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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 55</title>
        <title type="content">Predigt: Malechi 3,1</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Malechi 3,1, 18. Dezember 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53057 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53057</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 55: Predigt: Malechi 3,1</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">57</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mal 3,1 (4. Advent), 18. Dezember 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1498">KBA 1033</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-12-18">18. Dezember 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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            <div type="sermon"> 
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                <div type="opener">
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                    <idno>55</idno>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-12-18">Sonntag, den
                            18. Dezember 1910</date> <date rend="right">(4. Advent)</date> 
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mal.3.1">Maleachi 3,1</ref>
                       
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Siehe, ich will meinen Engel
                                    senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird
                                    kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>
                        <hi rend="italic">Der Herr, den ihr sucht!</hi> Das ist ein Ton, der gut in die <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachtszeit</term> passt, in die wir
                    jetzt hineingehen. Denn in der Weihnachtszeit merken die Menschen, dass sie
                    den Herrn suchen. Ich getraue mich zu sagen: alle Menschen. Die Einen
                    jubelnd, die Andern seufzend. Die Einen sind sicher und freudig: Der Herr
                    der Welt und der Seelen kommt und ist da. Die Andern sind mürrisch und
                    protestieren: es gibt keinen Herrn, den ich zu suchen hätte. Den Einen wird
                    das Herz warm in dem Gedanken:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Welt ging verloren,</l>
                            <l>Christ ward geboren.<note xml:id="n01">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-235">Aus Strophe 1
                                    des Liedes «O du fröhliche» von <persName ref="kbga-actors-2645">J. D. Falk</persName> (RG 409;
                                    EG 44).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Den Andern wird das Herz noch kälter als gewöhnlich, und sie
                    bemühen sich womöglich noch, express ein Christfest ohne Christus zu feiern.
                    Aber ich sage: sie suchen <hi rend="italic">Alle</hi> den Herrn. Denn Suchen heißt
                    hier Sehnsucht haben, innerlich ausblicken und sich innerlich ausstrecken
                    nach dem, der größer ist als wir, nach etwas, was dem Leben Grund und Sinn
                    gibt. Der Größere und das Etwas ist aber Gott, ob man’s so <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> nennen will oder nicht. Nach dem haben sie Alle
                    Sehnsucht und in der <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachtszeit</term> mehr als sonst. Denn da geht ein Brausen und
                    Klingen von Gott durch die Luft, das keiner überhören kann. Der Lärm des
                        <term type="Sachen" key="Geschäftsleben">Geschäftslebens</term> und der
                    sogenannten <term type="Sachen" key="Weihnachtsfeiern">Weihnachtsfeste</term> kann es übertönen, aber nicht unterdrücken. Es
                    kann da Keinem ganz entgehen, dass Andre den kennen und haben, der größer
                    ist als sie, dass Andre sich herzlich freuen darüber, dass ihr Leben einen
                    Grund und <pb xml:id="p695" ed="pga"/> Sinn bekommen hat. Er kann über diese
                    Tatsache die Achseln zucken, aber er sieht sie doch; denn es ist eine von
                    den Tatsachen, die man nicht übersehen kann. Und weil er sie sieht, hat er
                    auch Sehnsucht danach; denn man kann sie nicht sehen ohne Sehnsucht. Es ist
                    aber eine bekannte Sache, dass Sehnsucht in vielen Fällen als <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term> oder
                    Abscheu verkleidet zum äußern Ausdruck kommt. Wer tiefer sieht, wird sich
                    dadurch nicht irre machen lassen: das menschliche Seelenleben ist ein
                    Gebilde, das man nicht nach dem Augenschein beurteilen darf. Ich gestehe
                    z. B., dass ich gegen das, was jetzt wieder anfängt, die vielen <term type="Sachen" key="Weihnachtsfeiern">Weihnachtsfeste</term>, die keine
                    sind noch sein wollen, große Abneigung empfinde. Ich komme über die
                    Unwahrheit und Sentimentalität der Sache nicht hinweg und kann darum keine
                    Freude daran haben. Aber ich muss mir sagen, dass, wenn man tiefer geht,
                    auch eine andre Betrachtungsweise möglich ist. Ja es ist wahr, es werden
                    jetzt wieder in Dutzenden von Vereinen und in Hunderten von Familien die
                    Weihnachtslichter angezündet, und Keiner sieht <hi rend="italic">das</hi>
                    Weihnachtslicht, wie wenn die Menschen selbst die Illustration liefern
                    wollten zu dem Worte: Das Licht scheinet in der Finsternis, und die
                    Finsternis hat es nicht begriffen [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>]. Aber das Bild des schrillen Gegensatzes, den
                    solche Feiern in unbewusster Symbolik zum Ausdruck bringen, wird für einen
                    nachdenklichen Menschen schließlich doch nicht einfach etwas Unangenehmes,
                    sondern etwas Ergreifendes sein. Ich meine, wenn Jesus in eine unsrer
                    üblichen Christbaumfeiern käme, <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> er würde auch
                    nicht beim Verdruss über die religiöse und ästhetische Geschmacklosigkeit
                    der Sache stillgestanden sein, sondern es würde von ihm geheißen haben, wie
                    es vor 1900 Jahren von ihm hieß: Es jammerte ihn, da er das Volk sah; denn
                    sie waren wie eine Herde, die keinen Hirten hat [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.6.34">Mk. 6,34</ref> par.]. Denn er hätte
                    gesehen, wieviel unterdrückte, verkrüppelte, blinde <term type="Sachen" key="Gottessehnsucht">Gottessehnsucht</term>, als <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term> und Oberflächlichkeit
                    verkleidet, um diese Tannenbäume sich versammelt. Er hätte ein gutes,
                    freundliches Wort gesprochen und das unsichtbare, weil verkrüppelte und
                    blinde Suchen der Gleichgiltigen wäre vielleicht plötzlich ein Finden
                    geworden, das sie in die erste Reihe gestellt hätte vor den Gesunden und
                    Sehenden. Wenn du an diese <term type="Sachen" key="Weihnachtsfeiern">Weihnachtsfeiern</term> gehst und du hast ein gutes, freundliches
                    weihnachtliches Wort im Herzen, dann versäume du auch nicht, es dem Nachbar
                    oder der Nachbarin zu sagen. Es kommt für die Weihnacht<pb xml:id="p696" ed="pga" break="no"/>lichkeit der Sache nicht darauf an, ob der <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term> und die <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> dabei eine Rolle spielt, aber
                    es kommt darauf an, ob Gott dabei eine Rolle spielt, und zwar in den
                    Gedanken und Worten und Handlungen der Menschen, die dabei sind. Scheue dich
                    nicht, das freundliche Wort zu sagen, auch wenn der Andre dazu ein
                    spöttisches Gesicht macht. Denke daran, dass das Licht der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Licht der Welt">Welt</term> seine
                    Pflicht und Würde an dich übertragen hat mit dem Wort: <hi rend="italic">Ihr</hi> seid
                    das Licht der Welt [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.14">Mt. 5,14</ref>]. Woher soll das <term type="Sachen" key="Weihnachtslicht">Weihnachtslicht</term> kommen, wenn du es unter den Scheffel stellst?
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.15">Mt. 5,15</ref>]. Wie sollen
                    die sehnsüchtigen Gleichgiltigen zu Findern werden, wenn du dich’s
                    nicht merken lassen willst, dass du gefunden hast?</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">Der Herr, den ihr sucht!</hi> Das ist die <term type="Sachen" key="Weihnachtsevangelium">Weihnachtsbotschaft</term>, die Allen etwas
                    zu sagen hat, auch den Andern, auch denen, die schon gefunden haben, denen,
                    die sich in diesen Tagen mit Bewusstsein und Willen der <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnacht</term> freuen, nicht bloß des bescheidenen
                    oder prunkvollen Weihnachtsbaumes, sondern des Kindleins in der Krippe, das
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> in die Welt gekommen ist, um uns zu sagen,
                    dass Gott unser Freund sein will. Vielleicht gibt es in der <term type="Sachen" key="Gottessehnsucht">Gottessehnsucht</term> überhaupt nur
                        <hi rend="italic">Grad</hi>unterschiede im Grund der Herzen und vor dem Auge
                    Gottes. Denn die an Gott nicht vorübergehen, als ginge er sie nichts an, die
                    ihn kennen und ehren und lieben als den <term type="Sachen" key="Gott, Freundlichkeit">freundlichen</term>
                    <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term>, der die Macht ist über
                    ihrem Leben, die wissen erst recht zu sagen von dem innern Ausblicken und
                    Ausstrecken nach <hi rend="italic">Mehr</hi> von Gott. Wir spüren ihn, wir haben ihn,
                    wir möchten ihm gehorsam sein, aber wir spüren auch, wie wenig wir ihn
                    spüren und haben, wie lückenhaft unser <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term> und wie schwach unser Vertrauen ist. Es ist doch
                    Keiner, der nicht Wochen und Tage und Stunden kennt, wo ihn der Zweifel
                    plagt: wie kann ich Gott recht sehen? und die Mutlosigkeit: wie kann ich
                    Gott recht dienen? Und so gehören wir in einem Sinn wohl Alle zu denen, die
                    noch draußen sind, und möchten einstimmen in das ewige Gebet, das ein altes
                    deutsches Volkslied kindlich und schlicht so ausspricht:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Wenn ich vor deinem Hoftor steh’,</l>
                            <l>Gott Vater, lass mich ein.</l>
                            <l>Dein Hof so rein, dein Haus so hell</l>
                            <l>Lass meine Heimat sein.<note xml:id="n02">Nicht
                                    ermittelt. Ein Abdruck dieser Strophe findet sich in 
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2835">
                                        <persName ref="kbga-actors-9329">G. Frenssen</persName>, <hi rend="italic">Die drei Getreuen. Roman</hi>,
                                    75. Tausend, Berlin 1905, S. 162</bibl>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p697" ed="pga"/> Ja, «dein Hof so rein, dein Haus so hell», das müsste ein
                    starkes, überlegenes, fröhliches Leben sein, ein Leben, wo es nicht mehr
                    heute hieße: «himmelhoch jauchzend» und morgen: «zu Tode betrübt»,<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1552">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                        <hi rend="italic">Egmont</hi>, dritter Aufzug (Hamburger Ausgabe, Bd. 4, S. 411)</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Himmelhoch jauchzend, </l>
                                    <l>Zum Tode betrübt – </l>
                                    <l>Glücklich allein </l>
                                    <l>Ist die Seele, die liebt.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note>
                    sondern dessen köstlicher Gehalt zugleich der Ausgleich
                    wäre zwischen den Glücks- und Unglücksempfindungen, zwischen denen wir jetzt
                    hin- und herschwanken. Es müsste ein Leben sein ohne die leidige Spannung,
                    ohne den heimlichen oder offenen Gegensatz zu den Interessen, Gedanken,
                    Bestrebungen der Mitmenschen, den wir wohl zu Zeiten vergessen können und
                    der uns doch nachher nur umso tiefer das Herz bluten macht. Sondern es
                    müsste da der <term type="Sachen" key="Frieden, mit uns und anderen">Friede</term> mit uns selbst so recht zugleich der Friede mit den
                    Andern sein. Es müsste uns nichts Menschliches mehr <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> fremd und widerwärtig sein,<note xml:id="n04">Vgl.
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2770">
                                <persName ref="kbga-actors-1411">Terenz</persName>,
                            <hi rend="italic">Heautontimorumenos</hi> I, 1,25</bibl>: «Homo sum; humani nil a me
                        alienum puto». Vgl. Büchmann, S. 326.</note> sondern Alles liebevoll
                    verständnisvoll aufgenommen in die Kraft unsres überlegenen, guten Geistes.
                    Es müsste ein Leben sein, wo die Frage «Wozu?» aufhört, die wir jetzt wohl
                    dämpfen, aber nicht zum Schweigen bringen können. Denn es wäre ein Leben,
                    das in sich selbst und ohne Weiteres die Antwort auf jene Frage wäre. So
                    etwas ist offenbar gemeint, wenn jetzt das <term type="Sachen" key="Weihnachtsevangelium">Weihnachtsevangelium</term> wieder kommt und
                    sagt: Siehe, ich verkündige euch große Freude! [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.10">Lk. 2,10</ref>]. Große Freude, ja das
                    ist’s. Und Gott ist die große <term type="Sachen" key="Gott, die große Freude">Freude</term>, und er ist der Herr, den wir
                    suchen.</p>
                <p>Aber eben: wir suchen. Wir stehen <hi rend="italic">vor</hi> dem Hoftor Gottes, und es
                    ist uns gewiss Allen schon so gegangen, dass es uns war, als würde uns dies
                    Hoftor vor den Augen zugeschlagen gerade im Moment, wo wir einzutreten
                    dachten. Und in dieser <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachtszeit</term> mag es Manchem so gehen: Er hört wohl die
                    Botschaft von der großen Freude von Weitem oder von Nahem, aber er hat keine
                    große Freude daran. Er sieht, dass es bei andern Menschen ganz anders steht,
                    die können in lauten Jubel ausbrechen, wenn sie von Gott und dem Leben reden
                    hören, denen sieht man’s noch mehr an dem stillen, wortlosen Glanz
                        <pb xml:id="p698" ed="pga"/> ihrer Augen an<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. irrtümlich nachträglich mit Bleistift
                            durchgestrichen.</note>, und man spürt es an dem warmen, freundlichen Druck ihrer Hand, dass
                    sie Gott und das Leben wirklich haben. Die können sich wohl freuen an der
                    Weihnachtsbotschaft, sie wissen warum. Aber er wüsste nicht, worüber er sich
                    freuen sollte. Er muss daneben stehen, wie es einem gehen kann, wenn der
                    Briefträger in ein Haus gekommen ist. Für Alle hat er etwas gebracht. Alle
                    greifen neugierig und erfreut nach dem Ihrigen, aber ihm hat er nichts
                    gebracht. Zu ihm ist kein Bote Gottes gekommen; denn der Bote <term type="Sachen" key="Bote Gottes">Gottes</term> müsste ihm doch <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> bringen, wenn das <term type="Sachen" key="Weihnachtsevangelium">Evangelium</term> die Wahrheit
                    redet.</p>
                <p>Und gerade die Freude bleibt aus. Und statt ihrer kommen nun eine Reihe von
                    Boten zu uns, die wir eher geneigt sind, als Boten <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> des bösen Feindes denn als Boten Gottes zu betrachten; denn sie führen
                    uns statt in die Freude in den Schmerz, statt in die Sicherheit in die
                    Unsicherheit, statt in die Heiterkeit in den Ernst. Wie soll es uns
                    weihnachtlich zumute sein, weihnachtlich, d. h. gottesgegenwärtig, wenn wir
                    ein Jahr hinter uns haben, in dem wir von <term type="Sachen" key="Leid">Leid</term> und <term type="Sachen" key="Unglück">
                            <hi rend="italic">Unglück</hi></term> wie verfolgt waren? Ja, wenn so eins nach
                    dem andern den Menschen trifft an schweren, schmerzlichen Dingen, wie das
                    Leben sie bringt, wem ist’s dabei noch nie so gegangen, dass ihm der
                    Gott, der uns große Freude verheißt, in nebelhafte Ferne entschwand, und
                    zwischen Gott und uns trat eine andre Macht, und von dieser fühlten wir uns
                    nun eigentlich abhängig, von dort dachten wir uns das Schlimme, das uns
                    traf, herkommend. Von Schlägen und Tücken des Schicksals redeten wir, wenn
                    wir an unser Unglück dachten; von Gott erwarteten wir wohl Trost im Unglück,
                    wenn wir etwas von ihm erwarteten, aber dass das Unglück, dass das
                    sogenannte Schicksal Gottes <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Wille</term> und <term type="Sachen" key="Unglück, Schickung Gottes">Schickung</term> sei, das entging uns, und so dachten wir auch nicht
                    daran, es als Boten <term type="Sachen" key="Bote Gottes">Gottes</term> zu
                    verstehen. Es redete ja nicht von Freude, sondern von Schmerz. –
                    |</p>
                <p>Zu einem andern ist nicht das Unglück gekommen, aber die <term type="Sachen" key="Versuchung">
                            <hi rend="italic">Versuchung</hi></term>. Er ist am Rande eines
                    moralischen Abgrunds gestanden, und er steht vielleicht immer noch daran in
                    der Erwägung, dass die Blumen, die dort wachsen, schön sind. Wohl widersteht
                    er, aber er fühlt sich dabei so alleingelassen, es zieht ihn so riesengroß
                    und mächtig. Jetzt braucht er in seinem Innern bereits als Entschuldigung
                    seiner <pb xml:id="p699" ed="pga"/> selbst, was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> einst als Anklage gegen sich selbst niedergeschrieben:
                    «Wollen habe ich wohl, aber Vollbringen des Guten finde ich nicht» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.18">Röm. 7,18</ref>], und vielleicht
                    wird er bald mit Seufzern und weitern Selbstentschuldigungen nachgeben:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Nein, länger mag ich ihn nicht kämpfen.</l>
                            <l>Den Riesenkampf der Pflicht.<note xml:id="n05">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2836">Beginn
                                    des Gedichts «Freigeisterei der Leidenschaft» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Sämtliche Werke, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, Bd. 1, S. 127–129, dort
                                    S. 127)</bibl>; dort: «Nein – länger, länger werd ich diesen
                                    Kampf nicht kämpfen…»</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Was dann? Was war das, was da von außen in sein Leben <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> hineindrang, hindernd und störend? Was wie eine
                    Sternschnuppe aus einer andern fernen, feindseligen <term type="Sachen" key="Welt, feindselige">Welt</term> in den ruhigen See seines
                    Innenlebens fiel, Kreise ziehend immer weitere, Schlamm aufwühlend, den
                    glatten Spiegel, in dem sich Mond und Sterne freundlich abbildeten, roh
                    verwüstend, bis der ruhige See unruhig seine Ufer überschwemmte und samt
                    seiner Umgebung zu einem Bilde des Chaos wurde? Woher, wozu das Alles? Ein
                    Bote Gottes? Siehe, ich verkündige euch große Freude? Hat es nicht unsre
                    moralische Sicherheit in Unsicherheit verwandelt? Hat es nicht in
                    ausdrücklichsten Worten vom Gegenteil eines freudigen Lebens in Gott zu uns
                    geredet? – |</p>
                <p>Und beim Dritten ist über Nacht die <term type="Sachen" key="Vergänglichkeit">
                            <hi rend="italic">Vergänglichkeit</hi></term> eingetreten und hat zu ihm das
                    kurze Wort gesagt: Die Welt vergeht [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.2.17">1.Joh. 2,17</ref>]. Vielleicht hat man eines seiner Lieben
                    in den Sarg gelegt, und nun geht zwar sein Leben seinen Gang weiter; aber es
                    ist ein Leben mit einer Lücke, und er weiß, weitere Lücken werden folgen.
                    Vielleicht hat er an sich selbst gemerkt, dass er alt wird, dass seine
                    guten, kräftigen Tage vorbei sind, dass er nicht mehr kann wie früher, und
                    er weiß: <term type="Sachen" key="Gesundheit">Gesundheit</term> und
                    Lebenskraft werden jetzt immer mehr abnehmen, bis schließlich gar nichts
                    mehr da ist. Solche Erlebnisse und Gedanken sind eine schlechte Vorbereitung
                    auf die <term type="Sachen" key="Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term>.
                    Denn wenn uns die Welt vergeht, dann vergeht uns auch die Lust. Wenn der
                    Ernst der <term type="Sachen" key="Vergänglichkeit">Vergänglichkeit</term>
                    uns trifft und erfüllt, wo soll da die Heiterkeit herkommen, mit der Gott
                    empfangen sein will? Ist Gott nicht das <hi rend="italic">Leben?</hi> Wie sollte dann
                    der <term type="Sachen" key="Tod">Tod</term> ein Bote <term type="Sachen" key="Bote Gottes">Gottes</term> sein?</p>
                <p>Also, so weit wir blicken: Schmerz statt Freude, Unsicherheit statt
                    Sicherheit, Ernst statt Heiterkeit, und ich bin sicher, es könnte jedes <pb xml:id="p700" ed="pga"/> von uns das Bild dieses Gegensatzes noch mit weitern
                    Zügen aus seinem eigenen Leben vermehren. Was sollen wir sagen, wenn wir an
                    diesen Gegensatz denken? Wo bleiben die Boten Gottes an uns? Sollen wir auf
                    andre Boten warten, die uns Freude, <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> Sicherheit,
                    Heiterkeit ins Herz reden? Es haben manche Menschen ihr Leben lang auf
                    Zeichen und Wunder des Gottes der <term type="Sachen" key="Gott, Freude">Freude</term> gewartet, und sie sind nicht gekommen. Oder sollen wir
                    annehmen, das <term type="Sachen" key="Weihnachtsevangelium">Weihnachtsevangelium</term> habe unrecht, wenn es von der Freude rede,
                    die allem Volke widerfahren soll, und es sei und werde das Hoftor Gottes,
                    das zum lebendigen Leben führt, nur wenigen bevorzugten Sonnenkindern
                    geöffnet, und die Andern müssten draußen stehen in Nacht und Kälte?</p>
                <p> Seht, nun denke ich an ein Wort, das der Prophet <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> in einer wunderbaren Stunde im Traumgesicht
                    aus dem Munde der Seraphim hörte: Heilig, heilig, heilig ist der Herr
                    Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.6.3">Jes. 6,3</ref>]. Alle Lande! Haltet das einmal fest, ihr
                    Mühseligen und Beladenen, die ihr vor lauter <term type="Sachen" key="Unglück">Unglück</term> und <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term> und <term type="Sachen" key="Vergänglichkeit">Vergänglichkeit</term> den lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>, der uns Freude verheißen hat, aus
                    den Augen verloren. Alle Lande sind seiner Ehre voll. Es steht also nicht
                    so, dass es da Wüsten und Abgründe gibt, wo Gott nicht ist. Es steht also
                    nicht so, dass es Schicksalsmächte gibt, die mit selbständiger Gewalt
                    zwischen dich und Gott treten könnten. Und es steht also nicht so, dass Gott
                    und die Freude in Gott schließlich nur für eine Anzahl bevorzugter
                    Ausnahmsmenschen da wären, die von Unglück und Versuchung und
                    Vergänglichkeit zufällig nichts wissen. Ich will euch gleich sagen, warum es
                    nicht so steht. Habt ihr das Andre schon überlegt, dass der Herr, den ihr
                    sucht, <term type="Sachen" key="Gott, heilig">
                            <hi rend="italic">heilig</hi></term>
                    ist? Was heißt das? Das heißt, dass Gott die <term type="Sachen" key="Gott, Güte">
                            <hi rend="italic">Güte</hi></term> ist. Ich glaube, das übersehen
                    wir sehr oft. Ja, wir suchen ihn, wir tragen herzliches Verlangen nach der
                    Freude eines rechten Lebens, wie es als ahnungsvolles Bild vor jeder
                    Menschenseele steht, wie es die <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> uns verheißt und wie es uns
                    in den Andern, den Glücklichen, den Findern neiderregend entgegentritt. Aber
                    wir verstehen Gott nicht recht, wir verstehen die verheißene Freude nicht
                    recht, und darum suchen wir, ohne zu finden.</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Gott ist die Güte. Daraus geht zweierlei hervor.
                        <hi rend="italic">Erstens:</hi> Es verhält sich nicht so, dass Gott dich auch nur
                    einen Augenblick dem Wirrwarr der Dinge, die dir passieren und die wir <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">«gute»</term> oder <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">«böse»</term> zu nennen
                    pflegen, überlässt. Sondern in all diesen Dingen, den guten und den <pb xml:id="p701" ed="pga"/> bösen, waltet eine ewige Gerechtigkeit. Gott ist
                    diese <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>,
                    und sie waltet wirklich, es gibt in seinem ganzen Reiche keine Provinz, die
                    er an einen Statthalter abgetreten hätte, etwa an den <term type="Sachen" key="Teufel">Teufel</term> oder an das Schicksal, und es gibt auch keine
                    Macht neben ihm, sonst wäre er nicht Gott. Des allwaltenden Gottes Güte und
                    Gerechtigkeit aber geht nicht ins Allgemeine, sondern sie betrifft dich. Der
                    Gott, der Alles in der Hand hält, meint es gut mit dir, und was er tut, das
                    tut er, um seine gute Meinung mit dir zur Erfüllung zu bringen. –
                    |</p>
                <p>Und nun das <hi rend="italic">Zweite</hi>, was uns besonders wichtig ist, wenn wir vom
                    Gottsuchen reden. Wenn Gott die Güte ist, so heißt Gott kennen und haben
                        <hi rend="italic">gut werden</hi>. Das ist Gottes gute Meinung mit dir, dass du
                    gut werden darfst. Wenn du gut wirst, dann hast du die große Freude, vorher
                    nicht. Merkst du etwas? Viele Menschen merken gerade an diesem Punkt nichts
                    und gehen dann an Gott und seiner <term type="Sachen" key="Freudenbotschaft, göttliche">Freudenbotschaft</term> enttäuscht
                    vorüber. Sie warten, wie ich schon gesagt, ihr Leben lang auf besondere
                    Boten <term type="Sachen" key="Bote Gottes">Gottes</term>, die ihnen Freude,
                    Sicherheit und Heiterkeit direkt ins Herz reden sollten. Die kommen dann
                    nicht, und statt dessen kommen ganz andere Dinge. Und darüber werden sie
                    müde und vergrämt, und das Wort von Gott erscheint ihnen als ein matter,
                    ungenügender Trost. Unterdessen aber sind die Boten dagewesen, die Boten des
                    gütigen <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Gottes</term>, dessen
                    freundliche Meinung dahin geht, uns zu guten Menschen zu machen.</p>
                <p> Wenn wir Sehnsucht haben nach <term type="Sachen" key="Gottessehnsucht">Gott</term> als dem Herrn, der unser Leben zu einem freudigen, schönen
                    Leben mache, dann müssen wir achthaben auf die <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term>: <hi rend="italic">Siehe, ich will meinen Engel
                        senden, der vor mir her den Weg bereiten soll</hi>. Wenn Gott zu uns
                    kommen <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> soll, so muss vor ihm der Weg bereitet
                    werden; das will sagen: wir Menschen müssen in den innern Zustand versetzt
                    werden, der es <hi rend="italic">möglich</hi><note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.</note>
                         macht, dass der lebendige <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> der Freude in uns wohne und wir in
                    ihm. Es ist kein Zufall, dass schon das Alte Testament an verschiedenen
                    Stellen auf diese Tatsache Nachdruck legt. «Machet die Tore weit und die
                    Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe.» So im <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.24.7">24. Psalm [V. 7</ref>
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.24.9">.9</ref>]. «Es ist eine Stimme
                    eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg, macht auf dem
                    Gefilde eine ebene Bahn unserm Gott». So in dem gewaltigen Anfang des 40. Ka<pb xml:id="p702" ed="pga" break="no"/>pitels des <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40.3">Jesajas [V. 3]</ref>. Und so nun auch in unserm Prophetenwort:
                    «Ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll.» Die
                    Männer, die dann das Neue <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term> geschrieben haben, haben alle diese Stellen wunderbar
                    erfüllt gesehen in der Erscheinung, in dem merkwürdigen Zusammentreffen der
                    zwei, von denen die evangelische Überlieferung erzählte als von Menschen,
                    die um Haupteslänge ihre Umgebung überragten und von denen doch der erste
                    sich nicht würdig fühlte, dem zweiten die Schuhriemen aufzulösen. Zuerst die
                    düstere, unerbittliche Gestalt des <rs type="person" ref="kbga-actors-2206">Propheten</rs> am Jordan, der die Menschen aufforderte
                    umzukehren, anders zu werden, rechtschaffene <term type="Sachen" key="Buße">Buße</term> des Herzens zu tun, weil das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term> nahe herbeigekommen sei [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.2 Mk.1.8">Mk. 1,2–8</ref>
                    par.]. Und dann der Sohn des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Zimmermanns</term> von
                        <placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName>, der das
                    Himmelreich nicht nur predigte, sondern lebte, so dass die Leute die selige
                    Erfahrung machten, dass Gottes Ankunft jetzt nicht mehr bloß verheißen,
                    sondern geschehen sei. Hier die <term type="Sachen" key="Weissagung">Weissagung</term>, dort die <term type="Sachen" key="Erfüllung">Erfüllung</term> – hier die Vorbereitung, dort die Tatsache
                    – hier der Bote <term type="Sachen" key="Bote Gottes">Gottes</term>,
                    dort Gott selbst. Aber dies Verhältnis des Täufers zu Christus, das die
                    alten Christen tiefsinnig schon aus dem Alten <term type="Sachen" key="Altes Testament">Testament</term> herausgelesen haben, es gehört
                    nicht zu den zufälligen Tatsachen, die einmal geschehen sind, um durch ihre
                    Außerordentlichkeit das Staunen des Geschichtsforschers zu erregen. Sondern
                    wie es damals zugegangen ist, so geht es zu, so geschieht es jetzt, heute,
                    immer, überall, wo das Wunderbare sich ereignet, dass Gott zu den Menschen
                    kommt, um ihnen das Leben, die Freude mitzuteilen.</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> Gott schickt seine Boten vor sich her, um den
                    Weg zu bereiten, um die Tore weit und die Türen in der Welt hoch zu machen,
                    um uns herzurichten zu Wohnungen des ewigen <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Lebens</term> und der ewigen <term type="Sachen" key="Freude, ewige">Freude</term>.</p>
                <p>Und wenn wir also hergerichtet werden müssen für das Leben und die Freude,
                    dann heißt das, dass wir zuerst zu gütigen und gerechten Menschen
                    hergerichtet werden müssen, wie Gott gütig und gerecht ist. Das verstehen
                    wir so oft nicht, und das müssen wir verstehen lernen. Der Gott, von dessen
                    Ehre alle Lande voll sind und von dessen Ehre auch wir voll werden dürfen,
                    der Herr Zebaoth, ist heilig [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.6.3">Jes. 6,3</ref>], und das sollen wir auch werden. Dazu schickt
                    er seine Boten vor sich her, wie der <persName ref="kbga-actors-2206">Täufer</persName> Jesus voranging, und wenn die
                    Boten ihre <pb xml:id="p703" ed="pga"/> Botschaft ausgerichtet haben, d. h. wenn
                    sie uns persönlich zu Hause getroffen haben, wenn sie uns persönlich
                    gesprochen haben und wenn wir sie persönlich angehört haben, ruhig und
                    nachdenklich, dann kommt Gott selbst, dann kommt der Herr zu seinem Tempel
                    oder, was dasselbe ist, dann kommen wir zu ihm, dann geht Gottes Hoftor vor
                    unsern erstaunten Augen auf, dann wird zu uns, zu dir und zu mir gesagt: Du
                    frommer und getreuer Knecht, gehe ein zu deines Herrn Freude! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.21">Mt. 25,21</ref> par.] «Wer wird auf des
                    Herrn Berg gehen? und wer wird stehen an seiner heiligen Stätte? Der
                    unschuldige Hände hat und reines Herzens ist» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.24.3 Ps.24.4">Ps. 24,3f.</ref>].</p>
                <p>Dazu wollen uns Gottes Boten zubereiten, und nun wollen wir nur nicht zu
                    lange suchen, wenn wir uns nach den Boten <term type="Sachen" key="Bote Gottes">Gottes</term> in unserm Leben umsehen. Nicht nach
                    Zeichen und Wundern, nicht nach außerordentlichen Erlebnissen und besondern
                    Offenbarungen der Gnade Gottes, nicht nach herrlichen Führungen direkt in
                    den Himmel. Nicht nach Erfahrungen, die uns von Andern als möglich
                    bezeichnet werden, sondern nach <hi rend="italic">den</hi> Erfahrungen, die
                        <hi rend="italic">wir</hi> wirklich machen. Denn Gott ist nicht der Gott des
                    Möglichen, sondern des Wirklichen. Und es mag so groß und wahr sein als
                    möglich, was Andere erlebt haben, wenn wir zu ihm kommen wollen, kommt Alles
                    darauf an, dass wir in unserm eigenen Leben, <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/>
                    und zwar in dem Leben, wie es wirklich ist, ihn erleben, sonst wäre unsre
                    Ankunft kein Erlebnis und darum auch nicht wahr.</p>
                <p>Besinne dich auf deine wirklichen Erlebnisse und lerne sie verstehen. Viele
                    Menschen wissen nur von traurigen Erlebnissen zu reden, von Erfahrungen der
                    Art, wie wir sie vorhin genannt: <term type="Sachen" key="Unglück">Unglück</term>, <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term>,
                        <term type="Sachen" key="Vergänglichkeit">Vergänglichkeit</term>. Wir
                    wollen nicht mit ihnen streiten, ob sie mit ihrem «nur» recht haben, weil
                    wir alle die Gefahr kennen und ihr unzählige Male erlagen, diese traurigen
                    Ereignisse so recht als das Gegenteil der göttlichen <term type="Sachen" key="Freudenbotschaft, göttliche">Freudenbotschaft</term> zu verstehen,
                    uns durch sie irre machen zu lassen, über ihnen müde und vergrämt zu werden.
                    Wir wollen darum gerade von ihnen und nur von ihnen reden, denn wir reden
                    dann jedenfalls von Erfahrungen, die wir Alle schon gemacht haben und
                    machen. Und noch aus einem andern Grund: es steht nämlich nach der Ordnung
                    in der Welt Gottes so, dass gerade sie und nur sie die Boten <term type="Sachen" key="Bote Gottes">Gottes</term> sind, die Gottes Weg bei
                    uns und in uns herrichten. Es steht so, dass Johannes der <persName ref="kbga-actors-2206">Täufer</persName> auftreten musste
                    als Prediger <pb xml:id="p704" ed="pga"/> des <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">Gerichts</term>, der Furcht und des
                    Schreckens, und nachher kam die große <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term>, die allem Volke widerfahren sollte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.10">Lk. 2,10</ref>]. Und es steht so, dass
                    wir Schmerz und Unsicherheit und Ernst erfahren und erleben müssen bis ins
                    Mark unsres Wesens hinein, und nachher kommt Gott und nimmt Wohnung bei uns.
                    Denn das sind die Boten, die uns dauerhaft und gründlich Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Güte</term> ins Herz reden. Und das haben
                    wir nötig. Die Freude <term type="Sachen" key="Gott, Freude">Gottes</term>
                    kommt nachher.</p>
                <p>Zu dir ist das <term type="Sachen" key="Unglück">
                            <hi rend="italic">Unglück</hi></term>
                    gekommen in einer kurzen oder langen Reihenfolge kleiner oder großer
                    Ereignisse, die dich nicht nur äußerlich, sondern innerlich wundgerieben
                    haben. Und nun denkst du bei dir selber über dich selber: wenn’s noch
                    lange so fortgeht, dann bin ich nicht nur wundgerieben, sondern aufgerieben,
                    dann wird die Nebelwand, die mich jetzt von Gott und dem rechten Leben
                    trennt, zu einer Mauer, über die ich nicht hinwegkomme. Ja, wie
                    steht’s denn damit? Steht’s nicht vielleicht so, dass im
                    Unglück eine Mauer aufgebaut werden muss zwischen dir und Gottes
                        <hi rend="italic">Freude</hi>, weil Gott an der Arbeit ist, zuerst die Mauer <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> zwischen dir und Gottes <hi rend="italic">Güte</hi>
                    niederzureißen: Bei aller Freude an Gott, die du vorher empfandest oder die
                    du doch vom Hörensagen wertschätztest, waren da vielleicht doch deine <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term>, dein Hochmut, deine
                    Eitelkeit oder deine Oberflächlichkeit und <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term> – Alles vielleicht
                    verborgen, nur dir selbst und Gott bekannt, aber Alles Dinge, die mit Gottes
                    Güte nichts gemein haben. Denen wird durch dein Unglück plötzlich der Boden
                    entzogen. Du kannst jetzt die Freude an dir selbst und deinem <term type="Sachen" key="Glück">Glück</term>, an deiner <term type="Sachen" key="Gesundheit">Gesundheit</term>, deinem Wohlstand, deinem guten Ruf
                    nicht mehr mit der Freude an Gott verwechseln, denn diese Freude entgleitet
                    dir aus den Händen, und du meinst selbst, dass bald nichts mehr davon
                    übrigbleibt. Und mit der Oberflächlichkeit und <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term>, die du für gottesgewisse
                    Zufriedenheit hieltest, ist es auch vorbei, denn es ist eine tiefe
                    Unzufriedenheit an die Stelle getreten, die du selbst durchaus nicht
                    oberflächlich und gleichgiltig behandelst. Steht es nicht so, dass in der
                    Tat etwas wundgerieben werden muss in dir, dass es mit dem Unglück
                    vielleicht noch viel länger so weitergehen muss, bis das Etwas bei dir
                        <hi rend="italic">auf</hi>gerieben ist, nämlich dein <hi rend="italic">Ich</hi>, das sich
                    von den Schlägen des <term type="Sachen" key="Unglück">Unglücks</term> so
                    peinlich berührt fühlt? Gütig bist du nicht, und gerecht bist du nicht, wie
                    du sein müsstest, damit Gott in dir wohne und du ein rechtes Leben lebest,
                    wenn dein «Ich» das Herr<pb xml:id="p705" ed="pga" break="no"/>schende in dir ist. Sieh,
                    nun kommt der Bote Gottes und verleidet dir das Ich; zeigt er sich darin
                    nicht so recht als <hi rend="italic">Gottes</hi>
                    <term type="Sachen" key="Bote Gottes">Bote</term>, des Gottes, der <term type="Sachen" key="Gott, heilig">heilig</term> ist? Glaube mir das Eine:
                    bist du einmal mit Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Güte</term>
                    im Reinen, ist da die trennende Mauer verschwunden, dann wird Gott auch die
                    andre, die Schüttmauer<note xml:id="n06">Bei einer Schüttmauer
                        sind nur die Außenschalen gemauert, während der Zwischenraum vor allem
                        mit verschiedenem Aushub- oder Abbruchmaterial und nur wenig Bindemittel
                        verfüllt ist. Verglichen mit einer normalen Steinmauer ist ihre
                        Standfestigkeit entsprechend geringer.</note> wieder verschwinden
                    lassen, die er jetzt zwischen dir und seiner Freude aufrichten muss, damit
                    du ihn recht erkennest. Nachher, du kannst dich darauf verlassen, aber nicht
                    vorher.</p>
                <p>Zu dir ist die <term type="Sachen" key="Versuchung">
                            <hi rend="italic">Versuchung</hi></term> gekommen und hat dir die Sicherheit
                    genommen, mit der du dich auf deine moralische Kraft verließest. Vielleicht
                    bist du in <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> gefallen, offen oder
                    heimlich, vielleicht hast du dich gerade so durchgeschlagen und hast der
                    Versuchung nicht geradezu nachgegeben, indem du, wie uns die alten Maler den
                    heiligen <term type="Sachen" key="Antonius Eremita">Antonius</term> in der
                    Wüste schildern, den Kopf in die Fäuste stemmtest und nicht rechts noch
                    links sahst.<note xml:id="n07">Bei den «Versuchungen des Heiligen
                        Antonius» handelt es sich um ein seit dem ausgehenden Mittelalter sehr
                        beliebtes Motiv der bildenden Kunst. <persName ref="kbga-actors-9330">Hieronymus Boschs</persName> Triptychon (1505/10; Museu
                        Nacional de Arte Antiga, Lissabon) und <persName ref="kbga-actors-584">Matthias Grünewalds</persName> Darstellung im
                        Isenheimer Altar (um 1515; Musée d’Unterlinden, Colmar) zählen zu
                        den berühmtesten Beispielen; vgl. aber auch die Darstellung von 
                            <persName ref="kbga-actors-9331">Jan Mandyn</persName> (um 1550;
                        Frans Hals-Museum, Haarlem). Modernere Versionen mit der von Barth
                        beschriebenen Motivik: <persName ref="kbga-actors-9332">Lovis Corinth</persName> (1897; Neue Pinakothek München); <persName ref="kbga-actors-9333">Felicien Rops</persName> (1878; Königliche
                        Bibliothek, Belgien).</note>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Aber so oder so. Es ist doch etwas hängen
                    geblieben. Du hast gespürt: es hätte auch anders gehen können. Es bleibt das
                    dumpfe Gefühl in dir zurück von einer Macht des <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Bösen</term> in dir, die stärker sein könnte als
                    das, was die Andern, die dich nicht kennen wie du dich selbst, deine
                    «natürliche gute Anlage» nennen. So, nun sieh, da kommt die Versuchung und
                    sagt dir, du habest geschlafen, wenn du meintest, es sei genug getan mit dem
                    natürlichen <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term>, das dir
                    angeboren ist, du müssest hinaus über das Natürliche, um anzufangen gut zu
                    sein. Ja, es mag so sein, dass dein Inneres aufgewühlt und verstört ist wie
                    der stille Bergsee, in den ein Meteor gefallen ist. Es mag so sein. Es muss
                    so sein zu Zeiten. Es muss manch<pb xml:id="p706" ed="pga" break="no"/>mal sein, dass wir
                    aufgemuntert, aufgerüttelt werden zur Selbstbesinnung, zum moralischen
                    Rechnungsabschluss nicht bloß durch Worte in guten Büchern und von der
                    Kanzel herunter, sondern durch Ereignisse und Gelegenheiten, die wildfremd
                    in unser Leben hineinschneien und uns zu schaffen und über uns selbst zu
                    denken geben. Sie sind Boten Gottes an dich, auch die Versuchungen. Und es
                    gibt vielleicht keinen dringendern und wirksamern Boten <term type="Sachen" key="Bote Gottes">Gottes</term> als die moralische Unsicherheit, als das
                    Verzagen an deiner sittlichen Kraft, das sich jetzt wie ein Schatten über
                    deine <term type="Sachen" key="Weihnachtsfreude">Weihnachtsfreude</term> zu
                    legen scheint. Du weißt, was die Bibel sagt: Selig ist der Mann, der die
                        <term type="Sachen" key="Anfechtung">Anfechtung</term> erduldet, denn
                        <hi rend="italic">nachdem</hi> er bewähret ist, wird er die Krone des Lebens
                    empfangen [<ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.12">Jak. 1,12</ref>]. Auch
                    hier: <hi rend="italic">nachdem</hi>, auch hier <hi rend="italic">nachher</hi>, nicht
                    vorher!</p>
                <p>Und zu dir ist die <term type="Sachen" key="Vergänglichkeit">
                            <hi rend="italic">Vergänglichkeit</hi></term> gekommen, und während du von
                    Gott ein heiteres Herz und frohen Mut erwartetest, hat sie dir unfrohen,
                    bittern Ernst gepredigt. Du hast sterben sehen. Du spürst es an dir selbst
                    und an Andern, wie die Jahre fliehen, und wie gering, wie verschwindend
                    gering ihr Ertrag für unser Leben ist, wie wenig Bleibendes ist in dem, was
                    dir im Lauf der Zeiten wertvoll und groß war. Ist sie darum ein Bote des
                        <term type="Sachen" key="Tod">Todes</term>, die Vergänglichkeit, die uns
                    anredet, wenn wir an frischen Gräbern stehen und wenn wir gewahr werden, wie
                    der Faden unsres Lebens unaufhaltsam abläuft? Ich denke, manche von euch
                    kennen das Bild von <persName key="Rethel, Alfred">Alfred Rethel</persName><note xml:id="n08">
                            <persName ref="kbga-actors-9334">Alfred Rethel</persName>
                        (1816–1859), deutscher Historienmaler.</note> «Der Tod als <figure n="^#27-5"/>
                        Freund».<note xml:id="n09">Siehe Abb. 5.</note> Zu dem
                    greisen Wächter und Glockenläuter ist im Pilgergewand der <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> Tod in die Turmstube getreten und hat ihm mit
                    leiser, gewissenhafter Hand das Glockenseil weggenommen<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. ursprünglich: «aus der Hand genommen»; bei der Korrektur
                            blieb «aus der» versehentlich stehen. Von den Hrsg. geändert.</note>. Das ist nun vorbei. Aber hinten am fernen Horizont, jenseits der
                    zeitlebens treu bewachten Stadt, da geht eben der Morgen auf, und die
                    leblosen Augen des Entschlafenen sehen in die Sonne. Leblos? Nein, sie sehen
                    jetzt das ewige <term type="Sachen" key="Licht, ewiges">Licht</term>. Ich
                    habe das Bild zu Hause unter meine Uhr gehängt, und es sagt mir mit der Uhr
                    zusammen: Die Zeit vergeht, die Welt vergeht. Aber indem die <term type="Sachen" key="Zeit, und Ewigkeit">Zeit</term> und das Zeitliche
                    vergeht, geht die 
                    <!-- Bild einfügen -->
                    <figure rendition="simple:display">
                        <head><pb rend="noPipe" xml:id="p707" ed="pga"/></head>
                        <graphic url="../images/53/Abb-5.jpg"/>
                        <figDesc> 
                            <hi rend="italic">Abb. 5: Alfred Rethel, «Der Tod als Freund», 1851 (Wikimedia Commons).</hi>
                        </figDesc>
                    </figure>
                     Sonne der Ewigkeit auf. Es sagt
                    mir: du musst ein guter Mensch sein; du musst etwas sein und wirken, was
                    nicht mit der Zeit vergehen kann, kein Wellengekräusel, kein
                    Seifenblasenleben. Vielleicht das Meiste, was du jetzt tust, sind
                    Seifenblasen, und seine Beständigkeit ist danach. Schaffe etwas Besseres:
                    Dann wirst du’s merken, dass die <term type="Sachen" key="Vergänglichkeit">Vergänglichkeit</term> nicht der Feind, sondern
                    der Freund des Menschen ist, weil sie ihm die wichtigen und die unwichtigen
                    Glockenseile aus der Hand nimmt und ihn in das ewige <term type="Sachen" key="Licht, ewiges">Licht</term> schauen heißt. Dann wirst du’s
                    merken, dass sie ein Bote <term type="Sachen" key="Bote Gottes">Gottes</term> ist, des Gottes, der nicht zerstört, sondern aufbaut.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p708" ed="pga"/> Und nun sieh dich um in deinem eigenen Leben, ob die vielen traurigen
                    Erfahrungen, die du zu machen hast, nichts, auch gar nichts von der Art der
                    Boten Gottes an sich haben? Von der Art der Weihnachtsboten? Von der Art der
                    Boten der <term type="Sachen" key="Erlösung">Erlösung</term>? Du weißt, was
                    das heißt: Erlösung. Es kommt von <hi rend="italic">Los</hi>; wir sollen los werden.
                    Von was? Von alledem an uns und unserm Leben, was bloß Ich ist, was bloß
                    natürlich ist, bloß zeitlich. Über das hinaus sollen wir hinein in die
                    Reinheit <term type="Sachen" key="Gott, Reinheit">Gottes</term>, in die
                    Kraft erkämpften und geschenkten guten Willens, in das ewige Licht eines
                    beständigen Lebens. Das ist die Erlösung. Es hat mir einmal jemand gesagt:
                    die allermeisten Menschen erlebten doch wohl viel mehr Trauriges als
                    Fröhliches. Ich sage: wenn das wahr ist – und es kann wahr sein, dann
                    ist eben darum das Andre wahr, dass zu den allermeisten Menschen viel mehr
                    Boten Gottes kommen, als sie selbst ahnen. Die traurigen Erlebnisse, gerade
                    sie sind die Gotteskräfte der Erlösung, die an uns arbeiten. Sie sind die
                    Boten Gottes, und nun kommt es nur darauf an, ob sie uns zu Hause treffen
                    und ob wir für <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> sie zu sprechen sind. Darauf
                    kommt’s an. Es erleben viele Menschen viel Trauriges; aber sie hören
                    Gottes Rede nicht, die in der Traurigkeit an sie ergeht. Sie verkennen
                    Gottes <term type="Sachen" key="Mensch, verkennt Boten Gottes">Boten</term>,
                    wie die <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> 
                        <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes den Täufer</persName> verkannt
                    haben. Sie ersehnen wohl Gottes <term type="Sachen" key="Advent">Ankunft</term>, aber Gottes wirkliche Ankunft kommt ihnen unscheinbar,
                    abstoßend, schrecklich vor. O tut die Augen auf, ihr alle, und merkt, was
                    das heißen will: «Dein König kommt in niedern Hüllen» – In Hüllen,
                    die uns nicht gefallen, und doch ist er der König, und doch ist er und kein
                    anderer der,</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>der kommt, auf den verheerten Triften</l>
                            <l>des Lebens neuen Bund zu stiften,<note xml:id="n10">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-129">Aus Strophe 4 des im Gottesdienst gesungenen Liedes Nr. 93
                                    (s. unten, Lieder)</bibl>; dort: «Du kommst,
                                auf…»</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">der uns die Türe auftut zur Freude <term type="Sachen" key="Gott, Freude">Gottes</term>.</p>
                <p> Seht, nun tritt in diesen <term type="Sachen" key="Advent">Advents-</term>
                    und <term type="Sachen" key="Weihnachten">Weihnachtstagen</term> wieder
                    Christus in unsre Mitte. Er ist nichts Anderes als das offenbar gewordene
                    Geheimnis des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Geheimnis des Lebens">Lebens</term>. Wir werden durch Mühsal und Leiden und Sterben, wir
                    werden durch die Boten <term type="Sachen" key="Bote Gottes">Gottes</term>
                    zu Gott selbst geführt. Wenn der Weg bereitet ist, dann kommt der Herr zu
                    seinem Tempel, dann kommen wir zu ihm. Als der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Gekreuzigte</term> und
                        <hi rend="italic">darum</hi>
                    <pb xml:id="p709" ed="pga"/> als der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Auferstandener">Auferstandene</term> tritt er unter
                    uns und sagt uns: Folget <hi rend="italic">mir</hi> nach, die ihr nach Gott Sehnsucht
                    habt, folget <hi rend="italic">mir</hi> nach, die ihr auferstehen möchtet im Geist und
                    in der Wahrheit, denn es kann der <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> nicht über seinem Herrn sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.24">Mt. 10,24</ref> par.]. Gott ziehe und
                    erziehe uns Alle zu dieser Nachfolge, heute wieder, wenn wir das heilige
                        <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> feiern, und alle
                    Tage.</p>
                <p> Du aber, nimm zur Erkenntnis der Boten <term type="Sachen" key="Bote Gottes">Gottes</term> den Vers aus <persName ref="kbga-actors-131">Paul Gerhardts</persName> Adventslied mit nach Hause und
                    überlege ihn Wort für Wort:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Als mir das Reich <hi rend="italic">genommen</hi>,</l>
                            <l>Wo Fried’ und Freude lacht,</l>
                            <l>
                                <hi rend="italic">Da</hi> bist du, mein Heil, kommen</l>
                            <l>Und hast mich froh gemacht!<note xml:id="n11">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-64">Aus
                                    Strophe 3 des Liedes «Wie soll ich dich empfangen» von 
                                        <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (GERS 90; RG 367; EG 11).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-168">Nr. 86: «Gott sei Dank in aller Welt» von <persName ref="kbga-actors-8651">H. Held</persName>, Strophen
                            1–4 (RG 369; EG 12 [je mit Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-129">Nr. 93: «Dein König kommt in niedern Hüllen» von <persName ref="kbga-actors-1398">Fr. Rückert</persName>,
                            Strophen 1.2.4.5 (RG 371; EG 14 [je mit geringen
                            Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-283">Zur Kommunion Nr. 213: «Geist der Liebe, Geist der Gnaden» von
                            <persName ref="kbga-actors-1024">K. R. Hagenbach</persName>, Strophen 1.3.5.</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.24">Psalm 24</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
