1935

Basler Hilfswerk für deutsche Gelehrte

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BASLER HILFSWERK FÜR DEUTSCHE GELEHRTE

1935

Im Juli 1935 war Barth von Regierungsrat Fritz Hauser1, dem Vorsteher des Basler Erziehungsdepartments, gebeten worden, die Leitung des Basler Zweigs des «Schweizerischen Hilfswerks für deutsche Gelehrte» zu übernehmen. Barth sagte zu, erbat sich aber zur tatsächlichen Übernahme eine Frist bis September, weil er zuvor keine Gelegenheit sah, in dieser Sache tätig zu werden.2

Das hier vorliegende Stichwortmanuskript hat Barth als Grundlage einer kleinen Rede verwendet, mit der er bei einem der wohl ersten öffentlichen Auftritte in dieser Sache die Arbeit und die Notwendigkeit des Hilfswerks einem größeren Basler Publikum nahebrachte. Dies geschah im Rahmen eines Vortragsabends zum Thema «Flüchtlingsnot», zu dem für den 4. Dezember 1935, 20.15 Uhr, in den großen «Roten Saal» der Mustermesse eingeladen worden war.3

Neben Barth als letztem Redner der Veranstaltung sprachen James G. McDonald4, der vom Völkerbund eingesetzte Hochkommissar für Flüchtlinge aus Deutschland, und mit Hanna Eisfelder5 und Ger|237maine Melon6 zwei Vertreterinnen weiterer Hilfswerke. Dass sich ca. 1000 Besucher einfanden,7 spiegelt das große Interesse und die Anteilnahme, auf die das Schicksal der Flüchtlinge und die weitere Entwicklung der Flüchtlingsfrage in Basel zu dieser Zeit stießen.8

Der Text ist im KBA nur in dem als Editionstext dienenden Stichwort-Manuskript Barths9 erhalten. Der am 5. Dezember 1935 in den Basler Nachrichten erschienene ausführliche Bericht10 über die auf der Versammlung gehaltenen Vorträge bietet eine Zusammenfassung auch von Barths Vortrag.

Basl[er] Hilfswerk f[ür] deutsche Gelehrte

a-Kl[einer Kreis]   bes[ondere] Lage   bes[ondere] Fürsorge-a

I. Not, in der hier zu helfen ist.

a) Nat[ional]soz[ialistische] Regierung hat seit 1933 rund 1500 allein Akademiker = Universitätslehrer: Professoren, Privatdozenten, Assistenten entlassen. Dazu Tausende von Rechtsanwälten, Ärzten, |238 Journalisten. Teils polit[ische] Vergangenheit, teils israelit[ische] Abstammung.11 Zahl b-kann u[nd] wird noch steigen. – Theologen!-b

b) Bedeutete zunächst für alle: 1. Abbruch ihrer Lebensarbeit z[um] T[eil] im besten Alter, 2. Verrufserklärung, 3. Entzug von Verdienst u[nd] Rente (viele ohne Pension). c-Universitäten als Korporation [?] versagten-c wie so manche Andere. Andere Arbeit in Deutschland sozus[agen] unmöglich: Arbeitsmangel und Verfolgung. 650d ausgewandert, viele weil sie mussten. Diese glücklicher, aber wie?

239

    xe Prof[essor] für Zahnheilkunde von Weltruf, ┐
Konz[entrations]lager, «Moorsoldaten»12, │
Konstantinopel13 │
Tillich Prof[essor] für Philosophie, Sozial- u[nd] ├ «glücklich»
Rel[igions-]Phil[osophie], deutsch!, │
Schelling! New York14 │
   x Prof[essor] d[er] Mathematik, Göttingen, Amerika15 ┘
Prof[essor] d[er] Theologie, produkt[ive] Geister der Nachkriegszeit, 240
fähiger Erzieher u[nd] Lehrer. Unterwegs!16
Dehn Prof[essor] d[er] Theol[ogie], kl[eine] Pension, Isolierung, Untätigkeit17
   x Prof[essor] d[es] Strafrechts, Judenchrist, Pfarrertochter, 1932 Dekan
- Pension f[ür] 2 Jahre18

241 II. Wie kann geholfen werden?

  • 1. Finanzielle Unterstützung f[ür] Mittellose, ev[entuell] vorübergehende Unterkunft
  • 2. Reiseunterstützung zwecks Stellensuchef
  • 3. Unterstützung zur g- Erlernung eines neuen Berufs-g
  • 4. Vorübergehendeh berufliche Beschäftigung (Vorträge u[nd] Kurse)
  • 5. Stellenvermittlung (Grenzen in den fremdenpolizeil[ichen] Bestimmungen!19 Krise verhindert Möglichkeiten.20[)] Völkerbund?!

242 III. Wie bisher geholfen wurde.

  • A. Selbsthilfe: «Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaftler im Ausland» in Zürich21
  • B. Hilfe von aussen: «Hilfswerke» in Belgien, Dänemark, Frankreich, England, Holland, Norwegen, Palästina, Polen, Schweden, Schweiz (zusammengeschlossen in einem Genfer Sachverständigen-Komitee unter Oberleitung des [allgemeinen]i Völkerbundskommissärs für deutsche Flüchtlinge)22

Auf allen genannten Wegen wurde Hilfe geleistet. 248 Ausgewanderte erhielten dauernde, 366 vorübergehende Beschäftigung, bei 40 überhaupt nicht geholfen, 366 nur vorübergehend.

Am Besten arbeitet England (gute Organisation, reiche Geldmittel, weitherzige Fremdenpolizei)

243

Radikalste Hilfe: Türkei : neue Universität,23 56 Deutsche
Amerika : «Universität im Exil» spez[iell] für Sozialwissenschaften24   15
Schweiz : ?! xj Finanziell an vorletzter Stelle: nur 1/5 von Dänemark25

IV. Warum helfen?

  • a) Der Nächste unter die Räder gekommen. Auch teilweise Hilfe besser als gar keine
  • b) Wertvollste Kräfte liegen brach: Verantwortung gegenüber Wissenschaft – Universität als Faktor in Volks- und Völkerleben
  • c) Entlastung der andern Werke und spezielle Hilfe für spezielle Not
  • d) Warum Schweiz?
    • a) weil als deutschsprachiges Land das nächstscheinende [?]
    • b) weil die Schweiz mit freiheitl[icher] Tradition. Furchtbare [?] Torheiten [?] und positive Gegenarbeit.

Hier ist etwas zu tun. Nicht umsonst gesagt haben!

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. mit Bleistift neben die Überschrift geschrieben.↩
b-b
Im Mskr. ursprünglich: «kann sich steigern!» Die Einfügung könnte ein Indiz dafür sein, dass Barth nach dem Erhalt der neuesten Nachrichten über die Maßnahmen Reichsminister Kerrls gegen die Bekenntniskirche (vgl. oben, S. 221–225) noch eine Überarbeitung seiner Ansprache vornahm.↩
c-c
Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
d
Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
f
Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
g-g
Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
h
Nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
i
Klammern von Barth gesetzt.↩
j
Nachträglich mit Bleistift eingefügt.↩

Sachfußnoten

1
Fritz Hauser (1884–1941), seit 1918 Basler Regierungsrat (SP). In seiner seit 1919 ausgeübten Funktion als Vorsteher des Erziehungsdepartments war er auch für die Verhandlungen um die Berufung Barths nach Basel zuständig gewesen.↩
2
Vgl. das Antwortschreiben Barths vom 19.7.1935 (KBA 9235.195) auf die – nicht erhaltene – Anfrage Hausers vom 16.7.1935. – Das Schweizerische Hilfswerk war 1933 in Zürich unter Beteiligung Emil Brunners gegründet worden und wurde von August Egger (1875–1954; seit 1905 Prof. für Zivilrecht in Zürich) geleitet.↩
3
Inserate im Anzeigenteil und auch ein kurzer Veranstaltungshinweis finden sich in Basler Nachrichten, Jg. 91, Nr. 331, 2.12.1935 (Abendblatt), Beilage 2 bzw. 3 📖; Nr. 333, 4.12.1935, Beilage 3. – Eine Abbildung des «Roten Saales» findet sich bei: A. Dürig, Erneuerung der Mustermesse-Säle in Basel, in: Schweizerische Bauzeitung 123/124 (1944), H. 17: Schweizer Mustermesse Basel, 22. April bis 2. Mai 1944, S. 204, Abb. 1 📖.↩
4
James G. McDonald (1886–1964), US-Amerikanischer Politiker, 1919–1933 Chairman of the Foreign Policy Association, 1933–1935 Hochkommissar des Völkerbunds für Flüchtlinge aus Deutschland.↩
5
Hanna Eisfelder (1900–1994), Fürsorgeerzieherin, 1928–1931 Leiterin des Immenhofes, eines Berufserziehungsheims für Mädchen in der Lüneburger Heide, 1933 Flucht ins Pariser Exil, dort Gründung und Leiterin der «Assistance médicale aux enfants d’émigrés».↩
6
Germaine Melon (1903–1990), Quäkerin und Sozialarbeiterin, 1935 Sekretärin des «Service International d’Aide aux Réfugiés de la Société des Amis» in Paris.↩
7
Vgl. N. N., Flüchtlingsnot. Der Völkerbundskommissar James McDonald spricht in Basel, in: Basler Nachrichten, Jg. 91, Nr. 334, 5.12.1934, Beilage 1 📖.↩
8
Ein Beleg ist der in der vorigen Anmerkung genannte ausführliche Bericht selbst; aber auch im unmittelbaren Umfeld der Veranstaltung finden sich weitere Berichte, z. B. zu einem Treffen am 28. November 1935 in Genf, auf dem Sachverständige des Völkerbunds sich mit Vertretern der deutschen Emigranten und jüdischer Organisationen berieten (vgl. N. N., Das drückende Flüchtlingsproblem, in: Basler Nachrichten, Jg. 91, Nr. 328, 29.11.1935 📖; N. N., Praktische Hilfe für die deutschen Emigranten, in: a.a.O., Nr. 330, 2.12.1935 📖). Auch ein zugunsten der Flüchtlinge veranstaltetes Konzert fand Beachtung (vgl. N. N., Wohltätigkeitskonzert in der St. Martinskirche, in: a.a.O., Nr. 332, 3.12.1935, Beilage 3 📖). ↩
9
KBA 11323, 1 Blatt 22,5 x 28,5cm; geschrieben auf der Rückseite des Typoskripts von KD I/2, S. 13f. 📖 (dort gegenüber dem Typoskript teils stark überarbeitet).↩
10
Siehe oben, Anm. 7.↩
11
Die Entlassungen erfolgten in Anwendung des «Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums» vom 7. April 1933 (Reichsgesetzblatt 1933, Teil I, Nr. 34, 7.4.1933, S. 175–177) 📖, das auch den sogenannten «Arierparagraphen» (§ 3) enthielt und gemäß der dritten Durchführungsverordnung vom 6. Mai 1933 (a.a.O., Nr. 48, 6.5.1933, S. 245 📖) auch für Universitätsprofessoren galt. – Die Zahlenangaben über die während des «Dritten Reiches» und speziell in den Jahren bis 1935 entlassenen Hochschullehrer weichen in der Literatur stark voneinander ab. Welche Quelle Barth für seine Angabe heranzog, konnte nicht ermittelt werden. In einem resümierenden Bericht sprach der Leiter des gesamtschweizerischen Hilfswerks, August Egger, ein dreiviertel Jahr zuvor, am 25. Januar 1935, bereits bis dahin von 1300 «betroffenen emigrierten Professoren, Assistenten und Dozenten» (vgl. S. Bolliger, Im Zeichen der Nationalisierung. Die Haltung der Universität Zürich gegenüber ausländischen Studierenden in der Zwischenkriegszeit [Zürcher Beiträge zur Geschichtswissenschaft, 11], Wien / Köln / Weimar 2019, S. 153f., Zitat S. 154 📖). Schon früh genannt wurde die Zahl von 939 bis zum Jahr 1936 entlassenen Hochschullehrern, was einem Anteil von 16,3% der 1932/33 im Amt befindlichen Professoren entspräche (E. Y. Hartshorne, The German Universities and National Socialism, London 1937, S. 87f.95 📖 – Hartshorne bezog aber z. B. Assistenten nicht in seine Auflistung ein). Eine der jüngeren Studien, in der aus jedoch nur 15 Universitäten solche Fälle herangezogen sind, die eindeutig aus Quellen belegbar sind, spricht für die Zeit bis 1945 von 901 Entlassungen, was hier einem Anteil von 20,7% entspräche, und kommt für die hier relevanten ersten drei Jahre zu dem Schluss, «dass die Massenentlassungen der Jahre 1933 bis 1935 die folgenreichste wissenschaftspolitische Maßnahme der Nationalsozialisten gewesen sind» (M. Grüttner / Sv. Kinas, Die Vertreibung von Wissenschaftlern aus den deutschen Universitäten 1933–1945, in: VZG 55 [2007], S. 123–186, dort S. 151 📖).↩
e
Dieses Kreuz ist – wie auch die beiden folgenden – nachträglich mit Bleistift eingefügt.↩
12
Das Lied «Die Moorsoldaten» (Text: Johann Esser / Wolfgang Langhoff; Musik: Rudolf Goguel) entstand Ende August 1933 im Konzentrationslager Börgermoor (Emsland). Das Lied und seine Geschichte wurden – obwohl schnell verboten – rasch auch über Deutschland hinaus bekannt, in der Schweiz wohl vor allem durch W. Langhoff, Die Moorsoldaten. 13 Monate Konzentrationslager. Unpolitischer Tatsachenbericht, Zürich 193526. 📖↩
13
Gemeint ist der Zahnmediziner Alfred Kantorowicz (1880–1962), 1918–1933 Prof. für Zahnheilkunde in Bonn, 1934–1950 in Istanbul an der 1933 dort neu gegründeten Universität. Kantorowicz, SPD-Mitglied und Stadtverordneter in Bonn, wurde am 7. April 1933 entlassen und kurz darauf in «Schutzhaft» genommen; er war unter anderem für mehrere Monate im Konzentrationslager Börgermoor (Emsland) inhaftiert. Vgl. I. Rose, Alfred Kantorowicz. Sein Leben und seine Bedeutung für die Zahnheilkunde, Diss. Bonn 1969 📖.↩
14
Paul Tillich (1886–1965), seit 1929 Prof. für Philosophie und Soziologie in Frankfurt/Main, zuvor 1925–1929 Prof. für Religionswissenschaft in Dresden. Tillich hatte über Schelling promoviert (Diss. phil.: P. Tillich, Die religionsgeschichtliche Konstruktion in Schellings positiver Philosophie, ihre Voraussetzungen und Prinzipien, Breslau 1910 📖; Lic. theol.: ders., Mystik und Schuldbewusstsein in Schellings philosophischer Entwicklung, Gütersloh 1912 📖) und war bereits am 13.4.1933 aufgrund seiner dezidiert religiös-sozialistischen Prägung, seiner SPD-Mitgliedschaft und seiner offenen Kritik am Nationalsozialismus von seiner Professur suspendiert worden. – Es ist unklar, warum Barth hier «deutsch!» so betont; möglicherweise handelt es sich um einen im Vortrag ausgeführten Hinweis auf Tillichs frühere, bis in den Ersten Weltkrieg hinein eher deutsch-nationale Ausrichtung.↩
15
Gemeint ist Hermann Weyl (1885–1955), der erst 1930 von Zürich aus Prof. für Mathematik in Göttingen geworden war und im Oktober 1933 aufgrund seiner politischen Einstellung und der jüdischen Herkunft seiner Frau selbst um seine Entlassung bat. Weyl gelangte auf Vermittlung Albert Einsteins (1879–1955) nach Princeton, wo er bis 1951 lehrte.↩
16
Möglicherweise meint Barth hier seinen Nachfolger in Münster: Otto Piper (1891–1982), seit 1920 Privatdozent in Göttingen, 1930 zum Professor für Systematische Theologie in Münster berufen. Aufgrund seiner pazifistischen und sozialistischen politischen Einstellung wurde er 1933 entlassen und lehrte seit 1934 übergangs- und gastweise in England, bevor er 1937 nach Princeton gehen konnte, wohin ihm bald darauf auch seine aufgrund ihrer jüdischen Abstammung verfolgte Frau folgen konnte.↩
17
Günther Dehn (1882–1970) war aufgrund seiner kritischen Haltung zu Gefallenendenkmälern innerhalb von Kirchen schon seit 1928 angefeindet worden und wurde zwei Jahre später, als er den Lehrstuhl für Praktische Theologie in Halle/S. übernommen hatte, auch dort von einem rechten studentischen Mob an der Ausübung seiner Lehrtätigkeit gehindert. Er wurde im Juni 1933 entlassen, war danach einige Monate Hilfsprediger in Berlin-Schöneberg und wirkte anschließend in verschiedenen halblegalen und später illegalen Lehrtätigkeiten für die Bekennende Kirche, ohne dass in dieser Zeit eine Gemeinde oder Kirchenleitung den Mut gefunden hätten, ihn regulär anzustellen. Vgl. G. Dehn, Die alte Zeit, die vorigen Jahre. Lebenserinnerungen, München 1962, dort bes. S. 284–294.306–314 📖. Vgl. auch Barths Stellungnahmen für Dehn in: O.Br. 1909–1935, S. 158–164.170–183 📖. ↩
18
Gemeint ist: Max Grünhut (1893–1964), 1928–1933 Prof. für Strafrecht in Bonn, 1930/31 zugleich Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät, im September 1933 entlassen. Als Kind jüdischer Eltern evangelisch erzogen, hatte Grünhut 1922 die aus einer mecklenburgischen Pastorenfamilie stammende Elisabeth D. Braun (1878–1964) geheiratet. Nach der Einstellung der Zahlung seiner Dienstbezüge zum 31.12.1933 wurde Grünhut ein Ruhegehalt verweigert. Stattdessen forderte man ihn auf, den «Härteparagraphen» anzurufen, der es erlaubte, alle zwei Jahre eine – geringfügige – Unterstützung zu erbitten. Vgl. C. Bernoth, Max Grünhut, in: Die Juristen der Universität Bonn im «Dritten Reich», hrsg. von M. Schmoeckel (Rechtsgeschichtliche Schriften, 18), Köln / Weimar / Wien 2004, S. 251–279, dort S. 256–265 📖; L. Breunung / M. Walther, Die Emigration deutschsprachiger Rechtswissenschaftler ab 1933. Ein bio-bibliographisches Handbuch, Bd. 1: Westeuropäische Staaten, Türkei, Palästina/Israel, lateinamerikanische Staaten, Südafrikanische Union, Berlin / Boston 2012, S. 182–203 📖. – Barth stand in Kontakt mit Grünhut, der ihn im März 1936 für einen Abend in Basel besuchen konnte, und vermittelte auch Hilfszahlungen an ihn; vgl. Taschenkalender Ch. von Kirschbaum, Eintrag vom 11. und 12.3.1935; Brief Grünhuts an Barth vom 2.1.1936 (KBA 9336.6). ↩
19
Die gesetzlichen Bestimmungen waren davon geleitet, dass sich die Schweiz in der Zwischenkriegszeit dezidiert nur als Erstaufnahme- und Transitland verstand, einen dauerhaften Aufenthalt von Flüchtlingen aber vermeiden wollte. Zentral war die im Frühjahr 1933 festgelegte Unterscheidung zwischen politischen und anderen Flüchtlingen; als politischer Flüchtling galt lediglich, wer glaubhaft machen konnte, dass er persönlich verfolgt war. Unter die großzügigeren Regelungen für politisches Asyl fielen daher zwischen 1933 und 1945 gerade 644 Personen. Alle anderen galten rechtlich als Ausländer und fielen daher unter das am 1. Januar 1934 in Kraft getretene «Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer». Dieses versah sowohl längerfristige Aufenthaltsbewilligungen als auch Bewilligungen zum Stellenantritt mit hohen Hürden und machte sie zudem von der Rücksichtnahme der zuständigen fremdenpolizeilichen Behörden auf «die geistigen und wirtschaftlichen Interessen sowie den Grad der Überfremdung des Landes» abhängig. In der Regel mussten daher Aufenthaltsbewilligungen schon nach wenigen Monaten neu beantragt werden, während die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit beinahe unmöglich war; vgl. Die Flüchtlingspolitik der Schweiz seit 1933 bis zur Gegenwart (1957). Bericht Prof. Dr. Carl Ludwig, Bern 1966, S. 25f., Zitat S. 26 📖.↩
20
Die Weltwirtschaftskrise hatte auch in der Schweiz eine hohe Arbeitslosigkeit verursacht. Lag die Zahl der Stellensuchenden 1929 im Mittel noch unter 9000, stieg sie ab 1930 sprunghaft an und erreichte erst 1936 mit über 93 000 ihren Höchststand (Zahlen nach: Die Flüchtlingspolitik der Schweiz [Anm. 19], S. 62 📖).↩
21
Die «Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland» war 1933 vom österreichischen Pathologen Philipp Schwartz (1894–1977; seit 1927 Prof. für Pathologie in Frankfurt/Main) gegründet worden, der selbst 1933 aufgrund seiner jüdischen Abstammung fristlos entlassen worden war. Sie wollte in erster Linie solchen Wissenschaftlern, die in Deutschland aufgrund ihrer Abstammung oder politischen Einstellung entlassen und verfolgt wurden, neue Arbeitsplätze im Ausland vermitteln.↩
22
Auf Initiative der Niederlande war 1933 in Lausanne das «Hochkommissariat für Flüchtlinge aus Deutschland» als eigenständige Organisation gegründet worden. Eine Anbindung oder eine Übertragung dieser Aufgabe an das dem Völkerbund seit 1930 angegliederte «Internationale Nansen-Büro für Flüchtlinge» hatte man aus Rücksicht auf Deutschland verworfen, das damals dem Völkerbund noch angehörte. So verfügte das ausschließlich von privaten, oft jüdischen Organisationen finanzierte Hochkommissariat nicht über ausreichende finanzielle und sonstige Mittel, um seine Aufgabe wirklich bewältigen zu können. Trotzdem gelang es bis zum Herbst 1935, mehr als 35 000 Emigranten bei der Ausreise behilflich zu sein. Die mangelnde Ausstattung des Hochkommissariats und die Passivität der Regierungen bewogen Hochkommissar McDonald nach zwei Jahren, noch im Dezember 1935, zum Rücktritt, weil er der Meinung war, dass die mit dem wachsenden Flüchtlingsstrom größer werdenden Aufgaben nur mehr durch den Völkerbund selbst bewältigt werden könnten. Vgl. Die Flüchtlingspolitik der Schweiz (Anm. 19), S. 68, Anm. 1 📖.↩
23
Die Universität Istanbul wurde 1933 nicht speziell für deutsche Flüchtlinge, sondern im Zuge einer allgemeinen Universitätsreform gegründet. Da sie als Neugründung aber entsprechend viele neue Professoren benötigte, konnten viele der aus Deutschland vertriebenen Professoren dort eine neue Anstellung finden – über die von Barth bereits 1935 genannte Zahl hinaus schätzt man, dass es bis 1945 insgesamt ca. 300 waren. Vgl. Br. Hürlimann, Das Vermächtnis des Philipp Schwartz, in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 234, Nr. 45, 22.2.2013, S. 17 📖; H. Widmann, Exil und Bildungshilfe. Die deutschsprachige akademische Emigration in die Türkei nach 1933, Bern / Frankfurt/Main 1973 📖.↩
24
Innerhalb der 1919 als «New School for Social Research» gegründeten Universität in New York City wurde 1933 als Reaktion auf die Situation in Deutschland eine «University in Exile» gegründet, an der fast 200 emigrierte europäische Wissenschaftler eine neue wissenschaftliche Heimat fanden, unter ihnen viele Deutsche; vgl. Cl.-D. Krohn, Wissenschaft im Exil. Deutsche Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler in den USA und die New School for Social Research, Frankfurt/Main / New York 1987 📖.↩
25
Ein Beleg für diese konkrete Angabe Barths, die mit der in diesen Jahren allgemein zu konstatierenden großen Zurückhaltung offizieller Schweizer Stellen in Bezug auf die Flüchtlingsfrage allerdings konform geht (vgl. Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus, hrsg. von der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg, Bern 1999, S. 35–39 📖), konnte nicht ermittelt werden. ↩