1937

Der deutsche Kirchenkampf

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DER DEUTSCHE KIRCHENKAMPF

1937

Diesen Vortrag über den Kirchenkampf hielt Barth auf Einladung der Basler Sektion des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverbandes im April 1937 im Basler Volkshaus.

Der 1915 gegründete Schweizerische Metall- und Uhrenarbeiterverband (SMUV) hatte 1937 etwa 65 000 Mitglieder,1 von denen gut 1500 zur Basler Sektion gehörten.2 Auf dem Gebiet der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, wo sich zuvor jahrelang «nicht allzu viel» getan hatte, ging die Sektion Basel in diesem Jahr daran, «Vortragsabende der Metallarbeiter» auch zu aktuellen kulturellen, juristischen und kirchlich-religiösen Fragen zu organisieren, mit denen man den eigenen Mitgliedern, aber auch «einem weiteren Kreis der Arbeiterschaft und der Oeffentlichkeit dienen wollte».3 Als Eröffnungsredner hatte man für den Abend des 23. April 1937 Barth eingeladen;4 diesem Abend folgten unter anderem mehrteilige Kursabende zu den Themen «Recht und Sozialer Fortschritt» (Arthur Baumgarten) und «Die Entstehung des Christentums in Staat und Gesellschaft» (Karl Ludwig Schmidt).5

715 An den Notizen für den Vortrag, der auf seinen Wunsch hin von einem wohl kleineren Raum in den «grossen Volkshaus-Saal» verlegt worden war,6 schrieb Barth noch einen Tag, bevor er ihn zu halten hatte.7 Dem «bei den Metallarbeitern (d. h. bei vielen andern Leuten und vielleicht 200 Metall- und andern Arbeitern)» gehaltenen Vortrag8 folgte am darauffolgenden Mittwoch, dem 28. April 1937, noch ein Diskussionsabend, den Barth als «etwas wirr» in Erinnerung behielt.9

Der Vortrag fand ein reges und gemischtes Echo. Die «Basler Nachrichten», die «National-Zeitung» und das «Basler Volksblatt» lobten den Vortrag unisono und zeigten sich allenfalls – positiv – überrascht, dass Barth auf Einladung des SMUV geredet hatte.10 Ganz links und ganz rechts im Zeitungsspektrum stießen Barths Äußerungen dagegen auf wenig Gegenliebe.

Für die rechtskonservative, sich gerade in diesen Jahren zu einer Zeitung der schweizerischen Nationalsozialisten wandelnde «Neue Basler Zeitung» hatte der Vortrag Barths «in sachlicher Hinsicht enttäuscht»; wolle man «dem Nationalsozialismus gerecht werden», dürfe man ihn nicht mit «unserm Maßstab und unsern Idealen» messen, denn jedes Volk habe «seine besondere Aufgabe». Barths «Grenz|716überschreitungen» müssten aufhören, denn: «Es ist nicht wahr, daß es in Deutschland eine Kirchenverfolgung gibt.»11

Die «Freiheit. Schweizerische Volkszeitung», das «Organ der kommunistischen Partei», dagegen hielt es für unangemessen, dass ein solcher «Evangelisationsvortrag» von einer Gewerkschaft veranstaltet worden war, und bemängelte inhaltlich die «Ueberschätzung der Kirche bzw. Unterschätzung des Kampfes der Volksmassen um Freiheit und Brot». Man versäumte schließlich auch nicht, der Konkurrenz-Gewerkschaft vorzuhalten, dass der von ihr veranstaltete Vortrag zwar ein «großes Publikum», aber eben nicht das ‹richtige› Publikum angezogen habe: «So folgten seinen Ausführungen in der Hauptsache bürgerliche Kreise, Protestanten wie Katholiken (eine größere Anzahl Geistlicher beider Konfessionen waren anwesend), währenddem man wenig Arbeiter sah.»12

Es war wohl diese letztere, mehr an den Veranstalter als an den Vortragenden gerichtete Kritik, die im Jahrbuch des SMUV mit den Worten aufgegriffen wurde, es habe «besonderen Spott und Mißfallen hervorgerufen, daß wir unsere Veranstaltungen mit dem Vortrag von Herrn Prof. Dr. Barth eröffnet haben». Von der Richtigkeit dieser Wahl blieb man gleichwohl überzeugt: «Wir sind nämlich der vielleicht ketzerischen Auffassung, daß ein großer Teil sogenannter Bürgerlicher den Arbeitern etwas zu sagen hat, und daß umgekehrt dasselbe der Fall ist».13

Unter Bezugnahme auf die überwiegend positive Berichterstattung wurde Barth von drei sehr verschiedenen Stellen gebeten, den Vortrag mündlich oder schriftlich zu wiederholen: vom Sekundarschullehrer Alfred Ruef in Roggwil BE,14 vom Schriftleiter der NS-kritischen Zeitschrift «Der Deutsche in Polen»15 und von Joseph Rossé, dem Col|717marer Mitglied der Französischen Deputiertenkammer.16 Zustandegekommen ist keine dieser Wiederholungen; eine Ablehnung ist nur im Fall Joseph Rossés erhalten.17

Im Karl Barth-Archiv erhalten ist ein recht ausführliches Stichwort-Typoskript, mit Hilfe dessen Barth den Vortrag gehalten haben wird.18 Die Stichworte des Typoskriptes finden sich zum Teil bis in die Formulierungen hinein auch in der Druckversion des Vortrags. Diese auf einem Stenogramm unbekannter Hand beruhende Druckversion erschien nur wenige Tage nach dem Vortrag als Broschüre im Verlag der Evangelischen Buchhandlung Basel: K. Barth, Der deutsche Kirchenkampf. Vortrag, gehalten im Volkshaus in Basel am 23. April 1937, Basel [1937] 📖. Hiernach richtet sich die vorliegende Edition. Der Text des Stichwort-Typoskripts in seiner letzten Gestalt, also mit allen vermutlich innerhalb sehr kurzer Zeit angebrachten Korrekturen und Ergänzungen, erscheint absatzweise in den textkritischen Fußnoten.

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Der deutsche Kirchenkampf

Vortrag, gehalten im Volkshaus in Basel am 23. April 1937

Verehrte Versammlung!

Lassen Sie mich mit einer kleinen Geschichte beginnen. Es ist kein Gräuelmärchen. Sie müssen heute Abend überhaupt nicht befürchten, solche zu hören. Es war vor drei Wochen in Darmstadt – eine kirchliche Vortragsveranstaltung soll stattfinden. Die geheime Staatspolizei tritt auf den Plan und will die Sache unterdrücken, wie es in diesen Jahren an unzähligen Orten in Deutschland geschehen ist. Es kommt zu einer Verhandlung zwischen dem führenden Beamten der Gestapo und den Leitern der Veranstaltung. Auf dem Höhepunkt des Gespräches sagt der Beamte zu den Pfarrern: «Meine Herren, jetzt muss es sich entscheiden, wem man gehorchen muss: mir, dem sichtbaren Vertreter des Staates, oder jenem imaginären Herrn, von dem Sie dauernd reden.»19 Dem imaginären, also dem unsichtbaren, dem eingebildeten, dem nicht wirklichen Herrn! Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wer gemeint war. In diesem Ausspruch dieses nationalsozialistischen Beamten können wir die Erklärung des ganzen deutschen Kir|719chenkampfes finden, über den heute zu Ihnen zu sprechen ich so freundlich eingeladen worden bin.

Man kann freilich in diesem Ausspruch auch die ganze Schwierigkeit finden, diesen deutschen Kirchenkampf wirklich zu verstehen.a Er wäre eine ohne weiteres leicht verständliche Sache, wenn es in ihm um die Freiheit des Gewissens, des Denkens, des Wortes, um die Rechte der Selbstbestimmung des Volkes, um das Recht des Einzelnen, seine Überzeugung zu vertreten, ginge. Wenn er ein Kampf wäre gegen jene 4 Handvoll Menschen, die kühn genug waren, sich in den Besitz der öffentlichen Macht zu setzen, und rücksichtslos genug, sich in dieser Macht zu behaupten, und geschickt und beredt genug, sich die Herzen und Köpfe von Tausenden und von Millionen in Deutschland zu erobern, ein Kampf gegen die Charakterlosigkeit und Unweisheit und Unentschlossenheit so vieler Einzelner und so großer Massen! Wenn es um diesen Gegensatz gehen würde, dann wäre der deutsche Kirchenkampf leicht verständlich. Er wäre leicht verständlich, wenn es sich in ihm einfach um den Protest gegen das Dritte Reich handeln würde.b Ich denke, mich nicht zu irren, wenn ich annehme, dass viele von Ihnen heute Abend hierher gekommen sind in der Erwartung, etwas von diesem Kampf zu hören, der uns als Schweizern und als Demokraten ein ohne weiteres verständlicher und gewiss ohne weiteres sympathischer Kampf wäre! – Nun ist es gewiss nicht zu bestreiten, dass der deutsche Kirchenkampf auch ein Kampf in dem eben beschriebenen Sinne ist. Aber ich würde mich einer Vor|720spiegelung falscher Tatsachen schuldig machen, wenn ich behaupten wollte, dass es im Kirchenkampf zunächst und entscheidend um diese Sache gehe. Wer nur sie im Kopfe haben sollte, wer nur von ihr zu hören begehrte, dem muss ich sagen, dass er sehr vieles, was in diesem deutschen Kirchenkampf geschehen ist und besonders auch nicht geschehen ist, nicht verstehen wird. Dass er Anlass haben wird, sich über vieles zu wundern, sich an vielem zu ärgern, und dass er sich endlich und zuletzt vielleicht überhaupt abwenden wird von diesem Geschehen.c

Denn, nicht wahr, die Wahl, vor die jener Gestapobeamte in Darmstadt jene Leute stellte, lautete ja nicht: Nun gilt es sich zu entscheiden zwischen dem nationalsozialistischen Staat und der Freiheit, dem Recht, der Menschlichkeit. Das würden wir verstehen. Das wäre uns eine sympathische und 5 einleuchtende Entscheidung. Die Wahl lautete: Ihr müsst euch jetzt entscheiden zwischen dem Staat, der in mir sichtbar verkörpert wird, und jenem «imaginären Herrn», von dem ihr dauernd redet. Ich denke, Sie werden mit mir einverstanden sein: Wenn dieser Mann recht hatte und wenn es im deutschen Kirchenkampf um diesen Gegensatz geht, dann wird unser Verständnis und unsere Sympathie gar nicht so ohne weiteres auf der Seite der Kirchenleute sein. Man braucht noch gar nicht Nationalsozialist zu sein, um frei zu gestehen: Ja, da wäre ich auch auf der anderen Seite gestanden, bei denen, die zu diesem imaginären Herrn ein Fragezeichen setzen! Ist es denn nicht so, dass für Millionen in allen Parteien und in allen Weltanschauungen, nicht nur in Deutschland, auch in der Schweiz, auch in Basel, auch hier in unserem Volkshaus, der Herr, um den es dort ging, wirklich ein imaginärer Herr ist? Und zwar darum ein imaginärer Herr, weil wir alle gar wohl wissen: wäre er nicht ein imaginärer, wäre er der wirkliche Herr, dann wäre die Herrschaft aller Ideen, auch unserer schönsten Ideen: Demokratie, Sozialismus, Naturgesetz und geschichtliche Entwicklung, der gesunde Menschen|721verstand und die Gewissensfreiheit, zum mindesten begrenzt und bedroht. Es wäre dann entschieden darüber, dass der Mensch, jeder Mensch, eben nicht der Herr, nicht sein eigener Herr ist. Wir alle möchten aber unsere eigenen Herren sein und darum brauchen wir wahrhaftig nicht Nationalsozialisten zu sein, um zu wünschen, jener andere Herr möchte ein imaginärer Herr sein!d

Es vertraten jene Pfarrer dem nationalsozialistischen Beamten gegenüber und es vertritt die im Kampf stehende deutsche Kirche dem Nationalsozialismus gegenüber eine Sache, die gar nicht nur den Nationalsozialisten, sondern auch ihren Gegnern, ja, die uns allen eine schwer verständliche und schwer annehmbare Sache ist. Das möchte ich offen 6 ausgesprochen haben und das bitte ich Sie, ganz klar sich vor Augen zu halten. Man kann nicht sachgemäß über den deutschen Kirchenkampf reden, ohne das nicht nur zu erwähnen, sondern geradezu in den Mittelpunkt zu stellen auf die Gefahr hin, dass es bei den verehrten Hörern eine kleine oder vielleicht auch eine große Enttäuschung geben sollte.e

Lassen Sie mich zunächst etwas sagen von den Voraussetzungen des deutschen Kirchenkampfes. Ich will versuchen, Ihnen dazu einiges auszuführen über die Welt, in welcher der Nationalsozialismus auftrat und zu der er selber gehört: die moderne Welt, die man am besten charakterisiert, wenn man sie als die Welt bezeichnet, in welcher der |722 Mensch sein eigener Herr ist. Das will sagen: die Welt, in welcher der Mensch sich selber für fähig hält, über sein Leben zu bestimmen, in welcher der Mensch im letzten Grunde auf sich selber steht und in welcher er nach der schönen Parole: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!20 an die Wahrheit seiner eigenen Ideen glaubt, weil er sich im letzten Grunde für einen guten Kerl hält. Diese moderne Welt des Menschen, der sein eigener Herr sein will und der sich selber für gut hält, diese Welt ist so alt wie die Welt überhaupt. Man kann aber doch wohl sagen, dass sie erst seit zweihundert Jahren das Gesicht bekommen hat, das sie heute hat.21 Diese Welt dieses Menschen ist durch den Weltkrieg, den wir alle noch in lebhafter Erinnerung haben, nicht, wie man damals wohl meinte, zerstört worden. Sondern auch nach dem Weltkrieg ist der Glaube des Menschen an sich selbst und seine Güte fröhlich wieder aufgelebt und hat neue Kraft gewonnen. Nun, zu dieser Welt gehört auch der Nationalsozialismus. Nicht nur der Nationalsozialismus und auch nicht nur sein großer Gegenspieler, der Kommunismus. Zu dieser modernen Welt gehören vielmehr wir alle. Und gehören auch die Ideen und Ideale, von denen wir alle miteinander so oder so 7 erfüllt und getrieben sind. Aber freilich, das darf man |723 wohl sagen: Innerhalb der Welt dieses modernen Menschen bildet der Nationalsozialismus, vielleicht zusammen mit dem Kommunismus, sozusagen das zweite Stockwerk. Die einen werden sagen: das höhere Stockwerk, und die anderen werden sagen: Nein, das unterste, dunkelste Kellerloch. Ob so oder so, auf jeden Fall: ein Raum in demselben Haus! Diese moderne Welt hat nämlich zwei hauptsächliche Erscheinungsformen; deren eine die liberale, die andere die autoritäre ist.f

In der liberalen Welt leben die Menschen, wie der Name sagt: in freier Konkurrenz der Personen, der Systeme, der Ideen unter der Losung: Freie Bahn dem Tüchtigen!22 in offenem oder manchmal auch in heimlichem Kampf Aller gegen Alle,23 in einem Kampf, der nie ohne Härte und nie ohne Leid sein wird, in dem die einen resignieren und die anderen sich mit der Hoffnung trösten: Es wird allmählich doch noch besser kommen. In dieser liberalen Welt besteht der Weg zur Macht darin, die Mehrheit auf seine Seite zu bekommen oder das Kapital oder beide. Und es besteht die Weisheit der Regierung in dieser liberalen Welt darin, so weit als möglich auszugleichen zwischen Mehrheit und Minderheit, bis das Verhältnis der Parteien sich wieder einmal umkehrt und ein neuer Ausgleich geschaffen werden muss. So konkurrieren in dieser Welt der konservative und der fortschrittliche, |724 der nationale und der internationale Gedanke, die Materie und die Idee, der Optimismus und der Pessimismus, bald feindlich und bald friedlich sich vertragend. Dass der Mensch sein eigener Herr ist, das zeigt sich in der liberalen Welt darin, dass es viele Herren gibt und im Grunde keinen. – Ungefähr so hat das Deutschland vor 1933 ausgesehen. Wenn ich an den Zustand des deutschen Lebens zurückdenke, wie er damals gewesen ist, so steht mir 8 eine ganze Fülle von Ansprüchen, Bewegungen, Parteien – nicht weniger als 35 umfasste damals der deutsche Reichstag!24 – und dementsprechend eine Fülle von immer neuer Not und Unzufriedenheit vor Augen.g

In demselben Haus, in derselben Welt, gibt es noch einen anderen Raum. Es ist der nationalsozialistische oder allgemein: der autoritäre Raum. Wie kam es dazu, dass an die Stelle der liberalen die autoritäre |725 Welt trat? Das vollzog sich auf einem verhältnismäßig einfachen Wege. Zu dem Siege der autoritären Welt pflegt es dann zu kommen, wenn zu der allen Menschen und allen Systemen eigenen Tendenz, sich selber absolut zu setzen, die Entschlossenheit und die Kraft hinzukommt, das wirklich zu tun und durchzuführen. Indem jetzt einer oder auch einige es wagen, sich selber absolut zu setzen, ergreifen sie die Herrschaft über alle übrigen. Und in diesem Einen oder diesen Einigen erkennen dann alle anderen sich selbst als Herrschende. Hitler und seine Leute mit ihrer Lehre vom totalen Staat auf der Grundlage des rassisch verstandenen Volkstums25 hatten – das kann ihnen die größte Abneigung nicht nehmen – diese Kraft und diese Entschlossenheit. Sie fanden das Ei des Kolumbus,26 wie etwa vor mehr als hundert Jahren Napoleon dasselbe Ei auch gefunden hatte: Wenn man etwas erreichen will, dann muss man das Ganze wollen.27 Und wenn man das Ganze will, dann muss man kein Mittel scheuen, und wenn man kein Mittel und kein Opfer scheut, dann erreicht man auch das Ganze. – Ich denke, wir sind hier in der Schweiz, hier in Basel, hier in diesem Saal wohl überwiegend der Meinung, dass die autoritäre Gestalt der modernen Welt die gefährlichere, die unliebsamere Gestalt ist. Aber auch wenn wir dieser Ansicht sind, werden wir sagen müssen: Unter diesen zwei Formen der modernen Welt ist diese zweite, die autoritäre Form, die konsequentere, die kühnere und darum 9 die lebenskräftigere. Innerhalb der Welt des Menschen, in der er sein |726 eigener Herr ist, dürfte doch wohl der Faschismus die größeren Chancen haben.h

Nun muss ich aber zu diesen Voraussetzungen des deutschen Kirchenkampfes noch ein zweites Wort sagen: Innerhalb dieser Welt des Menschen gab es ja nun auch eine Kirche. Und es gab und es gibt in dieser Kirche auch ein altes Buch, das den eigentlichen Mittelpunkt der Kirche bildet, das die Grundlage der Verkündigung der Kirche ist: die Bibel. Ich möchte mir erlauben, Sie ganz kurz daran zu erinnern, was in diesem Buche steht. In der Bibel steht zu lesen, dass der Mensch zweifellos nicht sein eigener Herr ist, weil der Mensch eben im Grunde nicht der gute Kerl ist, der zu sein er sich einbildet. Die Bibel sagt stattdessen: dass der Mensch einen guten Herrn hat, einen Herrn, der ihm, dem Menschen, gut ist und für ihn gutsteht. Der ihn geschaffen hat und der ihn so, wie er ist, in seiner ganzen Verkehrtheit, annimmt, aber auch in Anspruch nimmt. Der ihm ein ewiges Leben zum Ziel gesetzt hat. Dieser Herr des Menschen, das ist der «imaginäre Herr», von dem wir vorhin gehört haben. Die Bibel nennt ihn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der Mensch geworden, gekreuzigt und auferstanden ist. Und darum ist von der Bibel aus jene ganze Welt des modernen Menschen unmöglich, sowohl in ihrer liberalen wie auch in ihrer autoritären Form. Möglich ist von der Bibel aus nur eines: die Hoffnung auf dieses Gottes kommendes Reich und das Leben in dieser Hoffnung. Was ist also die Kirche? Die Kirche ist sehr einfach die Gemeinschaft von allen denen, die diesen Herrn kennen und ihn liebhaben und ihm gehorchen möchten. – Wenn ich vorhin sagte: es gab in der Welt des modernen Menschen auch eine Kirche, so muss ich etwas hinzufügen: Diese Kirche hat die Bibel und das, was in |727 der Bibel zu lesen steht, schlecht verstanden und schlecht aus10gelegt. Die Kirche hat die Bibel vielleicht nie so verstanden, wie sie verstanden sein will in ihrem ganzen Reichtum. Sie hat sie aber wiederum seit zweihundert Jahren ganz besonders schlecht verstanden und ausgelegt.28 Sie hat sie nämlich so verstanden, als ob das, was in der Bibel zu lesen steht, keinen Gegensatz bedeute zu dieser Welt des modernen Menschen. Sie hat die Bibel so verstanden und ausgelegt, als ob auch in der Bibel eben nur die Herrlichkeit und Güte des Menschen und seiner Ideen verkündigt werde, als ob das Wort Gottes eben nur eine besondere Unterstreichung sei des Wortes Ideal und anderer ähnlicher Worte.29 Wer kann sich da wundern, dass dieser Gott, den die Kirche verkündigte, in den Geruch des «imaginären» Herrn kam? Die Kirche hatte weithin und gerade auch in Deutschland das Vertrauen verloren zu ihrer Botschaft. Und damit verlor sie auch das Vertrauen der Menschen in allen Ständen und die Kraft, jenei Not, die die liberale Welt immer bedeutet hat, zu überwinden und die noch größere Not des kommenden autoritären Staates aufzuhalten und zu verhindern. Das sind die Voraussetzungen des deutschen Kirchenkampfes.j

728 Und nun lassen Sie mich in kurzen Zügen Ihnen aufzeigen, was in diesem Kampf geschehen ist.

Der deutsche Kirchenkampf begann nicht schön. Er begann mit einer schweren Niederlage der Kirche, er begann damit, dass die Kirche vom Nationalsozialismus überrannt wurde. Das geschah nicht nur der Kirche. Auch die deutschen Parteien – alle 35 außer einer!30 –, auch die deutsche Universität, die deutschen Schulen, die deutsche Jurisprudenz, die deutsche Kunst, die deutsche Presse und die deutsche Literatur und Bildung, sie alle wurden überrannt! Man hat gewöhnlich ein anderes Wort dafür gebraucht, eines, das dem technischen Bereich entnommen war, man sagte: Gleichgeschaltet!31 Und das bedeutete: zu einem Instrument verwan11delt, das gefügig unter der Herrschaft der Nationalsozialisten funktionierte. So ist es auch der Kirche gegangen. Die Kirche und die Welt haben einander nichts vorzuwerfen. – Man kann sich nicht wundern, dass wirklich auch die Kirche überrannt und gleichgeschaltet wurde. Es gingen in dieser Zeit allerhand merkwürdige Früchte auf. Die nationalsozialistische Partei redete in großen Tönen, dass sie das wahre, das positive Christentum vertrete. Gemeinnutz geht vor Eigennutz!32 Und nicht nur Hunderte, nicht nur Tausende, Millionen von deutschen Christen lauschten dieser Botschaft. Und weil sie die Bibel nicht vor |729 Augen hatten, und weil es doch ein schönes Wort war, wollten sie sich dieses Wort des Nationalsozialismus auch zu eigen machen. Hitler hatte Erfolg. Und die Christen in der Kirche sagten: Wo der Erfolg ist, da ist sicher auch Gott. Und also entschlossen sie sich, dem Gott, der diesen Erfolg auf den Plan gestellt hatte, und also dem Gott Adolf Hitlers Gefolgschaft zu leisten. Und weiter: der Nationalsozialismus hat es verstanden, großen Teilen des deutschen Volkes in jenen ersten Jahren ein ganz neues Lebensgefühl einzuhauchen. Und die Christen in der Kirche spürten das auch und sie sagten: Was kann das anderes sein als eine Offenbarung, eine Offenbarung Gottes, die wir 1933 erlebt haben! Also lasst uns die Kirche zu einer Kirche des Nationalsozialismus machen! Die so redeten, wurden hauptsächlich vertreten durch eine Partei, die in der Kirche sich bildete unter dem Namen: Deutsche Christen.33 Aber es war in jenen Monaten ein wenig alles in dieser Richtung einig. Ich denke mit Schaudern an diese Zeit zurück. Da sah man vermeintlich Weise zu Kindsköpfen werden und vermeintliche Charaktere zu Waschlappen. Da sah man, da hörte man Professoren und Pastoren, aber auch Bischöfe und Priester und Mönche die neuen Schlagworte von Blut und Rasse lallen,34 und wer nicht mitlallte, der musste sich damals wohl 12 allen Ernstes fragen: Bin ich dumm oder bin ich böse, dass ich hier nicht dabei sein kann?35 Eine gewaltige Propaganda und, wo sie nicht ausreichte, auch die Gewalt halfen nach. Man entdeckte, dass man eine Reichskirche haben müsse |730 mit einem Reichsbischof an der Spitze, für welches Amt sich ein alter pastoraler Freund Adolf Hitlers bereitfand.36 Er hat nicht viel geleistet, sondern sich weidlich blamiert. Eine Generalsynode wurde gewählt in der Weise, wie heute in Deutschland «gewählt» wird,37 kurzum, eine ganz erstaunliche neue Kirche, eine Kirche des deutschen Menschen, eine Kirche, in der dieser Mensch sich selber anbetet und verkündigt, war im Anzug. Wie war das möglich? Weil die Menschen vom Liberalismus herkamen, weil sie so viele Herren hatten und keinen, darum verfielen sie jetzt, auch in der Kirche, auch in dieser liberalen Kirche, dem einen, der es verstand, sich zum Herrn aufzuwerfen. So geht es zu, wenn der Liberalismus reif wird und in |731 sein natürliches Gegenstück umschlägt. So geht es einer Kirche, die der Welt nur zu ähnlich geworden ist.k

Der deutsche Kirchenkampf fand nach diesem ersten Sieg des Nationalsozialismus eine erstaunliche Fortsetzung. Es war schon im Herbst 1933, als sich allmählich durch ganz Deutschland hin, in allen Kreisen, die irgendwie an der Kirche lebendig beteiligt waren, Anzeichen zeigten: der Rausch ist zu Ende, es kommt jetzt das Erwachen und die Ernüchterung, die Niederlage ist vorbei, es gibt jetzt Widerstand.38 Widerstand ist eine so einfache und naheliegende Sache. Und es war doch so gar nicht einfach. Ich erinnere mich noch wie heute, wie ich damals in Berlin einen Vortrag zu halten hatte und auf dem Höhepunkt dieses Vortrages habe ich – ohne besondere Absicht – dieses einzige Wort Widerstand! ausgesprochen, und ganz gegen mein Erwarten fand dieses Wort ein ganz ungeheures Echo, so dass ich einige Minuten meine Rede unterbrechen musste.39 Widerstand! 13 Stellen Sie sich zunächst nichts zu Großartiges vor. Es war eigentlich nur dies, dass weite Kreise plötzlich überzeugt davon waren: So geht |732 es nicht weiter. Es darf nicht dazu kommen, dass die Kirche diese Verwandlung durchmacht, dass die Kirche wirklich zur Kirche des deutschen Menschen wird. Sie fragen: Wie kam es dazu? Warum auf einmal Widerstand? Ich möchte auf einige Deutungen dieses Widerstandes zu sprechen kommen, die auch bei uns oft gehört werden. Man pflegt zu sagen: Es fanden sich in der Kirche die politisch Unzufriedenen zusammen. Da waren die alten Sozialdemokraten und Deutschnationalen, die in dieser Tarnung ihren Protest anmeldeten. Ich kann nur bezeugen, es war nicht so. Es war – jedenfalls damals – so, dass diejenigen, die an diesem kirchlichen Widerstand beteiligt waren, politisch immer noch an die Güte des Nationalsozialismus glaubten. Die Widerstandbewegung ist nicht aus dem politischen Gegensatz heraus entstanden, wenn man auch nicht leugnen kann, dass sich das später nicht mehr sauber trennen ließ und dass heute eine Unterscheidung schwierig wäre. Die Entstehung kann keinesfalls von der politischen Seite her erklärt werden.40 Man hat zweitens oft gesagt: Das waren unruhige Leute, die sich der neuen Ordnung nicht fügen wollten. Ich kann Ihnen sagen, dass es in Deutschland sehr wenig unruhige Leute gibt. Der Deutsche ist von Natur geneigt, stramm zu stehen, und diese Eigenschaft habe ich durchaus auch bei meinen Freunden in der deutschen Kirche wahrgenommen. Aus bloßer Unruhe, Unzufriedenheit und Nörgelei lässt sich dieser Widerstand |733 wirklich auch nicht erklären.41 Und eine dritte Deutung geht auch nicht. Man hat oft gesagt: Das Kirchenwesen und die Religion überhaupt hat einen konservativen Charakter, die Mächte der Vergangenheit haben sich geltend gemacht gegen das Neue. Dazu kann ich nur sagen: da, wo 14 man in der deutschen Kirche nur konservativ, wo man «orthodox» war, da ist es gerade nicht zu einem Widerstand gekommen. Diese Freunde des Alten, die saßen unzufrieden in der Ecke. Eine Energie zum Widerstand ging nicht von ihnen aus.42 – Der Widerstand, der sich erhob, war nur da echt und stark, wo er sich nicht nur gegen diesen zufälligen Augenblicksgegner, also gegen den Nationalsozialismus und seinen Terror richtete, sondern wo er auf der Erkenntnis beruhte, dass er die ganze Welt des modernen Menschen anging, also auch den Liberalismus. Nur da kam es zu echtem, starkem Widerstand, wo die Erkenntnis Platz griff, die einfache Erkenntnis: der Mensch ist nicht gut und der Mensch kann darum nicht sein eigener Herr sein. Aber der Mensch hat einen Herrn. Einen Herrn, neben dem es keinen anderen Herren geben kann. Das geschah aber nur da – wie sollte es auch anderswo geschehen? –, wo das alte Buch der Kirche, die Bibel, wieder aufging und gelesen wurde in ihrem ursprünglichen Sinn, wo also der «imaginäre Herr» seltsamerweise, sehr unerwarteter Weise, wieder in seine Rechte trat. Dass dies geschehen sei, dass man darum wisse, dass das wahr sei, dass das gelte, |734 auch im Dritten Reich, das war und das ist der Inhalt des Bekenntnisses der sogenannten Bekenntniskirche.l

Das war freilich nur ein Anfang. Was es bedeutete, hier Widerstand zu leisten, diesem Staat entgegenzutreten, auch nur an dieser einen Stelle, das wurde erst sichtbar, als man zu diesem Kampf antrat. Nun begann der Kampf, der Kirchenkampf, der vom Staat aus geführt wurde in einer ganzen Reihe von Versuchen, bald groben und bald freundlichen Versuchen, die Kirche nun doch in seine Gewalt zu bekommen. Da wurde im Jahre 1934 der Reichskommissar Jäger eingesetzt mit großen Vollmachten für das ganze Reich. Der Mann ist gekommen und nach einiger Zeit wieder gegangen.43 Gegangen ist auch der so glorios eingeführte Reichs15bischof.44 1935 hat man es anders versucht: es setzte eine gewaltige Propaganda ein. In Büchern und Vorträgen wurde für die neue Religion des deutschen Mythus gewor|735ben.45 Als auch das nicht zum Ziele führen wollte, hat man im Herbst 1935 Vermittlungsversuche unternommen. Es wurden neutrale Ausschüsse eingesetzt. Sie haben ein Jahr geamtet und haben das Ziel, das ihnen vom nationalsozialistischen Staat gesetzt war, nicht erreicht.46 Und der neueste Versuch: Es sind Wahlen ausgeschrieben worden.47 Was Wahlen bedeuten im heutigen Deutschland, das wissen wir.48 |736 Werden diese Wahlen je stattfinden?49 Die Sache der Kirche, die jetzt gehalten wird draußen, wird von diesen Wahlen auf keinen Fall berührt werden. Ich brauche nur beiläufig daran zu erinnern, dass alle diese Versuche des Staates verbunden waren mit viel Schikanen, einem ganzen Netz von Maßnahmen des Staates und der Polizei gegen die Kirche. Es bedarf keiner Gräuelpropaganda, die Tatsachen genügen. – Und nun machen Sie sich klar: Dem ganzen Apparat des Staates gegenüber hatte und hat die Kirche in all den Jahren keine andere Waffe zur Verfügung als das Wort jenes imaginären Herrn. Merkwürdig, dass das Wort eines imaginären Herrn gegenüber einem solchen gewaltigen Gegner gar keine imaginäre Wirkung hatte! Das Wort und die Ordnung, unter der ein Christ steht, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen [vgl. Act. 5,29], dieses Wort war das Einzige, was dieser ganzen Gewalt entgegenzuhalten war. Es wurde ihr entgegengehalten, und das hat genügt. Es sind bis jetzt alle Versuche, mit dieser Kirche fertig zu werden, gescheitert. Und ich bin der festen Überzeugung: auch alle zukünftigen Versuche werden scheitern!m

737 Sie sollen nicht den Eindruck haben, ich möchte die Geschichte der deutschen Kirche als eine Ruhmes- und Heldengeschichte darstellen. Das ist sie nicht. Es ist vieles in diesen 16 Jahren auch in der Kirche geschehen, vor dem man nur sein Angesicht verhüllen kann. Es ist eine kleine Minderheit in der Kirche, die faktisch diesen Kampf führt, die Zahl der Gegner ist unverhältnismäßig viel größer. Und noch größer ist die Zahl der braven Neutralen in der Mitte, die sich nach beiden Seiten lieber nicht entscheiden wollen, sondern für den Frieden und für die Liebe eintreten.50 Und unterdessen geht das Unheil seinen Gang und unterdessen müssen die Wenigen kämpfen und leiden. Ich war immer der Meinung: Lieber noch auf der Gegenseite stehen als in dieser faulen, trägen Mitte.51 – Aber weiter: Es hat auch auf Seiten derer, die den Kampf geführt haben, an allerhand Niederlagen und Halbheiten und Inkonsequenzen nicht gefehlt. Es ist nichts leichter als ein ganzes Sündenregister der Bekenntniskirche zusammenzustellen und ihr vorzuhalten – besonders von der sicheren Schweiz aus! Ich möchte alle diejenigen, die das tun, einladen, hinauszugehen und es besser zu machen. – Wie dem auch sei, es bleibt die Tatsache, dass in diesem Widerstand eine Entscheidung gefallen ist, in welcher es sich erwiesen hat, dass der imaginäre Herr offenbar nicht so ganz imaginär ist. Der Nationalsozialismus mit seiner ganzen Welt ist in Deutschland bestritten, und zwar – wer hätte das vor fünf Jahren gedacht? – an dieser Stelle: von der schwachen, ohnmächtigen, bedeutungslosen, längst an den Rand gedrückten Kirche her bestritten. Und wenn er an dieser Stelle bestritten ist, dann ist er faktisch im Ganzen bestritten. Aber freilich: Bestritten nicht von einer der vielen Möglichkeiten des Liberalismus her, sondern bestritten darum, weil hier etwas Neues aufbricht, ein Neues, das doch ein Altes ist, das Wiedererkennen: dass |738 der imaginäre Herr der wirkliche Herr der Geschichte und des Lebens ist. So dass man heute wohl sagen darf: Wenn in Deutschland überhaupt eine Hoffnung ist, dann ist diese Hoffnung in der Kirche, nicht 17 wegen der Menschen in dieser Kirche, aber wegen dieses Herrn der Kirche.n

Ich würde diesen Vortrag nicht übernommen haben, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass der deutsche Kirchenkampf auch uns in der Schweiz etwas zu lehren hat. Es ist nicht meine Sache, Ihnen heute als Ihr Lehrer entgegenzutreten. Aber ich möchte mir erlauben, Ihnen zum Schluss drei Fragen zu stellen, anhand derer Sie selbst ermessen können, ob hier nicht etwas zu lernen ist.

Lassen Sie mich die erste Frage anknüpfen an das, was ich die Voraussetzungen des deutschen Kirchenkampfes nannte. Macht jener Übergang, der sich im deutschen Leben vollzogen hat, von der ersten zur zweiten Form der modernen Welt, vom Liberalismus zum Autoritarismus, vielleicht ein allgemeines Gesetz des geschichtlichen Lebens der Gegenwart sichtbar? Steht es vielleicht so, dass wir damit zu rechnen haben: Es kommt ein internationaler Faschismus, im Kampf und vielleicht eines Tages im Bündnis mit seinem großen Gegenspieler in Russland? Kommt das in Frage? Wird diese Welle, von der nun schon so viele Länder ergriffen sind,52 vielleicht eines Tages auch uns |739 erreichen? Sie werden mir antworten: Das können wir uns schwer vorstellen. Ein kluger Mann hat mir einmal gesagt: In der Schweiz wird es schon deshalb keinen Faschismus geben, weil es dazu einen Führer brauchte. Dieser müsste Basler oder Zürcher oder Berner sein, und in jedem Falle werden die beiden anderen Kantone ihm nicht gehorchen!53 Aber: Man hat es sich in Deutschland auch nicht vorstellen können vorher und dann war es eines Tages doch so. Es wird in der Weltgeschichte manches möglich. – Sie werden mir vielleicht auch antworten: wir werden uns wehren dagegen. Ich bin auch dabei. Aber bedenken Sie wohl: auch in Deutschland waren Tausende, waren Millionen bereit, sich zu wehren. Man hat auch in Deutsch18land von den harten Arbeiterfäusten gesprochen, die dem Hitler den Weg weisen würden,54 und dann ist es eben doch anders gekommen. Wir wer|740den uns also nicht einreden dürfen, dass wir gewiss wüssten, dass es unmöglich ist. Und das ist ganz sicher: Wir können unmöglich leugnen, dass wir hier in dem liberalen Raum der modernen Welt wandeln, der, wie wir sahen, die schiefe Ebene bedeutet, die irgendeinmal dort drunten im Autoritarismus endigt, und der eine Welt ist, die jedenfalls in sich selber schon des Übels und der Not und der Kämpfe genug enthält. Diese unsere gegenwärtige Welt ist wahrhaftig eine Welt des Unheils. Ist uns das alles klar? Wissen wir es: Wir leben in einer Welt, deren Zukunft vielleicht noch schlimmer, deren Gegenwart aber schlimm genug ist, einer Welt, die die Welt des Menschen ist, der sein eigener Herr sein will?o

Meine zweite Frage lautet: Gibt es eine Hilfe für diese zukünftige und gegenwärtige Not? Ich frage: Haben wir eigentlich noch Vertrauen zu den Ideen und Idealen, an die wir uns bis heute mehr oder weniger gehalten haben, zu den Idealen der Demokratie, des Sozialismus, der Bildung, vielleicht auch des Sports? Haben wir dieses Vertrauen? Ich hoffe, wir haben noch einiges Vertrauen dazu. Aber mehr können wir gewiss nicht sagen. Ein absolutes Vertrauen haben wir alle nicht mehr. Es ist unverkennbar, dass eine große Müdigkeit die Völker und auch unser Volk erfasst hat.55 Diese Ideen und diese Ideale müssten jedenfalls eine ganz neue Gestalt und Kraft bekommen, wenn sie wieder tragfähig werden sollen. Was bedeutet es nun, wenn es wahr |741 ist, dass neben diesen Ideen und Idealen in Deutschland vielleicht auch die Kirche versagt hat, zugleich aber eine neue Kraft und Gestalt gewann, so dass sie heute tatsächlich eine Insel in der Brandung bildet? Was bedeutet das, dass die, die dort im Kampf stehen, uns sagen, dass sie das tun im 19 Bekenntnis zu dem, der vielleicht für uns alle immer noch ein imaginärer Herr ist?p

Und meine dritte Frage: Erwarten Sie hier in der Schweiz, dass die Kirche – es gibt ja auch unter uns eine Kirche – dasselbe leisten würde und vielleicht auch in der Gegenwart schon leistet, was wir die kämpfende deutsche Kirche leisten sehen? Wenn Sie mir auf diese Frage antworten: Nein, das erwarten wir nicht, dann würde ich Ihnen die weitere Frage stellen: Warum erwarten Sie das nicht? Ich denke, es ist niemand unter uns, der der Kirche ungerechte Vorwürfe machen möchte. Man wird also gewiss gerechter Weise nicht sagen können, dass es der Kirche an Eifer, an Fleiß, an Aufgeschlossenheit für die Probleme der Gegenwart, an Beteiligung an den Nöten des Volkslebens mangelt. Aber es fehlt vielleicht an einer ganz anderen Stelle: Auch unsere Kirche hat vielleicht immer noch viel zu viel vom Glauben an den guten Menschen und zu wenig von dem Glauben an den allein guten Herrn. Zu wenig und zu viel! Vielleicht ist darum unsere Kirche heute in der Tat noch nicht wieder das Licht im Dunkeln, das die Kirche eigentlich sein müsste. Noch viel zu viel alte Kirche, liberale Kirche, wie jene Kirche in Deutschland, die 1933 über den Haufen gerannt wurde.

Und weil ich nun von der Kirche rede, so möchte ich zum Schluss fragen dürfen: Wer ist denn die Kirche? Auch hier, auch bei uns? Es ist eine allzu bequeme Sache, dabei an die Pfarrer oder auch an die paar sogenannten Frommen zu denken. Kirche sind alle diejenigen, die so oder so den Ruf des imaginären Herrn hören. – Wenn es mir gelungen |742 ist, Ihnen deutlich zu machen, dass dieser Ruf dieses Herrn auch an uns ergeht, an jeden Einzelnen von uns, dann habe ich heute Abend nicht umsonst gesprochen.q

Textkritische Fußnoten

a
Stichwort-Tskr.: «1. Vor 3 Wochen: bei Verhandlung über kirchl[iche] Vortragsveranstaltung in Darmstadt Ausspruch des leit[enden] Gestapobeamten: ‹Jetzt muss es sich entscheiden, wem man gehorchen muss: mir als dem sichtbaren Vertreter des Staates oder dem imaginären Herrn, von dem Sie hier dauernd reden›. In diesem Ausspruch die ganze Erklärung des d[eutschen] K[irchenkam]pf[es]. Aber auch die ganze Schwierigkeit, ihn zu verstehen.»↩
b
Stichwort-Tskr.: «2. Leicht verständlich, wenn
Kampf für Freiheit des Gewissens, Denkens, Wortes / für Recht der Selbstbestimmung des Volkes / für Recht des Einzelnen auf Ueberzeugung / für Menschlichkeit und Kultur
Kampf gegen die Tyrannei einer in ihrer Einseitigkeit und Intoleranz zerstörerischen Idee / gegen Fanatismus einer Handvoll Menschen (kühn, rücksichtslos, geschickt und beredt) / gegen Charakterlosigkeit, Unwissenheit und Unentschlossenheit der Einzelnen und der Massen
Kurz: wenn Kampf gegen 3. Reich».↩
c
Stichwort-Tskr.: 3. «Viele hier in der Erwartung, es gehe auch im d[eutschen] K[irchenkam]pf um diesen Kampf, der uns als Schweizern, Demokraten, Sozialisten verständlich und sympathisch. – Nicht bestreiten: es geht auch um diesen Kampf. Aber Vorspiegelung falscher Tatsachen, wenn ich behaupten wollte, dass es einfach d. h. zunächst und entscheidend um diesen Kampf gehe! Wer nur ihn im Kopf hat, wird nicht verstehen, sich wundern und ärgern, sich desinteressieren.»↩
d
Stichwort-Tskr.: «4. Wahl, die Gestapo erwähnte, heisst nicht: Staat oder Freiheit, Recht, Menschlichkeit, sondern: Staat oder der imaginäre Herr…! Verständnis und Sympathie für diesen nicht selbstverständlich. Man braucht nicht Nat[ional-]Soz[ialist] zu sein, um hier auf der andern Seite zu stehen. Für Millionen aller Parteien und Weltanschauungen ein imaginärer ‹Herr›! Darum imaginär, weil sonst alle Herrschaft aller Ideen (Demokratie, Sozialismus, Naturgesetz, gesunder Menschenverstand, geschichtliche Entwicklung, Geistes- und Gewissensfreiheit) bedroht ist, weil sonst der Mensch (jeder!) nicht mehr sein eigener Herr ist. Das wollen wir alle sein, auch wer nicht Nat[ional-]Soz[ialist]. Darum imaginär!» – Zwischen «andern» und «Seite» ist ein nicht klar zu entziffernder handschriftlicher Zusatz vermerkt: «: G. Fr.[?]»; möglicherweise eine durch den Doppelpunkt erkennbar gemachte Näherbestimmung der andern Seite als die der «G[ewissens-]Fr[eiheit]».↩
e
Stichwort-Tskr.: «5. Kirche vertrat gegen Gestapo eine Sache, die allen M[enschen] schwer verständlich und schwer annehmbar ist. – Dies im Auge zu behalten. Ueber den d[eutschen] K[irchenkam]pf ist nicht zu reden, ohne dies zu erwähnen, ja in den Mittelpunkt zu stellen, auf die Gefahr hin, dass es Enttäuschungen giebt. 2»↩
f
Stichwort-Tskr.: «Von den Voraussetzungen des d[eutschen] K[irchenkam]pf[es]. / 1. Die Welt in der d[er] Nat[ional-]Soz[ialismus] auftrat und zu der er gehört: die moderne Welt, in der d[er] Mensch s[ein] eigener Herr ist, sich selbst belehrt, bestimmt, vertraut, tröstet, hilft, auf sich selbst steht, an die Wahrheit s[einer] eig[enen] Ideen glaubt. Gute Welt! Kein Herr über ihm! So alt wie die Welt überhaupt. In ausgesprochener Gestalt etwa 200 Jahre alt. Durch Weltkrieg nicht zerstört. In dieser Welt bedeutet der Nat[ional-]Soz[ialismus] (zus[ammen] mit dem Kommunismus) die dialekt[ische] Umkehrung. – Diese Welt hat näml[ich] zwei Erscheinungsformen:»↩
g
Stichwort-Tskr.: «2. Die liberale : Die Menschen, Systeme und Ideen konkurrieren miteinander. Dem Tüchtigen freie Bahn! Also offener od[er] heimlicher Kampf aller gegen alle. Nicht ohne Härten und Leiden. Resignation: es muss so sein. Hoffnung: es kommt doch allmählich besser. Weg zur Macht : Mehrheit und Geld. Weisheit der Regierung: Ausgleich. So konkurrierten (ausser den Menschen) der konservative und der fortschrittliche Gedanke, Kapitalismus und Sozialismus, Materialismus und Idealismus, Optimismus und Pessimismus, nationales und internat[ionales] Denken. Alles bald friedlich bald unfriedlich. ‹Mensch s[ein] eig[ener] Herr›: viele Herren und keine. – So Deutschland vor 1933: Fülle von Ansprüchen, Programmen, Bewegungen, 35 Parteien und Fülle von Not und Unzufriedenheit.»↩
h
Stichwort-Tskr.: «3. Die autoritäre : Zu der allen Menschen und Systemen eigenen Tendenz, sich selber absolut zu setzen, kommt irgendwo hinzu die Entschlossenheit und die Kraft, dies wirklich zu tun. Statt K[am]pf aller geg[en] alle Beherrschung aller durch Einen od[er] Einige u[nd] ihre Ideen. Der Erfolg! ‹ Mensch s[ein] eig[ener] Herr›: Einer für alle andern. – Hitler u[nd] Gen[ossen] mit ihrer Lehre vom totalen Staat auf Grundlage des totalen (rassisch verstandenen) Volkstums hatten diese Entschlossenh[eit] u[nd] Kraft. Das Ei des Kolumbus (wie Napoleon): das Ganze wollen, kein Mittel, keine Opfer scheuen. – Die gefährlichere, aber konsequentere u[nd] darum lebenskräftigere Form dieser Welt. Innerhalb d[ieser] Welt hat d[er] Fascismus d[ie] grösseren Chancen.»↩
i
Erstdruck: «jener»; von den Hrsg. in Angleichung an den Rest des Satzes und an das Stichwort-Typoskript (s. Anm. j) korrigiert.↩
j
Stichwort-Tskr.: «4. In dieser 1933 umgewälzten deutschen Welt gab es auch eine Kirche.
Kirche besass die Bibel. Darin zu lesen: Mensch nicht s[ein] eig[ener] Herr, weil nicht gut. Hat aber einen Herrn, der gut ist und ihm gut ist, der ihn geschaffen, ihn in s[einer] Verkehrtheit annimmt u[nd] in Anspruch nimmt, der ihm ein ewiges Leben zum Ziel gesetzt. Dies der ‹imaginäre Herr›: Jesus Christus, Gott für uns Mensch geworden, gekreuzigt und auferstanden. Darum nicht jene Welt, weder Liberalismus noch Autoritarismus, sondern Hoffnung auf Gottes Reich. Kirche: die diesen Herrn kennen, lieben, ihm gehorchen wollen.
Kirche hat d[ie] Bibel schlecht ausgelegt (auch dies seit etw[a] 200 J[ahren]): in Übereinstimmung, als ob auch sie nur den Menschen u[nd] seine Ideen verkündige, als ob ‹Gott› wirklich ein imaginärer Herr sei. Kirche hatte Vertrauen zu ihrer Botschaft verloren und damit auch das Zutrauen der Menschen und die Kraft, die Not des liberalen Stadiums zu überwinden und die grössere des autoritären zu verhindern.
Dies die Voraussetzungen des D[eutschen] K[irchenkam]pf[es]. 3»↩
k
Stichwort-Tskr.: «In kürzesten Zügen erzählen, was geschehen ist.
1. Der d[eutsche] K[irchenkam]pf begann damit, dass die K[irche] vom Nat[ional-]Soz[ialismus] überrannt wurde. Wie Parteien, Universität und Schule, Jurisprudenz, Presse, Theater, Literatur, Bildung, Volksempfinden. Ueberrannt: ‹gleichgeschaltet› d. h. zu einem Instrument der Herrschaft des Nat[ional-]Soz[ialismus] verwandelt. Früchte gingen auf auch in der K[irche]. ‹Posit[ives] Chr[isten]t[um]› (Verständnis freigegeben!) Sichtbarer Erfolg (Hand Gottes!) Neues Lebensgefühl (Neue Offenbarung!) Nat[ional-]Soz[ialismus] u[nd] Chr[isten]t[um] als Einheit. Die ‹D[eutschen] C[hristen]› aber im Grunde alle einig. Weise Kindsköpfe, Charaktere Waschlappen, Professoren … lallen Schlagworte. Wer nicht mittat dumm oder böse. Propaganda und Gewalt halfen nach. Reichsbischof und Nationalsynode. Eine erstaunliche neue Kirche des deutschen Menschen schien im Anzug. ­- ­- ­- Wie möglich? Ja, wie? So geht es zu, wenn der Liberalismus in sein natürl[iches] Gegenstück umschlägt. Weil die Menschen viele Herren und keinen hatten, verfielen sie dem einen, der sich kraftvoll dazu aufwarf. So geht es dann auch einer Kirche, die der Welt gleich geworden ist.»↩
l
Stichwort-Tskr.: «2. der d[eutsche] K[irchenkam]pf fand nach diesem ersten Sieg des Nat[ional-]Soz[ialismus] eine erstaunliche Fortsetzung. Herbst 1933: dem Rausch folgt ein Erwachen, der Niederlage der Widerstand. Weite Kreise überzeugt: so nicht weiter.
Wie kam das? Unruhige Köpfe? Polit[ische] Wendung? Nein, Ueberzeugung von der polit[ischen] Güte des Nat[ional-]Soz[ialismus] damals noch allgemein; nur eben Gleichschaltung und Umwandlung der Kirche abgelehnt. Konservativismus ? Aber eben die alte Kirche hatte ja versagt; wo man nur an ihr festhielt, da war der Widerstand lahm.
Widerstand war da echt und stark, wo er sich nicht nur gegen den augenblickl[ichen] Gegner richtete, sondern auf der Erkenntnis beruhte, die auch den Liberalismus angriff: Der Mensch ist nicht sein eigener Herr! Gott über alle Dinge. Dies nur da, wo die Bibel in ihrem ursprünglichen Sinn wieder redete, der ‹imaginäre Herr› wieder in seine Rechte trat. Dass dies geschehen müsse, war der Inhalt des Bekenntnisses der neuwerdenden Kirche.»↩
m
Stichwort-Tskr.: «3. Was es bedeutete, diesem Staat zu widerstehen, wurde jetzt erst sichtbar; 1934 Reichskommissar Jaeger. 1935 Propaganda für den deutschen Mythus. 1935/36 vermittelnde Kirchenausschüsse 1937 Wahlen? dazu Chicanen aller Art. Dem gegenüber hatte die Kirche nur die Bibel als das Wort des ‹imaginären Herrn›, dem mehr zu gehorchen ist als den Menschen. Aber das genügte. Alle Versuche scheiterten.»↩
n
Stichwort-Tskr.: «4. Geschichte der deutschen ev[angelischen] Kirche keine Ruhmesgeschichte. (die der röm[isch-]kath[olischen] auch nicht!) Kleine Minderheit, grosse neutrale Mitte. Im Einzelnen viele Rückzüge und Niederlagen, Halbheiten und Inkonsequenzen. Schwächung durch innere Kämpfe. – Es bleibt die Tatsache, dass hier eine Entscheidung schon gefallen ist, nicht imaginär. Nat[ional-]Soz[ialismus] ist bestritten, weil in einem Punkte, darum im Ganzen. Und das nicht von einer der Möglichkeiten des Liberalismus aus, sondern weil der ‹imaginäre Herr› aktuelle Bedeutung hat. Wenn Deutschland eine Hoffnung hat, dann die Kirche! 4»↩
o
Stichwort-Tskr.: «Lehren: drei Fragen
1. Macht der Uebergang des deutschen Lebens von der 1. zur 2. Form, vom Liberalismus zum Autoritarismus ein allgemeines Gesetz sichtbar? Internat[ionaler] Fascismus im Kampf (od[er] Bündnis?) mit internat[ionalem] Kommunismus? Wird die Welle auch uns erreichen? Schwer vorstellbar! Abwehr! Beides auch in Deutschland! Einreden[,] wir wüssten, dass dies nicht unsre Zukunft? Leugnen, dass lib[erale] Gegenwart, auch wenn nicht schiefe Ebene, die dorthin führt, in ihrer Art nicht weniger bedenklich. Welt des Unheils, weil Welt des Menschen[,] der sein eigener Herr.»↩
p
Stichwort-Tskr.: «2. Hilfe in der zukünftigen u[nd] gegenwärtigen Not? Noch Vertrauen zu den gegenwärtig bekannten Idealen: Demokratie, Sozialismus, Bildung, Erziehung, Sport? In Deutschland versagten sie. Müdigkeit auch bei uns. Ideale müssten ganz neue Gestalt und Kraft bekommen. Was bedeutet es, dass dort auch die Kirche versagte, zugleich aber neue Gestalt und Kraft gewann, Resistenz bewies, eine Insel in der Brandung bildet? Das[s] die dort stehen, dass dies im Blick auf den ‹imag[inären] Herrn› geschieht? Erkenntnis und Bekenntnis des aus der Bibel Vernommenen?»↩
q
Stichwort-Tskr.: «3. Erwarten wir, dass Kirche auch bei uns dasselbe leisten würde? jetzt schon leistet? Wenn Nein, warum nicht? Ungerechte Vorwürfe: mangelnder Eifer, Fleiss, Offenheit? Ehrlichkeit, Beteiligung. Aber zuviel Glauben an den guten Menschen, zu wenig an den allein guten Herrn, insofern zu viel alte Kirche. Kann man darauf warten dass sie neu wird? Dass sie es auch bei uns in Not und Kampf werde? Gewiss warten, weil neue Kirche nicht menschliches Werk. Aber wer ist die Kirche? Die Pfarrer? Interessierten? Frommen? Nein alle die den Ruf des imag[inären] Herrn hören und, weil Wirklichkeit, gehorchen müssen. – D[eutscher] K[irchenkam]pf nicht umsonst, wenn er auch uns diesen Ruf hören liesse.»↩

Sachfußnoten

1
Vgl. K. Schwaar, Art. «Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen (Smuv)», in Historisches Lexikon der Schweiz, Bd. 5, S. 384 (https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016488/2015-02-18/) 📖.↩
2
Im Basler Kartellkonflikt 1927/28 um das vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund ausgeschlossene kommunistische Gewerkschaftskartell hatte die Basler Sektion des SMUV etwa 800 ihrer bisherigen knapp 2000 Mitglieder an den kommunistischen Metallarbeiterverband verloren; erst 1940 erreichte sie wieder die Mitgliederzahl von 1927 (vgl. die Informationen zum Bestand: Staatsarchiv Basel, PA 1135 Schweizerischer Metall- und Uhrenarbeiter Verband [SMUV], Sektion Basel und Umgebung, 1879–2000 [http://query.staatsarchiv.bs.ch/query/detail.aspx?ID=493238; zuletzt aufgerufen am 3.9.2020 📖]).↩
3
Vgl. Jahresbericht des Schweizerischen Metallarbeiterverbands. Sektion Basel, Basel 1937, S. 55 📖 (Ausriss der Seite: KBA 3875).↩
4
Ein Einladungsschreiben oder andere schriftliche Absprachen sind nicht erhalten. Vom 20.4.1937 datiert ein Schreiben Chr. Bollingers, damals Sekretär der Sektion Basel des SMUV, an Barth, in dem er sich «für die freundliche Uebernahme des Vortrages vom nächsten Freitag recht herzlich» bedankt (KBA 9337.210).↩
5
Vgl. Jahresbericht (Anm. 3), S. 55 📖. – Arthur Baumgarten (1884–1966), 1923–1930 und 1934–1946 Prof. für Rechtsphilosophie und Allgemeines Staatsrecht in Basel, dazwischen 1930–1933 in Frankfurt/Main, das er aufgrund seiner politischen Einstellung (er schloss sich später der Kommunistischen Partei an) 1933 verließ. – Karl Ludwig Schmidt (1891–1956), von 1929 bis zu seiner Vertreibung im Jahr 1933 Professor für Neues Testament in Bonn, von 1935–1953 in Basel.↩
6
Brief Chr. Bollingers vom 20.4.1937 (Anm. 4).↩
7
Vgl. Taschenkalender Ch. von Kirschbaum, Eintrag vom 22.4.1937.↩
8
Brief Barths an M. Barth vom 6.5.1937 (KBA 9237.66). ↩
9
Ebd. – Ch. von Kirschbaum notierte in ihrem Taschenkalender dazu: «Diskussion im Volkshaus über Karl Vortrag / Zusammenstoss mit d[en] Religiös-Sozialen» (Eintrag vom 28.4.1937).↩
10
Vgl. an, Professor Karl Barth spricht über den deutschen Kirchenkampf, in: Basler Nachrichten, 26.4.1937 📖 (Ausriss: KBA 3795); E. A., Der deutsche Kirchenkampf, in: National-Zeitung, 26.4.1937 📖 (KBA 3796); L. Betschart, Zum Vortrag von Professor Karl Barth im Volkshaus, in: Basler Volksblatt, 28.4.1937 📖 (KBA 3798).↩
11
C. R., Karl Barth und der deutsche Kirchenkampf, in: Neue Basler Zeitung, 28.4.1937 📖 (KBA 3797). – Vgl. zur Ausrichtung der Zeitung: H. Wichers, Die «Neue Basler Zeitung» 1935 bis 1940 und ihre Entwicklung vom rechtskonservativen Parteiblatt zum frontistischen Organ. Ein Fallbeispiel deutscher Einflussnahme, frontistischer Aktivitäten und schweizerischer Pressezensur, in: BZGAK 93 (1993), S. 155–173 📖.↩
12
N. N., Vom deutschen Kirchenkampf, in: Freiheit. Schweizerische Volkszeitung. Organ der kommunistischen Partei, 28.4.1937 📖 (KBA 3794).↩
13
Jahresbericht (Anm. 3), S. 55f. 📖 ↩
14
Vgl. den Brief A. Ruefs an Barth vom 27.4.1937 (KBA 9337.225).↩
15
Vgl. SchreibenJ. C. Maier-Hultschins an Barth vom 29.4.1937 (KBA 9337.230). – Johannes Carl Maier-Hultschin (1901–1958), seit 1922 Redakteur, später Herausgeber des «Oberschlesischen Kuriers», seit 1934 Chefredakteur der Zeitschrift «Der Deutsche in Polen», 1939 Emigration nach Großbritannien, 1950 Pressesprecher der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen.↩
16
Vgl. Schreiben J. Rossés an Barth vom 30.4.1937 (KBA 9337.236). Joseph Rossé (1892–1951), seit 1926 Journalist, später Chefredakteur und politischer Direktor beim «Elsässer Kurier»; 1927–1931 wegen angeblichen staatsgefährdenden Machenschaften im Einvernehmen mit Deutschland inhaftiert, trotzdem 1928, 1932 und 1936 als Colmarer Abgeordneter in die Nationalversammlung gewählt, NS-kritisch eingestellt, aber aufgrund seiner umstrittenen Haltung in den Jahren der deutschen Besatzung 1945 bei seiner freiwilligen Rückkehr nach Colmar festgenommen und 1947 zu 15 Jahren Haft verurteilt.↩
17
Vgl. das Schreiben Barths an Rossé vom 19.5.1937 (KBA 9237.81): «Es liegt mir sehr daran, dass die nötige Aufklärung des Auslandes über die Vorgänge in der deutschen evangelischen Kirche, wenigstens was mich betrifft, möglichst nicht im Zusammenhang mit dem politischen Protest gegen die Existenz und die Methoden des ‹dritten Reiches› erfolgt. […] Ich kenne aber die Situation im Elsass zu wenig, um zu übersehen, welchen Sinn ein Vortrag von mir durch den Rahmen, in welchem er erfolgen sollte, bekommen würde.»↩
18
KBA 10103; vier Seiten, eng beschrieben und mit zahlreichen Verbesserungen und Hinzufügungen versehen. ↩
19
Gemeint sind die Vorgänge um die «Evangelische Woche», die vom 31.3.–4.4.1937 in Darmstadt stattfand. Im Gegensatz zu anderen Evangelischen Wochen (vgl. oben, S. 667f., Anm. 46) wurde sie zwar genehmigt, aber nur unter der Bedingung, dass keine Redner auftreten sollten, die von außerhalb Hessens kamen. Darüber setzten sich die Veranstalter hinweg, so dass es während der ganzen Woche zu massiven Beeinträchtigungen in Form von Kirchenabsperrungen und von Verhören und Verhaftungen sowohl auswärtiger deutscher (nicht jedoch solcher aus dem Ausland!) Redner als auch der an der Organisation beteiligten Pfarrer und Vikare kam. Barth war über diese Vorgänge durch einen die angekündigten freien Kirchenwahlen (s. unten, S. 735, Anm. 47) schon im Titel ironisch aufnehmenden Bericht im «Wahldienst der Vorläufigen Leitung der DEK», Nr. 18 vom 7.4.1937 📖; im Anhang zum «Wahldienst» (S. 6) findet sich ein «Nachtrag» zum Bericht über die Darmstädter Vorgänge, in dem es heißt: «Bei den Verhandlungen zwischen Pfarrern / Gestapo fiel von Seiten eines der leitenden Beamten der Gestapo die Äußerung: ‹Jetzt muß sich entscheiden, wem man gehorchen muß: dem Staat oder dem imaginären ‹Herrn›, von dem Sie reden.»↩
20
Seit der Antike sinngemäß bekanntes und in zahlreichen Sprachen verbreitetes Sprichwort; vgl. u. a. Fr. Schiller, Wilhelm Tell, erster Akt, zweite Szene (Zu Steinen in Schwyz) 📖: «Ihr seid auch Männer, wisset eure Axt / Zu führen, und dem Mutigen hilft Gott!»; G. Keller, Das Fähnlein der sieben Aufrechten, in: Sämtliche Werke in acht Bänden, Bd. 7, Berlin 1958, S. 241–311, dort S. 294f. 📖: «Schaut sie an, diese alten Sünder! Sämtlich stehen sie nicht im Geruche besonderer Heiligkeit! Spärlich sieht man einen von ihnen in der Kirche! Auf geistliche Dinge sind sie nicht wohl zu sprechen! Aber ich kann euch, liebe Eidgenossen! hier unter freiem Himmel etwas Seltsames anvertrauen: sooft das Vaterland in Gefahr ist, fangen sie ganz sachte an, an Gott zu glauben; erst jeder leis für sich, dann immer lauter, bis sich einer dem andern verrät und sie dann zusammen eine wunderliche Theologie treiben, deren erster und einziger Hauptsatz lautet: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!»↩
21
Näher erläutert ist diese Aussage in Prot.Theol., S. 20f. 📖: «Der Mensch des 18.  Jahrhunderts ist der Mensch, […] dem es in allen Konsequenzen klar wurde, was das bedeutete: dass […] seine, des Menschen große, reiche Erde, der Schauplatz seiner Taten, nicht der Mittelpunkt der Raumwelt, sondern in dieser Raumwelt ein Stäublein unter unzähligen anderen ist. […] Es ist paradox genug, dass es so war, aber es war so: […] Der Ersatz des geozentrischen wurde mit größter Selbstverständlichkeit das anthropozentrische Weltbild.»↩
22
Diesen zum geflügelten Wort des Wirtschaftsliberalismus gewordenen Satz verwendete Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg (1856–1921; im Amt von 1909–1917) in einer am 28. September 1916 vor dem Deutschen Reichstag gehaltenen Rede; vgl. Büchmann, S. 478 📖.↩
23
Anspielung auf Thomas Hobbes, der mit diesem Ausdruck («bellum omnium contra omnes»; De cive I,12 📖) den von ihm vermuteten Naturzustand der Menschheit beschrieb.↩
24
Barth, oder, was im Blick auf das Stichwort-Typoskript (s. Anm. g) auch möglich erscheint: der Schreiber des Stenogramms, auf dem der Druck beruht, verwechselt hier die Zahl der tatsächlich in den Reichstag gewählten Parteien mit der Zahl der zur Wahl angetretenen Parteien, die bei jeder Wahl und bei derselben Wahl auch in den verschiedenen Wahlbezirken unterschiedlich hoch war. Der Wahlzettel zur Novemberwahl 1932 aus dem Wahlkreis Berlin zählt beispielsweise 29 Parteien, die Listennummern reichen aber bis zu Nr. 36, von denen einige mit a) und b) doppelt vergeben sind (Abb.: Bundesarchiv Berlin, B 145, Bild-P046291); insgesamt dürften deutschlandweit also sogar noch mehr Parteien zur Wahl angetreten sein, von denen im Ergebnis 13 Parteien Sitze im Reichstag erringen konnten, während sich die Stimmenzahl aller übrigen auf zusammen 0,9% belief (Zahlen nach: E. Kolb, Die Weimarer Republik [Grundriß der Geschichte, Bd. 16], München / Wien 1984, S. 252f. 📖; vgl. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, hrsg. vom Statistischen Reichsamt, Jg. 52 [1933], S. 539 📖).↩
25
Zum theoretischen Fundament dieser Lehre vgl. bes. C. Schmitt, Die Wendung zum totalen Staat (1931), in: ders., Positionen und Begriffe im Kampf mit Weimar – Genf –Versailles. 1923–1939, Hamburg 1940, S. 146–157 📖; E. Forsthoff, Der totale Staat, Hamburg 1933 📖. Vgl. auch V.u.kl.A. 1930–1933, S. 362, Anm. 215 📖, sowie oben, S. 334f.↩
26
Zur Herkunft dieser Redewendung vgl. oben, S. 336, Anm. 48.↩
27
Zwischen Napoleon und Hitler gezogene Parallelen hatten in den 1930er Jahren mit positiver wie negativer Konnotation Hochkonjunktur; dabei wurde auch Napoleons «Unbedingtheit des ‹ganz oder gar nicht›» zum Vergleich mit Hitler herangezogen; vgl. B. Beßlich, Der deutsche Napoleon-Mythos. Literatur und Erinnerung 1800–1945, Darmstadt 2007, S. 399–435, Zitat dort S. 418 📖 mit Bezug auf W. Bley, Napoleon Bonaparte. Lebensroman eines Genies, Leipzig 1936. 📖 ↩
28
Zu dem von Barth bei Samuel Werenfels und der Vernünftigen Orthodoxie angesetzten Beginn dieser fehlgeleiteten Bibelexegese der protestantischen Theologie seit dem 18. Jahrhundert vgl. ausführlich oben, S. 400–447.↩
29
Vgl. oben, S. 437–440, wo Barth dies am Beispiel der Rolle der Vernunft in der Auslegung bei Samuel Werenfels demonstriert.↩
30
Am 24. März 1933 stimmten von den im deutschen Reichstag noch vertretenen Parteien – die Sitze der Kommunistischen Partei Deutschlands waren annulliert worden – nur die Sozialdemokraten gegen das «Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich» (sog. «Ermächtigungsgesetz»), das die Kontrolle der Regierung durch das Parlament außer Kraft setzte. Da keine der liberalen oder sonstigen bürgerlichen Parteien mit der SPD stimmte, erreichte das Gesetz die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Vgl. H.-U. Thamer, Verführung und Gewalt. Deutschland 1933–1945 (Die Deutschen und ihre Nation, Bd. 5), Berlin 1986, S. 272–281 📖.↩
31
In den offiziellen politischen Sprachgebrauch kam der Begriff durch Reichsjustizminister Franz Gürtner bei der Formulierung der Gesetze zur «Gleichschaltung der Länder mit dem Reich» vom 31.3. und 7.4.1933 (vgl. C. Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin / New York 1998, S. 277–280 📖). Vgl. oben, S. 346, Anm. 71.↩
32
Vgl. Punkt 24 des Partei-Programms der NSDAP von 1920 (Auszug: KTGQ V [1999], S. 71f., dort S. 72 📖): «Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden. Sie bekämpft den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns und ist überzeugt, daß eine dauernde Genesung unseres Volkes nur erfolgen kann von innen heraus auf der Grundlage: Gemeinnutz vor Eigennutz.»↩
33
Zu Barths Auseinandersetzung mit den «Deutschen Christen» und ihrer Lehre vgl. K. Barth, Theologische Existenz heute!, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 271–363, dort S. 320–330 📖; ders., Gegenthesen zu den Rengsdorfer Thesen, in: a.a.O., S. 558–566 📖. ↩
34
Schon 1933 schrieb Barth, «alle miteinander» seien einer Sache «erlegen», «die den Stempel der Verkehrtheit so deutlich auf der Stirn trägt, dass in einer gesunden Kirche schon ein Konfirmand hätte merken müssen, dass er da weder mit dem lutherischen noch mit dem Heidelberger Katechismus in der Hand nur eine Stunde dabei sein und unter irgend einem Vorwand mittun könnte» (Barth, Theologische Existenz heute! [Anm. 33], S. 333f. 📖).↩
35
Barth meint hier nicht zuletzt sich selbst. Vgl. etwa aus einem Bericht über eine Ausschuss-Sitzung in Bad Oeynhausen am 3. Januar 1935: «Heute morgen trat nun der theologische Ausschuss zusammen, um eine Grundlage für die nötigen geistig-geistlichen Unterbauungen der Bekenntnisfront, zunächst über den Problemkreis ‹Kirche-Staat› auszuarbeiten. Aber ach, da sind der Schwierigkeiten schon in diesem kleinen Kreis unzählige! Und mir fällt wiederum die Rolle des bösen Mannes zu, der für die spitzeste Form der Fragen eintritt» (Brief an Ch. von Kirschbaum vom 2.1.1935 [KBA 9272.139; Bw.Kirschbaum I, S. 409f. 📖]).↩
36
Gemeint ist Ludwig Müller (1883–1945), seit 1926 Wehrkreispfarrer in Königsberg, wo er Hitler 1927 persönlich kennengelernt hatte; vgl. Th. M. Schneider, Reichsbischof Ludwig Müller. Eine Untersuchung zu Leben, Werk und Persönlichkeit (AKIZ.B 19), Göttingen 1993, S. 81–83 📖. In das kirchenpolitische Geschehen des Jahres 1933 wurde er als «Vertrauensmann» Hitlers eingeführt (Gauger I, S. 74 📖; vgl. DKPDR 1, S. 42f. 📖).↩
37
Gemeint sind die Ereignisse im Gefolge der Kirchenwahlen vom Juli 1933, in denen die «Deutschen Christen» – von den Nationalsozialisten und am Vorabend der Wahl durch eine Rede von Hitler selbst massiv unterstützt – eine Zweidrittelmehrheit errangen. In der Mehrheit der Wahlkreise fand allerdings gar keine Wahl statt, sondern das erwartete Ergebnis (eine Zweidrittelmehrheit für die «Deutschen Christen») wurde bei einer einvernehmlich erstellten Liste einfach vorweggenommen. Infolge des Wahlergebnisses bildeten sich in den darauffolgenden Monaten auch die Synoden der Kirchenkreise und der Landeskirchen, darunter die Generalsynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union, entsprechend neu, bis zuletzt Ende September 1933 die Nationalsynode der neugegründeten Deutschen Evangelischen Kirche zusammentrat. Vgl. Scholder I, S. 565–570.585–626 📖; V.u.kl.A. 1930–1933, S. 392, Anm. 14, und S. 490, Anm. 15 📖.↩
38
Zur hier wohl gemeinten Gründung des Pfarrernotbundes am 11. September 1933 vgl. oben, S. 347, Anm. 75.↩
39
Gemeint ist der Vortrag, den Barth im Rahmen der Lutherfeierlichkeiten am 30. Oktober 1933 vor 1000 Zuhörern in der Berliner Singakademie hielt: K. Barth, Reformation als Entscheidung, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 516–552 📖; vgl. a.a.O., S. 548: «Sie [= alle, die dieser Bewegung nicht verfallen sind] haben, gestärkt durch das, was uns die Reformation gerade heute zu sagen hat, Widerstand zu leisten.»↩
40
Nicht zuletzt Barth selbst wurden – etwa in einer Stellungnahme des Vorsitzenden der Dienststrafkammer des Regierungsbezirks Köln zu dem Prozess um seine Dienstentlassung – politische Motive als maßgeblich unterstellt (vgl. V.u.kl.A. 1934–1935, S. 678 📖). Außer von deutschchristlich oder nationalsozialistisch orientierten Deutschen – vgl. dazu oben, S. 609, Anm. 40 – wurde eine solche Deutung aber auch in der Schweiz und im übrigen Ausland vertreten und Barth bzw. der Bekennenden Kirche entgegengehalten (vgl. etwa oben, S. 329 und S. 372f).↩
41
Barth berichtet 1934 von ähnlich gelagerten Urteilen, die insbesondere lutherisch-bischöfliche Kreise über die «reformierte Unruhe» in der «Bekenntniskirche» äußerten (K. Barth, Gedanken über die Lage, in: V.u.kl.A. 1934–1935, S. 579–609, dort S. 689) 📖.↩
42
In diesem Vorwurf traf sich ein breites Spektrum von Kritikern. Vgl. etwa E. Hirsch, Die gegenwärtige geistige Lage im Spiegel philosophischer und theologischer Besinnung. Akademische Vorlesungen zum Verständnis des deutschen Jahres 1933, Göttingen 1934, S. 132f. 📖: «Sind wir in Theologie und Kirche zu klein für diese Stunde, können wir uns nicht unter Preisgabe alles aus der Vergangenheit stammenden Vorurteils und alles Bedürfnisses nach Sicherung und Bürgschaft an das brausende Neue, an unser eigenes Volk in seiner lebendigen Bewegung, wagen, dann sind wir verworfen. […] ‹Wer die Hand an den Pflug leget und siehet zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.› Und das neue Deutschland kann so einen auch nicht brauchen.» – In eine ähnliche Richtung ging aber auch der Orthodoxie-Vorwurf, der aus Kreisen der Schweizer Liberalen an die Bekennende Kirche bzw. insonderheit an Barth gerichtet wurde (vgl. oben, S. 342, Anm. 64).↩
43
Zu August Jägers Wirken als «Rechtswalter» von April bis Oktober 1934 und der von ihm betriebenen «Eingliederungspolitik» vgl. oben, S. 357, Anm. 99 und 100.↩
44
Der am 27. September 1933 auf der Wittenberger Nationalsynode zum Reichsbischof gewählte Ludwig Müller war am 23. September 1934 im Berliner Dom offiziell in sein Amt eingeführt worden. Durch die Ereignisse rund um die Dahlemer Reichsbekenntnissynode im Oktober 1934 in seiner Autorität noch weiter als bisher beschädigt (vgl. V.u.kl.A. 1934–1935, S. 579–582 📖), wurde er durch die Kirchenausschusspolitik des im Sommer 1935 ernannten Reichskirchenministers faktisch entmachtet, auch wenn er formell bis 1945 im Amt blieb.↩
45
Zu den Auseinandersetzungen um das «Neuheidentum», insbesondere verkörpert in Alfred Rosenbergs Buch «Der Mythus des 20. Jahrhunderts», vgl. oben, S. 85, Anm. 46, und S. 362, Anm. 110. ↩
46
Zu den ab Herbst 1935 eingesetzten Kirchenausschüssen und dem Ende dieser Politik im Frühjahr 1937 vgl. oben, S. 221f. und S. 657, Anm. 24.↩
47
Es ist bezeichnend dafür, in welcher Art und Weise in diesen Jahren staatlicherseits Kirchenpolitik betrieben wurde, dass Reichskirchenminister Kerrl noch am 13. Februar 1937 in öffentlicher Rede vor den Vorsitzenden der Landes- und Provinzialkirchenausschüsse Pläne zu einer stärkeren staatlichen Aufsicht über die Kirche mit der eindeutigen Aussage verknüpfte: «Wahlen gibt es in absehbarer Zeit nicht» (DKPDR 3, S. 318–320, dort S. 319 📖). – Zwei Tage später notierte Joseph Goebbels in seinem Tagebuch, Kerrl habe mit seinen Ausführungen «einen furchtbaren Unsinn angerichtet»; und: «So kann man die Kirchenfrage nicht lösen, man schafft damit nur neue Märtyrer. Kerrl will die Kirche konservieren, wir wollen sie liquidieren» (a.a.O., S. 321). Am selben 15. Februar 1937 wurde der «Erlaß des Führers und Reichskanzlers über die Einberufung einer verfassunggebenden Generalsynode der Deutschen Evangelischen Kirche» veröffentlicht (GDEK.A, Jg. 5 [1937], S. 11 [Nr. 5 vom 25.3.1937] 📖): «Nachdem es dem Reichskirchenausschuß nicht gelungen ist, eine Einigung der kirchlichen Gruppen der Deutschen Evangelischen Kirche herbeizuführen, soll nunmehr die Kirche in voller Freiheit nach eigener Bestimmung des Kirchenvolkes sich selbst die neue Verfassung und damit eine neue Ordnung geben. Ich ermächtige daher den Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten, zu diesem Zwecke die Wahl einer Generalsynode vorzubereiten und die dazu erforderlichen Maßnahmen zu treffen.» – Vgl. zum Ganzen: Besier, S. 638–655 📖.↩
48
Die als «Reichstagswahlen» deklarierten Plebiszite vom 12. November 1933 und vom 29. März 1936 waren jeweils mit Abstimmungen über konkrete politische Schritte verknüpft (1933: Austritt aus dem Völkerbund; 1936: militärische Besetzung des Rheinlands). Für den Reichstag kandidierte jeweils nur noch eine Einheitsliste aus Kandidaten der NSDAP, die durch einige Parteilose ergänzt waren. So gab es auf den Wahlzetteln auch bloß die Möglichkeit, mit «Ja» zu stimmen. Die Ergebnisse waren entsprechend: 1933 stimmten 92,1% mit «Ja» (Wahlbeteiligung: 95,2%), 1936 – Juden durften nun nicht mehr wählen – waren es 98,8% (Wahlbeteiligung: 99%); vgl. zum Ganzen: H. A. Winkler, Der lange Weg nach Westen, Bd. 2: Deutsche Geschichte vom «Dritten Reich» bis zur Wiedervereinigung, München 2000, S. 30.50 📖.↩
49
Es ist schon angesichts der Äußerungen im Umfeld der Entscheidung für den Hitler-Erlass (s. Anm. 47) nicht unbedingt wahrscheinlich, dass eine ernsthafte Absicht, eine wirklich freie Wahl zu gestatten, jemals bestand. Jedenfalls gelang Hitler mit dem Erlass ein politischer Coup, der ihm Anerkennung in kirchlichen Kreisen des Auslands brachte und in deutschen kirchlichen Kreisen das Vorurteil nochmals stützte, er selbst habe mit kirchenfeindlichen Aktionen der vergangenen Jahre nichts im Sinn gehabt und stehe nach wie vor für ein konstruktives Verhältnis von Kirche und nationalsozialistischem Staat. Als sich im Verlauf der kommenden Monate, die von einer starken Zunahme der zudem härter werdenden Repressalien gegen Bekenntnispfarrer geprägt waren, abzeichnete, dass aufgrund des starken Widerstandes der Bekennenden Kirche auch neue Wahlen keine Beruhigung der Lage in der evangelischen Kirche bringen würden, gab Hitler und gaben die zuständigen staatlichen Stellen mit ihm die ohnehin nur halbherzig behandelte Angelegenheit ganz auf. Im November 1937 wurden die Wahlen abgesagt. Vgl. zu ersten Auseinandersetzungen um die Durchführung der Wahlen Besier, S. 641–655 📖; insgesamt: Chr. Strohm, Die Kirchen im Dritten Reich, München 2011, S. 76 📖.↩
50
Zu dieser Anspielung auf die Haltung besonders Friedrich von Bodelschwinghs vgl. oben, S. 350, Anm. 85.↩
51
Vgl. schon Barths Mahnung nach der Bildung der VKL I im November 1934, in: Barth, Gedanken (Anm. 41), S. 605 📖: «Es darf nicht so sein, dass im Bruderrat drei Gruppen sind, mit der milden Mitte Preußen. Denn das wäre der sicherste Weg zum Kirchenschlaf. Es würde dann nie etwas Radikales und Ernsthaftes geschehen. Von daher, wo wir früher standen, müssen die Preußen einen kalten Wind fühlen. Sie sollten keine Möglichkeit haben, sich einmal links und einmal rechts anzuschließen. Jetzt hat diese Mitte die Verantwortung.»↩
52
Bis 1937 hatten sich faschistische oder faschistischen Ideen nahestehende autoritäre Regime in folgenden europäischen Ländern etabliert: Italien (1922); Polen (1926), Litauen (1926), Portugal (1926/33), Ungarn (1932), Deutschland (1933), Österreich (1933/34), Spanien (1936/39); stärkere faschistische Bewegungen, die ebenfalls als Teil der angesprochenen Welle gesehen werden können, obwohl sie nicht an die Macht gelangten, gab es aber auch in nahezu allen anderen europäischen Staaten.↩
53
Die Herkunft dieser Aussage konnte nicht ermittelt werden. – Mit der «Frontenbewegung» («Frontisten») gab es auch in der Schweiz eine faschistische Gruppierung, die ab 1930 verstärkt auf die politische Bühne drängte. Allerdings kam sie über einen einzigen Nationalratssitz des Vorsitzenden der zur Frontenbewegung gehörenden «Nationalen Front», Robert Tobler (1901–1962), den dieser 1935–1938 innehatte, nicht hinaus. Vgl. insgesamt: W. Wolf, Faschismus in der Schweiz. Die Geschichte der Frontenbewegung in der deutschen Schweiz, 1930–1945, Zürich 1969 📖.↩
54
Ein genauer Beleg war nicht ermittelbar. – Die Rede von «Arbeiterfäusten», die der jeweilige Gegner zu spüren bekäme, war jedoch unter Kommunisten und Sozialisten, aber auch in der nationalsozialistischen Propaganda durchaus verbreitet. Vgl. z. B. N. N., Belagerungszustand in Moabit, in: Sozialistische Arbeiter-Zeitung. Zentralorgan der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, Nr. 142, 24.6.1932, S. 2 📖: «Die Provokationen der Nazis mit ihren neuen Uniformen im Arbeiterviertel waren der Anstoß zu dem Aufbegehren in der Arbeiterbewegung. Arbeiterfäuste bewiesen den Kapitalsknechten, daß auch einmal die Geduld von Proletariern ein Ende hat.» Ähnlich C. Zerche, Heinz Thomas fährt ins Dritte Reich, in: Metallarbeiterjugend. Wochenblatt des Deutschen Metallarbeiterverbandes, Jg. 12 (1931), Nr. 23, 6.6.1931, S. 158f. 📖: Zerche erzählt darin, wie eine Gruppe älterer Arbeiter vom sozialdemokratischen «Selbstschutz» nach der 1. Mai-Feier mit einer «Kolonne Braunhemden» zusammentrifft, die «provokatorisch den Arbeitern den Weg vertraten»: «Es war dunkel und infolge der Übermacht wurden die Hakenkreuzler frech. Die kleine Gruppe Arbeiter wehrte sich tapfer und die nationalsozialistischen Jungens bekamen harte Arbeiterfäuste zu spüren.» Später fällt ein Schuss, und der ihn Abgebende, der erstmals bei den «Braunhemden» mitmarschierte, hatte damit seinen Vater erschossen.↩
55
Die Formulierung erinnert an Fr. Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen (ders., Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999), S. 300 (vierter und letzter Theil, Der Nothschrei) 📖: «Und wie er schnell um sich blickte und aufstand, siehe, da stand der Wahrsager neben ihm, der selbe, den er einstmals an seinem Tische gespeist und getränkt hatte, der Verkündiger der grossen Müdigkeit, welcher lehrte: ‹Alles ist gleich, es lohnt sich Nichts, Welt ist ohne Sinn, Wissen würgt.›»↩