16. Mai 1912

Predigt: Acta 1,11 (Himmelfahrt)

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Himmelfahrt
Acta 1,11
Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet zum Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird wiederkommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.
Liebe Zuhörer!

Die 40 Tage nach Ostern waren für die Jünger Jesu eine Zeit höhern, gesteigerten Lebens, eine Zeit, in der sie Vollkommenheit und Herrlichkeit von Angesicht zu Angesicht schauten. Denn in diesen Tagen haben sie ihren Meister und seine Botschaft erkannt, verstanden und in ihr Herz aufgenommen, wie es vorher nie geschehen war. Sie haben ihn vor sich gesehen, lebendig auferstanden. Der Tod konnte ihn nicht von ihnen trennen, ja, sein Tod wurde ihnen vielmehr gerade zur Bürgschaft seines Lebens. Der Gott, der da sprach: aus der Finsternis soll leuchten das Licht, der ließ es in ihren Herzen tagen zum strahlenden Aufgang der Erkenntnis von der Herrlichkeit Gottes im Antlitz Christi [vgl. 2.Kor. 4,6]. Es muss eine wundervolle Zeit gewesen sein für sie. Wir haben wohl auch schon solche Osterzeiten erlebt in unserm Leben, Zeiten, wo wir wie auf einer höhern Stufe standen, wo Gott es auch in unsern Herzen tagen ließ zu einem strahlenden Sonnenaufgang. Vielleicht länger als bloß 40 Tage wie dort die Jünger, in den meisten Fällen wohl sehr viel kürzer. Auf alle Fälle haben solche Zeiten eines Lebens auf höherer Stufe immer ihr Ende gefunden. Man wandelt nicht zeitlebens auf solchen Höhen. Auf strahlende Sonnenaufgänge folgen oft schwüle Tage. Auf die Erlebnisse, die uns das Gefühl geben, rein und wunschlos glücklich zu sein, folgen andre Zeiten, wo wir nur noch zurückblicken: es war einmal. |

Ein solches Ende einer wundervollen Zeit war die Himmelfahrt. Wir können hier so wenig wie bei den Ostertagen im Einzelnen feststellen, was da die Jünger Jesu erlebt haben. Ich für meine Person bin auch hier geneigt, nicht an einen äußerlich sichtbaren, sondern an |201 einen innerlichen, geistigen Vorgang zu denken. Aber es steht in jedermanns Freiheit, sich die Sache auch anders, wörtlicher vorzustellen. Ihre Bedeutung bleibt so oder so dieselbe. Das erste Entzücken, das erste Ergriffensein von dem lebendigen Christus war für jene Jünger vorüber. Die Begeisterung über die neue Erkenntnis wich den Fragen und Überlegungen des Alltags. Sie meinen, nicht mehr im Vollkommenen, in der Herrlichkeit Gottes zu leben, wie in den Ostertagen, sondern das ist nun Vergangenheit geworden: «wir sahen seine Herrlichkeit» [Joh. 1,14] – und es wird daraus eine tiefe, glühende Sehnsucht für die Zukunft. Sie wussten nun, dass Jesus über den Tod triumphiert habe und am Leben sei, aber sie mussten sich von jetzt an mit dem Wissen begnügen. Die wunderbaren, überwältigenden Erfahrungen der Osterzeit wiederholten sich nicht mehr. «Er ward aufgehoben zusehends, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen» [Act. 1,9]. Das will jedenfalls, ob wir es geistig oder wörtlich verstehen, sagen, dass sie von jetzt an glauben mussten, ohne zu schauen. Und nun wird erzählt, dass Engel sie angeredet hätten: Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet gen Himmel? Ja, da standen sie und wurden der Lücke bewusst, die es unter ihnen gegeben hatte. Sie fühlten, dass sie etwas ganz Großes erlebt hatten, aber noch mehr, dass dieses Erlebnis nun vorüber war. Der Himmel hatte sich geschlossen. Sie standen allein und nüchtern auf der Erde, und langsam begann sich der Jubel in Wehmut aufzulösen.

Ja, ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet gen Himmel? Sie sind in ihrer Stellung, mit ihrem sehnsüchtigen Blick nach der Stelle, wo der Heiland verschwunden ist, so recht ein Abbild von dem, was wir Alle durchmachen müssen. So verwandelt sich das Schöne und Gute im Leben in Wehmut, ja, in Schmerz, weil es uns nicht bleibt, sondern uns nach längerer oder kürzerer Zeit wieder allein lässt. So erinnert uns gerade das Vollkommene, wenn es uns in einzelnen, großen Stunden offenbar wird, an unsre Unvollkommenheit, darum, weil wir es nicht festhalten können. Wir stehen und sehen nach dem Himmel, der sich wieder geschlossen hat und seufzen laut oder leise darüber, dass es so ist. Wir haben es da mit einer ungemein schmerzlichen und nachdenklichen Tatsache unsres innern Lebens zu tun. Erstens machen wir die Beobachtung, dass wir das Größte und Schönste in unserem Leben immer erst dann erkennen, wenn es vergangen ist, |202 wenn es unwiderruflich hinter uns liegt. Wir haben bei den großen Erfahrungen des Lebens wunderselten das Gefühl: Jetzt! sondern fast immer: Jetzt war es! Das Bewusstsein des Großen ist nicht im Augenblick da, sondern es kommt nachher. So war es sicher auch bei den Jüngern Jesu: Als die Ostertage zu Ende waren, da kam das Bewusstsein über sie von der Bedeutung, dem Inhalt dieser Tage. Wir reden gern von der goldenen Jugendzeit, die hinter uns liegt. Wir empfinden zu Stunden eine tiefe Sehnsucht nach unsrer eigenen Vergangenheit. Aber dieses Gold haben wir erst nachträglich, erst jetzt entdeckt. Als wir Kinder waren und es besaßen, ließ es uns ganz kalt. Die Sehnsucht kam erst, als wir [es] nicht mehr besitzen konnten. Vielleicht hast du oder habe ich heute vor einem Jahr (!)1 etwas ganz Einzigartiges erlebt, Stunden, die wir Minute für Minute noch einmal durchleben möchten, so wunderbar stehen sie jetzt vor uns. Aber haben wir denn diesen wunderbaren Inhalt schon heute vor einem Jahr gesehen und begriffen oder ist er nicht erst nachher allmählich hineingefüllt worden, nachher: nachdem der Tag selbst unwiederbringlich dahinten lag?! Und wie geht es uns immer wieder, wenn uns jemand stirbt! Wie werden uns da plötzlich die Augen geöffnet für all das, was wir an dem von uns Weggegangenen gehabt haben. Wir entdecken unsern eigenen Besitz, die Liebe, die Freude, die Stütze, die sie uns gewesen sind. Aber eben gewesen! Um zu sehen, was wir besessen, mussten wir es erst verlieren. Die Freude daran war der wehmutvolle Rückblick auf etwas Vergangenes. Und so geht es nicht nur einzelnen Menschen, dir und mir, mit unsern verstorbenen Lieben, sondern so geht es der Menschheit überhaupt mit den Größten und Besten, mit ihren Pionieren und Märtyrern, ihren Helden und Entdeckern. Sie erkennt sie, sie freut sich ihrer, wenn sie sie nicht mehr hat. Jesus hat einmal sehr bitter geredet von den Schriftgelehrten, die sich damit beschäftigten, der Propheten Gräber zu schmücken, während sie die lebenden Propheten verfolgten [Mt. 23,29; Mt. 23,37]. Es ist wahr, es ist oft eine ungemeine Heuchelei in diesem Verhältnis, aber oft scheint es wie ein Schicksal zu sein, dass jede Generation dazu bestimmt ist, die weggegangenen Propheten früherer Zeiten zu verehren, wie ihre eigenen ebenso zu verkennen. Jedenfalls stehen wir immer wieder an den Grä|203bern der Weggegangenen mit dem Gedanken, mit dem Goethe am Sarge Schillers stand:

Denn er war unser! Mag das stolze Wort
Den lauten Schmerz gewaltig übertönen!2

Warum ist das stolze Wort nicht früher ertönt, nicht damals, als es noch lauten konnte: denn er ist unser?! Warum erkennen wir das Große erst, wenn es vergangen ist?

Und dazu kommt nun eine zweite Beobachtung: Das Vollkommene wird uns nicht nur fast immer als etwas Gewesenes erst bewusst. Sondern indem wir zurückblicken, wird es uns mit einem fast körperlichen Schmerz bewusst, wie unendlich kurz doch die Momente waren, in denen wir es im eigentlich Sinn sahen, genossen, erlebten. Wir konnten sie nicht verlängern, sie kamen und gingen wie Geister einer andern Welt. Das mag die trösten, die ein besonders unglückliches, freudloses Leben zu leben meinen und deshalb neidisch auf die Glücklichen sehen, die droben im Licht des Lebens wandeln3 auf äußern oder innern Höhen des Daseins. Sie sollen sich sagen, dass sie im Grunde nichts zu beneiden haben. Gerade die größten Menschen, die Begünstigten des Lebens könnten ihnen sagen, dass die Augenblicke reiner Freude ihnen keineswegs reichlicher zugemessen sind als Andern, wenn man auf die Wirklichkeit sieht und nicht auf den Schein. Goethe, der vielleicht einer der glücklichsten, weil harmonievollsten Menschen gewesen ist, die je gelebt haben, hat am Ende seines 84jährigen Lebens geurteilt, er sei in seinem ganzen Leben, Alles zusammengerechnet, vielleicht 36 Stunden wirklich glücklich gewesen.4 So|204viel könnte gewiss auch das geplagteste alte Fraueli in Safenwil von seinem Leben sagen. Diese Gleichheit zwischen hoch und niedrig hat, wie gesagt, einerseits etwas Tröstliches. Andrerseits hat es aber doch auch etwas furchtbar Bedrückendes, dass wir uns gestehen müssen: So wenig Großes und Schönes ist dem Menschen zu erleben beschieden, so klein ist das Maß von Vollkommenheit, das uns bestimmt ist. Es geht uns Menschen damit, wie es uns mit dem Frühling geht. Ganz wunderselten und kurz sind die Augenblicke, wo wir von den Gefühlen wirklich erfüllt sind, die wir in den Frühlingsliedern so schön beschreiben, wo wir wirklich und aufrichtig denken: da ist er in seiner Pracht und Herrlichkeit. Sie erfüllen uns nie andauernd, diese Gefühle, sie kommen und gehen sofort wieder und dann ist’s für uns Frühling gewesen. Wir gehen nicht befriedigt und satt in den Sommer hinein, sondern mit dem Eindruck, bloß eine Andeutung empfangen, bloß einen kleinen Ansatz oder Anfang gemacht zu haben in der Freude an der großen Wiederbelebung der Natur. Darum hat die Schönheit des Frühlings so oft etwas Wehmütiges für uns. Wir spüren unwillkürlich, dass wir zu wenig davon erfassen, dass unser Atem zu kurz ist, um das ganze Leben in uns einzuatmen. Zu früh für unser Auffassungsvermögen geht die Natur ihren Gang weiter. Die heidnischen Syrer des Altertums feierten darum in diesen Tagen einen Trauergottesdienst zu Ehren des schönen göttlichen Knaben Adonis, der nach kurzer Lebenszeit schon von der Erde zu den Schatten abberufen wurde.5 Trauer im Lenz! Unnatürlich und doch so natürlich: |205 denn alles Schöne muss sterben6 und gerade daran, dass es sterben muss, dass es uns nur kurz erfreuen kann, erkennen wir seine Göttlichkeit. |

Das Dritte, was schmerzlich und schwer begreiflich ist an jeder vollkommenen, herrlichen Erscheinung, die uns das Leben bringt, ist, dass sie nur einmal da ist und dann so nicht wieder. Und das ist vielleicht das Schwerste. Es liegt etwas von Todesschmerz in diesem Gedanken. In jedem Augenblick vollkommenen Lebens erleiden wir zugleich einen unersetzlichen Verlust, der um so größer ist, je mehr uns der Augenblick brachte. Er kehrt sicher so nicht wieder. Der berühmte Basler Gelehrte Jakob Burckhardt7 erzählt einmal, wie er auf seiner ersten Reise nach Italien an einem der schönsten Tage jener ganzen Zeit in die Stadt Pisa gekommen sei. Und wie er da vor dem herrlichen Dom den schwarzen Vorhang vor dem Portal zurückgeschlagen habe und in die Kirche getreten sei, da sei ein unbeschreibliches Gefühl von Glück und Schönheit über ihn gekommen.8 «Wenn |206 ich aber», schreibt er dann viele Jahre später, «heute noch einmal dort stünde und die Hand am Vorhang hätte, ich würde ihn nie mehr aufheben. Denn eine solche Seligkeit kann über einen Menschen nur einmal kommen und nie wieder.»9 Einmal und nicht wieder! Dies Urteil steht über allem Guten, was uns das Leben bringen kann. Wir können dieses Urteil nicht ändern, es ist stärker als wir. Es waren einmal Menschen, die hatten ein Fest gefeiert, so schön, in so ungetrübter Fröhlichkeit und Gemeinschaft, dass sie beschlossen, ein solches Fest wollten sie wieder feiern. Und sie richteten alles dazu her, genau wie das erste Mal und kamen und setzten sich zu Tisch. Aber bald merkten sie, ohne zu verstehen warum, dass es nie mehr so werden könne wie das erste Mal, dass sie Toren seien, wiederholen zu wollen, was nur einmal sein kann, und statt der Fröhlichkeit überkam sie bitterer Schmerz und Wehmut. Und was so den einzelnen Menschen widerfährt, das ist wiederum zugleich das Schicksal der Menschheit im Großen Ganzen. Wenn wir ihre Geschichte überblicken, dann sehen wir über dem ganzen Reichtum ihrer Gestalten und Perioden immer und immer wieder das abschneidende Urteil: Einmal! Einmal hat es einen Moses gegeben und einmal ein Griechenland, einmal hat ein Augustus Rom beherrscht und einmal ein Paulus diesem Rom das Reich Gottes verkündigt. Einmal hat ein Franz von Assisi gelebt und einmal ein Martin Luther, einmal ein Bach und einmal ein Beethoven. Einmal war Reformationszeit und einmal die Goethe- und Schillerzeit. Was einmal war, das ist eben damit auch gewesen. Die Geschichte kennt keine zweiten Auflagen, sondern immer und ewig nur Einzelne. Und wenn wir in Unkenntnis oder Missachtung dieses Gesetzes wiederholen wollen, dann verschlechtern wir schon. – |

207 Aber was ist die Vollkommenheit des Lebens, das Schöne und Gute unsres Daseins, wenn es so damit steht, meine Freunde?! Wenn es nie etwas Gegenwärtiges ist, sondern immer nur etwas Vergangenes, nie etwas Dauerndes, sondern immer nur etwas blitzschnell und kurz Aufleuchtendes und wieder Verschwindendes, nie etwas Wiederkehrendes, sondern immer nur etwas Einzelnes und Einmaliges. Ja, was soll da alle Vollkommenheit, der wir zu Zeiten nahe zu kommen meinen? Ist sie mehr als ein Schatten oder ist sie nicht ein grimmiger Hohn auf unsre Unvollkommenheit, auf die Erbärmlichkeit unsrer Lage? An diese Fragen müssen wir denken, wir müssen sie mit ihrem ganzen Gewicht auf uns drücken lassen, dann verstehen wir jene Jünger Jesu, die gefragt wurden: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr und sehet gen Himmel? Wir verstehen sie, weil wir neben ihnen stehen, weil es uns geht wie ihnen. Sie waren wehmütig, weil die freudigen, erstaunlichen Eindrücke von der Gegenwart ihres lebendigen Herrn nur noch in ihrer Erinnerung fortlebten als kurze Momente einer Erfahrung, die so nicht wiederkommt. Wir können ihre Wehmut mitempfinden. Wir wären dort auch dagestanden und hätten ratlos zum Himmel gesehen. |

Aber jetzt müssen wir auch auf das Andre hören, was ihnen gesagt wurde, um ihre Wehmut aufzulösen: Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird wiederkommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren. Wieso sind diese Worte eine Auflösung der Wehmut? Weil sie eine große, begründete und siegreiche Hoffnung aussprechen gegenüber aller scheinbaren Unvollkommenheit unsres Daseins. Wir haben bis jetzt immer nur gesagt, die wunderbaren Erlebnisse der Osterzeit hätten aufgehört, Jesus sei vor ihren Augen entschwunden und habe sie allein gelassen. So fassten es die Jünger zuerst auch bloß auf. Und daher ihre Wehmut. So empfinden auch wir die Vergänglichkeit des Besten in unserm Leben zuerst bloß als Verlust. Da muss nun eine gewisse Hoffnung Platz greifen. Die Jünger haben Jesus nicht bloß verschwinden sehen, sondern gen Himmel fahren. Wie wir uns das auch denken wollen, es bedeutet nicht einen Verlust, sondern eine Erhöhung. Ja, er war ihnen jetzt verborgen, aber verborgen im Himmel, verborgen in Gott. Sie konnten nicht klagen, als wäre ihnen ein Leid wiederfahren, wie sie es am Tage nach Karfreitag taten. Von jenem Geist der Mutlosigkeit und Verlassenheit spü|208ren wir gar nichts. Sie wussten nichts Anderes, als dass ihr Meister jetzt wieder da sei, wo er sein müsse, im Hause seines Vaters, dass er zurückgekehrt sei in den ewigen Grund des Lebens, der unerforschlich ist und darum doch nicht unzugänglich. Sie waren nicht entsetzt über diese Tatsache, sondern sie freuten sich darüber. Sie nahmen sie auch nicht bloß hin als etwas leider Unabänderliches, sondern sie waren fest überzeugt, dass es für ihn und für sie Alle gar nichts Besseres geben könne. Das Vorübergehen jenes höhern, gesteigerten Lebens der Osterzeit konnte sie wohl eine Weile ratlos und träumerisch stimmen. Aber Rat und Leben, Kraft und Mut kehrten sofort wieder, als sie tiefer eindrangen in diese Tatsache, dass Jesus nun zum Himmel gefahren, das heißt, in Gott vor ihnen verborgen sei. Da wurde ihre Wehmut sofort zur Hoffnung. Ist Jesus im Himmel, ist er in Gott vor uns verborgen, dann will das wohl sagen, dass seine irdische Person nun endgiltig ihren Dienst getan hat, dass auch die Eindrücke, die von ihr ausgingen, verblasst sein mögen, wie es den Jüngern dort widerfahren ista. Über das, was sie mit Jesus vor und nach seinem Tod erlebt hatten, breitete Gott gleichsam einen Schleier aus. Es gehörte fortan zu den vergangenen Dingen, zu den kurzen, leuchtenden Augenblicken, die einmal kommen und dann nicht wieder. Aber er selbst, Jesus Christus, war mit diesem Zurückbleiben von allem Vergänglichen durchaus nicht verschwunden und abgetan. Im Gegenteil: es war eine Befreiung von aller Erdenschwere, von allem Menschlichen. Was jetzt weiterlebte und nachwirkte, das war der himmlische Christus, das war die Kraft seines Todes und seiner Auferstehung. Er lebte nun in Gott, verborgen und doch nicht ferne. Sondern das war nun die große, ständige Hoffnung der Jünger: er kann jederzeit wiederkommen. Weil er nirgends anders ist als in Gott, kann Gott uns jederzeit, wenn wir es nötig haben, ein neues Ostern erleben lassen, wo wir ihn wiedersehen werden, wo er uns aufs Neue ergreift und erfüllt. |

Sie lebten von jetzt an in der Gewissheit, dass der himmlische Christus mit seinem Feuer und seinem Leben von einem Tag auf den andern wieder mitten unter ihnen, mitten in der Welt stehen werde, wenn es einmal Gottes Wille sei. Auf dieses Wiederkommen warteten sie sehnsüchtig, aber ruhig. Sie wussten, dass sie Tag und Stunde nicht bestimmen konnten und suchten es auch nicht zu tun. Sondern sie |209 warteten wie Knechte, denen der Herr sein Haus anvertraut hat. Jesus hatte ihnen viel anvertraut, da war Alles, was sie miterlebt zur Zeit seines Erdenwallens, da waren die unverlöschlichen Eindrücke seines Sterbens und Auferstehens. Gewiss, das waren nicht mehr als kurze, einzelne Erinnerungen. Aber hatten sie nicht genug daran? Waren sie nicht vollauf beschäftigt, wenn sie versuchen wollten, all das auch nur ein wenig innerlich zu verarbeiten, sich anzueignen und Andern mitzuteilen?! Jawohl, sie konnten wachen, beten und arbeiten im Dienste ihres Herrn auch ohne ständige, andauernde Ostererlebnisse, auch ohne eine ununterbrochene Begeisterung, einfach in stiller, treuer Pflichterfüllung. Wenn sie vor dem Angesichte Gottes wandelten, dann waren sie sicher von Jesus nicht geschieden, weil ja auch er in Gott war. Und wenn dann ein neues, anderes, besseres Ostern kam, wenn wieder Zeiten der Erfahrungen und Erlebnisse, Zeiten der Begeisterung kommen sollten, wenn Jesus sich ihnen wieder offenbar beweisen wollte, dann fand er sie sicher an der rechten Stelle. Die Hoffnung dieser Männer ist nicht getäuscht worden, eben darum, weil sie nicht mehr wehmütig zurückblickten, sondern in der Erinnerung an die Vergangenheit in Bereitschaft lebten für die Zukunft. Ich glaube, sie Alle haben das erlebt, wie das ist, wenn der Herr wiederkommt und uns das neue, andre, bessere Ostern erleben lässt, wenn wir wieder das Vollkommene sehen dürfen, aber dann für immer.

Muss ich noch sagen, dass wir auch das Große und Schöne in unserm Leben, das uns oft so fraglich und vergänglich und zerbrechlich erscheinen will, unter diese große Hoffnung stellen wollen? Jawohl, wir können davon das Gleiche sagen wie von Jesus. Es mag verschwinden aus unserm Leben. Es mag zurückbleiben auf unserm Weg, ein erschreckend kurzer Augenblick, einmal dagewesen und nicht wieder – aber verloren ist es nicht. Es ist bei Gott. Es wird in andrer, neuer, besserer, höherer Form wiederkommen. Wenn wir nur treu sind über dem, was wir empfangen haben. Wir haben ja so viel empfangen in dem, was wir jetzt wehmütig als bloße Erinnerungen betrachten. Nein, das sind jedes Mal Lebensleinen, Bausteine, aus denen etwas werden soll. Was könnten wir doch machen aus den wenigen und doch die ganze Welt umschließenden Augenblicken, wo wir in das Vollkommene hineinsehen. Wenn wir sie zu nutzen wissen, dann |210 bleiben wir nicht in dies kleine, erbärmliche Leben gebannt, dann kommt das Vollkommene in höherer Weise wieder.

So soll uns die Himmelfahrt Jesu nicht stecken lassen in der Wehmut, sondern sie soll uns auffordern, treu zu sein mit dem, was wir haben, und des Größern zu warten, das dann nicht ausbleiben kann.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «sein mögen». ↩

Sachfußnoten

1
Am 16. Mai 1911 hatte Barth sich mit Nelly Hoffmann verlobt. ↩
2
Beginn der vierten Strophe des Gedichts «Epilog zu Schillers Glocke» von J. W. von Goethe (Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 2, Berlin 1966, S. 92–95, dort S. 93) 📖. ↩
3
Wörtlicher Anklang an den Beginn des Gedichts «Hyperions Schicksalslied» von Fr. Hölderlin (Erstdruck 1799; Sämtliche Werke, hrsg. von Fr. Beißner, Bd. 1, Stuttgart 1946, S. 260) 📖:
Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
[…].
↩
4
Nicht ermittelt. Vgl. aber die ähnlichen Aussagen im Gespräch Goethes mit Johann Peter Eckermann vom 27. Januar 1824: «Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen; auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, dass ich in meinen fünf und siebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt. Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuem gehoben sein sollte» (J. P. Eckermann, Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, hrsg. von H. Schlaffer [J. W. Goethe, Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe, Bd. 19, München / Wien 1986], S. 75) 📖. ↩
5
Die angesprochene Feier war zweiteilig und spiegelte das Schicksal, das Adonis nach seinem Tode bestimmt war: «Zeus aber bestimmte, daß Adonis die eine Hälfte des Jahres bei Persephone in der Unterwelt verweilen, während der andern Hälfte auf der Oberwelt sich der Liebe der Aphrodite erfreuen sollte. Man beging in einem großen Theile Vorderasiens und in späterer Zeit auch unter den Griechen dem Adonis und der Aphrodite zu Ehren die Adonien, das Adonisfest; am ersten Tage feierte man unter Trauer und Klagen das Verschwinden des Adonis, am zweiten mit großem Jubel sein Wiederfinden und seine Vereinigung mit Aphrodite» (H. W. Stoll, Die Götter und Heroen des classischen Alterthums. Populäre Mythologie der Griechen und Römer, Bd. 1: Die Götter, Leipzig 18612, S. 147 📖). ↩
6
Vgl. das Gedicht «Nänie» von Fr. Schiller (Erstdruck 1800; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 242) 📖:
Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es dem stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er am skäischen Tor fallend sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klagelied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich;
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.»
↩
7
Jacob Burckhardt (1818–1897), Basler Historiker und besonderer Kenner der griechischen Antike und der Kunst der Renaissance, war ein Cousin von Karl Barths Großmutter Johanna Maria Sartorius-Burckhardt und eine unbestrittene Autorität in der Familie. ↩
8
Vgl. J. Burckhardt, Bilder aus Italien (in: ders., Kritische Gesamtausgabe, Bd. 9: Kleine Schriften III: Literarische und publizistische Schriften, hg. von E. Oeggerli / M. Sieber, München / Basel, S. 292–339, S. 321 📖: «Ich hebe den Vorhang am Hauptportal auf – wer hat ihn je aufgehoben, ohne beim ersten Anblick des Innern einen heiligen Schauer zu empfinden?» ↩
9
Nicht ermittelt. Vgl. aber den auf die ganze Stadt bezogenen, ähnlichen Gedanken a.a.O., S. 318 📖: «Diese Stadt sollte man nur in der reinsten Stimmung besuchen, dann nur läßt sie jenen wunderbaren Eindruck zurück, über welchen Méry sagt: Ich werde Pisa in meinem Leben nicht wieder sehen, um nicht den ersten göttlichen Eindruck bei einem zweiten Besuche vielleicht zu zernichten! – Auch ich habe bei der Abreise diesen Beschluß gefaßt, und wie viele Hunderte werden’s schon vor uns gethan haben und nach uns thun!» ↩