1937

Der Kampf gegen die evangelische Kirche in Deutschland

651

DER KAMPF GEGEN DIE EVANGELISCHE KIRCHE
IN DEUTSCHLAND

1937

Mit diesem Anfang Januar 1937 geschriebenen Text, den er an verschiedene Zeitungen schickte, reagierte Barth auf die im Spätherbst 1936 erkennbare Verschärfung der staatlichen Maßnahmen gegen die Bekennende Kirche.

An verschiedenen der in Barths Ausführungen erwähnten Maßnahmen, die überwiegend gegen die Bekennende Kirche gerichtet waren und deren Höhepunkt die am 14. Dezember 1936 erfolgte Schließung der Theologischen Schule in Elberfeld markierte, wurde spätestens seit November 1936 erkennbar, dass sich die im Sommer ausgesprochene Befürchtung, die staatliche Zurückhaltung im Kirchenkampf werde nach dem Abschluss der Olympischen Sommerspiele in Berlin im August 1936 ein Ende finden,1 zu bewahrheiten begann.

Seine am 8. Januar 1937 beendete Stellungnahme2 zu diesen Vorgängen schickte Barth an die «Basler Nachrichten», die für einen Abdruck aber diesmal nicht zu gewinnen waren,3 und über Leonard Cutts an die «British Weekly». Ihm lag «an der Veröffentlichung dieses Artikels in der Presse, weil die Lage in Deutschland sich sehr zuspitzt und weil es der einzige Dienst an der dortigen Kirche ist, den wir vom Ausland her zu leisten imstande sind, wenn wir die Öffentlichkeit über die Vorgänge aufklären».4 In der «British Weekly», die am 31. Dezem|652ber 1936 bereits Barths Vortrag Die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes veröffentlicht hatte,5 erschien dieser neue Artikel in zwei Teilen: K. Barth, The Fight against the Evangelical Church in Germany, in: British Weekly. A journal of social and christian progress, Vol. 111, 28.1.1937, p. 411 📖; 4.2.1937, p. 426. – Im Weiteren gelang es zudem, über den befreundeten Arthur Frey einen Abdruck in der auch sonst kritisch über das nationalsozialistische Deutschland berichtenden «Neuen Zürcher Zeitung»6 zu erreichen: K. Barth, Der Kampf gegen die evangelische Kirche in Deutschland, in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 158, Nr. 264, 14.2.1937 (Erste Sonntagausgabe), S. 1; Nr. 275, 15.2.1937 (Mittagausgabe), S. 1. 📖

A. Frey war mit der Resonanz auf Barths Artikel sehr zufrieden und schrieb ihm: «Wie ich beobachten konnte, sind Ihre Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung sehr stark beachtet worden. […] Ich glaube sagen zu dürfen, dass Ihnen auch in Zukunft die Neue Zürcher Zeitung als Sprachrohr zur Verfügung steht.»7

Es gab aber auch kritische Stimmen. Der eben emeritierte Basler Pfarrer August Waldburger8 etwa schrieb, er sei, weil Barths «Greuelnachricht» so «verhetzend» wirke, «von ganz verschiedenen Seiten aufgefordert worden», das «Nötige» zu sagen «zur Richtigstellung im einzelnen und zur Demaskierung des ganzen Hetzfeldzugs». Es sei nun «an der Zeit […], einmal die ganze Kampagne darzustellen, die seit langem auf die Schweiz losgelassen wird, um sie in möglichst gereizte Stimmung gegen Deutschland zu treiben».9

Schon am 31. Januar 1937, in Kenntnis nur des ersten Teils des Abdrucks, hatte Hermann Sasse10 sich an die Herausgeber der «British |653 Weekly» gewandt und besonders Barths negative Darstellung («absurd representation») der Rolle der Bischöfe der «intakten» Landeskirchen kritisiert. Diese, so Sasse, beruhe zum einen auf Barths Unwissen um deren tatsächliche aktuelle Situation, zum anderen spräche daraus Barths alte Abneigung gegen diese Bischöfe und ihren Kurs, der es ermöglicht habe, dass ihre Landeskirchen «intakt» geblieben seien.11

Vom Text sind zwei identische Typoskript-Fassungen erhalten, die je als «Abschrift» gekennzeichnet sind (Tskr. A).12 Ein weiteres Typoskript ist textidentisch, wurde jedoch mit einer anderen Schreibmaschine geschrieben (Tskr. B).13 Darüber hinaus existiert eine Rückübersetzung des Abdrucks in «British Weekly».14

Beide zeitgenössischen Veröffentlichungen des Textes erschienen in zwei Teilen. In der englischen Übersetzung, in die von der Redaktion Zwischenüberschriften eingetragen wurden, erfolgte dies weitgehend kommentarlos, angezeigt lediglich durch die Hinweise «To be concluded next week» bzw. «Concluded»; im Abdruck in der «Neuen Zürcher Zeitung», der auch sonst einige leichte sprachliche Korrektu|654ren und Veränderungen aufweist, ergänzte die Redaktion einen auf den Schluss des ersten Teiles rückblickenden Absatz. Die weiteren Abweichungen, die sich gegenüber den Typoskripten sowohl im Abdruck in der «Neuen Zürcher Zeitung» als auch in der «British Weekly» finden, ergeben ein uneinheitliches Bild. Teils lassen sie sich – vor allem am Ende – als der Überlänge des schon zweigeteilten Artikels geschuldete Kürzung erklären,15 teils glätten sie Barths Schreibstil;16 an zwei Stellen aber weisen sie übereinstimmende Abweichungen auf, die sich eigentlich nur durch die Existenz einer anderen, nicht erhaltenen Vorlage oder durch entsprechende Korrekturen an den verschickten Typoskript-Exemplaren erklären lassen.17

Erneut veröffentlicht wurde der Text in: Karl Barth zum Kirchenkampf. Beteiligung – Mahnung – Zuspruch (ThExH.NF 49), München 1956, S. 39–46. 📖 Diese Veröffentlichung beruht auf den vorliegenden Typoskripten und bildet die Grundlage dieser Edition; auf sie bezieht sich auch die eingefügte Originalpaginierung. Die Differenzen zu den Typoskripten und zum Abdruck in der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) sind nur ausgewiesen, soweit es sich nicht lediglich um solche Unterschiede handelt, die auf die benutzten Drucktypen zurückzuführen sind (z. B. die Verwendung von «ß» oder «ss»). Nicht ausgewiesen sind ebenfalls die zahlreichen nur im Abdruck in der «Neuen Zürcher Zeitung» enthaltenen Hervorhebungen.

Der Kampf gegen die evangelische Kirche in Deutschlanda

Es ist an der Zeit und es besteht Anlass, zu dieser Sache, die, für die meisten von uns hinter den Nebeln unzureichender und wohl auch |655 irreführender Unterrichtung verborgen, ihren konse40quenten Lauf nimmt, wieder einmal ein Wort zu sagen. Ich tue es in Form eines kurzen Kommentars zu den letzten Mitteilungen, die durch die Presse gegangen sind.

Es ist in der Tat an dem, dass Staat, Partei und Geheimpolizei des Dritten Reiches ungefähr seit dem Herbst des vergangenen Jahres zu einem neuen, offenkundig einheitlich inspirierten und dirigierten Angriff gegen die evangelische Kirche angetreten sind. Dass erb in erster Linie die sogenannte Bekenntniskirche trifft – unter der selbst wieder eine sehr vielfache Staffelung der zum Widerstand Entschlossenen zu verstehen ist – und in erster Linie von ihr erlitten und abgewehrt werden muss, darf doch nicht übersehen lassen, wie sehr er aufs Ganze geht: in der Weise, dass über kurz oder lang nicht nur die seinerzeit vom Staat selbst eingesetzten Zoellnerschen Kirchenausschüsse,18 nicht nur die immer noch optimistischenc lutherischen Bischöfe von Bayern, Württemberg etc.d samt ihren «intakten» Landeskirchen,19 sondern auch die Gutgläubigen und Aufrichtigen in der breiten Masse der Vermittler aller Sorten, aber auch in den Reihen der rechtsstehenden «Deutschen Christen» (etwa Rehmscher Observanz20) auch von ihren bisher nicht oder wenig «bekenntnismäßigen» |656 Standpunkten aus kaum mehr werden leugnen können, dass die Sache von einem Kampf gegen die Kirche als solche und ihre Substanz, wie er mit anderen Methoden in Russland geführt wurde und geführt wird,21 grundsätzlich nicht mehr zu unterscheiden ist. Die in den letzten Monaten immer plastischer gewordene deutsche bzw. nationalsozialistische Methode ist diese:

1. Man (gemeint ist das völlig unentwirrbare Ineinander von Staat, Partei und Geheimpolizei, das in Deutschland im Besitz der öffentlichen Gewalt ist) wahrt zunächst den Schein einer Haltung der offiziellen Duldung, ja Anerkennung, ja Fürsorge gegenüber dem kirchlichen Apparat als solchem. Heißt es im Programm der NSDAP nicht nach wie vor, vertrauenerweckend für alle Harmlosen, dass die Partei auf dem Boden des «Positiven Christentums» stehe?22 Man wird im kritischen Fall – wenn etwa ausländische Instanzen sich unangenehm bemerkbar machen sollten – in der Lage sein, auf diesen Schein zurückzukommen, und wird in der Ferne, aber doch auch in Deutschland selbst bei Unzähligen – bei allen nach Frieden wenigstens auf diesem Gebiet Begehrenden, bei allen Ordnungsfreunden um jeden Preis – leicht den Eindruck erwecken, dass alles Nötige und Vernünftige oder dass wenigstens nichts offenkundig Böses geschehe. Auf dieser Linie und in Wahrung dieses Scheins wurde vor dreizehn Monaten das Kirchenministerium Kerrl und wurden die Zoellnerschen |657 Ausschüsse bestellt: «zur Befriedung» der Kirche, wie es damals hieß.23 Das Resultat ist heute am Tage: Wo diese Ausschüsse ausnahmsweise – dank der braven Leute, die, wie Zoellner selbst, kurzsichtig genug waren, sich zu dieser Sache herzugeben – einmal etwas Ernsthaftes wollten und anstrebten, da ist ihnen der Kirchenminister e-jedes Mal-e hindernd 41 in den Arm gefallen.24 Wohl aber ist es ihnen |658 (f-ist es durch sie-f der öffentlichen Gewalt!) gelungen, wenigstens zeitweise und teilweise einige Verwirrung in die Reihen der Bekenntniskirche zu tragen, allen Geistern der Trägheit und des Opportunismusg neues Leben einzuhauchen und vor allem: der ganzen nationalsozialistischen Kirchenpolitik dem Inland und dem Ausland gegenüber ein überaus anständiges, um nicht zu sagen ehrwürdiges Gesicht zu geben: ein Gesicht, auf das auch so und so viele Schweizer aufs schönste hereingefallen sind. Man verlasse sich darauf: dieses und nicht die «Befriedung» war von Anfang an der Zweck dieser Übung, an deren Stelle, wenn sie einmal verbraucht sein sollte, eine andere ähnliche zu setzen man bestimmt nicht in Verlegenheit sein wird.

2. Man enthält sich auch im Einzelnen tunlichst aller schreienden Gewalttaten. Niemand wird erschossen. Verhältnismäßig wenige werden abgesetzt, ausgewiesen oder gar eingesperrt.25 Auf russische oder spanische Schreckensnachrichten26 soll der ausländische Zei|659tungsleser umsonst warten und also weiterschlafen. Man tut aber Folgendes: Man beseitigt auch noch die letzten der Bekenntniskirche gelassenen legitimen Presse- und Versammlungsfreiheiten. Man schnürt aber auch die Bewegungs-, Verkehrs- und Äußerungsmöglichkeiten der übrigen kirchlichen Instanzen und Gruppen (mit Einschluss des vom Staat selbst eingesetzten Reichskirchenausschusses!) in dem Maßeh ein, als sie etwa doch noch irgendwelche Regungen kirchlicher Verantwortlichkeit verraten sollten. Man verbietet in Lübecki sogar Marahrens, man verbietet in Erfurt sogar Meiser, das Wort zu ergreifen.27 Und dann – nachdem die Parteienj mittels des geheimpolizeili|660chen Zauberwortes «Zum Schutz von Staat und Volk!»28 nach Möglichkeit ungleich gemacht sind –, dann eröffnet man (zuständig wird nun das Reichspropaganda-Ministerium) ein wahres Trommelfeuer von literarischen und rhetorischen Verdächtigungen, Anklagen, Beschimpfungen – nun eben gegen das, was das Leben der Kirche ausmacht, auch wenn diese selber noch so sehr dem Irrglauben und Aberglauben verfallen sein sollte, geschweige denn, wenn sie bewusste, entschiedene und bekennende Kirche ist. Es widerstrebt mir, Beispiele aus dieser Literatur («Blitz», «Durchbruch», «Stürmer», «Schwarzes Korps» und wie diese Blätter alle heißen29) oder aus den Reden der Ley, Streicher, Sauckel30 usw. zu bringen. Das «Gedanken|661gut», wie man draußenk sagt, ist immer dasselbe: Christentum ist Judentum, Judentum ist Bolschewismus, Bolschewismus ist Volksfeindschaft. Also fort mit dem Christentum! Da ein Einspruch der Gegenseite aus guten Gründen nicht zu befürchten ist, können es sich diese Schreiber und Redner geistig wirklich köstlich leicht machen. Man halte sich aber vor Augen: die Leserzahl dieser Blätter geht zum Teil in die Hunderttausende.31 Die in dieser Sache tätigen Redner sind auch nicht die ersten Besten, sondern hohe und höchste Staats- und Parteifunktionäre. Und wenn im Dritten Reich in einer Sache so einmütig und unter so einheitlicher polizeilicher Duldung 42 geredet wird, dann war bis jetzt noch immer kein Zufall, sondern System und Absicht dahinter. Kann die Absicht hier eine andere sein als die, die deutsche Öffentlichkeit l-(nach bewährtem Rezept!)-l durch ununterbrochenes grobes Dröhnen – nicht etwa zu überzeugen, wohl aber daran zu gewöhnen, dass das ziemlich indifferenziertm angegriffene «Christentum» nun einmal eine schädliche, gefährliche und verdammungswürdige Sache sei? Es kann natürlich nicht an dem sein, dass das wirkliche Leben der Kirche durch das alles geschädigt oder auch nur getroffen werden könnte. Aber was wird dabei aus unzähligen törichtenn Menschen, die dieser journalistischen und rhetorischen Behandlung nicht gewachsen sind? Es ist auch durchaus damit zu rechnen, dass es der Kirche selbst sehr gut sein kann, zu dem allem – sie hat manchmal nur zu viel geredet – nun einmal schweigen zu müssen. Aber das ist keine Entschuldigung der Angreifer. Es ist Tatsache, dass der gegenwärtige deutsche Staat die Kirche durch seine Presse aufs rücksichtsloseste bedrängt und ihr gleichzeitig dieser Bedrängnis |662 gegenüber den Mund verbietet. Es ist Tatsache, dass Streicher reden darf und sogar Zoellner (um von der Bekenntniskirche nicht zu reden) in der Öffentlichkeit schweigen muss.32 Es ist Tatsache, dass harmloseste Sonntagsblätter gemaßregelt und sogar unterdrückt worden sind, wenn sie das Kind auch nuro von ferne beim Namen zu nennen wagten.33 Es ist Tatsache, dass auch Gegenerklärungen im Rahmen des Gottesdienstes und also buchstäblich innerhalb der Kirchenmauern nur unter der beständigen Gefahr polizeilicher Eingriffe und Ahndungen vor sich gehen können.34 Es ist Tatsache, dass die wüsteste Gotteslästerung im heutigen Deutschland frei, dass dagegen die Kirche in ihrem Wort behindert ist. – Dies ist’s, was sich zunächst hinter den Kulissen des scheinbar so unbedenklich geordneten Verhältnisses von Staat und Kirche ereignet.

663 3. Äußerlich unabhängig von diesem «geistigen» Kampf ist auf dem Gebietp der Kultur- und Schulpolitik ein ganzes System von direkten und indirekten Maßnahmen in Bewegung, die Zug um Zug – man glaubt sich in die Zeiten des Kulturkampfes35 zurückversetzt, nur dass das Verfahren viel durchgreifender geworden ist – das schlichte Ziel verfolgen, die Kirche so zu isolieren, so überflüssig zu machen, dass über kurz oder lang nach dem Rechtstitel für ihre formelle Beseitigung nicht mehr gefragt zu werden braucht. Die Richtung der nationalsozialistischen Kirchenpolitik jedenfalls gegenüber der evangelischen Kirche ist eine andere geworden, als es anfangs schien oder als man jedenfallsq 1933 durch den Mund der «Deutschen Christen» verkündigen ließ. «Erobern» wollte man damals die Kirche.36 Es ist heute |664 nicht zu verkennen, dass man sie nur noch r-kaputt machen-r will zugunsten einer je nach Bedürfnis mehr oder weniger sentimental angehauchten Staatsgesinnung, zugunsten der Moral des «politischen Soldaten», in der der deutsche Mensch seine letzte Bestimmung erkennen soll,37 die mit Kirche überhaupt nichts mehr zu tun haben wird und 43 zu deren Aufrichtung wahrscheinlich die «Deutschen Christen» milderer, mittlerer und strenger Observanz, die «Deutsche Glaubensbewegung»38 samt allen Rosenbergiaden39 und samt den Unternehmungen des wilden Ehepaars Ludendorff40 nur zu präludieren be|665stimmt sind. Man darf im Ausland nicht erwarten, dass s-dieses Kaputtmachen-s sich in großen Geräuschen vernehmbar machen werde. Die Sache ist mit Recht mit dem allmählichen Ab- und Neubau einer Eisenbahnbrücke verglichen worden, über die der Reisende eines Tages fahren wird, ohne zu bemerken, dass es nicht mehr die alte, sondern schon die neue Brücke ist.41 Icht schildere im Folgenden genau nach der Wirklichkeit, wie das gemacht wird: Man braucht die Kirche bloß unter sukzessiver Beseitigung der Fäden, die sie bisher mit dem Leben der Nation verbanden, in einen ihr angeblich freigegebenen Binnenraum privater Andacht und Zeremonie zu verweisen. Man braucht dann das entstehende Vakuum nur durch allerlei eigenen Ersatz ausgiebig auszufüllen. Man braucht dann nur nachdrücklich auf die Bedeutungslosigkeit dieser privaten Angelegenheit hinzuweisen. Man braucht dann auf Beamte und Parteigenossen nur genügend zu drücken in dem Sinn, dass jene Privatangelegenheit die ihrige doch schwerlich sein könne, und dass Neutralität ihr gegenüber eine gute, Kirchenaustritt vielleicht die beste Sache sein könnte.42 Man braucht |666 bloß jede Stimme, die auf den ganzen Vorgang etwa aufmerksam machen wollte, als schändliche Hetzerei und Wühlerei zu verdächtigen und zum Schweigen zu bringen. Die undiskutierbare Vollmacht und Macht, das alles zu tun, steht ja zur Verfügung. Die Kirche wird dann eines Tages zu einem Verein etlicher lebensfremder Sonderlinge und alter Leute geworden sein, die im Stil der bösen Bolschewisten auszurotten man, wenn es so weit ist, das Odium nicht einmal auf sich zu nehmen brauchen wird, weil er mit der nächsten Generation bestimmt der Selbstauflösung verfallen wird. Und um die Sache vorwärts zu treiben, braucht man den erlaubten kirchlichen Binnenraum nur ruckweise immer enger zu umgrenzen, immer knapper zu werden in der Bestimmung dessen, was zulässige private Andacht und Zeremonie allenfalls noch sein möchten. Es ist klar, dass die Maschinerie gerade bei dieser letzten Funktion nun gelegentlich doch nicht ganz ohne Geräusch arbeitet, und dass bei solchen Anlässen der Sinn des ganzen Prozesses für einen Augenblick weithin bemerkbar werden kann. Wo blieb der Respekt auch nur vor den eigenen, den inneren Angelegenheiten der Kirche, als man ihr damals mit dem ihr oktroyierten System Kerrl-Zoellner ganz einfach die Kapitulation vor den «Deutschen Christen» zumuten wollte? Was hilft die der Kirche theoretisch zugestandene Freiheit der Lehre, wenn tatsächlich nicht nur jeder im Namen dieser Lehre erhobene Widerspruch gegen die Religionspolitik (oder gar gegen sonstige Maßnahmen!) des Staates, sondern nachgerade immer mehr auch die schlichte positive Geltendmachung biblischer Wahrheiten wie etwa die der Universalität der Taufe, 44 des Ernstes der Sünde, der Gültigkeit des Alten Testamentes, des Gebotes der Demut usw. als «unserem völkischen Sittenempfinden» widerstrebendes, politisch verabscheuungswürdiges Unternehmen perhorresziert wird,43 im Blick auf das man die Kirche |667 auffordert, «bekennend an die Brust zu schlagen» [vgl. Lk. 18,13]: bekennend nämlich, dass sie, wenn sie solchen Lehren anhänge, selber daran schuld sein werde, wenn sie eines Tages des deutschen Volkes Kirche nicht mehr sein werde. Ist es nicht auch ein Eingriff in einen Bereich, den man nun wirklich für den eigensten Bereich der Kirche halten sollte, wenn der Religionsunterricht an den staatlichen Schulen mehr und mehr zu einem Institut zur Bekämpfung der «jüdisch-asiatischen Vorstellungswelt» des Christentums verwandelt wird?44 Oder wenn der Reichskultusminister am 17. November mit einem Federstrich verfügt, dass es den Theologiestudenten in Zukunft bei Strafe dauernden Ausschlusses vom staatlichen Universitätsstudium verboten sei, an irgendwelchen von der Bekenntniskirche ausgehenden Unterrichtsveranstaltungen teilzunehmen?45 Wenn aber gerade in der letzten Zeit auch theologische Schulungswochen für Pfarrer und andere Gemeindeglieder systematisch verboten und unterdrückt werden?46 Wenn die Elberfelder Geheimpolizei am Morgen des 14. De|668zember unangekündigt, ohne Vorweisung einer schriftlichen Verfügung, ohne dass auch nachher, sei es bei Pontius, sei es bei Pilatus47, auch nur eine Angabe der Gründe zu erhalten gewesen wäre, die dortige Theologische Schule mitten in ihren Vorlesungen gestört und dann «geschlossen» und «aufgelöst», die Lehrer und Schüler auseinandergejagt und des zum Zeichen ihre Türen, wie es solche Regenten von jeher liebten, versiegelt hat?48 Was haben gerade die zuletzt erwähnten Dinge zu bedeuten? Sie haben sehr greifbar dies zu bedeuten, dass die vorgesehene Entwicklung diesen Regenten offenbar noch nicht schnell genug geht und also beschleunigt werden soll. Es war nicht wirksam genug gewesen, dass man besonders in Preußen ungefähr alle bekenntnistreuen Elemente aus den staatlichen theologischen Fakultäten entfernt und ihre Lehrstühle mit verblendeten jungen Leuten besetzt hatte, die um des Ordinariats willen schleunigst bereit waren, fortan die deutsch-christliche Irrlehre vorzutragen.49 Die Kir|669che war doch immer noch kräftiger gewesen, als man gedacht hatte. Sie hatte nicht kapituliert. Sie hatte sich auch nichtu damit begnügt, die theologische Jugend nun etwa der ewig neutralen Weisheit der bis jetzt noch leidlich «intakten» Fakultäten von Tübingen und Erlangen anzuvertrauen.50 Sie hatte aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln Gelegenheiten geschaffen, die wirkliche, die unverfälschte und unverkürzte christliche Lehre vorzutragen und zu hören, und der Zulauf, den diese Notinstitutionen fanden, die Wirkung, die von ihnen ausging, war ein offenes Geheimnis. Also musste man jetzt wieder ein Stück weiter in den angeblich respektierten Binnenraum der Kirche hineingreifen, um auch diese Institutionen v-kaputt zu machen-v. Dass die wirkliche christliche Lehre sich etwa auf solchem 45 Wege aus sich selbst erneuere und erhalte, das passt eben nicht zu dem vorgesehenen Abbauprogramm, das kann also auch nicht zu der vorläufig noch bewilligten privaten Andacht und Zeremonie gehören …!

Solche Dinge erfährt man dann wohl auch im evangelischen Ausland. Aber das evangelische Ausland ist – das muss einmal gesagt werden – der Not der deutschen Schwesterkirche gegenüber im Gan|670zen merkwürdig apathisch. w-Ein bekannter schweizerischer Pfarrer, der ums Jahresende in einem der Zentren des deutschen Kirchenkampfes weilte,51 wurde dort gefragt, ob man denn im Gottesdienst in der Schweiz auch für die bedrängte evangelische Kirche in Deutschland bete? Er musste wahrheitsgemäß antworten, dass dies seines Wissens nicht geschehe. Ich habe es selbst miterlebt, wie beim Genfer Calvinjubiläum des letztes Sommers die Gegenwart und die Ansprache eines Vertreters der deutschen Bekenntniskirche entgegen den ganz auf friedliche Festlichkeit eingestellten Intentionen der leitenden Kreise gewissermaßen eingeschmuggelt werden musste und von diesen offensichtlich als eine Störung des – Calvinjubiläums aufgenommen wurde!52 x-Und die im selben Genf residierenden ökumenisch-kirchlichen Instanzen scheinen bis auf diesen Tag auch noch nicht mit sich ins Reine gekommen zu sein, ob die Sache der deutschen Bekenntniskirche sie eigentlich etwas angehe oder ob sie nicht als die Sache bloß einer bestimmten Theologie zum vornherein so diskreditiert sei, dass es das Geratenste sei, bis zum Sichtbarwerden der «stärkeren Bataillone»53 zwischen ihr und Zoellner die sichere Mitte zu halten.54 Ich will – indem ich der Meinung bin, dass diese offizielle |671 Apathie (und Diplomatie!) sich noch einmal rächen wird – nicht verschweigen, dass ich bei einer Reihe von schweizerischen Gemeinden entschieden mehr Herz und Verständnis für diese Sache gefunden habe.-w-x

Es sei übrigens zum Schluss mit y-derselben Bestimmtheit wiederholt, was seinerzeit anlässlich der Aufrichtung des Kirchenministeriums Kerrl gesagt wurde:55 Die Bekenntniskirche wird weiter bestehen.-y Und das mit oder ohne den Beistand des evangelischen Auslandes! z-Was eben über dieses gesagt wurde, wurde um seiner selbst, nicht um Deutschlands willen gesagt. Die Bekenntniskirche und in und mit ihr die deutsche evangelische Kirche als solche wird weiterbestehen. Alles, was damals zur Begründung dieses Satzes gesagt wurde und was sich seither deutlich genug bewährt hat, gilt auch heute.-z Solange und sofern eine Kirche bekennende Kirche ist, wird man sie weder mit List noch mit Gewalt, weder mit einer übermächtigen Propaganda noch mit aa-dem Polizeiknüppel kaputt machen-aa können. Man braucht dieser Kirche bloß das eine zu wünschen, dass sie sei und noch viel intensiver werde in Tat und Wahrheit, was sie ist: Bekennende Kirche. Als solche hat die deutsche evangelische Kirche, ab-wie nun auch bei uns bekannt geworden ist,-ab auf der Synode von Breslau erklärt, dass mit Gottes Hilfe alles weitergehen muss und wird: die 46 Predigt des Evangeliums, neben dem es kein anderes gibt, aber auch die Sammlung und Belehrung der Gemeinden und darum auch die Erneuerung der christlichen Lehre aus sich selbst und ihren |672 ewigen Quellen und also auch die theologischen Schulen und Schulungswochen!56 So wie die, die dies erklärt haben, sich bis jetzt bekannt gemacht haben, darf man ruhig annehmen, dass sie Manns genug sein werden, ihren Worten entsprechend zu handeln. Wogegen kein Tieferblickender verkennen dürfte, dass der ganze heute so lebhaft und kunstvoll gewordene Ansturm der Gegenseite mehr, sehr viel mehr von deren aus mancherlei Gründen wachsenden Nervosität als von einem guten Gewissen und von der natürlichen Zuversicht der Vertretung einer guten Sache Zeugnis gibt.

Textkritische Fußnoten

a
In ThExh.NF 49 ist eine Fußnote angefügt: «8. Januar 1937 (= Neue Zürcher Zeitung, 14.2.1937)»; zu den entsprechenden Angaben auf den Typoskripten s. oben, S. 653. ↩
b
Tskr. A und B: «es».↩
c
NZZ: «optimistischen, immer noch nur an ihre nächsten Kirchtürme denkenden, immer noch kompromissfreudigen»; in englischer Übersetzung so auch in British Weekly.↩
d
NZZ: «usw.»↩
e-e
NZZ: «jedenfalls».↩
f-f
NZZ: «d. h., durch sie ist es».↩
g
NZZ: «Opportunismus bei den Bischöflichen und ‹Intakten› sowie in der Mitte»; in englischer Übersetzung so auch in British Weekly.↩
h
Tskr. A und B: «Mass» bzw. «Maß».↩
i
Tskr. A und B, ThExh.NF und British Weekly: «Bremen»; von den Hrsg. korrigiert in Übereinstimmung mit NZZ. Vgl. dazu auch Anm. 27.↩
j
ThExh.NF und NZZ: «Partien»; von den Hrsg. korrigiert in Übereinstimmung mit Tskr. A und B (dort «Parteien» per Hand korrigiert aus «Partei») sowie der englischen Übersetzung in British Weekly: «parties».↩
k
NZZ: «in Deutschland».↩
l-l
Fehlt in NZZ.↩
m
NZZ: «undifferenziert».↩
n
Fehlt in NZZ.↩
o
Fehlt in NZZ.↩
p
NZZ: «Gebiete».↩
q
NZZ: «noch».↩
r-r
NZZ: «vernichten».↩
s-s
NZZ: «diese Vernichtung».↩
t
Hier beginnt im Abdruck in der NZZ der zweite Teil; in der einleitenden Bemerkung sind die beiden voranstehenden Sätze miteinander verknüpft und wiederholt; der Schluss des zweiten Satzes ist ab «über die der Reisende …» wörtlich wiederaufgenommen. ↩
u
Tskr. A und B, NZZ: «nicht etwa».↩
v-v
NZZ: «zu vernichten».↩
w-w
Fehlt in NZZ.↩
x-x
Zu diesen Sätzen findet sich keine Entsprechung in der englischen Übersetzung in British Weekly; an KBA 10100 ist am Rand in Ch. von Kirschbaums Handschrift notiert: «Diese Stelle in the ‹British Weekly› gestrichen!»↩
y-y
NZZ: «aller Bestimmtheit gesagt: Die Bekenntniskirche wird weiterbestehen.»↩
z-z
Fehlt in NZZ.↩
aa-aa
NZZ: «polizeilichem Zwang vernichten».↩
ab-ab
Fehlt in NZZ.↩

Sachfußnoten

1
Vgl. oben, S. 490f.↩
2
Taschenkalender K. Barth, Eintrag vom 8.1.1937: «Artikel über Bek[enntnis-]Kirche fertig»; vgl. den Eintrag vom selben Tag im Taschenkalender Ch. von Kirschbaums: «Wir tippen Karls Kirchenartikel für die B[asler] N[achrichten].»↩
3
Dass der Artikel ursprünglich für die «Basler Nachrichten» bestimmt war, geht aus der vorstehend zitierten Notiz Ch. von Kirschbaums hervor. Die Ablehnung durch die «Basler Nachrichten» kommentierte Arthur Frey in seinem Brief an Barth vom 17.2.1937 (Anm. 7) als eine «bedauerliche Sache». Darüber und über die – möglicherweise jedoch sehr viel später angebrachte – Notiz Ch. von Kirschbaums auf einer der Abschriften: «Von Basler Zeitungen abgewiesen (!)» (KBA 10100; dazu s. unten) hinaus findet sich im KBA kein Hinweis auf diese Ablehnung und deren Begründung. ↩
4
Brief Barths an L. Cutts vom 9.1.1937 (KBA 9237.3).↩
5
Siehe oben, S. 605.↩
6
Schon 1934 war der Verkauf der Zeitung in Deutschland erst vorübergehend, dann auf Dauer verboten worden; vgl. Th. Maissen, Die Geschichte der Neuen Zürcher Zeitung. 1780–2005, Zürich 2005, S. 97–132, bes. S. 104 📖.↩
7
Brief A. Freys an Barth vom 17.2.1937 (KBA 9337.86).↩
8
August Waldburger (1871–1947), 1916–1936 Pfarrer an St. Elisabethen in Basel, langjähriger Herausgeber der «Schweizerischen Theologischen Zeitschrift».↩
9
A. Waldburger, Karl Barths Kampf, in: Zürichsee-Zeitung, 93. Jg., Nr. 42, 20.2.1937 📖.↩
10
Hermann Sasse (1895–1976), seit 1933 außerordentlicher Prof. für Kirchen- und Dogmengeschichte sowie Symbolik in Erlangen, 1946 dort ordentlicher Prof., 1948 Austritt aus der bayrischen Landeskirche wegen ihres Anschlusses an die EKD, Auswanderung nach Australien, dort seit 1949 Prof. in North Adelaide. – Zu Sasses Rolle im Vorfeld und während der ersten Bekenntnissynode der Deutschen Evangelische in Barmen im Mai 1934 vgl. V.u.kl.A. 1934–1935, S. 266–277 📖.↩
11
H. Sasse, A Reply to Karl Barth, in: British Weekly. A journal of social and christian progress, Vol. 111, 11.2.1937 (KBA 3737).↩
12
KBA 297 und KBA 10100; je 5seitig, engzeilig beschrieben. Beide Typoskripte enthalten außer der Kennzeichnung als «Abschrift» unter der Überschrift die – im Abdruck nicht oder in anderer Weise aufgenommenen (s. unten, S. 654, Anm. a) – Hinweise: «Von Professor Karl Barth. 8. Jan[uar] 1937». Auf KBA 10100 ist über der Überschrift in Ch. von Kirschbaums Handschrift mit Tinte notiert: «Von Basler Zeitungen abgewiesen (!), gedruckt in the ‹British Weekly› 28.I.37 u[nd] 4.II.37»; darunter, mit Bleistift ergänzt: «NZZ 14. u[nd] 15.II.1937». KBA 297 weist anstelle dessen nur den Hinweis «NZZ 14.2.37?» auf.↩
13
KBA 10101; 4seitig, engzeilig beschrieben. Hierfür wurde eine «deutsche» Type verwendet, so dass, wo es (damals) korrekt war, «ß» anstelle von «ss» eingetragen werden konnte.↩
14
KBA 10102; 5seitig, engzeilig beschrieben.↩
15
Vgl. unten, bes. Anm. w-w und z-z. ↩
16
Vgl. bes. die konsequente Ersetzung von «kaputt machen» durch «vernichten» (s. unten Anm. r-r, s-s, v-v und aa-aa), die allerdings auch eine semantische Verschärfung bedeutet.↩
17
Siehe unten, Anm. c und g.↩
18
Zur Einsetzung der Kirchenausschüsse vgl. oben, S. 221f.↩
19
Die lutherischen Landeskirchen von Bayern (Bischof: Hans Meiser), Hannover (August Marahrens) und Württemberg (Theophil Wurm) galten als «intakte» Landeskirchen, weil sie im Gefolge der Kirchenwahlen des Jahres 1933 keine bzw. im Fall Hannovers keine überwiegend von den «Deutschen Christen» dominierte Kirchenleitung erhalten hatten.↩
20
Wilhelm Rehm (1900–1948), württembergischer Pfarrer und Gymnasiallehrer, seit 1933 Landesleiter der «Deutschen Christen» in Württemberg, 1935–1938 Reichsleiter der «Reichsbewegung Deutsche Christen», die sich nach der Sportpalastkrise als ‹gemäßigte› Hauptgruppe des deutschchristlichen Spektrums gebildet hatte, deren Größe und Einfluss jedoch besonders seit der weitgehenden Entmachtung der deutschchristlichen Kirchenregimente durch die Kirchenausschüsse zugunsten noch radikalerer Gruppen nachgelassen hatte.↩
21
Nach der erfolgreichen Oktoberrevolution, während und erst recht nach dem für sie erfolgreichen Ende des russischen Bürgerkriegs gingen die in Russland bzw. der Sowjetunion herrschenden Kommunisten durchgehend gewaltsam gegen die verschiedenen Kirchen im Land vor. Schon im Januar 1918 wurden per Dekret orthodoxe Kirche und Staat getrennt und alles Kirchenvermögen verstaatlicht. Zur blutigsten Verfolgung kam es im Zusammenhang der Hungerkatastrophe von 1922; mindestens 25 Bischöfe, 2691 Priester, 1962 Mönche und Nonnen sowie ca. 15 000 Laien wurden ermordet. Mit einem weiteren Dekret von 1929 wurden der Religionsunterricht, die kirchliche Presse und soziale Aktivitäten der Kirche verboten. Von den Verfolgungen betroffen waren auch die römisch-katholische und die lutherische Kirche sowie die Freikirchen. Vgl. K. Chr. Felmy, Art. «Rußland, III. Kirchengeschichte», in: RGG4 VII, Sp. 689–699, dort bes. Sp. 695f 📖 ↩
22
Gemeint ist Punkt 24 des Parteiprogramms der NSDAP von 1920: «Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden» (zit. nach: KTGQ V [1999], S. 72 📖).↩
23
In den offiziellen Erlassen oder Urkunden taucht «Befriedung» oder «Befriedung der Kirche» (so die Zitat-Kennzeichnung in NZZ) nicht auf; nahe kommen diesem Zitat Ausführungen wie etwa die in: W. Bastian, Ordnung im Kirchenleben, in: Nationalsozialistische Partei-Korrespondenz, Nr. 166, 19.7.1935 📖: «Ihm [= Kerrl] ist die ebenso schwere wie große Aufgabe zugefallen, als Nationalsozialist für die Erhaltung des religiösen und kirchlichen Friedens das zu tun, was erforderlich ist. Der Staat Adolf Hitlers bekämpft weder Kirchen noch Religionsgemeinschaften, er nimmt sie vielmehr, wenn sie seelische Aufgaben zu erfüllen haben, schützend unter seine Fittiche. […] In dieser Blickrichtung ist die Betreuung Kerrls zu verstehen. Seiner Hand ist die Ordnung des deutschen Kirchenlebens und des notwendigen religiösen und konfessionellen Friedens anvertraut» (Abdrucke: JK 3 [1935], S. 702–704, Zitate dort S. 703 📖; DKPDR 3, S. 16–18, Zitate dort S. 17f.) 📖. Später fand der von Barth häufig aufgenommene Begriff Eingang auch in offizielle Dokumente: «Im Zuge der Befriedung der kirchlichen Lage ersuche ich nach einer Anregung ­des Reichs­kirchenausschusses, Folgendes zu beachten …» (Runderlass des Reichskirchenministers vom 19.10.1935, in: DKPDR 3, S. 122f., dort S. 122).↩
24
Die anfängliche Harmonie im Verhältnis zwischen Reichskirchenministerium und Reichskirchenausschuss verlor sich im Verlauf des Jahres 1936, was nicht zuletzt auch mit persönlichen und kirchenpolitischen Differenzen zwischen Kerrl und Zoellner zu tun hatte. Zu größeren Konflikten kam es, als Zoellner im Frühjahr 1936 auch im deutschchristlich dominierten Sachsen einen Landeskirchenausschuss einrichten ließ, was nur nach einer längeren Auseinandersetzung mit dem Ministerium gelang, und erst recht, als er daran gehen wollte, auch in Thüringen, der Hochburg der radikalen «Deutschen Christen», einen Ausschuss zu installieren. Zum Bruch und damit zum Rücktritt Zoellners, der zugleich das Ende der Ausschüsse markierte, führte sein Einschreiten zugunsten von Lübecker Pfarrern, die von der deutschchristlichen Kirchenleitung gemaßregelt worden waren; ein Besuch in Lübeck, bei dem er am 5. Februar 1937 einen Abendgottesdienst halten wollte, wurde ihm auf Veranlassung des Reichskirchenministeriums untersagt, sein an die Reichskanzlei gerichteter Protest dagegen wurde lediglich an das Ministerium weitergeleitet. Vgl. zum Ganzen W. Philipps, Wilhelm Zoellner – Mann der Kirche in Kaiserreich, Republik und Drittem Reich (BWKG 6), Bielefeld 1985, S. 147.155–162 📖; zu den Lübecker Vorgängen vgl. auch DKPDR 3, S. 287–297 📖; das seine Gründe nennende Rücktrittsschreiben Zoellners an Kerrl vom 12.2.1937 ist abgedruckt in: Dokumente des Kirchenkampfes II/2, S. 1339–1343 📖. Den Umstand, dass Barths kritische Äußerungen zu den Kirchenausschüssen und ihrer vermutlichen Zukunft in der «Neuen Zürcher Zeitung […] gerade in dem Moment erschienen, als Zoellner zurücktrat», nannte A. Frey in seinem Brief an Barth vom 17.2.1937 (Anm. 7) «eine flotte Sache». ↩
25
Nach den Fürbittenlisten der Bekennenden Kirche gab es im ganzen Jahr 1936 keine Amtsenthebung, 13 Ausweisungen oder Aufenthaltsverbote und 13 Inhaftierungen unterschiedlicher Art und Dauer; alle Zahlen liegen deutlich unter denen von 1935 und erst recht unter denen des folgenden Jahres 1937, in dem solche Repressionen einen Höhepunkt erreichten; vgl. Fürbitte. Die Listen der Bekennenden Kirche 1935–1944, im Auftrag der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Zeitgeschichte bearb. von G. Grünzinger / F. Walter, Göttingen 1996, S. 221–223 📖. Für zwei der betroffenen Inhaftierten, seinen Bonner Schüler Werner Koch (1910–1994) und den nach seiner Entlassung aus dem Staatsdienst für die Bekennende Kirchetätigen Rechtsanwalt Friedrich Weißler (1891–1937), der am 19. Februar 1937, wenige Tage nach dem Erscheinen des Artikels in der «Neuen Zürcher Zeitung», im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet wurde, setzte Barth sich namentlich bei Adolf Keller ein, um eine Intervention seitens der Ökumene zu erreichen (vgl. Brief Barths an A. Keller vom 20.1.1937 [KBA 9237.19]).↩
26
Nach anfänglicher Unterstützung der Republik verstand die katholische Kirche in Spanien den 1936 ausbrechenden Bürgerkrieg zunehmend als einen vom Bolschewismus gegen sie gerichteten Kreuzzug und stellte sich auf die Seite der Faschisten unter General Franco. Während des Bürgerkriegs wurden elf Bischöfe, etwa 7000 Priester, Nonnen und Seminaristen getötet; sie und die anderen getöteten Gläubigen verstand man als Märtyrer. Vgl. K. Bihlmeyer / H. Tüchle, Kirchengeschichte, Teil 3: Die Neuzeit und die neueste Zeit, Paderborn u. a. 199620, S. 510 📖. – Zu Russland s. oben, Anm. 21.↩
27
Vgl. die Äußerung August Marahrens› in einer Besprechung am 15. Januar 1937: «Mir wurde in Lübeck neulich eine Predigt verboten. Dasselbe widerfuhr D. Meiser und D. Wurm» (Verantwortung für die Kirche. Stenographische Aufzeichnungen und Mitschriften von Landesbischof Hans Meiser, Bd. 2: Herbst 1935 bis Frühjahr 1937, bearb. von H. Braun / C. Nicolaisen [ AKIZ.A 4], Göttingen 1993, S. 481 📖). – Am 15. Dezember 1936 hatte die Gestapo Marahrens auf Veranlassung der deutschchristlichen Lübecker Kirchenleitung verboten, am kommenden Tag eine Adventsandacht in der Stadt zu halten (vgl. K. Fr. Reimers, Lübeck im Kirchenkampf des Dritten Reiches. Nationalsozialistisches Führerprinzip und evangelisch-lutherische Landeskirche von 1933 bis 1945 [AGK.E 2], Göttingen 1965, S. 310–314 📖). Meiser hatte auf der Evangelischen Woche vom 2.–6. Januar 1937 in Erfurt im Eröffnungsgottesdienst predigen wollen und war während des schon begonnenen Gottesdienstes über das von der Gestapo unter Berufung auf die nachfolgend ­zitierte Verordnung und in Übereinstimmung mit dem Reichskirchenministerium verhängte Verbot informiert worden (vgl. G. Schäfer, Die Evangelische Landeskirche in Württemberg und der Nationalsozialismus. Eine Dokumentation zum Kirchenkampf, Bd. 5: Babylonische Gefangenschaft. 1937–1938, Stuttgart 1982, S. 4 📖). – Die Verwechslung von Lübeck und Bremen (s. Anm. i) könnte darauf zurückzuführen sein, dass auch eine Evan­gelische Woche, die in Bremen stattfinden sollte, verboten worden war; eine Teilnahme von Marahrens dort war jedoch ebenso wenig vorgesehen wie ein sonstiges Auftreten in Bremen.↩
28
Prominent angewendet wurde die Formel erstmals in der sogenannten Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933, mit der der damalige Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847–1934) die wichtigsten Grundrechte der Verfassung außer Kraft setzte. Ihr offizieller Titel lautet: «Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat» (RGBl I, 1933, Nr. 17, 28.2.1933, S. 83 📖).↩
29
Die Zeitschrift «Der Blitz, Kampfblatt für deutschen Glauben und deutsche Art» wurde herausgegeben von Ernst Seeger (1884–1937; seit 1933 Leiter der Abteilung «Film» im Propagandaministerium) und erschien bis zum Tod Seegers in Ermsleben/Harz; der «Durchbruch – Kampfblatt für deutschen Glauben, Rasse und Volkstum» erschien als Zeitschrift der Glaubensbewegung Deutsche Christen in Stuttgart zwischen 1934 und 1937; «Der Stürmer» war eine seit 1923 von Julius Streicher in Nürnberg herausgegebene Wochenzeitung, in der dieser und die weiteren Autoren einen hetzerischen Antisemitismus verbreiteten, seine Auflage stieg im Jahr 1935 auf fortan beinahe 500 000 Exemplare; «Das Schwarze Korps. Zeitung der Schutzstaffel der NSDAP – Organ der Reichsführung SS» erschien als Wochenzeitschrift seit dem Frühjahr 1935 in Berlin. ↩
30
Robert Ley (1890–1945), Leiter der «Deutschen Arbeitsfront» und einer der großen antisemitischen Redner der NSDAP, ab 1932 Reichsorganisationsleiter der NSDAP, 1945 noch vor Beginn seines Prozesses Tod durch Selbstmord; Julius Streicher (1885–1946), NSDAP-Gauleiter in Franken, Herausgeber der Wochenzeitung «Der Stürmer», 1933 zum Leiter des «Zentralkomitees zur Abwehr jüdischer Greuel- und Boykotthetze» ernannt, 1946 im Nürnberger Prozess als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet; Fritz Sauckel (1894–1946), ab 1927 NSDAP-Gauleiter, ab 1932 Ministerpräsident und Innenminister und ab 1933 Reichsstatthalter in Thüringen, ab 1942 als Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz für die Deportation von Millionen Menschen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verantwortlich, 1946 im Nürnberger Prozess als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet. ↩
31
Barth hatte ein neunseitiges Typoskript vorliegen, das von unbekannter Hand mit «Nationalsozialistische Erziehung» (korrigiert aus: «Kampf dem Konfessionalismus») überschrieben war (KBA 17253); auf S. 3 findet sich eine Liste mit den Auflagen großer nationalsozialistischer Zeitungen, u. a. «Der Stürmer» (486 000), «Das Schwarze Korps» (337 000) und der «Völkische Beobachter» (über 440 000).↩
32
Vgl. Zoellners Rücktrittsschreiben vom 12.2.1937 (Anm. 24), S. 1341 📖: «Zu Anfang unserer Tätigkeit haben Sie, Herr Reichsminister, uns versichert, daß Sie bemüht sein würden, die Mitglieder des Reichskirchenausschusses von den Beschränkungen der kirchlichen Versammlungstätigkeit und Redefreiheit auszunehmen. Wir haben von dieser Zusage keinen oder nur geringen Gebrauch gemacht und haben mit vollem Bewußtsein die Beschränkungen mit auf uns genommen, die für die Amtsträger der Kirche verfügt waren.»↩
33
In einem Barth vorliegenden siebenseitigen Typoskript über die «Entwicklung der kirchlichen Lage in Deutschland seit dem Spätsommer 1936» (KBA 17254; der Titel ist handschriftlich von Ch. von Kirschbaum ergänzt durch: «bis 18. Dez[ember] Preuss[ische] Synode!») heißt es: «Die staatliche Pressegesetzgebung ist in den letzten Monaten […] mit besonderer Schärfe gegen die BK angewandt worden. Man forderte seitens der Reichspressekammer die Schriftleiter kirchlicher Blätter auf, sich gegen den angeblich gegen sie erhobenen Vorwurf mangelnder politischer Zuverlässigkeit zu verteidigen und verfügte, wenn diese Verteidigung nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gelungen war, ihren Ausschluss aus der Reichspressekammer, womit alle pressemässige Betätigung der betreffenden Herren aufhören muss. Auf diese Weise ist in allen Teilen Deutschlands die Herausgabe zahlreicher Kirchen- und Gemeindeblätter unmöglich gemacht worden» (S. 4).↩
34
Drastisch hatten dies die Vorgänge um die Kanzelabkündigung gegen das Neuheidentum vor Augen geführt, die von der am 4./5. März 1935 tagenden altpreußischen Bekenntnissynode in Berlin-Dahlem verabschiedet worden war. Reichsinnenminister Wilhelm Frick ließ die Verlesung der Kanzelabkündigung verbieten; etwa 500 Pfarrer, die sich weigerten, dem Verbot Folge zu leisten, wurden vorübergehend verhaftet. Vgl. Besier, S. 61–63 📖; W. Niesel, Kirche unter dem Wort. Der Kampf der Bekennenden Kirche der altpreußischen Union 1933–1945 (AGK.E 11), Göttingen 1978, S. 57–64 📖.↩
35
Der deutsche Kulturkampf war unmittelbar nach der Reichsgründung 1871 ausgebrochen und entzündete sich an den Maßnahmen, die Reichskanzler Otto von Bismarck gegen den politischen und gesellschaftlichen Einfluss der katholischen Kirche und besonders des Papstes ergriffen hatte: mit dem «Kanzelparagraphen» (1871) wurden Geistlichen Äußerungen verboten, die den «öffentlichen Frieden» gefährdeten, dem Jesuiten-Orden wurde die Gründung von Niederlassungen in Deutschland verboten (1872), die Zivilehe wurde obligatorisch (1875, in Preußen schon 1874) und in Preußen wurde die geistliche durch eine staatliche Schulaufsicht ersetzt (1872). Im Hintergrund standen die traditionell antiliberale und fortschrittskritische Haltung des Katholizismus und vor allem das 1870 auf dem ersten Vatikanischen Konzil verkündete Unfehlbarkeitsdogma, das als Anmaßung verstanden wurde. Von den Ereignissen in Deutschland angestoßen kam es auch in der Schweiz zu ähnlichen Auseinandersetzungen, die hier wie dort Ende der 1870er Jahre wieder abebbten. Vgl. W. J. Mommsen, Das Ringen um den nationalen Staat. Die Gründung und der innere Ausbau des Deutschen Reiches unter Otto von Bismarck 1850 bis 1890 (Propyläen Geschichte Deutschlands 7/1), Frankfurt/Main / Berlin 1993, S. 405–446 📖; P. Stadler, Der Kulturkampf in der Schweiz. Eidgenossenschaft und katholische Kirche im Europäischen Umkreis 1848–1888, Zürich 19962 📖.↩
36
So Wilhelm Kube (1887–1943), Vorsitzender der NSDAP-Fraktion im Preußischen Landtag und dank seiner Tätigkeit in verschiedenen kirchlichen Körperschaften mit Kirchenfragen vertraut (vgl. Scholder I, S. 249f. 📖), in seinem Wahlaufruf zu den preußischen Kirchenwahlen 1932 (Völkischer Beobachter, 11./12.1.1932, Zweites Beiblatt; zit. nach Scholder I, S. 256 📖): «Nationalsozialisten! Duldet es nicht, dass man euch die Türen eurer Kirchen vor der Nase zuschlägt. […] Erobert euch eure Kirche und erfüllt sie mit dem lebendigen christlichen Geiste der erwachten deutschen Nation!»↩
37
Vgl. Fr. W. Heyden, Hochschule und Leibeserziehung, in: Nationalsozialistische Monatshefte 5 (1934), S. 401–407, dort S. 402 📖: «Der Nationalsozialismus richtet ein neues Bild von dem Menschen auf. […] Ein neues Bild des Menschen, die Gestaltwerdung des heroischen Lebensideals, fordert die Erziehung eines neuen Menschentypus. Sie verlangt einen völligen Umbruch in der geistigen Anschauung und Sinngebung unserer deutschen Hochschulen. Sie verleiht ihr den Charakter einer ‹Erziehungs›anstalt gegenüber der alten ‹Bildungs›anstalt. Sie gibt ihr einen grundsätzlich neuen Inhalt, indem sie ihr ein Erziehungsziel setzt: den politischen Soldaten. Die Gestalt des ‹theoretischen› Menschen, des abstrakten Denkers, bricht zusammen. Der politische Mensch ist ein Tatmensch, der politische Soldat ein Soldat, der kein abstrahierender, sondern ein aktiver, ein handelnder Mensch ist.» – Vgl. auch G. Jacob, Kirche oder Sekte, Sonderdruck, hrsg. vom Bruderrat der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union, Wuppertal [1937], S. 11 📖: «Der politische Soldat, in dem sich das Leitbild der nationalsozialistischen Bewegung verkörpert, ist Träger und Zeuge der politischen Religion, deren ‹Evangelium› er in heiliger Unduldsamkeit gegen alle Andersgläubigen verteidigt.»↩
38
Die «Deutsche Glaubensbewegung», 1933 gegründet und von Ernst Graf zu Reventlow (1869–1943) und Jakob Wilhelm Hauer (1881–1962) geleitet, sollte der bis dahin zersplitterten deutsch-völkischen Bewegung eine gemeinsame Plattform geben. Grundlage waren eine rassische, antisemitische Weltanschauung und der Versuch, gegen das Christentum einen «artgemäßen» deutschen Glauben zu entwickeln. 1936 schieden Hauer und Reventlow nach internen Auseinandersetzungen und Abspaltungen aus ihren Führungsämtern aus, und die Deutsche Glaubensbewegung versank in weitgehender Bedeutungslosigkeit. Vgl. K. Hutten, Die Deutsche Glaubensbewegung, in: Die Nation vor Gott, hrsg. von W. Künneth / H. Schreiner, Berlin 19343, S. 506–533 📖; Scholder I, S. 573–575 📖.↩
39
Gemeint ist Alfred Rosenberg (1893–1946), lange Zeit führender Ideologe des Nationalsozialismus.↩
40
Erich Ludendorff (1865–1937) und Mathilde Ludendorff (1877–1966), in der Frühphase führend in der NSDAP engagiert, versuchten über verschiedene Gruppierungen, ihre Ideen eines völkisch-deutschen Christentums zu verbreiten, das von den Einflüssen der jüdischen Volksreligion befreit werden müsse. Ihr wichtigstes Publikationsmedium war die Zeitschrift «Am heiligen Quell deutscher Kraft», die zwischen 1933 und 1939 – im Jahr 1937 in einer Auflage von ca. 100 000 Exemplaren – erschien.↩
41
Dieses Bild wurde prominent und wohl erstmals verwendet von Günter Jacob (1906–1993; seit 1932 Pfarrer in Noßdorf bei Forst [Lausitz]) in seinem Vortrag, den er am 16. Dezember 1936 auf der vierten Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union in Breslau (s. dazu unten, Anm. 56) hielt: vgl. Jacob (Anm. 37), S. 14 📖 (auch in: Dokumente des Kirchenkampfes II/2, S. 1232–1243, dort S. 1243 📖).↩
42
Während 1933 und 1934 die Zahl der Kirchenaustritte rapide zurückgegangen war und es sogar einen Überschuss der Kircheneintritte gab, begann das Verhältnis sich bereits 1935 wieder zu drehen, und 1936 begann eine Kirchenaustrittswelle, die in den Jahren 1937 bis 1939 ihren Höhepunkt fand; nach Besier, S. 217 📖, der einem Kommentar der «Neuen Zürcher Zeitung» folgt (N. N., Zur deutschen Kirchenfrage, in: Neue Zürcher Zeitung, 19.2.1937 📖), beruhte die Entscheidung zum Austritt dabei zum großen Teil «auf einem Wink oder leisem Druck seitens der NS-Stellen oder der Vorgesetzten im Öffentlichen Dienst»; vgl. zum Ganzen (mit tabellarischen Übersichten) Besier, S. 215–225.↩
43
Vgl. M. Schwaebe, Besinnung und Wende. Ein Wort zur religiösen Lage, in: Westdeutscher Beobachter. Amtliches Organ der NSDAP. und sämtlicher Behörden / Ausgabe Köln, Jg. 13, Nr. 1, 1.1.1937, S. 1f., dort S. 2 📖: «Ein deutscher Mensch, ein Nationalsozialist, vermag nun einmal nicht einzusehen, daß ihm der mit christlicher Taufe versehene Neger oder gar Jude näher als sein nichtchristlicher Volksgenosse stehen soll. Er lehnt auch eine Auffassung von der Sündhaftigkeit der Natur ab, […]. Er muß Gegner all jenes rassefremden Gedankengutes sein, das uns aus der Welt der Dogmen entgegenstarrt. […] Dem demütigen und pazifistischen Ideal der einen Seite steht der heldische und kämpferische Christus der andern gegenüber. […] Ganz zweifellos sind heute in Teilen der Kirchen gewisse religiöse Auffassungen vorhanden, die der nationalsozialistischen Weltanschauung zuwiderlaufen. Die Bewegung muß Gegner solcher Auffassungen sein, weil sie nicht in Einklang mit unsrem völkischen Sittenempfinden gebracht werden können.»↩
44
Vgl. ebd 📖.: «Das deutsche Volk hat ein Recht, auch die Person des christlichen Heilands mit deutschen Augen sehen zu dürfen und will nicht länger von einer jüdisch-asiatischen Vorstellungswelt beschwert werden!»↩
45
Am 17. November 1936 hatte Reichskultusminister Bernhard Rust per Runderlass «an die Universitäten mit Evangelisch-Theologischen Fakultäten betr. Ersatzveranstaltungen der Bekennenden Kirche» den «eingeschrieben Studenten der evangelischen Theologie» verboten, «sogenannte kirchliche Ersatzvorlesungen und -seminare» zu besuchen und «sich am Boykott gegen Hochschullehrer zu beteiligen»; «Zuwiderhandlungen» sollten mit «Ausschluß vom Studium an allen deutschen Hochschulen» bestraft werden (DKPDR 3, S. 276f. 📖).↩
46
Neben den Evangelischen Wochen von Bremen und Erfurt (s. oben, Anm. 27) waren von dem zum Jahreswechsel 1936/37 ergangenen Verbot alle, nach späterer Lesart nur die größeren «Evangelischen Wochen» von mindestens regionalem Charakter betroffen, «die von dem Reichsausschuß für Evgl. Wochen in Berlin veranstaltet werden und auf welchen namhafte Redner aus dem ganzen Reichsgebiet auftreten» (Runderlass der Geheimen Staatspolizei Berlin vom 16.1.1937 📖); im Jahr 1936 hatten zwei gesamtdeutsche und zwölf regionale «Evangelische Wochen» stattgefunden, dazu 30 «Evangelische Tage» mit nur örtlichem Charakter (vgl. DKPDR 3, S. 307f., mit Anm. 2 📖). Die Verbote wurden zunächst unterschiedlich gehandhabt, ab Sommer 1937 setzte sich jedoch ein rigides Vorgehen durch: die letzte «Evangelische Woche» fand vom 27.7.–1.8.1937 in Dresden statt (vgl. a.a.O., S. 308, Anm. 4). Vgl. zum Ganzen: Th. Brandt, Art. «Evangelische Wochen», in: EKL1 I, Sp. 1209 📖.↩
47
«Jemanden von Pontius zu Pilatus schicken» ist eine im Anschluss an Lk. 23,6–11 gebildete Redensart, die besagt, dass man jemanden völlig sinnlos zu mehreren verschiedenen Stellen schickt, bei denen er – natürlich vergeblich – um eine Auskunft, eine Bescheinigung o. ä. bitten soll.↩
48
Von diesem Vorgehen der Gestapo Wuppertal gegen die 1928 gegründete Theologische Schule, die seit 1935 ein Teil der Kirchlichen Hochschule der Bekennenden Kirche war, wird in einem «Rundschreiben des Moderamens des Reformierten Bundes für Deutschland und des Reformierten Konvents der Deutschen Evangelischen Kirche (D. Hesse) und des reformierten Mitglieds der Vorläufigen Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche (Lic. Albertz)» von «Anfang Januar 1937» berichtet. Ein vierseitiger Sonderdruck war auch Barth zugegangen (KBA 17272).↩
49
Dass die Umbesetzungen und Neubesetzungen vor allem die auf preußischem Gebiet liegenden Fakultäten betrafen, war von Beginn an erkennbar und auf deren personelle Zusammensetzung zurückzuführen: «In der Tat sind religiöse Sozialisten, gegen die sich der Nationalsozialismus entschieden wandte, nur in Preußen Theologieprofessoren gewesen: Barth, Dehn, Piper, K. L. Schmidt; Tillich, der in Frankfurt Philosophie lehrte, ist hinzuzurechnen. Auch die Kirchenkämpfe haben hineingespielt, […]; Schmitz und K. D. Schmidt, die in den Ruhestand versetzt wurden, waren als Führer der Bekennenden Kirche hervorgetreten» (H. Mulert, Die deutschen evangelisch-theologischen Fakultäten seit 1933, in: ChW 50 [1936]. Sp. 828–832, dort Sp. 831f. 📖). Völlig umgestaltet waren bis 1936 die preußischen Fakultäten von Bonn und Kiel, vergleichsweise stark, nämlich zu mehr als der Hälfte der Lehrstühle betroffen waren Berlin, Breslau, Göttingen, Königsberg und Münster (vgl. a.a.O.). – Zur Art und Weise der Neu- und Umbesetzungen mit kirchenpolitisch genehmen Dozenten vgl. K. Meier, Die Theologischen Fakultäten im Dritten Reich, Berlin / New York 1996, S. 352–391 📖.↩
50
Die beiden genannten Fakultäten waren insofern «intakt», als sie bis 1936 neben Rostock die beiden einzigen in ihrem Bestand seit 1933 unverändert gebliebenen Fakultäten waren; schon zeitgenössisch bemerkte man, dass dabei die «Kirchenkämpfe» eine wichtige Rolle spielten, «von denen Bayern und Württemberg nur kurze Zeit stärker berührt waren» (Mulert [Anm. 49], Sp. 831 📖). ↩
51
Es handelt sich um Wilhelm Vischer (1895–1988), 1928–1933 Dozent für Altes Testament in Bethel, 1933 suspendiert, seit 1936 Pfarrer an St. Jakob in Basel. Zum Verlauf des Altjahrsabends 1936 notierte Ch. von Kirschbaum: «um 11 Uhr trifft Wilhelm Vischer ein, zurückgekehrt von Barmen und Bethel, und erzählt. Wir vergessen den Jahreswechsel und scheiden um 1 Uhr fröhlich» (Eintrag vom 31.12.1936).↩
52
Gemeint ist Hermann Albert Hesse, der als Vertreter des Reformierten Bundes in Genf anwesend war und auch ein Grußwort der Vorläufigen Kirchenleitung überbrachte; zur Aufmerksamkeit, die sein Auftritt auf sich zog, vgl. oben, S. 472f, Anm. 12.↩
53
Zur Herkunft der durch Friedrich den Großen bekannt gewordenen Redewendung, nach der Gott immer mit den stärksten Bataillonen sei, vgl. V.u.kl.A. 1934–1935, S. 95, Anm. 46 📖; s. auch oben, S. 134, Anm. 60.↩
54
Diesen durch die Genfer Vorkommnisse sicher noch einmal vertieften Eindruck hatte Barth schon 1933 aus einem Gespräch mit Charles Stedman Macfarland (1866–1956; kongregationalistischer Pfarrer, 1911–1930 Generalsekretär des Federal Council of the Churches of Christ in America) gewonnen, dessen Quintessenz er im Anschluss so wiedergab: «die ausländischen Kirchen verfolgten mit einem very great interest den Kampf unserer two partys und wollten gerne abwarten, wie sich Alles noch entwickeln werde. Diese Oekumene kann mir wirklich gestohlen werden» (Brief Barths an A. Schädelin vom 13.11.1933 [KBA 9233.320; Br. 1933, S. 508 📖]).↩
55
Siehe oben, S. 233f.↩
56
In den Beschlüssen der vierten Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union, die vom 16.–18. Dezember 1936 in Breslau tagte (Dokumente des Kirchenkampfes II/2, S. 1217–1232 📖) hieß es u. a.: «Die Kirche hat den Auftrag, Christus dem ganzen Volke öffentlich zu bezeugen. […] Laßt Euch nicht einschüchtern! Bekennt mit Freimut, wo Ihr auch steht! […] Ermutigt Eure Pfarrer zu unerschrockenem Zeugnis!» («Weisungen der Synode an die Gemeinden», S. 1219f.); «Nunmehr versucht der Staat, die Studenten zum ausschließlichen Besuch dieser [= der staatlichen] Fakultäten zu zwingen. Er verbietet ihnen die Teilnahme an den Kursen der Bekennenden Kirche […]. Wir ermahnen sie deshalb eindringlich, sich durch keinerlei Drohungen vom Besuch der Lehrstätten der Bekennenden Kirche abhalten zu lassen» (a.a.O., S. 1221); «Synode nimmt die Wahrnehmung der kirchlich-theologischen Ausbildung durch die bisherigen Maßnahmen und Einrichtungen des Bruderrates auf ihre Verantwortung. Sie beauftragt den Bruderrat, für den Aufbau wissenschaftlich-theologischer Ausbildungsstätten und für eine verantwortliche Beratung der Studenten […] Sorge zu tragen» («Erklärung der Synode zum Eingriff des Staates in die kirchliche Ausbildung der Prediger», S. 1218); «Aber der Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch immer müssen wir um die Gestalt der Kirche ringen. Noch immer […] fehlt es in unserer Kirche an einer Ordnung, die davon Zeugnis ablegt, daß Gottes Wort allein Quell und Maßstab für Lehre und Leben in unserer Kirche sein soll» («Kirche und Kirchenleitung», S. 1227). – Über die Breslauer Beschlüsse war Barth durch den Rundbrief Nr. 52 des Coetus reformierter Prediger vom 22.12.1936 informiert (KBA 17257; K. Immer, Die Briefe des Coetus reformierter Prediger 1933–1937, hrsg. von J. Beckmann, Neukirchen-Vluyn 1976, S. 257–260 📖).↩