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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Philipper 4,7 (Neujahr)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Philipper 4,7 (Neujahr), 1. Januar 1912</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56003 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56003</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Philipper 4,7 (Neujahr)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Phil 4,7 (Neujahr), 1. Januar 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1538">KBA 1073</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1912-01-01">1. Januar 1912</date>
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          <term>sermon</term>
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            <div type="sermon">
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                <div type="opener">
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                    <dateline> <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Montag, den <date when="1912-01-01">1. Januar 1912</date>
                    </dateline>
                <head type="event">Neujahr</head>
                <epigraph>
                    <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.7">Philipper 4,7</ref>
                    <quote>Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu.</quote>
                    </cit>
                </epigraph>
                    <salute>Liebe Gemeinde!</salute>
            </div>
                <div type="main">
                    <anchor type="cross" xml:id="qv56003_1"/>
                    <p>Am Neujahrsmorgen sprechen sich alle Leute gute Wünsche aus. Wir wollen das auch tun: ich wünsche euch und mir selbst für das neue Jahr, in das wir getreten sind, den <term ref="kbga-terms-1427">Frieden Gottes</term>, welcher höher ist denn alle Vernunft. Die Flucht der Jahre predigt dem, der zu lauschen versteht, diesen <hi rend="italic">Frieden Gottes</hi>. Der Wechsel der <term ref="kbga-terms-1008">Zeit</term> weist uns fast unwillkürlich hin auf das, was unveränderlich ist oder unveränderlich sein sollte in unserm Leben. Er heißt uns ausschauen nach etwas, was nicht fällt und schwindet mit der Zeit. Er macht in uns die Freude an der <term ref="kbga-terms-1650">Ruhe</term> mitten im Unruhigen, am Großen mitten im Kleinen, am Ewigen mitten im Menschlichen. Der Wechsel der Zeit erinnert uns an Gott; er entlockt uns das Bekenntnis: du aber bleibest, der du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende! [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.102.28">Ps. 102,28</ref>] Das Bleibende, Beständige, Ruhige in unserm Leben, das wir bereits kennen oder nach dem wir doch Sehnsucht tragen – das ist der Friede Gottes. Und der ist <hi rend="italic">höher denn alle Vernunft</hi>. Dass es ein solches Unveränderliches gibt in unserm Leben, das kann niemand fassen und beweisen. Unsre Augen vermögen nur das Wechselnde zu sehen, unsre <term ref="kbga-terms-819">Vernunft</term> nur das Wechselnde zu begreifen. Tastend und tappend suchen wir die <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> zu erkennen, in der wir leben, aber immer stoßen wir auf Atome und Elemente, die in Veränderung begriffen sind. Die Natur und die Geschichte und die Tatsachen unsres eigenen Lebens zeigen uns unendliche Reihen beständiger Umwälzungen: Zunehmen und abnehmen, auftauchen und verschwinden, kämpfen und müde werden, das sind die Bilder, die uns auf allen Seiten begegnen. Unsre Sinne und unsre Vernunft vermögen von keinem Ding zu sagen: <hi rend="italic">es ist</hi>, denn was wir erkennen, ist lauter Werden und Vergehen. Wir sind außer Stande, auf <pb xml:id="p004" ed="pga"/> das Ewige im Zeitlichen, auf den Gottesfrieden im Menschenleben den Finger zu legen und zu sagen: hier sind sie. Wir können sie nicht fassen. Denn sie sind höher als alle Vernunft.</p>
                    <p>Und doch können wir sie auch nicht lassen. Auch der oberflächlichste Mensch lebt von ewigen und nicht von zeitlichen Dingen. Er nährt sich davon, auch wenn er sich durch eigene Schuld nur sehr kärglich davon nährt. Er ist empfänglich für Liebe und Treue von Seiten Anderer, und er ist wohl auch selbst solcher Regungen fähig, er glaubt an gewisse Wahrheiten, und er vermag etwas Schönes zu empfinden. Nehmt das Alles aus einem Leben weg, und es fällt tot in sich selbst zusammen. Und doch weiß unsre <term ref="kbga-terms-819">Vernunft</term> nichts davon, das Alles ist höher als sie. Es ist nicht veränderlich, sondern unveränderlich. Es ist nicht zeitlich, sondern ewig. Ich sage: wir Alle leben davon; es ist in uns Allen ein Anfang des großen Gottesfriedens. Was wir heute einander wünschen wollen, das ist, dass er auch durchdringe und es gewinne bei uns, dass wir uns nicht kärglich davon nähren in einzelnen spärlichen Portionen, sondern dass wir satt werden möchten von der Fülle, die uns beschieden ist. </p>
                    <p>Wir wollen jetzt davon reden, wie das ist, wenn der <term ref="kbga-terms-1427">Friede Gottes</term> es gewinnt in unserm innern und äußern Leben. Ich will es in zwei kurzen Gedanken zu beschreiben versuchen, die ich euch gut zu behalten und mitzunehmen bitte als das, was wir uns zum neuen Jahr sagen und wünschen wollen. Ich sage zuerst: <hi rend="italic">Friede Gottes ist <term ref="kbga-terms-1428">Unfriede mit sich selber</term></hi>. Und ich sage zweitens: <hi rend="italic">Friede Gottes ist <term ref="kbga-terms-1429">Friede mit den Menschen</term></hi>.</p>
                    <ab rend="center">*   *   *</ab>
                    <p>
                        <hi rend="italic">Friede Gottes ist <term ref="kbga-terms-1428">Unfriede mit sich selber</term>!</hi> Ich kann es nicht anders ausdrücken als so merkwürdig und widerspruchsvoll, wenn ihr gut verstehen sollt, was ich meine. Soll das Ewige eine bleibende Stätte gewinnen in unserm Leben, dann müssen wir zuerst gründlich irre geworden sein am Zeitlichen. Nun gibt’s freilich Manchen und Manche, die haben das scheinbar aufs Gründlichste besorgt. Sie haben das zeitliche Wesen, sie haben «die <term ref="kbga-terms-378">Welt</term>», wie man sagt, gehörig satt, <hi rend="italic">zu</hi> Trauriges haben sie erlebt und <hi rend="italic">zu</hi> schmerzliche Enttäuschungen erlebt mit den Menschen. Sie fragen, wie es im Liede heißt:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Aus irdischem Getümmel,</l> 
                            <l>da Glück und Lust vergeht,</l> 
                            <l><pb xml:id="p005" ed="pga" rend="noPipe"/> wer zeigt den Weg zum Himmel,</l>
                            <l>dahin die Hoffnung steht?<note xml:id="n01">Beginn von <bibl type="song" corresp="kbga-songs-224">Strophe 1 des Liedes «Aus irdischem Getümmel» von <persName ref="kbga-actors-3970">Chr. K. J. Asschenfeldt</persName> (GERS 234)</bibl>:  <q rend="block">
                                        <lg>
                                            <l>Aus irdischem Getümmel,</l>
                                            <l> Wo Glück und Lust vergeht,</l> <l>Wer zeigt den Weg zum Himmel,</l> <l>Dahin die Hoffnung steht?</l> <l>Wer leitet unser Streben,</l> <l>Wenn es das Ziel vergisst?</l>
                                            <l>Wer führt durch Tod zum Leben?</l>
                                            <l>Der Weg ist Jesus Christ.</l>
                                        </lg>
                                    </q>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                    <p>Und aus diesem Getümmel wegzukommen, ist wirklich ihr größter, ihr einziger Wunsch. Aber es ist sonderbar: gerade solche Menschen machen einem oft gar nicht den Eindruck, als ob sie den <term ref="kbga-terms-1427">Frieden Gottes</term> wirklich in sich trügen. Sie verachten die Welt und die bösen Menschen, sie sehnen sich nur nach der Ruhe des Volkes Gottes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.33.14">Ex. 33,14</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.4.9">Hebr. 4,9</ref>], aber sie sind dabei oft recht jämmerliche, unzufriedene Leute, die nichts weniger als Segen, sondern Aufregung und Ungemütlichkeit um sich her verbreiten. Und neben ihnen sieht man Andre, die klagen gar nicht über die Welt und die Menschen, die stehen im irdischen Getümmel fröhlich und tapfer drin, sie reden auch nicht immer vom Himmel, aber wenn man mit ihnen zu tun hat, wird man angesteckt von ihrem heitern, sonnigen Frieden; man bekommt ein warmes Herz dabei, wenn man sieht, wie sie die Aufgaben ihres Lebens anpacken und wie sie die andern Menschen zu nehmen und zu verstehen wissen. Ich glaube, ein solcher Vergleich hat uns etwas zu sagen: Unfriede mit der Welt ist durchaus noch nicht Friede Gottes. Der Wunsch nach Ruhe vor den Störungen durch die äußern Dinge und durch die anderen Menschen ist durchaus noch nicht der Weg zum Ewigen. Wir müssen diesen Weg anderswo suchen. Einer der feinsinnigsten Menschen des letzten Jahrhunderts, der Theologe <persName ref="kbga-actors-752">
                            <hi rend="italic">Richard</hi> <hi rend="italic">Rothe</hi></persName><note xml:id="n02">
                            <p> <persName ref="kbga-actors-752">Richard Rothe</persName> (1799–1867), einflussreicher liberaler Theologe, Prof. in Wittenberg, Bonn und Heidelberg.</p>
                        </note>, hat unter sein Bild die Worte geschrieben: Nicht nach Ruhe sehne ich mich, aber nach Stille!<note xml:id="n03">
                            <p> Ein Porträt <persName ref="kbga-actors-752">Rothes</persName>, dem in Rothes Handschrift jener Satz hinzugefügt ist, findet sich im Vorsatz von: <bibl corresp="kbga-bibls-1510">
                                    <hi rend="italic">Richard Rothe. Ein christliches Lebensbild auf Grund der Briefe Rothe’s</hi>, entworfen von <persName ref="kbga-actors-2463">Fr. Nippold</persName>, Bd. 1, Wittenberg 1873</bibl>; Barth besaß dieses Buch.</p>
                        </note> Da ist der Weg, den wir suchen, <pb xml:id="p006" ed="pga"/> angedeutet. Der Friede Gottes, der höher ist als alle <term ref="kbga-terms-819">Vernunft</term>, ist nicht Ruhe, sondern Stille. Diese Stille findet man mitten im Treiben der Welt, in der Arbeit und unter den Menschen. Ruhe wäre Friede von außen, Stille ist Friede von innen.</p>
                    <p>Ja, auch dies Stillwerden ist ein Irrewerden, eine Abwendung vom Zeitlichen, von der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term>, aber es fängt anders an und geht anders weiter als das, von dem wir eben sprachen. Es fängt nicht an mit einer Enttäuschung, nicht damit, dass wir den Verleider<note xml:id="n04">
                            <p> Schweizerdeutsch für: Überdruss.</p>
                        </note> bekommen an dem und jenem und uns darum vergrämt<note place="footnote" n="a" type="textcritical" xml:id="na">
                            <p> Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> ist das «v» mit dickem Bleistift-Strich, also wohl nachträglich und möglicherweise von anderer Hand, durchgestrichen.</p>
                        </note> davon zurückziehen. Sondern es fängt an damit, dass wir etwas recht Großes und Schönes kennenlernen. Eine alte Frau in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>, die bald darauf gestorben ist, erzählte mir, wie sie des Nachts krank im Spital gelegen sei zur Winterszeit und wie sie durch die geöffneten Fenster stundenlang hinausgesehen habe auf die vom Schnee schwerbeladenen Bäume und hinausgelauscht in die durch keinen Laut unterbrochene Stille. «Es war <term ref="kbga-terms-1427">Gottesfrieden</term> draußen», sagte sie mir. Es war eine arme, alte Waschfrau. So geht’s zu, wenn wir anfangen, still zu werden. Wir sehen etwas Großes, Erhabenes, das uns stellt in unserm Lauf und uns sagt: Gott ist da! Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm neige.<note xml:id="n05">
                            <p> Aus <bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">Strophe 1 des Liedes «Gott ist gegenwärtig» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (GERS 174; RG 162; EG 165)</bibl>:<q rend="block">
                                    <lg>
                                        <l>Gott ist gegenwärtig:</l>
                                        <l>Lasset uns anbeten</l>
                                        <l>Und in Ehrfurcht vor ihn treten!</l>
                                        <l>Gott ist in der Mitte: Alles in uns schweige</l>
                                        <l>Und sich innigst vor ihm beuge!</l>
                                        <l>Wer ihn kennt, / Wer ihn nennt,</l>
                                        <l>Schlagt die Augen nieder,</l>
                                        <l>Gebt das Herz ihm wieder!</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </p>
                        </note> Viele haben das in der Natur erlebt, wie jene Frau. Andre sind dabei gewesen, wie göttliche Taten getan wurden unter den Menschen. Sie haben zusehen dürfen, wie die Liebe am Werk war, sie kamen in einen Kreis, in dem geschafft <pb xml:id="p007" ed="pga"/> wurde, sie erlebten es, was Menschen wirken können, wenn der Geist in ihnen wirkt. Andre haben einem einzigen Menschen in die Augen gesehen und sind dabei dem auf die Spur gekommen, was <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> heißen würde. Da heißt es nun still werden, wenn wir so etwas erleben. Nicht gleich in ein Jubelgeschrei ausbrechen: O wie schön, o wie herrlich! – nicht gleich davon reden zu diesem und jenem – auch nicht gleich anfangen, zu studieren<note xml:id="n06">
                            <p> Im Schweizerdeutschen meint «studieren» im weiteren Sinn auch: nachdenken, überlegen.</p>
                        </note> darüber – das Alles ist geeignet, solchen großen Erlebnissen den Duft und die Blüte wegzunehmen. Sondern da heißt es, das Große still in uns aufnehmen, ohne etwas davon und dazu zu tun. O wenn wir doch das könnten, meine Freunde! Ich weiß von mir selbst, dass ich in solchen Momenten viel zu rasch bereit bin, zu räsonnieren und zu reden, und ich habe eigentlich bei Manchen von euch schon ganz die gleiche Anlage bemerkt. Das wollen wir doch zu verlernen suchen im neuen Jahr und dafür lernen, still zu sehen und zu hören auf das Große des Lebens. Denn nur wenn wir das lernen, leiten uns solche großen und schönen Eindrücke zum Frieden Gottes.</p>
                    <p>Ja, wenn wir so etwas wirklich gesehen und gehört und in uns aufgenommen haben, dann entsteht bei uns das, was ich den <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1428">Unfrieden mit uns selber</term></hi> nannte, jenes Irrewerden, in dem sich der <term ref="kbga-terms-1427">Friede Gottes</term> in uns offenbart. Dieser Unfriede ist etwas ganz Anderes als die öde Stimmung: Ach, ich bin des Treibens müde, was soll all der Schmerz und Lust.<note xml:id="n07">
                            <p> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1511">
                                    <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Wanderers Nachtlied</hi> (1776; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1, S. 68)</bibl>:</p>
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Der du von dem Himmel bist,</l>
                                    <l>Alles Leid und Schmerzen stillest,</l>
                                    <l>Den, der doppelt elend ist,</l>
                                    <l>Doppelt mit Erquickung füllest;</l>
                                    <l>Ach, ich bin des Treibens müde!</l>
                                    <l>Was soll all der Schmerz und Lust?</l>
                                    <l>Süßer Friede,</l>
                                    <l>Komm, ach komm in meine Brust!</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> Dieser Unfriede hat seine Wurzel nicht im Verleider, sondern in der <term ref="kbga-terms-14">Erkenntnis Gottes</term>. Gott hat uns etwas Feines und Gutes gezeigt, da haben wir durchaus keinen Anlass, uns enttäuscht von der äußern Welt abzuwenden. Wohl aber haben wir Anlass, uns von uns selbst abzuwenden. Die Welt, die zu Gott nicht passt, <pb xml:id="p008" ed="pga"/> ist nicht unser äußeres Leben, sondern sie ist in unsrer eigenen Brust. Das irdische Getümmel, das unsren <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term> mindert, ist nicht draußen, sondern drinnen. Wenn uns ein großer Eindruck durch und durch gegangen ist, dann spüren wir, dass – nicht die andern Menschen – sondern wir selbst klein sind. Wenn uns <term ref="kbga-terms-186">Gottes Güte</term> lebhaft vor Augen getreten ist, dann spüren wir, dass wir nicht gut sind. Wenn der Geist zu uns geredet hat, dann merken wir, dass wir bis in die Tiefen unsres Wesens hinein geistlos sind. Es heißt in der Bibel, dass das <term ref="kbga-terms-50">Wort Gottes</term> schärfer sei denn ein zweischneidig Schwert [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.4.12">Hebr. 4,12</ref>] – das erfahren wir jetzt. Von jetzt an geht unser <term ref="kbga-terms-1431">inneres Leben</term> auseinander in zwei scharf getrennte Seiten. Hier stehe ich, der will, was ich will, und hier stehe ich, der will, was Gott will. Hier stehe ich, der Freude hat am Kleinlichen, Engen, Nichtssagenden, und hier stehe ich, der nach Freiheit und nach den wahren Gütern dürstet; hier stehe ich, der an sich denkt, und hier stehe ich, der gelernt hat, im Schaffen für Andre das Ziel seines Lebens zu erblicken. So stehen sich die zwei Seiten unsres innern Lebens gegenüber, und nun entbrennt der scharfe <term ref="kbga-terms-843">Kampf</term>. Das wollte Gott, als er uns still werden ließ vor seiner Größe. Er wollte uns unzufrieden machen mit uns selbst. Und dieser Unfriede weicht nun nicht mehr von uns. Auch dann nicht, wenn unser besseres Ich es im Kampf mit dem schlechteren gewonnen hat, einmal, zweimal, öfters. Wir kommen dann auf eine höhere Stufe, aber dort setzt sich der Kampf fort. Die <term ref="kbga-terms-378">Welt</term>, das <term ref="kbga-terms-1432">Gottfeindliche in uns</term>, nimmt nun feinere Formen an und muss nun auch mit feineren Waffen bekämpft werden. Wir sind zum Beispiel niemals fertig mit dem Kampf zwischen Wahrheit und Lüge oder zwischen Liebe und Selbstsucht oder zwischen Pflichttreue und Oberflächlichkeit. Da gibt es immer höhere Aufgaben zu erfüllen, immer ernsthafter müssen wir ins Auge fassen, was von uns gefordert ist, immer kräftiger zugreifen, um den Feind, auch wenn er sich verhüllt in die Gestalt des Guten, zu erkennen und unschädlich zu machen. Ein solches Streben von Stufe zu Stufe will Gott von uns. Ein solcher <term ref="kbga-terms-1428">Unfriede mit uns selbst</term> ist der <term ref="kbga-terms-1427">Friede Gottes</term>.</p>
                    <p>Liebe Freunde, ich möchte heute recht persönlich zu euch reden. Wir kennen uns nun allmählich etwas genauer, Gemeinde und Pfarrer,<note xml:id="n08">
                            <p> Barth hatte die Pfarrstelle in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> zum <date when="1911-07-01">1. Juli 1911</date> angetreten und am <date when="1911-07-09">9. Juli</date> dort seine Antrittspredigt gehalten; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-834">Predigten 1911, <ref type="pub" target="../volume/51/pr008#pr008">S. VIIIf.</ref> und <ref type="pub" target="../volume/51/p197#p197">S. 197–205</ref></bibl>.</p>
                        </note> und ich möchte euch sagen, dass ich das Gefühl habe, dass die <pb xml:id="p009" ed="pga"/> Meisten von uns – ich zähle mich auch dazu – diesen Unfrieden mit sich selbst noch nicht so recht kennen. Wir sind zu behäbig in unserm innern Leben, zu selbstzufrieden. Ich weiß nicht, woran es liegt. Ob wir nicht genug Großes und Schönes erlebt haben, das uns zur <term ref="kbga-terms-105">Selbsterkenntnis</term> hätte führen können? Oder ob wir noch nicht gelernt haben, stille zu halten und dankbar zu empfangen, wenn wir so etwas erleben? Ich weiß es nicht. Aber das weiß ich, dass der Friede Gottes es nicht gewinnen kann bei uns, solange wir in solch tiefem Frieden mit uns selbst leben, wie es oft den Anschein hat. Wir haben mehr als eins unter uns, das an der Welt und an den Menschen irre geworden ist; jetzt wollen wir es uns zum neuen Jahr wünschen, dass wir einmal irre werden an uns selbst, um dann jenen Kampf mit uns selbst aufzunehmen, der uns von Stufe zu Stufe, der uns ins ewige Leben führt, jenen Kampf, durch den der Friede Gottes, die <term ref="kbga-terms-1247">Ewigkeit</term> Boden gewinnt in unserm Leben.</p>
                    <ab rend="center">*   *   *</ab>
                    <p>Jetzt wollen wir an das Andre heran, das uns dazu dienen muss, den <term ref="kbga-terms-1427">Frieden Gottes</term> im neuen Jahr zu gewinnen. <hi rend="italic">Friede Gottes ist <term ref="kbga-terms-1429">Friede mit den Menschen</term></hi>. Wir dürfen nicht meinen, der Friede Gottes sei eine Privatsache zwischen Gott und uns. Ich sagte es schon, die von Gott bloß Ruhe verlangen vor den Störungen der Welt, das sind selten die, die wirklichen Segen um sich verbreiten, öfters das Gegenteil. Der Friede Gottes ist allen Menschen bestimmt und nur, wenn wir dazu das unsrige auch tun, kehrt er bei uns selbst ein.</p>
                    <p>In jedem Menschen den sehen, der von Gott auch zum <term ref="kbga-terms-726">ewigen Leben</term> berufen ist, damit müssen wir anfangen. Diese <hi rend="italic">Anerkennung</hi> ist der Grundstein zum Frieden mit ihm. Wir können nicht Frieden halten mit einem, den wir als weniger wichtig und weniger berechtigt ansehen als uns selbst. Haben wir aber einmal gesehen, dass das Unveränderliche, Bleibende, das wir uns selbst wünschen, auch dem Andern gehört, dann ist’s ganz selbstverständlich, dass wir Frieden mit ihm suchen. Man kann sich streiten, wenn man nach den wechselnden Gütern des Lebens sucht, aber man kann nicht streiten, wenn man <pb xml:id="p010" ed="pga"/> nach dem Ewigen sucht. Achten wir darauf, wie hier eins mit dem Andern zusammenhängt: Haben wir gelernt, unzufrieden mit uns selbst zu sein, dann ist es uns ein leichtes, Frieden mit dem Andern zu halten. Wir haben dann alle Fehler und Gebrechen, die wir an ihm finden, längst bei uns selbst entdeckt und haben keine Lust, uns selber zu verurteilen, indem wir ihn verurteilen. Wir wissen dann, wie das ist mit dem <term ref="kbga-terms-843">Kampf des einen Ich in uns mit dem andern</term>. Wir sehen auch unsern Mitmenschen in diesem Kampf begriffen, und darum denken wir nicht daran, ihm in den Rücken zu fallen, uns an ihm zu rächen wegen seiner Fehler, mit denen er uns vielleicht wehe tut, sondern wir stellen unser besseres Ich an die Seite des Seinigen und helfen ihm kämpfen. Wer den Unfrieden mit sich selbst nicht kennt, wird das nie fassen können. | </p>
                    <p>Meine Freunde, ich möchte euch bei dem Anlass ein Wort sagen, das ich euch schon lange gern einmal ausdrücklich gesagt hätte. Einzelnen von Euch gegenüber habe ich es schon getan. Wir leiden hier in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> unter dem Mangel an <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term> untereinander. Das ist eine Ursache <hi rend="italic">und</hi> eine Folge davon, dass wir zu wenig <term ref="kbga-terms-1427">Gottesfrieden</term> haben. Ihr müsst nicht denken, das sei überall so. Nein, wenn man von anderswo hieher kommt, weiß man, dass es nicht überall so ist. Es fällt einem auf, wie hier einer und eine gegen den und die andern sind, wie man kaum den Namen der Einen und der Andern nennen kann, ohne einem missbilligenden Gesicht oder einem verächtlichen Lächeln zu begegnen, wie immer wieder wegen der lächerlichsten Dinge Streitigkeiten unter euch entstehen wie Feuer in einem Strohdach. Ich weiß auch da nicht, woran es liegt. Ich las in meiner Jugend eine Geschichte vom Zornkraut<note xml:id="n09">
                            <p> Gemeint ist wohl: <bibl corresp="kbga-bibls-1512">
                                    <persName ref="kbga-actors-8989">A. Corrodi</persName>, <hi rend="italic">Vom Zornkraut</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Aus jungen Tagen. Geschichten und Bilder</hi>, Stuttgart 1857, S. 103–108</bibl>. – Nach <bibl corresp="kbga-bibls-1513">
                                    <persName ref="kbga-actors-8990">G. Pritzel</persName> / <persName ref="kbga-actors-8991">C. Jessen</persName>, <hi rend="italic">Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Aus allen Mundarten und Zeiten zusammengestellt</hi>, Hannover 1882, S. 294</bibl>, ist «Zornkraut» ein für die Europäische Bleiwurz (Plumbago europaea) gebräuchlicher Name.</p>
                        </note>, dessen Geruch Menschen und Tiere hintereinander bringt<note xml:id="n10">
                            <p> Schweizerdeutsch für: gegeneinander aufbringen, zu Fall bringen.</p>
                        </note>. Ich fürchte, in den schönen Wäldern rings um Safenwil herum wächst viel von diesem Zornkraut, denn immer wieder muss ich von Leuten hören, die gegeneinander sind. Wenn man doch einen <pb xml:id="p011" ed="pga"/> Posten ins Gemeindebudget aufnehmen könnte für das neue Jahr, um dieses Kraut einmal mit Stumpf und Stiel auszurotten. Aber weil man das nicht kann, müsst ihr heute den Posten mit aller Energie in euer moralisches Budget aufnehmen. Bitte, liebe Freunde, denkt jetzt nicht: ja es ist wahr, der und die sind recht zänkische Leute, heute hat es ihnen der Pfarrer aber gesagt, wenn sie sich’s nur gemerkt haben – nein, nicht so. Sondern ihr dürft es mir glauben, dass der <term ref="kbga-terms-1430">Zankgeist</term> hier der allgemeine Geist ist, nicht eine Besonderheit von ein paar Wenigen. Ich bin ihm bei allen Möglichen begegnet, bei Armen und Reichen, bei Frommen und Weltlichen, bei den Erwachsenen und schon bei den Kindern. Ja, ich will euch offen sagen, dass ich selbst in Gefahr stehe, von eurer Art angesteckt zu werden. Wenn ihr nicht anders werdet, so werde ich nach einiger Zeit auch so zänkisch sein, auch zu einer von euren Parteien zugehören, auf dieseri oder äini Site<note xml:id="n11">
                            <p> Schweizerdeutsch für: auf dieser oder jener Seite.</p>
                        </note>, wie ihr sagt. Man färbt immer ein wenig ab von der Umgebung, in der man lebt. Ihr werdet aber auch der Meinung sein, dass das in diesem Fall sehr schlimm wäre. Ich möchte euch darum recht herzlich bitten, nehmt euch vor, dass das von jetzt an anders werden soll, dass der <term ref="kbga-terms-1430">Zankgeist</term> aus unsrer Mitte verschwinden soll. Ich bitte euch, richtet das, was ich gesagt, auch denen aus, die heute nicht hier sind, redet heute am Mittagessen darüber mit den Eurigen und schon jetzt auf dem Heimweg und, wo ihr mit Andern zusammenkommt, damit einmal das ganze Dorf sich darüber besinne, ob da nicht etwas zu ändern wäre. Und dann wollen wir Alle uns sagen: So, das ist nun unsre Aufgabe für’s neue Jahr. Wir wollen in diesem Jahr 1912 nicht nur säen und ernten und in die Fabrik gehen in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, sondern wir wollen lernen Frieden halten untereinander. Wenn wir<hi rend="italic"/>dann das nächste Mal von der Botschaft: «Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.14">Lk. 2,14</ref>] reden, wollen wir sehen, wie weit wir damit gekommen sind. – </p>
                    <p>Ich sagte, der Grundstein des Friedens sei die Anerkennung, dass der <term ref="kbga-terms-800">Nebenmensch</term> auch zu Gott gehört. Aber es darf nicht bei der bloßen Anerkennung bleiben. Wir müssen uns sagen, dass wir dazu da sind, einander zu <hi rend="italic">helfen</hi>, wirklich zu Gott zu kommen. Jeder von uns hat einen Auftrag an jedem andern, mit dem er überhaupt zusammen<pb xml:id="p012" ed="pga" break="no"/>kommt. Wenn dieser Andere seine Fehler hat, so ist das nur ein Grund mehr, diesen Auftrag pünktlich auszuführen. Er lautet: du sollst diesen Menschen weiter, vorwärts bringen, besser machen. Wir können keinem begegnen, an dem wir diesen Auftrag nicht hätten! Seht, wie reich und mannigfaltig wird unser Leben, wenn wir es von dieser Seite aus ansehen. Der Friede ist nicht etwas Faules, Träges, Untätiges, Langweiliges, der Friede ist etwas Lebendiges<hi rend="italic">,</hi>Schöpferisches. Wir sollen unsre <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> nicht so lassen, wie sie sind, sondern wir sollen Alles tun, um sie anders, besser zu machen. Das ist der Friede mit ihnen. Und das ist auch der <term ref="kbga-terms-1427">Friede Gottes</term>.</p>
                    <p>Dieser Friede Gottes bewahre nun Herzen und Sinne in Christo Jesu, wünscht uns der Apostel. Und den wollen wir jetzt also einander auch wünschen, liebe Gemeinde. Ja, er steht hoch über aller <term ref="kbga-terms-819">Vernunft</term>. Man kann ihn nicht erfinden und nicht erstudieren und nicht machen, aber man kann ihn sich schenken lassen. Das bedeutet das Wort «in Christo Jesu». Es will sagen: Wenn Jesus in uns ist und lebt, dann finden wir diesen Frieden Gottes. Er zeigt uns in Allem, wie wir ihn gewinnen können. Er gibt uns den Mut und den Ernst und die Kraft, danach zu suchen. Und wenn er <hi rend="italic">ganz</hi> bei uns ist, dann haben wir ihn auch gefunden.</p>
                    <p>Er soll jetzt von der Weihnacht her mit uns gehen ins neue Jahr hinein. </p>
                </div>
                <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
                </div>
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        </body>
    </text>
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