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Der deutsche Kirchenkampf
Vortrag, gehalten im Volkshaus in
Basel am
23. April 1937
Verehrte Versammlung!
Lassen Sie mich mit einer kleinen Geschichte beginnen. Es ist kein Gräuelmärchen. Sie müssen heute Abend überhaupt nicht befürchten, solche zu hören. Es war vor drei Wochen in Darmstadt – eine kirchliche Vortragsveranstaltung soll stattfinden. Die geheime Staatspolizei tritt auf den Plan und will die Sache unterdrücken, wie es in diesen Jahren an unzähligen Orten in Deutschland geschehen ist. Es kommt zu einer Verhandlung zwischen dem führenden Beamten der Gestapo und den Leitern der Veranstaltung. Auf dem Höhepunkt des Gespräches sagt der Beamte zu den Pfarrern: «Meine Herren, jetzt muss es sich entscheiden, wem man gehorchen muss: mir, dem sichtbaren Vertreter des Staates, oder jenem imaginären Herrn, von dem Sie dauernd reden.»19 Dem imaginären, also dem unsichtbaren, dem eingebildeten, dem nicht wirklichen Herrn! Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wer gemeint war. In diesem Ausspruch dieses nationalsozialistischen Beamten können wir die Erklärung des ganzen deutschen Kir|719chenkampfes finden, über den heute zu Ihnen zu sprechen ich so freundlich eingeladen worden bin.
Man kann freilich in diesem Ausspruch auch die ganze Schwierigkeit finden, diesen deutschen Kirchenkampf wirklich zu verstehen.a Er wäre eine ohne weiteres leicht verständliche Sache, wenn es in ihm um die Freiheit des Gewissens, des Denkens, des Wortes, um die Rechte der Selbstbestimmung des Volkes, um das Recht des Einzelnen, seine Überzeugung zu vertreten, ginge. Wenn er ein Kampf wäre gegen jene 4 Handvoll Menschen, die kühn genug waren, sich in den Besitz der öffentlichen Macht zu setzen, und rücksichtslos genug, sich in dieser Macht zu behaupten, und geschickt und beredt genug, sich die Herzen und Köpfe von Tausenden und von Millionen in Deutschland zu erobern, ein Kampf gegen die Charakterlosigkeit und Unweisheit und Unentschlossenheit so vieler Einzelner und so großer Massen! Wenn es um diesen Gegensatz gehen würde, dann wäre der deutsche Kirchenkampf leicht verständlich. Er wäre leicht verständlich, wenn es sich in ihm einfach um den Protest gegen das Dritte Reich handeln würde.b Ich denke, mich nicht zu irren, wenn ich annehme, dass viele von Ihnen heute Abend hierher gekommen sind in der Erwartung, etwas von diesem Kampf zu hören, der uns als Schweizern und als Demokraten ein ohne weiteres verständlicher und gewiss ohne weiteres sympathischer Kampf wäre! – Nun ist es gewiss nicht zu bestreiten, dass der deutsche Kirchenkampf auch ein Kampf in dem eben beschriebenen Sinne ist. Aber ich würde mich einer Vor|720spiegelung falscher Tatsachen schuldig machen, wenn ich behaupten wollte, dass es im Kirchenkampf zunächst und entscheidend um diese Sache gehe. Wer nur sie im Kopfe haben sollte, wer nur von ihr zu hören begehrte, dem muss ich sagen, dass er sehr vieles, was in diesem deutschen Kirchenkampf geschehen ist und besonders auch nicht geschehen ist, nicht verstehen wird. Dass er Anlass haben wird, sich über vieles zu wundern, sich an vielem zu ärgern, und dass er sich endlich und zuletzt vielleicht überhaupt abwenden wird von diesem Geschehen.c
Denn, nicht wahr, die Wahl, vor die jener Gestapobeamte in Darmstadt jene Leute stellte, lautete ja nicht: Nun gilt es sich zu entscheiden zwischen dem nationalsozialistischen Staat und der Freiheit, dem Recht, der Menschlichkeit. Das würden wir verstehen. Das wäre uns eine sympathische und 5 einleuchtende Entscheidung. Die Wahl lautete: Ihr müsst euch jetzt entscheiden zwischen dem Staat, der in mir sichtbar verkörpert wird, und jenem «imaginären Herrn», von dem ihr dauernd redet. Ich denke, Sie werden mit mir einverstanden sein: Wenn dieser Mann recht hatte und wenn es im deutschen Kirchenkampf um diesen Gegensatz geht, dann wird unser Verständnis und unsere Sympathie gar nicht so ohne weiteres auf der Seite der Kirchenleute sein. Man braucht noch gar nicht Nationalsozialist zu sein, um frei zu gestehen: Ja, da wäre ich auch auf der anderen Seite gestanden, bei denen, die zu diesem imaginären Herrn ein Fragezeichen setzen! Ist es denn nicht so, dass für Millionen in allen Parteien und in allen Weltanschauungen, nicht nur in Deutschland, auch in der Schweiz, auch in Basel, auch hier in unserem Volkshaus, der Herr, um den es dort ging, wirklich ein imaginärer Herr ist? Und zwar darum ein imaginärer Herr, weil wir alle gar wohl wissen: wäre er nicht ein imaginärer, wäre er der wirkliche Herr, dann wäre die Herrschaft aller Ideen, auch unserer schönsten Ideen: Demokratie, Sozialismus, Naturgesetz und geschichtliche Entwicklung, der gesunde Menschen|721verstand und die Gewissensfreiheit, zum mindesten begrenzt und bedroht. Es wäre dann entschieden darüber, dass der Mensch, jeder Mensch, eben nicht der Herr, nicht sein eigener Herr ist. Wir alle möchten aber unsere eigenen Herren sein und darum brauchen wir wahrhaftig nicht Nationalsozialisten zu sein, um zu wünschen, jener andere Herr möchte ein imaginärer Herr sein!d
Es vertraten jene Pfarrer dem nationalsozialistischen Beamten gegenüber und es vertritt die im Kampf stehende deutsche Kirche dem Nationalsozialismus gegenüber eine Sache, die gar nicht nur den Nationalsozialisten, sondern auch ihren Gegnern, ja, die uns allen eine schwer verständliche und schwer annehmbare Sache ist. Das möchte ich offen 6 ausgesprochen haben und das bitte ich Sie, ganz klar sich vor Augen zu halten. Man kann nicht sachgemäß über den deutschen Kirchenkampf reden, ohne das nicht nur zu erwähnen, sondern geradezu in den Mittelpunkt zu stellen auf die Gefahr hin, dass es bei den verehrten Hörern eine kleine oder vielleicht auch eine große Enttäuschung geben sollte.e
Lassen Sie mich zunächst etwas sagen von den Voraussetzungen des deutschen
Kirchenkampfes. Ich will versuchen, Ihnen dazu einiges auszuführen über die Welt, in welcher der Nationalsozialismus auftrat und zu der er selber gehört: die moderne Welt, die man am besten charakterisiert, wenn man sie als die Welt bezeichnet, in welcher der |722 Mensch sein eigener Herr ist. Das will sagen: die Welt, in welcher der Mensch sich selber für fähig hält, über sein Leben zu bestimmen, in welcher der Mensch im letzten Grunde auf sich selber steht und in welcher er nach der schönen Parole: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!20 an die Wahrheit seiner eigenen Ideen glaubt, weil er sich im letzten Grunde für einen guten Kerl hält. Diese moderne Welt des Menschen, der sein eigener Herr sein will und der sich selber für gut hält, diese Welt ist so alt wie die Welt überhaupt. Man kann aber doch wohl sagen, dass sie erst seit zweihundert Jahren das Gesicht bekommen hat, das sie heute hat.21 Diese Welt dieses Menschen ist durch den Weltkrieg, den wir alle noch in lebhafter Erinnerung haben, nicht, wie man damals wohl meinte, zerstört worden. Sondern auch nach dem Weltkrieg ist der Glaube des Menschen an sich selbst und seine Güte fröhlich wieder aufgelebt und hat neue Kraft gewonnen. Nun, zu dieser Welt gehört auch der Nationalsozialismus. Nicht nur der Nationalsozialismus und auch nicht nur sein großer Gegenspieler, der Kommunismus. Zu dieser modernen Welt gehören vielmehr wir alle. Und gehören auch die Ideen und Ideale, von denen wir alle miteinander so oder so 7 erfüllt und getrieben sind. Aber freilich, das darf man |723 wohl sagen: Innerhalb der Welt dieses modernen Menschen bildet der Nationalsozialismus, vielleicht zusammen mit dem Kommunismus, sozusagen das zweite Stockwerk. Die einen werden sagen: das höhere Stockwerk, und die anderen werden sagen: Nein, das unterste, dunkelste Kellerloch. Ob so oder so,
auf jeden Fall: ein Raum in demselben Haus! Diese moderne Welt hat nämlich zwei hauptsächliche Erscheinungsformen; deren eine die liberale, die andere die autoritäre ist.f
In der
liberalen Welt leben die Menschen, wie der Name sagt: in freier Konkurrenz der Personen, der Systeme, der Ideen unter der Losung: Freie Bahn dem Tüchtigen!22 in offenem oder manchmal auch in heimlichem Kampf Aller gegen Alle,23 in einem Kampf, der nie ohne Härte und nie ohne Leid sein wird, in dem die einen resignieren und die anderen sich mit der Hoffnung trösten: Es wird allmählich doch noch besser kommen. In dieser liberalen Welt besteht der Weg zur Macht darin, die Mehrheit auf seine Seite zu bekommen oder das Kapital oder beide. Und es besteht die Weisheit der Regierung in dieser liberalen Welt darin, so weit als möglich auszugleichen zwischen Mehrheit und Minderheit, bis das Verhältnis der Parteien sich wieder einmal umkehrt und ein neuer Ausgleich geschaffen werden muss. So konkurrieren in dieser Welt der konservative und der fortschrittliche, |724 der nationale und der internationale Gedanke, die Materie und die Idee, der Optimismus und der Pessimismus, bald feindlich und bald friedlich sich vertragend. Dass der Mensch sein eigener Herr ist, das zeigt sich in der liberalen Welt darin, dass es viele Herren gibt und im Grunde keinen. – Ungefähr so hat das Deutschland vor 1933 ausgesehen. Wenn ich an den Zustand des deutschen Lebens zurückdenke, wie er damals gewesen ist, so steht mir 8 eine ganze Fülle von Ansprüchen, Bewegungen, Parteien – nicht weniger als 35 umfasste damals der deutsche Reichstag!24 – und dementsprechend eine Fülle von immer neuer Not und Unzufriedenheit vor Augen.g
In demselben Haus, in derselben Welt, gibt es noch einen anderen Raum. Es ist der nationalsozialistische oder allgemein: der autoritäre Raum. Wie kam es dazu, dass an die Stelle der liberalen die autoritäre |725 Welt trat? Das vollzog sich auf einem verhältnismäßig einfachen Wege. Zu dem Siege der autoritären Welt pflegt es dann zu kommen, wenn zu der allen Menschen und allen Systemen eigenen Tendenz, sich selber absolut zu setzen, die Entschlossenheit und die Kraft hinzukommt, das wirklich zu tun und durchzuführen. Indem jetzt einer oder auch einige es wagen, sich selber absolut zu setzen, ergreifen sie die Herrschaft über alle übrigen. Und in diesem Einen oder diesen Einigen erkennen dann alle anderen sich selbst als Herrschende. Hitler und seine Leute mit ihrer Lehre vom totalen Staat auf der Grundlage des rassisch verstandenen Volkstums25 hatten – das kann ihnen die größte Abneigung nicht nehmen – diese Kraft und diese Entschlossenheit. Sie fanden das Ei des Kolumbus,26 wie etwa vor mehr als hundert Jahren Napoleon dasselbe Ei auch gefunden hatte: Wenn man etwas erreichen will, dann muss man das Ganze wollen.27 Und wenn man das Ganze will, dann muss man kein Mittel scheuen, und wenn man kein Mittel und kein Opfer scheut, dann erreicht man auch das Ganze. – Ich denke, wir sind hier in der Schweiz, hier in Basel, hier in diesem Saal wohl überwiegend der Meinung, dass die autoritäre Gestalt der modernen Welt die gefährlichere, die unliebsamere Gestalt ist. Aber auch wenn wir dieser Ansicht sind, werden wir sagen müssen: Unter diesen zwei Formen der modernen Welt ist diese zweite, die autoritäre Form, die konsequentere, die kühnere und darum 9 die lebenskräftigere. Innerhalb der Welt des Menschen, in der er sein |726 eigener Herr ist, dürfte doch wohl der Faschismus die größeren Chancen haben.h
Nun muss ich aber zu diesen Voraussetzungen des deutschen Kirchenkampfes noch ein zweites Wort sagen: Innerhalb dieser Welt des Menschen gab es ja nun auch eine Kirche. Und es gab und es gibt in dieser Kirche auch ein altes Buch, das den eigentlichen Mittelpunkt der Kirche bildet, das die Grundlage der Verkündigung der Kirche ist: die Bibel. Ich möchte mir erlauben, Sie ganz kurz daran zu erinnern, was in diesem Buche steht. In der Bibel steht zu lesen, dass der Mensch zweifellos nicht sein eigener Herr ist, weil der Mensch eben im Grunde nicht der gute Kerl ist, der zu sein er sich einbildet. Die Bibel sagt stattdessen: dass der Mensch einen guten Herrn hat, einen Herrn, der ihm, dem Menschen, gut ist und für ihn gutsteht. Der ihn geschaffen hat und der ihn so, wie er ist, in seiner ganzen Verkehrtheit, annimmt, aber auch in Anspruch nimmt. Der ihm ein ewiges Leben zum Ziel gesetzt hat. Dieser Herr des Menschen, das ist der «imaginäre Herr», von dem wir vorhin gehört haben. Die Bibel nennt ihn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der Mensch geworden, gekreuzigt und auferstanden ist. Und darum ist von der Bibel aus jene ganze Welt des modernen Menschen unmöglich, sowohl in ihrer liberalen wie auch in ihrer autoritären Form. Möglich ist von der Bibel aus nur eines: die Hoffnung auf dieses Gottes kommendes Reich und das Leben in dieser Hoffnung. Was ist also die Kirche? Die Kirche ist sehr einfach die Gemeinschaft von allen denen, die diesen Herrn kennen und ihn liebhaben und ihm gehorchen möchten. – Wenn ich vorhin sagte: es gab in der Welt des modernen Menschen auch eine Kirche, so muss ich etwas hinzufügen: Diese Kirche hat die Bibel und das, was in |727 der Bibel zu lesen steht, schlecht verstanden und schlecht aus10gelegt. Die Kirche hat die Bibel vielleicht nie so verstanden, wie sie verstanden sein will in ihrem ganzen Reichtum. Sie hat sie aber wiederum seit zweihundert Jahren ganz besonders schlecht verstanden und ausgelegt.28 Sie hat sie nämlich so verstanden, als ob das, was in der Bibel zu lesen steht, keinen Gegensatz bedeute zu dieser Welt des modernen Menschen. Sie hat die Bibel so verstanden und ausgelegt, als ob auch in der Bibel eben nur die Herrlichkeit und Güte des Menschen und seiner Ideen verkündigt werde, als ob das Wort Gottes eben nur eine besondere Unterstreichung sei des Wortes Ideal und anderer ähnlicher Worte.29 Wer kann sich da wundern, dass dieser Gott, den die Kirche verkündigte, in den Geruch des «imaginären» Herrn kam? Die Kirche hatte weithin und
gerade auch in Deutschland das Vertrauen verloren zu ihrer Botschaft. Und damit verlor sie auch das Vertrauen der Menschen in allen Ständen und die Kraft, jenei Not, die die liberale Welt immer bedeutet hat, zu überwinden und die noch größere Not des kommenden autoritären Staates aufzuhalten und zu verhindern. Das sind die Voraussetzungen des deutschen Kirchenkampfes.j
728 Und nun lassen Sie mich in kurzen Zügen Ihnen aufzeigen, was in diesem Kampf geschehen ist.
Der deutsche Kirchenkampf begann nicht schön. Er begann mit einer schweren Niederlage der Kirche, er begann damit, dass die Kirche vom Nationalsozialismus überrannt wurde. Das geschah nicht nur der Kirche. Auch die deutschen Parteien – alle 35 außer einer!30 –, auch die deutsche Universität, die deutschen Schulen, die deutsche Jurisprudenz, die deutsche Kunst, die deutsche Presse und die deutsche Literatur und Bildung, sie alle wurden überrannt! Man hat gewöhnlich ein anderes Wort dafür gebraucht, eines, das dem technischen Bereich entnommen war, man sagte: Gleichgeschaltet!31 Und das bedeutete: zu einem Instrument verwan11delt, das gefügig unter der Herrschaft der Nationalsozialisten funktionierte. So ist es auch der Kirche gegangen. Die Kirche und die Welt haben einander nichts vorzuwerfen. – Man kann sich nicht wundern, dass wirklich auch die Kirche überrannt und gleichgeschaltet wurde. Es gingen in dieser Zeit allerhand merkwürdige Früchte auf. Die nationalsozialistische Partei redete in großen Tönen, dass sie das wahre, das positive Christentum vertrete. Gemeinnutz geht vor Eigennutz!32 Und nicht nur Hunderte, nicht nur Tausende, Millionen von deutschen Christen lauschten dieser Botschaft. Und weil sie die Bibel nicht vor |729 Augen hatten, und weil es doch ein schönes Wort war, wollten sie sich dieses Wort des
Nationalsozialismus auch zu eigen machen. Hitler hatte Erfolg. Und die Christen in der Kirche sagten: Wo der Erfolg ist, da ist sicher auch Gott. Und also entschlossen sie sich, dem Gott, der diesen Erfolg auf den Plan gestellt hatte, und also dem Gott Adolf Hitlers Gefolgschaft zu leisten. Und weiter: der Nationalsozialismus hat es verstanden, großen Teilen des deutschen Volkes in jenen ersten Jahren ein ganz neues Lebensgefühl einzuhauchen. Und die Christen in der Kirche spürten das auch und sie sagten: Was kann das anderes sein als eine Offenbarung, eine Offenbarung Gottes, die wir 1933 erlebt haben! Also lasst uns die Kirche zu einer Kirche des Nationalsozialismus machen! Die so redeten, wurden hauptsächlich vertreten durch eine Partei, die in der Kirche sich bildete unter dem Namen: Deutsche Christen.33 Aber es war in jenen Monaten ein wenig alles in dieser Richtung einig. Ich denke mit Schaudern an diese Zeit zurück. Da sah man vermeintlich Weise zu Kindsköpfen werden und vermeintliche Charaktere zu Waschlappen. Da sah man, da hörte man Professoren und Pastoren, aber auch Bischöfe und Priester und Mönche die neuen Schlagworte von Blut und Rasse lallen,34 und wer nicht mitlallte, der musste sich damals wohl 12 allen Ernstes fragen: Bin ich dumm oder bin ich böse, dass ich hier nicht dabei sein kann?35 Eine gewaltige Propaganda und, wo sie nicht ausreichte, auch die Gewalt halfen nach. Man entdeckte, dass man eine Reichskirche haben müsse |730 mit einem Reichsbischof an der Spitze, für welches Amt sich ein alter pastoraler Freund Adolf Hitlers bereitfand.36 Er hat nicht viel geleistet, sondern sich weidlich blamiert. Eine Generalsynode wurde gewählt in der Weise, wie heute in Deutschland «gewählt» wird,37 kurzum, eine ganz erstaunliche neue Kirche, eine Kirche des deutschen Menschen, eine Kirche, in der dieser Mensch sich selber anbetet und verkündigt, war im Anzug. Wie war das möglich? Weil die Menschen vom Liberalismus herkamen, weil sie so viele Herren hatten und keinen, darum verfielen sie jetzt, auch in der Kirche, auch in dieser liberalen Kirche, dem einen, der es verstand, sich zum Herrn aufzuwerfen. So geht es zu, wenn der Liberalismus reif wird und in |731 sein natürliches Gegenstück umschlägt. So geht es einer Kirche, die der Welt nur zu ähnlich geworden ist.k
Der deutsche Kirchenkampf fand nach diesem ersten Sieg des Nationalsozialismus eine erstaunliche Fortsetzung. Es war schon im Herbst 1933, als sich allmählich durch ganz Deutschland hin, in allen Kreisen, die irgendwie an der Kirche lebendig beteiligt waren, Anzeichen zeigten: der Rausch ist zu Ende, es kommt jetzt das Erwachen und die Ernüchterung, die Niederlage ist vorbei, es gibt jetzt Widerstand.38 Widerstand ist eine so einfache und naheliegende Sache. Und es war doch so gar nicht einfach. Ich erinnere mich noch wie heute, wie ich damals in Berlin einen Vortrag zu halten hatte und auf dem Höhepunkt dieses Vortrages habe ich – ohne besondere Absicht – dieses einzige Wort Widerstand! ausgesprochen, und ganz gegen mein Erwarten fand dieses Wort ein ganz ungeheures Echo, so dass ich einige Minuten meine Rede unterbrechen musste.39 Widerstand! 13 Stellen Sie sich zunächst nichts zu Großartiges vor. Es war eigentlich nur dies, dass weite Kreise plötzlich überzeugt davon waren: So geht |732 es nicht weiter. Es darf nicht dazu kommen, dass die Kirche diese Verwandlung durchmacht, dass die Kirche wirklich zur Kirche des deutschen Menschen wird. Sie fragen: Wie kam es dazu? Warum auf einmal Widerstand? Ich möchte auf einige Deutungen dieses Widerstandes zu sprechen kommen, die auch bei uns oft gehört werden. Man pflegt zu sagen: Es fanden sich in der Kirche die politisch Unzufriedenen zusammen. Da waren die alten Sozialdemokraten und Deutschnationalen, die in dieser Tarnung ihren Protest anmeldeten. Ich kann nur bezeugen, es war nicht so. Es war – jedenfalls damals – so, dass diejenigen, die an diesem kirchlichen Widerstand beteiligt waren, politisch immer noch an die Güte des Nationalsozialismus glaubten. Die Widerstandbewegung ist nicht aus dem politischen Gegensatz heraus entstanden, wenn man auch nicht leugnen kann, dass sich das später nicht mehr sauber trennen ließ und dass heute eine Unterscheidung schwierig wäre. Die Entstehung kann keinesfalls von der politischen Seite her erklärt werden.40 Man hat zweitens oft gesagt: Das waren unruhige Leute, die sich der neuen Ordnung nicht fügen wollten. Ich kann Ihnen sagen, dass es in Deutschland sehr wenig unruhige Leute gibt. Der Deutsche ist von Natur geneigt, stramm zu stehen, und diese Eigenschaft habe ich durchaus auch bei meinen Freunden in der deutschen Kirche wahrgenommen. Aus bloßer Unruhe, Unzufriedenheit und Nörgelei lässt sich dieser Widerstand |733 wirklich auch nicht erklären.41 Und eine dritte Deutung geht auch nicht. Man hat oft gesagt: Das Kirchenwesen und die Religion überhaupt hat einen
konservativen Charakter, die Mächte der Vergangenheit haben sich geltend gemacht gegen das Neue. Dazu kann ich nur sagen: da, wo 14 man in der deutschen Kirche nur konservativ, wo man «orthodox» war, da ist es gerade nicht zu einem Widerstand gekommen. Diese Freunde des Alten, die saßen unzufrieden in der Ecke. Eine Energie zum Widerstand ging nicht von ihnen aus.42 – Der Widerstand, der sich erhob, war nur da echt und stark, wo er sich nicht nur gegen diesen zufälligen Augenblicksgegner, also gegen den Nationalsozialismus und seinen Terror richtete, sondern wo er auf der Erkenntnis beruhte, dass er die ganze Welt des modernen Menschen anging, also auch den Liberalismus. Nur da kam es zu echtem, starkem Widerstand, wo die Erkenntnis Platz griff, die einfache Erkenntnis: der Mensch ist nicht gut und der Mensch kann darum nicht sein eigener Herr sein. Aber der Mensch hat einen Herrn. Einen Herrn, neben dem es keinen anderen Herren geben kann. Das geschah aber nur da – wie sollte es auch anderswo geschehen? –, wo das alte Buch der Kirche, die Bibel, wieder aufging und gelesen wurde in ihrem ursprünglichen Sinn, wo also der «imaginäre Herr» seltsamerweise, sehr unerwarteter Weise, wieder in seine Rechte trat. Dass dies geschehen sei, dass man darum wisse, dass das wahr
sei, dass das gelte, |734 auch im Dritten Reich, das war und das ist der Inhalt des Bekenntnisses der sogenannten Bekenntniskirche.l
Das war freilich nur ein Anfang. Was es bedeutete, hier Widerstand zu leisten, diesem Staat entgegenzutreten, auch nur an dieser einen Stelle, das wurde erst sichtbar, als man zu diesem Kampf antrat. Nun begann der Kampf, der Kirchenkampf, der vom Staat aus geführt wurde in einer ganzen Reihe von Versuchen, bald groben und bald freundlichen Versuchen, die Kirche nun doch in seine Gewalt zu bekommen. Da wurde im Jahre 1934 der Reichskommissar Jäger eingesetzt mit großen Vollmachten für das ganze Reich. Der Mann ist gekommen und nach einiger Zeit wieder gegangen.43
Gegangen ist auch der so glorios eingeführte Reichs15bischof.44 1935 hat man es anders versucht: es setzte eine gewaltige Propaganda ein. In Büchern und Vorträgen wurde für die neue Religion des deutschen Mythus gewor|735ben.45 Als auch das nicht zum Ziele führen wollte, hat man im Herbst 1935 Vermittlungsversuche unternommen. Es wurden neutrale Ausschüsse eingesetzt. Sie haben ein Jahr geamtet und haben das Ziel, das ihnen vom nationalsozialistischen Staat gesetzt war, nicht erreicht.46 Und der neueste Versuch: Es sind Wahlen ausgeschrieben worden.47 Was Wahlen bedeuten im heutigen Deutschland, das wissen wir.48 |736 Werden diese Wahlen je stattfinden?49 Die Sache der Kirche, die jetzt gehalten wird
draußen, wird von diesen Wahlen auf keinen Fall berührt werden. Ich brauche nur beiläufig daran zu erinnern, dass alle diese Versuche des Staates verbunden waren mit viel Schikanen, einem ganzen Netz von Maßnahmen des Staates und der Polizei gegen die Kirche. Es bedarf keiner Gräuelpropaganda, die Tatsachen genügen. – Und nun machen Sie sich klar: Dem ganzen Apparat des Staates gegenüber hatte und hat die Kirche in all den Jahren keine andere Waffe zur Verfügung als das Wort jenes imaginären Herrn. Merkwürdig, dass das Wort eines imaginären Herrn gegenüber einem solchen gewaltigen Gegner gar keine imaginäre Wirkung hatte! Das Wort und die Ordnung, unter der ein Christ steht, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen [vgl. Act. 5,29], dieses Wort war das Einzige, was dieser ganzen Gewalt entgegenzuhalten war. Es wurde ihr entgegengehalten, und das hat genügt. Es sind bis jetzt alle Versuche, mit dieser Kirche fertig zu werden, gescheitert. Und ich bin der festen Überzeugung: auch alle zukünftigen Versuche werden scheitern!m
737 Sie sollen nicht den Eindruck haben, ich möchte die Geschichte der deutschen Kirche als eine Ruhmes- und Heldengeschichte darstellen. Das ist sie nicht. Es ist vieles in diesen 16 Jahren auch in der Kirche geschehen, vor dem man nur sein Angesicht verhüllen kann. Es ist eine kleine Minderheit in der Kirche, die faktisch diesen Kampf führt, die Zahl der Gegner ist unverhältnismäßig viel größer. Und noch größer ist die Zahl der braven Neutralen in der Mitte, die sich nach beiden Seiten lieber nicht entscheiden wollen, sondern für den Frieden und für die Liebe eintreten.50 Und unterdessen geht das Unheil seinen Gang und unterdessen müssen die Wenigen kämpfen und leiden. Ich war immer der Meinung: Lieber noch auf der Gegenseite stehen als in dieser faulen, trägen Mitte.51 – Aber weiter: Es hat auch auf Seiten derer, die den Kampf geführt haben, an allerhand Niederlagen und Halbheiten und Inkonsequenzen nicht gefehlt. Es ist nichts leichter als ein ganzes Sündenregister der Bekenntniskirche zusammenzustellen und ihr vorzuhalten – besonders von der sicheren Schweiz aus! Ich möchte alle diejenigen, die das tun, einladen, hinauszugehen und es besser zu machen. – Wie dem auch sei, es bleibt die Tatsache, dass in diesem Widerstand eine Entscheidung gefallen ist, in welcher es sich erwiesen hat, dass der imaginäre Herr offenbar nicht so ganz imaginär ist. Der Nationalsozialismus mit seiner ganzen Welt ist in Deutschland bestritten, und zwar – wer hätte das vor fünf Jahren gedacht? – an dieser Stelle: von der schwachen, ohnmächtigen, bedeutungslosen, längst an den Rand gedrückten Kirche her bestritten. Und wenn er an dieser Stelle bestritten ist, dann ist er faktisch im Ganzen bestritten. Aber freilich: Bestritten nicht von einer der vielen Möglichkeiten des Liberalismus her, sondern bestritten darum, weil hier etwas Neues aufbricht, ein Neues, das doch ein Altes ist, das Wiedererkennen: dass |738 der imaginäre Herr der wirkliche Herr der Geschichte und des Lebens ist. So dass man heute wohl sagen darf: Wenn in Deutschland überhaupt eine Hoffnung ist, dann ist diese Hoffnung in der Kirche, nicht 17 wegen der Menschen in dieser Kirche, aber wegen dieses Herrn der Kirche.n
Ich würde diesen Vortrag nicht übernommen haben, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass der deutsche Kirchenkampf auch uns in der Schweiz etwas zu lehren hat. Es ist nicht meine Sache, Ihnen heute als Ihr Lehrer entgegenzutreten. Aber ich möchte mir erlauben, Ihnen zum Schluss drei Fragen zu stellen, anhand derer Sie selbst ermessen können, ob hier nicht etwas zu lernen ist.
Lassen Sie mich die erste Frage anknüpfen an das, was ich die Voraussetzungen des deutschen Kirchenkampfes nannte. Macht jener Übergang, der sich im deutschen Leben vollzogen hat, von der ersten zur zweiten Form der modernen Welt, vom Liberalismus zum Autoritarismus, vielleicht ein allgemeines Gesetz des geschichtlichen Lebens der Gegenwart sichtbar? Steht es vielleicht so, dass wir damit zu rechnen haben: Es kommt ein internationaler Faschismus, im Kampf und vielleicht eines Tages im Bündnis mit seinem großen Gegenspieler in Russland? Kommt das in Frage? Wird diese Welle, von der nun schon so viele Länder ergriffen sind,52 vielleicht eines Tages auch uns |739 erreichen? Sie werden mir antworten: Das können wir uns schwer vorstellen. Ein kluger Mann hat mir einmal gesagt: In der Schweiz wird es schon deshalb keinen Faschismus geben, weil es dazu einen Führer brauchte. Dieser müsste Basler oder Zürcher oder Berner sein, und in jedem Falle werden die beiden anderen Kantone ihm nicht gehorchen!53 Aber: Man hat es sich in Deutschland auch nicht vorstellen können vorher und dann war es eines Tages doch so. Es wird in der Weltgeschichte manches möglich. – Sie werden mir vielleicht auch antworten: wir werden uns wehren dagegen. Ich bin auch dabei. Aber bedenken Sie wohl: auch in Deutschland waren Tausende, waren Millionen bereit, sich zu wehren. Man hat auch in Deutsch18land von den harten Arbeiterfäusten gesprochen, die dem Hitler den Weg weisen würden,54 und dann ist es eben doch anders gekommen. Wir wer|740den uns also nicht einreden dürfen, dass wir gewiss wüssten, dass es unmöglich ist. Und das ist ganz sicher: Wir können unmöglich leugnen, dass wir hier in dem liberalen Raum der modernen Welt wandeln, der, wie wir sahen, die schiefe Ebene bedeutet, die irgendeinmal dort drunten im Autoritarismus endigt, und der eine Welt ist, die jedenfalls in sich selber schon des Übels und der Not und der Kämpfe genug enthält. Diese unsere gegenwärtige Welt ist wahrhaftig eine Welt des Unheils. Ist uns das alles klar? Wissen wir es: Wir leben in einer Welt, deren Zukunft vielleicht noch schlimmer, deren Gegenwart aber schlimm genug ist, einer Welt, die die Welt des Menschen ist, der sein eigener Herr sein will?o
Meine zweite Frage lautet: Gibt es eine Hilfe für diese zukünftige und gegenwärtige Not? Ich frage: Haben wir eigentlich noch Vertrauen zu den Ideen und Idealen, an die wir uns bis heute mehr oder weniger gehalten haben, zu den Idealen der Demokratie, des Sozialismus, der Bildung, vielleicht auch des Sports? Haben wir dieses Vertrauen? Ich hoffe, wir haben noch einiges Vertrauen dazu. Aber mehr können wir gewiss nicht sagen. Ein absolutes Vertrauen haben wir alle nicht mehr. Es ist unverkennbar, dass eine große Müdigkeit die Völker und auch unser Volk erfasst hat.55 Diese Ideen und diese Ideale müssten jedenfalls eine ganz neue Gestalt und Kraft bekommen, wenn sie wieder tragfähig werden sollen. Was bedeutet es nun, wenn es wahr |741 ist, dass neben diesen Ideen und Idealen in Deutschland vielleicht auch die Kirche versagt hat, zugleich aber eine neue Kraft und Gestalt gewann, so dass sie heute tatsächlich eine Insel in der Brandung bildet? Was bedeutet das, dass die, die dort im Kampf stehen, uns sagen, dass sie das tun im 19 Bekenntnis zu dem, der vielleicht für uns alle immer noch ein imaginärer Herr ist?p
Und meine dritte Frage: Erwarten Sie hier in der Schweiz, dass die Kirche – es gibt ja auch unter uns eine Kirche – dasselbe leisten würde und vielleicht auch in der Gegenwart schon leistet, was wir die kämpfende deutsche Kirche leisten sehen? Wenn Sie mir auf diese Frage antworten: Nein, das erwarten wir nicht, dann würde ich Ihnen die weitere Frage stellen: Warum erwarten Sie das nicht? Ich denke, es ist niemand unter uns, der der Kirche ungerechte Vorwürfe machen möchte. Man wird also gewiss gerechter Weise nicht sagen können, dass es der Kirche an Eifer, an Fleiß, an Aufgeschlossenheit für die Probleme der Gegenwart, an Beteiligung an den Nöten des Volkslebens mangelt. Aber es fehlt vielleicht an einer ganz anderen Stelle: Auch unsere Kirche hat vielleicht immer noch viel zu viel vom Glauben an den guten Menschen und zu wenig von dem Glauben an den allein guten Herrn. Zu wenig und zu viel! Vielleicht ist darum unsere Kirche heute in der Tat noch nicht wieder das Licht im Dunkeln, das die Kirche eigentlich sein müsste. Noch viel zu viel alte Kirche, liberale Kirche, wie jene Kirche in Deutschland, die 1933 über den Haufen gerannt wurde.
Und weil ich nun von der Kirche rede, so möchte ich zum Schluss fragen dürfen: Wer ist denn die Kirche? Auch hier, auch bei uns? Es ist eine allzu bequeme Sache, dabei an die Pfarrer oder auch an die paar sogenannten Frommen zu denken. Kirche sind alle diejenigen, die so oder so den Ruf des imaginären Herrn hören. – Wenn es mir gelungen |742 ist, Ihnen deutlich zu machen, dass dieser Ruf dieses Herrn auch an uns ergeht, an jeden Einzelnen von uns, dann habe ich heute Abend nicht umsonst gesprochen.q