Predigt: Lukas 23,13-25
In den Leiden und im Sterben Jesu ist ein Segen für uns verborgen. Durch Leiden ist er zur Herrlichkeit erhoben worden. Durch sein Sterben hat er und hat das Reich Gottes es in der Welt gewonnen. Wer mit ihm leidet, das heißt, wer seine Leiden neben das Leiden Jesu stellt, wer sie in die Gemeinschaft mit ihm bringt, wer sie trägt, wie Jesus das seinige getragen, dem widerfährt dasselbe. Er darf die Herrlichkeit Gottes schauen und sein Leiden wird ein Beitrag zum Bau des Reiches Gottes. Aber bevor wir diesen Segen des Leidens Jesu an uns erfahren, muss es uns noch einen ganz andern Dienst leisten. Es muss uns zeigen, dass wir von der Herrlichkeit Gottes noch weit entfernt sind, es muss uns zeigen, dass wir mit unsern Gedanken und Taten das Reich Gottes nicht fördern, sondern hindern. Es ist ein Gericht, das über uns ergeht angesichts des Leidens Jesu. Aber auch in diesem Gericht ist eine besondere Güte Gottes gegen uns wirksam, der wir nicht ausweichen wollen.
Wenn wir uns nämlich vertiefen in das Bild des leidenden und sterbenden Heilands, dann wird unser erster Eindruck gar nicht der sein, dass wir uns mit ihm in Gemeinschaft versetzt fühlen. Das ist das Ziel, zu dem es uns führen soll. Wer aber damit anfangen wollte, der würde sich etwas einbilden. Wir wollen ehrlich sein. Das Leiden Jesu soll uns zuerst an eine ganz andere Gemeinschaft erinnern, in der wir stehen, nämlich an die Gemeinschaft der Menschen, die Jesus ans Kreuz gebracht haben. Jesus hat ja nicht unter einem Naturereignis gelitten, nicht unter einer Krankheit, nicht unter einem Unglück, das durch höhere Gewalt verursacht war, wie wir sagen, auch nicht unter einem fatalen Zufall oder unter einem widrigen Zusammentreffen ungünstiger Umstände, sondern unter den traurigen Folgen menschlicher Verkehrtheit. Da war der Verräter
… und ihr Geschrei nahm überhand… haben wir gehört in dem Abschnitt der Leidensgeschichte, dena ich vorgelesen habe. Ihr Geschrei nahm überhand. Gemeint ist das von den Hohepriestern und ihren Leuten angestiftete und zugleich eigenem und dunklem Trieb folgende Volk von Jerusalem, das vor dem Palast des Statthalters versammelt ist. Der Lärm und der Zorn, mit dem sie ihre Forderung: Kreuzige ihn! vortragen, wurden so groß, dass sie dem Pilatus zu groß wurden: Er urteilte, dass ihre Bitte geschehe, nachdem er lange versucht hatte, sich einen ungerechten Richtspruch und Jesus den Tod zu ersparen. Er musste nachgeben, weil ihr Geschrei überhand nahm. Und so hat die Stimme des Volkes das Schicksal Jesu endgiltig besiegelt. Wir wollen heute von dieser «Stimme des Volkes» reden als von |80 dem einen der mancherlei Feinde Jesu. Oder besser würden wir vielleicht sagen: von der Stimme der Masse. Denn Volk und Masse ist nicht dasselbe. Daran erinnert uns das bekannte Wort: «Die Stimme des Volkes ist Gottes Stimme.»1 Aber die Stimme der Masse ist ganz sicher nicht Gottes Stimme. Die Stimme der Masse ist auch durchaus nicht die Stimme des Volkes. Sondern die Stimme der Masse ist die Stimme derjenigen in einem Volk, die nicht nachdenken, sondern bloß ihren eigenen Instinkten und den Schlagworten Andrer gehorchen, die es aber durch ihre Menge und durch die Kraft ihres Geschreis oft fertigbringen, überhand zu nehmen in der Welt. Man darf die Masse ja nicht mit der Wahrheit verwechseln. Denn Gott Lob gelingt es manchmal auch, die Masse in die Minderheit zu bringen, und das sind dann die öffentlichen Siege des Reiches Gottes. Und man darf ja nicht meinen, die Masse rekrutiere sich bloß aus den untern Ständen, zum Beispiel aus den Arbeitern. Gewiss gibt es auch unter den Arbeitern sehr viel Masse. Aber heutzutage findet sich verhältnismäßig viel mehr Masse unter den andern Ständen. Man kann auch in einer Villa wohnen und Automobil fahren und doch zur Masse gehören.2 Unter denen, die dort in
Wir wollen eine nach der andern vornehmen. Jesus zwingt uns zum Nachdenken. Nicht nur die Pfarrer, nicht nur die Studierten, sondern Jedermann. Wer es mit ihm zu tun bekommt, dem wird zunächst Vie|81les zum Rätsel, was ihm vorher leicht und selbstverständlich schien. Man braucht ja nur die Evangelien aufzuschlagen, um da auf Schritt und Tritt auf Worte und Dinge zu stoßen, über die man sich besinnen muss, über die sich Unzählige in den Jahrhunderten und Jahrtausenden vor uns besonnen haben und über die wir uns ein Menschenleben hindurch besinnen können, ohne damit fertig zu werden. Aber so geht es einem nicht nur, wenn man in der Bibel liest, sondern auch da, wo man ganz einfach im Leben Ernst machen möchte mit dem Geist Jesu. Es braucht Nachdenken, um zu erkennen: Was würde Jesus an meiner Stelle tun? Es braucht Nachdenken, um in den Begebenheiten der Welt, in den Erfahrungen des eigenen Lebens die Hand des Vaters im Himmel zu erkennen. Es braucht Nachdenken, um von Herzen mitbeten zu können: Dein Wille geschehe! [
Zum Mangel an Nachdenken kommen bei der Masse immer die Instinkte. Sie sind der gewöhnlichste Ersatz für die Gründe überall da, wo man: Kreuzige ihn! ruft. Instinkte sind immer blinde Instinkte. Sie sind die dumpfen Triebe unsres Inwendigen, die uns selbst unbewussten oder kaum bewussten Neigungen unsrer Seele. Sie sind diejenigen Gründe unsrer Gedanken und Taten, die wir nicht zu denken und jedenfalls nicht laut zu nennen wagen, weil wir uns ihrer schämen würden. Jesus wollte die Menschen befreien von der Macht der Instinkte. Er empfand diese Macht als eine Versuchung, ihre Herrschaft als einen Zustand, der des Menschen unwürdig sei. Besonders wenn wir auf die Ausdrücke achten, die im Johannesevangelium gebraucht werden: das Leben, das Licht, die Wahrheit [vgl.
Ich will einige davon nennen. Einen der zügigsten habe ich eben berührt: den Trieb zum Neinsagen. Gegen Etwas oder gegen Jemand aufzutreten, ist eine Parole, für die die Masse immer zu haben ist. So haben dort in
Ein anderer Trieb ist das Hängen am Alten. Das hat in Jerusalem gewirkt gegen Jesus, denn Jesus brachte wirklich etwas Neues, und das wirkt bei uns in ganz unglaublicher Weise. «Es ist immer so gewesen, es isch gäng so gsi!»5 Das ist für Viele der Grund der Gründe, um: Kreuzige ihn! zu rufen. Ich kann bei manchen Gelegenheiten nur staunen, wie stark dieser konservative Trieb gerade in unserm fortschrittlichen
Ein weiterer Masseninstinkt ist die Abneigung gegen Alles, was man in dunkler Ahnung als eine Störung des Vergnügens betrachtet, eine Abneigung gegen das Ernsthafte, könnte man kurz sagen. Unter den Schreiern von
Schließlich von den vielen nur noch ein Instinkt der Masse. Es ist der, der die Masse so recht zur Masse macht, nämlich der Instinkt der Nachahmung. Man macht bei der Masse oft die Beobachtung, dass jeder Einzelne leidlich klug und verständig wäre und mit sich reden ließe. Aber alle guten Geister sind entflohen, wenn die Einzelnen nun beieinander sind und einander den Rücken stärken. So mag es bei den Anklägern Jesu gewesen sein. Und so ist es in unsrer Zeit. Da ist so Mancher, der wäre für sich allein nicht so übel. Er sagt: Ja, ja, es kann wohl sein!, wenn man ihm etwas Gutes vorträgt. Er schweigt auch wohl dazu oder er schüttelt nur leise missbilligend das Haupt. Er ist jedenfalls nicht als ein Feind zu betrachten. Aber er wird es sofort, wenn er sechs oder zehn seinesgleichen neben und hinter sich hat. Da geht es dann von Einem zum Andern wie ein geheimnisvoller magnetischer Strom, erweckt seine Oppositionslust, stärkt seine Widerstandskraft, und das Resultat ist, dass man schon vor sechs oder zehn, geschweige dann vor 100 oder 200 steht wie vor einer ehernen Mauer, die durch nichts umzustürzen ist. Ihr Geschrei nimmt überhand oder doch ihr beharrliches stilles Neinsagen, nicht weil sie übermächtige Gründe für sich haben, sondern weil sich Einer an den Andern anklammern, weil keiner ein Einzelner sein will. Gerade wenn ein allgemeines: Kreuzige ihn! ertönt, ist es misslich, etwas dagegen zu sagen; denn es könnte Einem selbst so gehen. – |
Diese Triebe und Instinkte sind also das Eine, was bei der Masse an die Stelle des Nachdenkens tritt. Sie kommen aus dem Innern des Menschen. Dazu kommt nun noch etwas Anderes von außen: das Andre sind die Schlagworte. Schlagworte sind Worte, mit denen man dreinschlagen kann. Wo die Masse mit ihrem Geschrei überhand nimmt, da wird auch immer mit Schlagworten dreingeschlagen. Die Schlagwörter, die gegen Jesus gebraucht wurden, hießen: Aufrührer; Gotteslästerer; Verehrung vor dem Tempel Gottes; Respekt vor dem Kaiser! Die Schlagwörter stammten her von den Hohepriestern. Sie |86 werden überhaupt nie von der Masse erdacht, sondern immer nur von ihr gebraucht. Man drückt sie ihr gleichsam in die Hand wie eine Keule. Voraussetzung der Schlagwörter ist, dass die Leute nicht nachdenken und dass sie ihren blinden Instinkten folgen, darauf sind sie berechnet und eingerichtet. Ein verständiger und bewusster Mensch ist gar nicht im Stande, diese Keule zu führen. Je unverständiger und dumpfer er dagegen ist, ein umso besserer Krieger ist er. Von denen, die die Schlagwörter verfertigen, reden wir ein andermal. Heute haben wir es nur mit ihrer Art und ihrem Gebrauch zu tun, weil beide kennzeichnend für die jesus- und gottfeindliche Masse sindb. Damit ein Wort zum Schlagwort werde, ist nämlich vor Allem erforderlich, dass es einen guten Klang habe. Schlagwörter werden, je kräftiger sie wirken, umso berechtigter und voller tönen müssen. Gegen die Schlagwörter aller Zeiten und Parteien lässt sich deshalb sachlich meist gar nichts einwenden. Es sind schöne Wörter: Freiheit! Autorität! Bildung! Natur! Vernunft! Schönheit! Wer wollte da nicht dabei sein? Oder wenn es tadelnde Schlagwörter sind, heißen sie vielleicht: Gewissensknechtung! Willkür! Köhlerglaube!11 Künstelei! Aberglaube! Hässlichkeit! Wer wäre da nicht dagegen? Aber gerade weil sie so einleuchtend sind, sind sie so gefährlich. Gute Worte in den Händen des Unverstandes, das sind die Schlagwörter der Masse, und eine gefährlichere Masse als diese lässt sich kaum denken. |
Ihr kennt vielleicht die kleine Geschichte von dem Mann, der am Fenster stand und einer im Garten arbeitenden Frau zurief, ob auch das Wort Gottes einem Menschen gefährlich sein könne? Nein, antwortete die Frau. Da antwortete der Mann, um sie zu widerlegen, indem er ihr eine schwere, eisenbeschlagene Bibel von oben auf den Kopf warf und sie schwer verletzte. Er hatte ganz Recht. Das Wort Gottes in eines Narren Hand ist wirklich eine gefährliche Sache. Und gerade so steht es mit den Schlagwörtern der Masse: gute Worte, aber gefährlich in der Hand der Narren. Wo sie gebraucht werden, da wächst oft kein Gras mehr. Denn wie es ja zu erwarten steht, braucht sie der Narr am verkehrten Ort und auf verkehrte Weise. Er schlägt |87 damit, aber er sieht nicht, wo er hintrifft. Tummelplatz der Schlagwörter sind ganz besonders die Zeitungen, und wer nicht gern ein Stück Masse wird, der muss sich darum ganz besonders davor hüten, seine Überzeugungen den Zeitungen zu entnehmen, statt sie sich selber zu bilden.
Wir können hier abbrechen. Ich denke, wir haben verstanden, welcher Art die waren, deren Geschrei dort vor