse und Bäche in sich aufnimmt und dann ihr Wasser zu uns in den Aargau bringt und von da aus weiter, so hat sich das Schönste und Beste aller Zeiten und Völker mit dem Geiste Jesu vereinigt. Er hat den Geist der Griechen und Römer und Germanen, den Geist der Philosophen, der Arbeit und der Kunst in sich aufgenommen und trägt uns nun diesen ganzen Reichtum zu. Die Gnade, die wir empfangen haben, indem wir Christen sein dürfen, ist die tiefste, umfassendste Gnade der Welt, die wir uns denken können. Das Göttliche, das in uns lebt, ist zugleich das Feinste und das Mannigfaltigste, das Menschen kennen können. Das Gute, das in uns drängt und treibt, ist nicht nur etwas Gutes, sondern das vollkommene Gute.

Er muss wachsen! Der heilige Geist Christi in unserm Innern muss wachsen, zunehmen, groß werden, durchdringen, herrschen, erfüllen. O ja, das ist gar nicht anders möglich, als dass er das tue. Das Göttliche, das die Gnade in uns schafft, ist ja nicht etwas Totes, sondern das Lebendigste, das man sich denken kann. Auch wo es nur schwach und klein in einem Menschen ist, da treibt und drängt es zur Entfaltung. Der Geist Christi in uns hält uns das Bild vor dessen, was wir werden sollten. Und nicht nur das; er macht uns unruhig, so dass wir danach verlangen, diesem Bilde ähnlich zu werden. Und dann geht diese Unruhe in ein hungerndes und dürstendes Streben über, hier stark und dort schwach, hier bewusst und dort zweifelnd. Was in uns lebt an Wahrheitssinn, das drängt danach, sich zu entfalten zu der Höhe und Tiefe des Wahrheitssinnes, den Jesus gehabt und bewährt hat. So drängt und treibt das Gerechtigkeitsgefühl, das wir als eine Wirkung des christlichen Geistes besitzen, danach, sich zu entfalten zu der voll|214kommenen Gerechtigkeit Christi. So möchte Alles, was von christlicher Liebe in unserm Charakter entstanden ist, in der vollendeten, reinen Liebe Christi zur Entfaltung und Erfüllung kommen. Auch in der bescheidensten guten Regung unsres Herzens und Willens spüren wir diesen ungestümen, unendlichen Drang nach Mehr, nach Größerem, nach Christus hin! Er lebt in uns, Er muss wachsen. Aber das Göttliche in uns entfaltet sich nicht nur, sondern sofort tritt es in Kampf mit dem Ungöttlichen in uns selbst und in der Welt um uns her. Denn in seinem ungestümen Drang stößt es auf Schwierigkeiten. Die Wahrheit in uns stößt auf die Unwahrheit, die Gerechtigkeit auf die Ungerechtigkeit, die Liebe auf den Hass. Wir wissen, dass wir diese ungöttlichen Mächte am Leichtesten als solche erkennen, wenn sie uns in andern Menschen, überhaupt draußen in der Welt begegnen. Sofort wenn das Göttliche, der heilige Geist in uns sich regt, erkennt er auch seine Feinde. Er muss sich seines Lebens wehren, indem er Nein sagt zu all dem, was nicht von seiner Art ist. Er spürt die Wirksamkeit andrer, böser Geister in den Menschen, in den Zuständen, im Lauf und Brauch der Welt. Er fasst sie ins Auge, er ringt mit ihnen, er will ihnen die Herrschaft abgewinnen. Und wo er wirklich am Werk ist, da wendet er sich sofort auch nach innen, an uns selbst. Wir erkennen den Feind in der eigenen Brust, die ungöttlichen Mächte, die böse Welt im eignen Herzen. Und so heißt: Er muss wachsen! immer und überall: Er muss kämpfen! Denn ohne Kampf gibt es keine Entfaltung des Göttlichen im Leben. |

Schließlich aber ist das Göttliche, ist der heilige Geist in uns immer etwas Schöpferisches; er will nicht nur sich entfalten, nicht nur kämpfen gegen das Böse, sondern er will etwas zu Stande bringen, in uns und um uns. So ist ja auch in der Natur das Wachsen immer ein Aufbauen. Wo der Geist ist, da muss etwas entstehen. Aus dem essenden, trinkenden, schlafenden Naturwesen, das man Mensch nennt, soll eine Persönlichkeit werden, die ein Bewusstsein, die Sinn und Wert hat. Die dumpfen Triebe und Neigungen, aus denen sich unser inneres Leben zusammensetzt, sollen korrigiert, gereinigt, verklärt, geordnet werden, damit eine Seele daraus entstehe. Unser Leben soll sich verwandeln in ewiges Leben. Und nicht nur in unserm Innern will das Göttliche, will der Geist schaffen, auch die Welt um uns her, die Gesellschaft, in der wir leben, die Menschen sollen verwandelt, auf im|215mer höhere Stufen gehoben werden. Das Reich der Welt soll zum Reiche Gottes werden. An die Stelle des Ungöttlichen, das wir bekämpfen, soll das Göttliche treten, die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Liebe. Er muss wachsen! heißt: Das Göttliche in uns treibt uns, etwas Neues, Schöneres hinzustellen an Stelle des verrotteten, unmöglich gewordenen Alten. Er muss wachsen! heißt: wir dürfen uns nie zufrieden geben mit dem Bestehenden, sondern wir müssen beständig am Neubauen sein. Er muss wachsen! das heißt: wo Christus Keime der Ewigkeit in die Herzen gepflanzt hat – und das hat er in unser aller Herzen –, da sollen diese Keime nicht schlafen, sondern es soll etwas daraus werden, wir sollen – und die Welt, in der wir leben, soll mit uns – in die Ewigkeit hineinwachsen.

*   *   *

Nichtwahr, meine Freunde, das ist eine prachtvolle Erkenntnis, wenn wir sie recht ins Auge fassen, dass da so etwas Vollkommenes, der Geist Christi in uns wirkt. Dass auf jeden von uns ein Sonnenstrahl von ihm gefallen ist, und wäre es noch so ein kleiner, der Leben geweckt hat, und dieses Leben muss nun wachsen. Es kann gar nicht anders. Wir haben nichts dabei zu tun, gar nichts. Wir können nur zusehen und staunen, was sich da in uns und mit uns ereignet. «Von selbst bringt die Erde die Frucht», wie Jesus im Gleichnis gesagt hat [Mk. 4,28]. Wir haben bloß die Gnade in uns walten zu lassen. Aber nun ist ein gewaltiges Hindernis da. Ich meine nicht die Sünde, denn die Sünde wird durch die Kraft der Gnade bekämpft und aufgehoben. Ich meine auch nicht die Welt. Denn die Welt mit ihrer Dummheit und Bosheit ist für das Göttliche in uns wohl eine Schwierigkeit, aber kein Hindernis. Die Welt muss Gottes werden.1 Aber etwas Anderes ist da, das ist ein völliges Hindernis des Göttlichen, und das ist nun merkwürdiger Weise gerade das Mittel, dessen sich der Geist bediente, oder der fruchtbare Boden, auf dem er wachsen will. Das Göttliche, der Geist wächst nicht in der leeren Luft, sondern in den Menschen. Zum Ich kommt das große Du und redet mit mir und setzt mich in Bewe|216gung und braucht mich, und je mehr es wächst, desto mehr nimmt es das ganze Ich in Anspruch, umso mehr sollte sich das ganze Ich in das große Du auflösen. Aber nun entsteht ein eigenartiger Widerstand in mir. Ja, das lasse ich mir gerne gefallen, hineingezogen zu werden in den Lebensstrom des großen, göttlichen Du, der da in mir wächst und anschwillt. Ich fühle, wie kräftig und wohltuend er ist, ich freue mich darüber, dass sich in mir so etwas ereignet wie das Wachsen, die Entfaltung, der Kampf, das Schaffen des Geistes, ich freue mich – aber eins will ich nicht, ich will mich selbst nicht aufgeben, ich will mich nicht auflösen lassen, ich will mich nicht ganz übergeben dem Zuge des großen Du, den ich da in mir spüre. Ich will nicht bloß ein Mittel, nicht bloß der Boden, nicht bloß die Baumstütze sein, die dem Göttlichen bloß zu dienen hat, sondern mein Ich will noch etwas Besonderes sein daneben. Ich habe das Gefühl, das sei zuviel von mir verlangt, mich so einfach und völlig der Entfaltung, dem Kampf, dem Wachsen des Geistes zu überlassen, ich möchte daneben gleichsam in einem Gartenhaus noch mein besonderes Dasein fristen. Ich möchte Ich bleiben, mit einem Wort, bei allem Respekt und aller Freude, die mir das Göttliche einflößt. Und das heißt nun, anders ausgedrückt: ich möchte zweien Herren dienen, dem Geist, der in mir wachsen will, und daneben auch dem Ich mit seinen besondern Wünschen. Ich flüchte mich vor der Alleinherrschaft des heiligen Geistes. Diese Flucht ist das einzige Hindernis, das wir ihm zu bereiten vermögen, dieses Hindernis bereiten wir ihm aber Alle. Denn es ist ein Hindernis. Wenn wir ihm seine Alleinherrschaft bestreiten, wenn wir das Ich mit seinen Wünschen zum Nebenkönig machen in unserm Innern, dann beschränken wir ihn damit in seinem Wachstum. Ja, noch mehr: Niemand kann zweien Herren dienen [Mt. 6,24]. Wir bleiben in Wirklichkeit kaum einen Moment dabei stehen, Gott und unsrem Ich zugleich zu dienen, sondern nun kehrt sich das Verhältnis um. Statt dass unser Ich nur aufnehmen, nur dienen wollte, nur nachgeben und folgen dem großen, göttlichen Zuge, lassen wir vielmehr das Göttliche in uns, den heiligen Geist, in den Dienst unsres Ich treten. Statt dass wir uns von ihm treiben lassen, versuchen wir es, ihn vor unsern kleinen Triumphwagen zu spannen. |

Und nun, wie sieht das aus?! Da ist Einer, in dem scheint sich ganz jene Entfaltung des Göttlichen zu vollziehen, wie wir sie geschildert. |217 Er lebt in ungestümem, gewaltigem Drang, man spürt ihm an, dass er sich Ziele gesetzt hat und darauf hinarbeitet. Man nennt ihn einen strebsamen Menschen, der es zu etwas bringen wird. Ist’s wirklich der heilige Geist, der sich da entfaltet? Gott weiß es, aber das ist sicher, es sind Viele, die sich so entfalten, aber nicht auf Christus hin, an die Stelle seines Bildes ist ihr eigenes getreten. Ihr Wahrheitssinn, ihr Gerechtigkeitsgefühl, ihre kleine Liebe hat sich an die Stelle der gewaltigen Ziele gedrängt, die ihnen der Geist in ihnen eigentlich stellte. Und so ist auch ihr Streben ein mutlos gemütliches, bequemes geworden. Das Göttliche bereitet ihnen keine Unruhe mehr, weil sie sich gar nicht mehr über sich selbst hinausführen lassen wollen. Denn die Unruhe, in der sie äußerlich vielleicht leben, ist nicht die Unruhe, die die Entfaltung des heiligen Geistes begleitet. |

Da ist ein Anderer, der steht scheinbar in vollem Kampf des Göttlichen gegen das Ungöttliche. Er wirft sich mächtig in die Schanze gegen die Lüge, gegen die Ungerechtigkeit, gegen die Verdorbenheit. Mit scharfem Blick weiß er, die Feinde Gottes aufzuspüren und mit fester Hand sie aufzugreifen. Ist’s der heilige Geist, der da kämpft? Es kann sein, aber bei Unzähligen, die so kämpfen gegen das Böse oder gegen das, was sie so nennen, ist’s etwas ganz Anderes. Ich habe jemand entdeckt, der mir widerspricht, der mir widersteht, der mir Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten macht. Wie wunderbar, wenn ich mit dem Schwert des heiligen Geistes gegen ihn losziehen, wenn ich im Namen der Wahrheit und der Gerechtigkeit und der Liebe meine Feinde zerhauen kann. Nicht nur erreiche ich, was ich will, dass ich nämlich meinen Gegner mattsetze, sondern ich kann mich auch noch als Gottesstreiter dabei fühlen. Haben wir das noch nie getan? Kommt das nicht auch in Safenwil recht häufig vor, meine Freunde, dass wir so kämpfen und streiten, scheinbar für das Wahre und Gute und gegen die Lüge, in Wirklichkeit für uns selbst und gegen unsre persönlichen Widersacher? |

Und da sind schließlich noch Andre, an denen sieht man scheinbar prächtig jenes göttliche Schaffen und Bauen. Sie entfalten sich nicht nur, sie kämpfen nicht nur, sondern sie bringen etwas zu Stande, sie werden etwas, sie richten etwas aus in der Welt. Sie werden gemachte, sichere Leute, die erhobenen Hauptes durchs Dorf oder durch die Stadt gehen können, im Bewusstsein: Ich bin’s! Ist’s der heilige Geist, |218 der sie so sicher gemacht hat? Sind es seine Werke, die sie in der Welt ausgerichtet haben? Gott gebe es, aber bei Unzähligen von diesen gemachten Leuten ist das, was sie gemacht haben, bloß die Befriedigung ihres Erwerbssinns, ihres Ehrgeizes, ihrer Herrschsucht, ihrer Eitelkeit gewesen. Sie sind so etwas geworden, was aussieht wie ein Charakter, eine Persönlichkeit, aber es sieht nur so aus. In Wirklichkeit hat nicht das Göttliche in ihnen ihren Trieben das Heft korrigiert, sondern umgekehrt: es ist gefangen genommen, geknechtet worden von dem, was das Ich wünschte.

Und nun seht, wenn es so mit uns steht, wenn bloß unser Ich sich entfaltet, kämpft, schafft, wenn wir nicht dienen, nicht uns aufgeben wollen gegenüber dem Wachstum des Göttlichen in uns und in der Welt, wenn wir gar uns anmaßen, es uns dienstbar zu machen zu unsren eigenen Zwecken, dann rächt sich das ganz von selbst. Es erfüllt sich dann der Fluch, der in jenem Wort liegt: Er muss wachsen – ich aber muss abnehmen. Denn wir mögen uns vor Andern noch so sehr verbergen, vor unserm innersten Gewissen sind wir mit jener Heuchelei doch kompromittiert. Da steht dann in stillen Augenblicken das Gute, steht Christus, den wir verraten, wieder vor unsern Augen in seiner ganzen Majestät, und wir mit unsrem Kram, mit unsrem Ich, das etwas gelten, das herrschen wollte, stehen gar erbärmlich da. Wir mögen am Ziel sein unsrer Leidenschaft, unsres Ehrgeizes, unsrer Habsucht, aber was hilft uns das, das Alles muss abnehmen und endlich verschwinden, wir können ja schließlich gar nichts behalten, zuletzt nicht einmal unser Ich, wenn der Tod kommt und das Grab, hat gerade das Alles ein plötzliches Ende gefunden. Er muss wachsen – wir spüren deutlich: das Gute in seiner Reinheit, der Geist Christi, der gilt weiter, der wird immer weiter wachsen, sich entfalten, kämpfen, schaffen – Ich aber – nein, ich muss abnehmen, mit mir ist’s aus, nachdem ich mich eben geweigert, im Ewigen aufzugehen und so selbst ewig zu werden. Gerade das, was uns so kostbar war, was wir nicht weggeben wollten, dieses Ich, das wir dem Göttlichen in uns entgegenstellten, wird uns also aus der Hand geschlagen. Es kann sich allein nicht behaupten im Strome der Vergänglichkeit. Wir stehen da in unsres Nichts durchbohrendem Gefühl, während wir etwas zu sein meinten. Und gegen dieses Schicksal hilft uns gar nichts.

219 Nichts, als dass wir uns jenen Fluch: Ich aber muss abnehmen, zum Segen werden lassen, bevor er ein Fluch geworden ist. Wir können uns nämlich diesem «Ich muss» fügen, bevor es zum dem niederschmetternden Urteil geworden ist, das es wird, wenn wir uns dagegen auflehnen. Wir können uns sagen: Ich will abnehmen gegenüber dem Wachsen des Göttlichen in mir, gegenüber dem Walten des heiligen Geistes. Damit wird Alles mit einem Schlage anders. «Ich will abnehmen», das heißt: wenn der Geist in mir sich entfalten will, dann will ich sein Werk nicht hindern, dann soll er mir die Ziele zeigen und die Wege, auf denen die Ziele erreicht werden. Wenn ich aufgerufen werde zum Kampfe gegen das Ungöttliche bei mir selbst und in der Welt, dann will ich streiten nicht in eigener Sache, sondern immer nur als ein Kreuzritter des Herrn, nicht gegen Feinde – ein Geistesmensch kennt keine Feinde –, sondern immer nur gegen die Macht des Bösen in Menschen, die für das Gute gewonnen werden müssen. Und wenn ich etwas schaffen soll in der Welt, wenn die göttliche Stimme in meinem Innern mich zu Taten treibt, dann will ich klar sein, dass nur das Geistestaten sind, bei denen ich ganz die Kraft und den Reichtum der mir geschenkten Gnade und gar nicht mich selber wirken lasse. Ich will abnehmen – wenn wir unser Leben unter diese Regel stellen, dann kommt ein großer Zug hinein. Denn Alles Kleinliche, Widrige, Blöde, das uns stört im Leben, kommt davon, dass unser Ich noch nicht ganz abgenommen hat. Wenn es abnimmt, wie es soll, wenn nur noch Gott in uns redet und fühlt und denkt, dann kann uns das Kleinliche nicht mehr belästigen, denn Gott lässt sich auch nicht belästigen. Und nicht nur groß wird dann unser Leben, sondern auch friedlich und still – selbst wenn wir äußerlich in voller Tätigkeit, ja, vielleicht in vollem Kampf stehen. Aber unmöglich wird uns das Zanken und das Lärmmachen. Wenn wir den Geist Christi in uns walten lassen, dann werden wir zwar auch dann und wann das Schwert ziehen und kräftig dreinschlagen. Aber das Händeln2 und Aufbegehren hört auf. Das ist mit dem Ich davongegangen. Und auf alle Fälle ist’s inwendig bei uns still geworden. In Gott herrscht Ruhe, obwohl er die Fülle des Lebens ist. Etwas von dieser Ruhe geht auf uns über. |

220 Und schließlich noch etwas: indem wir uns diesem Gesetz unterwerfen: ich muss abnehmen – indem wir uns beständig vorhalten: auf mich kommt’s nicht an, ich bin ganz Nebensache, das, worauf ich schauen will, ist die Wahrheit, das Recht, die Liebe, das Reich Gottes in der Welt, damit wird unsre Seele erst fähig, den Reichtum und die Kraft der Gnade in sich aufzunehmen. Das Ich, das selbst etwas sein will, verstopft die Kanäle, durch die uns das Leben zufließt. Wenn wir es preisgeben, dann kommt das Leben wieder. Wir müssen mit einem ganz sonderbaren Widerspruch schließen. Aber in diesem Widerspruch liegt Alles, was heute gesagt werden sollte. Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren, wer es aber verliert um meinetwillen, der wird es retten [Mt. 16,25]. Wenn uns unser Ich noch etwas wert ist neben der Sache Gottes, dann trifft uns der Fluch: Ich aber muss abnehmen. Es wird uns genommen und zerstört, und wir haben gar nichts mehr. Wenn wir es aber in beide Hände nehmen und in die Ruhe Gottes hineinwerfen, wenn wir gar nichts mehr sein wollen, um Gott Alles sein zu lassen, dann entdecken wir, dass auch aus uns selbst etwas wird, das Höchste wird, dass wir mit dem wachsenden heiligen Geist in uns zusammen der Ewigkeit entgegenwachsen dürfen.

Amen.

Sachfußnoten

1
Der Satz ist von der Erkenntnis Christoph Blumhardts (1842–1919) geprägt, den Barth während seines in Tübingen verbrachten Studiensemesters im Winter 1907/08 mehrfach in Bad Boll besucht hatte. ↩
2
«Händeln» steht hier für: «streiten». ↩