19. November 1911

Predigt: Lukas 12,13–15

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Lukas 12,13–15
Es sprach aber Einer aus dem Volk zu Jesus: Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile. Er sprach aber zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschichter1 über euch gesetzt? und sprach zu ihnen: Sehet zu und hütet euch vor dem Geiz; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.
Liebe Freunde!

Wir wollen ja nicht damit anfangen, zu sagen, das müsse jetzt auch ein recht ungeistlicher Mensch gewesen sein, der da an Jesus gelangen konnte mit der Bitte: Sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile! Wir hören nachher, dass er mit dieser Bitte abgewiesen wurde – aber nur ja keine Entrüstung und Geringschätzung deshalb! Im Gegenteil: wenn wir recht verstehen wollen, warum er von Jesus abgewiesen oder vielmehr auf etwas Besseres verwiesen wurde, dann müssen wir uns recht in ihn versetzen, dann muss er uns zuerst recht sympathisch und lieb werden mit seiner Bitte. Ich glaube, das kann uns durchaus nicht schwer fallen. Denn wir haben es Alle etwa schon so gemacht wie jener Mensch. Vielleicht war es bei uns nicht gerade ein Erbschaftsstreit, sondern irgend eine andre Sache, bei der wir unser Recht haben wollten. Irgend ein Nebenmensch war uns zu nahe getreten mit seinen Worten oder Handlungen: wir fühlten uns verletzt, zurückgesetzt, bedroht oder geschädigt, und da entstand ganz natürlich in uns das Bedürfnis, uns an einen Größern, Stärkern anzulehnen, bei ihm Schutz und Hilfe gegen den Bedränger zu suchen. So haben wir es gewiss Alle schon als Schulkinder gemacht: Herr Lehrer! der oder die hat mir etwas zu Leid getan, sagt ihm doch, dass er es nicht mehr tun soll! So haben wir es später gegenüber andern Personen gemacht, die zwar keine solche Macht hatten wie der Herr Lehrer |385 über die bösen Buben und Mädchen – aber wir gingen doch zu ihnen und sagten: Jetzt, was meint ihr dazu, was man mir angetan hat? Ist es nicht ein Unrecht und eine Schande, wie man es mir gemacht hat? Und wenn sie uns dann zustimmten und sagten: ja, es ist wahr, es ist schrecklich, dann fühlten wir uns wunderbar erhaben und gestärkt, es war uns, wie wenn uns das erlittene Unrecht nur noch halb so wehtue. Wir haben eben das Bedürfnis, uns Recht geben zu lassen von den Andern, und das sind uns dann die lieben Menschen, die uns2 durch dick und dünn Recht geben. |

Ich kann Euch schon sagen, dass der Beruf eines Pfarrers vielleicht aus keinem Grund so schwierig ist als darum, weil alle Leute von einem verlangen, man solle ihnen Recht geben gegen diesen oder jenen Andern. Man kommt in ein Haus, tritt unten hinein und hört binnen kurzem: Eh, was sind das für böse Leute, die überoben3 wohnen! Dann steigt man nach überoben und vernimmt: Es wäre Alles gut, wenn nur nicht die überunten wären, aber das ist eine schlimme, heuchlerische Gesellschaft! Da steht man dann auf der Treppe zwischen den beiden Familien und ist bös dran: Sage meinem Bruder, dass ich Recht habe – nein, dass ich Recht habe! Zwanzig Jahre müsste man in Safenwil gelebt haben, um sich richtig entscheiden zu können, und dann noch wäre man nicht sicher. O da ist man dann froh, dass Einer, der noch ein ganz anderer Pfarrer gewesen ist als unsereins, es fröhlich abgelehnt hat, darüber zu entscheiden, ob Hinz oder Kunz Recht hat. Aber davon wollen wir jetzt noch nicht reden. Ich wollte nur sagen: die Weise jenes Menschen, der wollte, dass Jesus ihm Recht gebe, sie ist etwas allgemein-menschliches, und wir sollen nicht über ihn schimpfen oder auch nur lächeln. Wenn Jesus heute nach Safenwil käme, er würde es vom Striegel bis zum Holz4 und wieder zurück mit vielen hundert ganz ähnlichen Bittstellern zu tun bekommen. – |

Aber nicht nur, weil wir es auch so machen, sollen wir ihn begreifen. Es liegt in seinem Wunsch innerlich und verborgen etwas Schönes |386 und Berechtigtes. Etwas Gutes, das ihm selbst vielleicht unbewusst war, als er seinen Wunsch aussprach, und das auch uns unbewusst ist, wenn wir es ähnlich machen, und das trotzdem bei ihm da war und bei uns da ist. Er wollte Recht bekommen bei Jesus. Ja, wer nun gewohnt ist, bei den Menschen immer nur auf die minderwertigen Absichten und Gefühle zu achten, der kann freilich daraus machen, er habe eben nur mit Hilfe Jesu zu seiner Sache kommen wollen. Das wollte er freilich: Sage meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teile! Aber es steckte doch wohl noch etwas mehr dahinter als das mehr oder weniger eigennützige Verlangen nach dem Erbteil. Dass sein Bruder ihm das Seinige vorenthielt, das kränkte ihn, nicht nur weil es ihn persönlich schädigte, sondern weil es ganz abgesehen von seiner Person nicht recht war. Es wird uns wohl auch schon so gegangen sein. Wir hätten uns beruhigen und trösten können über dem Schaden, der uns zugefügt worden, aber was uns aufregte, das war das Gefühl, dass da Unrecht geschehen sei. Den Schaden hätten wir gern verschmerzt, aber gegen das Unrecht lehnten wir uns mit aller Macht auf. Ein berühmter Jurist hat diese Auflehnung den «Kampf ums Recht»»  genannt und hat in einer Schrift unter diesem Titel5 gefordert, dieser Kampf müsse immer und überall durchgefochten werden bis aufs Letzte, auch wenn wir beim Nachgeben gar keinen Schaden hätten, so dürfe doch nicht nachgegeben werden, denn Recht müsse doch Recht bleiben. Diese Gesinnung nenne ich berechtigt und schön, obwohl sie im Leben fast überall mit andern, niedrigeren Motiven verbunden sein mag. Ich glaube, auch jener Mensch stand im Kampfe um das Recht und nicht nur im Kampfe um sein persönliches Interesse. Wäre es bloß das Letztere gewesen, dann würde er sich gewiss nicht gerade an Jesus gewandt haben. Er hätte sich ja von vornherein sagen müssen, dass Jesus bloß an dem Wunsch: ich will mein Geld haben! keine Freude haben würde. Es war gewiss etwas vom Bekanntesten an Jesus, dass er Geld und Geldeswert gering achtete als Schätze, die die Motten und der Rost fressen [vgl. Mt. 6,19] – was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne [Mt. 16,26]!! Aber da müsste doch Freude und Anteilnahme von ihm zu erwarten sein, wo ein Mensch ums Recht stritt, um göttliches und menschliches Recht!? Meister, du bist ja der Lehrer |387 göttlicher Gerechtigkeit, Meister, sage meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teile?! – |

Wir müssen diese Anrufung Jesu mit einem warmen, teilnehmenden Herzen miterleben. Es ist eine der tiefsten menschlichen Regungen, dass wir uns von Gott und von göttlichen Menschen möchten sagen lassen, dass wir Recht haben. Aus dieser Regung sind die ersten Gesetze der Menschen hervorgegangen. Sie empfanden es als unumgänglich notwendig, dass gleichsam ein Mund Gottes da sein müsse, der ihnen sage, wer Recht habe und wer Unrecht, unabhängig von der Gewalt und von der Willkür des Einzelnen. Da haben der König Hammurabi von Babylonien und Moses im Volke Israel und der weise Kong-Tse6 in China und später Karl der Große im Frankenreich und die alten Eidgenossen in ihrem ersten Bundesbrief7 die Ordnungen des gemeinsamen Lebens auf große Regeln gebracht, und jeder Bürger konnte von da an wissen: es ist jetzt geschrieben und verbrieft ein Gebot da, in dessen Schatten kann man sicher wohnen, denn es sagt meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teilen, dass er überhaupt meine ganz bestimmten Rechte respektieren soll. Wir haben in der vergangenen Woche viel gehört vom neuen schweizerischen Zivilgesetzbuch 📖8, und ich denke, alle, die den Vorträgen9 gefolgt sind, werden mit mir Freude gehabt haben an der Beobachtung, dass das Recht darin gegenüber dem alten Zustand wieder große Fortschritte gemacht hat. Der Mund Gottes sagt darin deutlicher als zuvor, was Recht sei. Manche, denen bis jetzt nur in ungenügender Weise ihr Recht wurde, die Frauen vor Allem, können sich jetzt darüber freuen, dass dem Mitmenschen genauer gesagt wird, wie er sich zu verhalten |388 habe, und so kann die Sicherheit des Lebens und damit die Freude daran größer werden als früher. Dieser Fortschritt und alle weitern, die wir hoffentlich noch machen werden, sind geboren aus jener innern Regung, der der Mann in unserm Text gegenüber Jesus Ausdruck gegeben: Sage meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teile! Diese Regung ist etwas vom Allergrößten in der menschlichen Natur. Unendlich viel Gutes ist daraus hervorgegangen, und auf den ersten Blick möchten wir wohl die Empfindung haben, sie sei wirklich das Allergrößte und Beste im Menschen. Und von jenem Mann könnten wir dann denken: Bravo! Das war ein vernünftiger Mensch, der zum Herrn Jesus ein praktisches, konkretes Zutrauen hatte.

*   *   *

Umso mehr werden wir dann gespannt sein auf die Antwort, die Jesus ihm geben wird. Wie schön wäre es gewesen, wenn er jetzt, wie etwa König Salomo glorreichen Angedenkens, den Erbschaftsstreit der beiden Brüder geschlichtet hätte durch einen Schiedsspruch, der durch seine Weisheit weit und breit bekannt geworden wäre [vgl. 1.Kön. 3,16–28]. Mose und Kong-Tse wären gewiss eine Antwort nicht lang schuldig geblieben, und wenn wir ein altes oder neues Zivilgesetz aufschlagen würden, würden sie uns über jenen Fall sehr bald und sehr einfach Auskunft geben. Warum hat es Jesus nicht getan? Warum stellt er sich nicht in eine Reihe mit all jenen großen Männern und gibt dem, der Unrecht leidet, Recht, besonders wo die Sache so einfach ist, wie es dort war? Wie würde jener Mann Freude gehabt haben, wenn er zu seinem Bruder hätte laufen können mit der Botschaft: jetzt hat mir Jesus Recht gegeben, und warte nur, wenn er dich trifft, wirst du hören, was du zu tun hast.

Ja, so etwas erwarten wir von Jesus. Aber nun enttäuscht er uns bitter, indem er zur Antwort gibt: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschichter über euch gesetzt? Das ist eine glatte Weigerung zu tun, was der Andre wollte, nämlich ihm Recht zu geben. Ich sage: das enttäuscht uns, und das umso mehr, je mehr wir annehmen müssen, dass es jenem Mann um sein Recht und nicht bloß um seinen Nutzen zu tun war mit seiner Bitte. Er gibt ihm nicht Recht, er erklärt: das geht mich nichts an, ich bin nicht Richter oder Erbverwalter. – |

389Man hat Jesus diese Weigerung schon sehr übel genommen. Das nehmen die Menschen überhaupt sehr übel, wenn man zögert, ihnen Recht zu geben. Erst vorgestern beklagte sich jemand bitter bei mir über seine Verwandten und Hausgenossen. Und als ich dagegen nur ganz schüchtern einwandte, diese Letztern möchten doch wohl ganz so schlimm nicht sein, da sagte mir der Betreffende gleich im Tone tiefster Entrüstung: Ja, Herr Pfarrer, wenn Ihr die noch in Schutz nehmen wollt, – – dann sehe ich euch gar nicht mehr als Herr Pfarrer an! Sehr wahrscheinlich ist Jesus dort auch so abgesetzt worden, als er nicht tun wollte, was man von ihm erwartete. Mindestens hat das schöne Zutrauen jenes Mannes einen argen Stoß bekommen bei dieser Ablehnung.

Und wir stehen da in der Tat vor einer recht schweren Frage. Warum hat Jesus so unpraktisch seine Zeit damit verloren, vom Vater im Himmel und von den Lilien auf dem Feld zu reden [vgl. Mt. 6,26.28], statt ein kleines, aber göttlich vollkommenes Zivil- und Strafgesetzbuch zu erlassen, das für alle Zeiten gegolten hätte? Warum sagt er bloß: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst [Mt. 22,39]!, statt genaue Regeln anzugeben, wie das zu machen sei? Der bekannte deutsche Politiker und Schriftsteller Friedrich Naumann hat einmal gesagt, es sei eine ernsthafte Anfechtung seines Zutrauens zu Jesus gewesen, als er nach Palästina gekommen sei und da den schlechten Zustand der dortigen Straßen und Wege gesehen habe.10 Warum hat Jesus keine Anstrengungen gemacht, da verbessernd einzugreifen? Das kommt uns vielleicht kleinlich vor, und doch besteht die Frage auch für uns: |390 warum hat Jesus so gar nichts getan zur Verbesserung der äußern Lage der Menschen? Warum hat er nicht ein Rezept gegeben zur Lösung der sozialen Frage, die doch schon damals vorhanden war? Warum hat er nicht einen Arbeiterverein gegründet oder einen Konsumverein, eine Haushaltungsschule oder einen Abstinentenbund?11 Warum weist er es sogar in einer so kleinen Sache, wie es jener Erbschaftsstreit war, zurück, durch sein Urteil den Leuten einen guten Dienst zu tun? «Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschichter über euch gesetzt?» Ja, soll das nun eine Antwort sein auf alle die Fragen und Bedürfnisse unsres äußern Lebens? Freunde und Feinde Jesu haben aus dieser Antwort schon mit scheinbar großem Recht den Schluss gezogen, ihm seien eben die äußern Dinge überhaupt gleichgiltig gewesen. Die Wiedertäufer zur Reformationszeit haben gesagt: Seht da, Jesus wollte vom Staat und seinen Rechtsordnungen, von der ganzen weltlichen Kultur nichts wissen. Heutzutage hört man das Wort besonders oft von solchen anwenden, die gegen die Sozialdemokratie und besonders gegen die Einmischung der Religion in die Soziale Frage reden. Seht da, sagen sie, Jesus weigert sich, zu entscheiden über Mein und Dein; die wirtschaftlichen Fragen sind ihm gleichgiltig, ob Sozialismus oder Kapitalismus, darüber gibt er uns keine Auskunft. Und was die einen sagen, um ihn zu rühmen, das sagen die andern, um ihn zu tadeln: Er redet uns nur von der Seele und ihrem Leben, er ist kein Mann der Kultur und des Lebens, er lässt uns im Stich bei den Angelegenheiten, die uns am Meisten interessieren.

Was sollen wir dazu sagen. Jener Ruhm und dieser Tadel sind unangebracht. Die äußeren Dinge waren Jesus nicht gleichgiltig. Es hat vielleicht kaum einen Menschen gegeben, der so viel an die äußern Dinge gedacht hat wie Jesus. Aber er greift sie ganz anders an, als wir es gewöhnlich tun. Auch jene harte Antwort: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschichter über Euch gesetzt? wollte durchaus nicht sagen: Recht und Unrecht in Geldsachen, in äußern Sachen, das kümmert mich nicht: wohl aber war seine Meinung die: Seht, lieber Freund, ich nehme den Fall von einer ganz andern Seite, als du es haben möchtest. Als Richter oder Erbschichter rufst du mich an – das |391 bin ich nicht, kann und will ich nicht sein, aber ich bin etwas Besseres. Du möchtest von mir hören, dass du Recht hast, mich beschäftigt vielmehr die Frage, ob du recht bist. Recht soll ich dir geben? Ja, weißt du denn, was recht ist? Ich will es dir sagen: Recht ist, wenn man sich vor dem Geize hütet, denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. Wie stehst du dazu? – |

Ich sagte vorhin, die Antwort Jesu: Ich bin nicht Richter noch Erbschichter! habe etwas Enttäuschendes, weil sie aussieht wie ein Rückzug, wie ein Ausweichen. Mit dem, was Jesus hinzufügt, verändert sich das Bild: nicht mehr enttäuscht, nein bedroht müsste sich der Fragende nun fühlen. Er war gleichsam mit dem Schwert in der Hand angestürmt: Ich habe Recht, und Recht muss doch Recht bleiben – da nimmt Jesus ihm das Schwert aus der Hand und kehrt es gegen ihn selbst: Hast du wirklich Recht? Du weißt doch, dass Habsucht Unrecht ist?!

Es liegt etwas Großartiges, Majestätisches in dieser Wendung der Antwort Jesu. Hätte er dort wie Salomo ein weises Urteil gefällt zwischen den beiden Brüdern, dann wären wir vielleicht um eine hübsche Erzählung reicher, aber mehr wäre uns damit nicht geholfen. Nun aber hat Jesus mit seiner enttäuschenden und bedrohlichen Antwort allen denen, die Recht haben möchten, einen ewigen Weg gewiesen. Recht soll ich dir schaffen? Ja, wenn du bloß das meinst, dass man dir das Deinige zuspreche in diesem Streitfall, dann musst du zu andern Leuten gehen. Ist es dir aber ums Recht selbst zu tun, dann komm zu mir, sieh zu und hüte dich vor der Habsucht. Dann hast du sicher Recht. So ist Jesus vorgegangen. Jawohl, er hat Recht und Unrecht im Leben, im wirklichen Leben der Menschen erkannt und tief ernst genommen. Aber er hat sie so ernst genommen, dass er nicht dabei bleiben konnte zu urteilen: du hast Recht und du Unrecht, sondern er stieg tiefer und sagte: woher kommt Recht und Unrecht? Und da fand er, dass sie beide hervorgehen aus einem Zustand des innern Menschen, aus einer Gesinnung, können wir sagen. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein schlechter Baum kann nicht gute Früchte bringen [Mt. 7,18]. Dem Baum hat Jesus seine Aufmerksamkeit gewidmet. Eine neue Gesinnung wollte er gründen unter den Menschen. Das war das Größere, das er zu sagen hatte gegenüber auch dem besten Richter, und weil er das Größere zu sagen hatte, weigerte |392 er sich, des Richters Amt zu tun. In diesem Fall wollte er dem Ankläger sagen: du musst dich selbst ganz frei machen von aller Gier nach dem Besitz, von allem Behagen am Geld, dann hast du sicher Recht, sogar wenn der Bruder dir Unrecht tut! Machst du dich davon nicht frei, dann könntest du hundert Erbschaftsprozesse gewinnen und alle Güter der Welt damit, du würdest doch nicht Recht haben! Ein schlechter Baum kann nur schlechte Früchte bringen.

Können wir jetzt noch sagen, dass Jesus gleichgiltig gewesen sei gegenüber dem Recht und Unrecht in der Welt? Dass er sich der Aufgabe habe entziehen wollen, die Welt besser zu machen? Es braucht wirklich eine merkwürdige Verblendung, um so etwas zu behaupten! Was Jesus wollte, das war ja gerade die Grundbedingung einer bessern Welt. Was Jesus wollte, das waren die bessern Menschen. Ihr werdet Recht haben, sobald ihr recht seid, fangt nur einmal damit an!! Ist das ein unfruchtbares Gefühlswesen, wenn Jesus so forderte, kann man im Ernst behaupten, er hätte besser getan, uns ein christliches Erbrecht zu hinterlassen? Nein, das konnte er den Richtern und Gesetzgebern überlassen, da überlässt er es uns, immer neue und bessere Ordnungen des Lebens zu schaffen. Jesus gibt nicht Gesetze, aber er gibt, dass Gesetze gehalten und erfüllt werden; er schafft die Gesinnung, ohne die auch das beste Gesetz Papier und Druckerschwärze wäre. Oder ist es etwa nicht so? Redet nicht unser neues Zivilgesetzbuch gerade in den ersten Sätzen davon, dass jedermann in seinen Rechten und Pflichten nach Treu und Glauben zu handeln habe,12 d. h. ehrlich, aufrichtig und in der besten Absicht?! Das ist eine Bestimmung, die sich in einem Gesetzbuch wunderbar genug ausnimmt, denn wie kann ein Gesetz Treu und Glauben vorschreiben? Aber dass es geschieht, zeigt nur, dass das Gesetz, das Recht eine Gesinnung im Menschen voraussetzt. Er muss recht sein, um Recht haben zu können.

Und was vom Recht und Gesetz gilt, das gilt nun auch von allem Andern, von dem, was man das Leben, die Kultur nennt. Ja, es sieht auf den ersten Blick so aus, als habe Jesus von dem Allem nichts |393 wissen wollen. Er hat wirklich keine Wege verbessert und keine Konsumvereine gegründet. Wenn er im Aargau gelebt hätte, so wäre er nicht Präsident der Kulturgesellschaft13 geworden, er würde sich aber auch schwerlich an die Spitze der Arbeiterpartei gestellt haben, wie manche es sich vielleicht träumen. Von dem Allem würde er gesagt haben: wer hat mich dazu gesetzt?, wie er es jenem Mann sagte. Aber das heißt wahrhaftig nicht, dass Jesus allen Dingen dieser Art gleichgiltig oder gar missbilligend gegenüber stehe. Das gerade Gegenteil: Jesus schafft zu dem Allem die Grundbedingung: die rechten Menschen, die den Geist der Weisheit und der Kraft und der Liebe haben [vgl. 2.Tim. 1,7], um ihr Werk recht zu tun. Wo rechtes Leben und rechte Kultur geschaffen wird, da wird sie aus seinem Geist geschaffen. Kein Programm und kein Gesetz hat er uns hinterlassen, aber er hat uns das gegeben, was besser ist als das beste Programm und Gesetz: sich selbst, seine überwindende Zuversicht zum Leben, sein herzliches Verpflichtungsgefühl gegen die Menschen, seine Gewalt über das Böse. Das sind die Grundsäulen, auf denen sich das Leben aufbaut.

Wenn ich ihn nur habe, dann habe ich Recht. Dann habe ich auch die Welt.

Amen.

Sachfußnoten

1
In der Fassung der von Barth benutzten revidierten Ausgabe der Luther-Übersetzung von 1892 📖; in neueren Ausgaben heißt es: «Erbschlichter».↩
2
Mskr.: «uns Recht»; das im Satz überzählige «Recht» wurde von den Hrsg. gestrichen.↩
3
Schweizerdeutsch: «überoben» steht für «oben» bzw. «oben drüber», genau wie im folgenden Satz «überunten» für «unten» bzw. «unten drunter».↩
4
Ortsteile von Safenwil, die nach Südwesten bzw. Nordosten den Ortskern begrenzen.↩
5
R. von Ihering, Der Kampf um’s Recht, Wien 1872; 191017 📖.↩
6
Andere Transkription für Konfuzius.↩
7
Gründungsurkunde der Alten Eidgenossenschaft von 1291, in der es neben dem Versprechen gegenseitigen Beistands und der Versicherung, sich nicht unter fremde Mächte beugen zu wollen, vor allem um rechtliche Regelungen bzw. den Schutz der Einzelnen vor Willkür im Fall von Auseinandersetzungen untereinander geht.↩
8
Vgl. oben, S. 93f., Anm. 6.↩
9
In der dieser Predigt vorausgehenden Woche waren «am Montag und Freitag» in Safenwil «Vorträge über das neue Zivilgesetzbuch» gehalten worden, die am darauffolgenden Donnerstag fortgesetzt werden sollten (vgl. Brief Barth an seine Mutter Anna Barth vom 21.11.1911 [KBA 9211.91]). «Leider», so Barth, war «der Redner nicht hervorragend» (ebd.).↩
10
Vgl. Fr. Naumann, «Asia». Athen, Konstantinopel, Baalbek, Damaskus, Nazaret, Jerusalem, Kairo, Neapel, Berlin-Schöneberg 18992, S. 114f. 📖 Über solche konkreten Eindrücke hinaus waren die Eindrücke dieser Reise für Naumanns weiteres politisches Engagement von entscheidender Bedeutung, stellte er doch fest (a.a.O., S. 115): «Ich habe vor der Palästinareise das Neue Testament mit dem Auge eines Deutschen für Deutschland gelesen, es gehört aber nach Galiläa. Nicht das Herz Jesu wird kleiner, wenn man sich ihn in Palästina denkt. Sein Herz ist die Liebe zu den Armen, der Kampf gegen die Bedrücker, die Freude am Erwachen der Unmündigen. Nur die Art, wie er seinem Herzen folgte, ist dem menschenfreundlichen Tun unseres Zeitalters ferner als wir dachten.» Vgl. P. Theiner, Sozialer Liberalismus und deutsche Weltpolitik. Friedrich Naumann im Wilhelminischen Deutschland (1860–1919), Baden-Baden 1983, S. 49f. 📖; V.u.kl.A. 1914–1921, S. 52f., Anm. 14 📖.↩
11
Bei dieser Aufzählung handelt es sich um Vereine und Einrichtungen, die es damals auch in Safenwil gab.↩
12
«Jedermann hat in der Ausübung seiner Rechte und in der Erfüllung seiner Pflichten nach Treu und Glauben zu handeln» (Schweizerisches Zivilgesetzbuch vom 10. Dezember 1907, Art. 2, Abs. 1 📖 [in Barths Exemplar ist «nach Treu und Glauben» unterstrichen]).↩
13
Siehe oben, S. 371, Anm. 15.↩