Predigt: Lukas 12,13–15
(23. nach Trinitatis)
Wir wollen ja nicht damit anfangen, zu sagen, das müsse jetzt auch ein recht ungeistlicher Mensch gewesen sein, der da an Jesus gelangen konnte mit der Bitte: Sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile! Wir hören nachher, dass er mit dieser Bitte abgewiesen wurde – aber nur ja keine Entrüstung und Geringschätzung deshalb! Im Gegenteil: wenn wir recht verstehen wollen, warum er von Jesus abgewiesen oder vielmehr auf etwas Besseres verwiesen wurde, dann müssen wir uns recht in ihn versetzen, dann muss er uns zuerst recht sympathisch und lieb werden mit seiner Bitte. Ich glaube, das kann uns durchaus nicht schwer fallen. Denn wir haben es Alle etwa schon so gemacht wie jener Mensch. Vielleicht war es bei uns nicht gerade ein Erbschaftsstreit, sondern irgend eine andre Sache, bei der wir unser Recht haben wollten. Irgend ein Nebenmensch war uns zu nahe getreten mit seinen Worten oder Handlungen: wir fühlten uns verletzt, zurückgesetzt, bedroht oder geschädigt, und da entstand ganz natürlich in uns das Bedürfnis, uns an einen Größern, Stärkern anzulehnen, bei ihm Schutz und Hilfe gegen den Bedränger zu suchen. So haben wir es gewiss Alle schon als Schulkinder gemacht: Herr Lehrer! der oder die hat mir etwas zu Leid getan, sagt ihm doch, dass er es nicht mehr tun soll! So haben wir es später gegenüber andern Personen gemacht, die zwar keine solche Macht hatten wie der Herr Lehrer |385 über die bösen Buben und Mädchen – aber wir gingen doch zu ihnen und sagten: Jetzt, was meint ihr dazu, was man mir angetan hat? Ist es nicht ein Unrecht und eine Schande, wie man es mir gemacht hat? Und wenn sie uns dann zustimmten und sagten: ja, es ist wahr, es ist schrecklich, dann fühlten wir uns wunderbar erhaben und gestärkt, es war uns, wie wenn uns das erlittene Unrecht nur noch halb so wehtue. Wir haben eben das Bedürfnis, uns Recht geben zu lassen von den Andern, und das sind uns dann die lieben Menschen, die uns2 durch dick und dünn Recht geben. |
Ich kann Euch schon sagen, dass der Beruf eines Pfarrers vielleicht aus keinem Grund so schwierig ist als darum, weil alle Leute von einem verlangen, man solle ihnen Recht geben gegen diesen oder jenen Andern. Man kommt in ein Haus, tritt unten hinein und hört binnen kurzem: Eh, was sind das für böse Leute, die überoben3 wohnen! Dann steigt man nach überoben und vernimmt: Es wäre Alles gut, wenn nur nicht die überunten wären, aber das ist eine schlimme, heuchlerische Gesellschaft! Da steht man dann auf der Treppe zwischen den beiden Familien und ist bös dran: Sage meinem Bruder, dass ich Recht habe – nein, dass ich Recht habe! Zwanzig Jahre müsste man in
Aber nicht nur, weil wir es auch so machen, sollen wir ihn begreifen. Es liegt in seinem Wunsch innerlich und verborgen etwas Schönes |386 und Berechtigtes. Etwas Gutes, das ihm selbst vielleicht unbewusst war, als er seinen Wunsch aussprach, und das auch uns unbewusst ist, wenn wir es ähnlich machen, und das trotzdem bei ihm da war und bei uns da ist. Er wollte Recht bekommen bei Jesus. Ja, wer nun gewohnt ist, bei den Menschen immer nur auf die minderwertigen Absichten und Gefühle zu achten, der kann freilich daraus machen, er habe eben nur mit Hilfe Jesu zu seiner Sache kommen wollen. Das wollte er freilich: Sage meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teile! Aber es steckte doch wohl noch etwas mehr dahinter als das mehr oder weniger eigennützige Verlangen nach dem Erbteil. Dass sein Bruder ihm das Seinige vorenthielt, das kränkte ihn, nicht nur weil es ihn persönlich schädigte, sondern weil es ganz abgesehen von seiner Person nicht recht war. Es wird uns wohl auch schon so gegangen sein. Wir hätten uns beruhigen und trösten können über dem Schaden, der uns zugefügt worden, aber was uns aufregte, das war das Gefühl, dass da Unrecht geschehen sei. Den Schaden hätten wir gern verschmerzt, aber gegen das Unrecht lehnten wir uns mit aller Macht auf. Ein berühmter Jurist hat diese Auflehnung den «Kampf ums Recht»» genannt und hat in einer Schrift unter diesem Titel5 gefordert, dieser Kampf müsse immer und überall durchgefochten werden bis aufs Letzte, auch wenn wir beim Nachgeben gar keinen Schaden hätten, so dürfe doch nicht nachgegeben werden, denn Recht müsse doch Recht bleiben. Diese Gesinnung nenne ich berechtigt und schön, obwohl sie im Leben fast überall mit andern, niedrigeren Motiven verbunden sein mag. Ich glaube, auch jener Mensch stand im Kampfe um das Recht und nicht nur im Kampfe um sein persönliches Interesse. Wäre es bloß das Letztere gewesen, dann würde er sich gewiss nicht gerade an Jesus gewandt haben. Er hätte sich ja von vornherein sagen müssen, dass Jesus bloß an dem Wunsch: ich will mein Geld haben! keine Freude haben würde. Es war gewiss etwas vom Bekanntesten an Jesus, dass er Geld und Geldeswert gering achtete als Schätze, die die Motten und der Rost fressen [vgl.
Wir müssen diese Anrufung Jesu mit einem warmen, teilnehmenden Herzen miterleben. Es ist eine der tiefsten menschlichen Regungen, dass wir uns von Gott und von göttlichen Menschen möchten sagen lassen, dass wir Recht haben. Aus dieser Regung sind die ersten Gesetze der Menschen hervorgegangen. Sie empfanden es als unumgänglich notwendig, dass gleichsam ein Mund Gottes da sein müsse, der ihnen sage, wer Recht habe und wer Unrecht, unabhängig von der Gewalt und von der Willkür des Einzelnen. Da haben der König
Umso mehr werden wir dann gespannt sein auf die Antwort, die Jesus ihm geben wird. Wie schön wäre es gewesen, wenn er jetzt, wie etwa König
Ja, so etwas erwarten wir von Jesus. Aber nun enttäuscht er uns bitter, indem er zur Antwort gibt: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschichter über euch gesetzt? Das ist eine glatte Weigerung zu tun, was der Andre wollte, nämlich ihm Recht zu geben. Ich sage: das enttäuscht uns, und das umso mehr, je mehr wir annehmen müssen, dass es jenem Mann um sein Recht und nicht bloß um seinen Nutzen zu tun war mit seiner Bitte. Er gibt ihm nicht Recht, er erklärt: das geht mich nichts an, ich bin nicht Richter oder Erbverwalter. – |
389Man hat Jesus diese Weigerung schon sehr übel genommen. Das nehmen die Menschen überhaupt sehr übel, wenn man zögert, ihnen Recht zu geben. Erst vorgestern beklagte sich jemand bitter bei mir über seine Verwandten und Hausgenossen. Und als ich dagegen nur ganz schüchtern einwandte, diese Letztern möchten doch wohl ganz so schlimm nicht sein, da sagte mir der Betreffende gleich im Tone tiefster Entrüstung: Ja, Herr Pfarrer, wenn Ihr die noch in Schutz nehmen wollt, – – dann sehe ich euch gar nicht mehr als Herr Pfarrer an! Sehr wahrscheinlich ist Jesus dort auch so abgesetzt worden, als er nicht tun wollte, was man von ihm erwartete. Mindestens hat das schöne Zutrauen jenes Mannes einen argen Stoß bekommen bei dieser Ablehnung.
Und wir stehen da in der Tat vor einer recht schweren Frage. Warum hat Jesus so unpraktisch seine Zeit damit verloren, vom Vater im Himmel und von den Lilien auf dem Feld zu reden [vgl.
Was sollen wir dazu sagen. Jener Ruhm und dieser Tadel sind unangebracht. Die äußeren Dinge waren Jesus nicht gleichgiltig. Es hat vielleicht kaum einen Menschen gegeben, der so viel an die äußern Dinge gedacht hat wie Jesus. Aber er greift sie ganz anders an, als wir es gewöhnlich tun. Auch jene harte Antwort: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschichter über Euch gesetzt? wollte durchaus nicht sagen: Recht und Unrecht in Geldsachen, in äußern Sachen, das kümmert mich nicht: wohl aber war seine Meinung die: Seht, lieber Freund, ich nehme den Fall von einer ganz andern Seite, als du es haben möchtest. Als Richter oder Erbschichter rufst du mich an – das |391 bin ich nicht, kann und will ich nicht sein, aber ich bin etwas Besseres. Du möchtest von mir hören, dass du Recht hast, mich beschäftigt vielmehr die Frage, ob du recht bist. Recht soll ich dir geben? Ja, weißt du denn, was recht ist? Ich will es dir sagen: Recht ist, wenn man sich vor dem Geize hütet, denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. Wie stehst du dazu? – |
Ich sagte vorhin, die Antwort Jesu: Ich bin nicht Richter noch Erbschichter! habe etwas Enttäuschendes, weil sie aussieht wie ein Rückzug, wie ein Ausweichen. Mit dem, was Jesus hinzufügt, verändert sich das Bild: nicht mehr enttäuscht, nein bedroht müsste sich der Fragende nun fühlen. Er war gleichsam mit dem Schwert in der Hand angestürmt: Ich habe Recht, und Recht muss doch Recht bleiben – da nimmt Jesus ihm das Schwert aus der Hand und kehrt es gegen ihn selbst: Hast du wirklich Recht? Du weißt doch, dass Habsucht Unrecht ist?!
Es liegt etwas Großartiges, Majestätisches in dieser Wendung der Antwort Jesu. Hätte er dort wie
Können wir jetzt noch sagen, dass Jesus gleichgiltig gewesen sei gegenüber dem Recht und Unrecht in der Welt? Dass er sich der Aufgabe habe entziehen wollen, die Welt besser zu machen? Es braucht wirklich eine merkwürdige Verblendung, um so etwas zu behaupten! Was Jesus wollte, das war ja gerade die Grundbedingung einer bessern Welt. Was Jesus wollte, das waren die bessern Menschen. Ihr werdet Recht haben, sobald ihr recht seid, fangt nur einmal damit an!! Ist das ein unfruchtbares Gefühlswesen, wenn Jesus so forderte, kann man im Ernst behaupten, er hätte besser getan, uns ein christliches Erbrecht zu hinterlassen? Nein, das konnte er den Richtern und Gesetzgebern überlassen, da überlässt er es uns, immer neue und bessere Ordnungen des Lebens zu schaffen. Jesus gibt nicht Gesetze, aber er gibt, dass Gesetze gehalten und erfüllt werden; er schafft die Gesinnung, ohne die auch das beste Gesetz Papier und Druckerschwärze wäre. Oder ist es etwa nicht so? Redet nicht unser neues Zivilgesetzbuch gerade in den ersten Sätzen davon, dass jedermann in seinen Rechten und Pflichten nach Treu und Glauben zu handeln habe,12 d. h. ehrlich, aufrichtig und in der besten Absicht?! Das ist eine Bestimmung, die sich in einem Gesetzbuch wunderbar genug ausnimmt, denn wie kann ein Gesetz Treu und Glauben vorschreiben? Aber dass es geschieht, zeigt nur, dass das Gesetz, das Recht eine Gesinnung im Menschen voraussetzt. Er muss recht sein, um Recht haben zu können.
Und was vom Recht und Gesetz gilt, das gilt nun auch von allem Andern, von dem, was man das Leben, die Kultur nennt. Ja, es sieht auf den ersten Blick so aus, als habe Jesus von dem Allem nichts |393 wissen wollen. Er hat wirklich keine Wege verbessert und keine Konsumvereine gegründet. Wenn er im
Wenn ich ihn nur habe, dann habe ich Recht. Dann habe ich auch die Welt.