Die Frage: Was ist Wahrheit? tönt gut. Sie tönt überlegen und geistreich, tief und philosophisch. Sie erinnert Manchen an die schönsten Stunden seines Lebens, da er zweifelnd und prüfend und forschend nach der Wahrheit suchte. Aber auch der, der dann von den Fragen zu den Antworten gelangt ist, spürt darin etwas von der abwartenden und abwägenden Weisheit, die sich nicht schroff auf die eine oder andre Seite stellen will, sondern nüchtern überlegt und weiterfragt. Wer nie gefragt hat: Was ist Wahrheit?, der weiß auch nichts von der Freude, die Wahrheit dann von ganzem Herzen zu ergreifen. Jesus selbst hat uns eingeladen zu fragen, mit dem Wort: Selig sind, die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden [Mt. 5,6]. Das Wort gilt Jungen und Alten, Anfängern und Fortgeschrittenen. Wir sollen nicht aufhören, zu fragen nach der Wahrheit.
Aber im Munde des Pontius Pilatus ist diese Frage eine Äußerung der Feindschaft gegen Gott. Bei ihm war sie eine Verhüllung der Tatsache, dass er die Wahrheit verworfen hatte. Das zeigt uns sein Benehmen gegenüber Jesus. Er scheint zuerst zu zaudern, sich gegen Jesus zu entscheiden. Er hält bis zuletzt den Schein aufrecht, als habe er kein Todesurteil über ihn gefällt. Seine Vernunft und seine Einsicht sagen ihm, dass an Jesus nichts zu verurteilen ist, und er ist soweit ehrlich, es offen auszusprechen: Ich finde keine Schuld an ihm! [Joh. 18,38] Er stellt auch eine Art Verhör mit ihm an. Das würde sich mit der ehrlich gemeinten Frage: Was ist Wahrheit? vertragen. Aber dann zeigt es sich sofort, dass sie nicht ehrlich gemeint ist. Er versucht, die Verantwortlichkeit für das Urteil von sich abzuwälzen, indem er Jesus zuerst dem Gericht der Juden, dann dem des Herodes überlassen will. Er kommt aus demselben Grund auf den sonderbaren Einfall, dem Volk die Wahl zwischen Jesus und dem Mörder Barabbas freizugeben. Schließlich greift er zu dem ebenso willkürlichen als ungerechten Mit|89tel, Jesus geißeln zu lassen, teils um den Juden einen Gefallen zu tun, teils um ihr Mitleid zu erregen. Das Alles waren bereits Verletzungen der Pflicht, die er als ernster Mensch und gewissenhafter Richter hätte ausüben müssen. Aber sie führen ihn nicht zum Ziel. Gott lässt ihn nicht entschlüpfen. Er muss sich selbst entscheiden: Für oder Gegen! Ihr Geschrei nahm überhand, wie wir am letzten Sonntag hörten. Was wird er nun tun? Er lässt sich ein Becken mit Wasser bringen und vor aller Augen wäscht er seine Hände in Unschuld, wie er das so schön nennt. |
Was ist Wahrheit? Das Wort und die Handlung passen gut zusammen. Beide sind nicht ehrlich, sondern Theater. Tatsache ist, dass er im selben Augenblick Befehl gibt, Jesus nach dem Willen der Juden zum Kreuz zu führen. Er besaß die Kraft nicht, nun wirklich zum Guten Ja und zum Bösen Nein zu sagen. Hinter dem Waschen der Hände verbarg sich die Tatsache, dass er im Begriff stand, seine Hände mit dem Blut des Gerechten zu beflecken und hinter der Frage «Was ist Wahrheit?» verbarg sich die Antwort: Ich kann und ich will für die Wahrheit nicht eintreten. Er wollte kein schlechter Mensch sein. Aber er war charakterlos. Und jetzt zwang ihn seine eigene Charakterlosigkeit, doch eine Schlechtigkeit zu begehen. Sie macht ihn zum Feinde Jesu. Und von dieser Art Feindschaft wollen wir heute Einiges sagen.
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Die Frage: Was ist Wahrheit? war im Munde des Pilatus vor Allem ein Zeichen mangelnder Bildung. Nicht der Bildung, die in einer Anzahl von Kenntnissen besteht – das ist noch gar keine Bildung, sondern der Bildung, die darin besteht, dass man die Augen aufgetan und gründlich und vielseitig über die Dinge nachgedacht hat. Wo es zu urteilen, zu entscheiden gilt, wo man vor einem großen Entweder – Oder steht wie dort Pilatus, da braucht es diese Bildung. Vielleicht verstehen wir ihr Wesen am Besten, wenn wir uns erinnern, wie Jesus selbst in einigen Fällen gehandelt hat, in denen man ihn um ein Urteil anging. Ich denke an den Mann, der zu ihm kam mit der Bitte: Meister, sage meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teile! Da greift Jesus mit sicherem Takt und durchdringendem Verständnis nach der Wurzel des Übels; er antwortet ihm: Wer hat mich zum Richter über euch gesetzt? sehet zu und hütet euch vor der Habsucht [Lk. 12,13–15]. Er hat damit |90 getan, was das wahre Amt eines Richters und was das Wesen eines feinen Urteils überhaupt ist – er hat den Streit geschlichtet, indem er ihn aufgelöst hat. |
Ein anderes Mal bringen die Juden eine Frau vor ihn, die auf frischer Tat im Ehebruch ergriffen war. «Mose hat uns im Gesetz geboten, solche zu steinigen, was sagst du?» Da antwortet er den Juden: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie! und sie gehen weg, als ob es kein Gesetz des Mose gebe. Zu der Frau aber sagt er: So verdamme ich dich auch nicht, gehe hin und sündige hinfort nicht mehr [vgl. Joh. 8,3–11]. So richtet er, indem er die Richter heimschickt und die Ursache zum Richten aufhebt. Das war seine Bildung, das heißt, die Schärfe seines Blicks und die Umsicht seines Denkens, die ihn zum Urteil befähigte. Und diese Befähigung ging dem Pilatus ab, als er jetzt über Jesus urteilen sollte. Er vermochte es nicht, die Gesinnung derer zu durchschauen, die Jesus vor seinen Richterstuhl geschleppt hatten, und er vermochte noch weniger, die Art und die Bedeutung dessen zu verstehen, der da als Angeklagter vor ihm stand. Der große Moment fand einen kleinen Mann, der ratlos dastand vor dem blinden Fanatismus der Juden und vor der geheimnisvollen Hoheit Jesu. Pilatus wusste nur, die Achseln zu zucken und zu sagen: Was ist Wahrheit? Pilatus war ungebildet. – |
Es muss das nur deutlich gesagt werden gegenüber der Meinung, als ob Achselzucken den großen Lebensfragen gegenüber an sich schon ein Zeichen von Geist und Bildung sei. Die Frage: Was ist Wahrheit? stammt durchaus nicht immer aus dem edlen Streben des Wahrheitssuchers oder aus abwartender Weisheit, sondern sehr oft einfach aus selbstverschuldeter Ratlosigkeit, aus sträflicher Unbildung, die das erste Merkmal der Charakterlosigkeit ist. Ich glaube, gerade wir in unsrer Zeit haben besonders nötig, uns das zu merken. Wir sind, gerade auch unter denen, die sich öffentlich hören lassen, aber auch unter denen, die ein verborgenes Dasein führen, so reich an Pilatusgestalten, die mit der Frage: Was ist Wahrheit? die größte Weisheit auszusprechen meinen und die sich darin gefallen, alles bestimmte Bekennen und Vertreten eines Standpunkts in geistigen Dingen als eine sogenannte «Einseitigkeit» abzulehnen. Ach, das Wort «einseitig»! Ach, die Überlegenheit dieser Pilatusse, die so vornehm die Achsel zucken! Es ist freilich leicht, zweiseitig zu sein, wenn man nämlich |91 weder die eine noch die andre Seite der Sache gründlich überdacht hat. |
Da ist zum Beispiel der Gegensatz von katholisch und protestantisch. Frage einmal einen Pilatus von heutzutage, was er von diesem Gegensatz halte. Er wird dir rasch sein Sprüchlein heruntersagen: Dieser Gegensatz sei nicht wichtig. Die Hauptsache sei: Tue Recht und scheue Niemand!1, und dass man tolerant miteinander sei! Als ob mit solchen Schlagworten eine Frage erledigt wäre, die uns schon vier Jahrhunderte ununterbrochen beschäftigt hat. Ja, wenn man sie nicht kennt außer in ein paar Äußerlichkeiten. Wenn man sich nie die Mühe genommen, sich gründlicher darüber zu besinnen. Aber dann soll man sich auch nicht ein überlegenes Urteil anmaßen und sogar die Frage: Was ist Wahrheit? für sich behalten, bis man sich besonnen hat. |
Oder ich denke daran, wie schnell man bei uns fertig geworden ist mit der sogenannten religiösen Neutralität der Schule,2 und wie man nun offenbar gedenkt, sich auf diesem Prinzip festzusetzen für alle Ewigkeit. Man stellte sich zwischen Religion und Atheismus vornehm in die Mitte und fragte: Was ist Wahrheit? Diese Fragen gehören nicht in die Schule. Ja, aber was ist denn Religion? und was Atheismus? Darüber müsste man sich doch klargeworden sein, bevor man Beide als gleichgiltig und darum gleichberechtigt anerkennt. Oder was muss man noch immer für Dinge hören in der Beurteilung der |92 Alkoholfrage.3 Wie pflegen sich da die Pilatusse weise in die Mitte zu stellen. Den Abstinenten sagen sie: Ihr müsst nicht so fanatisch sein! und den Freunden eines guten Glases sagen sie: Aber ihr müsst mäßig trinken! So! Jetzt ist die Frage gelöst. Was ist Wahrheit? Nichtwahr! Schade nur, dass diese Lösung spottbillig ist, denn die so reden, zeigen damit, dass sie weder den Abstinenten noch den Freund des guten Glases auch nur von ferne in ihrer Eigenart verstanden haben. |
Endlich die sozialen Fragen. Wenn irgendwo, so wären hier offene Augen und gründliches Nachdenken nötig. Denn hier kreuzen sich die Schwierigkeiten grundsätzlicher, praktischer und persönlicher Natur in gar verwickelter Weise. Aber Pilatus ist auch hier mit den Schwierigkeiten fertig, noch bevor er sie gesehen hat. Er sagt den Sozialisten: Ihr habt ein Bisschen recht! und den Kapitalisten: Ihr habt auch ein Bisschen recht! und im Übrigen: Tröstet euch: es gibt doch keine Vollkommenheit auf Erden. |
Ich könnte noch andre Fragen nennen, in denen sich die scheinbare Überlegenheit der Pilatusse als Unbildung entpuppt. Es soll genug sein. O was haben sie schon für Schaden angerichtet, diese Pilatusse! Ich für meine Person will lieber einen Kaiphas als einen Pilatus. Denn Kaiphas weiß doch, was er will, während Pilatus grundsätzlich nichts weiß. Lieber einen strammen Katholiken, lieber einen entschlossenen Atheisten, lieber einen frohen Zecher wie etwa Gottfried Keller4, lieber einen vorlauten Kapitalisten – nur nicht diese lauwarmen Weisen, die über den Wolken zu schweben meinen, während sie sich nie in eine Sache ernsthaft vertieft haben.
93 Die Pilatusfrage: Was ist Wahrheit? verrät aber auch noch etwas Anderes, nämlich mangelnden Mut. Pilatus konnte dort nicht wissen, was die Wahrheit sei, aber er durfte es auch nicht, denn er war zwar Statthalter des römischen Kaisers in Jerusalem, aber er hatte zugleich vor den Leuten von Jerusalem eine ganz gewaltige Angst. Es ist wohl kein Zufall, dass der, der dort seine Hände in Unschuld wusch und zugleich das Todesurteil über Jesus sprach, gerade eine öffentliche Person war. Es ist eine bekannte Redensart, dass Politik den Charakter verderbe.5 So allgemein gesagt, könnte ich das nicht unterschreiben, denn es wäre zu traurig, wenn dem wirklich allgemein so wäre. Aber das ist sicher, dass Politik, Regieren, eine öffentliche Person sein, dem Charakter sehr gefährlich ist, und zwar darum, weil es von Menschen so viel verlangt, und zwar vor Allem den Mut der Überzeugung. Denn wer zu regieren hat in der Welt, im Großen oder im Kleinen, ja überhaupt, wer einen Einfluss hat, auf wen man hört und sieht in Staat und Gemeinde und in seinem Bekanntenkreis, der müsste den Mut haben, ein Anführer zu sein für die Andern, und zwar nicht nur in Geldfragen, sondern gerade in den Überzeugungsfragen. Er müsste es wagen, Entscheidungen zu fällen, wo es darauf ankommt, oder, wenn das nicht von ihm allein abhängt, müsste er mit allem Ernst darauf bedacht sein, die Andern zu den richtigen Entscheidungen zu veranlassen. Aber wer zum Guten anführen will, der muss immer rechnen mit dem blinden Geschrei der Masse, das überhand nehmen will zu Gunsten des Bösen. Er soll das Publikum, «die Leute», wie man sagt, lenken, aber er bekommt es auch zu spüren, dass das Publikum, die Leute, vielmehr ihn lenken wollen. Da braucht es Mut! Was wird er tun? Entweder er wagt es nun, Entscheidungen zu fällen nach Gewissen und Überzeugung oder doch den Ton anzugeben, den er für den rechten hält. Dann tut er, was er seiner Stellung schuldig ist, aber dann kommt er auch in Gefahr, in seiner Stellung angefochten zu werden und sie vielleicht nicht lange zu behalten. So hat es Jesus gemacht. Er war auch eine öffentliche Person, obgleich er keinen Titel und keine Besoldung hatte. Auf ihn hörte und sah der sehr große Kreis |94 seiner Jünger und Freunde, auf ihn hörten und sahen die Volksmassen von Galiläa. Aber er wahrte sich den Mut der Überzeugung ihnen Allen gegenüber. Wir hören nie, dass er von ihnen geschoben worden wäre, sondern immer hat er sie geschoben und, wenn sie sich nicht schieben ließen, dann ist er erst recht zu ihrem Wohl seinen eigenen Weg gegangen. So hat es ein Calvin in Genf gemacht oder ein Oliver Cromwell im alten England oder ein Bismarck oder ein Pfarrer Albert Bitzius in Lützelflüh6 oder Leute wie der alte Dürrenmatt in seiner Buchsizeitung7. Ich will damit nicht Alles billigen, was sie gesagt und getan haben, ich meine nur: Das waren Charaktere, wirkliche Persönlichkeiten in ihren öffentlichen Stellungen, die es wagten, ihre Meinung zu sagen und, wenn es Not tat, auch gegen den allgemeinen Strom zu schwimmen. Das tat ein Pilatus nicht. Sondern ihm und seinesgleichen ist es zu allen Zeiten wichtiger gewesen, sich in ihrer Stellung, sei es nun ein grüner Sessel8 oder eine Kanzel oder ein Redaktionspult, sicher und gemütlich einzurichten, als von diesen Orten aus laut und hörbar Ja oder Nein zu sagen. Was würde die «öffentliche Meinung», was würden die Wähler, was würden die Abonnenten dazu sagen? Und weil man die Wahrheit nicht sagen darf, will man sie lieber auch nicht kennen. Man hüllt sich lieber wie Pilatus in das philosophische: Was ist Wahrheit?, auf das es aber beileibe keine Antwort geben darf, denn sonst wäre es um die Stellung getan. – |
95 Wir leben in einer Republik, das heißt, in einem Land, wo das Volk mitregiert oder doch seine Regenten selbst wählt. Da ist die Gefahr besonders groß, dass das öffentliche Leben etwas Charakterloses bekommt aus dem einfachen Grund, weil es unsern Regenten mindestens sehr schwer gemacht ist, den Mut der Überzeugung zu haben und zu bewahren, denn wenn sie ihn haben, so gefährden sie ihre Stellung. Wenn wir das Wort «Staat» aussprechen, so denken wir unwillkürlich an etwas Farbloses, Unbewusstes, an Etwas, das wie eine Maschine funktioniert, ohne von Wahrheit und Unwahrheit, Gut und Böse, Recht und Unrecht, Gott und Teufel mehr zu wissen, als eben so eine Gesetzesmaschine wissen kann. Unsern Regierungen ist der hinterste Straßenbau und die subtilste Viehversicherungsfrage wichtiger als die großen Fragen der Religion, der Charaktererziehung, der öffentlichen Gerechtigkeit, der Sittlichkeit unsres Volkes. Ja, man behandelt diese Letztern am Liebsten als etwas Gefährliches, Streiterregendes, über das man Besten rasch hinweggeht. Man hat auch ganz Recht: Es ist immer gefährlich, für die Wahrheit einzutreten, wenn es keine Gossenwahrheit ist. Und es würde Mut brauchen, dieser Gefahr zu trotzen. Nun fehlt aber unsern Regierenden dieser Mut, und weil es so ist, ist heutzutage der Staat, der doch das edelste Gebilde des Menschengeistes ist, vielen feinen, nachdenklichen Leuten einfach verleidet. Die Frommen zählen ihn zu den «weltlichen» Dingen, zu den notwendigen Übeln dieses Erdenlebens. Das müsste nicht so sein, aber es ist so. Und das kommt von der Farblosigkeit, von der Charakterlosigkeit, von der geistigen Mutlosigkeit, mit der wir regiert werden. |
Das Misstrauen gegen diesen farblosen Staat hat sich vielfach auch auf die Staatskirche9 übertragen, ich weiß es. Es ist mir mehr als einmal |96 gesagt worden, wir Pfarrer der Landeskirche dürften nicht sagen, was wir dächten, zum Beispiel wir dürften nicht offen und ungescheut die Bekehrung predigen, wie es der Prediger in der Kapelle10 dürfe, weil wir auf das große Publikum Rücksicht nehmen müssten. Dem entspricht es, dass in der Tat ein großer Teil des Publikums alles Andre von uns erwartet, nur nicht ein entschiedenes Eintreten für bestimmte Überzeugungen und Forderungen. Ich will mich jetzt nicht beschäftigen mit der Frage, wie weit wir jenen Vorwurf verdienen und diese Erwartungen erfüllen, ich sage nur das: Wenn wir es tun, dann sind auch wir Pfarrer Pilatusse, denen es an Mut fehlt, und wir leiden mit Recht mit unter dem Fluch, der auf einem Staatswesen liegt, das faul ist in seinem Mark, weil es wohl Interessen, aber keinen Charakter hat.
Hinter der Frage: Was ist Wahrheit? verbirgt sich aber endlich und hauptsächlich ein Mangel an Aufrichtigkeit. Wir müssen bedenken, dass diese Frage des Pilatus eine Antwort sein sollte auf Jesu gewaltiges Wort: Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme! [Joh. 18,37]. Pilatus konnte die Wahrheit nicht erkennen, er durfte nicht, aber er wollte auch nicht. Sonst hätte er nicht auf dieses Wort diese Antwort geben können. Es gibt Fragen, die nicht gestellt werden dürfen, weil die Frage selbst schon eine Lüge ist. Eine solche Lüge ist die Frage: Was ist Wahrheit? als Antwort auf Jesu Wort: Wer aus der Wahrheit ist … Jesus hatte mit diesem Wort an das Gewissen des Pilatus appelliert, an das ewige, unverbrüchliche Gesetz des Menschengeistes, das auch ihm innewohnte.11 Er wollte ihm sagen: Wenn du jetzt still und einfach der Stimme gehorchst, die in dir selbst redet, dann hörst du meine Stimme, das heißt, dann weißt du, was du von mir zu denken und wie du mich zu beurteilen hast. Der Mangel an tieferem Verständnis wäre noch gut zu machen gewesen, wenn Pilatus jetzt wenigstens unmittelbar, gleichsam wie ein Entdecker, seinem |97 Gewissen hätte folgen wollen, das ja sichtlich deutlich genug zu ihm gesprochen hat; davon zeugt sein Zaudern. Aber mit der Frage: Was ist Wahrheit? beging Pilatus geistigen Selbstmord. Das hätte er nicht fragen dürfen. Ebenso gut hätte er fragen können: Was ist Aufrichtigkeit? Man kann Alles in Frage stellen. Pilatus hätte Jesus ruhig fragen können: Woran erkenne ich, dass du der König der Wahrheit bist, der du dich nennst? Aber das Fragen hat seine Grenze erreicht, wenn es sich um die Tatsachen unsres Geisteslebens handelt, ohne die wir nicht einmal fragen könnten, um unsre Vernunft und um unser Gewissen. Wer hier noch weiter fragt: Was ist Wahrheit?, der sägt den Ast ab, auf dem er sitzt. Das ist im äußern Leben ein Wahnsinn und im geistigen Leben eine Lüge. Wir sagen damit: Ich will nicht. Und das hat Pilatus gesagt. Es ist das das Verstopfen der eigenen Lebensquelle, das absichtliche Sich-Verschließen, das Jesus einmal die Sünde gegen den heiligen Geist genannt hat, die nicht vergeben werden könne [vgl. Mt. 12,31f.]. Es würde nun heute zu weit führen, zu überlegen, was diese Sünde für uns bedeutet, wenn wir sie begehen, und ob Gottes Liebe es zulässt, dass ein Mensch sie wirklich und endgiltig begeht. Genug, dass wir auch in diesen Abgrund einen Blick getan haben. Nicht um zu richten, sondern um zu erkennen und Buße zu tun.
Am Rande dieses Abgrunds aber steht das Kreuz Christi. Und vom Kreuz ertönt eine Stimme. Sie gilt uns und sie gilt auch dem unseligen Pilatus: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! [Lk. 23,34]. Wir wollen sie recht verstehen.