1936

Der deutsche Kirchenstreit als Frage an den schweizerischen Protestantismus

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DER DEUTSCHE KIRCHENSTREIT
ALS FRAGE AN DEN
SCHWEIZERISCHEN PROTESTANTISMUS

1936

Diesen Text schrieb Barth für die Wochenzeitung «Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft», die 1933 in Bern gegründet worden war und sich vor allem im publizistischen Kampf gegen totalitäre Bestrebungen engagierte.1

Eine erste Anfrage für einen Artikel über «die heutige Situation des Protestantismus» hatte Hans Graf, gerade seit Sommer 1935 Redakteur der «Nation»,2 bereits am 26. September 1935 an Barth gerichtet und ihm dabei das genaue Thema zwar freigestellt, aber zugleich unterstrichen: «Es würde sich wohl vor allem um eine Stellungnahme zu den totalitären Ansprüchen des Staates und zum neuen Mythos handeln.»3 Die Leserschaft der Zeitung, so Graf weiter, «die sich über alle Bevölkerungskreise und Parteien erstreckt», sei zu Dank verpflichtet, «wenn sie vom führenden protestantischen Theologen einen wegweisenden Artikel» erhielte.4

Barth reagierte auf dieses Schreiben zunächst nicht, und so fragte Graf gut zwei Monate später nach und erweiterte seine Bitte auf eine Stellungnahme auch zur Diskussion um die «Oxford-Bewegung». Mit |387 Emil Brunner habe bereits ein prominenter Fürsprecher zugesagt, nun suche man eine kritische Stimme.5

Als sich diese Absicht nach längerem Hin und Her als undurchführbar erwies,6 bot Barth an, stattdessen wenigstens den ursprünglich erbetenen Artikel zu schreiben,7 was Graf dankbar annahm, denn: «es werden sich die durch das Ausbleiben des Oxford-Artikels enttäuschten Leser mit der Situation besser abfinden».8 Trotzdem musste Graf einen Monat später noch einmal an diese Zusage erinnern und begründete sein Drängen damit, dass er die vielen Leser, die nachgefragt hätten, «warum die angekündigte Nummer über die Oxford-Bewegung nicht erschienen sei», damit vertröstet habe, «dass dafür ein anderer Artikel aus Ihrer Feder in Aussicht stehe».9

Auch nach dieser Erinnerung musste Graf sich noch gedulden: Erst nachdem Barth den Schaffhauser Vortrag Die bekennende Kirche im heutigen Deutschland gehalten und das dringende Gutachten für die Verhandlung gegen Gerhard Brunzema beendet hatte,10 ging er am 18. März daran, den erbetenen Artikel zu schreiben.11 Was er niederschrieb, stimmt mit dem, was er in Schaffhausen vortrug, inhaltlich weitgehend überein; für den Zeitungsartikel fasste er sich jedoch deutlich kürzer als im Vortrag.

Schon wenige Tage später, am 26. März 1936, erschien «Die Nation» mit Barths Artikel und einem gezeichneten Porträt von ihm auf der Titelseite.12 Ein Wiederabdruck erfolgte in: Karl Barth zum Kirchenkampf, Beteiligung – Mahnung – Zuspruch (ThExh.NF 49), München 1956, S. 61–66 📖.

388 Als einzige Vorarbeit erhalten ist ein fünfseitiger Typoskript-Durchschlag (KBA 10095), dessen Original als Vorlage an die Zeitung geschickt worden ist. Vorlage für den Editionstext ist der Wiederabdruck von 1956. Die marginalen, inhaltlich nicht relevanten Abweichungen, die Typoskript und Zeitungsartikel gegenüber dem Wiederabdruck aufweisen, werden nicht ausgewiesen.13

Der deutsche Kirchenstreit als Frage an den
schweizerischen Protestantismus

Wie der deutsche Kirchenstreit weitergehen oder endigen wird, das kann heute niemand sagen. Es ist möglich, dass er zunächst einfach in der bisherigen Zähigkeit quer hindurch durch allerlei weitere Irrtümer, Misserfolge und Stockungen weitergeführt werden muss und weitergeführt werden wird. Es ist auch das möglich, dass das Heer, das heute als «bekennende Kirche» mehr oder weniger streitbar auf dem Plan steht, wenigstens in seiner Hauptmasse endlich und zuletzt der Stimme der historisch, politisch, praktisch, juristisch zehnmal Klugen, auch der Stimme einer weichen «brüderlichen Liebe»,14 auch der Stimme einer wahrlich verständlichen Müdigkeit in seinen eigenen Reihen doch noch Gehör schenken und sich in irgendeiner Form auf den Kompromiss einlassen wird, der ihm im letzten Herbst durch den nationalsozialistischen Staat angeboten wurde und auch jetzt noch sehr dringlich angeboten wird.15 Es ist wiederum nicht un|389möglich, dass dieser Staat, wenn die Olympiade erst vorbei und die ausländische Zuschauerschaft etwas weniger zu fürchten ist, versuchen könnte, der Sache ein brutales Ende im Stil bekannter anderer Vorgänge zu bereiten.16 Und es ist ja auch das nicht ganz unmöglich, dass die Tage dieses Staates selbst einmal plötzlich gezählt sein könnten und dass dann der begonnene kirchliche Kampf und Aufbau unter ganz neuen, heute noch nicht vorstellbaren Bedingungen fortgesetzt und zu irgendeinem Abschluss geführt werden müsste.

Wie dem auch sein möge, eines lässt sich schon heute mit Sicherheit übersehen und feststellen: dieser Streit ist auf keinen Fall umsonst gewesen. Er hat eine Möglichkeit kirchlicher Entwicklung und Gestaltung sichtbar gemacht, der jedenfalls eine Minderheit draußen – ich habe mich schon vor einem Jahr getraut, sie öffentlich anzureden als die, «die standen, stehen und stehen werden»,17 und bin bis jetzt nicht enttäuscht worden – unter allen Umständen treu bleiben und die |390 für die Zukunft des deutschen, aber auch für die des übrigen, auch unseres schweizerischen Protestantismus ihre Bedeutung als eindringliche Frage unter allen Umständen hat und behalten wird.

Was ist in Deutschland in diesen Jahren geschehen?

Die innere und äußere Lage, der geistig-theologisch-politische Charakter der deutschen evangelischen Kirche war vor 1933 von 62 dem Bild, das die andern protestantischen Kirchen noch heute bieten, kaum verschieden. Sie war eine durch zahlreiche sichtbare und unsichtbare Übereinkünfte mit der neuzeitlichen Kultur- und Gesellschaftsordnung nach außen leidlich gesicherte, in ihrem Wesen und Willen aber reichlich unbestimmte, ihrer Überlieferungen und ihrer Zukunft nicht so ganz sichere und darum ziemlich steuerlos dahertreibende Religionsgesellschaft.18 Diese Kirche bekommt es 1933 mit einem Widerpart von bisher ungewohntem Format zu tun, mit dem totalen Staat des Nationalsozialismus. Er unterscheidet sich von dem konservativen oder liberalen Staat dadurch, dass er unverkennbar selber die Merkmale einer Religion oder Kirche (etwa von der Art des Islam19) trägt. Er ist eine «Weltanschauung», und zwar eine dem Christentum in jeder sinnvollen Bedeutung des Begriffs radikal entgegengesetzte «Weltanschauung».20 Er versteht es, sich dem deutschen |391 Volke (man frage nicht, wie?) als politischen Retter aus der Not zu empfehlen und annehmbar zu machen. Die Forderung, die er – unterstrichen durch eine unumschränkte und auf allen andern Gebieten skrupellos angewendete Machtfülle – an die Kirche richtet, lautet schlicht dahin, dass sie sich ihm «gleichzuschalten»,21 d. h., dass sie ihre, die christliche Verkündigung und Ordnung der seinigen innerlich und äußerlich anzupassen habe. Diese Forderung findet, wie es unter dem allgemeinen Druck des politischen Umschwunges und nach der geistigen Vergangenheit des Protestantismus in den letzten zweihundert Jahren22 nicht anders zu erwarten war, in der deutschen Kirche selbst Beifall, und zwar einen zunächst jeden Widerspruch übertönenden Beifall. Der Unsinn bricht aus und siegt. Die offizielle Führung der Kirche Luthers gerät in die Hände des «Reichsbischofs» Ludwig Müller und der «Deutschen Christen».23 Es zeigt sich jetzt – in Deutschland pflegen sich die Dinge immer sehr prinzipiell und drastisch zu zeigen –, dass sich die protestantische Kirche tatsächlich schon seit Jahrhunderten allerhand andern weniger ostentativen und aggressiven Fremdmächten allzu sehr «gleichgeschaltet» hatte, als dass sie jetzt in der Lage sein konnte, die ihr gemachte plumpe Zumutung so prompt und sicher abzulehnen, wie sie es vermöge ihrer christlichen Substanz hätte tun müssen.24

392 Es fragt sich allen Ernstes, ob die längst angebahnte Auflösung des Protestantismus jetzt nicht zu ihrem logischen Ende kommen wird. Es fragt sich, ob die Kirche dem über sie gekommenen neuen Islam nicht innerlich und äußerlich einfach erliegen und damit aufhören wird, protestantische und christliche Kirche zu sein.

Aber in dieser Stunde der Gefahr kommt es zu einer zweiten Überraschung: Mühsam und langsam genug, aber deutlich erkennbar erwacht die Kirche aus dem jahrhundertelangen Schlaf, der ihr in der großen Versuchung zum endgültigen Verderben zu werden schien. Es scheint wirklich des so massiven Widerparts von 1933 bedurft zu haben zu diesem Erwachen! Aber 63 es ist jedenfalls Tatsache: dem Willen gerade dieser Fremdmacht steht eines Tages – unsicher, tastend, auf einer numerisch zunächst sehr dünnen Linie, aber in seinem Wesen ganz klar und darum auch sofort wirksam – der ausgesprochene protestantische Wille gegenüber, christliche Kirche nicht nur zu bleiben, sondern (im Protest gegen die ganze vorangegangene Entwicklung vor 1933) nun erst recht und ganz aufs Neue zu werden – die Bereitschaft und der Wille zur Reformation und damit die Bereitschaft und der Wille zum Widerstand gegen die nationalsozialistische Versuchung.

Es ist Tatsache, dass die Kirche sich – anders als in so und so vielen frühern Fällen – bewusst ist, vor die Wahl gestellt zu sein zwischen Bekenntnis und Verleugnung, und dass sie, vor diese Wahl gestellt (dem totalen Staat, ihrer eigenen offiziellen Führung und auch der Masse ihrer nur «nominellen» Anhänger zum Trotz!), das Bekenntnis wählt. «Bekenntnis» heißt sehr einfach: offene und öffentliche Erklärung im Sinne der christlichen Substanz der Kirche und nicht (das wäre Verleugnung!) im Sinn der alten und neuen Fremdmächte bzw. eines Kompromisses mit diesen Fremdmächten. Und «bekennende Kirche» heißt wieder sehr einfach: Kirche, die sich christlich entscheidet, Kirche, die aus einer nach allen Seiten offenen Religionsgesellschaft wieder zur Kirche wird, wieder aus ihrer christlichen Substanz zu leben willens ist. Mit diesem Lebenwollen kommt aber auf einmal auch das Leben in ihre Mauern und in die Reihen ihrer Glieder zurück, in großer Schwachheit, unter viel Verlegenheit, Not und Kampf nach allen Seiten freilich, aber: das Leben. In dieser Kirche weiß man wieder, warum man an Jesus Christus glaubt und sonst an |393 keinen Gott und warum man nicht römischer, sondern nun eben evangelischer Christ sein möchte. Man weiß wieder, was man daran hat, getauft zu sein und zum Abendmahl gehen zu dürfen. Man weiß wieder, dass und warum man das Wort Gottes unbekümmert nach Anweisung der Bibel und nicht anders zu verkündigen hat. Man weiß wieder, was man singt, wenn man die Psalmen und Choräle des 16. Jahrhunderts singt. In der Entscheidung des Bekenntnisses weiß man es auf einmal wieder!

Das Dritte, was geschehen ist, ist dies, dass diese bekennende protestantische Kirche dem nationalsozialistischen Staat nun seit Jahr und Tag in aller Form und nicht ohne Erfolg Schach geboten hat. Sie hat die offizielle These von der außer in Jesus Christus auch noch in Adolf Hitler geschehenen Gottesoffenbarung ausdrücklich und öffentlich als einen die Kirche zerstörenden und die kirchliche Gemeinschaft aufhebenden Irrtum bezeichnet.25 Sie hat ebenso ausdrücklich und öffentlich die Lehre von der Totalität des Staates als eine falsche, christlich unmögliche Lehre erklärt.26

Sie hat sich selbst, im Gegensatz zu den Behörden und zu den Massen der offiziellen «Kirche», als die allein rechtmäßige Deutsche Evangelische Kirche erklärt und den «Deutschen Christen» deutlich 64 gemacht, dass sie sich außerhalb dieser Kirche gestellt haben. Sie hat ein «Notrecht» proklamiert, auf Grund dessen sie den in Übereinstimmung mit der Staatsführung arbeitenden Organen jener offiziellen «Kirche» den Gehorsam aufsagte und sie durch neue, eigene Organe, eine eigene Reichssynode, einen eigenen «Bruderrat», eine |394 eigene «vorläufige Kirchenleitung» und überall, wo die «Deutschen Christen» die Mehrheit und die Herrschaft haben, durch entsprechende Unterorgane in den Ländern, Provinzen und Gemeinden ersetzt.27 Sie hat Tausende von Gemeinden mehr oder weniger erfolgreich und konsequent in ihrem Sinn mobilgemacht. Sie hat eigene Prüfungsämter und drei eigene theologische Hochschulen eingerichtet.28 Sie verfügt über einen oft gestörten, aber immer wieder funkti|395onierenden Nachrichten- und Verständigungsapparat.29 Und vor allem: sie bestimmt direkt oder indirekt die Richtung eines jedenfalls großen und sicher des eigentlich lebendigen Teils der Verkündigung, des Unterrichts, der Seelsorge im Raum des deutschen Protestantismus und sie hat in allen Gegenden und in allen Ständen Deutschlands ihre mehr oder weniger klar blickenden und aktiven, aber hinsichtlich ihrer grundsätzlichen Zuverlässigkeit allmählich erprobten, zu allen oder doch zu vielen Opfern bereiten Vertreter und Kämpfer. Und der nationalsozialistische Staat hat sich das alles gefallen lassen. Er siegte auf dem Felde der Wissenschaft, des Rechtes, der Schule, der Kunst – auf welchem Felde etwa nicht? –, er hat auf dem Felde der protestantischen Kirche notorisch nicht gesiegt, hat hier seine bekannten Druckmittel bis jetzt nur in beschränktem Maß einzusetzen gewagt, hat hier unter seinen Augen den ausdrücklichsten Widerstand gegen seinen Willen weithin Ereignis werden lassen. Seiner nach ihrem Anspruch und Wesen unbegrenzten Macht ist hier faktisch eine Grenze gesetzt worden. Das wird, wie sich die Verhältnisse auch noch entwickeln mögen, geschichtliche Tatsache bleiben.

Ein Viertes, was nach dem an sich richtigen, aber nun doch etwas billigen Urteil ausländischer, auch schweizerischer Kreise hätte geschehen müssen, ist nun allerdings noch nicht geschehen. Die bekennende Kirche ist bis jetzt nicht dazu übergegangen, den nationalsozialistischen Staat auch auf den andern Feldern seiner Betätigung: etwa hinsichtlich der Judenverfolgungen oder des 30. Juni 193430 oder |396 der Konzentrationslager, etwa hinsichtlich der systematischen Lüge, mit der seine Presse das ganze deutsche Leben vergiftet, vor ihren Widerspruch zu stellen und zur Rechenschaft zu ziehen.31 Die bekennende Kirche hat sich bis jetzt im Ganzen in der Tat mit dem Kampf um ihre eigene Reinheit und Freiheit begnügt. Das ist ihre Schranke und ihre Schwäche. Die Zuschauer möchten aber bedenken: Für die in der Hauptsache durch die lutherische Reformation bestimmten deutschen Protestanten ist der uns Schweizern so selbstverständliche Gedanke einer Verantwortlichkeit der «Obrigkeit» gegenüber dem Volke und einer Verant65wortlichkeit des Volkes für seine «Obrigkeit» nun einmal bis heute jedenfalls als christlicher Gedanke eine reichlich neue und fremde Sache. Es kommt dazu, dass auch die Glieder der bekennenden Kirche in ihrer überwältigenden Mehrheit jedenfalls am Anfang von der politischen Güte des Nationalsozialismus, von der sie seine weltanschauliche Bedenklichkeit säuberlich meinten trennen zu können, als deutsche Patrioten zunächst völlig überzeugt, um nicht zu sagen: berauscht waren. Es kommt dazu, dass gerade die gravierendsten unter den in Betracht kommenden Dingen, an deren Tatsächlichkeit außerhalb der deutschen Grenzen längst kein Kind mehr zweifelt, in Deutschland selbst gar nicht oder nur als ­Pro­dukte jüdisch-marxistischer «Gräuelpropaganda»32 bekannt sind. Es |397 kommt vor allem dazu, dass die Kräfte der Kirche zunächst durch den Kampf um ihre Existenz und um ihre eigene Reinigung so in Anspruch genommen waren, dass sie zu der weiteren und in ihrer praktischen Schwierigkeit ganz unübersehbaren Aufgabe als Hüterin des Geistes, des Rechtes und der Freiheit auch auf andern Gebieten als ihrem eigenen einfach den Atem noch nicht hatte. Wer hier den ersten Stein werfen mag, der tue es [vgl. Joh. 8,7]. Man wird doch auf alle Fälle anerkennen müssen, dass die bekennende Kirche, während ringsumher alle, aber auch alle Instanzen versagten, jedenfalls auf ihrem eigenen Feld auf dem Posten gewesen ist und dass das sicher indirekt auch seine allgemeine Bedeutung gehabt hat und noch haben wird.

Von den letzten und eigentlichen Gründen und Motiven des deutschen Kirchenstreites könnte dem Wesen der Sache entsprechend nur – bekenntnismäßig geredet werden. Das soll hier unterlassen werden. Es soll aber noch hingewiesen sein auf drei konkrete «Neuerungen», die sich auf Seiten der Bekenntniskirche als selbstverständlich notwendige Voraussetzungen ihrer Existenz und ihres Kampfes sofort und immer deutlicher herausgestellt haben. Es musste erstens eine Theologie auf den Plan treten, die entschlossen war, im Rückgang auf die Bibel nach dem Vorbild der Reformation des 16. Jahrhunderts und im Anschluss an sie wieder bestimmte, mit Ja und Nein rücksichtslos deutliche Antworten gebende, auch die Gefahr einer «lieblosen» Klarheit33 nicht scheuende kirchliche Lehre, Predigt und Unterwei|398sung zu sein. Es musste zweitens eine Kirchenleitung gelernt und geübt werden, die es verstand, die Theologie ernster zu nehmen als die sämtlichen andern Rücksichten, die Kirchenleitungen in der Regel zuerst und vor allem zu nehmen pflegen, und also in kleinen wie großen, in äußeren wie inneren Fragen ständig vor Augen zu haben: dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen [vgl. Act. 5,29]. Und es mussten drittens Gemeinden, örtliche Vereinigungen von Christen beiderlei Geschlechts und aller Altersstufen und Stände da sein, die ihrerseits gerade nach einer solchen Theologie und Kirchenleitung fragten und suchten, die miteinander in diesem neuen, strengeren Sinn Kirche sein wollten und zu der entsprechenden Betätigung 66 bereit waren. Man kann nun gewiss nicht sagen, dass diese drei «Neuerungen» in der bekennenden Kirche in Deutschland schon einfach durchgeführt und eingeführt wären. Man kann sich die Wirklichkeit der Bekenntnissynoden und der ganzen Bemühungen und Verhandlungen draußen nicht leicht mühsam und verworren genug vorstellen. Es stand oft genug in den engsten Reihen so schlimm, dass man wohl am Sinn und an den Aussichten des Ganzen hätte verzweifeln können. Es war oft genug, menschlich betrachtet, fast nur noch der Widerpart, der durch sein Verhalten dafür sorgte, dass die Sache nicht zum Stillstand kommen konnte. Sie kam aber nicht zum Stillstand, und man ist bis jetzt nicht an ihr verzweifelt, sondern in der Richtung jener drei «Neuerungen» ist man immer wieder in den Kampf, an die Arbeit und auch ins Leiden gegangen.

Und hier dürfte ja nun auch die konkrete Bedeutung des deutschen Kirchenstreites als Frage an den schweizerischen Protestantismus deutlich werden. Sind sich die schweizerischen Theologen klar darüber, dass sie nicht irgendwelchen Geistesströmungen zu dienen und |399 auch nicht irgendwelchen wohlgemeinten Eigenbrödeleien nachzugehen, sondern kirchliche, d. h. evangelisch-reformierte Lehre zu treiben haben? Wissen die schweizerischen Kirchenleitungen, dass Kirchendiplomatie nur, wenn Apostelgeschichte 5,29 dauernd bedacht ist, eine sinnvolle Angelegenheit sein kann? Wissen sie ganz genau, wonach sie zuerst zu fragen haben? Und gibt es in der Schweiz Kirchgemeinden, die eben dies von ihren Pfarrern und Kirchenbehörden verlangen und haben wollen, die sie also auf dieser Linie zu stützen und zu tragen bereit sind? Trösten sich die schweizerischen Protestanten etwa dessen, dass sie niemals in ähnliche Versuchung und Not kommen würden wie ihre deutschen Glaubensgenossen? Und glauben sie, gegebenenfalls unter andern als jenen drei Bedingungen gesichert zu sein? Hinter jenen drei konkreten Fragen steht ja die allgemeine und grundsätzliche, ob der schweizerische Protestantismus aus dem Schlaf, aus dem aufzuwachen die deutsche Bekenntniskirche sich anschickt, auch schon erwacht ist oder ob er ihn – denn zweifellos war auch er seit Jahrhunderten in diesen Schlaf versunken – etwa weiter zu schlafen gedenkt? Dass dies letztere um des Wesens und der Aufgabe der Kirche, um der Treue gegen das Evangelium willen nicht geschehen dürfte, das braucht denen, die mit Ernst Christen sein möchten,34 nicht erst bewiesen zu werden. Für die andern, die sich dabei vorläufig noch nicht viel denken können, mag der Hinweis darauf bedenkenswert sein, dass draußen, als alles, aber auch alles in Gefahr kam, was – sagen wir unter dem Gesichtspunkt der Humanität – auch ihnen teuer sein mag, die protestantische Kirche, aber eben: die erwachende, die zur Reformation ihrer selbst bereite Kirche, die bescheidene, aber die einzige und – die sichere Zuflucht des Geistes, des Rechts und der Freiheit gewesen ist.

Sachfußnoten

1
Hinter der im Sommer 1933 gegründeten Wochenzeitung standen überwiegend sozialdemokratisch und gewerkschaftlich orientierte, verfassungspatriotische Kreise. Den «Ausschlag zur Gründung» gab wohl «die politische Entwicklung im nahen Ausland […]: die Machtergreifung Hitlers in Deutschland und der Untergang der deutschen Sozialdemokratie führten den Exponenten der schweizerischen Sozialdemokratie und der Gewerkschaften deutlich vor Augen, dass der Faschismus nicht unterschätzt werden durfte. […] Die Initianten der ‹Nation› hatten begriffen, dass sie den Mittelstand nicht nur auf der politischen Ebene […] für ihre Sache gewinnen mussten, sondern auch im ‹geistig-moralischen› Bereich aufzuklären hatten» (A. Bundi / A. Jacomet, «Das gibt es in der Schweiz!» Sozialreportagen in der «Nation» 1939–1952, Facharbeit Universität Bern, PDF-Version, Juni 1997, S. 15 [abrufbar unter: www.andijacomet.ch; zuletzt aufgerufen am 15.6.2020] 📖).↩
2
Vgl. a.a.O., S. 62, Anm. 176 📖.↩
3
Brief Grafs vom 26.9.1935 (KBA 9335.935).↩
4
Ebd. – Als Honorar stellte Graf einen Betrag von CHF 100.- in Aussicht.↩
5
Vgl. Brief Grafs an Barth vom 4.12.1935 (KBA 9335.1188).↩
6
Siehe unten, S. 450–452.↩
7
Vgl. Brief Barths an Graf vom 10.1.1936 (KBA 9236.16).↩
8
Brief Grafs an Barth vom 11.1.1936 (KBA 9336.36).↩
9
Brief Grafs an Barth vom 15.2.1936 (KBA 9336.111).↩
10
Siehe oben, S. 326–376 und S. 377–385.↩
11
Taschenkalender Charlotte von Kirschbaum, Eintrag vom 18.3.1936: «Karl schreibt Aufsatz über B. K. in Nation.»↩
12
K. Barth, Der deutsche Kirchenstreit als Frage an den schweizerischen Protestantismus, in: Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, 4. Jg., Nr. 13 vom 26.3.1936, S. 1f 📖.↩
13
In der Zeitung wurden einige, der Redaktion wohl besonders wichtig erscheinende Passagen in Fettdruck gesetzt, der ausweislich des Typoskripts nicht auf Barth zurückging. Bezüglich der nicht sehr zahlreichen direkten Erwähnungen der «bekennenden Kirche» wird in der Edition – abweichend vom sonst zugrundeliegenden Wiederabdruck – die von Barth im Typoskript und auch sonst zu dieser Zeit verwendete Kleinschreibung, die sich auch im Zeitungsabdruck findet, jedoch beibehalten.↩
14
Zu dieser Anspielung auf Friedrich von Bodelschwingh d. J. vgl. oben, S. 350f., Anm. 85.↩
15
Gemeint sind die ab Herbst 1935 zunächst in der Reichskirche, dann in der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union und zuletzt auch in vielen der übrigen Landeskirchen eingerichteten Kirchenausschüsse, in denen Vertreter der Bekennenden Kirche, der «Deutschen Christen» und der Mitte gleichberechtigt mitarbeiten sollten, um die Lage in den Kirchen zu befrieden. Vgl. oben, S. 221–235.↩
16
Die im Jahr 1936 in Deutschland stattfindenden Olympischen Winter- und Sommerspiele (6.–16. Februar in Garmisch-Partenkirchen bzw. 1.–16. August in Berlin) hatten wie in nahezu allen Bereichen auch in den Auseinandersetzungen des Kirchenkampfes zu einem zwischenzeitlichen erheblichen Nachlassen des staatlichen Drucks geführt. Das Regime wollte negative Berichterstattungen während der Spiele und um sie herum so weit wie möglich vermeiden, um den Propaganda-Eindruck, den die Austragung der Spiele vermitteln sollte, nicht zu gefährden (vgl. P. Reichel, Der schöne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt des Faschismus, München / Wien 1991, S. 262–272 📖). Unter anderem wurde das mit der Eröffnung der Kirchlichen Hochschulen (siehe dazu unten, Anm. 28) gegen sie erlassene Verbot über ein Jahr hinweg nicht durchgesetzt, so dass die Lehrveranstaltungen beinahe selbstverständlich aufgenommen und zwei Semester lang durchgeführt werden konnten (vgl. Besier, S. 543–551 📖; P. Zocher, Edo Osterloh – Vom Theologen zum christlichen Politiker. Eine Fallstudie zum Verhältnis von Theologie und Politik im 20. Jahrhundert [AKIZ.B 48], Göttingen 2007, S. 58–63 📖). ↩
17
Gemeint ist die dem Band: K. Barth, Credo. Die Hauptprobleme der Dogmatik dargestellt im Anschluß an das Apostolische Glaubensbekenntnis. 16 Vorlesungen, gehalten an der Universität Utrecht im Februar und März 1935, München 1935 📖, vorangestellte Widmung: «1935! Den Pastoren / Hans Asmussen, Hermann Hesse, Karl Immer, Martin Niemöller, Heinrich Vogel / im Gedenken an Alle, die standen, stehen und stehen werden.»↩
18
Besonders prägnant hatte sich Barth 1931 mit dem Zustand dieser Kirche auseinandergesetzt in: K. Barth, Die Not der evangelischen Kirche, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 64–122 📖, und dort u. a. die provozierende Frage gestellt: «Weiß [die Kirche] überhaupt noch, dass das zweierlei ist: ‹All Sünd hast du getragen› und: die Aufmunterung zum Kampf um religiöse Erneuerung, sittliche Reinheit, persönliche Freiheit, völkische oder soziale Gemeinschaft?» (a.a.O., S. 106).↩
19
Barth hatte schon 1931 neben dem Kommunismus, dem Faschismus und dem Amerikanismus auch den Islam zu «jenen neu entstandenen oder sichtbar gewordenen Religionen» gezählt, denen das «Christentum» gegenüberstehe und antworten müsse und von denen es nichts anderes als einen «Kampf bis aufs Messer» zu erwarten habe (K. Barth, Fragen an das Christentum, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 141–155, dort S. 146–149 [Zitate: S. 148f.]) 📖; vgl. auch unten, S. 614f.↩
20
Im Gegensatz zu dieser begrifflichen Zuschreibung hatte Barth 1931 noch behauptet, es handle sich bei den «Fremdreligionen», denen das «Christentum» gegenüberstehe, «keineswegs» um Erscheinungen, die den «diskutierbaren, im Grunde unverfänglichen und unverbindlichen, letztlich nicht ernsthaften Weltanschauungen» vergleichbar seien (a.a.O., S. 148f. 📖). ↩
21
Zu dem zum nationalsozialistischen Vokabular gehörigen Begriff s. oben, S. 346, Anm. 71.↩
22
Zu Barths häufiger Rede von einer 200-jährigen Fehlentwicklung in der protestantischen Theologie und Kirche vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 32, Anm. 49 📖.↩
23
Zu den hier und in den folgenden Absätzen berichteten Ereignissen der Jahre 1933 und 1934 vgl. ausführlicher oben, S. 345–361.↩
24
Vgl. K. Barth, Theologische Existenz heute!, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 271–363, dort S. 331–334 (Zitat: S. 333f.) 📖: Diejenigen, die dem Ansturm dieser Bewegung aus ganz verschiedenen Gründen erlagen, seien «alle miteinander erlegen einer Sache, die den Stempel der Verkehrtheit so deutlich auf der Stirn trägt, dass in einer gesunden Kirche schon ein Konfirmand hätte merken müssen, dass er da weder mit dem lutherischen noch mit dem Heidelberger Katechismus in der Hand nur eine Stunde dabei sein und unter irgend einem Vorwand mittun könnte».↩
25
Es handelt sich um eine Zusammenziehung des Satzes I,1 der Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart (V.u.kl.A. 1934–1935, S. 65–83, dort S. 71) 📖 und der ersten These der Barmer Theologischen Erklärung (a.a.O., S. 264–301, dort S. 296 📖); vgl. oben, S. 353, Anm. 90 und 91. In beiden Thesen ist allerdings nicht konkret von der Person Hitler die Rede, was u. a. mit dem Ort ihres Entstehens und ihrer beabsichtigten Veröffentlichung sowie damit zusammenhängen dürfte, dass sie Teil einer Beschlussvorlage für eine Synode waren, also nicht allein von Barth verantwortet werden sollten.↩
26
Gemeint sind Satz V,4 der Erklärung über das rechte Verständnis… (V.u.kl.A. 1934–1935, S. 81 📖) und der Verwerfungssatz der fünften These der Barmer Theologischen Erklärung (a.a.O., S. 299 📖); vgl. oben, S. 353f., Anm. 93.↩
27
Zu den hier beschriebenen Beschlüssen der Zweiten Reichsbekenntnissynode zu Berlin-Dahlem vgl. oben, S. 354f., Anm. 95-97.↩
28
In einem Erlass vom 28. Februar 1935 hatte der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust (1883–1945), den Fakultäten «jede öffentliche Stellungnahme im Kirchenstreit» verboten und den an ihnen Lehrenden untersagt, an den von der Bekennenden Kirche angebotenen Ersatzveranstaltungen oder den von ihnen abgehaltenen Prüfungen ­teilzu­nehmen. Im Beschluss bzgl. Vorbildung und Prüfung der Pfarrer der Bekennenden Kirche unterstrich die vom 4.–6. Juni 1935 tagende dritte Reichsbekenntnissynode zu Augsburg daraufhin einerseits, dass die «theologischen Prüfungen zum Recht und zur Pflicht der Kirche gehören und […] keiner anderen Stelle überlassen werden» dürften, und machte es andererseits «den Kirchenleitungen zur Pflicht, überall da, wo die Not es fordert, für Ersatz solcher Vorlesungen und Übungen Sorge zu tragen, deren Besuch den Studenten um des Gewissens willen nicht zugemutet werden kann» (Die dritte Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Augsburg. Text – Dokumente – Berichte, hrsg. von W. Niemöller [AGK 20], Göttingen 1969, S. 81f.) 📖. In Umsetzung dessen beschloss der altpreußische Bruderrat am 14. August 1935, eine Kirchliche Hochschule mit den zwei Standorten Wuppertal-Elberfeld (vornehmlich reformiert) und Berlin (vornehmlich lutherisch) zu errichten; beide wurden Anfang November 1935 eröffnet. Obwohl schon wenige Tage später ein Verbot dieser Hochschulen erfolgte, konnte ihr Betrieb mehrere Semester lang aufrechterhalten werden (vgl. oben, Anm. 16). Sowohl das Studium und das Lehren an ihnen als auch die Zugehörigkeit zu den Prüfungsämtern der Bekennenden Kirche waren jedoch illegal und konnten Inhaftierungen, Geld- und Gefängnisstrafen nach sich ziehen. Die Teilnahme an illegalen Prüfungen der Bekennenden Kirche war zuletzt auch der Grund, aus dem alle noch anwesenden Berliner Dozenten im Mai 1941 verhaftet wurden, womit die Arbeit der dortigen Kirchlichen Hochschule zum Erliegen kam. Vgl. zum Ganzen: H. Aschermann / W. Schneider, Studium im Auftrag der Kirche. Die Anfänge der Kirchlichen Hochschule Wuppertal 1935 bis 1945 (SVRKG 83), Köln 1985 📖; Zocher (Anm. 16), S. 50–65 📖. – Bei der dritten Hochschule dachte Barth vermutlich an die 1905 gegründete und 1939 geschlossene Theologische Schule Bethel, die theologisch und kirchlich ebenfalls der Bekennenden Kirche nahestand. ↩
29
Beispiele dafür sind die Coetus-Rundbriefe (vgl. K. Immer, Die Briefe des Coetus reformierter Prediger 1933–1937, hrsg. von J. Beckmann, Neukirchen-Vluyn 1976 📖), die Westdeutsche Eilkorrespondenz, hrsg. von P. Winckler, Witten/Ruhr 1933–1935 📖 (im Mai 1935 verboten) oder der Schnellbrief für Glieder der Bekennenden Kirche, hrsg. vom Rat der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union, Berlin-Dahlem 1935ff 📖.↩
30
Der innerparteilichen Säuberungsaktion vom 30. Juni 1934, von der Propaganda mit dem vermeintlichen «Röhmputsch» gerechtfertigt, fielen zahlreiche missliebig gewordene hochrangige Funktionäre der nationalsozialistischen «Sturmabteilung» (SA) zum Opfer, daneben aber auch Angehörige der alten Eliten wie z. B. der ehemalige Reichskanzler Kurt von Schleicher (1882–1934), den man zusammen mit seiner Frau Elisabeth (1893–1934) erschoss, oder Erich Klausener (1885–1934), eine führende Persönlichkeit des politischen Katholizismus; vgl. zur Reaktion Barths auf diesen Tag auch V.u.kl.A. 1934–1935, S. 327, Anm. 4 📖. ↩
31
Zu diesem Versäumnis hatte Barth ausführlicher schon in seinem Schaffhauser Vortrag Stellung genommen, vgl. oben, S. 370–372. – Eine solche, hier noch vermisste Äußerung sollte die VKL II wenig später mit der Denkschrift der Vorläufigen Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche an den Führer und Reichskanzler vom 28. Mai 1936 vorlegen (Text: Dokumente des Kirchenkampfes II/1, S. 695–703 📖; s. auch unten, S. 747–749).↩
32
«Gräuelpropaganda» meint überzeichnete oder bewusst gefälschte Berichte von Kriegsverbrechen der jeweiligen Gegner. Der Begriff begegnete gehäuft seit dem Ersten Weltkrieg, wo sie ursprünglich und besonders intensiv von Seiten der Entente gegen die Armee des Deutschen Reiches eingesetzt worden war (vgl.DWb 9 [1984] = Bd. 4, Abt. 1, Teil 6 [1935], Sp. 224 📖). Im «Dritten Reich» wurden mit diesem Begriff vermeintlich erfundene Berichte über Gewalttaten und Verbrechen der Nationalsozialisten bezeichnet und unter Strafe gestellt (Verordnung zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen die Regierung der nationalen Erhebung vom 21.3.1933 [Reichsgesetzblatt 1933 I, S. 135 📖]); in besonders perfider Weise wurden die ersten Boykott- und Gewaltmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte und Einrichtungen am 1. April 1933 zu einer Reaktion auf solche Gräuelpropaganda erklärt, und man ließ in deutscher, englischer und französischer Sprache die Broschüre Die Greuelpropaganda ist eine Lügenpropaganda sagen die deutschen Juden selbst / Atrocity propaganda is based on lies say the Jews of Germany themselves, hrsg. von J. Trachtenberg, Berlin-Charlottenburg 1933 📖, erscheinen, in der Stellungnahmen jüdischer Verbände abgedruckt wurden, die sich von dieser Art Propaganda distanzierten. Offiziell sollte der Gebrauch des Begriffs dann ab 1937 vermieden werden, «um das Wort ‹Propaganda› nicht mißbräuchlich zu verwenden». Vgl. zum Ganzen: C. Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin / New York 2000, S. 283–286, Zitat: S. 285 📖. ↩
33
Mit dem Vorwurf solcher «Lieblosigkeit» sah Barth sich selbst, seine Theologie und von ihm abgegebene Stellungnahmen des Öfteren ausgesetzt (vgl. etwa V.u.kl.A. 1934–1935, S. 117.534 📖). Als Antwort darauf wird man die folgenden Zeilen zu lesen haben: «Es geht nicht um die Personen: es geht um die Sache. Die deutsch-christliche Sache ist falsch und faul bis auf den Grund. Es gibt ihr gegenüber nur ein Entweder-Oder. Gerade um der Personen willen: um sie aufzurufen, sich von dieser falschen und faulen Sache zu trennen, müssen wir dieser Sache gegenüber ganz hart und ganz kalt sein. Alles Andere wäre nicht Liebe. Auch diese jetzt erreichte Unzweideutigkeit des Gegensatzes ist, so schmerzlich sie an sich ist, ein hoffnungsvolles Zeichen. Ohne Klarheit kann es keine Entscheidung und ohne Entscheidung kann es keinen Frieden geben» (K. Barth, Vorwort [zu: Gottes Wille und unsere Wünsche], in: V.u.kl.A. 1934–1935, S. 124–137, dort S. 129 📖).↩
34
Vgl. M. Luther, Deutsche Messe und ordnung Gottis diensts. Vorrhede. 1526 📖: «Kurtzlich, wenn man die leute und personen hette, die mit ernst Christen zu seyn begerten, die ordnunge und weysen weren balde gemacht» (WA 19, 75,16–18; vgl. auch a.a.O., Z. 5f.: «die ienigen, so mit ernst Christen wollen seyn und das Euangelion mit hand und munde bekennen»).↩