Dieser Artikel ist der dritte von insgesamt fünf, mit denen Barth zwischen 1935 und 1939 Jahr für Jahr die Leser des «Zwingli-Kalenders» über den Fortgang des Deutschen Kirchenkampfes informierte.1
Wie in den vorangehenden beiden Jahren hatte sich Adolf Maurer, der Herausgeber des Kalenders, auch im Frühjahr 1937 an Barth gewandt und um einen erneuten Beitrag für den Kalender des Jahres 1938 gebeten. Die gewisse Selbstverständlichkeit, die sich inzwischen eingestellt hatte, zeigt sich in der Kürze von Maurers Anfrage: «Gerne erwarte ich wieder einen Beitrag über die deutschen Kirchenverhältnisse und was daraus für unsere Kirche zu lernen ist. Wenn Sie mir den Artikel bis Ende, noch lieber bis Mitte Mai schicken können, bin ich recht dankbar.»2 Barth schrieb den Artikel – diesmal anders als in den Jahren zuvor pünktlich – am Pfingstmontag, dem 17. Mai 1937.3
Die erste erhaltene Version des Textes ist ein Typoskript, das wenige handschriftliche Korrekturen und Ergänzungen Barths aufweist,4 die im Erstdruck: K. Barth, Die deutsche Bekenntniskirche 1936/37, in:
Zwingli-Kalender 1938, hrsg. von einem Kreis zürcherischer Pfarrer, Basel 1937, S. 36–39
📖, enthalten sind. Ein Wiederabdruck des Textes erfolgte in: Karl Barth zum Kirchenkampf. Beteiligung – Mahnung – Zuspruch (ThExh.NF 49), München 1956, S. 46–50
📖.
744 Grundlage der Edition ist der Erstdruck im Zwingli-Kalender, Abweichungen gegenüber dem Typoskript sind im textkritischen Apparat ausgewiesen.
Die Kirchenkampfereignisse, die im nur wenige Wochen zuvor gehaltenen Vortrag Der deutsche Kirchenkampf bzw. im Aufsatz Der Kampf gegen die evangelische Kirche in Deutschland von Januar 1937 auch schon eine Rolle spielen,5 sind nicht erneut belegt.
Die deutsche Bekenntniskirche 1936/37
Man darf auch im Rückblick auf dieses letzte Jahr ohne falschen Optimismus sagen, dass die Ereignisse auf dem kirchlichen Kriegsschauplatz unseres nördlichen Nachbarlandes sich weiterhin zum Besseren entwickelt haben. Der äußere Druck, unter dem die Kirche steht, ist allerdings noch stärker geworden, die heidnische Propaganda («Schwarzes Korps»,6 Ludendorff7 usw.) noch intensiver, die Haltung des radikalen Flügels der «Deutschen Christen» (Thüringer Richtung,8 Prof. Hirsch in Göttingen9 usw.) noch radikaler, die polizeili|745chen Eingriffe und Angriffe noch häufiger und auffallender (Schließung der Theologischen a-Schulen in Elberfeld und Berlin-a,10 Verbot der «Evangelischen Wochen»11 usw.), die Bedrängnis in den Gemeinden und Pfarrhäusern infolgedessen noch größer – und noch größer darum auch der nachgerade bedenklich gewordene Verbrauch an Nervenkraft und die damit verbundenen Gefahren der Ermüdung einerseits und der Überreizung andererseits. Aber hinter und trotz dieser dem Ausland weithin allein sichtbaren Außenseite hatb sich eine Reihe von Dingen zugetragen oder angebahnt, die darauf hin|746weisen, dass es eine gute Sache ist, in der Weise immer mehr auf das Wort Gottes ganz allein zurückgeworfen zu werden, wie es unseren evangelischen (und mit ihnen vielleicht weithin auch unseren katholischen!12) Mitchristen im heutigen Deutschland in diesen Jahren widerfahren ist und noch widerfährt.
Es wurde im letztjährigen Zwingli-Kalender berichtet, wie die Bekenntniskirche im Herbst 1935 in Versuchung geführt wurde durch die Errichtung neutraler «Kirchenausschüsse», durch die jene als eine «Gruppe» mit den den evangelischen Glauben verleugnenden «Deutschen Christen» unter einen Hut gebracht werden sollte und durch deren Vermittlung der Staat aufs Neue seine Hand auch auf die inneren Angelegenheiten der Kirche zu legen gedachte. Es konnte aber auch bereits davon berichtet werden, wie die Bekenntniskirche sich auf der Reichssynode von Oeynhausen gegen dieses Unternehmen zur Wehr setzte.13 Die damals eingesetzte neue (bemerkenswert tüchtig arbeitende) «Vorläufige Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche»14
hatte mit den schwersten äußeren und besonders inneren Hemmungen zu kämpfen, um den Oeynhausener Beschlüssen auch nur einigermaßen Nachachtung und Wir37kung zu verschaffen. Wieder erwies sich insbesondere die leidige «Kantönli-Politik»15 der Lutheraner außerhalb der preußischen Unionskirche als ein schwerer Hemmschuh. Die Kompromissversuche und Querschläger, die von dieser Seite den unvermeidlichen Lauf der Dinge aufhielten, können |747 hier unerwähnt bleiben. Dennoch: die Kirchenausschüsse haben sich tatsächlich keine Autorität zu verschaffen gewusst. Ihre Spitze: der Reichskirchenausschuss unter Führung von Dr. Zöllner musste seinen Auftrag am 12. Februar 1937, ein Jahr nach der Oeynhausener Synode, in die Hände des Kirchenministers Kerrl c-zurücklegen.16 Das ganze System der Kirchenausschüsse war damit in seiner Grundlage erschüttert und nach einigem Hin und Her sind jetzt – in der zweiten Hälfte des Juni – auch die Reste dieser einst so gefährlichen (oder im Urteil anderer: so verheißungsvollen) Zwischenlösung vom Schauplatz verschwunden-c. Dieser Angriff dürfte abgeschlagen sein.
d-Die neue Leitung der Bekenntniskirche hatte aber schon im Sommer 1936-d gezeigt, dass sie nicht willens sei, die passive Haltung ihrer |748 Vorgänger gegenüber der staatlichen Vergewaltigung der Kirche und auch gegenüber der allgemeinen Gestaltung der deutschen Angelegenheiten fortzusetzen. Sie wandte sich nämlich in einer direkten Eingabe an Adolf Hitler selbst, in welcher sie nicht nur (zum ersten Mal ohne alles Ja-Aber!) den Protest der Kirche hinsichtlich all der Behinderung ihrer eigenen Existenz und Tätigkeit, sondern darüber hinaus (in dieser Weise ebenfalls zum ersten Mal!) auch die christliche Anklage gegen die im Dritten Reich zum System gewordenen allgemeinen Verletzungen des Rechtes und der Menschlichkeit offen zur Aussprache brachte.18 Unzählige auch in Deutschland selbst hatten längst auf ein solches Wort gewartet. Es kam spät, aber es kam. Man wird der Bekenntniskirche – so sehr man vielleicht von der sicheren Schweiz aus auch jetzt noch kräftigere Töne gewünscht hätte – in Zukunft nicht mehr einfach vorhalten können, dass sie in dieser Sache geschwiegen habe. Der Erfolg zeigte die ganze Finsternis der Lage. Ese ist unbekannt, ob diese Eingabe den «Führer» jemals auch nur äußerlich erreicht hat. Und es ist vor allem unbekannt, auf welchem Weg diese Eingabe an die europäische Öffentlichkeit gedrungen ist. Der Bürochef der «Vorläufigen Kirchenleitung», der ehemalige Landgerichtsdirektor Dr. Weißler hat dies Letztere jedenfalls mit dem Leben bezahlen müssen. Er wurde unter der Anschuldigung, jene Veröffentlichung veranlasst zu haben, festgenommen. Ein Beweis dafür ist nicht erbracht, ein Prozess ist ihm überhaupt nicht gemacht worden. |749 Er ist aber am 19. Februar 1937 im Konzentrationslager Oranienburg ermordet worden, wobei wie üblich als Todesursache «Selbstmord»
angegeben wurde. Weißler war ein getaufter Jude. Es ist schmerzlich, aber wahr, dass die lutherischen Landeskirchenleitungen auch in dieser Sache keine größere Sorge kannten als die, sich von der so «kompromittierten» Berliner Führung der Bekenntniskirche möglichst zu «distanzieren».19
Einen weiteren Fortschritt zum Guten in anderer Richtung bedeuten die Beschlüsse der Anfang Mai 1937 in Halle a. Saale abgehaltenen Preußischen Synode.20 Diese bildete äußerlich die Fortsetzung der kurz vor Weihnacht 1936 abgehaltenen Synode von Breslau, auf welcher die Kirche beschloss, angesichts der unmöglichen Zustände an den deutschen theologischen Fakultäten die Ausbildung ihres theologischen Nachwuchses in Zukunft grundsätzlich in ihre eigenen Hände zu nehmen.21 In Halle nun beschäftigte man sich mit einer alten, aber gerade in der auch sonst so stürmischen Gegenwart bren|750nend gewordenen Sorge der preußischen Kirche, nämlich mit der Frage der in ihr seit dem Jahr 1817 ziemlich voreilig und oberflächlich vereinigten Konfessionen:22 der «lutherischen» und der «reformierten», neben denen eine «unierte» mit der Zeit den Charakter einer Art dritter Konfession bekommen hatte: ein lehrreiches Beispiel dafür, wie falsch vollzogene Friedensschlüsse den Streit nur zu mehren pflegen! Was können diese Trennungen heute – und was können sie heute nicht bedeuten? Es bedurfte des gegenwärtigen Kirchenstreites, um der auch auf diesem Gebiet herrschenden Unordnung und Unsicherheit zum ersten Mal eine klare Erkenntnis und ein klares Bekenntnis entgegenzustellen. Die Synode von Halle ging aus von der Tatsache, dass die preußischen Lutheraner,
Reformierten und Unierten in den vergangenen Jahren faktisch als eine Kirche geglaubt und bekannt, gelitten und gestritten haben. Sie bestätigte diese Tatsache: von zwei verschiedenen Kirchen soll hinfort in Preußen zwischen Lutheranern und Reformierten nicht mehr die Rede, es 38 soll insbesondere die volle Abendmahlsgemeinschaft zwischen den beiden oder zwischen den drei Teilen – trotz der verschiedenen f-
Lehre über-f das Abendmahl – von jetzt an als rechtmäßig und notwendig gelten.23 Trotz verschiedener Lehre! Die verschiedenen alten Bekenntnisse treten nämlich da, wo sie bis jetzt Geltung gehabt haben, nicht etwa außer Kraft; im Gegenteil, die Gemeinden werden eingeladen, sich, soweit das möglich ist, für den einen oder anderen «Bekenntnisstand» (praktisch: für den lutherischen oder für den heidelbergischen Katechismus) zu entscheiden und sich damit so oder so in ein bestimmtes Verhältnis zur |751 Reformation und unter eine bestimmte Ordnung der bei ihnen gültigen Lehre zu stellen. Es soll aber der teilweise Widerspruch dieser Lehren nicht mehr als ein die Kirche spaltender Widerstreit verstanden werden, sondern es soll an seiner Behebung unter Voraussetzung des gemeinsamen Glaubens und also im Frieden weitergearbeitet werden.24 Es wird wohl so sein, dass die (leider zunächst noch nicht auf ganz Deutschland, sondern nur auf Preußen sich erstreckenden) Beschlüsse dieser Synode bei uns in der Schweiz besonders sympathische Begrüßung finden werden. Wir denken ja daran, dass auch wir, wie die Preußen von 1817–1937, in einer Kirche leben, in welcher Gegensätze möglich und wirklich sind, die ihren Charakter als Kirche mehr als zweifelhaft machen.25 Eine Nutzanwendung könnte sich nahelegen. Sollte ein Weg wie der in Halle gegangene nicht auch uns geboten sein? In der Tat: die hallischen Beschlüsse sind in ihrer Art ebenso allgemein wichtig und bedeutsam wie das gemeinsame Glaubensbekenntnis gegenüber den Irrtümern der Zeit, das vor drei Jahren in Barmen gefunden und ausgesprochen wurde.26 Man übersehe nur diese Reihenfolge nicht: zuerst musste dieses gemeinsame Glaubensbekenntnis kommen, dann und daraufhin die Einigung in der Freiheit, die Freiheit in der Einigung. Einen anderen Weg zum kirchlichen Frieden wird es auch für uns in der Schweiz bestimmt nicht geben.
Ein Moment der deutschen Kirchengeschichte des Jahres 1936/37, das hier auch nicht übergangen werden darf, besteht darin, dass die evangelische Kirche sich in dieser Zeit freiwillig oder unfreiwillig ihrer Nachbarschaft mit der in anderer, aber im Effekt ähnlicher Bedrängnis befindlichen römisch-katholischen Kirche mehr als einmal sehr deutlich bewusst werden musste. Dass die «Klosterprozesse», mit denen das nationalsozialistische System der katholischen Kirche |752 beizukommen sucht,27 ein Unfug sind, der nur allzu sehr an das «Haltet den Dieb!» des Reichstagsbrandprozesses von 193328 erinnert, darüber dürften auch evangelische Christen kaum im Zweifel sein. Aber wir betreten hier heißen Boden: man kann nämlich wohl fragen: ob der Katholizismus sich nicht mit gewissen Grundideen eines
natio|753nalsozialistischen Christentums sehr wohl hätte abfinden und sogar befreunden können, wären sie nur mit etwas mehr Mäßigung und Besonnenheit vorgetragen worden – Grundideen, auf die sich die evangelische Kirche doch auch dann, wenn die Gegenseite es nicht so toll getrieben hätte, unter keinen Umständen hätte einlassen dürfen? Aber wie dem auch sei: tatsächlich ist heute in Deutschland auch der Katholizismus höchst grundsätzlich angegriffen, in die Abwehrstellung und in eine gemeinsame Front mit der evangelischen Bekenntniskirche gedrängt, was in der am Palmsonntag 1937 von allen katholischen Kanzeln verlesenen päpstlichen Enzyklika insofern einen merkwürdigen Ausdruck fand, als diese bei aller Abweichung in weiten Partien merkwürdig an die entscheidenden Sätze erinnerte, für die die Bekenntniskirche nun in allen diesen Jahren gefochten hat.29 Die Gemeinsamkeit des christlichen Bekenntnisses zu Jesus Christus als dem Sohne Gottes ist denn auch von dem besonders ehrenwerten und tapferen Bischof Graf Galen30 in Münster in Westfalen in einer öffentlichen Ansprache ausdrücklich festgestellt worden.31 Man wird gut |754 tun, in dieser Angelegenheit «zu warten und zu sehen», wie der Engländer sagt.32 Denng die Tatsachen müssen auch hier das Recht haben, zunächst für sich selber zu reden.
Als der Reichskirchenausschuss zurücktrat, da war der Kirchenminister Kerrl tatsächlichh schon im Sprung zur Einführung einer staatskirchlichen Diktatur, die dann unvermeidlich eine allgemeine Verfolgung ausgelöst hätte. Es ist in diesem Fall wie in einigen früheren nicht sichtbar geworden, welche Ereignisse oder Verhältnisse die scheinbar unaufhaltsame Entwicklung verhindert oder vielmehr in andere Richtung gelenkt haben. Kurz, es geschah, dass im letzten Augenblick der «Führer» selber eingriff mit der Ankündigung neuer, |755 garantiert «freier» Wahlen für eine künftige Generalsynode.33 Niemand, wirklich niemand (und vielleicht nicht einmal er selbst!) weiß, wie er sich das angesichts der nun einmal schon gefal39lenen kirchlichen Entscheidungen und Scheidungen nun eigentlich gedacht hat. Vielleicht werden wir schon zur Zeit des Erscheinens dieses Kalenders auch in dieser Hinsicht klüger sein. Vielleicht wenigstens übers Jahr um diese Zeit. Vielleicht auch dann nicht. Vorderhand ist jedenfalls nach dieser Ankündigung, zu der ein authentischer Kommentar nie gegeben wurde, alles wieder seltsam still geworden. Noch einmal muss hier geklagt werden: auch in dieser gefährlichen Situation haben i-die lutherischen Landeskirchen – ohne Erfolg freilich – in nicht eben schöner Weise ihre gewohnten Sonderwege zu gehen-i versucht.34 Das ist sicher (die Stellung der Bekenntniskirche ist seither innerlich und auch äußerlich so weit erstarkt, dass man die kleine Prophezeiung mit den selbstverständlich nötigen Vorbehalten wagen darf): zu einem |756 Kompromiss hinsichtlich ihrer grundsätzlichen und praktischen Verneinung der Zugehörigkeit des «Deutschen Christentums» zur evangelischen Kirche werden sich die Führer und die Gemeinden der bekennenden Kirche auch angesichts einer bei dieser «freien» Wahl etwa zustande zu bringenden «erdrückenden Mehrheit» nicht bereit finden. Was dann geschehen wird, weiß Gott. Es ist doch auch damit zu rechnen, dass diese «freie» Wahl überhaupt nie stattfinden wird.35
Damit aber ist nicht zu rechnen, auch wenn die Finsternis noch einmal viel größer werden sollte, dass unsere evangelischen Brüder in Deutschland von Dem im Stich gelassen werden könnten, auf den sie ihre Zuversicht immer mehr ganz allein setzen müssen und setzen dürfen.