10. März 1912

Predigt: Lukas 23,13-25

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Lukas 23,13–25
…und ihr Geschrei nahm überhand…
Liebe Zuhörer!

In den Leiden und im Sterben Jesu ist ein Segen für uns verborgen. Durch Leiden ist er zur Herrlichkeit erhoben worden. Durch sein Sterben hat er und hat das Reich Gottes es in der Welt gewonnen. Wer mit ihm leidet, das heißt, wer seine Leiden neben das Leiden Jesu stellt, wer sie in die Gemeinschaft mit ihm bringt, wer sie trägt, wie Jesus das seinige getragen, dem widerfährt dasselbe. Er darf die Herrlichkeit Gottes schauen und sein Leiden wird ein Beitrag zum Bau des Reiches Gottes. Aber bevor wir diesen Segen des Leidens Jesu an uns erfahren, muss es uns noch einen ganz andern Dienst leisten. Es muss uns zeigen, dass wir von der Herrlichkeit Gottes noch weit entfernt sind, es muss uns zeigen, dass wir mit unsern Gedanken und Taten das Reich Gottes nicht fördern, sondern hindern. Es ist ein Gericht, das über uns ergeht angesichts des Leidens Jesu. Aber auch in diesem Gericht ist eine besondere Güte Gottes gegen uns wirksam, der wir nicht ausweichen wollen.

Wenn wir uns nämlich vertiefen in das Bild des leidenden und sterbenden Heilands, dann wird unser erster Eindruck gar nicht der sein, dass wir uns mit ihm in Gemeinschaft versetzt fühlen. Das ist das Ziel, zu dem es uns führen soll. Wer aber damit anfangen wollte, der würde sich etwas einbilden. Wir wollen ehrlich sein. Das Leiden Jesu soll uns zuerst an eine ganz andere Gemeinschaft erinnern, in der wir stehen, nämlich an die Gemeinschaft der Menschen, die Jesus ans Kreuz gebracht haben. Jesus hat ja nicht unter einem Naturereignis gelitten, nicht unter einer Krankheit, nicht unter einem Unglück, das durch höhere Gewalt verursacht war, wie wir sagen, auch nicht unter einem fatalen Zufall oder unter einem widrigen Zusammentreffen ungünstiger Umstände, sondern unter den traurigen Folgen menschlicher Verkehrtheit. Da war der Verräter Judas, da war die fanatische Gesellschaft der Hohepriester von Jerusalem und ihrer Anhänger, da war die |79 haltlose Gestalt des oberflächlichen Regierungsmannes Pilatus, da war die Volksmenge, die in dumpfem Drang ihr: Kreuzige! rief. Wenn wir von diesen Feinden Jesu lesen und hören, dann dürfen wir nicht denken: Das waren sie und nicht wir! Wir dürfen uns nicht über ihre Sünde aufregen und entrüsten, denn wir erkennen in ihren Worten und Taten ohne Mühe die Triebfedern, die verschiedenen Richtungen und Bestandteile unsrer eigenen Sünde. Jesus hat nicht bloß einmal gelitten unter den Händen der Ungerechten, sondern er leidet immer wieder, und die Ungerechten sind wir. Das ist das Gericht, das angesichts seiner Leiden über uns ergeht, dass wir uns mitschuldig sprechen müssen, obwohl wir nicht dabei gewesen sind. Jene Menschen sind andre Menschen, aber sie dachten und taten nicht etwas Anderes, als was wir auch tun. Das Böse ist dort nur besonders deutlich ans Licht getreten, aber diese Tatsache berechtigt uns nicht, auf jene andern Menschen herabzusehen. Sie sagt uns nur mit ganz besonderer Deutlichkeit, wer und was wir seien. Sie sind unsre Vertreter nach der bösen Seite hin, wie Jesus unser Vertreter nach der guten Seite ist. Jawohl, wir verurteilen sie, aber wir meinen damit uns selbst. Wir richten uns, indem wir unsre Verwandtschaft mit ihnen erkennen und anerkennen. Aber ich wiederhole es: auch in dem Gericht, das wir da erfahren, liegt etwas von der wirksamen Güte Gottes, deren Strahlen uns nur wohltun können.

*   *   *

… und ihr Geschrei nahm überhand… haben wir gehört in dem Abschnitt der Leidensgeschichte, dena ich vorgelesen habe. Ihr Geschrei nahm überhand. Gemeint ist das von den Hohepriestern und ihren Leuten angestiftete und zugleich eigenem und dunklem Trieb folgende Volk von Jerusalem, das vor dem Palast des Statthalters versammelt ist. Der Lärm und der Zorn, mit dem sie ihre Forderung: Kreuzige ihn! vortragen, wurden so groß, dass sie dem Pilatus zu groß wurden: Er urteilte, dass ihre Bitte geschehe, nachdem er lange versucht hatte, sich einen ungerechten Richtspruch und Jesus den Tod zu ersparen. Er musste nachgeben, weil ihr Geschrei überhand nahm. Und so hat die Stimme des Volkes das Schicksal Jesu endgiltig besiegelt. Wir wollen heute von dieser «Stimme des Volkes» reden als von |80 dem einen der mancherlei Feinde Jesu. Oder besser würden wir vielleicht sagen: von der Stimme der Masse. Denn Volk und Masse ist nicht dasselbe. Daran erinnert uns das bekannte Wort: «Die Stimme des Volkes ist Gottes Stimme.»1 Aber die Stimme der Masse ist ganz sicher nicht Gottes Stimme. Die Stimme der Masse ist auch durchaus nicht die Stimme des Volkes. Sondern die Stimme der Masse ist die Stimme derjenigen in einem Volk, die nicht nachdenken, sondern bloß ihren eigenen Instinkten und den Schlagworten Andrer gehorchen, die es aber durch ihre Menge und durch die Kraft ihres Geschreis oft fertigbringen, überhand zu nehmen in der Welt. Man darf die Masse ja nicht mit der Wahrheit verwechseln. Denn Gott Lob gelingt es manchmal auch, die Masse in die Minderheit zu bringen, und das sind dann die öffentlichen Siege des Reiches Gottes. Und man darf ja nicht meinen, die Masse rekrutiere sich bloß aus den untern Ständen, zum Beispiel aus den Arbeitern. Gewiss gibt es auch unter den Arbeitern sehr viel Masse. Aber heutzutage findet sich verhältnismäßig viel mehr Masse unter den andern Ständen. Man kann auch in einer Villa wohnen und Automobil fahren und doch zur Masse gehören.2 Unter denen, die dort in Jerusalem: Kreuzige ihn! riefen, waren sicher neben dem Pöbel die bessern Leute reichlich vertreten. Die Masse erkennt man nur an den genannten Kennzeichen: Mangel an Nachdenken, blinde Instinkte, Schlagwörter und Vertrauen auf die Macht anhaltenden Lärmens. Sie ist bei den Mehrheiten wie bei den Minderheiten, bei den bessern wie bei den wenig bessern Leuten, bei den sogenannten Gebildeten wie bei den sogenannten Ungebildeten. Diese Masse nun mit ihrer Stimme ist der eine natürliche und geborene Feind Jesu. Wir wollen versuchen, ihn genauer kennenzulernen. Wir können das um so leichter, als Jeder von uns, ohne Ausnahme, selbst bei den besten Eigenschaften, sicher auch Etwas von der Masse und ihren Eigenschaften an sich hat.

Wir wollen eine nach der andern vornehmen. Jesus zwingt uns zum Nachdenken. Nicht nur die Pfarrer, nicht nur die Studierten, sondern Jedermann. Wer es mit ihm zu tun bekommt, dem wird zunächst Vie|81les zum Rätsel, was ihm vorher leicht und selbstverständlich schien. Man braucht ja nur die Evangelien aufzuschlagen, um da auf Schritt und Tritt auf Worte und Dinge zu stoßen, über die man sich besinnen muss, über die sich Unzählige in den Jahrhunderten und Jahrtausenden vor uns besonnen haben und über die wir uns ein Menschenleben hindurch besinnen können, ohne damit fertig zu werden. Aber so geht es einem nicht nur, wenn man in der Bibel liest, sondern auch da, wo man ganz einfach im Leben Ernst machen möchte mit dem Geist Jesu. Es braucht Nachdenken, um zu erkennen: Was würde Jesus an meiner Stelle tun? Es braucht Nachdenken, um in den Begebenheiten der Welt, in den Erfahrungen des eigenen Lebens die Hand des Vaters im Himmel zu erkennen. Es braucht Nachdenken, um von Herzen mitbeten zu können: Dein Wille geschehe! [Mt. 6,10] Es braucht Nachdenken, um auch nur ein klein wenig einzudringen in die Bedeutung der Forderung: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! [Mt. 22,39] in unserm täglichen Leben. Wer mit Jesus gehen will, der muss Freude daran haben, in die Tiefe zu gehen. Und darum ist die Masse immer gegen Jesus, die Masse, das heißt, Alle diejenigen, die die Oberfläche lieber haben als die Tiefe. Jene Leute von Jerusalem, deren Geschrei vor Pilatus überhand nahm, bieten dann auch vor Allem das typische Bild des Unverstands, der nicht nachdenken will. Pilatus sagt ihnen: ich finde keine Schuld an ihm [vgl. Lk. 23,14]. Antwort: Kreuzige ihn! [Lk. 23,21] Pilatus stellt Jesus einen berüchtigten Verbrecher gegenüber und fragt sie, welchen er loslassen solle. Antwort: Barabbas![Lk. 23,18] Pilatus macht ihnen den faulen Vorschlag, Jesus zu züchtigen und dann loszulassen [vgl. Lk. 23,22]. Antwort: Lass ihn kreuzigen! [vgl. Lk. 23,23] Pilatus hätte ihnen stundenlang Vernunft predigen, ein Engel vom Himmel hätte kommen und dasselbe tun können, sie wären doch bei ihrem: Kreuzige ihn! geblieben, das man rufen konnte, ohne sich lange zu besinnen. So macht es die Masse: sie wirkt am Liebsten, ohne nachzudenken, und das am Liebsten da, wo sie spürt, dass Nachdenken nötig wäre. Sie lehnt sich auf gegen die Überlegenheit, die sie tieferen Menschen sehr wohl anfühlt, sie wittert darin eine unerlaubte Aristokratie, und je mehr Gründe man ihr vorbringt, desto mehr befestigt sie sich in dem Entschluss: Jetzt express!3 Oder: Jetzt |82 gerade nicht! Diese Auflehnung des Unverstandes muss sich die Vernunft immer wieder gefallen lassen. Wir brauchen nicht nach Jerusalem zu gehen, um dafür Beispiele zu finden. Man braucht nur die erste beste Zeitungsnummer aufzuschlagen und ein paar Artikel zu lesen, man braucht nur ein paar Sitzungen von Behörden oder Vereinen mitzumachen oder noch besser eine Gemeindeversammlung, um zu sehen, wie das ist, wenn das Geschrei der Unverständigen überhand nimmt, wie es da immer und überall solche gibt, die eine Rolle spielen, die Artikel drucken lassen, die Reden halten und ihre Stimme abgeben mit dem festen Willen, nicht nachzudenken, sondern sonst: Kreuzige ihn! zu rufen. Jeder Grund «für» ist für sie schon darum ein Grund «gegen», weil er überhaupt ein Grund ist, das heißt, ein Ding, das ihrem Verstand einige Mühe kosten würde. Gerade diese Mühe aber scheuen sie. Es ist so verhältnismäßig viel leichter, sich in irgend ein Missverständnis zu verbohren, auf den Tisch zu schlagen und Nein! zu sagen. Und es ist zweifellos ein großes Vergnügen, einen wohlerwogenen Gedanken Anderer bachab zu schicken,4 nur schon darum, weil man selber nicht von heute auf morgen auf diesen Gedanken gekommen wäre. – |

Zum Mangel an Nachdenken kommen bei der Masse immer die Instinkte. Sie sind der gewöhnlichste Ersatz für die Gründe überall da, wo man: Kreuzige ihn! ruft. Instinkte sind immer blinde Instinkte. Sie sind die dumpfen Triebe unsres Inwendigen, die uns selbst unbewussten oder kaum bewussten Neigungen unsrer Seele. Sie sind diejenigen Gründe unsrer Gedanken und Taten, die wir nicht zu denken und jedenfalls nicht laut zu nennen wagen, weil wir uns ihrer schämen würden. Jesus wollte die Menschen befreien von der Macht der Instinkte. Er empfand diese Macht als eine Versuchung, ihre Herrschaft als einen Zustand, der des Menschen unwürdig sei. Besonders wenn wir auf die Ausdrücke achten, die im Johannesevangelium gebraucht werden: das Leben, das Licht, die Wahrheit [vgl. Joh. 14,6; Joh. 8,12], bemerken wir, dass das, was er den Menschen bringen wollte, eine Überlegenheit war gegenüber den Trieben des Instinkts. Das Evangelium ist die Botschaft vom Bewusstwerden gegenüber allem Dump|83fen, Dunklen, Dummen und Düstern in uns. Wir sind Alle noch nicht frei davon, aber wer Freude hat an der Aussicht, davon frei zu werden, der kommt bei Jesus an den rechten Mann. Wo man aber den unbewussten Trieben Recht geben will, da wird auch immer Feindschaft gegen Jesus sein. Und darum ist die Masse gegen Jesus. Denn die Masse, die nicht nachdenken will, folgt dafür vor Allem ihren Instinkten, den blinden Instinkten. |

Ich will einige davon nennen. Einen der zügigsten habe ich eben berührt: den Trieb zum Neinsagen. Gegen Etwas oder gegen Jemand aufzutreten, ist eine Parole, für die die Masse immer zu haben ist. So haben dort in Jerusalem gewiss Viele: Kreuzige! gerufen, nur schon darum, weil sie in diesem Ruf dem kräftigen Nein Luft machen konnten, das schon lange in ihrer Seele wühlte. Der Trieb zum Heruntermachen ist ein sehr kräftiger Trieb. Man weiß, was diese grundsätzlichen oder vielmehr grundsatzlosen Neinsager bei allen unsern Volksabstimmungen zu bedeuten haben. |

Ein anderer Trieb ist das Hängen am Alten. Das hat in Jerusalem gewirkt gegen Jesus, denn Jesus brachte wirklich etwas Neues, und das wirkt bei uns in ganz unglaublicher Weise. «Es ist immer so gewesen, es isch gäng so gsi!»5 Das ist für Viele der Grund der Gründe, um: Kreuzige ihn! zu rufen. Ich kann bei manchen Gelegenheiten nur staunen, wie stark dieser konservative Trieb gerade in unserm fortschrittlichen Kanton Aargau6 ist, wie da, man kann ruhig sagen, die |84 Meisten der sogenannten Freisinnigen zum Beispiel in sozialen Dingen oder in der Alkoholfrage genau um 50 Jahre hinter der Zeit zurück sind, zurück auch hinter den Katholiken und hinter den Pietisten, auf die sie meinen herabsehen zu dürfen als auf Dunkelmänner und unzeitgemäße Stündler7.

Ein weiterer Masseninstinkt ist die Abneigung gegen Alles, was man in dunkler Ahnung als eine Störung des Vergnügens betrachtet, eine Abneigung gegen das Ernsthafte, könnte man kurz sagen. Unter den Schreiern von Jerusalem waren sicher Zahllose, die schrien nur schon darum, weil sie spürten, weil sie es Jesus ansahen, dass seine Botschaft Zucht bedeute gegenüber der Willkür der Sinne und der Stimmungen, dass die Freiheit des Gewissens, die er verkündigte, ihre natürliche Schranke habe in dem Sittengesetz, das das Gewissen selbst in uns aufrichtet.8 Diese Zucht und diese Freiheit ist gegen unsren Instinkt, und darum ist es nicht zu verwundern, dass wir gern zu haben sind gegen Alles, was «zu ernst» oder «zu streng» sein könnte, dass Viele eine wahre Furcht empfinden gegen ein Zuviel in dieser Richtung. Ich habe in Genf einmal 8000 Menschen schreien hören gegen eine Einschränkung der im dortigen Kursaal üblichen Glücksspiele.9 Wenn es sich um Bestrebungen zur Hebung der Sittlichkeit handelt, dann redet die Masse sofort von Sittlichkeitsschnüffelei und ist dagegen. Und wer für die Sache der Abstinenz10 eintritt, der muss |85 sich auch bei uns darauf gefasst machen, als ein Freudenstörer angesehen und behandelt zu werden. |

Schließlich von den vielen nur noch ein Instinkt der Masse. Es ist der, der die Masse so recht zur Masse macht, nämlich der Instinkt der Nachahmung. Man macht bei der Masse oft die Beobachtung, dass jeder Einzelne leidlich klug und verständig wäre und mit sich reden ließe. Aber alle guten Geister sind entflohen, wenn die Einzelnen nun beieinander sind und einander den Rücken stärken. So mag es bei den Anklägern Jesu gewesen sein. Und so ist es in unsrer Zeit. Da ist so Mancher, der wäre für sich allein nicht so übel. Er sagt: Ja, ja, es kann wohl sein!, wenn man ihm etwas Gutes vorträgt. Er schweigt auch wohl dazu oder er schüttelt nur leise missbilligend das Haupt. Er ist jedenfalls nicht als ein Feind zu betrachten. Aber er wird es sofort, wenn er sechs oder zehn seinesgleichen neben und hinter sich hat. Da geht es dann von Einem zum Andern wie ein geheimnisvoller magnetischer Strom, erweckt seine Oppositionslust, stärkt seine Widerstandskraft, und das Resultat ist, dass man schon vor sechs oder zehn, geschweige dann vor 100 oder 200 steht wie vor einer ehernen Mauer, die durch nichts umzustürzen ist. Ihr Geschrei nimmt überhand oder doch ihr beharrliches stilles Neinsagen, nicht weil sie übermächtige Gründe für sich haben, sondern weil sich Einer an den Andern anklammern, weil keiner ein Einzelner sein will. Gerade wenn ein allgemeines: Kreuzige ihn! ertönt, ist es misslich, etwas dagegen zu sagen; denn es könnte Einem selbst so gehen. – |

Diese Triebe und Instinkte sind also das Eine, was bei der Masse an die Stelle des Nachdenkens tritt. Sie kommen aus dem Innern des Menschen. Dazu kommt nun noch etwas Anderes von außen: das Andre sind die Schlagworte. Schlagworte sind Worte, mit denen man dreinschlagen kann. Wo die Masse mit ihrem Geschrei überhand nimmt, da wird auch immer mit Schlagworten dreingeschlagen. Die Schlagwörter, die gegen Jesus gebraucht wurden, hießen: Aufrührer; Gotteslästerer; Verehrung vor dem Tempel Gottes; Respekt vor dem Kaiser! Die Schlagwörter stammten her von den Hohepriestern. Sie |86 werden überhaupt nie von der Masse erdacht, sondern immer nur von ihr gebraucht. Man drückt sie ihr gleichsam in die Hand wie eine Keule. Voraussetzung der Schlagwörter ist, dass die Leute nicht nachdenken und dass sie ihren blinden Instinkten folgen, darauf sind sie berechnet und eingerichtet. Ein verständiger und bewusster Mensch ist gar nicht im Stande, diese Keule zu führen. Je unverständiger und dumpfer er dagegen ist, ein umso besserer Krieger ist er. Von denen, die die Schlagwörter verfertigen, reden wir ein andermal. Heute haben wir es nur mit ihrer Art und ihrem Gebrauch zu tun, weil beide kennzeichnend für die jesus- und gottfeindliche Masse sindb. Damit ein Wort zum Schlagwort werde, ist nämlich vor Allem erforderlich, dass es einen guten Klang habe. Schlagwörter werden, je kräftiger sie wirken, umso berechtigter und voller tönen müssen. Gegen die Schlagwörter aller Zeiten und Parteien lässt sich deshalb sachlich meist gar nichts einwenden. Es sind schöne Wörter: Freiheit! Autorität! Bildung! Natur! Vernunft! Schönheit! Wer wollte da nicht dabei sein? Oder wenn es tadelnde Schlagwörter sind, heißen sie vielleicht: Gewissensknechtung! Willkür! Köhlerglaube!11 Künstelei! Aberglaube! Hässlichkeit! Wer wäre da nicht dagegen? Aber gerade weil sie so einleuchtend sind, sind sie so gefährlich. Gute Worte in den Händen des Unverstandes, das sind die Schlagwörter der Masse, und eine gefährlichere Masse als diese lässt sich kaum denken. |

Ihr kennt vielleicht die kleine Geschichte von dem Mann, der am Fenster stand und einer im Garten arbeitenden Frau zurief, ob auch das Wort Gottes einem Menschen gefährlich sein könne? Nein, antwortete die Frau. Da antwortete der Mann, um sie zu widerlegen, indem er ihr eine schwere, eisenbeschlagene Bibel von oben auf den Kopf warf und sie schwer verletzte. Er hatte ganz Recht. Das Wort Gottes in eines Narren Hand ist wirklich eine gefährliche Sache. Und gerade so steht es mit den Schlagwörtern der Masse: gute Worte, aber gefährlich in der Hand der Narren. Wo sie gebraucht werden, da wächst oft kein Gras mehr. Denn wie es ja zu erwarten steht, braucht sie der Narr am verkehrten Ort und auf verkehrte Weise. Er schlägt |87 damit, aber er sieht nicht, wo er hintrifft. Tummelplatz der Schlagwörter sind ganz besonders die Zeitungen, und wer nicht gern ein Stück Masse wird, der muss sich darum ganz besonders davor hüten, seine Überzeugungen den Zeitungen zu entnehmen, statt sie sich selber zu bilden.

Wir können hier abbrechen. Ich denke, wir haben verstanden, welcher Art die waren, deren Geschrei dort vor Pilatus überhand nahm, und in was die Kraft beruhte, die sie zum Siege führte. Wir brauchen bloß in uns selbst hineinzusehen, um da die Regungen des Massengeistes in seinen verschiedenen Eigenschaften zu erkennen. Der Massengeist ist der Feind Jesu in alten und neuen Tagen. Wir wollen uns aber nicht damit begnügen, ihn zu erkennen als den, der Jesu Leiden in alter und neuer Zeit auf dem Gewissen hat. Sondern wir wollen uns einmal die Frage stellen, ob denn nichts dagegen zu machen ist. Ob wir nicht versuchen wollen, diesen Feind Jesu auch zu unserm Feind zu machen, statt seine Freunde zu sein! Versuchen, nicht mehr auf das Nachdenken zu verzichten, nicht mehr statt Gründen dunklen, unsinnigen Trieben zu folgen, uns nicht mehr statt Gründen Schlagwörter einblasen zu lassen! Das würde ein Krieg, der des Kampfes wert wäre. Und zu diesem Krieg will uns Gottes Güte anleiten. Er will, dass in unserm innern Leben das Geschrei des Massengeistes nicht mehr überhand nehme und in unserm gesellschaftlichen Leben, in unsern Gemeinden, in unserm Volk auch nicht.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Mskr.: «die». ↩
b
Mskr.: «ist». ↩

Sachfußnoten

1
Auf Hesiod, Ἔργα καὶ ἡμέραι (Werke und Tage), V. 763f. 📖, zurückgehender Grundsatz, der in der bekannten lateinischen Form «Vox populi vox Dei» wörtlich erstmals in fränkischer Zeit begegnet; vgl. Büchmann, S. 303f. 📖 ↩
2
Wohl eine Anspielung auf die Fabrikbesitzer in Safenwil. ↩
3
«Express» steht im Schweizerdeutschen für: «ausdrücklich», «zum Trotz» im Sinne von «erst recht». ↩
4
«Bachab schicken» meint im Schweizerdeutschen «verwerfen», «ablehnen». ↩
5
«Es isch gäng so gsi» wiederholt den voranstehenden Satz auf Schweizerdeutsch. ↩
6
Der Kanton Aargau galt seit der Annahme einer Verfassung mit erweiterten Volksrechten im Jahr 1831 als einer der «fortschrittlichen» Kantone und «spielte im eidgenössischen Rahmen […] eine massgebliche, mitunter die treibende Rolle in den Bemühungen, die staatliche Gewalt in den Kantonen zu stärken» und «liberale Reformen anzustreben» (Chr. Seiler / A. Steigmeier, Geschichte des Aargaus. Illustrierter Überblick von der Urzeit bis zur Gegenwart, Aarau 1991, S. 120 📖). In der kantonalen Politik waren die radikale und liberale Richtung, der sogenannte «Freisinn», lange die bestimmende Kraft; einen besonderen Ausdruck fand dies darin, dass die einflussreichen und durchweg lange amtierenden ersten Aargauer Bundesräte durchweg dieser liberalen Richtung angehörten: der Aarauer Fabrikant Friedrich Frey-Herosé (1801–1873; Bundesrat von 1848 bis 1866), der Zurzacher Emil Welti (1825–1899; Bundesrat von 1867 bis 1891) und der Rechtsanwalt Edmund Schulthess (1868–1944; Bundesrat von 1912 bis 1935) aus Brugg. ↩
7
Spottname für die Angehörigen der pietistischen Gemeinschaft, der darauf beruhte, dass sie regelmäßig Erbauungsstunden hielten bzw. besuchten. ↩
8
Vgl. I. Kant, Die Metaphysik der Sitten, Akademie-Ausgabe, Bd. 6, Berlin 1907/14, S. 203–493, dort S. 450 📖: «Wir nehmen uns in der Ordnung der wirkenden Ursachen als frei an, um uns in der Ordnung der Zwecke unter sittlichen Gesetzen zu denken, und wir denken uns nachher als diesen Gesetzen unterworfen, weil wir uns die Freiheit des Willens beigelegt haben; denn Freiheit und eigene Gesetzgebung des Willens sind beides Autonomie, mithin Wechselbegriffe, […].» ↩
9
Barth verfasste selbst einen Bericht über die von ihm gemeinte Volksversammlung vom 28. April 1911: K. Barth, Pour la Dignité de Genève [1911], in : V.u.kl.A. 1909–1914, S. 310–319 📖; vgl. auch ders., Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche! [1911], in: a.a.O., S. 310–328 📖. ↩
10
Die Abstinentenbewegung war in Safenwil – wie auch sonst in der Schweiz – im «Blaukreuzverein» organisiert, an dessen Versammlungen Barth seit seinem Amtsantritt regelmäßig teilnahm; seit Januar 1912 war er auch dessen Präsident (bis 1916). Zu Barths mit seinem Eintreten für die Belange der Arbeiter zusammenhängenden Engagement und der Rolle der Abstinentenbewegung in Safenwil vgl. K. Barth, [Einladung zum aargauischen Abstinententag] [1913], in: a.a.O., S. 559–562 📖. ↩
11
Mit Köhlerglaube wird ein blinder (Irr-) Glaube bezeichnet, der bloß auf der kritiklosen Übernahme fremder Aussagen beruht. ↩