Mit diesem Anfang Januar 1937 geschriebenen Text, den er an verschiedene Zeitungen schickte, reagierte Barth auf die im Spätherbst 1936 erkennbare Verschärfung der staatlichen Maßnahmen gegen die Bekennende Kirche.
An verschiedenen der in Barths Ausführungen erwähnten Maßnahmen, die überwiegend gegen die Bekennende Kirche gerichtet waren und deren Höhepunkt die am 14. Dezember 1936 erfolgte Schließung der Theologischen Schule in Elberfeld markierte, wurde spätestens seit November 1936 erkennbar, dass sich die im Sommer ausgesprochene Befürchtung, die staatliche Zurückhaltung im Kirchenkampf werde nach dem Abschluss der Olympischen Sommerspiele in Berlin im August 1936 ein Ende finden,1 zu bewahrheiten begann.
Seine am 8. Januar 1937 beendete Stellungnahme2 zu diesen Vorgängen schickte Barth an die «Basler Nachrichten», die für einen Abdruck aber diesmal nicht zu gewinnen waren,3 und über Leonard Cutts an die «British Weekly». Ihm lag «an der Veröffentlichung dieses Artikels in der Presse, weil die Lage in Deutschland sich sehr zuspitzt und weil es der einzige Dienst an der dortigen Kirche ist, den wir vom Ausland her zu leisten imstande sind, wenn wir die Öffentlichkeit über die Vorgänge aufklären».4 In der «British Weekly», die am 31. Dezem|652ber 1936 bereits Barths Vortrag Die allgemeine kirchliche Bedeutung des deutschen Kirchenkampfes veröffentlicht hatte,5 erschien dieser neue Artikel in zwei Teilen: K. Barth, The Fight against the Evangelical Church in Germany, in: British Weekly. A journal of social and christian progress, Vol. 111, 28.1.1937, p. 411
📖; 4.2.1937, p. 426. – Im Weiteren gelang es zudem, über den befreundeten Arthur Frey einen Abdruck in der auch sonst kritisch über das nationalsozialistische Deutschland berichtenden «Neuen Zürcher Zeitung»6 zu erreichen: K. Barth, Der Kampf gegen die evangelische Kirche in Deutschland, in:
Neue Zürcher Zeitung, Jg. 158, Nr. 264, 14.2.1937 (Erste Sonntagausgabe), S. 1; Nr. 275, 15.2.1937 (Mittagausgabe), S. 1.
📖
A. Frey war mit der Resonanz auf Barths Artikel sehr zufrieden und schrieb ihm: «Wie ich beobachten konnte, sind Ihre Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung sehr stark beachtet worden. […] Ich glaube sagen zu dürfen, dass Ihnen auch in Zukunft die Neue Zürcher Zeitung als Sprachrohr zur Verfügung steht.»7
Es gab aber auch kritische Stimmen. Der eben emeritierte Basler Pfarrer August Waldburger8 etwa schrieb, er sei, weil Barths «Greuelnachricht» so «verhetzend» wirke, «von ganz verschiedenen Seiten aufgefordert worden», das «Nötige» zu sagen «zur Richtigstellung im einzelnen und zur Demaskierung des ganzen Hetzfeldzugs». Es sei nun «an der Zeit […], einmal die ganze Kampagne darzustellen, die seit langem auf die Schweiz losgelassen wird, um sie in möglichst gereizte Stimmung gegen Deutschland zu treiben».9
Schon am 31. Januar 1937, in Kenntnis nur des ersten Teils des Abdrucks, hatte Hermann Sasse10 sich an die Herausgeber der «British |653 Weekly» gewandt und besonders Barths negative Darstellung («absurd representation») der Rolle der Bischöfe der «intakten» Landeskirchen kritisiert. Diese, so Sasse, beruhe zum einen auf Barths Unwissen um deren tatsächliche aktuelle Situation, zum anderen spräche daraus Barths alte Abneigung gegen diese Bischöfe und ihren Kurs, der es ermöglicht habe, dass ihre Landeskirchen «intakt» geblieben seien.11
Vom Text sind zwei identische Typoskript-Fassungen erhalten, die je als «Abschrift» gekennzeichnet sind (Tskr. A).12 Ein weiteres Typoskript ist textidentisch, wurde jedoch mit einer anderen Schreibmaschine geschrieben (Tskr. B).13 Darüber hinaus existiert eine Rückübersetzung des Abdrucks in «British Weekly».14
Beide zeitgenössischen Veröffentlichungen des Textes erschienen in zwei Teilen. In der englischen Übersetzung, in die von der Redaktion Zwischenüberschriften eingetragen wurden, erfolgte dies weitgehend kommentarlos, angezeigt lediglich durch die Hinweise «To be concluded next week» bzw. «Concluded»; im Abdruck in der «Neuen Zürcher Zeitung», der auch sonst einige leichte sprachliche Korrektu|654ren und Veränderungen aufweist, ergänzte die Redaktion einen auf den Schluss des ersten Teiles rückblickenden Absatz. Die weiteren Abweichungen, die sich gegenüber den Typoskripten sowohl im Abdruck in der «Neuen Zürcher Zeitung» als auch in der «British Weekly» finden, ergeben ein uneinheitliches Bild. Teils lassen sie sich – vor allem am Ende – als der Überlänge des schon zweigeteilten Artikels geschuldete Kürzung erklären,15 teils glätten sie Barths Schreibstil;16 an zwei Stellen aber weisen sie übereinstimmende Abweichungen auf, die sich eigentlich nur durch die Existenz einer anderen, nicht erhaltenen Vorlage oder durch entsprechende Korrekturen an den verschickten Typoskript-Exemplaren erklären lassen.17
Erneut veröffentlicht wurde der Text in: Karl Barth zum Kirchenkampf. Beteiligung – Mahnung – Zuspruch (ThExH.NF 49), München 1956, S. 39–46.
📖 Diese Veröffentlichung beruht auf den vorliegenden Typoskripten und bildet die Grundlage dieser Edition; auf sie bezieht sich auch die eingefügte Originalpaginierung. Die Differenzen zu den Typoskripten und zum Abdruck in der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) sind nur ausgewiesen, soweit es sich nicht lediglich um solche Unterschiede handelt, die auf die benutzten Drucktypen zurückzuführen sind (z. B. die Verwendung von «ß» oder «ss»). Nicht ausgewiesen sind ebenfalls die zahlreichen nur im Abdruck in der «Neuen Zürcher Zeitung» enthaltenen Hervorhebungen.
Der Kampf gegen die evangelische Kirche in Deutschlanda
Es ist an der Zeit und es besteht Anlass, zu dieser Sache, die, für die meisten von uns hinter den Nebeln unzureichender und wohl auch |655 irreführender Unterrichtung verborgen, ihren konse40quenten Lauf nimmt, wieder einmal ein Wort zu sagen. Ich tue es in Form eines kurzen Kommentars zu den letzten Mitteilungen, die durch die Presse gegangen sind.
Es ist in der Tat an dem, dass Staat, Partei und Geheimpolizei des Dritten Reiches ungefähr seit dem Herbst des vergangenen Jahres zu einem neuen, offenkundig einheitlich inspirierten und dirigierten Angriff gegen die evangelische Kirche angetreten sind. Dass erb in erster Linie die sogenannte Bekenntniskirche trifft – unter der selbst wieder eine sehr vielfache Staffelung der zum Widerstand Entschlossenen zu verstehen ist – und in erster Linie von ihr erlitten und abgewehrt werden muss, darf doch nicht übersehen lassen, wie sehr er aufs Ganze geht: in der Weise, dass über kurz oder lang nicht nur die seinerzeit vom Staat selbst eingesetzten Zoellnerschen Kirchenausschüsse,18 nicht nur die immer noch optimistischenc lutherischen Bischöfe von Bayern, Württemberg etc.d samt ihren «intakten» Landeskirchen,19 sondern auch die Gutgläubigen und Aufrichtigen in der breiten Masse der Vermittler aller Sorten, aber auch in den Reihen der rechtsstehenden «Deutschen Christen» (etwa Rehmscher Observanz20) auch von ihren bisher nicht oder wenig «bekenntnismäßigen» |656 Standpunkten aus kaum mehr werden leugnen können, dass die Sache von einem Kampf gegen die Kirche als solche und ihre Substanz, wie er mit anderen Methoden in Russland geführt wurde und geführt wird,21 grundsätzlich nicht mehr zu unterscheiden ist. Die in den letzten Monaten immer plastischer gewordene deutsche bzw. nationalsozialistische Methode ist diese:
1. Man (gemeint ist das völlig unentwirrbare Ineinander von Staat, Partei und Geheimpolizei, das in Deutschland im Besitz der öffentlichen Gewalt ist) wahrt zunächst den Schein einer Haltung der offiziellen Duldung, ja Anerkennung, ja Fürsorge gegenüber dem kirchlichen Apparat als solchem. Heißt es im Programm der NSDAP nicht nach wie vor, vertrauenerweckend für alle Harmlosen, dass die Partei auf dem Boden des «Positiven Christentums» stehe?22 Man wird im kritischen Fall – wenn etwa ausländische Instanzen sich unangenehm bemerkbar machen sollten – in der Lage sein, auf diesen Schein zurückzukommen, und wird in der Ferne, aber doch auch in Deutschland selbst bei Unzähligen – bei allen nach Frieden wenigstens auf diesem Gebiet Begehrenden, bei allen Ordnungsfreunden um jeden Preis – leicht den Eindruck erwecken, dass alles Nötige und Vernünftige oder dass wenigstens nichts offenkundig Böses geschehe. Auf dieser Linie und in Wahrung dieses Scheins wurde vor dreizehn Monaten das Kirchenministerium Kerrl und wurden die Zoellnerschen |657 Ausschüsse bestellt: «zur Befriedung» der Kirche, wie es damals hieß.23 Das Resultat ist heute am Tage: Wo diese Ausschüsse ausnahmsweise – dank der braven Leute, die, wie Zoellner selbst, kurzsichtig genug waren, sich zu dieser Sache herzugeben – einmal etwas Ernsthaftes wollten und anstrebten, da ist ihnen der Kirchenminister e-jedes Mal-e hindernd 41 in den Arm gefallen.24 Wohl aber ist es ihnen |658 (f-ist es durch sie-f der öffentlichen Gewalt!) gelungen, wenigstens zeitweise und teilweise einige Verwirrung in die Reihen der Bekenntniskirche zu tragen, allen Geistern der Trägheit und des Opportunismusg neues Leben einzuhauchen und vor allem: der ganzen nationalsozialistischen Kirchenpolitik dem Inland und dem Ausland gegenüber ein überaus anständiges, um nicht zu sagen ehrwürdiges Gesicht zu geben: ein Gesicht, auf das auch so und so viele Schweizer aufs schönste hereingefallen sind. Man verlasse sich darauf: dieses und nicht die «Befriedung» war von Anfang an der Zweck dieser Übung, an deren Stelle, wenn sie einmal verbraucht sein sollte, eine andere ähnliche zu setzen man bestimmt nicht in Verlegenheit sein wird.
2. Man enthält sich auch im Einzelnen tunlichst aller schreienden Gewalttaten. Niemand wird erschossen. Verhältnismäßig wenige werden abgesetzt, ausgewiesen oder gar eingesperrt.25 Auf russische oder spanische Schreckensnachrichten26 soll der ausländische Zei|659tungsleser umsonst warten und also weiterschlafen. Man tut aber Folgendes: Man beseitigt auch noch die letzten der Bekenntniskirche gelassenen legitimen Presse- und Versammlungsfreiheiten. Man schnürt aber auch die Bewegungs-, Verkehrs- und Äußerungsmöglichkeiten der übrigen kirchlichen Instanzen und Gruppen (mit Einschluss des vom Staat selbst eingesetzten Reichskirchenausschusses!) in dem Maßeh ein, als sie etwa doch noch irgendwelche Regungen kirchlicher Verantwortlichkeit verraten sollten. Man verbietet in Lübecki sogar Marahrens, man verbietet in
Erfurt sogar Meiser, das Wort zu ergreifen.27 Und dann – nachdem die Parteienj mittels des geheimpolizeili|660chen Zauberwortes «Zum Schutz von Staat und Volk!»28 nach Möglichkeit ungleich gemacht sind –, dann eröffnet man (zuständig wird nun das Reichspropaganda-Ministerium) ein wahres Trommelfeuer von literarischen und rhetorischen Verdächtigungen, Anklagen, Beschimpfungen – nun eben gegen das, was das Leben der Kirche ausmacht, auch wenn diese selber noch so sehr dem Irrglauben und Aberglauben verfallen sein sollte, geschweige denn, wenn sie bewusste, entschiedene und bekennende Kirche ist. Es widerstrebt mir,
Beispiele aus dieser Literatur («Blitz», «Durchbruch», «Stürmer», «Schwarzes Korps» und wie diese Blätter alle heißen29) oder aus den Reden der Ley, Streicher, Sauckel30 usw. zu bringen. Das «Gedanken|661gut», wie man draußenk sagt, ist immer dasselbe: Christentum ist Judentum, Judentum ist Bolschewismus, Bolschewismus ist Volksfeindschaft. Also fort mit dem Christentum! Da ein Einspruch der Gegenseite aus guten Gründen nicht zu befürchten ist, können es sich diese Schreiber und Redner geistig wirklich köstlich leicht machen. Man halte sich aber vor Augen: die Leserzahl dieser Blätter geht zum Teil in die Hunderttausende.31 Die in dieser Sache tätigen Redner sind auch nicht die ersten Besten, sondern hohe und höchste Staats- und Parteifunktionäre. Und wenn im
Dritten Reich in einer Sache so einmütig und unter so einheitlicher polizeilicher Duldung 42 geredet wird, dann war bis jetzt noch immer kein Zufall, sondern System und Absicht dahinter. Kann die Absicht hier eine andere sein als die, die deutsche Öffentlichkeit l-(nach bewährtem Rezept!)-l durch ununterbrochenes grobes Dröhnen – nicht etwa zu überzeugen, wohl aber daran zu gewöhnen, dass das ziemlich indifferenziertm angegriffene «Christentum» nun einmal eine schädliche, gefährliche und verdammungswürdige Sache sei? Es kann natürlich nicht an dem sein, dass das wirkliche Leben der Kirche durch das alles geschädigt oder auch nur getroffen werden könnte. Aber was wird dabei aus unzähligen törichtenn Menschen, die dieser journalistischen und rhetorischen Behandlung nicht gewachsen sind? Es ist auch durchaus damit zu rechnen, dass es der Kirche selbst sehr gut sein kann, zu dem allem – sie hat manchmal nur zu viel geredet – nun einmal schweigen zu müssen. Aber das ist keine Entschuldigung der Angreifer. Es ist Tatsache, dass der gegenwärtige deutsche Staat die Kirche durch seine Presse aufs rücksichtsloseste bedrängt und ihr gleichzeitig dieser Bedrängnis |662 gegenüber den Mund verbietet. Es ist Tatsache, dass Streicher reden darf und sogar Zoellner (um von der Bekenntniskirche nicht zu reden) in der Öffentlichkeit schweigen muss.32 Es ist Tatsache, dass harmloseste Sonntagsblätter gemaßregelt und sogar unterdrückt worden sind, wenn sie das Kind auch nuro von ferne beim Namen zu nennen wagten.33 Es ist Tatsache, dass auch Gegenerklärungen im Rahmen des
Gottesdienstes und also buchstäblich innerhalb der Kirchenmauern nur unter der beständigen Gefahr polizeilicher Eingriffe und Ahndungen vor sich gehen können.34 Es ist Tatsache, dass die wüsteste Gotteslästerung im heutigen Deutschland frei, dass dagegen die Kirche in ihrem Wort behindert ist. – Dies ist’s, was sich zunächst hinter den Kulissen des scheinbar so unbedenklich geordneten Verhältnisses von Staat und Kirche ereignet.
663 3. Äußerlich unabhängig von diesem «geistigen» Kampf ist auf dem Gebietp der Kultur- und Schulpolitik ein ganzes System von direkten und indirekten Maßnahmen in Bewegung, die Zug um Zug – man glaubt sich in die Zeiten des Kulturkampfes35 zurückversetzt, nur dass das Verfahren viel durchgreifender geworden ist – das schlichte Ziel verfolgen, die Kirche so zu isolieren, so überflüssig zu machen, dass über kurz oder lang nach dem Rechtstitel für ihre formelle Beseitigung nicht mehr gefragt zu werden braucht. Die Richtung der nationalsozialistischen Kirchenpolitik jedenfalls gegenüber der evangelischen Kirche ist eine andere geworden, als es anfangs schien oder als man jedenfallsq 1933 durch den Mund der «Deutschen Christen» verkündigen ließ. «Erobern» wollte man damals die Kirche.36 Es ist heute |664 nicht zu verkennen, dass man sie nur noch r-kaputt machen-r will zugunsten einer je nach Bedürfnis mehr
oder weniger sentimental angehauchten Staatsgesinnung, zugunsten der Moral des «politischen Soldaten», in der der deutsche Mensch seine letzte Bestimmung erkennen soll,37 die mit Kirche überhaupt nichts mehr zu tun haben wird und 43 zu deren Aufrichtung wahrscheinlich die «Deutschen Christen» milderer, mittlerer und strenger Observanz, die «Deutsche Glaubensbewegung»38 samt allen Rosenbergiaden39 und samt den Unternehmungen des wilden Ehepaars Ludendorff40 nur zu präludieren be|665stimmt sind. Man darf im Ausland nicht erwarten, dass s-dieses Kaputtmachen-s sich in großen Geräuschen vernehmbar machen werde. Die Sache ist mit Recht mit dem allmählichen Ab- und Neubau einer Eisenbahnbrücke verglichen worden, über die der Reisende eines Tages fahren wird, ohne zu bemerken, dass es nicht mehr die alte, sondern schon die neue Brücke ist.41 Icht schildere im Folgenden genau nach der Wirklichkeit, wie das gemacht wird: Man braucht die Kirche bloß unter sukzessiver Beseitigung der Fäden, die sie bisher mit dem Leben der Nation verbanden, in einen ihr angeblich freigegebenen Binnenraum privater Andacht und Zeremonie zu verweisen. Man braucht dann das entstehende Vakuum nur durch allerlei eigenen Ersatz ausgiebig auszufüllen. Man braucht dann nur nachdrücklich auf die Bedeutungslosigkeit dieser privaten Angelegenheit hinzuweisen. Man braucht dann auf Beamte und Parteigenossen nur genügend zu drücken in dem Sinn, dass jene Privatangelegenheit die ihrige doch schwerlich sein könne, und dass Neutralität ihr gegenüber eine gute, Kirchenaustritt vielleicht die beste Sache sein könnte.42 Man braucht |666 bloß jede Stimme, die auf den ganzen Vorgang etwa aufmerksam machen wollte, als schändliche Hetzerei und Wühlerei zu verdächtigen und zum Schweigen zu bringen. Die undiskutierbare Vollmacht und Macht, das alles zu tun, steht ja zur Verfügung. Die Kirche wird dann eines Tages zu einem Verein etlicher lebensfremder Sonderlinge und alter Leute geworden sein, die im Stil der bösen Bolschewisten auszurotten man, wenn es so weit ist, das Odium nicht einmal auf sich zu nehmen brauchen wird, weil er mit der nächsten Generation bestimmt der Selbstauflösung verfallen wird. Und um die Sache vorwärts zu treiben,
braucht man den erlaubten kirchlichen Binnenraum nur ruckweise immer enger zu umgrenzen, immer knapper zu werden in der Bestimmung dessen, was zulässige private Andacht und Zeremonie allenfalls noch sein möchten. Es ist klar, dass die Maschinerie gerade bei dieser letzten Funktion nun gelegentlich doch nicht ganz ohne Geräusch arbeitet, und dass bei solchen Anlässen der Sinn des ganzen Prozesses für einen Augenblick weithin bemerkbar werden kann. Wo blieb der Respekt auch nur vor den eigenen, den inneren Angelegenheiten der Kirche, als man ihr damals mit dem ihr oktroyierten System Kerrl-Zoellner ganz einfach die Kapitulation vor den «Deutschen Christen» zumuten wollte? Was hilft die der Kirche theoretisch zugestandene Freiheit der Lehre, wenn tatsächlich nicht nur jeder im Namen dieser Lehre erhobene Widerspruch gegen die Religionspolitik (oder gar gegen sonstige Maßnahmen!) des Staates, sondern nachgerade immer mehr auch die schlichte positive Geltendmachung biblischer Wahrheiten wie etwa die der Universalität der Taufe, 44 des Ernstes der Sünde, der Gültigkeit des Alten Testamentes, des Gebotes der Demut usw. als «unserem völkischen Sittenempfinden» widerstrebendes, politisch verabscheuungswürdiges Unternehmen perhorresziert wird,43 im Blick auf das man die Kirche |667 auffordert, «bekennend an die Brust zu schlagen» [vgl. Lk. 18,13]: bekennend nämlich, dass sie, wenn sie solchen Lehren anhänge, selber daran schuld sein werde, wenn sie eines Tages des deutschen Volkes Kirche nicht mehr sein werde. Ist es nicht auch ein Eingriff in einen Bereich, den man nun wirklich für den eigensten Bereich der Kirche halten sollte, wenn der Religionsunterricht an den staatlichen Schulen mehr und mehr zu einem Institut zur Bekämpfung der «jüdisch-asiatischen Vorstellungswelt» des Christentums verwandelt wird?44 Oder wenn der Reichskultusminister am 17. November mit einem Federstrich verfügt, dass es den Theologiestudenten in Zukunft bei Strafe dauernden Ausschlusses vom staatlichen Universitätsstudium verboten sei, an irgendwelchen von der
Bekenntniskirche ausgehenden Unterrichtsveranstaltungen teilzunehmen?45 Wenn aber gerade in der letzten Zeit auch theologische Schulungswochen für Pfarrer und andere Gemeindeglieder systematisch verboten und unterdrückt werden?46 Wenn die Elberfelder Geheimpolizei am Morgen des 14. De|668zember unangekündigt, ohne Vorweisung einer schriftlichen Verfügung, ohne dass auch nachher, sei es bei Pontius, sei es bei Pilatus47, auch nur eine Angabe der Gründe zu erhalten gewesen wäre, die dortige Theologische Schule mitten in ihren Vorlesungen gestört und dann «geschlossen» und «aufgelöst», die Lehrer und Schüler auseinandergejagt und des zum Zeichen ihre Türen, wie es solche Regenten von jeher liebten, versiegelt hat?48
Was haben gerade die zuletzt erwähnten Dinge zu bedeuten? Sie haben sehr greifbar dies zu bedeuten, dass die vorgesehene Entwicklung diesen Regenten offenbar noch nicht schnell genug geht und also beschleunigt werden soll. Es war nicht wirksam genug gewesen, dass man besonders in Preußen ungefähr alle bekenntnistreuen Elemente aus den staatlichen theologischen Fakultäten entfernt und ihre Lehrstühle mit verblendeten jungen Leuten besetzt hatte, die um des Ordinariats willen schleunigst bereit waren, fortan die deutsch-christliche Irrlehre vorzutragen.49 Die Kir|669che war doch immer noch kräftiger gewesen, als man gedacht hatte. Sie hatte nicht kapituliert. Sie hatte sich auch nichtu damit begnügt, die theologische Jugend nun etwa der ewig neutralen Weisheit der bis jetzt noch leidlich «intakten» Fakultäten von Tübingen und Erlangen anzuvertrauen.50 Sie hatte aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln Gelegenheiten geschaffen, die wirkliche, die unverfälschte und unverkürzte christliche Lehre vorzutragen und zu hören, und der Zulauf, den diese Notinstitutionen fanden, die Wirkung, die von ihnen ausging, war ein offenes Geheimnis. Also musste man
jetzt wieder ein Stück weiter in den angeblich respektierten Binnenraum der Kirche hineingreifen, um auch diese Institutionen v-kaputt zu machen-v. Dass die wirkliche christliche Lehre sich etwa auf solchem 45 Wege aus sich selbst erneuere und erhalte, das passt eben nicht zu dem vorgesehenen Abbauprogramm, das kann also auch nicht zu der vorläufig noch bewilligten privaten Andacht und Zeremonie gehören …!
Solche Dinge erfährt man dann wohl auch im evangelischen Ausland. Aber das evangelische Ausland ist – das muss einmal gesagt werden – der Not der deutschen Schwesterkirche gegenüber im Gan|670zen merkwürdig apathisch. w-Ein bekannter schweizerischer Pfarrer, der ums Jahresende in einem der Zentren des deutschen Kirchenkampfes weilte,51 wurde dort gefragt, ob man denn im Gottesdienst in der Schweiz auch für die bedrängte evangelische Kirche in Deutschland bete? Er musste wahrheitsgemäß antworten, dass dies seines Wissens nicht geschehe. Ich habe es selbst miterlebt, wie beim Genfer Calvinjubiläum des letztes Sommers die Gegenwart und die Ansprache eines Vertreters der deutschen Bekenntniskirche entgegen den ganz auf friedliche Festlichkeit eingestellten Intentionen der leitenden Kreise gewissermaßen eingeschmuggelt werden musste und von diesen offensichtlich als eine Störung des – Calvinjubiläums aufgenommen wurde!52 x-Und die im selben Genf residierenden ökumenisch-kirchlichen Instanzen scheinen bis auf diesen Tag auch noch nicht mit sich ins Reine gekommen zu sein, ob die Sache der deutschen Bekenntniskirche sie eigentlich etwas angehe oder ob sie nicht als die Sache bloß einer bestimmten Theologie zum vornherein so diskreditiert sei, dass es das Geratenste sei, bis zum Sichtbarwerden der «stärkeren Bataillone»53 zwischen ihr und Zoellner die sichere Mitte zu halten.54 Ich will – indem ich der Meinung bin, dass diese offizielle |671 Apathie (und Diplomatie!) sich noch einmal rächen wird – nicht verschweigen, dass ich bei einer Reihe von schweizerischen Gemeinden entschieden mehr Herz und Verständnis für diese Sache gefunden habe.-w-x
Es sei übrigens zum Schluss mit y-derselben Bestimmtheit wiederholt, was seinerzeit anlässlich der Aufrichtung des Kirchenministeriums Kerrl gesagt wurde:55 Die Bekenntniskirche wird weiter bestehen.-y Und das mit oder ohne den Beistand des evangelischen Auslandes! z-Was eben über dieses gesagt wurde, wurde um seiner selbst, nicht um Deutschlands willen gesagt. Die Bekenntniskirche und in und mit ihr die deutsche evangelische Kirche als solche wird weiterbestehen. Alles, was damals zur Begründung dieses Satzes gesagt wurde und was sich seither deutlich genug bewährt hat, gilt auch heute.-z Solange und sofern eine Kirche bekennende Kirche ist, wird man sie weder mit List noch mit Gewalt, weder mit einer übermächtigen Propaganda noch mit aa-dem Polizeiknüppel kaputt machen-aa können. Man braucht dieser Kirche bloß das eine zu wünschen, dass sie sei und noch viel intensiver werde in Tat und Wahrheit, was sie ist: Bekennende Kirche. Als solche hat die deutsche evangelische Kirche, ab-wie nun auch bei uns bekannt geworden ist,-ab auf der Synode von Breslau erklärt, dass mit Gottes Hilfe alles weitergehen muss und wird: die 46 Predigt des Evangeliums, neben dem es kein anderes gibt, aber auch die Sammlung und Belehrung der Gemeinden und darum auch die Erneuerung der christlichen Lehre aus sich selbst und ihren |672 ewigen Quellen und also auch die theologischen Schulen und Schulungswochen!56 So wie die, die dies erklärt haben, sich bis jetzt bekannt gemacht haben, darf man ruhig annehmen, dass sie Manns genug sein werden, ihren Worten entsprechend zu handeln. Wogegen kein Tieferblickender verkennen dürfte, dass der ganze heute so lebhaft und kunstvoll gewordene Ansturm der Gegenseite mehr, sehr viel mehr von deren aus mancherlei Gründen wachsenden Nervosität als von einem guten Gewissen und von der natürlichen Zuversicht der Vertretung einer guten Sache Zeugnis gibt.