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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-50">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
        <title type="content">§ 43,2 Des Menschen Menschlichkeit</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: § 43,2 Des Menschen Menschlichkeit, kein Datum</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/50005 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich / Trowitzsch, Michael (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2014, S. 411.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik</title>
          <title type="text">§ 43,2 Des Menschen Menschlichkeit</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <editor>Trowitzsch, Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2014</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, [III/2] §43,2. Des Menschen Menschlichkeit, kein Datum. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1135">KBA 25012</ref>. </bibl>
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  <head>I. Die vollständigen Texteinheiten<lb/> § 43,2 Des Menschen Menschlichkeit</head>

    <div type="abstract">
     <p><pb xml:id="p305" ed="pga" rend="noPipe"/>Das hier wiedergegebene Typoskript<note xml:id="n01"><idno type="kba-objects-identifier">KBA 25012</idno> (CD-ROM, Text Nr. 11); ein
       Gliederungsvorschlag findet sich in: Begleitheft, <ref type="pub" target="../volume/50/p689#p689">S. 9 (Anhang, S. 689)</ref>.</note> stammt aus der ersten
      Fassung der Anthropologie, die ursprünglich in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1</bibl>
      erscheinen sollte. Es dokumentiert gemeinsam mit dem ebenfalls erhaltenen Abschnitt
       § 44,2<note xml:id="n02">Siehe unten, <ref type="pub" target="../volume/50/p412#p412">S. 412–558</ref>.</note>, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> 1944 noch die Absicht hatte, dem grundlegenden Teil
      der Lehre von der Schöpfung (§ 42) einen zweiten folgen zu lassen, der die Anthropologie
      entfalten sollte. Dieses Vorhaben verwarf <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, weil ihn die bis dahin vorliegende Fassung
      «nun doch zu wenig befriedigt» hatte,<note xml:id="n03"><bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1,
        S. VI</bibl>.</note> und überarbeitete das ganze zehnte Kapitel («Das Geschöpf»)
      vollständig, bevor es dann 1948 – später und mit seinen 780 Seiten auch umfangreicher, als von
       <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ursprünglich erwartet – als eigener
      Teilband (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2</bibl>) erschien.<note xml:id="n04">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. VIIf.</bibl></note></p>
     <p><hi rend="italic">Im Typoskript erhalten ist vom ursprünglichen § 43 nur dieser zweite
       Abschnitt, den <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in der zweiten Hälfte des Wintersemesters 1943/44 im Kolleg vortrug. In
       ihm greift <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mehrmals auf den verlorenen ersten Abschnitt «Des Menschen Besonderheit»
       zurück, etwa auf den dort im zweiten Drittel eingeführten Begriff «Aufgerufensein» sowie auf
       den im letzten Drittel in fünf Unterpunkten entfalteten Begriff «Verantwortung». Im letzten
       dieser Punkte und damit am Ende des ganzen Abschnitts § 43,1 nahm <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> das individuelle
       menschliche Sein in den Blick.<note xml:id="n05">Die Zeitangabe und die Aussagen über den
        ursprünglichen § 43,1 fußen auf der Vorlesungsmitschrift von <persName ref="kbga-actors-7758"> Sophie Apolant</persName> (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p003#p003">S. 3</ref>).</note></hi></p>


    </div>

 <div>
     <head>§ 43,2 Des Menschen <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term></head>
  <div>
    <div>
     <p rend="margin-top"><pb xml:id="p306" ed="pga" rend="noPipe"/>Was ist der Mensch, das
      menschliche Sein in seiner besonderen Geschöpflichkeit und also in seinem Unterschied zum
      göttlichen und inmitten alles sonstigen Seins? Das war die Frage, die uns jetzt beschäftigt
      hat. Unsere Voraussetzung war: der Mensch ist das Wesen, dessen Gott gedacht und sich
      angenommen, mit dem Gott sich verbündet hat. Von dieser Voraussetzung her haben wir
      geantwortet: Menschsein heißt <term key="Mensch, Aufgerufensein">Aufgerufensein</term> zur
      Erkenntnis seiner eigenen Geschöpflichkeit und zur Verantwortung vor seinem Schöpfer, der der
      Schöpfer des Himmels und der Erde ist. Indem das geschieht, indem der Mensch ist in Gottes
       <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term>, tritt er in die Mitte der ganzen <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term>, betätigt und bewährt er seine
      Besonderheit. Auf die <hi rend="italic">formale</hi> Frage: <hi rend="italic">Was</hi> ist der
       <term key="Mensch, Was ist der M.?">Mensch</term>? haben wir uns diese <hi rend="italic">formale</hi> Antwort gegeben: <hi rend="italic">Das</hi> ist der Mensch, das ist das
      Besondere seiner <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>. Eben in dieser
      formalen Frage und Antwort verbirgt sich aber unverkennbar ein <hi rend="italic">materiales</hi> Problem, das wir als solches ebenso genau ins Auge fassen müssen, wenn wir
      des Menschen in der Geschöpfwelt wirklich ansichtig werden wollen: <hi rend="italic">Wer</hi>
      ist der Mensch, dessen Sein in jenem Aufgerufensein besteht? oder: Worin besteht das <hi rend="italic">Menschliche</hi>, dessen Besonderheit die <term key="Mensch, Betätigung seines Seins">Betätigung</term> und <term key="Mensch, Bewährung seines Seins">Bewährung</term> dieses Seins ist? Noch könnte es nach
      unseren auf der bisher verfolgten Linie angestellten Überlegungen so aussehen, als hätten wir
      an der entscheidenden Stelle mit einer unbekannten Größe gerechnet, als hätten wir das
      Seiende, dessen Sein wir umschrieben und das wir «Mensch» genannt haben, bloß supponiert, als
      sei es noch ungewiss, wie dieses menschliche Sein als Aufgerufensein sich von einer Fiktion
      unterscheide, weil ja dessen Substrat: das Seiende, der Mensch selber, in jener formalen
      Definition noch gar nicht sichtbar geworden sei. |</p>
     <p>Wir haben die materiale Frage nach dem Menschen selber oder nach der Menschlichkeit als
      solcher bis jetzt in der Tat mit Bewusstsein fast ganz offen gelassen. Mit Bewusstsein, weil
      dies eine besondere, eben die materiale Frage ist, deren Beantwortung eine möglichst
      geschlossene Beantwortung der formalen Frage nach dem Sein jenes Seienden vorangehen musste.
       <pb ed="A" n="1028"/> Wir mussten schon wissen, <hi rend="italic">was</hi> der ist, nach <hi rend="italic">dem</hi> wir nun weiter zu fragen haben. In gänzlicher Geschlossenheit, unter
      völliger Ignorierung dieser zweiten Frage haben <pb xml:id="p307" ed="pga"/> wir aber auch
      jene erste nicht beantworten können. Ich erinnere an den fünften Punkt unserer Analyse des
      Begriffs der Verantwortung.<note xml:id="n06">In diesem Punkt wurde der Gesichtspunkt des je
       individuellen menschlichen Seins entfaltet (vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p305#p305">S. 305</ref>).</note> Auf die Frage: Was ist der Mensch, das
      Sein in der <term key="Mensch, Verantwortung">Verantwortung</term>? mussten wir dort, um
      vollständig zu sein, zuletzt wohl oder übel antworten: der Einzelne, je Dieser und Dieser, je
      Ich und Du, je der Mensch selbst, der durch das Wort Gottes in Anspruch genommen und
      verpflichtet, zur Entsprechung des Wortes <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term>, zu einem
      gefragten und fragenden Sein gemacht, zur <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>
      berufen ist. Indem wir auch dort auf die formale Frage antworteten, haben wir faktisch schon
      dort eine materiale Antwort gegeben und das, was jetzt weiter zu sagen ist, wenigstens im
      Umriss bereits angedeutet. Aber die besondere Frage: <hi rend="italic">Wer</hi> ist der <term key="Mensch, Wer ist der M.?">Mensch</term>? <hi rend="italic">wer</hi> ist der, der im
      Geschehen jenes Aufgerufenseins zur <term ref="kbga-keywords-6">Selbsterkenntnis</term> und
       <term ref="kbga-keywords-305">Selbstverantwortung</term> in die Mitte der ganzen <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term> tritt? <hi rend="italic">wessen</hi> Sein
      ist dieses <term key="Mensch, Aufgerufensein">Aufgerufensein</term>? kann mit diesem Hinweis
      nicht erledigt sein. Sie verlangt nach besonderer und ebenso geschlossener Beantwortung.</p>
     <p>Es ist selbstverständlich, dass unsere <hi rend="italic">Voraussetzung</hi> die gleiche
      bleibt: wir treiben nach wie vor <hi rend="italic">theologische</hi>
      <term key="Anthropologie, theologische">Anthropologie</term>, d. h. wir fragen nach wie vor
      und nun erst recht nach dem Menschen, dessen Gott gedenken und sich annehmen, mit dem Gott
      sich verbinden wollte. Wir denken nach wie vor an das Volk Israel, an Jesus Christus, an seine <term key="Kirche, K. Jesu Christi">Kirche</term>. Aus dieser geschichtlichen Auszeichnung des Menschen haben wir nicht nur
      abzulesen, <hi rend="italic">was</hi>, sondern auch <hi rend="italic">wer</hi> er ist. Aus der
      Wirklichkeit, in der Gott sich selbst gerade zu dem seinigen und gerade ihn zum Seinigen
      gemacht hat, und aus der biblischen Bezeugung dieser Wirklichkeit – aus ihr allein ergibt
      sich, was es mit jenem bis dahin nur angedeuteten, fast nur supponierten Substrat, mit dem
      Menschen selber, mit des Menschen <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> auf
      sich hat. Wir können hier noch weniger als zuvor abbiegen zu einer anderen Erkenntnisquelle.
      Auch diese zweite Frage als solche haben wir nicht erfunden, sondern sie ist uns von dorther
       ge<pb ed="A" n="1029" break="no"/>stellt, wo wir auch ihre Beantwortung zu suchen haben. Was
      es heißt, als Partner im Bund mit <term key="Mensch, Partner Gottes">Gott</term> geschaffen zu
      sein, das wissen wir nun. Wer aber ist dieser Partner, den Gott sich eben dazu erschaffen hat,
      damit er mit <pb xml:id="p308" ed="pga"/> ihm im <term key="Bund">Bunde</term> sei? Dieser
      materialen Frage lässt sich gerade im Blick auf die Wahrheit des Bundes nicht ausweichen: ihr
      noch viel weniger als der nun beantworteten formalen Frage. Gerade<note xml:id="n07">Von hier
       an bis zum Beginn des Kleindrucks sind große Teile des Textes am Rand angestrichen. Dabei
       handelt es sich möglicherweise um ein Merkzeichen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> dafür, dass er diesen Passus bei der
       Ausarbeitung der Druckfassung besonders beachten wollte. Vgl. inhaltlich <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. 180f</bibl>.</note> deren nun hinter uns liegende
      Beantwortung aus der Wirklichkeit des Bundes: Menschsein heißt <term key="Mensch, Aufgerufensein">Aufgerufensein</term>, hängt ja nicht als theoretische Wahrheit
      irgendwo in der Luft, wie denn auch die biblische Bezeugung jener Wirklichkeit keine
      theoretische Wahrheitslehre, sondern eben <term ref="kbga-keywords-754">Zeugnis</term>, <term ref="kbga-keywords-252">Verkündigung</term>, Anrede und Appell ist. Gewiss ist jene Antwort
      und ist ihre biblische Bezeugung <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term>, aber Wahrheit,
      die auf Jemanden zukommt, die Jemanden angeht, die nicht nur von Aufgerufensein redet, sondern
      Jemanden als den Aufgerufenen meint, ihn als solchen bezeichnet, bestimmt und festhält, die
      diesen Jemand nötigt, sich selbst als Aufgerufenseienden zu erkennen, zu verantworten, zu
      verhalten. Dieser Jemand selbst ist aus jener Antwort nicht wegzudenken. Was aus jener
      Erkenntnisquelle kommt zur Aufklärung <hi rend="italic">über</hi> den Menschen, das richtet
      sich <hi rend="italic">an</hi> den Menschen, das ist Erleuchtung des Menschen selber. Was von
      dorther zu hören ist, das ist grundsätzlich nicht in der dritten, sondern in der zweiten
      Person gesagt. Hörten wir es nicht so, dann könnte und würde es uns auch <hi rend="italic">über</hi> den Menschen nicht unterrichten können. Die entscheidenden, seine Wahrheit als
      Wahrheit vermittelnden, die eigentlich eröffnenden Momente des Wortes Gottes sind das
      sprechende Ich Gottes und das angesprochene Du des Menschen. Der Bund Gottes mit dem Menschen
      ist ja Gottes Geschichte mit dem <term key="Bund, Gottes Geschichte mit dem Menschen">Menschen</term>, die sich immer wieder darin vollzieht, dass Gott sich selber Ich und den
      Menschen Du nennt. Das ist der göttliche Aufruf, und im Verhältnis zu diesem Aufruf ist des
      Menschen Sein, was es ist: ein Aufgerufensein. Eben weil er dieses Geschöpf ist, ist also der
      Mensch selber der Aufgerufene – wir können schon von da aus eine erste Definition wagen: <hi rend="italic">Gottes geschöpfliches <term key="Mensch, Gottes geschöpfliches Du">Du</term></hi>. Indem er als Part<pb ed="A" n="1030" break="no"/>ner im Bunde mit <term key="Mensch, Partner Gottes">Gott</term> dieses Du zu hören bekommt, wird nämlich offenbar,
      wer er durch Gott und vor Gott und also in Wahrheit <hi rend="italic">ist</hi>, als <hi rend="italic">wen</hi> ihn Gott <hi rend="italic">erschaffen</hi> hat. Es enthüllt also das
      Du des ihm im <term key="Bund">Bunde</term> mit Gott gesagten göttli<pb xml:id="p309" ed="pga" break="no"/>chen Wortes seine geschöpfliche Wirklichkeit. Es offenbart ihn selbst als <hi rend="italic">den</hi> Seienden, der jenes <term key="Mensch, Aufgerufensein">Aufgerufenseins</term> teilhaftig ist. Nicht als Er oder Es, nicht als ein ihm gegenüber
      neutral Seiendes, sondern als sein geschöpfliches Du hat Gott den Menschen gewählt und
      gewollt, hat er ihn aus dem Nichtsein ins Sein gerufen, hat er ihm seine eigene, von der
      seinigen verschiedene geschöpfliche, die menschliche Wirklichkeit gegeben. Dass dem so ist,
      ergibt sich daraus, dass Gott ihn als das anredet. Gott sagt in dieser Anrede, was ist. Gott
      bestätigt in dieser Anrede die Tat seiner Setzung des Menschen. Gerade der Bund bezeugt auch
      hier die <term key="Schöpfung, bezeugt durch den Bund">Schöpfung</term>. Wer ist der Mensch
      als Gottes Geschöpf? Gott sagt Du zu diesem Geschöpf: das ist das Sichere des Bundes, von dem
      wir ausgehen. Und eben daraus schließen wir – in der Gewissheit, dass Gott treu ist und also
      nicht trügen kann: <hi rend="italic">Du</hi> bist der Mensch als Gottes Geschöpf. Des Menschen
      Menschlichkeit besteht darin, dass er Gottes geschöpfliches <term key="Mensch, Gottes geschöpfliches Du">Du</term> ist.</p>
    </div>
    <div type="excursus">
     <p rend="margin-top">Man kann diesen Satz dadurch scheinbar verständlicher machen, dass man ihn
      objektiviert. Man kann nämlich sagen: Der Mensch ist geschöpfliche <term key="Mensch, Person"><hi rend="italic">Person</hi></term>, oder, schon weniger gut, er sei «personhaft» oder
      «persönlich», er sei oder habe geschöpfliche <term ref="kbga-keywords-1443">Persönlichkeit</term>. Man meint damit – vorausgesetzt, dass man das Richtige meint – eben
      dies, dass der Mensch, indem er von Gott, der sich selbst Ich nennt, als Du angeredet wird, in
      seinem realen, mit seiner Erschaffung gesetzten Verhältnis zu Gott eben das, nämlich Du und
      insofern dann auch Ich und so Subjekt seines Erkennens, Wollens und Handelns ist. Der Begriff
      der Person oder der Persönlichkeit ist also ein Versuch, das Du-Sein des Menschen in seinem
      Verhältnis zum göttlichen Ich-Sein und sein darauf begründetes eigenes Ich-Sein nun doch auf
      den Nenner eines sachlich, neutral beschreibenden Begriffs zu bringen. Man muss dann – immer
      vorausgesetzt, dass man wenigstens das Richtige meint – denselben Begriff auch auf Gott, und
      zwar primär auf Gott, anwenden, indem man Gott als den, der <pb ed="A" n="1031"/> zuerst Ich
      sagt und Ich ist, als die ursprüngliche, schöpferische Person dem Menschen als der durch
      Gottes Ich angeredeten, weil geschaffenen Person gegenüberstellt. Diese Redeweise wird sich
      schon als Abkürzung häufig nicht vermeiden lassen. Man wird sich das dadurch nicht notwendig
      verwehren lassen, dass die <term ref="kbga-keywords-110">Bibel</term> sie nicht kennt. Eine
      gewisse Warnung ist uns damit doch gegeben. Der Begriff der Person hat schon in der <term key="Trinitätslehre">Trinitätslehre</term> und später in der <term key="Gotteslehre">Gotteslehre</term> überhaupt mehr zur Verwirrung als zur Klärung beigetragen.<note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1, S. 319–334</bibl> (zur
       Trinitätslehre); <bibl corresp="kbga-bibls-2">II/1, S. 319–334.677–685</bibl> (zur
       Gotteslehre).</note> Und diejenige Würde, die man ihm speziell in der neueren theologischen
       <term key="Anthropologie, theologische">Anthropologie</term>
      <pb xml:id="p310" ed="pga"/> weithin gegeben hat,<note xml:id="n09">Vgl. unten, <ref type="pub" target="../volume/50/p631#p631">S. 631–640</ref>, <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Auseinandersetzung mit dem
       apologetischen Zug der modernen theologischen Anthropologie. Ausführlicher in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. 92ff</bibl>.; <bibl corresp="kbga-bibls-2">a.a.O.,
        S. 96.99.109f</bibl>., stellt er als Repräsentanten des Operierens mit dem Begriff Person
       bzw. Persönlichkeit <bibl corresp="kbga-bibls-51"><persName ref="kbga-actors-311">R.
         Otto</persName>, <hi rend="italic">Naturalistische und religiöse Weltansicht</hi>, Tübingen
        1909</bibl><hi rend="sup">2</hi>, vor.</note> verdient er schon gar nicht. Er bedeutet
      ursprünglich so etwas wie «Maske» und will also sagen, dass das damit bezeichnete Wesen eine
      eigene, durch das ihm verliehende Gesicht charakterisierte Rolle spiele. Wenn das zur
      Bezeichnung dessen, was hier vom Menschen zu sagen ist, allenfalls durchgehen möchte, so kann
      es doch zu diesem Zweck gerade in der theologischen Anthropologie von ferne nicht genügen: Das
      Du-Sein des <term key="Mensch, Gottes geschöpfliches Du">Menschen</term> ist nun einmal keine
      ihm bloß übertragene Rolle, sondern gerade Du und dementsprechend dann auch Ich ist er selbst
      – und das ohne alle Möglichkeit, sich hinter irgend einer Maske zu verbergen –, so gewiss er
      von Gott als Du angeredet wird und so gewiss Gott die Wahrheit redet. Gerade die uns so
      geläufigen Begriffe <term ref="kbga-keywords-1443">«persönlich»</term> oder <term key="Mensch, Person">«personhaft»</term> sind schon darum (wie der Begriff «verantwortlich»)
      mindestens höchst erläuterungsbedürftig, weil sie Adjektive sind und also nicht verraten,
      sondern eher verhüllen, dass das Gemeinte keine Eigenschaft, sondern schlechterdings das
      Subjekt Mensch als solches ist. Es ist aber noch grundsätzlicher zu fragen, ob es überhaupt
      gut ist, gerade das, worin der Mensch nun wirklich nicht neutral, keine Sache, gerade das,
      dass er von Gott her und durch Gott er selber ist, nun doch mit einem neutralen sachlichen
      Ausdruck bezeichnen, gerade das nun doch objektivieren zu wollen. Es wird vielmehr, auch wenn
      Rigorosität hier nicht am Platze wäre, gut sein, diesen Ausdruck so weit als möglich zu
      vermeiden oder doch zurückzudrängen, ihn jedenfalls nicht zu gebrauchen, ohne ihn von dem her,
       <pb ed="A" n="1032"/> was damit allein gemeint sein kann, zu interpretieren.</p>
    </div>
    <div>
     <p rend="margin-top"> Der Mensch ist Gottes geschöpfliches <term key="Mensch, Gottes geschöpfliches Du">Du</term>. Das ist seine <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>. Das ist er selber, der <term key="Mensch, Aufgerufensein">Aufgerufene</term>. Indem wir ihn Gottes <hi rend="italic">geschöpfliches</hi> Du nennen, haben wir ihn unterschieden von einem anderen, dem göttlichen
      Du seines Schöpfers. Gott nennt den Menschen Du, weil er sein Du <hi rend="italic">ist</hi>,
      weil er ihn als sein Du <hi rend="italic">erschaffen</hi> hat. Er<note xml:id="n10">Ab hier
       und über die nächsten drei Typoskriptseiten hinweg finden sich wieder zahlreiche
       Anstreichungen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>, die auf die Absicht einer
       Überarbeitung hindeuten. Vgl. inhaltlich <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2,
        S. 260f</bibl>., und schon <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1, S. 222</bibl>.</note> hat
      ihn aber darum und daraufhin als sein Du erschaffen, weil er selbst, der ihm als Ich
      gegenübertritt und als Schöpfer ursprünglich gegenübersteht, nicht nur Ich, sondern auch Du
      ist. Gott ist in sich selber und nicht erst im Gegenüber zu seinem Geschöpf die ewige Liebe
       des <pb xml:id="p311" ed="pga"/> Vaters zum Sohne, des Sohnes zum Vater im Heiligen <term ref="kbga-keywords-70">Geist</term>. Gott redet sein <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term>
      nicht erst seit der Schöpfung und nicht nur innerhalb der Zeit seiner Geschöpfwelt, sondern
      vor dieser und über ihr und nach ihr zu sich selber, zu seiner Zeit. Er war auch abgesehen von
      seinem Geschöpf nie einsam; er ist es nicht; er wird es nie sein. Sein Zusammensein mit dem
      Geschöpf entspringt nicht seinem Bedürfnis nach einem Anderen als seinem Partner, es
      entspringt seiner Freiheit, dem Überfluss seiner ewigen <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term>. Gott hat die <term ref="kbga-keywords-1063">Fülle</term> aller Andersheit in
      seinem eigenen Wesen, bevor er sie außer sich hat. Er ist auch Du in sich selber. Sagt er Du
      zu einem geschöpflichen Sein, indem er es als sein Du erschaffen hat, so ist dieses Du kein
      Neues und Fremdes für ihn, so wiederholt er gerade in diesem Du sich selber: nun aber außer
      sich selbst, nun in der von ihm verschiedenen Wirklichkeit. Der Mensch wäre nicht Du, wenn
      Gott selbst es nicht zuerst wäre: eben er, der ihn als Ich anredet und ihm als Ich
      gegenübersteht. Eben dieser hat ihn daraufhin zum Du geschaffen, dass er selber zuerst Du ist.
      Er schuf den Menschen nicht nach einem fremden, sondern nach <hi rend="italic">seinem eigenen
       Bilde</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.27">Gen. 1,27</ref>]. Das
      bedeutet: Gott war sich, indem er dieses Geschöpf schuf, selber das Vorbild seines Schaffens.
      Er war sich selber eben darin Vorbild, dass er zuerst Du war, dass er es in Ewigkeit in sich
      selber ist. Man darf also die besondere Wahrheit der <hi rend="italic">Gottebenbildlichkeit</hi> des <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Menschen</term>, auf
      die wir damit gestoßen sind, nicht auf die allgemeine Wahrheit reduzieren, der wir früher
      begegnet sind: <pb ed="A" n="1033"/> dass Alles, was außer Gott ist, im Wissen Gottes und
      insofern in Gott selbst sein Urbild hat. Des Menschen Urbild ist das höchst eigentümliche des
      göttlichen Du-Seins: Gottes Sein, sofern er als Vater und Sohn, als Sohn und Vater durch den
      Heiligen <term ref="kbga-keywords-70">Geist</term> sich selber Gegenstand seiner Liebe ist:
      Gottes Sein, sofern er von Ewigkeit her mit sich selber redet. Dieses göttlichen Du-Seins
      geschöpfliches Abbild ist der Mensch. Dass er mit jenem identisch und also selbst Gott sei,
      kommt nicht in Frage: er <hi rend="italic">ist</hi>, indem er von Gott <hi rend="italic">verschieden</hi> ist; er ist nur sein <hi rend="italic">geschöpfliches</hi> Abbild. Aber
      dass er dies ist, das sagt ihm Gott, indem er ihn mit <term key="Mensch, Gottes geschöpfliches Du">Du</term> anredet. Und das ist wahr, weil Gott die
      Wahrheit redet. Die Erschaffung des Menschen bedeutet nicht mehr und nicht weniger als dies:
      dass Gott sich entschließt und dass Gott es bewirkt, mit einem von ihm selbst verschiedenen
      Wesen auf demselben Fuß zu stehen und in derselben Weise umzugehen wie mit sich <pb xml:id="p312" ed="pga"/> selber. Wie Gott mit sich selber redet, so redet er jetzt auch mit
      diesem Geschöpf. Es ist, indem er es erschafft, das Wesen, zu dem Gott in derselben Weise
      redet, in der er mit sich selber redet, und das, weil er ihm die Wahrheit sagt, in seiner
      geschöpflichen Weise dasselbe ist, was er selber ist. Das ist die alle Begriffe übersteigende
       <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> schon der Erschaffung des Menschen: dass Gott, der
      ihm nicht einmal sein geschöpfliches Sein als solches schuldig ist, ihn darüber hinaus so und
      darin, als Du in Entsprechung zu seinem eigenen Du-Sein, zu seinem Ebenbild erschaffen
      hat.</p>
     <p>Indem er Gottes geschöpfliches Du und als solches Gottes Ebenbild ist, ist darüber
      entschieden, dass er auch <hi rend="italic">geschöpfliches <term key="Mensch, geschöpfliches Ich">Ich</term></hi> ist. Man bemerke: er ist zuerst und vor
      allem Du. In der theologischen Grammatik ist das Du und nicht das Ich die erste Person. Auch
      Gott selbst ist darin Ich, dass er ein Du hat, der Vater den Sohn, der Sohn den Vater. In
      diesen Relationen ist er das Ich der ewigen <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term>. So ist
      auch der Mensch darum und darin Ich, dass er von Gott als Du angeredet, weil als Gottes
      geschöpfliches Du geschaffen ist. Als dieses Objekt ist er Subjekt. So gesetzt kann und wird
      er sich selbst setzen. Aber in der Tat: <pb ed="A" n="1034"/> als dieses Objekt ist er auch
      Subjekt; indem er Du ist, ist er auch Ich, das Gott gegenüber für sich ist, das auf Gottes Du
      von seiner Seite mit Du zu antworten in der Lage und aufgerufen ist. Wir behaupten das nicht
      auf Grund einer allgemeinen Erwägung des Verhältnisses von Du und Ich, wir behaupten es im
      Blick darauf, dass Gott den Menschen nach seinem eigenen Bild zum Du geschaffen hat. Weil das
      göttliche Du auch Ich und weil dieses göttliche Du das Urbild des Menschen ist, darum ist auch
      der Mensch nicht nur Du, sondern auch Ich. Es ist seine <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term>, die an zweiter Stelle auch
      das nach sich zieht und in sich schließt. Gottes unbegreiflicher <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> verdankt er auch das, dass er wie Gott Ich sagt und Ich ist, als sein Geschöpf,
      an seiner Stelle und in seiner Weise auch Ich sagen und sein und als solches seinerseits zu
      Gott Du sagen kann.</p>
     <p>Das also ist der Mensch – unsere Definition hat sich jetzt etwas erweitert –: <hi rend="italic">Gottes geschöpfliches <term key="Mensch, Gottes geschöpfliches Du">Du</term></hi><hi rend="italic">, das als solches auch geschöpfliches <term key="Mensch, geschöpfliches Ich">Ich</term></hi>
      <hi rend="italic">ist</hi>. Das ist die <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>, in der er von Gott aufgerufen ist zur Erkenntnis seiner
      Geschöpflichkeit und zur Verantwortung – die Menschlichkeit, in der er befähigt ist, mit Gott
      im <term key="Bund">Bunde</term> zu stehen, Partner dieses <term key="Mensch, Partner Gottes">Bundes</term> zu sein. Der Mensch ist nur <hi rend="italic">geschöpfliches</hi> Du: <pb xml:id="p313" ed="pga"/> damit ist er von Gott unterschieden, ihm ursprünglich und endgültig
      gegenübergestellt. Er ist aber <hi rend="italic">Du:</hi> er steht Gott als ein solches Wesen
      gegenüber, mit dem dieser redet und umgeht, wie er es mit sich selber tut. Er ist nur <hi rend="italic">geschöpfliches</hi> Ich: er ist es allein kraft der Folgerichtigkeit der <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>, in welcher ihm Gott diese ganze Ähnlichkeit mit ihm
      selber gewähren will. Er ist aber <hi rend="italic">Ich</hi>: darin ist er ein solches Wesen,
      das Gottes Rede und Umgang mit ihm aufnehmen und erwidern, dessen Sein ein Sein in der
      Erkenntnis seiner Geschöpflichkeit und in der <term key="Mensch, Verantwortung">Verantwortung</term> vor Gott sein kann. Das ist der Ort und das ist die Art des Menschen,
      wie sie sich aus der Aufrichtung und Erhaltung des Bundes zwischen Gott und ihm ergeben, wie
      sie die notwendige Voraussetzung seiner Teilnahme an diesem Bunde sind. Der Mensch ist <hi rend="italic">darin</hi> so wenig neutral wie Gott selbst, er ist darin kein bloßes Es,
      sondern eben <hi rend="italic">Er</hi>, der Mensch, dass er inmitten der <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term> Gottes <term key="Mensch, Gottes geschöpfliches Du"><hi rend="italic">Du</hi></term> und als solches auch
       <term key="Mensch, geschöpfliches Ich"><hi rend="italic">Ich</hi></term> ist. <pb ed="A" n="1035"/> Darauf begründet sich seine <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>. Darin hat, d. h. darin betätigt er sie. Darum, weil er Du und Ich
      ist, kann er von Gott in Anspruch genommen und verpflichtet sein, kann sein Sein zu einer
      Entsprechung des Wortes <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term>, kann es gefragtes und
      fragendes Sein werden, kann es frei sein. Darin unterscheidet sich vor allem seine Einzelnheit
      von der Individualität, die ja auch den einzelnen Wesen der ihn umgebenden sonstigen
      Geschöpfwelt bis herunter zur Individualität jeder Mücke und jedes Blattes an jedem Baum
      eigentümlich ist. Wir wissen nicht, ob solche Individualität auch dort ein entsprechendes
      Geheimnis in sich schließt. Wir wissen aber, dass jedenfalls die menschliche <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term> das tut: der Mensch ist
      Einzelner, je dieser und dieser Mensch, indem er Du und Ich ist – zuerst Du und dann als
      solches auch Ich. Und indem er<note xml:id="n11">Tskr. «es»; Angleichung der Herausgeber an
       die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vorgenommene Umformulierung des vorigen Satzes.</note> dies ist: Du und Ich,
      ist er<hi rend="sup">11</hi> Gottes geschöpfliches Ebenbild, sofern eben das Du- und Ichsein
      das Wesen der göttlichen Liebe und also das göttliche Wesen selber ist. Indem auch der Mensch
      Du und Ich ist, wiederholt und bestätigt er inmitten der <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfwelt</term> das Geheimnis der Relationen des göttlichen Seins. Eben darin besteht
      sein eigenes Geheimnis. Und eben darin besteht seine Eignung zur Gemeinschaft mit dem
      göttlichen Sein, die im Bunde Ereignis wird. <pb xml:id="p314" ed="pga"/> Eben durch diese
      Gnade seiner besonderen Erschaffung zu Gottes <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Ebenbild</term> wird es möglich, dass Gott mit ihm und er mit Gott so redet und umgeht, wie
      es im Bunde <term key="Bund">Gottes</term> mit ihm geschichtliche Wirklichkeit wird. Die Gnade
      dieser seiner gottebenbildlichen Natur ist die in dieser Wirklichkeit vorausgesetzte und
      Ereignis werdende Möglichkeit.</p>
     <p>Aber nun ist das alles doch erst Prolegomenon zu der auf die Frage: <hi rend="italic">Wer
       ist der <term key="Mensch, Wer ist der Mensch?">Mensch?</term></hi> zu gebenden eigentlichen
       Antwort.
     </p>
     
      <p><pb ed="A" n="1036"/> Wenn es <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.27">Gen. 1,27</ref> heißt, dass <hi rend="italic">Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf</hi>, so bedeutet das freilich: Er
       schuf ihn <hi rend="italic">damit</hi> zu seinem <term key="Mensch, Partner Gottes">Partner</term>, er bereitete ihn <hi rend="italic">damit</hi> zu zum Umgang und zur
       Gemeinschaft mit ihm selber, dass er ihn, entsprechend dem, was er selber ist, <hi rend="italic">zum Du und Ich</hi> erschuf. Es bestand die besondere Gnade in der Erschaffung
       des Menschen darin, dass Gott ihm in dieser ihm verliehenen Natur als Du und Ich eine
       Ähnlichkeit mit seiner eigenen Natur, d. h. mit der Natur der ewigen <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> des Vaters und des Sohnes im Heiligen <term ref="kbga-keywords-70">Geiste</term> zusprach und ihn so für die Gnade des Bundes, der der
       Sinn der ganzen <term key="Bund, Sinn der Schöpfung">Schöpfung</term> ist, zugänglich machte.
       Es bedeutet aber diese Gottebenbildlichkeit des <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Menschen</term>
       <hi rend="italic">nicht</hi>, dass der Mensch <hi rend="italic">so Du und Ich</hi> ist, <hi rend="italic">wie Gott</hi> es ist. Wir müssen uns, um die Frage: Wer ist der Mensch? nun
       weiter zu verfolgen, zunächst klar machen, dass und warum seine Gottebenbildlichkeit das <hi rend="italic">nicht</hi> bedeuten kann und tatsächlich <hi rend="italic">nicht</hi>
       bedeutet.</p>
      <p> Des Menschen Schöpfer ist darin Gott, ist darin die ewige <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term>, dass er in und durch sich selber Du und Ich ist. Er ist es in <term ref="kbga-keywords-101">Freiheit</term>. Er ist es in <term ref="kbga-keywords-1244">Souveränität</term> und <term ref="kbga-keywords-810">Majestät</term>. Er ist es a se. Das
       will sagen: er bedarf dazu keines Anderen, keines Gegenüber, keines Zweiten seinesgleichen,
       das ihn als solches zum Du und damit dann auch zum Ich erst machen, das ihm diesen seinen
       «persönlichen» Charakter erst verschaffen müsste. Er bedarf dazu keiner Hilfe von außen. Er
       bedarf keines fremden Beistandes, um <hi rend="italic">Er</hi> zu sein. Er <hi rend="italic">ist</hi> Er. Er konstituiert sich selber. Er ist seine eigene Geschichte zu seiner Zeit,
       indem er von Ewigkeit zu Ewigkeit der Vater und der Sohn ist im Heiligen <term ref="kbga-keywords-70">Geiste</term>. Er wird nicht darum zum <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> einer von ihm verschiedenen Wirklichkeit und er wird nicht darum zum Herrn
       einer in der geschaffenen Zeit sich abspielenden <term ref="kbga-keywords-424">Geschichte</term>, weil er sich selbst nicht genügte. Er wird es im Überströmen seiner
       eigenen <term key="Gott, Seligkeit">Seligkeit</term> und <pb xml:id="p315" ed="pga"/>
       <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>, die nicht gemindert wäre, auch wenn er das
       nicht würde. Er genügt sich selber als Du und also auch dazu, Ich zu sein. Er braucht sein Du
       nicht erst zu suchen, ihm braucht es nicht erst zu begegnen, ihm kann es nie fehlen und eben
       darum auch dies nicht, <pb ed="A" n="1037"/> dass er ursprünglich und wahrhaft Ich ist. Er hat
       die Fülle der <hi rend="italic">Andersheit</hi> in sich selber und eben damit auch die Fülle
       der <hi rend="italic">Eigenheit</hi> durch sich selber, indem er aus sich selber auch die
       Fülle der <term ref="kbga-keywords-1063">Gemeinschaft</term> ist. Er ist selbst sein Zweiter
       und so sein Erster: der Vater dem Sohne, der Sohn dem Vater, indem er sich selbst als der
       Heilige Geist auch der Dritte <term ref="kbga-keywords-70">ist</term>. Er ist in diesen
       Relationen seines eigenen dreieinigen Wesens. Das ist die Art Gottes, Du und Ich zu sein.</p>
      <p>Wenn<note xml:id="n12"> Bleistiftnotiz <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>
        am Tskr.-Rand: «Mystische <term key="Anthropologie, mystische">Anthropologie</term>?».</note> nun die Gottebenbildlichkeit des <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Menschen</term> dies bedeuten würde, dass er so Du und
       Ich sei, wie Gott es ist, dann wäre auf die Frage: Wer ist der <term key="Mensch, Wer ist der Mensch?">Mensch?</term> folgende Antwort zu geben: Es müsste dann
       dieses zweite, geschaffene Du und Ich jenem göttlichen zwar in numerischer Verschiedenheit
       nicht nur, sondern auch in völliger Unterordnung und Abhängigkeit gegenüberstehen. Es wäre ja
       eben durch jenes geschaffen. Es wäre also ganz von jenem her, ganz auf jenes bezogen. Ganz
       und allein Gott hätte es als Du gewollt und gesetzt, und ganz allein indem Gott es als
       solches anspräche, würde es sich als solches erkennen. Und wieder ganz allein auf Grund der
       Schöpfung und <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> Gottes könnte es auch Ich sein
       und sich als solches behaupten. Es wäre aber eben dieses sein unmittelbares Sein von Gott her
       nun doch die einzige Grenze, Bedingung und Bestimmung seines Du- und Ich-Seins. Innerhalb
       dieser Grenze wäre auch es souverän und majestätisch. Unmittelbar <hi rend="italic">von</hi>
       Gott her wäre es auch unmittelbar <hi rend="italic">zu</hi> Gott hin. In dem durch seine
       Geschöpflichkeit und also durch seine Abhängigkeit von Gott umschränkten Raum bedürfte auch
       es keines Anderen, keines Gegenüber, keines Zweiten seinesgleichen. Es bedürfte wohl Gottes,
       aber außer Gott keiner Hilfe und keines Beistandes. Der Mensch wäre in diesem Raum durch sich
       selbst, was er ist, wie Gott es in dem seinigen ist. Immer unter der Voraussetzung, dass er
       durch Gott dazu bevollmächtigt, d. h. durch Gott als Ich und Du konstituiert ist, würde [er]
       sich nun doch ohne Hinzutritt eines Dritten selber konstituieren. Er würde sich selbst an <pb xml:id="p316" ed="pga"/> seinem Ort ebenso genügen wie Gott an dem seinigen. Er wäre seine
       eigene Geschichte zu seiner Zeit, wie Gott es in Ewigkeit ist. Ihm mangelte, indem <pb ed="A" n="1038"/> Gott ihn zum Du geschaffen und als solches anredete, kein anderes Du. Er wäre
       sich selber Du und Ich zugleich und hätte als solches nicht seinesgleichen. Nur dass er durch
       Gott ist, was er ist, bliebe vorbehalten. Und eben damit, dass er sich selber Du und Ich ist,
       würde er dann auch diesen Vorbehalt und also seinem Schöpfer Genüge leisten. Wenn die
       Erkenntnis seiner Geschöpflichkeit dann wohl darin bestehen müsste, dass er sich diesen
       Vorbehalt und also seine Bedingtheit durch Gott als das Urbild seines eigenen Du- und
       Ichseins immer wieder vor Augen zu halten hätte, so könnte doch seine Verantwortung vor ihm
       nur darin bestehen, dass er diesem Urbild gemäß nun wirklich immer wieder durch und in sich
       selber Gottes Du und damit Ich wäre. Er könnte seine Beanspruchung und Verpflichtung durch
       Gott und für Gott nur darin sehen, dass er es Gott in sich und für sich in jenem freien und
       seligen Selbstgenügen gleichzutun habe. Er könnte sich selbst nur damit zur Entsprechung des
       Wortes Gottes hergeben und darstellen, dass er seiner ihm durch Gottes Gnade verliehenen
       Natur getreu wäre; denn eben diese seine Natur als solche wäre dann offenbar die Fülle dieser
       Gnade; sie selbst und als solche wäre dann das Wort Gottes, durch das und in dem der Mensch
       ist. Er könnte praktisch wiederum nur nach sich selbst fragen und gefragt sein. Seine
       Freiheit bestünde nur darin, sich selbst zu wählen und zu wollen. Und nicht nur als
       Einzelner, sondern als ein Einziger würde er dann sein in solcher Verantwortung: der Einzelne
       je für sich, und auch wenn es viele solcher Einzelner geben sollte, ein jeder Einzelne für
       sich, als ob es keine Anderen gäbe, als ob er der Einzige wäre. Das ist es, was die
       Gottebenbildlichkeit des <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Menschen</term> notwendig
       bedeuten müsste, wenn sie darin bestünde, dass der Mensch so Du und Ich ist, wie Gott es
       ist.</p>
    </div>
    <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Die Voraussetzung<note xml:id="n13">Zum folgenden Exkurs vgl. z. B.
        einige Verse von <bibl corresp="kbga-bibls-5298"><persName ref="kbga-actors-864">Angelus Silesius</persName>, <hi rend="italic">Cherubinischer Wandersmann</hi>, hrsg. von W.-E. Peuckert, Wiesbaden 1948</bibl>,
        aus dem ersten Buch: (13) «Ich selbst bin Ewigkeit, wann ich die Zeit verlasse / Und mich in
        Gott und Gott in mich zusammenfasse.» (a.a.O., <bibl corresp="kbga-bibls-5298">S. 3</bibl>); (14) «Ich bin so reich als Gott, es
        kann kein Stäubchen sein, / Das ich, Mensch, glaube mir, mit ihm nicht hab gemein.» (ebd.);
        (81) «Bist du aus Gott geborn, so blühet Gott in dir, / Und seine Gottheit ist dein Saft und
        deine Zier.» (a.a.O., <bibl corresp="kbga-bibls-5298">S. 11</bibl>); (278) «Ich bin Gotts ander Er, in mir find’t er allein, / Was
        ihm in Ewigkeit wird gleich und ähnlich sein.» (a.a.O., <bibl corresp="kbga-bibls-5298">S. 36</bibl>). Vgl. ferner die in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/1, S. 316</bibl> zitierten Verse.</note>, dass sie wirklich
       darin bestehe, ist die Voraussetzung aller <hi rend="italic">mystischen</hi>
       <term key="Anthropologie, mystische">Anthropologie</term>. Auch die <term ref="kbga-keywords-1307">Mystik</term>
       <hi rend="italic">beginnt</hi> jedenfalls nie damit, dass sie die Kreaturgrenze leugnet und
       aufhebt. Sie beginnt vielmehr regelmäßig mit der Anerkennung der numerischen Verschiedenheit
       von Schöpfer <pb xml:id="p317" ed="pga"/> und Geschöpf, ja mit der Unter<pb ed="A" n="1039" break="no"/>streichung des unendlichen Abstandes zwischen beiden und also der
       schlechthinnigen Abhängigkeit<note xml:id="n14">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p057#fn_n55">S. 57, Anm. 55</ref>.</note> des <term key="Mensch, schlechthinnige Abhängigkeit">Menschen</term> von Gott. Sie weiß und betont,
       dass der Mensch allein durch Gott und ohne Gott nichts ist. Sie weiß wohl und sie kann es
       auch meisterhaft sagen, wie der Mensch allein dadurch Ich wird, dass Gott ihn als sein <term key="Mensch, Gottes geschöpfliches Du">Du</term> setzt und anredet, wie sein Ich allein
       damit Bestand haben kann, dass es sich als das Ich dieses von Gott gesetzten und angeredeten
       Du verhält. Das ist aber das Eigentümliche der mystischen <term key="Anthropologie, mystische">Anthropologie</term>, dass sie das menschliche Du- und
       Ichsein nicht nur als unmittelbar von Gott her, sondern auch als unmittelbar zu Gott hin
       versteht, und das eben darum, weil sie seine <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> bei aller vorläufigen Hervorhebung der Kreaturgrenze und also
       der numerischen Verschiedenheit von Schöpfer und Geschöpf nun doch als <term key="Mensch, Gottgleichheit">Gottgleichheit</term> versteht. Sie schreibt nämlich dem
       Menschen ein der Art nach gleiches Du- und Ichsein zu wie Gott selber. Sie rechnet nicht
       damit, dass er in seinem, dem geschöpflichen Raum eines Anderen, eines Zweiten, eines
       Gegenübers real bedürfe, um Du und Ich zu sein. Sie kennt nicht seinesgleichen neben ihm. Sie
       sieht ihn vielmehr umgeben von lauter schweigender und für sein Du- und Ichsein real
       uninteressanter, von einer ihm hinsichtlich dieser seiner Natur überflüssigen <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Mitkreatur</term>. Sie sagt von ihm, dass er wohl Gottes
       bedürfe, im Übrigen aber wie Gott sich selbst zu genügen, sich selbst Alles zu sein in der
       Lage sei. Sie verweist ihn wohl theoretisch auf Gott; sie kann ihn aber praktisch nur auf
       sich selbst verweisen. Gott selbst als das schöpferische Sein ist ja zu hoch und zu fern, als
       dass der Mensch sich praktisch an ihn in seiner reinen Gottheit als an das Urbild seines
       eigenen Seins halten könnte. Es ist ihm aber auch nicht nötig, sich in diesem Sinn an Gott
       selbst zu halten. Jener hohe und ferne Gott hat ja im Menschen selbst das ihm gleiche Wesen.
       Die <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Mitkreatur</term> wiederum ist stumm und
       uninteressant; sie hat ihm hinsichtlich seines Menschseins nichts zu sagen und nichts zu
       bieten. Es ist aber auch nicht nötig, dass sie das tue, weil der Mensch selbst als Gott
       gleiches Wesen in der Lage ist, sich selber Alles zu sa<pb ed="A" n="1040" break="no"/>gen
       und zu bieten, dessen er bedürftig ist. So kann als praktische Form der Hinkehr zu Gott
       wirklich nur die Abkehr von allen anderen Kreaturen<note xml:id="n15">Vgl. z. B. aus der <bibl type="song" corresp="kbga-songs-132">3.
        Strophe des Liedes «Kommt, Kinder, laßt uns gehen» (1738) von <persName ref="kbga-actors-797">Gerhard Tersteegen</persName> (EG 393; nicht im RG)</bibl>: «Verlaßt die
        Kreatur / und was euch sonst will binden; / laßt gar euch selbst dahinten […].» Vgl. ferner
        von <persName ref="kbga-actors-864">Angelus Silesius</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n13">Anm. 13</ref>), aus dem zweiten
        Buch: (57) «Entwächsest du dir selbst und aller Kreatur, / So wird dir eingeimpft die
        göttliche Natur.» (a.a.O., <bibl corresp="kbga-bibls-5298">S. 47)</bibl>.</note>
       <pb xml:id="p318" ed="pga"/> und positiv die Einkehr des Menschen bei sich selbst übrig
       bleiben. So betätige ich meine Gemeinschaft mit Gott und so erfülle ich den Sinn meines
       Menschseins, so kehre ich, wenn ich Gott und mein Menschsein vergessen und verlassen haben
       sollte, zu beiden, zu Gott und zu mir selbst zurück, indem ich, von Gott selbst ihm gleich
       geschaffen, in die Zwiesprache und in den Verkehr mit mir selbst eintrete und eben darin
       verharre. Indem ich bei mir selbst bin, bin ich auch bei Gott, wie eben Gott selbst Gott ist,
       indem er bei sich selbst ist. Mag mir, was außer mir ist, als Bild und Gleichnis des
       unaussprechlichen Friedens meiner Gemeinschaft mit Gott nützlich und erfreulich sein. Mag es
       mir erlaubt und geboten sein, in der Weise bei mir selbst zu sein, dass ich immer wieder von
       mir selbst ausgehe zu jenen Bildern und Gleichnissen, um eben von ihnen immer wieder zu mir
       selbst zurückzukehren. Es bleibt mir doch Alles, was außer mir ist, grundsätzlich
       entbehrlich, und ich muss es auch praktisch und faktisch entbehren können. Alles, was außer
       mir ist, ist ja nur Bild und Gleichnis. Bilder und Gleichnisse aber sind nur geschöpflich.
       Sie können mir darum jenen Frieden der Gottesgemeinschaft selbst und als solchen wohl
       andeuten, aber weder wirklich zeigen noch geben, wie sie ihn mir letztlich auch nicht
       verhüllen und nehmen können. Sie sind überdies vergänglich, wie alles Geschöpfliche
       vergänglich ist. Ich muss also jederzeit damit rechnen, sie wieder zu verlieren, wie nützlich
       und erfreulich sie mir auch noch eben gewesen sein mögen. <hi rend="italic">Ein</hi> Bild
       aber ist nicht nur Bild, <hi rend="italic">ein</hi> Gleichnis nicht nur Gleichnis, und das
       bin ich selber als die wegen ihrer Gottgleichheit unerschütterliche und unzweideutige Einheit
       von Du und Ich. In ihr habe ich es als in einem vollkommenen Spiegel mit dem hohen und fernen
       Gott selbst zu tun. Ihr gerecht zu werden bin ich in Anspruch genommen und verpflichtet.
       Indem ich ihr gerecht werde, bin ich die Entsprechung des Wortes <term ref="kbga-keywords-50">Gottes</term>. Von ihr her bin ich <pb ed="A" n="1041"/> gefragt und frage ich mich selbst.
       In ihr bin ich frei. In ihr bin ich dieser und dieser einzelne Mensch vor Gott und für Gott,
       ich selbst: der Einzelne, der für mich auch der Einzige ist.</p>
    </div>
  </div>

    <!-- nächste Seite -->

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    <div>
      <div>
      <p rend="margin-top">Wir müssen uns, um weiter klar zu sehen, die Konsequenzen vor Augen
       halten, die dann unvermeidlich wären, wenn diese Voraussetzung zuträfe, wenn es sich wirklich
       so verhielte, dass des Menschen <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> seine <term key="Mensch, Gottgleichheit">Gottgleichheit</term>
       bedeutete. Das Bestehen einer eigentlichen Konkurrenz zwischen ihm und seinem Schöpfer wäre
       dann offenbar schon theoretisch schwer und praktisch wohl gar nicht zu leugnen. Er wäre ja
       dann unverkennbar so etwas wie ein zweiter Gott: merkwürdigerweise in die Schranken der
        Geschöpflich<pb xml:id="p319" ed="pga" break="no"/>keit gebannt, widerspruchsvollerweise von
       seinem Schöpfer schlechthin abhängig, aber gerade seiner Natur nach ihm gleich, eine
       Wiederholung seines Seins als die freie <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term>, die in und
       durch sich selber selig ist.<note xml:id="n16"> Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/50/p086#p086">S. 86–88</ref>; <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD II/1,
         S. 496.563.578.581f.593</bibl>.</note> Man frage sich, ob es dann, wenn der Mensch dies
       wäre, noch eine reale Bedeutung haben, ob es dann nicht ein bloßer Vorbehalt ohne innere
       Tragweite sein sollte, daran festzuhalten, dass er seinen Schöpfer über sich, dass er in der
       Hinkehr zu ihm sein eigenes Sein zu verwirklichen habe. Was heißt dann «über sich», was heißt
       dann «Hinkehr», wenn dieser Andere, auch wenn ich ihm den Namen Gott gebe, auch wenn ich mir
       nicht anmaße, mir selbst diesen Namen zu geben, keine andere Art als eben die meine hat, weil
       er mir, indem er mich schuf, die seinige mitgeteilt hat? Was heißt «zu Gott hin», wenn unser
       Sein zu Gott hin ein unmittelbares ist? Bedeutete die mir verliehene Gottebenbildlichkeit,
       wenn sie dieses mein unmittelbares Sein zu Gott hin bedeutete, nicht mindestens notwendig,
       dass der Schöpfer mir gegenüber abgedankt, d. h. auf ein weiteres Handeln mir gegenüber
       verzichtet hat, dass er mich an meinem geschöpflichen Ort sein eigenes, das göttliche Werk
       auf eigene Faust tun heißt? Was soll die Doppelheit des Verhältnisses des Menschen zu Gott
       und seines Verhältnisses zu sich selbst, wenn ich faktisch und praktisch eben in meinem
       Verhältnis zu mir selbst mein Verhältnis zu Gott zu verwirklichen habe? Und müsste mit der
       mir verliehenen Gott1042 <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">^@+ebenbildichkeit</term>,
       wenn sie dies bedeuten würde, nicht nun doch auch der Vorbehalt der Kreaturgrenze und also
       des numerischen Unterschiedes von Schöpfer und Geschöpf früher oder später ins Wanken kommen?
       Ist er nicht von Haus aus erschüttert und aufgehoben, kann er überhaupt geltend gemacht
       werden, wenn der Mensch Gott gleich [ist], d. h. wenn er gleich Gott sich selber als Du und
       Ich zu genügen vermag? Sollte ein Gott Gleiches von Gott selbst numerisch verschieden sein
       können? Wer kann Gott gleich sein außer Gott selber? Was soll letztlich auch die Doppelheit
       von Gott und Mensch und was die Erinnerung an des Menschen Schöpfung durch Gott, wenn der
       Mensch so Du und Ich ist wie Gott, wenn er gerade in dem, was das innerste Wesen Gottes, sein
       Sein als Vater und Sohn durch den Heiligen <term ref="kbga-keywords-70">Geist</term>
       ausmacht, Gott gleich ist? Ist Schöpfung dann mehr als ein <pb xml:id="p320" ed="pga"/> unzutreffendes Wort für die Zeugung und für das Erzeugtsein des Sohnes durch den Vater? Ist
       der Mensch dann real etwas Anderes als in den göttlichen Relationen und also als der Vater
       und der Sohn und in <hi rend="italic">seinem</hi> Geist, der die Einheit beider vollzieht,
       auch der <hi rend="italic">Heilige</hi>
       <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term>? Kann man auch nur sagen, dass das so
       weitreichende Konsequenzen seien, dass sie dem Menschen praktisch auch verborgen bleiben
       könnten? Könnte er sich wirklich verwahren dagegen, sie zu ziehen? Hat es damit seine
       Richtigkeit, dass er Gott der Art nach gleich ist, dann ist doch schwer abzusehen, inwiefern
       ihm diese Konsequenzen verborgen bleiben könnten, inwiefern er sich nicht früher oder später
       zu ihnen bekennen müsste. Ist er Gott darin <term key="Mensch, Gottgleichheit">gleich</term>,
       dass er [und]<note xml:id="n17">Im Tskr. steht anstelle des hier von den Hrsg. eingefügten
        «und» nur ein Komma; es könnte allenfalls auch sein, dass der so etwas unklare Halbsatz
        anstelle des hier gewählten minimalen Eingriffes einer längeren Ergänzung am Ende bedürfte:
        «[…], dass er, wie er durch sich selbst Du und Ich ist, auf sich selbst gestellt ist, dann
        muss […].»</note> wie er durch sich selbst Du und Ich ist, dann muss er ihm doch wohl auch
       darin gleich sein, dass er um sich selbst und also um seine eigene Gottheit weiß. Eine andere
       Konsequenz kann ihm aber auf keinen Fall verborgen, sondern muss ihm, wenn jene Voraussetzung
       zutrifft, sofort und ohne weiteres offenbar sein: die nämlich, dass er, indem er als Du und
       Ich Gott gleich und auf sich selbst gestellt ist, nun auch wirklich auf sich selbst zu stehen
       hat. Er hat dann wirklich nicht seinesgleichen, der ihm Hilfe und Beistand sein könnte, er
       muss nun wirklich ohne einen Anderen auskommen. Ein wirklich Anderer kann ihm ja auch Gott,
       indem ihn dieser sich selbst gleich ge1043 ^@+macht hat, nicht sein. Er muss sich nun, indem
       er an seinem Ort Gott gleich ist, damit abfinden, sich selbst auch der Andere zu sein. Er
       muss nun sich selber bezeugen und garantieren, dass er Du und damit Ich und also Mensch ist.
       Gott hat ihm, indem er ihn als Menschen schuf, als ein solches Wesen entlassen und verlassen,
       das dieses Zeugnisses und dieser Garantie fähig, das aber eben auf dieses Zeugnis und diese
       Garantie nun auch tatsächlich angewiesen ist. Er kann sich wohl an Gott halten als an den,
       der ihn als dieses Wesen geschaffen, der ihm also ursprünglicher Zeuge und Garant seines
       Menschseins ist. Aber eben an Gott kann er sich ja nur halten, indem er sich an sich selber
       hält. Er muss es nun übernehmen und aushalten, an seinem Ort in der <pb xml:id="p321" ed="pga"/> Einzigkeit Gottes zu existieren. Das kann eine unheimliche <term key="Mensch, unheimliche Erhöhung">Erhöhung</term> des Menschen bedeuten, aber auch eine
       fürchterliche <term ref="kbga-keywords-979">Verlorenheit</term>. Das kann von seiner Seite
       als frevelhafter <term key="Mensch, Hochmut">Hochmut</term> in die Erscheinung treten; das
       kann aber auch bedeuten, dass er in die tiefste Besorgnis und <term ref="kbga-keywords-1956">Verzweiflung</term> versinken muss. Eines ist dann wohl nicht besser als das Andere, und
       ungut ist dann wohl auch die Resignation, in der er die Mitte zwischen beiden halten könnte
       und möchte. |</p>
      <p> Denn es ist offenbar so oder so eine gefährliche Sache, Mensch zu sein und nun doch die
       Rolle Gottes spielen, ja wirklich das Werk Gottes tun zu sollen. Der Vorbehalt möchte ja
       gelten, wie er kann und mag: dass Gott auch immer noch außer und über ihm Gott sei. Er möchte
       dann wohl als Quelle des Trostes und der Weisung, der Disziplin und der Ermutigung des an
       seinem Ort so einzigen Menschen aufs Neue hervorgeholt und zur Geltung gebracht werden. Aber
       wie soll er nun eigentlich zur Geltung kommen? Wie soll Gott dem ihm gleichen <term key="Mensch, Gottgleichheit">Menschen</term> zu Hilfe kommen? Sollte er dann, wenn er Gott
       wirklich gleich wäre, nicht gerade der göttlichen Hilfe unzugänglich geworden sein? Was kann
       ihm gerade Gott noch sagen oder bieten, nachdem er ihn sich selbst gleich gemacht – in der
       Gefahr, in der er sich eben deswegen befindet, weil er es Gott gleich tun sollte und nun doch
       nur der Mensch ist, dem es auf dieser Höhe schwindeln und der unter die <pb ed="A" n="1044"/>
       ser Last zusammenbrechen muss? |</p>
      <p> Die Geschichte eines <term key="Bund, Gnadenbund">Gnadenbundes</term> zwischen Gott und
       diesem Menschen ist in sich unmöglich. Denn was soll überhaupt <hi rend="italic">geschehen</hi> zwischen Gott und dem Menschen, wenn er diesen so geschaffen hat, dass er
       ihm gar nichts mehr zu sagen und zu bieten hat, weil ja eben sein eigenstes Innerstes, seine
       freie Liebe, auch das Wesen des Menschen, wenn der Mensch nun eben darauf angewiesen ist, auf
       eigene Faust und von sich aus aus diesem göttlichen Innersten heraus zu leben? Und die
       Geschichte eines <term key="Bund, Gnadenbund"><hi rend="italic">Gnaden</hi>bundes</term>
       könnte die Geschichte zwischen Gott und diesem Menschen, auch wenn sie als Geschichte möglich
       wäre, schon gar nicht sein. Gnade gibt es nicht zwischen Gleichen, sondern nur zwischen
       Ungleichen. Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> für den Menschen müsste zum
       vornherein dies ausschließen und beseitigen, dass der Mensch Gott gleich, dass er an seinem
       geschöpflichen Ort der Art des Schöpfers teilhaftig ist. Gnade müsste ihn vor allem und
       zuerst nicht in die unentrinnbare Gefahr versetzt haben, die diese <pb xml:id="p322" ed="pga"/> Gottgleichheit für ihn bedeutet. Hat Gott das nicht getan, wie soll er dem Menschen dann
       gnädig sein? Wie soll er ihm gnädig sein, wenn gerade die Gnade seiner Schöpfung darin
       bestanden hat, dass er ihn in jene unentrinnbare Gefahr versetzte? Jesus Christus als <term ref="kbga-keywords-82">Versöhner</term> zwischen Gott und Mensch ist überflüssig und
       unmöglich zugleich, wenn jene Voraussetzung gilt: überflüssig, weil der Mensch ja als solcher
       ohnehin Gott gleich ist – und unmöglich, weil er als solcher in unvermeidlicher Konkurrenz
       mit Gott und also sich in einem Zustand befindet, in welchem er durch einen <term ref="kbga-keywords-239">Mittler</term> ebensowenig wie durch Gott selbst mit Gott versöhnt
       werden kann. Hat ihn aber Gott so geschaffen, dass er ihm unmöglich gnädig sein kann, dass
       ein <term key="Bund">Bund</term>, eine <term ref="kbga-keywords-240">Versöhnung</term>
       zwischen Gott und ihm zum vornherein ausgeschlossen ist, kann auch Jesus Christus ihm nur
       bestätigen, was er aus und durch sich selbst ist und als was er sich aus und durch sich
       selbst zu betätigen hat – was soll dann in jener Gefahr, unter dem Fluch jenes Anspruchs und
       jener Last, denen er nicht gewachsen sein kann, in jener Mitte zwischen <term key="Mensch, Hochmut">Hochmut</term> und <term ref="kbga-keywords-1956">Verzweiflung</term>,
       aus ihm werden? Wie soll er da bestehen? Wie soll er da auch nur einen Augen|1045|blick
       existieren können? Wäre das gerade die Gnade seiner Schöpfung, dass er wäre wie Gott [vgl.
        <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.5">Gen. 3,5</ref>], dann müsste diese Gnade
       sein Tod, diese seine Schöpfung sofort auch seine Vernichtung sein. Wäre der Mensch dieses
       Wesen: unmittelbar zu Gott, wie er unmittelbar von ihm und durch ihn ist, dann würde er vor
       Gott nur vergehen können. Das Sein Gottes verträgt kein ihm gleiches Sein neben sich. <term ref="kbga-keywords-1244">Souveränität</term> und <term key="Gott, Aseität">Aseität</term>
       ist Gottes Sache ganz allein unter Ausschluss jedes anderen Seins, das ihm darin gleich wäre.
       Ein souverän und a se existierendes Geschöpf könnte, wenn es wäre, schon im Ansatz seines
       Seins nur verzehrt, verbrannt und zunichte gemacht werden durch Gottes <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>. – Das sind die Konsequenzen, die dann
       unvermeidlich wären, wenn es sich wirklich so verhielte, dass des Menschen <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> seine <term key="Mensch, Gottgleichheit">Gottgleichheit</term> bedeutete. Es dürfte wohl deutlich sein,
       dass es nicht ratsam ist, mit diesem Gedanken zu spielen.</p>
      </div>
      <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Man kann nur spielen mit diesem Gedanken. Man kann ihn nicht vollziehen.
       Man würde wohl sofort des zeitlichen und ewigen <term key="Tod, zeitlicher und ewiger">Todes</term> sterben, wenn man auch nur diesen Gedanken vollziehen könnte. In diesem
       Gedanken wenigstens würde ja dann dieses Furchtbare wirklich sein: ein vor Gott unmögliches
       Sein und dessen gnadenlose Verdammnis, ein Anfang, der sofort sein <pb xml:id="p323" ed="pga"/> Ende in Schrecken sein müsste. Man kann freilich auch diesen Gedanken nicht vollziehen.
       Man kann nur spielen damit. Aber auch das ist schlimm genug. Man spielt dann mit dem ewigen
       Feuer. Die <term ref="kbga-keywords-1307"><hi rend="italic">Mystik</hi></term>
       <hi rend="italic">spielt</hi> mit diesem Gedanken. Wir sahen: sie beginnt sicher nie mit der
       Leugnung der <term key="Mensch, Kreaturgrenze">Kreaturgrenze</term>, sondern so oder so
       sicher vielmehr mit der Beteuerung des unendlichen Abstandes zwischen Gott und dem
       Menschen.</p>
      <q rend="block"><lg>
        <l>Gott ist gegenwärtig, dem die Cherubinen / Tag und Nacht gebeuget ­dienen.</l>
        <l>Heilig, heilig, heilig! singen ihm zur Ehre / aller Engel hohe Chöre.</l>
        <l>Herr, vernimm / unsre Stimm,</l>
        <l>wenn auch wir Geringen / unsre Opfer bringen (<persName ref="kbga-actors-797"><hi rend="italic">Tersteegen</hi></persName>) .<note xml:id="n18"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">Strophe 2 des Liedes «Gott
          ist gegenwärtig» (1729) von <persName ref="kbga-actors-797">Gerhard Tersteegen</persName>
          (EG 165; RG 162</bibl> – dort jeweils in der zweiten Zeile: «gebücket» statt «gebeuget»; die von
          <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitierte Textform findet sich u. a. im <hi rend="italic">Gesangbuch der
           evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz</hi> [eingeführt 1952],
          Nr. 201).</note></l>
       </lg></q>

      <p> Noch scheint Alles in Ordnung zu sein. Die <term ref="kbga-keywords-1307">Mystik</term>
       fährt aber fort mit der Feststellung, dass der Mensch diesseits der Kreaturgrenze außer Gott
       keinen Anderen habe und auch keines Anderen bedürfe, sondern eben in seinem Verhältnis zu
       Gott als seinem einzigen wirklichen Verhältnis sich selber zu genügen aufgefordert und in der
       Lage sei. <pb ed="A" n="1046"/> Sie fährt fort mit der Proklamation des Menschen selbst als
       des einen einzigen wesentlichen Bildes und Gleichnisses der Gottheit. Sie fährt eben darum
       fort mit der Anweisung, dass seine Hinkehr zu Gott sich als seine Einkehr zu sich selbst zu
       vollziehen habe. Eben damit befindet sie sich aber mindestens in unaufhaltsamer Annäherung zu
       einer Konkurrenz des Menschen mit <term key="Mensch, Konkurrenz mit Gott">Gott</term>. Gerade
       indem Gott dem Menschen so unerreichbar hoch und fern gegenübersteht, um nun doch im Menschen
       ein in sich vollkommenes <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Ebenbild</term> seiner
       eigenen Selbstgenugsamkeit und Seligkeit zu haben, kann es nicht anders sein, als dass dieser
       – wenn auch im Diesseits der Geschöpflichkeit und also in den Schranken der Zeit und einer
       endlichen Seinsweise – dasselbe ist wie Gott in seinem Jenseits. Was bedeutet dann aber der
       Unterschied? Mit welcher realen Kraft wird dann jene Beteuerung fortzusetzen und aufrecht zu
       erhalten sein? Kann es anders sein, als dass sie auch in den nüchterneren, d. h. aber weniger
       konsequenten Formen der Mystik praktisch tonlos werden muss: ein theoretisch respektierter
       Rest, mit dem doch faktisch nichts mehr anzufangen ist? Und ist es zu verwundern, dass alle
       konsequente, ihrem natürlichen Schwung nachgebende <term ref="kbga-keywords-1307">Mystik</term> nun doch zur Lehre von einer Vergottung des <term key="Mensch, Gottgleichheit">Menschen</term> fortschreitet:</p>
      
      <q rend="block"><lg>
        <l>Luft, die Alles füllet, drin wir immer schweben, / aller Dinge Grund und Leben,</l>
        <l><pb xml:id="p324" ed="pga" rend="noPipe"/> Meer ohn’ Grund und Ende, Wunder aller Wunder, / ich senk mich in dich hinunter.</l>
        <l>Ich in dir, / du in mir,</l>
        <l>laß mich ganz verschwinden, / dich nur sehn und finden (<hi rend="italic">­Tersteegen</hi>).<note xml:id="n19">A.a.O., <bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">Strophe 5 (RG: Strophe 4)</bibl>.</note> –</l>
       </lg></q>
      <?pa hlz?>
      
      <p>Wenn das nicht die kühne, vom Menschen her unternommene und vollzogene Überschreitung der
        <term key="Mensch, Kreaturgrenze">Kreaturgrenze</term> ist, was dann? Es ist aber wirklich
       nicht einzusehen, wie diese Überschreitung<note xml:id="n20">Tskr.: «Unterscheidung»;
        Korrektur durch die Hrsg.</note> unterlassen werden könnte. Es braucht sogar nicht einmal
       Kühnheit dazu. Gerade die großen Mystiker haben sie immer mit einer gewissen entwaffnenden
       Kindlichkeit und Selbstverständlichkeit ins Werk gesetzt. Sie kann auch in großer Demut und
       Keuschheit ins Werk gesetzt werden. Es ist aber sachlich einfach notwendig, dass sie ins Werk
       gesetzt wird. Es kann vom Ansatz der mystischen <term key="Anthropologie, mystische">Anthropologie</term> her keine Ruhe geben, bis es wirklich so weit ist: «Ich senk mich in
       dich hinunter». Dass gerade von einem «Sichhinuntersenken» <pb ed="A" n="1047"/> die Rede ist,
       ist kein Zufall: es handelt sich wirklich um einen Vorgang nach dem natürlichen Gesetz des
       Schwergewichts; der gottgleiche Mensch fällt oder senkt sich notwendig dort hinunter, wohin
       er gehört: in die Einheit mit dem Gott, dem er gleich ist. Was bleibt ihm schon übrig? Ist er
       Gott gleich, dann muss er selber Gott sein, und es ist wieder nur notwendig und folgerichtig,
       dass er davon auch singen und sagen<note xml:id="n21">Vgl. <bibl type="song" corresp="kbga-songs-32">den Schluss von Strophe 1 des
        Liedes «Vom Himmel hoch, da komm ich her» von <persName ref="kbga-actors-261">Martin
         Luther</persName> (EG 24; RG 394)</bibl>: «[…] der guten Mär bring ich so viel, / davon ich singn
        und sagen will.»</note> muss. Es würde ihm ja auch nichts helfen, wenn er etwa davon
       schweigen, ja wenn er jenes «Sichhinuntersenken» auch sich selber verborgen halten würde. Er
       ist faktisch unaufhaltsam unterwegs nach dort drunten, wo er, der Gott <term key="Mensch, Gottgleichheit">Gleiche</term>, außer Gott niemand und nichts zum Beistand hat,
       sondern wie Gott, er selber mit Gott Einer, sein eigener Helfer und Tröster sein muss. Alles
       Andere um ihn ist ja Gott nicht gleich, kann ihm also kein Beistand sein:</p>
      <q rend="block"><lg>
        <l>Was Geschöpfe haben, / kann den Geist nicht laben;</l>
        <l>du vergnügst allein. / Was ich mehr als dich begehr,</l>
        <l>kann mein Seligsein nur hindern / und den Frieden mindern.</l>
       </lg></q>
      <p/>
      <q rend="block"><lg>
        <l>Was genannt mag werden / droben und auf Erden,</l>
        <l>Alles reicht nicht zu. / Einer nur kann geben</l>
        <l>Freude, Ruh und Leben; / Eins ist not, nur Du!</l>
        <l>Hab ich dich nur wesentlich, /</l>
        <l>so mag Leib und Seel verschmachten, / ich will’s doch nicht achten. <persName ref="kbga-actors-797">(<hi rend="italic">Tersteegen</hi></persName>).<note xml:id="n22"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-107">Aus Strophe 3 und Strophe 4 des Liedes «Allgenugsam Wesen» (1729) von <persName ref="kbga-actors-797">Gerhard Tersteegen</persName>
          (RG 661 [nicht im EG]</bibl>; dort am Schluss von Strophe 3 mit abweichendem Wortlaut). Die von
          <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitierte Fassung findet sich im <hi rend="italic">Gesangbuch für die
           Evangelisch-reformirte Kirche der deutschen Schweiz</hi> (1891), Nr. 247.</note></l>
       </lg></q>

      <p><pb xml:id="p325" ed="pga" rend="noPipe"/>Das klingt freilich nach <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.73.25 Ps.73.28">Ps. 73,25f.</ref>, wo es nach <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Übersetzung heißt: «Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach
       Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott,
       allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.» Aber wenn zwei dasselbe sagen, ist es nicht
       immer dasselbe. Der Mensch von <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.73">Ps. 73</ref>
       ist bestimmt nicht der Mensch, der Gott gleich ist, in dessen Bereich es also liegen könnte,
       Gott «wesentlich» zu haben. Sein Trost und Helfer ist ja der Gott Israels, der Heilige, der im <term key="Bund">Bunde</term>
       mit diesem seinem Volk gehandelt hat und noch handelt. Indem er diesen Gott hat, braucht der
       Mensch von <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.73">Ps. 73</ref> nach Himmel und Erde
       nicht zu fragen. Wenn aber der Mystiker allem außer Gott den Abschied gibt, dann hat er
       gerade dem an ihm und für ihn handelnden Bundesgott den Abschied gegeben, von dem denn auch
       in den beiden eben zitierten Tersteegen-Liedern mit keinem Wort die Rede ist. Was Gott für
       ihn tun kann <pb ed="A" n="1048"/> und um was er Gott bittet, dass er es für ihn tue, das ist
       schlechterdings identisch mit dem, was in ihm und also durch ihn selbst geschieht, d. h. aber
       mit dem, was er für sich selbst tun muss. Denn dass es wirklich für ihn getan sei, das wird
       erst darin wahr, dass es in ihm und durch ihn selbst geschieht. Es geht darum und es kann nur
       darum gehen, dass er der ihm schon durch die Konstituierung seines Seins erwiesenen Gnade
       bewusst und dass er dieser Gnade gerecht und würdig werde. Dann und so hat er Gott
       «wesentlich». Im Verhältnis zu diesem Wesentlichen muss ihm der Gedanke eines besonderen
       Bundes <term key="Bund">Gottes</term> mit dem Menschen, muss ihm der Gedanke einer Geschichte
       dieses Bundes ein fremder Gedanke sein. Er braucht ihn darum nicht zu verwerfen. Er wird das
       in der Regel nicht tun. Er kann also auch <term ref="kbga-keywords-1410">Weihnacht</term>
       feiern, aber ihm kann auch die Weihnachtsbotschaft nichts Neues sagen. Denn dass «Gott im
        Fleische»<note xml:id="n23">Vgl. <bibl type="song" corresp="kbga-songs-38">Strophe 4 des Weihnachtsliedes «Jauchzet, ihr Himmel»
        (1731) von <persName ref="kbga-actors-797">Gerhard Tersteegen</persName> (EG 41; RG 404)</bibl>:
        «Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen?»</note> ist, das bedeutet, sofern
       es von Jesus Christus gesagt ist, für den Menschen entscheidend doch nur die Sehnsucht,
       Hoffnung und Bitte: «Treuer Immanuel, werd’ auch in mir nun geboren!»<note xml:id="n24">A.a.O., <bibl type="song" corresp="kbga-songs-38">Strophe 7 (in EG und RG: «Süßer Immanuel […]»</bibl>; die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitierte Fassung
        findet sich im <bibl corresp="kbga-bibls-1087"><hi rend="italic">Gesangbuch für die Evangelisch-reformirte Kirche der
         deutschen Schweiz</hi> [1891], Nr. 99</bibl>).</note> Den in ihm selber geborenen und wieder zu
       gebärenden Christus hat er nötig: Jesus Christus als den <hi rend="italic">Anderen</hi>,
       Jesus Christus <hi rend="italic">für</hi>
       <term key="Jesus Christus, für den Menschen">ihn</term> doch nur als verheißungsvoll
       ermunternde Illustration dieses seines eigenen unmittelbaren Seins zu Gott hin. Sein
       Gegenüber, sein <term ref="kbga-keywords-1054">Tröster</term> und Helfer ist Gott, aber
       gerade nicht «Gott im Fleische», gerade Keiner, der außer dem, dass er die ewige <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> ist, auch noch etwas Anderes, selber Geschöpf <pb xml:id="p326" ed="pga"/> wäre. Eben «Gott im Fleische» ist er selber. Eben als das muss er
       nun sein eigener Tröster und Helfer sein. Eben als das kann ihm Gott kein zweites Mal Tröster
       und Helfer sein. Eben das ist ja die Gnade schon seiner Erschaffung, die nun nicht mehr
       wiederholt und die ihrer Natur nach nicht mehr überboten werden kann, der Lohn, den er nun
       dahin hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.2">Mt. 6,2</ref><ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.5">.5</ref><ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.16">.16</ref>]. |</p>
      <p>Es gibt von da aus eine mystische <term key="Mystik, Fröhlichkeit">Fröhlichkeit</term>, in
       der das begreifliche Hochgefühl dieser wahrhaft majestätischen Lebenssituation zum Ausdruck
       kommt. Es gibt von da aus auch eine mystische <term key="Mystik, Traurigkeit">Traurigkeit</term>, in der sich ebenso begreiflicherweise die schwere Bedrängnis dieser
       verlassenen Situation kundgibt. Es ist die eine so unheimlich wie die andere und am
       unheimlichsten gewiss die Stille, <pb ed="A" n="1049"/> in die sich der Mystiker, zwischen den
       beiden Extremen hin-^^ und hergezogen, am liebsten flüchten wird. Denn hinter dem allem steht
       das «Sichhinuntersenken» in die Tiefe, wo es außer dem Gott in uns jedenfalls praktisch
       keinen anderen gibt. Liegt es so ferne, die letzte Konsequenz zu ziehen und also auch
       theoretisch mit einem anderen Gott nicht weiter zu rechnen? Gottlosigkeit ist kein «Zerrbild»
       der Mystik, sondern das notwendige Ende ihres <term key="Mystik, Gottlosigkeit als ihr notwendiges Ende">Weges</term>.<note xml:id="n25"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
        nimmt hier den Gedanken auf, den er in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/2,
         S. 348–356</bibl> entwickelt hatte. Als Repräsentanten für das Zwielicht von Mystik und
        Atheismus macht er a.a.O., <bibl corresp="kbga-bibls-2">S. 352</bibl>, namhaft: <bibl corresp="kbga-bibls-5306"><persName ref="kbga-actors-10386">Fr.
         Mauthner</persName>, <hi rend="italic">Der Atheismus und seine Geschichte im
         Abendlande</hi>, Bd. 4, Stuttgart / Berlin 1923</bibl>, dessen Schlussabschnitt unter der
        Überschrift steht: «Der Friede in gottloser Mystik» (a.a.O., <bibl corresp="kbga-bibls-5306">S. 372–447</bibl>). – Vgl. auch
         <bibl corresp="kbga-bibls-5307">U. Spörl, <hi rend="italic">Gottlose Mystik in der
         deutschen Literatur um die Jahrhundertwende</hi>, Paderborn u. a. , 1997</bibl>.</note> Ist der
       Mensch selbst sich nicht alles, was Gott ihm sein könnte, wenn er Gott <term key="Mensch, Gottgleichheit">gleich</term>, in göttlicher Art Du und Ich in einer Person
       ist? Dass die Mystik historisch immer eine mehr oder weniger ausgesprochene Affinität und
       Tendenz zum <term key="Mystik, Affinität zum Atheismus">Atheismus</term> gehabt hat, lässt
       sich kaum bestreiten. Sachlich ist der Zusammenhang ganz klar: Indem sie sich im Unterschied
       zu jedem geschichtlichen Verhältnis von Gott und Mensch ihrer Wesentlichkeit rühmen kann,
       indem sie jenes nur noch als zufällige und vergängliche Illustration des in seinem Verhältnis
       zu Gott sich selbst genügenden Menschen zu würdigen weiß, kann der <term key="Atheismus">Atheismus</term>, dem das Verhältnis von Gott und Mensch als solches zur bloßen
       Illustration der Selbstgenügsamkeit des Menschen geworden ist, sich rühmen, im Verhältnis zu
       einer immer noch frommen <term key="Mystik, fromme">Mystik</term> seinerseits wesentlich zu
       sein, ist die Mystik, sofern sie ihre letzte Konsequenz nicht selber ziehen will, tatsächlich
       die fromme Vorform der <term key="Mystik, fromme Vorform der Gottlosigkeit">Gottlosigkeit</term>. Eben darin spiegelt sich aber das viel Schwerwiegendere, das
       eigentlich Furchtbare: dass der Mensch seinerseits, wenn er wirklich Gott gleich sein sollte,
       vor dem wirklichen Gott, dem nur Gott selbst gleich sein kann, im Nu vergehen müsste.<note xml:id="n26">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5298"><persName ref="kbga-actors-864">Angelus Silesius</persName> (<ref type="pub" target="#fn_n13">Anm. 13</ref>),
        erstes Buch</bibl>: (8) «Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben […]» (a.a.O., <bibl corresp="kbga-bibls-5298">S. 2</bibl>).
        Dasselbe Zitat findet sich auch in <bibl corresp="kbga-bibls-115"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">«Unterricht in der christlichen Religion»</hi>, Bd. 2: <hi rend="italic">Die
          Lehre von Gott / Die Lehre vom Menschen. 1924/1925</hi>, hrsg. von H. Stoevesandt
         (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1990, <ref type="pub-" target="../volume/20/p145#p145">S. 145</ref></bibl>, und <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD
         II/1, S. 316.</bibl></note> Die fromme Mystik hat das oft genug – und das eben ist ihr
       Spiel mit <pb xml:id="p327" ed="pga"/> dem Feuer: «Lass mich ganz verschwinden»<note xml:id="n27">Siehe oben, bei <ref type="pub" target="#fn_n19">Anm. 19</ref>.</note> – zu
       beschreiben versucht. Die gottlose <term key="Mystik, gottlose">Mystik</term> zog es anstelle
       dessen vor, den offenkundig überflüssigen Gott vor dem souverän und a se existierenden
       Menschen zum Verschwinden zu bringen. Zum höchsten Glück sind beide Gedanken gleich
       unvollziehbar. Es kann aber nicht ratsam sein, sich auf einen Weg zu begeben, auf welchem man
       zuletzt entweder dem einen oder dem anderen dieser Gedanken sich wenigstens nähern muss.
      </p>
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    <!-- nächste Seite -->
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       <p rend="margin-top"><pb ed="A" n="1050"/> Der wirkliche Gott ist allein souverän und a se. Er allein ist durch
       sich selber Du und Ich in einer Person. Er allein ist in der ersten und der zweiten und eben
       damit auch in der dritten Relation: der Vater und der Sohn durch den Heiligen <term ref="kbga-keywords-70">Geist</term>. Zu des Menschen Heil ist er allein Gott; denn der
       Mensch ertrüge es nicht, ihm gleich zu sein; kein Geschöpf ertrüge das. Die Schöpfung eines
       Gott gleichen Wesens müsste mit dessen sofortiger und gänzlicher Destruktion identisch sein.
       Dem wirklichen Gott ist zum Heil aller von ihm verschiedenen Wirklichkeit allein er selber
       gleich. Wir haben bei der ganzen Hypothese, von der wir jetzt sprachen, nicht vom wirklichen
       Menschen, sondern von einem drohenden Phantom geredet: von dem Menschen, den Gott erschaffen
       hätte, wenn er ihn in seinem Zorn erschaffen hätte. Den wirklichen Menschen hat Gott in
       seiner <term ref="kbga-keywords-115">Barmherzigkeit</term> erschaffen: im Überströmen seiner
       freien <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term>. <anchor type="note" xml:id="fn-28"/>Der wirkliche Mensch
       ist eben darum Gott nicht gleich, gerade darin nicht, dass auch er auf eigene Faust Du und
       Ich in einer Person sein, dass er sich im Gespräch und in der Auseinandersetzung mit sich
       selbst selber behaupten und genügen müsste. Der wirkliche Mensch ist wohl unmittelbar von
       Gott her, aber nicht unmittelbar zu Gott hin. Er ist auch in den Grenzen seiner
       Geschöpflichkeit nicht auf sich selbst gestellt, nicht auf sich selbst angewiesen, nicht sich
       selbst überlassen. Er ist wohl Du und Ich in einer Person und so Gottes <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Ebenbild</term>. Er ist es aber nicht so, wie Gott es
       ist. Er ist wohl angewiesen, sich selber in seiner eigenen Tat zu konstituieren. Er ist aber
       nicht angewiesen, dies, wie Gott es tut, ohne Beistand, Hilfe und Trost zu tun. Er ist dabei
       auch in seinem geschöpflichen Raum nicht allein gelassen.<note n="28" target="fn-28" type="textcritical" xml:id="n28"> Tskr.: Randanstreichung mit Fragezeichen.</note> Seine Gottebenbildlichkeit <pb xml:id="p328" ed="pga"/> ist wirklich Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>, und
       zwar nicht eine Gnade, die sofort in Hass umschlagen, die sofort zu seiner Destruktion führen
       müsste, weil sie etwas Anderes als tödliche Feindschaft des übermächtigen einen Gottes gegen
       seinen unmöglichen Konkurrenten gar nicht sein könnte. Sie ist Gnade als Huld, Freundlichkeit
       und Güte, Gnade als Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Geduld Gottes gegen sein Geschöpf,
       Gnade als Wohltat und Heil, Gnade voll ewiger Hoffnung für den Begnadigten. Weil sie diese
       echte <term key="Gnade, Gottes G. als echte G.">Gnade</term>
       <pb ed="A" n="1051"/> ist, darum ist seine Gottebenbildlichkeit <hi rend="italic">keine
        Gottgleichheit</hi>. Das ist der Hintergrund, auf dem wir sie nun positiv zu verstehen
       haben.</p>
      <p> Was es heißt, dass Gott den Menschen nach <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.27">Gen. 1,27</ref> nach seinem Bilde schuf, das wird von unserer eben
       angestellten kritischen Erwägung her am klarsten durch <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18">Gen. 2,18</ref>: «Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, dass der
       Mensch allein sei.» Das bedeutet aber nach dem Zusammenhang dieser und jener ersten Stelle
       positiv: Es ist nach Gottes des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> Urteil gut,
       dass das Wesen Mensch eine geschöpfliche <hi rend="italic">Zweiheit</hi> sei, der <hi rend="italic">Mann</hi> und die <term key="Mensch, Mann und Frau"><hi rend="italic">Frau</hi></term>. Darin und so ist er Gottes <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Zweiheit von Mann und Frau">Ebenbild</term>.</p>
      </div>
      <div type="excursus">
       <p rend="margin-top">Er ist es also nicht, wie die altkirchliche <term key="Exegese, altkirchliche">Exegese</term> es wollte, wegen seiner <hi rend="italic">geistigen Natur</hi>, in die man dann wohl auch noch ein Spiegelbild der göttlichen <term ref="kbga-keywords-70">Trinität</term> hineingeheimnissen wollte. Er ist es auch nicht, wie
       die <term ref="kbga-keywords-47">Reformatoren</term> es haben wollten, in seiner <hi rend="italic">ursprünglichen Gerechtigkeit und Heiligkeit</hi> vor dem <term key="Sünde, Sündenfall">Sündenfall</term>. Er ist es auch nicht wegen der ihm nach der
       ersten Schöpfungssage (<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.28 Gen.1.31">Gen. 1,28f.</ref>) übertragenen <hi rend="italic">Hoheit über die Erde und die <term key="Mensch, Dominium terrae">Tiere</term></hi>. Er ist es auch nicht, weil seine <hi rend="italic">Körpergestalt</hi>
       das Abbild eines überdimensioniert in derselben Körpergestalt existierenden Gottes wäre. Der
       exegetische Beweis dafür, dass alle diese Deutungen der berühmten Stelle <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.26 Gen.1.31">Gen. 1,26f.</ref> auszuscheiden und durch die einfache Deutung:
       er ist es in der <hi rend="italic">Zweiheit</hi> von <hi rend="italic">Mann</hi> und <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Zweiheit von Mann und Frau"><hi rend="italic">Frau</hi></term>, zu ersetzen sind, ist früher geführt<note xml:id="n29">Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/1,
        S. 216–231</bibl>; dort S. 216–218 auch ein kritischer Überblick über die anderen hier resümierten
        Auffassungen der Gottebenbildlichkeit mit Quellenangaben.</note> und soll hier nicht
       wiederholt werden. Wir versuchen es hier, uns in systematischer Überlegung dem dort
       exegetisch erreichten Ziel zu nähern.</p>
      </div>
      
      <div>
      <p rend="margin-top"> Wir sahen: es hat schon seine Richtigkeit damit, dass Gott den Menschen
       damit zu seinem <term key="Mensch, Partner Gottes">Partner</term> schuf und geeignet machte,
       dass er ihm entsprechend dem, was er selber ist, Du-Sein und Ich-Sein zusprach <pb xml:id="p329" ed="pga"/> und zueignete. Gott ist nicht einsam; der Mensch soll es auch nicht
       sein. Gott ist nicht in starrer Einheit; der Mensch soll es auch nicht sein. Gott ist in
       liebender Übereinstimmung mit sich selbst, der Mensch soll es auch sein. Gott ist in freier
       Entschließung und Tat; der Mensch soll es auch sein. Gottes Wesen ist es, Du und Ich zu sein
       in einer Person; eben das soll nach Maßgabe seiner Geschöpflichkeit auch <pb ed="A" n="1052"/>
       das Wesen des Menschen sein. Das ist in der <hi rend="italic">einfachsten</hi> – eben darum
       freilich noch nicht in ihrer spezifischen und noch nicht in ihrer konkreten – Form
       ausgedrückt des Menschen <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term>, die Gnade seiner Schöpfung, die Gnade seiner Natur. Darin ist
       der Mensch Gott ähnlich. In dieser Ähnlichkeit mit Gott tritt gerade er in die Mitte der
       ganzen <term key="Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen">Schöpfung</term>.</p>
      <p>Die Gnade dieser seiner <hi rend="italic">Ähnlichkeit</hi> mit <term key="Mensch, Gottähnlichkeit">Gott</term> ist seine Möglichkeit, mit Gott seinem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> in dem von diesem in und mit seiner Erschaffung
       aufgerichteten <term key="Bund, Gnadenbund">Gnadenbunde</term> zu stehen. Soll zwischen Gott
       und dem Menschen ein <hi rend="italic">Bund</hi> bestehen, dann bedarf es zwischen dessen
       Partnern gerade dieser Ähnlichkeit. Eine bloße analogia <term key="analogia entis">entis</term><note xml:id="n30">Besonders <bibl corresp="kbga-bibls-5305"><persName ref="kbga-actors-327">E.
         Przywara</persName>, <hi rend="italic">Religionsphilosophie katholischer Theologie</hi>
        (Handbuch der Philosophie, Abt. 2, E), München / Berlin 1926, S. 22 u. ö.</bibl>, sprach dem von
        ihm programmatisch in die zeitgenössische Theologie eingeführten scholastischen Begriff der
        «analogia entis» den Rang eines «Grundprinzips» zu. Er dominierte auch die
        kontroverstheologische Debatte, in der vor allem <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> ihn polemisch aufgriff. Vgl. die
        berühmte schroffe Formulierung im Vorwort zu <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1,
         S. VIII</bibl>: «Ich halte die analogia entis für <hi rend="italic">die</hi> Erfindung des
        Antichrist und denke, daß man <hi rend="italic">ihretwegen nicht</hi> katholisch werden
        kann.»</note> würde dazu nicht genügen. Zwischen dem göttlichen und kreatürlichen Sein sind
       zwar viele Beziehungen möglich. Soll die Beziehung aber ein <term key="Bund">Bund</term>
       sein, dann kann die Analogie zwischen dessen Partnern nicht nur darin bestehen, dass beide je
       in ihrer Weise <hi rend="italic">sind;</hi> sie muss dann darin bestehen, dass beide <hi rend="italic">Du</hi> und beide <hi rend="italic">Ich</hi> sind und also beide nicht einsam,
       beide nicht starr in sich verschlossen, beide in freier Übereinstimmung mit sich selbst,
       beide in freier Entschließung und Tat sind, was sie sind. So und so allein kann die Beziehung
       zwischen dem göttlichen und dem kreatürlichen Sein die eines Bundes sein. Die <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> des Menschen in dem jetzt
       angegebenen Sinn begründet die Möglichkeit eines Bundes zwischen Gott und Mensch. <pb xml:id="p330" ed="pga"/> Dieser Bund ist aber ein <term key="Bund, Gnadenbund"><hi rend="italic">Gnaden</hi>bund</term>. Gott ist es dem Menschen nicht schuldig, in diese
       besondere Beziehung zu ihm zu treten. Er tut es aus freien Stücken. Seine Sache in dieser
       Beziehung wird immer ganz das Geben, die Sache des Menschen ganz das Annehmen und Danken
       sein. Darauf beruht es, dass mehr als jene <hi rend="italic">Ähnlichkeit</hi> des Menschen
       mit Gott nicht nur nicht notwendig, sondern auch nicht sinnvoll und heilvoll sein könnte. Wir
       sahen, wie verhängnisvoll jede <term key="Mensch, Gottgleichheit">Gottgleichheit</term>,
       jeder darauf begründete Anspruch des Menschen für diesen selbst sein, wie jeder Anspruch des
       Menschen gerade die ihm zukommende Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> in Frage
       stellen, ja aufheben würde. Die Ähnlichkeit des Menschen mit <term key="Mensch, Gottähnlichkeit">Gott</term>, die <pb ed="A" n="1053"/> darin besteht, dass auch
       er Du und Ich in einer Person ist, ist offenbar eine anspruchslose Ähnlichkeit. Sie gibt ihm
       kein Recht in die Hand. Sie bekleidet ihn mit keiner Würde, die er Gott gegenüber geltend
       machen könnte. Sie bedeutet nicht mehr als die formale Möglichkeit, dass er sich von Gott
       beschenken lassen und Gott für seine <term ref="kbga-keywords-186">Güte</term> danken kann.
       Sie besteht ja wirklich nur darin, dass er der Mensch ist: ein Wesen, mit dem Gott verkehren,
       dem er in seiner <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> begegnen kann.</p>
      </div>
      <div type="excursus">
       <p rend="margin-top">Eben darum wäre es unangebracht, sie als <term key="Anknüpfungspunkt">«Anknüpfungspunkt»</term><note xml:id="n31">Vgl. oben, <ref target="../volume/50/p226#fn_n168" type="pub">S. 226, Anm. 168</ref>.</note> zu bezeichnen.
       Imago Dei ist kein «Punkt» neben anderen, nicht eine besondere Eigenschaft des Menschen, an
       die Gott, indem er ihm gnädig ist, «anknüpfen» würde. Sondern <hi rend="italic">imago <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Dei</term></hi>
       <hi rend="italic">ist der Mensch selber und als solcher</hi>, das Subjekt seines Seins, der
       Träger aller seiner Eigenschaften. Der Mensch selber und als solcher ist Gott ähnlich, weil
       und indem er selber und als solcher mit der Bestimmung zum <term key="Mensch, Partner Gottes">Partner</term> des Gottesbundes, und zwar zum Gegenstand und Empfänger der Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> [ausgezeichnet ist]. In dieser <term key="Mensch, Gottähnlichkeit">Ähnlichkeit</term> könnte man höchstens ihn selber und als
       solchen den von Gott gesetzten <term key="Anknüpfungspunkt">«Anknüpfungspunkt»</term> für
       Gottes besonderes, gerade auf ihn gerichtetes Wollen und Handeln nennen.</p>
       </div>

      <div>
      <p rend="margin-top"> Diese Ähnlichkeit besteht sachlich darin, dass auch der Mensch Du und
       Ich in einer Person ist: für den Einen der Andere und so selber Einer. Verweilen wir noch
       einen Augenblick bei dem darin nachgebildeten Urbild und also dabei, dass eben das in <term ref="kbga-keywords-1244">Souveränität</term> und <term ref="kbga-keywords-810">Majestät</term> zuerst das Wesen <hi rend="italic">Gottes</hi> ist. Man versteht nämlich
       von da aus des Menschen besonderes Verhältnis zum <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> aller Dinge, seine <pb xml:id="p331" ed="pga"/> Stellung inmitten aller
       übrigen <term key="Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen">Geschöpfe</term>. Man versuche es, den
       horrenden Gedanken eines Gottes zu denken, der in sich selber einsam, starre Einheit und also
       nicht Du und Ich wäre: eines Gottes, der darum nicht in liebender Übereinstimmung mit sich
       selbst, der darum nicht in freier Entschließung und Tat Gott wäre, weil ihm gerade das
       abginge, selber der Andere und der Eine zu sein. Man versuche es also, einen Augenblick den
       abscheulichen Gottesgedanken aller <term key="Unitarier"><hi rend="italic">Unitarier</hi></term><note xml:id="n32">Zur unitarischen Gottesvorstellung vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5304">A. M. Hill, Art. «Unitarier», in: TRE 34, S. 332–338</bibl>. Mit
        der Wortwahl «abscheulich» greift <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> den Sprachgebrauch <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> auf, der die Leugnung der Trinität durch <persName ref="kbga-actors-774">Michael Servet</persName> und dessen eigene Gottesvorstellung
        mehrfach als «abscheulich» charakterisierte; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst. I,13,10.22.24</bibl>.</note> zu denken. Man
       schmücke dieses Wesen mit allen nur denkbaren Vollkommenheiten physischer und moralischer
       Ordnung, wie es ja auch die Unitarier <pb ed="A" n="1054"/> immer getan haben. Eines aber wird
       man nie begreiflich machen und also auch nie mit innerer Begründung sagen können: wie dieses
       Wesen zum Schöpfer einer von ihm verschiedenen Wirklichkeit werden, auf Grund welcher inneren
       Möglichkeit dieses Wesen ein Anderes, eine Welt neben sich auch nur wollen, geschweige denn
       setzen konnte. Es ist wirklich kein Zufall, dass die Vertreter eines solchen Gottesgedankens
       umgekehrt gerade an dem Verständnis und der Erklärung der Welt als einer von Gott gewollten,
       gesetzten und getragenen Wirklichkeit immer zu scheitern pflegen und diese Lücke durch
       allerhand poetischen und sentimentalen Überschwang verdecken müssen. Wie soll der unitarische
       Gott Schöpfer werden, ein Anderes wollen und setzen, da er in sich selbst verschlossen und
       gebunden nur der Eine und nicht auch und zuerst der Andere, da seine Einigkeit mit sich
       selbst keine Gemeinschaft ist? Wie soll also umgekehrt die Welt als der Bereich dieses
       unitarischen Gottes verstanden werden? Woher nimmt dieser Gott die Andersheit des Geschöpfs,
       woher ruft er es in seiner Andersheit ihm selbst gegenüber aus dem Nichtsein ins Sein, da ihm
       selbst gerade die Andersheit nicht eigentümlich, sondern fremd ist? |</p>
      <p>Aber lassen wir diesen absurden Gottesgedanken! Dem wirklichen Gott ist die Andersheit
       gerade nicht fremd, sondern eigentümlich, indem er selbst der Andere <hi rend="italic">und</hi> der Eine ist: der Sohn dem Vater und der Vater dem Sohne der <hi rend="italic">Andere</hi>, durch den Heiligen Geist des Vaters <pb xml:id="p332" ed="pga"/> und des Sohnes
       auch der <term ref="kbga-keywords-70"><hi rend="italic">Eine</hi></term><hi rend="italic">.</hi> Dieser Gott kann <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> werden. Dieser Gott,
       der in sich selber die freie <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> ist, ist nicht
       gefesselt und verhindert, ein Anderes neben sich zu wollen und zu haben. Ihm passiert keine
        <foreign xml:lang="el-GR">μετάβασις εἰς ἄλλο γένος</foreign><note xml:id="n33">Wörtlich:
        «Wechsel in eine andere Gattung»; aristotelischer Ausdruck für eine unerlaubte
        Grenzüberschreitung in logischer (z. B. die Verwendung eines Beweises aus einem Gebiet in
        einem anderen) oder physikalischer Hinsicht (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5299">M.
         Gatzemeier, Art. «Metábasis eis állo génos», in: HWP 5, Sp. 1168</bibl>).</note>,
       sondern er entspricht sich selbst, wenn er die Gemeinschaft, in der er sich mit sich selber
       befindet, erweitert zur Gemeinschaft mit einem Sein außer ihm selber. Dieser Gott verliert
       sich nicht, sondern er betätigt und bestätigt nur seine eigene Natur, wenn er nun auch die
       Natur des Himmels, der Erde und des Menschen in ihrer ganzen Andersartigkeit seiner eigenen
       gegenüber ins Sein ruft. Er ist freilich auch dazu nicht gebunden und verpflichtet. Seine
       Gottheit bedarf keiner Erweiterung und Bereicherung. So ist denn auch die Natur <pb ed="A" n="1055"/> der von ihm geschaffenen Welt kein Ausfluss und kein Teil seiner göttlichen
       Natur. So ist sie geschöpflich, zeitlich, vergänglich im Unterschied zu der seinigen. So ist
       sie nur durch ihn und in schlechthiniger <term key="Mensch, schlechthinnige Abhängigkeit">Abhängigkeit</term><note xml:id="n34">Vgl. oben, <ref target="../volume/50/p057#fn_n55" type="pub">S. 57, Anm. 55</ref>.</note> von ihm. So ist sie wirklich anders als er, aber
       nun eben in dieser ihrer Andersheit ohne alle Poesie und Sentimentalität ganz und gar <hi rend="italic">seine</hi> Welt, der Gegenstand, der Schauplatz, das Werkzeug <hi rend="italic">seiner</hi>
       <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>. Der Schöpfer einer solchen anderen und nun
       doch ganz ihm gehörigen Wirklichkeit zu werden und zu sein ist dem Gott nicht unmöglich,
       sondern innerlich möglich, der als der <term ref="kbga-keywords-70">trinitarische</term> in
       sich selber die freie <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> ist. Was im Werk der
       Schöpfung überströmt und nach außen tritt, das ist sein Eigenstes, das ist er selber. Von
       hier aus wird sichtbar, dass und warum das Verhältnis des Menschen zu Gott dem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> aller Dinge ein besonderes ist, dass und warum er in
       seiner Erkenntnis seiner selbst und seiner Geschöpflichkeit und in seiner <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> vor Gott wirklich in die Mitte oder doch in
       eine Mitte der ganzen <term key="Mensch, Mitte der Schöpfung">Schöpfung</term> tritt. Wir
       können die Frage, ob das exklusiv nur von ihm gilt und zu sagen ist, auch an dieser Stelle
       offen lassen. Das ist sicher: Er ist Gott dem Schöpfer gerade in dem ähnlich, er ist gerade
       darin «göttlichen Geschlechtes» (<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.29">Act.
        17,29</ref>), worin die ganze Schöpfung ihre innergöttliche Möglichkeit hat. Er ist Gott
       darin verwandt, eine <pb xml:id="p333" ed="pga"/> Wiederholung und Nachahmung des Wesens des
       Schöpfers, dass auch er Du und Ich in einer Person und so zugleich der Eine und der Andere
       ist. Er ist das Geschöpf, das in seinem eigenen Wesen die innere Möglichkeit spiegelt, auf
       Grund deren Geschöpfe neben und außer dem Schöpfer überhaupt sein können. Dass er dieses
       Geschöpf, dass <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> diesem Innersten
       Gottes so <term key="Mensch, Gottähnlichkeit">ähnlich</term> ist, das ist des Menschen hohe
        <term key="Mensch, Auszeichnung">Auszeichnung</term>.</p>
      <p>Sie geht nicht weiter als bis dahin. <hi rend="italic">Sie ist Ähnlichkeit, sie ist nicht
        Gleichheit.</hi> Dass nach dem Bilde Gottes auch der Mensch Du und Ich, der Andere und der
       Eine ist in einer Person, das bedeutet nicht, dass das trinitarische Wesen <term ref="kbga-keywords-70">Gottes</term> auch das seinige ist. Das trinitarische Wesen Gottes
       bleibt von dem seinigen dadurch unterschieden, dass es aus und durch <pb ed="A" n="1056"/>
       sich selber ist. Darin besteht die äußere Möglichkeit der Schöpfung, das ist die Macht
       Gottes, jenes Andere aus dem Nichtsein ins Sein zu rufen: dass er aus und durch sich selber
       ist. Der der Herr seiner selbst ist, der sich selber ganz besitzt und über sich selber ganz
       verfügt, der ist eben darum der Herr über Alles. Ihm sind eben damit alle Dinge möglich [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.27">Mk. 10,27</ref>]. Das gilt von Gott, das gilt
       aber nicht von dem nach seinem Bilde geschaffenen Menschen. Dass er in seinem Wesen die
       innere Möglichkeit der Schöpfertat spiegelt, das bedeutet nicht, dass die äußere Möglichkeit
       dieser Tat auch die seinige sei. Er hat nicht die Macht, sich selbst oder ein Anderes aus dem
       Nichtsein ins Sein zu rufen. Seine Möglichkeit und Macht besteht darin, beschränkt sich aber
       auch darauf, unter Voraussetzung der Machttat, deren Gott allein fähig ist, als Geschöpf im
       geschöpflichen Raum zu sein: in der Tat seiner <term ref="kbga-keywords-6">Selbsterkenntnis</term> und seiner <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term>. Sein
       Wirken ist gerade kein Schaffen und wird eben darin vom Wirken Gottes immer verschieden sein.
       Seine <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> und also seine
        <term key="Mensch, Auszeichnung">Auszeichnung</term> unter den anderen Geschöpfen wird darum
       nie in seinem eigenen Wirken bestehen und sichtbar werden. Sie ist und bleibt vielmehr die
       ihm mit seinem Sein als Du und Ich zugesprochene und zugeteilte Gnade als seine Eignung für
       den <term key="Bund">Bund</term>, in welchem es wieder allein die Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> sein wird, die ihn halten und erhöhen wird. Es kann
       also von jener Ähnlichkeit des Menschen mit Gott her zu keiner Konkurrenzierung Gottes durch
       den Menschen kommen. Es kann des Menschen Sache nie werden, wie Gott – das wäre eben die
       fatale <term key="Mensch, Gottgleichheit">Gottgleichheit</term> – aus und durch sich selber
       zu <pb xml:id="p334" ed="pga"/> sein und es ihm dann auch als Schöpfer gleichzutun. Gerade
       seine wirkliche Gottebenbildlichkeit verweist ihn in den Stand der <term key="Gnade, Stand der G.">Gnade</term>, der mit der Höhe und mit der Tiefe einer vergotteten
       Kreatürlichkeit gleich wenig zu tun hat.</p>
      <p>Der Mensch ist <hi rend="italic">auch</hi> Du und Ich, er ist <hi rend="italic">auch</hi>
       der Andere und der Eine in einer Person. Dass er das <hi rend="italic">auch</hi> ist – indem
       Gott es in seiner ganz anderen Weise <hi rend="italic">zuerst</hi> ist –, darin ist er Gott
        <term key="Mensch, Gottähnlichkeit">ähnlich</term>. Er ist aber dasselbe <hi rend="italic">ganz anders</hi> als Gott. Man kann das nicht genug bedenken, wenn man gerade seine <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> und also seine <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> recht verstehen <pb ed="A" n="1057"/>
       will. Gerade die Ähnlichkeit seines Wesens mit der inneren Möglichkeit Gottes, Schöpfer zu
       sein, würde ja sofort in Frage gestellt und aufgehoben, wenn sie Gleichheit mit Gott wäre,
       wenn sie die äußere Möglichkeit, die Macht eines schöpferischen Seins in sich schließen
       würde. Nicht darin, dass Gott bei sich und sich selber gleich ist, ist er ja <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>, sondern darin, dass er darüber hinaus ein sich
       selbst Ungleiches will und setzt. Nicht darin kann also die Gottebenbildlichkeit des Menschen
       bestehen, dass er so Du und Ich ist, wie Gott es ist. Das gerechte, barmherzige und geduldige
       Urteil <term key="Gott, Urteil">Gottes</term>, durch das der wirkliche Mensch geschaffen ist,
       lautet: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18">Gen. 2,18</ref>]. Allein sein hieße eben: So Du und Ich sein in einer
       Person, wie Gott es ist, nämlich aus und durch sich selber. Gott ist es so. Gott kann es so
       sein. Aber auch Gott ist es nicht nur so; er ist ja nicht nur in und bei sich selber und also
       auch nicht nur aus und durch sich selber. Und Gott ist nicht gebunden an jenes Können, nicht
       gehindert, was er ist, auch anders zu sein; er kann ja Schöpfer werden und sein und damit Ich
       einem Anderen gegenüber, Du für dieses Andere, sofern dieses Andere eben der Mensch ist,
       sofern er eben den Menschen zu seinem Ebenbild und also ebenfalls zum Ich- und Du-Sein
       geschaffen hat. Indem Gott Schöpfer des Menschen wird, hört er auf, <hi rend="italic">nur</hi> allein, <hi rend="italic">ausschließlich</hi> aus und durch sich selber Du und Ich
       zu sein. Er ist jetzt Ich <hi rend="italic">auch</hi> zum Menschen hin und Du <hi rend="italic">auch</hi> für den Menschen. Darauf beruht das göttliche Urteil: es sei nicht
       gut, dass der Mensch allein sei. Es könnte diesem Geschöpf nicht gut sein, allein zu sein, Du
       und Ich aus eigener Kraft, wo der Schöpfer selbst, indem er es schuf, über sein Alleinsein
        hinausge<pb ed="A" n="1058" break="no"/>gangen ist, um mit diesem Geschöpf zusammen, in der
       wechselseitigen Beziehung zu ihm Du und Ich zu sein. Es <pb xml:id="p335" ed="pga"/> könnte
       aber diesem Geschöpf im Unterschied zu seinem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>
       <hi rend="italic">überhaupt</hi> und <hi rend="italic">unbedingt</hi> nicht gut sein, allein
       zu sein. Gott ist und bleibt ja auch in sich selber allein, indem er als Schöpfer im
       Verhältnis zu diesem Geschöpf nicht allein bleibt. Er hört ja damit, dass er zu ihm in dieses
       Verhältnis tritt und also Ich auch zu ihm hin und Du auch für es wird, nicht auf, es auch aus
       und durch sich selber zu sein. Diesem Geschöpf aber, dem Menschen, fehlt eben darum, weil er
       Geschöpf ist, jede eigene Kraft zu solchem Aus- und Durchsichselbersein. Es könnte dieses
       Geschöpf, indem es aus und durch sich selbst wäre, nur alsbald versinken im Abgrund der
       Gottheit, der es damit gleich wäre. Eben darum wäre es dem Menschen in <hi rend="italic">keinem</hi> denkbaren Sinn gut, allein zu sein. Seine <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term>, seine <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> also, muss – es ist das gerechte,
       barmherzige und geduldige Urteil <term key="Gott, Urteil">Gottes</term> über den Menschen,
       dass es so sein muss – dadurch begrenzt und bestimmt sein, dass er in keinem Sinn allein
       sein, in keinem Sinn darauf angewiesen sein darf und muss, aus und durch sich selbst zu
       sein.</p>
      </div>
    </div>
  </div>
  <!-- nächste Seite -->

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      <div>
      <p rend="margin-top">Wir kommen damit von der uns bis jetzt beschäftigenden einfachsten zu der
        <hi rend="italic">spezifischen</hi> Form der menschlichen <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit, spezifische">Gottebenbildlichkeit</term>. Der Mensch ist
       darin <hi rend="italic">anders</hi> Du und <hi rend="italic">anders</hi> Ich als Gott, dass
       er, indem er von Gott her Du ist, dasselbe auch von einem <hi rend="italic">menschlichen</hi>
       Ich [her] – und dass er, indem er als Gottes Du auch Ich ist, dasselbe auch für ein <hi rend="italic">menschliches</hi> Du ist. Das ist die <hi rend="italic">Mittelbarkeit</hi>
       seiner Beziehung zu <term key="Mensch, Mittelbarkeit seiner Beziehung zu Gott">Gott</term>,
       seiner <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> und also seiner
        <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>. Sie ist ganz von Gott her
       konstituiert und nur daraufhin befähigt und beauftragt, sich auch selbst zu konstituieren.
       Sie ist aber als gottebenbildliche Geschöpflichkeit, anders als das Wesen Gottes, so
       konstituiert, dass zu <hi rend="italic">einem</hi> Menschen der <hi rend="italic">andere</hi>
       gehört, dass je der Eine nur im Gegenüber zum <hi rend="italic">Anderen</hi> der Eine, je der
       Andere nur im <hi rend="italic">Gegenüber</hi> zum <hi rend="italic">Einen</hi> der Andere
       sein kann. Mit dem Alleinsein ist es damit vorbei, <pb ed="A" n="1059"/> dass der Mensch nur
       der Mensch ist, indem er Seinesgleichen hat und mit Seinesgleichen zusammen ist. Er ist von
       Gott so geschaffen, so von Gott her und zu Gott hin, dass er eben damit zugleich von
       Seinesgleichen her zu Seinesgleichen hin ist. Des Menschen <hi rend="italic">Seinesgleichen</hi> heißt nicht: er, der Gleiche und also er selbst noch einmal, sondern:
       ein Gleicher wie er selbst, der doch von ihm unterschieden, der ihm gegenüber ist, weil er
       auch für sich Du und Ich <pb xml:id="p336" ed="pga"/> in einer Person, ein Anderer, weil auch
       er selbst Einer ist. Indem <hi rend="italic">auch er</hi> das ist, ist er dem Menschen
       gleich. Indem er es <hi rend="italic">für sich</hi> ist, ist er von ihm verschieden. In
       dieser Gleichheit und Verschiedenheit ist er des Menschen <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit"><hi rend="italic">Mitmensch</hi></term><hi rend="italic">.</hi> Und weil der Mensch diesem Anderen in derselben Gleichheit und Verschiedenheit
       gegenübersteht, ist er ihm selber seinesgleichen, ist er Mitmensch für diesen Anderen.<note xml:id="n35">Dieser Satz ist von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am Rand
        mit einem senkrechten Strich markiert (vgl. oben, <ref type="pub" target="#fn_n07">Anm. 7</ref>); vgl. inhaltlich <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, bes.
         S. 290.344</bibl>.</note></p>
      <p>So ist <hi rend="italic">Menschlichkeit</hi> wesentlich <term key="Mensch, Menschlichkeit als Mitmenschlichkeit"><hi rend="italic">Mitmenschlichkeit</hi></term>, Sein als Mensch und Mitmensch. Nicht der Mitmensch schafft
       den Menschen, das tut Gott ganz allein. Aber eben Gott schafft den Menschen so, dass es ihm
       wesentlich ist, den Mitmenschen zu haben und selber Mitmensch zu sein. Eben zu seinem Sein
       von Gott her und zu Gott hin bedarf der Mensch dessen, vom Mitmenschen das Zeugnis, die
       Garantie, die Bürgschaft seiner eigenen Menschlichkeit zu empfangen und auch ihm Zeuge,
       Garant und Bürge zu sein für die seinige. Er muss sich ja als <hi rend="italic">dieser</hi>
       und <hi rend="italic">jener</hi> Mensch begreifen und betätigen in <term ref="kbga-keywords-6">Selbsterkenntnis</term> und <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term>. Eben dieser und jener Mensch ist er aber nicht von sich selbst her
       und nicht zu sich selbst hin und auch nicht unmittelbar von Gott her und zu Gott hin, sondern
       vom anderen Menschen her und zu ihm hin. Ihm, der ihm Jener ist, ist er Dieser. Und er, der
       ihm Dieser ist, ist Jener. Dass ein Jeder Du und Ich ist in einer Person, das verdankt er
       wohl Gott, aber eben Gott in der Weise, dass er es zugleich dem Zweiten zu verdanken hat, der
       dasselbe ist und der dasselbe seinerseits Gott und nun doch auch dem Ersten zu verdanken hat.
       Der Dank gegen Gott gebührt dem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>, der Dank gegen
       den Mitmenschen gebührt dem geschöpflichen Zeugen, Garanten und Bürgen der eigenen <term key="Mensch, Mitmensch als Bürge der Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>. Aber eben die
       Schöpfung des Menschen schließt auch die dieses geschöpflichen Zeu<pb ed="A" n="1060" break="no"/>gen, Garanten und Bürgen in sich und also Dank gegen Gott auch den Dank gegen
       den Mitmenschen.</p>
      </div>
      <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Der Mitmensch ist des Menschen unentbehrlicher <hi rend="italic">Helfer</hi> zur Menschlichkeit. So lautet ja die unvergessliche positive Erläuterung des
       Wortes <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18">Gen. 2,18</ref>, dass es dem
       Menschen nicht gut sei, allein zu sein: «<hi rend="italic">Ich will ihm eine Hilfe schaffen,
        die ihm ein Gegenüber sei</hi>.» Diese Hilfe als Gegenüber ist der Mitmensch. Und der Mensch
       wird nicht ohne diese Hilfe, sondern mit ihm zu<pb xml:id="p337" ed="pga" break="no"/>sammen
       wird auch sie geschaffen. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.27">Gen. 1,27</ref>
       ist das ganz klar: «Als Mann und Frau schuf er <term key="Mensch, Mann und Frau">sie.»</term>
       Die Meinung ist aber auch <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18 Gen.2.25">Gen. 2,18f.</ref>, wo dieses «Mann
       und Frau» zu einer ganzen Erzählung auseinandergezogen ist, keine andere. Die Erschaffung der
       Frau ist kein Nachtrag zu der des Mannes, sondern die Vollendung der Erschaffung des <term key="Mensch, Erschaffung der Frau als Vollendung seiner Erschaffung">Menschen</term> und
       damit die der ganzen Schöpfung. Es ist der eine Mensch ohne den Mitmenschen als Hilfe, die
       ihm ein Gegenüber sei, noch nicht der wirkliche Mensch, den Gott schaffen wollte und
       tatsächlich geschaffen hat. Der Mensch ist erst damit ganz und damit wirklich, dass er zu
       zweit ist, und eben in dieser Zweiheit hat ihn Gott geschaffen. Es genügt nach dem, was wir
       gerade aus der zweiten Schöpfungserzählung lernen, zur Begründung und Aktualisierung seiner
        <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> durchaus nicht, dass er über den
       Tieren steht und ihnen allen ihre Namen gibt [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.20">Gen. 2,20</ref>]. Die Tiere sind nicht Seinesgleichen. Sie sind ihm kein
       Gegenüber; sie können ihm darum auch keine Hilfe sein. Sie bestätigen ihm nicht, wer er
       selber ist. Eben dieser Bestätigung bedarf er aber. Nur Gebein von seinem Gebein, Fleisch von
       seinem Fleisch [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.23">Gen. 2,23</ref>], Wesen von
       seinem Wesen, geschöpfliches Du und Ich in einer Person wie er selber kann sie ihm geben. Und
       eben so wird sie ihm auch gegeben. Und eben indem er diese Bestätigung empfängt, wird seine
       Erschaffung vollendet, wird er der wirkliche <term key="Mensch, wirklicher Mensch">Mensch</term>. Er ist es vorher – bevor es zu dieser gnädigen Dahingabe und Opferung seines
       Alleinseins gekommen ist – noch nicht. Sein Alleinsein ist also tatsächlich «nicht gut» und
       also gerade nicht etwa der normale und selige Urzustand, auf den dann eine Entzweiung als
       Katastrophe erst gefolgt wäre.<note xml:id="n36">Siehe z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-5300"><persName ref="kbga-actors-2676">A. Schopenhauer</persName>, <hi rend="italic">Aphorismen zur Lebensweisheit</hi>, in:
        ders., <hi rend="italic">Parerga und Paralipomena. Kleine philosophische Schriften</hi>,
        Bd. 1 (Werke in fünf Bänden, Bd. 4), nach den Ausgaben letzter Hand hrsg. von L. Lütkehaus,
        Zürich 1988, S. 311–483, dort S. 421</bibl>: «In diesem Sinne ist die Einsamkeit sogar der
        natürliche Zustand eines Jeden: sie setzt ihn wieder ein, als ersten <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, in das
        ursprüngliche, seiner Natur angemessene Glück.»</note> Sondern wie Gott die wahre
       Katastrophe (nämlich sein Alleinsein!) abwendete, wie er den Menschen unter Ausschaltung und
       Umgehung einer abnormalen und unseligen Einheit im normalen und seli<pb ed="A" n="1061" break="no"/>gen Zustand der Zweiheit erschuf, das erzählt in sachlichem Einklang mit der
       ersten auch die zweite Schöpfungssage. Und eben diese Zweiheit, des Menschen
       Mitmenschlichkeit, ist nach dem klaren und einfachen Sinn von <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.27">Gen. 1,27</ref> das, was unter des Menschen <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Zweiheit von Mann und Frau"><hi rend="italic">Gottebenbildlichkeit</hi></term> zu verstehen ist: «Gott schuf den Menschen nach seinem
       Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.»</p>
      </div>
      <div>
       <p rend="margin-top"> Dass <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> nicht <term key="Mensch, Gottgleichheit">Gottgleichheit</term>
       ist, ist jetzt ganz deutlich. Gott ist in keinem Sinne dadurch Gott, dass [er] einen Mitgott
       hätte, sondern allein durch sich selber. Der Mensch aber ist auch dadurch Mensch, dass er
       einen Mitmenschen hat. Kraft dieses Unter<pb xml:id="p338" ed="pga" break="no"/>schiedes ist
       er Gottes Ebenbild in der <hi rend="italic">Geschöpflichkeit.</hi> Denn eben das wird in
       diesem Unterschied zunächst unübersehbar: des Menschen Geschöpflichkeit. Dass Gott Du und Ich
       ist in einer Person, das ist wahr ohne jede Beschränkung und Bedingung. Das ist Gottes in ihm
       selbst begründete innere <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>. Das ist sein
       unergründlich in und aus ihm selber quellendes Leben. Dass der Mensch Du und Ich in einer
       Person und darin Gottes Bild ist, das ist außer durch Gottes Schöpfungstat und eben auf deren
       Grund dadurch beschränkt und bedingt, dass er Seinesgleichen hat, den Mitmenschen, der ihm
       als solcher hilft, Mensch zu sein, dem er aber wiederum selber zur Hilfe bei seinem <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Menschsein</term> verpflichtet ist. Die ganze Besonderheit
       seines Seins als <term key="Mensch, Aufgerufensein">Aufgerufensein</term> zur <term ref="kbga-keywords-6">Selbsterkenntnis</term> und zur <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> ist unter dieser Beschränkung und Bedingung zu vollziehen, dass er im
       Mitmenschen die Hilfe hat, die ihm ein Gegenüber sei, und dass er selber auch ihm Mitmensch
       und also die Hilfe als Gegenüber sei. Diese Hilfe, die der Mensch zu erfahren und die er
       selber zu leisten hat, bestimmt und begrenzt den Menschen. Sie ist das große, sichtbare <term ref="kbga-keywords-946"><hi rend="italic">Zeichen</hi></term> seiner unsichtbaren <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit als Zeichen seiner Bestimmung">Bestimmung</term> und
       Begrenzung durch seinen Schöpfer.<note xml:id="n37">Anspielung auf die klassische Definition
        des Sakraments als «<foreign xml:lang="lat">signum visibile invisibilis gratiae</foreign>». Zu deren Geschichte vgl. die
        Nachweise in: <bibl corresp="kbga-bibls-401"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">«Unterricht in der christlichen Religion»</hi>,
        Bd. 3: <hi rend="italic">Die Lehre von der Versöhnung / Die Lehre von der Erlösung.
         1925/1926</hi>, hrsg. von H. Stoevesandt (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2003, <ref type="pub-" target="../volume/38/p223#p223">S. 223f.,
        Anm. 57</ref></bibl>. Dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> tatsächlich an diese Formel denkt, wird bestätigt durch einen weiter
        unten im Text (Tskr., S. 1064) von ihm gestrichenen Satz: «Wenn es richtig ist, unter <hi rend="italic">Sakrament</hi> im weiteren Sinn des Begriffs ein ‹sichtbares Zeichen der
        unsichtbaren Gnade› zu verstehen, so wird man ohne zu große Künstlichkeit sagen dürfen, dass
        eben der Mitmensch als unentbehrliches sichtbares Zeichen der unsichtbaren Menschlichkeit
        das Urbild und der Inbegriff des Sakramentes ist.» Zur Sache vgl. auch unten, <ref type="pub" target="../volume/50/p384#p384">S. 384</ref>.</note>
       Ein Geschöpf, dieses Geschöpf, der Mitmensch, macht ihm seine Bestimmung und Begrenzung durch
       Gott sichtbar. Wenn er der Gnade Gottes und des Dankes, den er ihm schuldig ist, vergessen
       könnte, so wird er doch nicht vergessen können, dass er seine <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> seinem Mitmenschen zu verdanken hat und
       dass er eben dadurch verbunden ist, seinerseits auch ihm zu demselben Dank Anlass zu geben.
       Und wenn er <pb ed="A" n="1062"/> [faktisch das ihm gegebene Zeichen nicht übersehen kann,
        dann]<note xml:id="n38">Im Tskr. fehlt der hier von den Hrsg. ergänzte Satzteil
        (Seitenübergang).</note> eben darum auch nicht die <pb xml:id="p339" ed="pga"/> Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> und den Dank, den er ihm schuldig ist. Diese Hilfe, die
       Erinnerung an seine Geschöpflichkeit, kann er sich wirklich nicht selbst geben und kann er
       sich auch durch kein anderes Geschöpf geben lassen. Er kann ja sich selbst nicht Gegenüber
       sein. Er kann, dass er Du und Ich in einer Person ist, nicht für sich realisieren. Er kann
       also das Zeichen des göttlichen Gegenüber und damit das <term ref="kbga-keywords-946">Zeichen</term> seiner eigenen Geschöpflichkeit nicht in seinem Inneren aufrichten. Er
       würde, auf sich selbst gestellt, die Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> und den
       Dank, den er ihm schuldig ist, alsbald vergessen müssen, ja er würde sich beider gar nicht
       bewusst werden können. Ihm würde, da er Geschöpf ist, der Schöpfer ein fremder und ihm würde
       seine eigene Geschöpflichkeit als solche unbekannt bleiben. Er könnte nicht aufgerufen <term key="Mensch, Aufgerufensein">sein</term>, sich vor Gott zu <term ref="kbga-keywords-305">verantworten</term>, weil er weder ihn noch sich selbst, weil er darum auch die Beziehung
       seines Seins zu dem göttlichen gar nicht erkennen könnte. Er bedarf dazu des Mitmenschen, der
       ihm ein Gegenüber ist, der Begegnung mit ihm, in welcher er erst als Du angeredet wird und
       selber Du sagen kann, in welcher er sich dann auch als Ich gegenwärtig und begreiflich wird,
       aber nicht ohne die Einsicht, dass er eben als Ich nicht einzig ist. Ihm zeigt der Mitmensch
       das ganz andere, das ursprüngliche Gegenüber Gottes und des Menschen. Ihm bezeugt der andere
       Mensch, der als solcher unzweideutig nicht er selber ist, der ihm, indem er ihm offen wird,
       auch verschlossen bleibt, die Andersheit <term key="Gott, Andersheit">Gottes</term>, für die
       er in seinem Inneren keinen Zeugen hat. Ihm ist dieser Andere mit dem, was er ihm ist, aber
       auch mit dem, was er von ihm will und erwartet, der Zeuge, dass der Aufruf Gottes ihm gilt,
       dass er ihm so wenig entrinnen kann wie sich selber. |</p>
      <p>Er kann sich diese Hilfe aber auch von keinem anderen Wesen geben lassen. Denn gerade ein
       geschöpfliches Gegenüber, das ihm dieser Zeuge wäre, kann ihm ein anderes Geschöpf als der
       Mitmensch so wenig sein, als er es sich selbst sein könnte. Denn was immer die anderen
       Geschöpfe in ihrem Inneren sein mögen, das leisten sie dem Menschen nicht, dass sie sich ihm
       als Seinesgleichen zu erkennen geben, dass sie ihn als Seinesgleichen ansprechen <pb ed="A" n="1063"/> und ihrerseits in Anspruch nehmen. Ihm sind und bleiben die anderen <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Geschöpfe</term> Gegenstände seiner Erkenntnis und seines
       Tuns, nicht mehr als das. Er kann ihnen Namen geben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.20">Gen. 2,20</ref>], er kann mit ihnen umgehen. Er kann ihnen aber nicht
       seinen eigenen Namen geben. Sie antworten <pb xml:id="p340" ed="pga"/> ihm ja nicht. Sie geben
       ihm ihrerseits keinen Namen. Sie leben sein Leben nicht in eigener Initiative mit ihm. Sie
       verraten ihm in keiner Weise, dass auch sie Du und Ich in einer Person seien. So sagen sie
       ihm denn auch nichts davon, dass er selber das sei. Und so bleibt er ihnen gegenüber bei
       aller Nähe und Unentbehrlichkeit, in der sie ihn umgeben mögen, allein. So helfen sie ihm in
       keiner Weise, der Mensch zu sein, der sich als Geschöpf zu erkennen und vor Gott zu
       verantworten hat. Wäre er nur mit ihnen zusammen, so würde er der Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> und des ihm geschuldeten Dankes ebenso vergessen
       müssen, er würde sich beider ebensowenig bewusst werden können, wie wenn er darauf angewiesen
       wäre, sein eigener Helfer zu sein. Er bedarf dazu des Mitmenschen. Der <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmensch</term> unterscheidet sich dadurch von den anderen
       Geschöpfen, dass er sich dem Menschen als seinesgleichen zu erkennen gibt. Der Mitmensch
       spricht ihn als Du an und nimmt ihn als Ich für sich in Anspruch. Der Mitmensch ist ihm
       gerade genug Gegenstand, um ihm – was er sich selbst nicht sein kann – Gegenüber zu sein: nun
       aber ein solcher Gegenstand, der sich nicht damit begnügt, dass er ihn benennt und mit ihm
       umgeht, nun vielmehr ein solcher Gegenstand, der ihm antwortet und auch ihm einen Namen gibt
       – in irgend einer Abwandlung denselben, den er ihm gibt! – und der diesem gemeinsamen Namen
       entsprechend mit ihm umgeht, der sein Leben in eigener Initiative mit ihm lebt und von ihm
       erwartet, dass er das seinige mit ihm lebe. Nun also ein solches Wesen, das ihm in jeder
       Weise verrät, dass auch er Du und Ich in einer Person ist, und das ihm eben damit sagt, wer
       er selber ist. Nun also ein solches Wesen, das ihm durch sein Dasein zur <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> und also eben dazu verhilft, sich als
       Geschöpf zu erkennen und sich vor Gott zu <term ref="kbga-keywords-305">verantworten</term>. |</p>
      <p> Was zwischen dem Menschen und dem Mitmenschen ist, das ist das <term ref="kbga-keywords-946">Zeichen</term> und Bild dessen, was zwischen Gott und dem <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit als Zeichen seiner Gottesbeziehung">Menschen</term> ist. Was
       zwischen dem Menschen und den anderen Geschöpfen ist, kann das nicht sein, <pb ed="A" n="1064"/> gerade so wie das, was er im Verhältnis zu sich selbst ist, dieses Zeichen und Bild nicht
       sein kann. Das ist die Beschränkung und Bedingung des menschlichen Seins durch seine
       wesentliche <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschlichkeit</term>, durch die es sich
       von Gott unterscheidet, in dessen göttlichem Sein es ein Analogon solcher Beschränkung und
       Bedingung nicht gibt. Gott bedarf keines Zeichens, um seiner selbst <pb xml:id="p341" ed="pga"/> eingedenk zu sein. Der Mensch bedarf dazu eines Zeichens; denn er ist Gottes <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Ebenbild</term> in der Geschöpflichkeit, und er bedarf
       dazu gerade dieses Zeichens: er ist Gottes Ebenbild, indem er Mensch und Mitmensch <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Mitmenschlichkeit">ist</term>. Er braucht und
       hat dieses Zeichen als Zeugnis für das, was er vor Gott und im Verhältnis zu ihm ist. Mehr
       als Zeichen kann es ihm nicht sein. Der Mitmensch ist ja nicht Gott, sondern Mensch und
       Geschöpf wie er selber. Er hat ihn nicht erschaffen, sondern er ist mit ihm von Gott
       geschaffen. Er kann also auch nicht als Gott an ihm handeln. Er kann ihm Gott nicht ersetzen.
       Und er kann auch nicht an des Menschen eigener Stelle handeln; er kann ihm auch das nicht
       abnehmen, selber Du und Ich zu sein in einer Person. Der Andere wird nicht der Eine, und der
       Eine wird nicht der Andere; es lebt ein jeder sein eigenes Leben als <term key="Mensch, Aufgerufensein">Aufgerufensein</term> zu eigener <term ref="kbga-keywords-6">Selbsterkenntnis</term> und <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term>. Er braucht
       und hat aber eben dazu und also zu seiner Menschlichkeit das <term ref="kbga-keywords-946">Zeichen</term> des Mitmenschen, der «Hilfe, die ihm ein Gegenüber sei» [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18">Gen. 2,18</ref>].</p>
      <p>Der entscheidende innere Grund dafür, dass wir des Menschen Gottebenbildlichkeit gerade
       darin zu erkennen haben, dass er Mensch und Mitmensch ist, liegt darin, dass Gott selber in
        <hi rend="italic">Jesus Christus</hi> nun eben <hi rend="italic">Mensch</hi> und <hi rend="italic">Mitmensch</hi> geworden <term key="Jesus Christus, Mitmensch">ist</term>. <pb ed="A" n="1065"/> Es ist offenbar sinnvoll, auf die Frage: wer ist der Mensch? allgemein zu
       antworten: er ist auf alle Fälle der, als der Gott sich selber, indem sein Wort Fleisch wurde
       [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>], in der Geschöpfwelt
        <term ref="kbga-keywords-8">offenbart</term> hat; <hi rend="italic">auf alle Fälle dieses
        sein Fleisch gewordenes <term key="Jesus Christus, fleischgewordenes Wort Gottes">Wort</term></hi>
       <hi rend="italic">zeigt uns das Wesen des Menschen und damit seine <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term></hi>.</p>
      <p>Und nun ist zunächst Eines ganz klar: man kann gerade diesen Einzigen, den Menschen <hi rend="italic">Jesus Christus</hi>, auf keinen Fall sehen und verstehen, indem man ihn als
       einen Menschen für sich betrachtet. Er ist gerade nicht für sich, wie Gott es in sich selber
       ist. Er ist gerade nicht Du und Ich in einer Person durch sich selber nach dieser
       innergöttlichen Art. Oder vielmehr: es ist gerade Gott in seiner göttlichen Art, der hier,
       der in dem Menschen Jesus Christus sichtbar wird als der, der auf dieses Vorrecht <hi rend="italic">verzichtet</hi> und mit diesem Verzicht den Menschen offenbar macht als das
       Wesen, das jenes Fürsichseins und Durchsichselbstseins <hi rend="italic">nicht</hi>
       teilhaftig ist. Wir hörten schon, dass Gott darum <term ref="kbga-keywords-101">frei</term>
       ist, der Schöpfer einer von ihm verschiedenen Wirklichkeit zu werden, weil er in sich selbst
       und im Frieden mit sich selbst nicht <pb xml:id="p342" ed="pga"/> nur der Eine, sondern auch
       der Andere ist, der Vater und der Sohn in der Einheit des Heiligen <term ref="kbga-keywords-70">Geistes</term>, weil er also die Andersheit schon <hi rend="italic">in sich selber</hi> hat und eben darum <hi rend="italic">außer</hi> sich selbst haben kann.
       Aber diese Freiheit Gottes geht noch weiter. Ist das Geschöpf nicht frei, sich selbst Gott
       gleichzustellen, müsste es alsbald verderben und vergehen, indem es diese Gleichstellung auch
       nur unternehmen, ja auch nur denken würde, so hört umgekehrt Gott damit nicht auf Gott zu
       sein, so vergibt er sich und verliert er gar nichts dadurch, dass er sich jene <term key="Gott, Andersheit">Andersheit</term> außer sich selbst <hi rend="italic">zu eigen</hi>
       macht, dass er sich dem Geschöpf <hi rend="italic">gleich</hi>stellt, ja <hi rend="italic">selber Geschöpf</hi> wird. Und eben das ist die in und mit der Schöpfung schon angebahnte
       und offenbarte Gnade des Bundes in dessen Vollendung: dass Gott jene Andersheit außer sich
       selbst sich selber aneignet, dass er selber Geschöpf, nämlich Mensch wird. Und was eben damit
       geschieht, ist jedenfalls <hi rend="italic">auch</hi> – und das ist’s, was uns jetzt nötigt,
       dieses innerste Geheimnis des Wortes <term key="Wort Gottes, Geheimnis">Gottes</term> zu
       berühren – die Offenbarung des wesentlichen <term key="Jesus Christus, Offenbarung des wesentlichen Menschen"><hi rend="italic">Menschen</hi></term><hi rend="italic">.</hi> Wo sollten wir den authenti<pb ed="A" n="1066" break="no"/>schen Kommentar zur menschlichen <term key="Mensch, Natur">Natur</term> zu
       suchen haben, wenn nicht hier, wo Gott in eigener Person ihn gegeben, und zwar dadurch
       gegeben hat, dass er seine eigene Natur mit der des <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">Menschen</term> vereinigt hat? Was es mit dieser auf sich hat, das muss uns offenbar wenn
       irgendwo, dann hier sichtbar werden. Wo sollte uns ihre Wahrheit auf- und einleuchten, wenn
       nicht hier? Und wie sollten wir uns ihrer gerade hier aufleuchtenden und einleuchtenden
       Wahrheit widersetzten können?</p>
      <p>Wir haben vor allem zu bedenken, dass wir gerade hier auch authentisch und vollständig über
       die wahre Natur <hi rend="italic">Gottes</hi> unterrichtet werden. Ist es an dem, dass der
       Schöpfer hier auch Geschöpf <term key="Gott, Schöpfer und Geschöpf in Jesus Christus">ist</term>, hat er also die <term ref="kbga-keywords-101">Freiheit</term>, das zu sein, und
       den Willen, von dieser Freiheit Gebrauch zu machen, dann wird daraus klar, dass jenes
       Fürsichsein und Durchsichselbstsein Gottes, seine <term key="Gott, Aseität">Aseität</term>,
        <term ref="kbga-keywords-1244">Souveränität</term> und <term ref="kbga-keywords-810">Majestät</term>, mit der Herrlichkeit einer höchsten <hi rend="italic">Selbstsucht</hi> und
       eines höchsten <hi rend="italic">Selbstgenusses nichts</hi> zu tun hat. Gottes <term key="Gott, Heiligkeit">Heiligkeit</term> ist vielmehr gerade darin göttlich, dass sie <term ref="kbga-keywords-115">Barmherzigkeit</term> ist. Und indem Gott barmherzig ist bis zur
        <term key="Gott, Erniedrigung">Erniedrigung</term> seiner selbst zur Gleichheit und Einheit
       mit dem geschöpflichen Sein, bis zur Vereinigung seiner eigenen Natur mit der menschlichen,
       wird seine Heiligkeit nicht geringer, sondern gerade darin betätigt und bestätigt sie sich
       als seine, <pb xml:id="p343" ed="pga"/> die göttliche <term key="Gott, Heiligkeit">Heiligkeit</term>. Es ist seiner <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>
       wesentlich, nach außen überströmende Herrlichkeit zu sein. Er gibt sich gerade damit nicht
       preis, sondern gerade damit beweist er sich als Gott, dass er sich in dem ihm selbst fremden,
       dem geschöpflichen Raum auch preisgeben kann und tatsächlich preisgibt. Das ist es, was uns
       in Jesus Christus als die göttliche <term key="Jesus Christus, Offenbarung der göttlichen Vollkommenheit">Vollkommenheit</term>
       offenbar wird. Wir haben darum wahrlich nichts zu fürchten für die Hoheit und Würde des
       Menschen, wenn wir nun auf derselben Linie zu vernehmen haben, was es mit seiner
       gottebenbildlichen <term key="Mensch, gottebenbildliche Vollkommenheit">Vollkommenheit</term>
       auf sich hat.</p>
      <p>Der im Bilde Jesu Christi erkennbare <hi rend="italic">Mensch</hi> ist entsprechend dem
       Bilde Gottes, das uns in demselben Jesus Christus offenbar ist, auf keinen Fall der sich
       selbst suchende und genießende, auf keinen Fall der sich <pb ed="A" n="1067"/> selbst helfende
       und von sich selbst befriedigte, auf keinen Fall der im geschöpflichen Raum für sich und
       durch sich selbst seiende Mensch. Wenn uns dieser Mensch aus irgend einem anderen Grund als
       Möglichkeit oder Ideal plausibel erscheinen möchte, so wird uns sein Bild spätestens an
       dieser Stelle, nämlich dann, wenn wir ihm das Bild Jesu Christi entgegenhalten, gründlich
       zerschlagen. Hier kann auch das scheinbar tiefste und edelste Motiv, dieses Bild zu formen
       und aufzurichten, nämlich des Menschen Sehnsucht und Wunsch, Gott gleich zu <term key="Mensch, Gottgleichheit">sein</term>, keinen Raum mehr haben. Hier entpuppt sich ja der
       Irrtum dieses Motivs als Irrtum gerade hinsichtlich des göttlichen Wesens. Hier zeigt sich ja
       eben Gott selbst in einem ganz anderen Bilde. Gerade <hi rend="italic">Gott</hi> würde laut
       dieses Bildes der Mensch gerade damit <hi rend="italic">nicht</hi> gleich, dass er sich ihm
       in jener Selbstgenügsamkeit gleichstellen wollte. Denn gerade Gottes wahre und höchste
       Selbstgenügsamkeit schließt laut des Bildes, in welchem er uns im Bilde Jesu Christi sichtbar
       wird, nicht aus, sondern ein, dass er sich auch preisgeben, dass er darauf auch verzichten
       kann, sich selber zu genügen, und mehr noch: dass er das tatsächlich getan hat. Eben darum
       erhebt sich der Mensch keineswegs zum seligen Sein der Gottheit, eben darum fällt [er]
       vielmehr so furchtbar ins Leere, darum gerät er mindestens auf die schiefe Ebene, auf der
       gleitend er nur im ewigen <term ref="kbga-keywords-178">Tod</term> endigen könnte, wenn er im
       geschöpflichen Raum für sich und durch sich selbst sein zu sollen und zu können meint. Gerade
       Gott, der ihn hier, in diesem seinem geschöpflichen Raum, damit aufgesucht und gefunden hat,
       dass er selbst Mensch wurde, ist so ganz anders. Gerade <pb xml:id="p344" ed="pga"/> dem
       wirklichen Gott gleich zu werden, kann so gar nicht auf dem Weg jenes eitlen Strebens
       erreicht werden. Gerade vollkommen zu werden, wie der himmlische Vater <term ref="kbga-keywords-1763">vollkommen</term> ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.48">Mt. 5,48</ref>], muss vielmehr – da das Bild des himmlischen Vaters das
       Bild Jesu Christi ist – dies bedeuten, dass der Mensch sich jene <hi rend="italic">Beschränkung</hi> und <hi rend="italic">Bedingung</hi> seiner Menschlichkeit gefallen
       lasse, dass er seine wesentliche Menschlichkeit erkenne als <term key="Mensch, Menschlichkeit als Mitmenschlichkeit">Mitmenschlichkeit</term>, dass er also
       nicht Mensch schlechthin sein wolle, sondern sich darein finde, dies zu sein: <hi rend="italic">Mensch</hi> und <hi rend="italic">Mitmensch.</hi> Denn eben das ist <pb ed="A" n="1068"/> der Mensch <term key="Jesus Christus, Mensch Gottes">Gottes</term>, ist der
       Mensch Jesus Christus und also der wahre <term ref="kbga-keywords-233">Mensch</term>.</p>
      <p>Wer den Namen Jesus Christus ausspricht, der sagt damit: <hi rend="italic">Dieser</hi>, der
       Mensch Jesus, und <hi rend="italic">Jener</hi>, der Andere, der nicht Jesus ist und ohne den
       nun doch auch Jesus nicht Jesus wäre. Wer den Namen Jesus Christus ausspricht, der sagt
       damit: Jesus und <term key="Jesus Christus, und Adam"><persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName></term>, Jesus und jeder andere Mensch aus <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> Geschlecht und von <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> Art. Wer nur Jesus sagen wollte – Jesus als den
       Namen eines für sich und durch sich selbst seienden Menschen –, der würde jenen seinen wahren
       Namen nicht aussprechen, der würde an Jesus Christus von Anfang an und damit endgültig
       vorbeireden. Man braucht aber auch nur recht Jesus zu sagen: «Jahve hilft»<note xml:id="n39"><foreign xml:lang="el-GR">Ιησούς</foreign> ist die griechische Form des hebräischen Namens
        Jehoschua («Gott hilft»).</note>, um eben damit jene Vorstellung durchzustreichen, um eben
       damit <hi rend="italic">diesen</hi> Menschen mit <hi rend="italic">jenem</hi>, Jesus mit
        <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> zu verbinden. Man kann und muss sagen, dass
       der Mensch Jesus schon in dem ewigen, vor der Welt Grundlegung in der Gemeinschaft des
       Heiligen Geistes gefassten Ratschluss des <term key="Gott, Ratschluss">Vaters</term> und des
       Sohnes nicht nur Dieser, sondern eben Dieser <hi rend="italic">und</hi> Jener, Dieser <hi rend="italic">mit</hi> Jenem war. Eben in der zwischen dem Vater und dem Sohn bestehenden
       Gemeinschaft des Heiligen <term ref="kbga-keywords-70">Geistes</term> war dieser Mensch,
       Dieser <hi rend="italic">mit</hi> Jenem, der Gegenstand der Liebe und eben als solcher das
       Ziel des Schöpferwillens Gottes. Der Mensch, den Gott in der Person seines Sohnes und also in
       seiner eigenen Person von Ewigkeit her geliebt hat, war und ist der Mensch Jesus: in ihm dann
       auch <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, in ihm jeder Andere – im Hinblick darauf, dass Jesus mit ihm ist, im Hinblick
       darauf, dass auch <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, dass auch jeder Andere, indem dieser Eine mit ihm ist, seinerseits
       Dieser <hi rend="italic">und</hi> Jener, Dieser <hi rend="italic">mit</hi> Jenem sein darf.
       Denn dieser Eine, <pb xml:id="p345" ed="pga"/> in welchem der Mensch von Gott geliebt <term key="Mensch, von Gott geliebt">ist</term>, der Mensch Jesus, ist der Eine mit dem Anderen,
       der Eine mit <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, der Eine mit <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>, <persName ref="kbga-actors-2198">Isaak</persName>
       und <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> und mit einem Jeden aus ihrem
       Geschlecht, der Eine mit seinem Leib, der <term ref="kbga-keywords-1031">Kirche</term>, und
       mit jedem einzelnen ihrer Glieder, der Eine mit der Welt der Leute, in der und um
       derentwillen das Licht Israels und der <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> angezündet ist und in der jeder Einzelne sein Anderer
       ist: der Andere, mit dem zusammen er der Eine ist, Du und Ich in einer <pb ed="A" n="1069"/>
       Person daraufhin und dadurch, dass Er es ist. Das ist die Beschränkung und Bedingung, das ist
       die Mitmenschlichkeit, in der Jesus Christus, in der in ihm Gott selber Mensch <term ref="kbga-keywords-233">ist</term>. Das ist die exemplarische, von Gott selbst gegebene
       Antwort auf die Frage: Wer ist der <term key="Mensch, Wer ist der Mensch?">Mensch?</term> Wer
       ist Gottes geschöpfliches <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Ebenbild</term>? – Aber
       wir müssen das auseinanderlegen, um es recht zu verstehen.</p>
      <p> Gerade die Menschlichkeit Jesu Christi besteht vor allem darin, dass er – seines
       göttlichen Ursprungs und Wesens und auch seiner geschöpflichen Abhängigkeit allein von Gott
       unbeschadet – zugleich ganz von jenem Anderen, von dem von ihm selbst verschiedenen
       Mitmenschen her ist. Er wird von <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
       <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.45">1.Kor. 15,45</ref><ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.47">.47</ref> mit Bedacht nicht etwa der erste, sondern der
       letzte <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, nicht der erste, sondern der zweite
       Mensch genannt, obwohl es doch wirklich auch wahr und sinnvoll wäre, ihn den ersten zu
       nennen. Hier greift eben an höchster Stelle jene bessere, die theologische Grammatik ein und
       durch, in der nicht das Ich, sondern das Du die erste Person ist. Was Jesus Christus als
       Mensch ist, das ist er von dem Anderen her, ohne den er nicht der Eine wäre, das ist er von
       <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> her, ohne den er nicht Jesus wäre. Nicht eine ihm eigene und eigentümliche, sondern <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName></hi> und jedes <hi rend="italic">anderen</hi> Menschen menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term> ist es ja, die der Sohn <term ref="kbga-keywords-235">Gottes</term>, indem er Fleisch wurde, angenommen und mit seiner göttlichen Natur <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">vereinigt</term> hat. Er wurde kein besonderer Mensch, er
       wurde Meinesgleichen und Deinesgleichen. Er ließ sich sein Sein als Mensch diktieren durch
       das, was vor ihm und ohne ihn wir selber sind. Er fragte also nicht nach einer
       Menschlichkeit, die schon aus den Händen des Schöpfers vielleicht noch besser als die
       wirkliche hätte hervorgehen können. Er fragte auch nicht nach einer auf Grund ihrer
       Übereinstimmung mit dem göttlichen Schöpferwillen reinen, heiligen, gerechten, herrlichen
       Menschlichkeit. Er bestimmte gerade nicht von sich aus über die Beschränkung und Bedingung
       seiner Menschlichkeit. Er <pb xml:id="p346" ed="pga"/> ließ sie sich gefallen und nahm sie an
       als seine eigene, so wie er sie vorgegeben – durch <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und durch jeden anderen von ihm verschiedenen Menschen vorgegeben – fand.
       Er war wirklich <hi rend="italic">Ich vom Du und nicht vom Ich her</hi>, der Eine vom Anderen
       und nicht von sich selbst her. Und man bemerke wohl: <pb ed="A" n="1070"/> gerade so
       verleugnete er nicht, sondern gerade so bewährte und offenbarte er sein göttliches Wesen.
       Gerade so war er des ewigen Gottes <term ref="kbga-keywords-117">Wort</term> und <term ref="kbga-keywords-235">Sohn</term> im geschöpflichen Raume. Gerade damit bewährte und
       offenbarte er aber auch die wahre, die wesentliche <hi rend="italic">Menschlichkeit</hi>, wie
       Gott sie geschaffen hat. |</p>
      <p> Wir dürfen und müssen wieder bis auf den vor aller Schöpfung im Schoße des ewigen Gottes
       gefassten <term key="Gott, Ratschluss">Ratschluss</term> zurückgehen: er ist ja kein anderer
       als der, den Gott tatsächlich vollzogen und uns damit bekannt gemacht hat. Das ist der Mensch
        <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Jesus</term> im Sinn der ewigen Gemeinschaft des
       Vaters und des Sohnes im Heiligen <term ref="kbga-keywords-70">Geiste</term>: der Mensch, der
       nicht von sich selber, sondern vom Anderen her, der dadurch Dieser ist, dass er sich Jenen,
       wie er ist, ganz und gar vorgegeben sein lässt. Er ist der Mensch, der nicht selber verfügt,
       sondern über sich verfügen lässt, nicht disponiert, sondern sich zur Disposition stellt, der
       nichts zu bestimmen findet, sondern es sich gefallen lässt, dass über ihn bestimmt, und zwar
       durch seinen Mitmenschen über ihn bestimmt ist. Dieser Sanftmütige, dieser von Herzen
       Demütige [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.29">Mt. 11,29</ref>], Dieser, der
       Jenem den Vortritt lässt, um dann und daraufhin und so allein Dieser zu sein – Dieser ist
       Jesus. Und eben Dieser ist der Mensch, den Gott von Ewigkeit her geliebt, im Blick auf den er
       dann auch <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, auch jeden anderen Menschen <term key="Mensch, von Gott geliebt">geliebt</term> hat. Eben darum ist Jesus nun auch in der Zeit, in der Ausführung jenes
       göttlichen <term key="Gott, Ratschluss">Ratschlusses</term> von <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> in seiner ganzen
       geschöpflichen Gebrechlichkeit her, eben darum auch von <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, dem Übertreter und Sünder und von seinem ihm auch darin gleichen
       verruchten Geschlecht, eben darum auch von Israel, aus der Folge seiner Generationen, die eine Folge von Aufrührern war,
       aus seiner Geschichte, die die Geschichte seiner Untreue war. Und er war doch nicht nur
       leiblich und geschichtlich von dorther, sondern von dorther empfing er – und empfing er
       willig die Aufgabe seines Ich und also die Sorge, die Last, die Not seines menschlichen <term key="Mensch, Aufgerufensein">Aufgerufenseins</term>, seiner <term ref="kbga-keywords-6">Selbsterkenntnis</term> und seiner <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> vor
       Gott. Es war, was er in sich selbst <pb xml:id="p347" ed="pga"/> vorfand als seine
       Geschöpflichkeit, und es war das, was er als solche Gott darzubringen hatte, eben dies: das,
       was er von <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und Israel her war. <pb ed="A" n="1071"/> Er war ganz und gar der Repräsentant und Träger der ihm durch diesen Anderen,
       durch jeden Anderen vorgegebenen und aufgeladenen Not. Man kann und muss dazu sagen, dass er
       insofern auch von seinen <term ref="kbga-keywords-273">Aposteln</term>, von seiner Kirche,
       von seinem <term ref="kbga-keywords-1031">Leibe</term>, von jedem einzelnen Glied seines
       Leibes her war und ist, als es ja auch hier immer noch einen Menschen vor ihm und ohne ihn,
       einen von der Gemeinschaft mit ihm noch nicht erreichten alten Menschen gab, gibt und geben
       wird. Jesus lässt auch ihm den Vortritt. Jesus nimmt auch ihn so an und auf, wie er ist. Auch
       durch ihn lässt er sein eigenes Sein bestimmen. Und es ist die Last auch seines ihm fremden
       Seins, die er zu seiner eigenen Last macht. Als dieser beladene Mensch, als dieser zweite,
       durch den ersten kompromittierte <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> ist Jesus
       der von Gott geliebte <term key="Jesus Christus, der von Gott geliebte Mensch">Mensch</term>.
       Als solcher ist er am <term ref="kbga-keywords-129">Kreuz</term> gestorben und als solcher
       von den Toten <term ref="kbga-keywords-393">auferstanden</term>, gen Himmel gefahren und
       gesetzt zur Rechten Gottes.<note xml:id="n40">Anspielung auf den zweiten Artikel des
        Apostolikums (<bibl corresp="kbga-bibls-14">BSLK, S. 21</bibl>).</note> Als solcher hat
       dieser Mensch alle Gewalt im Himmel und auf Erden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.28.18">Mt. 28,18</ref>], und eben als solcher bewährt und offenbart er die
       wesentliche <term key="Jesus Christus, Offenbarung des wesentlichen Menschen">Menschlichkeit</term>: «Folge du <hi rend="italic">mir</hi> nach!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.21.19">Joh. 21,19</ref>] – «Nehmet auf euch <hi rend="italic">mein</hi> Joch!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.29">Mt. 11,29</ref>]. Das
       ist der Weg zur wesentlichen Menschlichkeit. Dem ist so, weil Gott selbst uns auf diesem Weg
       vorangegangen ist.</p>
      </div>
    </div>
  </div>
     <!-- nächste Seite -->
    <div>
      <p> Wir sehen denselben Sachverhalt von der anderen Seite, wenn wir weiter darauf achten, dass
       Jesu <term ref="kbga-keywords-233">Menschlichkeit</term> – wieder unbeschadet seines
       göttlichen Ursprungs und Wesens und unbeschadet seiner geschöpflichen Bindung an Gott allein
       – darin besteht, dass er zugleich ganz zu jenem Anderen, zu dem von ihm selbst verschiedenen
       Mitmenschen hin ist. Er ist «nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene
       und gebe sein Leben zur Bezahlung für Viele» (<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.45">Mk. 10,45</ref>). Das ist das Aktive seiner Menschlichkeit. Das ist Jesu
       Ich, wie es von seinem Du, vom anderen Menschen her begründet ist. So sehr ist er zu ihm hin,
       dass er <hi rend="italic">für ihn</hi>
       <term key="Jesus Christus, für den Menschen">ist</term>. In <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> eigener und eigentümlicher Natur und dadurch legitimiert, für ihn
       einzustehen, steht er ihm gegenüber als der, der ihn nicht sich selbst überlässt, sondern
       seine Sache zu seiner eigenen macht, als seine eigene führt und durch<pb xml:id="p348" ed="pga" break="no"/>führt. Nicht umsonst hat er sich also sein mensch<pb ed="A" n="1072" break="no"/>liches Sein von jenem Anderen diktieren lassen. Und damit hat es nicht sein
       Bewenden, dass er sich dieses Diktat gefallen lässt. <anchor type="note" xml:id="fn-41"/>Sondern indem er
       es sich gefallen lässt, von ihm her zu sein, ist er schon zu ihm hin, d. h. aber weil er ja
       Gott, Gottes mächtige <term ref="kbga-keywords-115">Barmherzigkeit</term> und barmherzige
       Macht in Person ist, für ihn: ganz hingegeben an die Aufgabe, ihm zur Menschlichkeit zu
       verhelfen. Er muss von <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> her sein, um zu ihm hin, um für ihn sein zu können. Wäre er aber
       nur von <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> her, dann wäre er ja nicht mehr, nichts Anderes als Jener. Darin ist er mehr als
       er, darin ist er nicht nur der zweite, sondern auch der letzte <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName>, darin überbietet er ihn, dass er in der ganzen Macht
       und <term ref="kbga-keywords-115">Barmherzigkeit</term> Gottes selbst für ihn ist: Ich auf
       dieses Du und nicht etwa Ich auf sich selber hin, der Eine für den Anderen und nicht etwa der
       Eine nochmals für den Einen, und das ohne zu fragen, ob dieses Du ihm gefalle, ob dieser
       Andere seines Einsatzes und seiner Hingabe würdig sei.<note n="41" target="fn-41" type="textcritical" xml:id="n41"> Am Rand mit einem senkrechten Strich markiert (vgl. oben, <ref type="pub" target="#fn_n07">Anm. 7</ref>); vgl.
        inhaltlich <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, bes. S. 256f</bibl>.</note> Man bemerke
       auch hier: Gerade damit wird das göttliche Wesen Jesu <term ref="kbga-keywords-715">Christi</term> nicht verleugnet, sondern gerade darin bewährt und offenbart es sich, gerade
       das ist eben das göttliche Wesen im geschöpflichen Raume, in seiner nach außen strahlenden
       Herrlichkeit. Es ist in seinem göttlichen Raume, in seiner inneren Herrlichkeit auch für
       sich. Es wäre nicht das göttliche Wesen, wenn es in seinem eigenen Raum nicht auch für sich
       wäre und an sich selbst Genügen fände. Gott ist aber hier im geschöpflichen Raume, er ist in
       der von ihm im letzten Überströmen seiner <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>
       angenommenen Menschlichkeit gerade nicht für sich, sondern für den, der, weil er nicht selbst
       Gott ist, sich selber nicht helfen und dem, weil außer Gott kein Helfer ist, auch kein
       anderes Geschöpf helfen kann: er ist als Mensch für den <term key="Jesus Christus, für den Menschen">Mitmenschen</term>. Und darum behält sich Jesus nicht
       dem Mitmenschen gegenüber. Darum gibt er sich, darum schenkt er sich weg an ihn. Darum steht
       er ihm nicht als private, verschlossene, sondern als offene, als öffentliche, ihn selbst in
       sich begreifende Person gegenüber. Darum steht er wirklich und völlig in seinem Dienst. |</p>
      <p> Das ist der Mensch <term ref="kbga-keywords-233">Jesus</term>. Eben das ist sein Eigenes
       und Eigentümliches im Unterschied zu dem von ihm verschiedenen Menschen. Man <pb xml:id="p349" ed="pga"/> sieht ihn nur in diesem Akt seines Dienstes <pb ed="A" n="1073"/> und nur in der
       Totalität dieses seines Aktes, in der gänzlichen Beschränktheit und Bedingtheit des Weges,
       den er sich selbst damit vorgeschrieben hat. Wieder ist es so, dass eben der Gott, der in ihm
       und in dem er Dieser ist, ihn von Ewigkeit her nicht anders als eben so gesehen und gewollt
       hat. Es ist der Mensch Jesus im Sinn der Gemeinschaft des Vaters mit dem Sohn im Heiligen
        <term ref="kbga-keywords-70">Geist</term> eben Dieser, der nicht zu sich selber, sondern zum
       Anderen hin, dessen Aktivität sein diesem Anderen zu leistender <hi rend="italic">Dienst</hi>
       ist, dessen Wille und Werk in der Menschlichkeit dieses <hi rend="italic">Anderen</hi> sein
       letztes Ziel hat, dessen eigene Menschlichkeit also in seinem auf jenen ausgerichteten Willen
       und Werk besteht. In diesem Einsatz und in dieser Hingabe seiner selbst ist Jesus Jesus. Und
       eben dieser Einsatz und diese Hingabe ist es, die ihn zu dem von Gott geliebten <term key="Jesus Christus, von Gott geliebter Mensch">Menschen</term> macht, im Blick auf den dann
       auch der Andere, jeder andere Mensch, der Gegenstand der Liebe <term key="Mensch, von Gott geliebt">Gottes</term> ist. Man sieht von hier aus besonders deutlich,
       wie es kommt, dass nicht nur dieser Eine, sondern <hi rend="italic">mit ihm der Andere</hi>,
       der nicht Jesus, sondern <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> oder Hinz oder Kunz
       heißt, wie jeder Andere in diesem Einen <hi rend="italic">Gottes Geliebter</hi> ist. Das
       kommt davon, dass eben dieser Eine so ganz, und zwar mit der ganzen Macht <term ref="kbga-keywords-1067">Gottes</term> für diesen Anderen ist und leidend – aber nicht nur
       leidend, sondern auch tätig – seine Stelle einnimmt und ausfüllt, so dass, was er leidet und
       tut, so gut ist, als hätte es der Andere gelitten und getan, so dass der Andere für Gott nun
       wie durch das reine transparente Glas dieses Einen hindurch sichtbar und vorhanden ist, so
       dass er um dieses Einen willen wirklich von Gott geliebt ist und dieses Geliebtsein nun doch
       gänzlich diesem Einen zu verdanken hat. Das ist in seiner Einheit mit der göttlichen Natur
       der Mensch <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">Jesus</term> in Gottes ewigem <term key="Gott, Ratschluss">Ratschluss</term> und in dessen zeitlicher Ausführung in der Krippe
       von <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName> und am <term ref="kbga-keywords-129">Kreuz</term> von <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>. Er steht für Israel und für jeden Einzelnen aus Israel. Er steht für seine Kirche und für jedes einzelne
       Glied dieses seines <term ref="kbga-keywords-1031">Leibes</term>. Indem er nicht für sich,
       sondern für den Anderen steht, ist er das Ebenbild des unsichtbaren Gottes [<ref type="can" subtype="bible" target="Kol.1.15">Kol. 1,15</ref>], und zwar das Ebenbild der überströmenden
       Herrlichkeit <term ref="kbga-keywords-106">Gottes</term>, der <pb ed="A" n="1074"/> sich nicht
       selbst behält, sondern sich in <term ref="kbga-keywords-101">Freiheit</term> an sein Geschöpf
       dahingibt. Und wieder indem er nicht für sich, sondern für den Anderen steht, ist er auch der
        <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">gottebenbildliche</term> und also der wesentliche
       Mensch, das Urbild der <pb xml:id="p350" ed="pga"/>
       <term key="Jesus Christus, Urbild der Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>, deren eminenter
       Beweis nach <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.44">Mk. 10,44</ref> darin besteht,
       dass Einer aller Anderen Knecht sei.</p>
      <p>Man<note xml:id="n42">Der hier beginnende Passus kehrt fast wörtlich wieder in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. 257 (letzter Absatz)</bibl>.</note> kann den Menschen
        <term key="Jesus Christus. Mensch (wahrer)">Jesus</term> – jedenfalls den, der im Neuen
        <term ref="kbga-keywords-74">Testament</term> als Jesus der Christus bezeugt wird – gar
       nicht zu Gesicht bekommen, wenn man sich diesem doppelten Sachverhalt verschließt, wenn man
       der Grundsätzlichkeit und Radikalität nicht gewahr ist, in der dieser Mensch <hi rend="italic">vom Mitmenschen her und zu ihm hin und so wirklich nur mit ihm zusammen
        Mensch</hi> ist: Du und Ich in einer Person. Wie es auch mit anderen Menschen stehe: er
       jedenfalls wäre dem schlechterdings undurchsichtig, der sein Menschsein als ein Fürsichsein
       und Durchsichselbstsein im geschöpflichen Raum verstehen wollte. Sieht man nur ihn, dann
       sieht man ihn gar nicht. Sieht man ihn, dann sieht man <hi rend="italic">mit</hi> ihm, <hi rend="italic">bei</hi> ihm, <hi rend="italic">um</hi> ihn im näheren, ferneren und fernsten
       Umkreis die Seinigen; man sieht dann mit ihm den Mitmenschen, seine Jünger, das Volk, seine
       Feinde, die Unzähligen, die seinen Namen nie gehört haben: jeden Einzelnen von ihnen darin
       dem Anderen gleich, dass jeder Einzelne von ihnen sein <term key="Mensch, Jesu Christi Mitmensch">Mitmensch</term> ist. Sieht man ihn, dann sieht man ihn
       als den Ihrigen, d. h. als den, der als Einer von ihnen in ihrer Mitte nicht sich selbst,
       sondern – passiv und aktiv – ihnen, und zwar je in seiner Weise einem Jeden von ihnen gehört,
       einem Jeden der Nahen und Fernen gerade sein Jesus ist. So steht er wirklich in ihrer Mitte,
       so himmelhoch über ihnen. So ist er der <term key="Jesus Christus, Meister"><hi rend="italic">Meister</hi></term> unter seinen <term ref="kbga-keywords-272">Jüngern</term> und unter
       dem Volk, so der <term ref="kbga-keywords-753"><hi rend="italic">Messias</hi></term>
       Israels, so der Herr seiner <term ref="kbga-keywords-200">Kirche</term>, so der <term key="Jesus Christus, König"><hi rend="italic">König</hi></term> auch inmitten seiner Feinde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.110.2">Ps. 110,2</ref>], dessen Reich kein Ende hat.<note xml:id="n43">Schlussworte des zweiten Artikels im Symbolum Nicaeno-Constantinopolitanum
         (<bibl corresp="kbga-bibls-14">BSLK S. 26,23f</bibl>.).</note> «Selbstlos» ist kein Wort zu
       seiner Kennzeichnung. Jesus ist nicht selbstlos. Sondern eben darin hat er ein <hi rend="italic">Selbst ohnegleichen</hi>, ist er Er selbst, dass er so unzertrennlich Mensch
       und Mitmensch ist, der Eine mit dem Anderen, Er selbst in jener doppelten Bezogenheit zu dem,
       der nicht Er selbst ist. Man darf, um ihn zu sehen und zu verstehen, weder das Eine noch
        das <pb ed="A" n="1075"/> Andere verdecken: jene doppelte Bezogenheit nach außen nicht, aber
       das gerade so konstituierte Innere auch nicht. Man muss sehen, dass seine Bestimmung von
       außen und nach außen so prinzipiell und <pb xml:id="p351" ed="pga"/> durchgreifend ist, dass
       alle geläufigen Begriffe von innerem <term ref="kbga-keywords-1431">Leben</term><note xml:id="n44">Anspielung auf einen Zentralbegriff der Theologie <persName ref="kbga-actors-181">Wilhelm Herrmanns</persName>. Vgl. z. B.: <bibl corresp="kbga-bibls-5328"><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Der geschichtliche Christus der Grund unseres Glaubens</hi> (1892), in: ders.
         <hi rend="italic">Schriften zur Grundlegung der Theologie</hi>, Teil 1, hrsg. von P.
        Fischer-Appelt (TB 36/1), München 1966, S. 149–185, dort S. 171</bibl>: «Das Bild des inneren
        Lebens Jesu, das uns das Neue Testament darreicht, ist so beschaffen, daß es den nach Gott
        verlangenden Menschen festhält und ihn davon überzeugt, daß in ihm etwas geschichtlich
        Wirkliches wiedergegeben sei, obgleich es aller sonstigen Erfahrung widerspricht, also im
        strengsten Sinne wunderbar ist»; <bibl corresp="kbga-bibls-5329">ders, <hi rend="italic">Der Verkehr des Christen mit Gott</hi>, Stuttgart / Berlin 1903<hi rend="sup">4</hi>, S. 68</bibl>: «Denn Heilstatsache kann für einen Menschen, der aus seiner inneren
        Ohnmacht heraus will, nur das sein, was ihn innerlich umwandelt. Das kann aber nur das
        bewirken, was er selbst erlebt, nicht aber das, was ihm bloss erzählt wird. Deshalb nennen
        wir das innere Leben Jesu die Heilstatsache» (im Exemplar <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> z. T. unterstrichen). –
        Kritisch dazu: <bibl corresp="kbga-bibls-4428"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Die dogmatische Prinzipienlehre bei Wilhelm
         Herrmann</hi> (1925), in: V.u.kl.A. 1922–1925, <ref type="pub" target="../volume/19/p545#p545">S. 545–603</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/19/p592#p592">S. 592f</ref>.<ref type="pub" target="../volume/19/p595#p595">595f</ref></bibl>.</note>, <term ref="kbga-keywords-1416">Charakter</term>, <term ref="kbga-keywords-1443">Persönlichkeit</term> zweifellos gesprengt werden. Man muss sehen, dass es – jedenfalls auf
       Grund dessen, was das Neue <term ref="kbga-keywords-74">Testament</term> uns über ihn an die
       Hand gibt – unmöglich ist, ein Charakterbild oder Lebensbild Jesu zu entwerfen, das anderen
       Charakter- und Lebensbildern in einiger Angemessenheit zur Seite zu stellen wäre. Man muss
       aber wiederum sehen, wie er gerade in dieser seiner Bestimmung von außen und nach außen einer
       Innerlichkeit sondergleichen teilhaftig ist: eines Charakters, d. h. einer menschlichen
       Geprägtheit, und einer <term ref="kbga-keywords-1443">Persönlichkeit</term>, d. h. einer
       Geschlossenheit und Einzigkeit menschlicher <term key="Mensch, Eigenart / Individualität">Individualität</term>, die darum so unfassbar sind, weil sie Alles, was wir sonst so
       nennen, so weit überbieten und hinter sich lassen. Man muss also schon sehen, dass es
       zweifellos nicht eine Idee und auch nicht eine Sache, dass es auch nicht einfach Gott,
       sondern ganz direkt dieser <hi rend="italic">Mensch</hi>, dieser Name und nur in ihm dann
       auch Gott und sein <term ref="kbga-keywords-434">Reich</term> ist, dass es nun doch so etwas
       wie ein eminentes Charakter- und Lebensbild dieses Menschen ist, das den Gegenstand und
       Inhalt des neutestamentlichen Zeugnisses bildet. Man darf sich hier nicht verwirren, sich
       durch den scheinbaren Widerspruch nicht verleiten lassen, nur Eines oder das Andere zu sehen.
       Gerade dieser scheinbare Widerspruch, der sich ja faktisch auflöst, wenn man sich an Jesus
       selbst hält, ist das Geheimnis seiner <term key="Jesus Christus, Geheimnis seiner Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>.</p>
    
     

      <p><pb xml:id="p352" ed="pga" rend="noPipe"/><hi rend="italic">Eben die Menschlichkeit Jesu
        Christi ist nun aber der Schlüssel zum Geheimnis der <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term></hi>
       <hi rend="italic">überhaupt und als solcher</hi>. Indem Er unseresgleichen wurde, erfahren
       wir, wer <hi rend="italic">wir</hi> sind, die Menschen. Indem Er Gottes menschliches Ebenbild
       ist, tut es sich auf, was es mit der Gottebenbildlichkeit <hi rend="italic">jedes</hi>
       <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Menschen</term> als solchen auf sich hat.</p>
      <p> Wir haben zunächst zu realisieren, dass sich das nicht etwa von selbst auftut.
       Mitmenschlichkeit als wesentliche <term key="Mensch, Menschlichkeit als Mitmenschlichkeit">Menschlichkeit</term> ist <pb ed="A" n="1076"/> gerade darum, weil sie des Menschen
       Gottebenbildlichkeit ist, die <term key="Gnade, Mitmenschlichkeit als G."><hi rend="italic">Gnade</hi></term> seiner Schöpfung, deren Erkenntnis wiederum <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> und also <term ref="kbga-keywords-8"><hi rend="italic">Offenbarung</hi></term>
       ist.</p>
      <p> Das <term ref="kbga-keywords-946">Zeichen</term> des Mitmenschen ist uns freilich <hi rend="italic">gegeben</hi>. Wir leben ja faktisch nicht ohne den Mitmenschen, sondern mit
       ihm. Wir <hi rend="italic">haben</hi> also, was wir brauchen: den Zeugen, Garanten und Bürgen
       unserer <term key="Mensch, Mitmensch als Bürger der Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>.
       Die heilsame Beschränkung und Bedingung, die uns nötig ist, um Menschen zu sein, liegt vor.
       Wir haben ein konkretes Woher und Wohin unseres menschlichen Seins und eben darin die
       Bestätigung, dass der ewige Gott mit uns ist. Die «Hilfe, die ihm ein Gegenüber sei» [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18">Gen. 2,18</ref>], ist auf dem Plan. Der Mensch
       ist also auch im Raum der Geschöpflichkeit faktisch nicht auf sich selbst angewiesen und
       nicht sich selbst überlassen, und er hat faktisch nicht darunter zu leiden, dass er inmitten
       der übrigen Geschöpfwelt insofern allein ist, als kein anderes Geschöpf ihm darin Beistand
       leistet, gerade Mensch zu sein. So braucht er sich auch nach keiner Gottgleichheit zu sehnen.
       So ist er, indem er Gott ungleich, indem er nur der Mensch ist, Gottes <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Ebenbild</term>. So hat er einfach dadurch, dass er
       Mensch ist, die <term key="Verheißung, Gemeinschaft mit Gott">Verheißung</term>, dass Gott
       mit ihm Gemeinschaft halten will. So ist seine Menschlichkeit in ihrer Natur, d. h. so, wie
       Gott sie geschaffen hat, voll heimlicher Gnade.</p>
      <p> Sie wäre aber nicht <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>, wenn sie uns auch von
       Natur, d. h. in und mit unserem Geschaffensein durch Gott, in und mit unserem eigenen
       Vollbringen unseres Daseins als solchem, <hi rend="italic">offenbar</hi> wäre. Es versteht
       sich nicht von selbst, dass wir das uns gegebene Zeichen als solches erkennen. Es könnte in
       höchster Realität und Deutlichkeit aufgerichtet und für uns nun doch umsonst aufgerichtet
       sein. Es könnte wohl reden und uns doch nicht sagen, was es uns zu sagen hat. Wir haben den
       Mitmenschen wohl und wir leben wohl mit ihm, von ihm und zu ihm hin, ob wir es wissen und
       wollen oder nicht. Aber <pb xml:id="p353" ed="pga"/> bezeugt, garantiert und verbürgt er uns
       denn wirklich, was zu bezeugen, zu garantieren, zu verbürgen der Sinn seiner Gegenwart ist:
       unsere eigene Menschlichkeit und eben damit die Gegenwart des ewigen Gottes? Die «Hilfe, die
       ihm ein Gegenüber sei», ist da, aber hilft sie uns denn <pb ed="A" n="1077"/> und lassen wir
       uns denn dadurch helfen, dass sie da ist? Die konkrete Beschränkung und Bedingung unseres
       Daseins findet statt und ist wirksam, aber gefällt sie uns denn und lassen wir es uns denn
       gefallen, dass und wie sie wirksam ist? Sind wir nun wirklich nicht auf uns selbst
       angewiesen, wirklich nicht uns selbst überlassen? Schauen wir wirklich nicht mehr sehnsüchtig
       nach allerhand anderen Kreaturen aus, ob sie uns vielleicht helfen möchten, Menschen zu sein,
       und nicht mehr sehnsüchtig nach irgend einer <term key="Mensch, Gottgleichheit">Gottgleichheit</term>, in der wir etwas Höheres und Besseres als bloß Menschen sein
       könnten? Freut und tröstet es uns denn etwa, in unserer faktisch nicht zu leugnenden
       Mitmenschlichkeit Gottes <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Mitmenschlichkeit">Ebenbild</term> zu sein und die <term key="Verheißung, Gemeinschaft mit Gott">Verheißung</term> seiner Gemeinschaft mit uns zu besitzen? Und wenn es wahr ist, dass
       unsere Natur eben wegen dieser uns faktisch gegebenen Mitmenschlichkeit voll heimlicher Gnade
       ist – ja, was haben wir denn etwa davon? ist es denn ebenso wahr, dass wir dieser unserer
       Natur entsprechend dankbar sind?</p>
      <p> Das ist das mit des Menschen Erschaffung zu Gottes <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Ebenbild</term> gestellte <hi rend="italic">Problem</hi>
       seiner <term key="Mensch, Menschlichkeit als Problem">Menschlichkeit</term>. Man beachte
       wohl: es ist das durch die Fülle der <term ref="kbga-keywords-36"><hi rend="italic">Gnade</hi></term> des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> gestellte Problem der
       Menschlichkeit. Es würde nicht gestellt sein ohne die Güte <term ref="kbga-keywords-186">Gottes</term>, deren Spiegelbild eben dies ist: unsere <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit als Spiegel der Güte Gottes">Mitmenschlichkeit</term>. Auch
       dies, schon dies, dass der Mensch faktisch nicht ohne den Mitmenschen, sondern mit ihm ist,
       ist dieses Spiegelbild der Güte Gottes. Aber nun ist ja der Mensch der von Gott <term key="Mensch, Aufgerufensein"><hi rend="italic">Aufgerufene</hi></term>, aufgerufen zur <term ref="kbga-keywords-6">Erkenntnis</term> seiner Geschöpflichkeit und aufgerufen, sich in
       dieser seiner Geschöpflichkeit vor Gott zu <term ref="kbga-keywords-305">verantworten</term>,
       sich als sein Geschöpf herzugeben und darzustellen. Eben damit wird seine Menschlichkeit zum
       Problem: wird er sein, der er ist? Das will sagen: wird er sich selbst als der, der er ist,
       und also als Mensch und Mitmensch betätigen und bestätigen? Wird er dieser seiner
       Gottebenbildlichkeit Ehre machen? Wird sie als Akt seiner eigenen Freiheit Ereignis werden?
       Das Problem erlaubt nur <hi rend="italic">eine</hi>, nur seine <hi rend="italic">positive</hi> Lösung. In Übereinstimmung mit dem Willen und der Tat des Schöpfers und also
       von der <pb xml:id="p354" ed="pga"/> wesentlichen Mensch<pb ed="A" n="1078" break="no"/>lichkeit des Menschen her kann eine andere nicht in Frage kommen. Aber eben diese kommt
       tatsächlich <hi rend="italic">in Frage.</hi> Eben diese positive <hi rend="italic">Lösung</hi> muss als solche, d. h. als Lösung eines Problems, als Beantwortung einer Frage,
       als Erfüllung einer Aufgabe, <hi rend="italic">vollzogen</hi> werden. Das Problem liegt vor.
       Der Mensch selbst, d. h. die Zukunft des Menschen ist das Problem: wird er der sein, als der
       er aufgerufen ist? Wird er seine Geschöpflichkeit erkennen? Wird er die Verantwortung dieser
       seiner Geschöpflichkeit vor Gott vollziehen? Er hat keine andere Möglichkeit als diese. Er
       könnte mit jeder anderen nur seine eigene Unmöglichkeit ergreifen. Aber auch diese seine
       einzige Möglichkeit will als solche von ihm ergriffen sein. Er wäre nicht dieses Wesen, der
       Mensch, wenn ihm das erspart, wenn seine Zukunft nicht sein Problem wäre. Wird er seine
       einzige Möglichkeit ergreifen? Das ist das Problem seiner Menschlichkeit, ja im Blick auf die
       Natur dieser Frage muss der Mensch selbst als das Problem seiner Menschlichkeit bezeichnet
       werden. Und er wird auch seine positive Lösung sein.</p>
      <p>Es ist aber nicht an dem, dass er das aus sich selber sein wird. <hi rend="italic">Er</hi>
       muss sich selbst erkennen. <hi rend="italic">Er</hi> muss sich selbst verantworten. <hi rend="italic">Er</hi> muss seine faktische Mitmenschlichkeit verstehen als seine wesentliche
       Menschlichkeit, als seine <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Mitmenschlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term>,
       und <hi rend="italic">er</hi> muss sie als solche wollen und betätigen im Akt seiner <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>. Nicht als ob er eine andere Wahl hätte, aber eben
        <hi rend="italic">er</hi> muss diese allein mögliche Wahl vollziehen. Aber eben dass <hi rend="italic">er</hi> das <hi rend="italic">tut</hi>, das nimmt er nicht aus sich selber.
       Dass er das tun, dass er der heimlichen Gnade seiner Natur entsprechen und also danken muss,
       dass er sich seiner Mitmenschlichkeit und in ihr seiner Gottebenbildlichkeit und in ihr der
       göttlichen Verheißung freuen und trösten, dass er sich seine Beschränkung und Bedingung durch
       den Mitmenschen gefallen lassen, dessen Zeugnis, Garantie und Bürgschaft für seine eigene
        <term key="Mensch, Mitmensch als Bürger der Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> annehmen,
       dass er sich von ihm dienen lassen muss, um ihm wieder zu dienen, um so, in dieser konkreten
       äußeren Beziehung von Du und Ich auch innerlich, selber Mensch zu sein – dieses <hi rend="italic">Muss</hi>, dieses <hi rend="italic">Gesetz</hi> der <term key="Gesetz, der Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> kann, so wahr, heilig und gerecht es
       ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.12">Röm. 7,12</ref>], das letzte Wort
       nicht sein, das in dieser Sache zu sagen ist. Es ist ja auch nicht das erste Wort, das wir
       hier <pb ed="A" n="1079"/> immer wieder zu hören haben. Das erste Wort, das hier gilt, ist ja
       eben das von der Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term>, in <pb xml:id="p355" ed="pga"/> der der Mensch faktisch nicht allein, sondern in der <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschlichkeit</term>, mit der «Hilfe, die ihm ein
       Gegenüber sei», geschaffen ist. Eben Gottes Gnade will aber nicht nur das erste, sondern auch
       das letzte Wort sprechen. Sie bricht also nicht ab mit der Schöpfung, um den Menschen von da
       ab dem Gesetz und also dem, was er aus sich selbst tun muss für seine Menschlichkeit, und
       also sich selber, seiner Einsicht und seiner Kraft zu überlassen. Es ist das aufgezeigte
       Problem der Menschlichkeit: ob er seine einzige Möglichkeit eben so faktisch ergreifen wird,
       wie sie ihm faktisch gegeben ist? nicht die Grenze, an der ihn sein Schöpfer stehen lässt, um
       von da ab seine eigene <term ref="kbga-keywords-26">Entscheidung</term>, Lösung und Antwort
       abzuwarten.</p>
      <p> Nehmen wir einen Augenblick an, dass es sich aus irgend einem Grunde: sei es, dass es so
       Gottes unbegreiflicher Wille, sei es, dass es durch des Menschen eigene Schuld so wäre, so
       verhielte: er wäre zwar faktisch Mensch und Mitmensch, ihm wäre also das <term ref="kbga-keywords-946">Zeichen</term> seiner wesentlichen Mitmenschlichkeit objektiv
       gegeben. Aber eben damit wäre er nun allein gelassen. Alles käme nun darauf an, dass er von
       sich aus, in seiner eigenen Einsicht und Kraft dieses Zeichen erkennte und von dem, was er
       nötig hat und was ihm faktisch gegeben ist, den rechten Gebrauch machte. Die Gnade seiner
       Schöpfung wäre heimlich da, aber nun wäre es seine Sache, sie in dieser ihrer Heimlichkeit zu
       entdecken und aus ihr hervorzuholen. Was könnte dann Anderes geschehen als das, was nach <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Gen. 3</ref> dieser <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> zum Trotz geschehen ist? Seine faktische Mitmenschlichkeit, das Zusammensein
       des Einen mit dem Anderen, die Begegnung von Ich und Du würde ihm dann bestimmt nicht zum
       Segen, sondern zum Fluch werden, nicht zur Realisierung seiner Menschlichkeit, sondern zu der
       einer düsteren Unmenschlichkeit dienen. Die Sehnsucht nach dem Gleichsein mit <term key="Mensch, Gottgleichheit">Gott</term> würde dann doch wieder durchbrechen. Die «Hilfe,
       die ihm ein Gegenüber sei» [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18">Gen.
       2,18</ref>], würde dann doch nicht genügen, um den Menschen daran zu hindern, im Gegenteil:
       gerade sie würde ihm dann die <term ref="kbga-keywords-176">Versuchung</term> sein, sich an
       der durch sie bezeug<pb ed="A" n="1080" break="no"/>ten, garantierten und verbürgten
       Menschlichkeit nicht genügen zu lassen. Gerade vom Mitmenschen her erhöbe sich dann bestimmt
       die Frage, ob es nicht weise sein dürfte, sich nun doch von der Schlange und also durch die
       außermenschliche Kreatur über seine Menschlichkeit beraten und zu ihr verhelfen zu lassen
       [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.1 Gen.3.5">Gen. 3,1–5</ref>]. Gerade vom Mitmenschen <pb xml:id="p356" ed="pga"/> her würde dann im
       Menschen die Unruhe entstehen, in der er sich über sich selbst erheben und mehr als Mensch
       sein möchte. Der Mensch wäre dann <hi rend="italic">nicht</hi> allein und nun doch, nun
       gerade und erst recht <hi rend="italic">ganz</hi> allein. Ihm würde dann gerade die ihm durch
       den Mitmenschen gesetzte Beschränkung und Bedingung zum Gegenteil göttlicher <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term>, nämlich zur Verdunkelung seines Ausblicks auf
       Gott, zur Veranlassung und Einladung zu einer Existenz, die auf die weitere Gemeinschaft mit
       Gott verzichtet hat. Ihm wäre also jenes <term ref="kbga-keywords-946">Zeichen</term>
       wirklich umsonst, und mehr noch: ihm wäre es zu seinem Verderben gegeben. Die unsinnige Frage
       könnte dann wohl auftauchen, ob es ihm nicht besser gar nicht gegeben worden, ob er ohne jene
       besondere Gnade seiner Schöpfung nicht besser dran wäre. Und das faktische Zusammenleben der
       Menschen untereinander im engsten und nächsten und in allen weiteren Kreisen spricht ja auch
       abgesehen von <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Gen. 3</ref> wirklich nicht
       dafür, dass dem Menschen schon dadurch zur Menschlichkeit geholfen sei, dass er den
       Mitmenschen hat. |</p>
      <p> Der Mitmensch als solcher ist eben wirklich nicht Gott, der uns als solcher helfen und der
       uns als solcher verpflichten könnte. Der Mitmensch als solcher ist als die Bezugsperson, die
       er uns an sich sein könnte und müsste, nicht brauchbar: ein Stab, der uns durch die Hand
       geht, wo er uns stützen sollte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.36.6">Jes.
        36,6</ref>]; und dementsprechend steht es mit der Stütze, die wir für ihn bedeuten sollten.
       Die Warnung: «Verlasset euch nicht auf Menschen, sie können ja nicht helfen!» (<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.146.3">Ps. 146,3</ref>) ist leider – wenn nicht ein
       Wunder geschieht – unbedingt und allgemein am Platze. Wer kann denn dem Anderen helfen, wenn
       er es schon wollte? Und wer will es denn, wenn er es schon könnte? Und wenn schon ein Mensch
       dem Anderen helfen könnte und wollte, so fragt es sich erst noch und erst recht, ob Dieser in
       der Lage ist, sich von Jenem helfen zu lassen. Wo gibt es denn die Offenheit und
       Schlichtheit, <pb ed="A" n="1081"/> die dazu vor allem nötig wäre? wo das Vertrauen zum
       Anderen, auch wo dieses objektiv am Platze wäre? wo die <term ref="kbga-keywords-1270">Demut</term>, die sich nicht schämt, sich helfen zu lassen? Ist sie nicht das Letzte, was
       auch der Hilfsbedürftigste aufzubringen von sich aus geneigt ist? Wir reden natürlich nicht
       von den beiläufigen äußeren und inneren, leiblichen und seelischen Hilfen von Mensch zu
       Mensch, die man einander wohl leisten und die man auch wohl voneinander annehmen kann. Wir
       reden von der Hilfe, die durch das Alles wohl angedeutet, aber <pb xml:id="p357" ed="pga"/> nicht ersetzt werden kann: seiner eigentlichen Lebenshilfe, nach der der Eine sich beim
       Anderen umschaut und die der Eine auch dem Anderen zu sein verpflichtet wäre, von dem
       Zusammensein, durch welches der Eine und der Andere sich gegenseitig als Menschen halten und
       auferbauen würden. Wo wird solche Hilfe Ereignis? Ist es nicht so, dass auch das nächste,
       beste und schönste Zusammensein unter Menschen eine heimliche oder manchmal auch ganz offene
       Sehnsucht nach Alleinsein und Einsamkeit unweigerlich nach sich zieht, und ist das nicht das
       deutliche Symptom dessen, dass Mensch und Mensch sich im Grunde doch gegenseitig immer auch
       eine Enttäuschung sind, weil sie sich eben das, was sie einander bieten sollten, nicht bieten
       und eben das, was sie voneinander empfangen möchten, auf Grund beiderseitigen Versagens nicht
       empfangen? Das Geheimnis der <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> tut
       sich eben wirklich nicht von selber auf. Der Mensch löst sein Problem nicht von sich aus. Was
       von selber, was aus der sich selbst überlassenen Natur des <term key="Mensch, Natur">Menschen</term> heraus sich auftut, was er, indem er sein Problem von sich aus lösen will,
       entdeckt und hervorbringt, das ist nicht die Ehre, sondern eine seltsame Beschämung und
       Schande seines <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">gottebenbildlichen</term> Wesens.</p>
      
  </div>
    <!-- nächste Seite -->
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    <div>
      <div>
      <p> Aber gestehen wir es uns nur offen – wir haben ja auch wirklich keinen Grund, es uns zu
       verbergen: Wir haben bei dieser Feststellung nicht nur auf <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Gen. 3</ref> und auch nicht nur auf das sich vor unseren Augen ausbreitende
       menschliche Leben geblickt. Wir würden weder von <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Gen. 3</ref> noch von irgend einer allgemeinen Lebensbetrachtung her
       notwendig zu diesem Er<pb ed="A" n="1082" break="no"/>gebnis kommen, dass der Mensch sein
       Problem nicht von sich aus zu lösen in der Lage ist. Uns könnte ja im Blick auf <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Gen. 3</ref> und sonst entgegengehalten werden,
       dass mit dem in der Tat weithin ungelösten Problem doch auch das Gesetz der <term key="Gesetz, der Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> und dessen Forderung unverändert
       stehen bleibt und gilt. Uns könnte die Frage entgegengehalten werden, ob unsere negative
       Feststellung hinsichtlich der Erfüllung dieses Gesetzes nicht zu rasch und nicht zu
       apodiktisch und allgemein vollzogen sei. Uns könnte eine optimistischere Sicht der Dinge oder
       mindestens die Hoffnung und der Glaube entgegengehalten werden, es könnte schließlich doch
       noch einmal dazu kommen, dass das Geheimnis der Menschlichkeit sich von selbst auftun, ein
       rechtes und echtes Zusammensein zwischen Mensch und <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit als Zeichen seiner Bestimmung">Mitmensch</term>, des Einen
       mit dem An<pb xml:id="p358" ed="pga" break="no"/>deren, gegenseitige Lebenshilfe im
       eigentlichen, ernsten Sinn des Wortes aus der Tiefe der menschlichen <term key="Mensch, Natur">Natur</term> heraus Ereignis werden möchte. Unsere Beteuerung würde dann
       ohnmächtig einer anderen, entgegengesetzten oder doch einschränkenden Beteuerung
       gegenüberstehen. Es ist darum schon gut, sich klar zu machen: wir hätten unsere Feststellung,
       dass der Mensch sein Problem nicht von sich aus löst, dass das Geheimnis der Menschlichkeit
       sich nicht von selbst auftut, weder aus <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Gen.
        3</ref> noch aus den Tatsachen des menschlichen Lebens abgelesen, wenn wir nicht hier wie
       dort die in Jesus Christus vollzogene wirkliche Lösung des Problems, die in ihm tatsächlich
       geschehene Eröffnung jenes <term key="Jesus Christus, Offenbarung des wesentlichen Menschen">Geheimnisses</term> vor Augen gehabt hätten. Es ist uns nicht möglich, sie nicht vor Augen
       zu haben. Wir sind nicht in der Lage, von der damit im Voraus gegebenen Antwort zu
       abstrahieren. Wir können also schon die Frage nur im Lichte dieser Antwort sehen. Der Mensch
       hat sein Problem tatsächlich anders als von sich aus gelöst. Und eben diese andere Lösung ist
       seine wirkliche Lösung. Das Geheimnis der Menschlichkeit hat sich tatsächlich <hi rend="italic">nicht von selbst</hi> aufgetan. Eben in dieser <hi rend="italic">anderen</hi>
       Weise hat es sich aber <hi rend="italic">wirklich</hi> und <hi rend="italic">völlig</hi>
       aufgetan. Die wirkliche Antwort, das nicht in Schanden, sondern in Ehren stehende Ebenbild
       Gottes ist eben die Menschlichkeit <hi rend="italic">Jesu <term ref="kbga-keywords-233">Christi</term></hi>. |</p>
      <p>Von da aus haben wir <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Gen. 3</ref> gelesen,
       von da aus auch vom menschlichen Leben geredet. Und eben von da <pb ed="A" n="1083"/> aus
       konnten wir eine andere als jene negative Feststellung nicht machen. Denn im Lichte dieser
       wirklichen, von Gott selbst gegebenen Antwort gibt es von der Situation von <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Gen. 3</ref> aus keine positive Lösung und erscheint auch die
       uns sonst bekannte Situation des Menschen im Verhältnis zu seinem <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschen</term> als eine hoffnungslose Situation. Von da
       aus denkend, können wir uns mit dem Verweis auf das unerschütterlich gültige Gesetz der <term key="Gesetz, der Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> nicht zufrieden geben. Von da aus
       müssen wir allerdings rasch, apodiktisch und allgemein urteilen, dass dieses Gesetz als
       solches den Menschen, nämlich den von sich aus um seine Erfüllung sich bemühenden Menschen,
       nur <term key="Gesetz, verdammt den Menschen">verdammen</term> kann. Von da aus müssen
        wir<note xml:id="n45">Tskr.: «wir uns gegenüber»; die aufgrund des am Ende des Satzes
        gewählten Verbs nicht mehr in das Satzgefüge passenden beiden Worte wurden von den Hrsg.
        gestrichen (vermutlich hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zunächst eine
        andere Satzkonstruktion im Sinn als die, die er dann niederschrieb).</note> dem Glauben an
       einen vielleicht noch einmal zu <pb xml:id="p359" ed="pga"/> realisierenden Fortschritt zu
       einer ihre Menschlichkeit in sich selbst entdeckenden und aus sich selbst hervorholenden
       menschlichen <term key="Mensch, Natur">Natur</term> einen resoluten Unglauben entgegensetzen.
       Wir stellen damit nicht eine pessimistische an die Stelle einer optimistischen Beteuerung.
       Wir ziehen damit nur die Folgerung aus der Tatsache, dass die rechte Antwort auf die ganze
       Frage dadurch gegeben ist, dass die <term ref="kbga-keywords-36"><hi rend="italic">Gnade</hi></term> des <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfers</term> in jener Heimlichkeit,
       in der sie schon die Gnade der menschlichen Natur ist, nicht ihre Grenze hat. Sie ist auch
        <term key="Gnade, ist auch Wahrheit"><hi rend="italic">Wahrheit</hi></term>, d. h. sie ist
       auch <term key="Gnade, Offenbarung ihrer heimlichen Gegenwart"><hi rend="italic">Offenbarung</hi></term> ihrer heimlichen Gegenwart. Sie hat sich eben in der
       Menschlichkeit Jesu Christi auch aufgetan. Sie hat nicht nur das Problem des Menschen, nicht
       nur den Menschen, der sich selber Problem ist, sie hat auch den Menschen, der sein Problem
       löst, auf den Plan gestellt. <hi rend="italic">Gott</hi> hat das getan: eben von da aus
       schließen und urteilen wir, dass der Mensch das nicht von sich aus getan hat; eben von da aus
       kommen wir daran nicht vorbei, dass <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Gen.
        3</ref> über den seine Menschlichkeit von sich aus realisierenden Menschen die Wahrheit
       gesagt, d. h. endgültig das <term key="Gott, Urteil über den Sünder">Urteil</term> gesprochen
       ist. Und Gott hat das <hi rend="italic">wirklich</hi> getan: wir halten das uns bekannte
       menschliche Leben daneben und schließen, dass der Mensch das aus sich selbst heraus zu tun
       nicht in der Lage ist. Gerade das in der Menschlichkeit Jesu <term ref="kbga-keywords-233">Christi</term> wirklich erfüllte <term key="Gesetz, Erfüllung in Jesus Christus">Gesetz</term> schließt die Vermutung aus, dass das vielleicht doch noch einmal geschehen
       könnte. Gerade die Fülle der göttlichen <pb ed="A" n="1084"/>
       <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> gebietet uns, hinsichtlich der Menschlichkeit jedes
       Menschen mit Jesus Christus allein als mit dem Menschen zu rechnen, in welchem sie <term key="Jesus Christus, Offenbarung des wesentlichen Menschen">wesentlich</term>, in welchem
       ihre Gottebenbildlichkeit Ereignis ist.</p>
       </div>
      <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Es mag der Erläuterung dienen, wenn wir uns an dieser Stelle beiläufig
       der Entwicklung und Darstellung zuwenden, die <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-934">Martin Buber</persName></hi> in seinem 1923 erschienenen Buch «Ich
       und Du»<note xml:id="n46"><bibl corresp="kbga-bibls-5136"><persName ref="kbga-actors-934">M.
          Buber</persName>, <hi rend="italic">Ich und Du</hi>, Leipzig 1923</bibl>; wieder
        abgedruckt <bibl corresp="kbga-bibls-5137">in: ders., <hi rend="italic">Das dialogische
          Prinzip</hi>, Heidelberg 1973<hi rend="sup">3</hi>, S. 7–121 (S. 122–136: Nachwort vom
         Oktober 1957)</bibl>.</note> unserem Gegenstand gewidmet hat.<note xml:id="n47">Der
        folgende Exkurs über <persName ref="kbga-actors-934">Martin Buber</persName> wurde nach einer dem Verfasser zur Verfügung gestellten
        Kopie bereits monographisch behandelt: <bibl corresp="kbga-bibls-5303">D. Becker,
         <hi rend="italic">Karl Barth und Martin Buber. Denker in dialogischer Nachbarschaft? Zur
         Bedeutung Martin Bubers für die Anthropologie Karl <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName></hi> (FSÖTh 51), Göttingen
        1986</bibl>.</note> <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> war wohl der Erste, der gerade in der neueren Zeit diese «Grundworte» <pb xml:id="p360" ed="pga"/> wieder auf den Leuchter gehoben und der damit jedenfalls in der
       deutschen protestantischen <term key="Theologie, protestantische">Theologie</term> ein
       vielfältiges Echo erweckt hat.<note xml:id="n48">Hauptsächlich bei <persName ref="kbga-actors-137">Friedrich Gogarten</persName>, <persName ref="kbga-actors-63">Emil
         Brunner</persName> und <persName ref="kbga-actors-171">Karl Heim</persName>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1060"><persName ref="kbga-actors-137">Fr.
        Gogarten</persName>, <hi rend="italic">Ich glaube an den dreieinigen Gott. Eine Untersuchung über
         Glauben und Geschichte</hi>, Jena 1926, bes.
        S. 36f.59––64.68–84.91f.97–100.142–154.163f.177–179.182–198.207–212</bibl>; ders., <bibl corresp="kbga-bibls-5339"><hi rend="italic">Glaube und Wirklichkeit</hi>, Jena 1926, bes. S. 26–43.57–63, vgl. auch
        94–104.159–165.169f.</bibl> (ausdrückliche Erwähnung findet <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> hier nur im Vorwort, wo <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName>
         <hi rend="italic">Ich und Du</hi> zu den beiden Büchern zählt, denen er sich «zu besonderem
        Dank verpflichtet weiß»); ders., <bibl corresp="kbga-bibls-102"><hi rend="italic">Politische Ethik. Versuch einer Grundlegung</hi>, Jena 1932, S. 127</bibl>. – <bibl corresp="kbga-bibls-5340"><persName ref="kbga-actors-63">E.
        Brunner</persName>, <hi rend="italic">Der Mittler. Zur Besinnung über den Christusglauben</hi>,
        Tübingen 1927, S. 182–184</bibl>; ders., <bibl corresp="kbga-bibls-5341"><hi rend="italic">Gott und Mensch. Vier Untersuchungen
         über das personhafte Sein</hi>, Tübingen 1930, bes. S. 14.88.92</bibl>; ders., <bibl corresp="kbga-bibls-56"><hi rend="italic">Das Gebot und die Ordnungen. Entwurf einer protestantisch-theologischen Ethik</hi>,
        Tübingen 1932, S. 60.279.480.571.611.613.667</bibl>; ders., <bibl corresp="kbga-bibls-5088"><hi rend="italic">Der Mensch im
         Widerspruch</hi>, Berlin 1937, S. 9f.297.529.557</bibl>; <persName ref="kbga-actors-63">ders.</persName>, <bibl corresp="kbga-bibls-5342"><hi rend="italic">Wahrheit als Begegnung. Sechs Vorlesungen über das
         christliche Wahrheitsverständnis</hi>, Berlin 1938, S. 63–67.78f.</bibl> – <bibl corresp="kbga-bibls-5258"><persName ref="kbga-actors-171">K. Heim</persName>, <hi rend="italic">Der evangelische Glaube und das
         Denken der Gegenwart. Grundzüge einer christlichen Lebensanschauung</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Glaube und Denken. Philosophische Grundlegung einer christlichen
         Lebensanschauung</hi>, Berlin 1934<hi rend="sup">3</hi>, S. 117.121.154–171</bibl>. – Neben <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>
        war bei der Rezeption des Ich-Du-Denkens durch diese Theologen wirksam auch: <bibl corresp="kbga-bibls-2184"><persName ref="kbga-actors-4016">F. Ebner</persName>, <hi rend="italic">Das Wort und die geistigen
         Realitäten. Pneumatologische Fragmente</hi>, Innsbruck 1921</bibl>.</note> Und seine Gedanken
       darüber haben eine Tiefe und einen Reichtum, die zur Beachtung und zur Achtung nötigen. Sie
       zeigen uns aber auch exemplarisch, wie man ohne die Berücksichtigung der Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> in der Menschlichkeit Jesu <term ref="kbga-keywords-233">Christi</term> nun allerdings gerade in dem jetzt erreichten Punkt
       unserer Überlegung in der Bestimmung der Menschlichkeit zu einem ganz anderen Ergebnis kommt.
       Kritisieren kann man ihn nur damit, dass man eben das tatsächlich berücksichtigt, was er als
       jüdischer Dichter und Denker <hi rend="italic">nicht</hi> berücksichtigen konnte und wollte.
       –</p>
      <p>Nach ihm gibt es zwei «Grundworte» oder vielmehr Grundwortpaare: Ich-Du und Ich-Es, «wobei
       ohne Änderung des Grundwortes für Es auch eins der Worte Er und Sie eintreten kann»
        (S. 9)<note xml:id="n49">Die Seitenangaben <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> beziehen sich auf die Originalausgabe von
         1923. Die Seitenangaben des besser zugänglichen Abdrucks in: <bibl corresp="kbga-bibls-5137"><persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>, <hi rend="italic">Das dialogische Prinzip</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n46">Anm. 46</ref>; im Folgenden
        DP; hier: S. 7)</bibl> sowie die dort von <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> vorgenommenen Textveränderungen werden in den
        Anmerkungen notiert. Die Wiedergabe der <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>-Zitate erfolgt – auch dort, wo die
        Schreibweise <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> vom Original leicht abweicht – nach dem Typoskript <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>.</note>. Ihr
       Gegensatz und Zwiespalt inhä<pb xml:id="p361" ed="pga" break="no"/>riert schon der Schöpfung
        (S. 31)<note xml:id="n50"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 27</bibl>.</note>. In der
        <hi rend="italic">Ich-Es-Beziehung</hi> stehe ich vor Gegenständen. Ich erfahre sie. Ich
       gebrauche und benütze sie. Ich verfolge bestimmte Zwecke mit ihnen, ich habe sie. Die Es-Welt
       ist die von mir in Raum und Zeit einzuordnende und zu meisternde Welt. Sie ist die Welt der
       Mittelbarkeit. «Diese Welt ist einigermaßen zuverlässig. Sie hat Dichte und Dauer, ihre
       Gliederung lässt sich überschauen, man kann sie immer wieder hervorholen, man repetiert sie
       mit geschlossenen Augen und prüft mit geöffneten nach; sie steht ja da, deiner Haut
       anliegend, wenn du’s so annimmst, in deiner Seele eingekauert, wenn du’s so vorziehst, sie
       ist ja dein Gegenstand, sie bleibt es nach deinem Gefallen, und bleibt dir urfremd, außer und
       in dir. Du nimmst sie wahr, nimmst sie dir zur ‹Wahrheit›, sie lässt sich von dir nehmen,
       aber sie gibt sich dir nicht» (S. 40)<note xml:id="n51"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP,
         S. 35</bibl>.</note>. <pb ed="A" n="1085"/> Sie gibt sich mir eben darum nicht, weil sie mir
       gegenständlich ist und bleibt. Sie erschließt sich mir nicht in ihrem Wesen. Sie ist mir,
       indem ich sie habe, immer schon Vergangenheit. Sie bleibt mir insofern unwirklich. Die
       Ich-Es-Beziehung als solche ist keine Beziehung. Sie ist es nur latent. Sie kann zur
       Beziehung höchstens werden. Ich finde mich mit dem Es ab, indem ich es (in einem äußeren
       Bezirk) einrichte und (in einem inneren Bezirk) fühle, in «zwei sauber umzirkten Revieren»
       (S. 53)<note xml:id="n52"><bibl corresp="kbga-bibls-5137"><persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>, <hi rend="italic">Ich und Du</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n46">Anm. 46</ref>), S. 53 / DP, S. 45</bibl>:
        «Unter dem Grundwort der Trennung stehend, das Ich und Es voneinanderhält, hat er sein Leben
        mit den Mitmenschen in zwei sauber umzirkte Reviere geschieden: Einrichtungen und Gefühle.
        Es-Revier und Ich-Revier.»</note>. «Aber das abgetrennte Es der Einrichtungen ist ein Golem
       und das abgetrennte Ich der Gefühle ein umherflatternder Seelenvogel» (S. 54)<note xml:id="n53"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 46</bibl>.</note>. Dem Es als solchem
       gegenüber kann und werde ich mich im Grunde, indem ich es erfahre und gebrauche, immer
       behalten. Es ist und bleibt ein Etwas, im besten Fall eine Summe von Eigenschaften, die als
       solche nicht mich selbst, nicht mich in meiner Totalität in Anspruch nimmt. Das Grundwort
       Ich-Es ist freilich nicht vom Übel, wie die Materie nicht vom Übel ist. Es ist aber vom Übel
       wie die Materie, die sich anmaßt, das Seiende zu sein. «Wenn der Mensch es walten lässt,
       überwuchert ihn die unablässig wachsende Es-Welt, entwirklicht sich ihm das eigene Ich, bis
       der Alp über ihm und das Gespenst in ihm einander das Geständnis ihrer Unerlöstheit zuraunen»
        (S. 57)<note xml:id="n54"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 49</bibl>.</note>.
       Menschen, die nur in der Es-Welt leben, werden zu keinen <hi rend="italic">Personen</hi>,
       sondern zu <hi rend="italic">Eigenwesen</hi>, die sich ihrer Umwelt gegenüber absetzen, in
       der Absicht, von ihr zu leben, um eben so in Wirklichkeit zu sterben (S. 75)<note xml:id="n55">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5136"><persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>, <hi rend="italic">Ich und Du</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n46">Anm. 46</ref>), S. 74f</bibl>. / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 65</bibl>: «Das Ich des Grundworts Ich-Es erscheint als
        Eigenwesen und wird sich bewußt als Subjekt […]. Das Ich des Grundworts Ich-Du erscheint als
        Person und wird sich bewußt als Subjektivität […]. Eigenweisen erscheint, indem es sich
        gegen andere Eigenwesen absetzt. Person erscheint, indem sie zu andern Personen in Beziehung
        tritt. […] Der Zweck des Sichabsetzens ist das Erfahren und Gebrauchen, und deren Zweck das
        ‹Leben›, das heißt das eine menschliche Lebensfrist dauernde Sterben.»</note>. Sie können
       sich nicht als Seiende, sondern nur <pb xml:id="p362" ed="pga"/> als Soseiende erkennen
        (S. 76)<note xml:id="n56">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5136">a.a.O., S. 76</bibl> / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 66</bibl>: «Die Person wird sich ihrer selbst als eines am
        Sein Teilnehmenden, als eines Mitseienden, und so als eines Seienden bewußt. Das Eigenwesen
        wird sich seiner selbst als eines So-und-nicht-anders-seienden bewußt. Die Person sagt: ‹Ich
        bin›, das Eigenwesen sagt: ‹So bin ich.› ‹Erkenne dich selbst› bedeutet der Person: erkenne
        dich als Sein, dem Eigenwesen: erkenne dein Sosein.»</note>, ihre Dynamik erschöpft sich in
       ihrer Abgrenzung von der Umwelt und in deren Besitznahme, beides am Es und also beides im
       Unwirklichen geübt (S. 77)<note xml:id="n57">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5136">a.a.O.,
         S. 77 / DP, S. 67</bibl>: «Das Eigenwesen […] setzt sich gegen das Andere ab […]. Das ist
         <hi rend="italic">seine</hi> Dynamik: das Sichabsetzen und die Besitznahme, beides am Es,
        beides im Unwirklichen geübt.»</note>.</p>
      <p>Das andere Grundwort ist das der <hi rend="italic">Ich-Du-Beziehung</hi>. Auch sie ist eine
       Beziehung des Ich. Daraus ergibt sich, dass das Ich des Menschen zwiefältig und zwiespältig
       ist. Das Grundwort Ich-Du kann im Unterschied zu dem Ich-Es nur mit dem ganzen Wesen des
       Menschen gesprochen werden (S. 9)<note xml:id="n58"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP,
         S. 7</bibl>.</note>. «Wer Du spricht, hat kein Etwas zum Gegenstand. Denn wo Etwas ist, ist
       anderes Etwas, jedes Es grenzt an andere Es, Es ist nur dadurch, dass es an andere grenzt. Wo
       aber Du gesprochen wird, ist kein Etwas. Du grenzt nicht. <pb ed="A" n="1086"/> Wer Du
       spricht, <hi rend="italic">hat</hi> kein Etwas, <hi rend="italic">hat</hi> nichts. Aber er
       steht in der Beziehung» (S. 10f.)<note xml:id="n59"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP,
         S. 8</bibl> (Hervorhebungen von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>).</note>.
       Das Grundwort Ich-Du stiftet die Welt der Beziehung in ihren drei Sphären: das Leben mit der
       Natur, das Leben mit den Menschen, das Leben mit den geistigen Wesenheiten (S. 12)<note xml:id="n60"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 10</bibl>.</note>. <hi rend="italic">Das
        Leben mit der Natur</hi>: Ich kann freilich den Baum als Es betrachten, als Bild aufnehmen,
       ihn als Bewegung verspüren, ihn in eine Gattung einreihen und als Exemplar beobachten, ich
       kann ihn nur noch als Ausdruck des Gesetzes und der Gesetze erkennen, ich kann ihn zur Zahl,
       zum reinen Zahlenverhältnis verflüchtigen und verewigen. «In all dem bleibt der Baum mein
       Gegenstand und hat seinen Platz und seine Frist, seine Art und Beschaffenheit. Es kann aber
       auch geschehen, aus Willen und Gnade in Einem, dass ich, den Baum betrachtend, in die
       Beziehung zu ihm eingefasst werde, und nun ist er kein Es mehr. Die Macht der
       Ausschließlichkeit hat mich ergriffen. Dazu tut nicht not, dass ich auf irgend eine der
       Weisen meiner Betrachtung verzichte ... Alles, was dem Baum zugehört, ist mit darin, seine
       Form und seine Mechanik, seine Farben und seine Chemie, seine Unterredung mit den Elementen
       und seine Unterredung mit den Gestir<pb xml:id="p363" ed="pga" break="no"/>nen, und alles in
       einer Ganzheit. Kein Eindruck ist der Baum, kein Spiel meiner Vorstellung, kein
       Stimmungswert, sondern er leibt mir gegenüber und hat mit mir zu schaffen wie ich mit ihm –
       nur anders ... So hätte er denn ein Bewusstsein, der Baum, dem unseren ähnlich? Ich erfahre
       es nicht. Aber wollt ihr wieder, weil es euch an euch geglückt scheint, das Unzerlegbare
       zerlegen? Mir begegnet keine Seele des Baums und keine Dryade, sondern er selber»
       (S. 13f.)<note xml:id="n61"><bibl corresp="kbga-bibls-5136"><persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>, <hi rend="italic">Ich und Du</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n46">Anm. 46</ref>), S. 13–15</bibl> / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 11f</bibl>.</note>. Und so weiß <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> um die sprachlose
       Ich-Du-Beziehung des Menschen mit einer Hauskatze, die seinen Blick mit der Frage zu
       beantworten scheint: «Kann das sein, dass du mich meinst? Willst du wirklich nicht bloß, dass
       ich dir Späße vormache? Gehe ich dich an? Bin ich dir da? Bin ich da? Was ist das da von dir
       her? Was ist das da um mich her? Was ist das an mir? Was ist das?» (S. 113)<note xml:id="n62"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 99</bibl>.</note>. Das <hi rend="italic">Leben mit
        den Menschen</hi>: «Stehe ich einem Menschen als meinem Du gegenüber, spreche das Grundwort
       Ich-Du zu ihm, ist er kein Ding unter Dingen und nicht aus Dingen bestehend. Nicht Er oder
       Sie ist er, von anderen Er und Sie begrenzt, im Weltnetz aus Raum und Zeit eingetragener
        Punkt; <pb ed="A" n="1087"/> und nicht eine Beschaffenheit, erfahrbar, beschreibbar, lockeres
       Bündel benannter Eigenschaften. Sondern nachbarnlos und fugenlos ist er Du und füllt den
       Himmelskreis. Nicht als ob nichts anderes wäre als er: aber alles Andere lebt in <hi rend="italic">seinem</hi> Licht. Wie die Melodie nicht aus Tönen sich zusammensetzt, der
       Vers nicht aus Wörtern und die Bildsäule nicht aus Linien ..., so der Mensch, zu dem ich Du
       sage. Ich kann die Farbe seiner Haare oder die Farbe seiner Rede oder die Farbe seiner Güte
       aus ihm holen, ich muss es immer wieder, aber schon ist er nicht mehr Du.»<note xml:id="n63"><bibl corresp="kbga-bibls-5136"><persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>, <hi rend="italic">Ich und Du</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n46">Anm. 46</ref>), S. 15</bibl> / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 12f</bibl>.</note> Ich finde den Menschen, zu dem ich Du sage, nicht in irgend
       einem Irgendwann und Irgendwo. Den Menschen, zu dem ich Du sage, erfahre ich nicht. Aber ich
       stehe in der Beziehung zu ihm, im heiligen Grundwort. «Beziehung kann bestehen, auch wenn der
       Mensch, zu dem ich Du sage, in seiner Erfahrung es nicht vernimmt. Denn Du ist mehr, als Es
       weiß. Du tut mehr, und ihm widerfährt mehr, als Es weiß. Hierher langt kein Trug: hier ist
       die Wiege des Wirklichen Lebens» (S. 15f.)<note xml:id="n64"><bibl corresp="kbga-bibls-5136">A.a.O., S. 16</bibl>, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5136">S. 15f.</bibl> / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 13</bibl>, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5137">S. 12f</bibl>.</note>. Das <hi rend="italic">Leben mit den geistigen Wesenheiten:</hi>
       Unter «geistigen Wesenheiten» versteht <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> die «Gestalten» der geistigen Wirklichkeit, die
       wir als solche nicht erfahren und nicht beschreiben, sondern nur verwirklichen können. «Und
       doch schaue ich sie, im Glanz des Gegenüber strahlend, klarer als alle Klarheit der
       erfahrenen Welt. Nicht als ein Ding unter den ‹inneren› Dingen, nicht als ein Gebild der
       ‹Einbildung›, sondern als das Gegenwärtige. Auf die Gegenständlichkeit geprüft, ist die
       Gestalt gar nicht ‹da›; aber was ist so gegenwärtig wie sie? Und wirkliche Beziehung ist es,
       darin ich zu ihr stehe: sie wirkt an mir, wie ich an ihr wirke» (S. 17)<note xml:id="n65"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 14</bibl>, dort: «[…] aber was wäre gegenwärtiger
        als sie?»</note>. Sie erschließt sich dem Künstler im Schauen eines Gegenüber, <pb xml:id="p364" ed="pga"/> sie erschließt sich auch dem Erkennenden, so gewiss der
       Erkenntnisakt die Begegnung zwischen einem Wirklichen und einem Wirkenden ist (S. 50f.)<note xml:id="n66">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5136"><persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>, <hi rend="italic">Ich und Du</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n46">Anm. 46</ref>), S. 50f</bibl>. / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 42f</bibl>.: «Erkenntnis: Im Schauen eines Gegenüber
        erschließt sich dem Erkennenden das Wesen. […] Daß das Allgemeine gedacht wird, ist nur eine
        Abwicklung des knäuelhaften Ereignisses, da es im Besonderen, im Gegenüber geschaut wurde.
        […] Wer es daraus erschließt und wieder gegenwärtig schaut, erfüllt den Sinn jenes
        Erkenntnisaktes als eines zwischen den Menschen Wirklichen und Wirkenden. […] So auch die
        Kunst: Im Schauen eines Gegenüber erschließt sich dem Künstler die Gestalt.»</note>. –
       Soviel über die beiden Beziehungen.</p>
      <p>Entsprechend der zwiefältigen Haltung des Menschen, in der er je in der einen oder in der
       anderen dieser beiden Beziehungen steht, ist seine ganze Welt für ihn zwiefältig (S. 39)<note xml:id="n67">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5136">a.a.O., S. 39</bibl> / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 35</bibl>: «Die Welt ist dem Menschen zwiefältig nach
        seiner zwiefältigen Haltung.»</note>. Und diese Zwiefältigkeit kann durch keine Flucht in
       die Ideenwelt als in ein Drittes und Übergegensätzliches überwunden werden. «Für den
       wirklichen Menschen geht die eigentliche Grenze auch quer durch die Welt der Ideen»
        (S. 20)<note xml:id="n68"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 17</bibl></note>. <pb ed="A" n="1088"/> Ein ideales «Ur-Seiendes oder Seinsollendes» wäre doch nur eine neue Form der
       Es-Menschheit, die mit einer leibhaften Menschheit, zu der ein Mensch wahrhaft Du spricht,
       nichts gemein hat. «Die edelste Fiktion ist ein Fetisch, die erhabenste Fiktivgesinnung ist
       ein Laster. Die Ideen thronen ebensowenig über unseren Köpfen, wie sie in ihnen hausen; sie
       wandeln unter uns und treten uns an; beklagenswert, wer das Grundwort ungesprochen lässt,
       aber erbärmlich, wer sie statt dessen mit einem Begriff oder einer Parole anredet, als wäre
       es ihr Name!» (S. 21)<note xml:id="n69"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP,
        S. 17f</bibl>.</note>. Zwischen den beiden Grundworten, Beziehungen und Welten bestehen aber
       die folgenden zwei echten <hi rend="italic">Verhältnisse</hi>:</p>
      <p>Die Ich-Du-Welt transformiert sich notwendig fortwährend zur Ich-Es-Welt. «In bloßer
       Gegenwart lässt sich nicht leben, sie würde einen aufzehren, wenn da nicht vorgesorgt wäre,
       dass sie rasch und gründlich überwunden wird. Aber in bloßer Vergangenheit lässt sich leben,
       ja nur in ihr lässt sich ein Leben einrichten. Man braucht nur jeden Augenblick mit Erfahren
       und Gebrauchen zu füllen, und er brennt nicht mehr.» Ohne Es-Beziehung lässt sich nicht
       leben. Aber wer mit dem Es allein lebt, ist nicht der Mensch (S. 43)<note xml:id="n70"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 38</bibl>.</note>. «Das aber ist die erhabene Schwermut
       unsres Loses, dass jedes Du in unsrer Welt zum Es werden <hi rend="italic">muss</hi>. So
       ausschließlich gegenwärtig es in der unmittelbaren Beziehung war: sowie sie sich ausgewirkt
       hat oder vom Mittel durchsetzt worden ist, wird es zum Gegenstand unter Gegenständen, zum
       vornehmsten etwa, dennoch zu einem von ihnen, in Maß und Grenze gesetzt. ... Der Mensch, der
       eben noch <pb xml:id="p365" ed="pga"/> einzig und unbeschaffen, nicht vorhanden, nur
       gegenwärtig, nicht erfahrbar, nur erfüllbar war, ist nun wieder ein Er oder eine Sie, eine
       Summe von Eigenschaften, ein figurhaftes Quantum geworden. Nun kann ich aus ihm wieder die
       Farbe seiner Haare, die seiner Rede, die seiner Güte holen; aber solange ich es kann, ist er
       mein Du nicht mehr und noch nicht wieder. Jedem Du in der Welt ist seinem Wesen nach
       verhängt, Ding zu werden oder doch immer wieder in die Dinghaftigkeit einzugehen. ... Das Es
       ist die ewige Puppe, das Du der ewige Falter» (S. 24f.)<note xml:id="n71">Im Orig. keine
        Hervorhebung; <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 21f</bibl>., dort: «[…] nur
        gegenwärtig, nicht erfahrbar, nicht berührbar, nur erfüllbar […]. Das Es ist die Puppe, das
        Du der Falter.»</note>. Warum ist das die erhabene <hi rend="italic">Schwermut</hi> unseres
       Loses? Weil eben der unvermeidliche Schritt vom Du zum Es den Schritt heraus aus der
       Wirklichkeit in die <hi rend="italic">Unwirklichkeit</hi> bedeutet. <pb ed="A" n="1089"/> Aber
       eigentlich katastrophal würde dieser Vorgang doch nur dann, wenn der Mensch sich mit dessen
       Ergebnis abfände, statt immer wieder für eine neue Begegnung und also für eine Rückkehr in
       die Ich-Du-Beziehung bereit zu sein. «Ohne Es kann der Mensch nicht leben. Aber wer mit ihm
       allein lebt, ist nicht der Mensch» (S. 43)<note xml:id="n72"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 38</bibl>.</note>.</p>
      <p>Nun aber die Umkehrung, das andere Verhältnis: die Ich-Es-Welt <hi rend="italic">kann</hi>
       sich in die Ich-Du-Welt transformieren. Wie das einzelne Du nach Ablauf des
       Beziehungsvorgangs zu einem Es werden <hi rend="italic">muss</hi>, so <hi rend="italic">kann</hi> das einzelne Es «durch Eintritt in den Beziehungsvorgang zu einem Du werden»
        (S. 42)<note xml:id="n73"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 37</bibl>.</note>. Was zum
       Es sich gewandelt hat, «dem ist, dem zum Ding unter Dingen Erstarrten, der Sinn und die
       Bestimmung eingetan, dass es sich immer wieder entwandle. Immer wieder … soll das
       Gegenständliche zu Gegenwart entbrennen, einkehren im Element, daraus es kam, von Menschen
       gegenwärtig geschaut und gelebt werden» (S. 50)<note xml:id="n74"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 42</bibl>, dort: «[…] einkehren zum Element […].»</note>.
       «Es steht bereit, ihnen allzeit selbst zum Du zu werden und die Du-Welt aufzutun; nein, es
       steht nicht bereit, es kommt immerdar auf sie zu und rührt sie an» (S. 52)<note xml:id="n75"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 44</bibl>.</note>.</p>
      <p>Wer aber bin <hi rend="italic">Ich</hi> in jenen beiden Beziehungen und ihren
       Transformationen? Auch das Ich des Menschen ist, wie wir hörten, zwiefältig. «Denn das Ich
       des Grundworts Ich-Du ist ein anderes als das des Grundworts Ich-Es» (S. 9)<note xml:id="n76"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 7</bibl>.</note>. In der Ich-Es-Beziehung bin ich
       nicht wirklich Ich. Ich bin Ich in der Ich-Du-Beziehung. «Der Mensch wird am Du zum Ich»
        (S. 36)<note xml:id="n77"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 32</bibl>.</note>. «<hi rend="italic">Person</hi> erscheint, indem sie zu anderen Personen in <hi rend="italic">Beziehung</hi> tritt» (S. 75)<note xml:id="n78">Im Orig. keine Hervorhebungen; <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 65</bibl>.</note>. Und wer zu anderen Personen in
       Beziehung steht, der nimmt eben damit an einer <hi rend="italic">Wirklich<pb xml:id="p366" ed="pga" break="no"/>keit</hi> teil, an einem Sein, das nicht bloß an ihm und nicht bloß
       außer ihm ist. In dieser Teilnahme wird das <hi rend="italic">Ich selber wirklich</hi> und
       umso wirklicher, je vollkommener die Teilnahme ist (S. 75)<note xml:id="n79"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 65</bibl>.</note>. Kein Mensch ist freilich <hi rend="italic">reine</hi> Person, und so lebt auch keiner ganz wirklich, wie umgekehrt auch
       keiner nur <hi rend="italic">reines</hi> Eigenwesen ist und also ganz unwirklich lebt. Wir
       leben eben im zwiefältigen Ich. «Aber es gibt Menschen, die so personbestimmt sind, dass man
       sie <hi rend="italic">Person</hi>, und so eigenwesenbestimmte, dass man sie <hi rend="italic">Eigenwesen</hi> nennen darf. Zwischen jenen und diesen trägt sich die wahre Geschichte aus»
        (S. 77)<note xml:id="n80">Im Orig. keine Hervorhebungen; <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP,
         S. 67f.</bibl></note>. <pb ed="A" n="1090"/> «Nach seinem Ich-Sagen – danach, was er meint,
       wenn er Ich sagt – entscheidet sich, wohin ein Mensch gehört und wohin seine Fahrt geht. Das
       Wort ‹Ich› ist das wahre Schibboleth der Menschheit» (S. 78)<note xml:id="n81"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 68</bibl>.</note>. Man höre das Mitleid oder Grauen
       erregende, das peinliche oder widerwärtige Ich des Eigenmenschen! Es wird immer misstönig
       sein: «Wer das abgetrennte Ich mit großem Anfangsbuchstaben spricht, deckt die Schande des
       Weltgeistes auf, der zur Geistigkeit erniedrigt worden ist» (S. 78)<note xml:id="n82"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 68</bibl>.</note>. Wie schön und rechtmäßig klingt dagegen
       das zulängliche wahre und reine Ich-Sagen der großen Verbundenen, das Ich des Sokrates als
       das Ich des unendlichen Gespräches, das noch in der Einsamkeit das Daimonion Du sagen lässt –
       das Ich Goethes in seinem reinen Umgang mit der Natur, das Ich Jesu als das Ich der
       unbedingten Beziehung, «darin der Mensch sein Du so Vater nennt, dass er selbst nur noch Sohn
       und nichts Anderes mehr ist als Sohn» (S. 79f.)<note xml:id="n83">Zitat: <bibl corresp="kbga-bibls-5136"><persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>, <hi rend="italic">Ich und Du</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n46">Anm. 46</ref>), S. 80</bibl>, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5136">S. 79</bibl> / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP,
        S. 69</bibl>.</note>. Zu Personen und Eigenwesen kommt dann freilich als düsterer dritter
       Ich-Sager noch hinzu das <hi rend="italic">dämonische Du</hi> dessen, der seinerseits kein Du
       kennt, weil er nur in der Sphäre seiner Sache lebt, der Mensch, an dem wohl unermesslich
       teilgenommen wird als an einer Wirklichkeit, der aber selber an keiner Wirklichkeit
       teilnimmt: Napoleon, «der Herr des Zeitalters», dessen Ich nur das notwendige Satzsubjekt
       seiner Feststellungen und Anordnungen, das Ich eines Vollzugs ist, das sich erst, als es aus
       seiner Sache geworfen war, auf sich selber besinnen durfte. Jedes Urteil versagt gegenüber
       solcher Erscheinung, und jeder Versuch, sie nachzuahmen, könnte nur «die Heillosigkeit des
       eigenen Selbstwiderspruchs» verraten (S. 80f.)<note xml:id="n84">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5136">a.a.O., S. 80–83 (Zitate: S. 80.83)</bibl> / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 70–72 (Zitate: S. 70.72)</bibl>.</note>.</p>
      <p>Die wahre Geschichte zwischen Person und Eigenwesen und also die wahre Geschichte des
       zwiefältigen Ich ist die seiner Beziehung zum <hi rend="italic">ewigen Du.</hi> Jedes
       geeinzelte Du ist ein Durchblick zu ihm. Die Erfülltheit und die Unerfülltheit der
       Beziehungen zum Du aller Wesen kommt aus deren Mittlertum: durch jedes geeinzelte Du spricht
       das Grundwort das ewige Du an, das seinem Wesen nach nicht Es werden kann. Man hat es mit
       vielen Namen angesprochen, und zwar auch und immer stärker in der Es-Sprache. «Aber alle
       Gottesnamen <pb xml:id="p367" ed="pga"/> bleiben geheiligt: weil in ihnen nicht bloß <hi rend="italic">von</hi> Gott, sondern auch <hi rend="italic">zu</hi> ihm geredet worden ist.»
        <pb ed="A" n="1091"/> Was wiegt alle Irr-Rede über Gottes Wesen und Werke gegen die eine
       Wahrheit, dass alle Menschen, die Gott angesprochen haben, ihn selbst meinten? (S. 89)<note xml:id="n85">Im Orig. keine Hervorhebungen; <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP,
         S. 76f</bibl>.</note>. Ihn spricht auch der vermeintlich Gottlose an, wenn er mit seinem
       ganzen hingegebenen Wesen das von keinem Anderen einzuschränkende Du seines Lebens anspricht.
       Der vollkommene Beziehungsvorgang zwischen ihm und uns ist eine Begegnung, in der uns wohl
       unser Wille, nicht aber die uns widerfahrende Gnade einsichtig wird (S. 90)<note xml:id="n86">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 77</bibl>.</note>. Das ewige Du tritt mir
       gegenüber, und ich trete in unmittelbare Beziehung zu ihm. «So ist die Beziehung
       Erwähltwerden und Erwählen, Passion und Aktion in einem … die Tätigkeit des ganz gewordenen
       Menschen, die man das Nichttun genannt hat», sofern nichts Einzelnes von ihm in Bewegung ist
       und in die Welt eingreift, sofern er als Ganzer und in seiner Ganzheit ruhend wirkt
        (S. 91)<note xml:id="n87"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 78</bibl>.</note>.</p>
      <p>Um zu dieser letzten Begegnung auszugehen, bedarf es aber nicht etwa eines Abstreifens der
       Sinnenwelt als einer Scheinwelt. Es gibt keine Scheinwelt. Es gibt nur die wirkliche Welt in
       ihrer Zwiefältigkeit und Zwiespältigkeit. Nur der Bann des Abgetrenntseins ist abzutun. Und
       alle Vorschrift, alle angebbare Vorbereitung, Übung und dergleichen hat noch in der Es-Welt
       seinen Platz, hat also mit dem ureinfachen Faktum der Begegnung noch nichts zu schaffen.
       Nicht, wie die Mystik meint, das Ich ist aufzugeben, sondern der «falsche
       Selbstbehauptungstrieb, der den Menschen von der unzuverlässigen, undichten, dauerlosen,
       unübersehbaren, gefährlichen Welt der Beziehung in das Haben der Dinge flüchten lässt»
        (S. 91f.)<note xml:id="n88"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 78f</bibl>.</note>. «In
       der Beziehung zu Gott sind unbedingte Ausschließlichkeit und unbedingte Einschließlichkeit
       eins. Wer in die absolute Beziehung tritt, den geht nichts Einzelnes mehr an, nicht Dinge und
       nicht Wesen, nicht Erde und nicht Himmel; aber Alles ist in die Beziehung eingeschlossen.
       Denn nicht von Allem absehen heißt in die reine Beziehung treten, sondern Alles im Du sehen;
       nicht der Welt entsagen, sondern sie in ihren Grund stellen. Von der Welt wegblicken, das
       hilft nicht zu Gott; auf die Welt hinstarren, das hilft auch nicht zu ihm; aber wer die Welt
       in ihm schaut, steht in seiner Gegenwart. ‹Hier Welt, dort Gott› – das ist Es-Rede; und ‹Gott
       in der Welt› <pb ed="A" n="1092"/> – das ist andere Es-Rede; aber nichts ausschalten, nichts
       dahinterlassen, alles – all die Welt mit im Du begreifen, der Welt ihr Recht und ihre
       Wahrheit geben, nichts neben Gott, aber auch alles in ihm fassend, das ist vollkommene
       Beziehung. Man findet Gott nicht, wenn man in der Welt bleibt, man findet Gott nicht, wenn
       man aus der Welt geht. Wer mit dem ganzen Wesen zu seinem Du ausgeht und alles Weltwesen ihm
       zuträgt, findet ihn, den man nicht suchen kann. Gewiss ist Gott ‹das ganz Andere›; aber er
       ist auch das <pb xml:id="p368" ed="pga"/> ganz Selbe: das ganz Gegenwärtige. Gewiss ist er
       das Mysterium tremendum<note xml:id="n89"><persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>
        spielt damit an auf Grundbegriffe bei <bibl corresp="kbga-bibls-52"><persName ref="kbga-actors-311">R.Otto</persName>, <hi rend="italic">Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein
         Verhältnis zum Rationalen</hi>, Breslau 1918<hi rend="sup">2</hi>, S. 13ff.28ff.
        u. ö</bibl>.</note>, das erscheint und niederwirft; aber er ist auch das Geheimnis des
       Selbstverständlichen, das mir näher ist als mein Ich. Wenn du das Leben der Dinge und der
       Bedingtheit <hi rend="italic">ergründest</hi>, kommst du an das Unauflösbare, wenn du das
       Leben der Dinge und der Bedingtheit <hi rend="italic">bestreitest</hi>, gerätst du vor das
       Nichts, wenn du es <hi rend="italic">heiligst</hi>, begegnest du dem lebendigen Gott. Der
       Du-Sinn des Menschen, dem aus den Beziehungen zu allem einzelnen Du die Enttäuschung des
       Es-Werdens widerfährt, strebt über sie alle hinaus und doch nicht hinweg seinem ewigen Du zu.
       Nicht wie man etwas sucht: es gibt in Wahrheit kein Gott-Suchen, weil es nichts gibt, wo man
       ihn nicht finden könnte. Wie töricht und hoffnungslos wäre Einer, der vom Weg seines Lebens
       abwiche, um Gott zu suchen: ob er auch alle Weisheit der Einsamkeit und alle Macht der
       Sammlung gewänne, ihn verfehlte er. Vielmehr ist es, wie wenn Einer seines Wegs geht und nur
       eben wünscht, es möchte der Weg sein; in der Kraft seines Wunsches äußert sich sein Streben.
       Jedes Beziehungsereignis ist eine Station, das ihm einen Blick in das erfüllende auftut; so
       ist er in Allen des Einen unteilhaftig, aber teilhaftig auch, weil er gegenwärtig ist.
       Gegenwärtig, nicht suchend, geht er seines Wegs; daher hat er die Gelassenheit zu allen
       Dingen und die Berührung, die ihnen hilft. Aber wenn er gefunden hat, ist sein Herz ihnen
       nicht abgewandt, ob ihm nun auch Alles in Einem begegnet. Er segnet alle Zellen, die ihn
       beherbergt haben, und alle, in denen er noch einkehren wird. Denn dieses Finden ist nicht ein
       Ende des Wegs, nur seine ewige Mitte» (S. 93f.)<note xml:id="n90"><bibl corresp="kbga-bibls-5136"><persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>, <hi rend="italic">Ich und Du</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n46">Anm. 46</ref>), S. 93–95</bibl> (im Orig. keine Hervorhebungen) /
         <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 80f</bibl>., dort: «[…] wenn du das Leben heiligst,
        begegnest du […]», und: «Jedes Beziehungsereignis ist eine Station, die ihm einen Blick in
        das erfüllende auftut; […].»</note>. Die Gottesbeziehung ist also «nicht eine Beziehung
       neben den anderen; sie ist die <pb ed="A" n="1093"/> Allbeziehung, in die alle Ströme sich
       ausgießen, ohne darum zu versiegen. Meer und Ströme – wer will hier scheiden und Grenzen
       bestimmen? Das ist nur das Eine Fluten von Ich zu Du, immer unendlicher, die Eine grenzenlose
       Flut des Wirklichen Lebens. Man kann sein Leben nicht zwischen eine wirkliche Beziehung zu
       Gott und ein unwirkliches Ich-Es-Verhältnis zur Welt aufteilen – zu Gott wahrhaft beten und
       die Welt benützen. Wer die Welt als das zu benützende kennt, kennt auch Gott nicht anders»
        (S. 124)<note xml:id="n91"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 108f</bibl>.</note>. «In
       jeder Sphäre (Natur, Mensch, geistige Wesenheiten), in jedem Beziehungsakt, durch jedes uns
       gegenwärtig Werdende blicken wir an den Saum des ewigen Du hin, aus jedem vernehmen wir ein
       Wehen von ihm, in jedem Du reden wir das ewige an, in jeder Sphäre nach ihrer Weise. Alle
       Sphären sind in ihm beschlossen, es in <pb xml:id="p369" ed="pga"/> keiner. Durch alle strahlt
       die eine Gegenwart. Wir aber können jede der Gegenwart entheben» (S. 118)<note xml:id="n92"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 103</bibl>.</note>.</p>
      <p>Was aber geschieht in dieser Beziehung? Gefühle wie Abhängigkeitsgefühl oder Kreaturgefühl
       können das metaphysische und metapsychische Faktum der vollkommenen Beziehung doch nur
       begleiten.<note xml:id="n93">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5136"><persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>, <hi rend="italic">Ich und Du</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n46">Anm. 46</ref>),
         S. 95</bibl> / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 82</bibl>.</note> Entscheidend ist
       nicht das, was wir faktisch fühlend wissen: dass wir Gott brauchen. Entscheidend ist dies,
       dass Gott uns braucht: zu eben dem, was der Sinn unseres Lebens ist, dass wir selbst an der
       Schöpfung teilnehmen, dem Schaffenden begegnen, uns ihm hinreichen, seine Helfer und
       Gefährten sind (S. 97)<note xml:id="n94">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP,
         S. 83f</bibl>.</note>. Zwei große Diener gehen durch die Zeiten: das <hi rend="italic">Gebet</hi> und das <hi rend="italic">Opfer</hi>, beide von aller Magie dadurch
       unterschieden, dass sie sich «vor das Angesicht stellen», in die Vollendung des heiligen
       Grundwortes, das Wechselwirkung bedeutet. Gebet und Opfer <hi rend="italic">sprechen</hi> Du,
       und sie <hi rend="italic">vernehmen</hi> (S. 97f.)<note xml:id="n95">Im Orig. keine
        Hervorhebungen; <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 84</bibl>.</note>. Ihnen steht der
       Irrtum aller mystischen Versenkungslehren gegenüber, die sich mit Unrecht auf das
       Johannesevangelium berufen, ist doch gerade dieses «das Evangelium der reinen Beziehung»,
       nämlich der des Vaters und des Sohnes, d. h. Gottes und des Menschen (S. 98f[f].)<note xml:id="n96"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 85f</bibl>.</note>. Annehmbar ist von
       den Lehren der Mystik nur die vom Einswerden der Seele, sofern man sie als das Einswerden des
       Menschen mit sich selber verstehen darf: «Die Kräfte sammeln sich in den Kern ein. Alles, was
       sie abziehen will, wird einbewältigt, das Wesen steht allein in sich selbst und jubiliert,
       wie <persName ref="kbga-actors-5162">Paracelsus</persName> spricht, in seiner Exal<pb ed="A" n="1094" break="no"/>tation. Das ist der entscheidende Augenblick des Menschen. Ohne ihn ist
       er zum Werk des Geistes nicht tauglich. Mit ihm: es entscheidet sich in einem Innersten, ob
       dies Rüste oder Genügen bedeutet. Der Mensch kann, zur Einheit <hi rend="italic">gesammelt</hi>, zur nun erst vollkommen geratenen Begegnung mit dem Geheimnis und Heil <hi rend="italic">ausgehen</hi>. Er kann aber auch die Seligkeit der Sammlung auskosten und,
       ohne sich in die höchste Pflicht zu nehmen, in die Zerstreuung zurückkehren» (S. 101)<note xml:id="n97">Im Orig. keine Hervorhebungen; <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP,
         S. 87f.</bibl></note>. Dies ist es, was nicht geschehen darf! Jene Einung des Ich mit sich
       selber, jene Einsammlung der Kräfte in den Kern wird sich gerade nicht unter Absehen von der
       wirklichen Person vollziehen dürfen, wenn sie in die gelebte Wirklichkeit und nicht doch
       wieder in die Unwirklichkeit führen soll. Sie «achtet die Triebkräfte nicht zu unrein, das
       Sinnhafte nicht zu peripher, das Gemüthafte nicht zu flüchtig – alles muss einbezogen,
       einbewältigt werden. Sie will nicht das abgezogene Selbst, sie will den ganzen,
       ungeschmälerten Menschen. Sie meint Wirklichkeit und ist es» (S. 104f.)<note xml:id="n98"> Im
        Orig.: «das Triebhafte» statt «die Triebkräfte»; <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP,
         S. 91</bibl>.</note>. «Ich weiß nichts von einer ‹Welt› und von einem ‹Weltleben›, die
       einen von Gott trennten; was so genannt wird, <pb xml:id="p370" ed="pga"/> ist das Leben mit
       einer verfremdeten Eswelt, das erfahrende und gebrauchende. Wer wahrhaft zur Welt ausgeht,
       geht zu Gott aus. <hi rend="italic">Sammlung</hi> und <hi rend="italic">Ausgehen</hi>, beide
       wahrhaft, das Ein-und-Andre, welches das Eine ist, tut not. Gott umfasst das All, und ist es
       nicht; so aber auch umfasst Gott mein Selbst und ist es nicht. Um dieses Unbesprechbaren
       willen kann ich in meiner Sprache, wie jeglicher in seiner, Du sagen; um dieses willen gibt
       es Ich und Du, gibt es Zwiesprache, gibt es Sprache, gibt es den Geist, dessen Urakt sie ist,
       gibt es in Ewigkeit das <hi rend="italic">Wort</hi>» (S. 110f.)<note xml:id="n99">Im Orig.
        keine Hervorhebung; <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 96f.</bibl></note>. Man lasse
       sich durch die Antinomik der religiösen Situation nicht abschrecken und nicht irre machen!
       Ich weiß: «Ich bin anheimgegeben. Und ich weiß zugleich: Es kommt auf mich an» (S. 112)<note xml:id="n100"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 97</bibl>.</note>. «Wer die These <hi rend="italic">annimmt</hi> und die Antithese <hi rend="italic">ablehnt</hi>, verletzt den
       Sinn der Situation. Wer eine Synthese zu denken versucht, zerstört den Sinn der Situation.
       Wer die Antinomik zu <hi rend="italic">relativieren</hi> strebt, hebt den Sinn der Situation
       auf. Wer irgendwie <hi rend="italic">anders</hi> als mit dem <hi rend="italic">Leben</hi> den
       Widerstreit der Antinomik austragen will, vergeht sich gegen den Sinn der Situation. Der Sinn
       der Situation ist, dass sie in all ihrer Antinomik gelebt und nur gelebt und <pb ed="A" n="1095"/> immer wieder, immer neu, unvorsehbar, unvordenkbar, unvorschreibbar gelebt wird»
        (S. 111)<note xml:id="n101">Im Orig. keine Hervorhebungen; <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 96f.</bibl></note>.</p>
      <p>In solchem Leben in der reinen Beziehung zum ewigen Du hin besteht der die Eswelt
       durchdringende und verwandelnde <hi rend="italic">Geist. Umkehr</hi> ist die Wesenstat des
       Menschen, in welcher er sich Gott als dem Kontinuum und der Mitte der Duwelt zuwendet und in
       welcher der Geist in der Begegnung zwischen Ich und Du Ereignis wird – und das vielleicht
       nicht nur in uns, sondern vielleicht auch als Selbsterlösung des Alls in seiner Hinwendung zu
       dem Urgrund, von dem es sich abgewendet hatte. Aber hier versagt unser Wissen um die Zwiefalt
       und um deren Überwindung vor der Paradoxie des Urgeheimnisses (S. 116f.)<note xml:id="n102"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 91</bibl>.</note>. Und nun gibt es unter den drei
       Sphären der Duwelt, in die wir auch hinsichtlich der Begegnung mit dem ewigen Du gewiesen
       sind, eine, nämlich die des Lebens mit dem <hi rend="italic">Menschen</hi>, die sich vor den
       anderen dadurch auszeichnet, dass hier die Beziehung «sprachgewaltig» wird (S. 117)<note xml:id="n103"><bibl corresp="kbga-bibls-5136"><persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>, <hi rend="italic">Ich und Du</hi>
        (<ref type="pub" target="#fn_n46">Anm. 46</ref>), S. 117</bibl> / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 103</bibl>:
        «sprachgestaltig».</note>, in welcher Ich und Du nicht nur in Beziehung, sondern auch in
        «<hi rend="italic">Redlichkeit</hi>» stehen. «Hier ist das Gegenüber zur vollen Wirklichkeit
       des Du erblüht, hier allein gibt es denn auch als unverlierbare Wirklichkeit Schauen und
       Geschautwerden, Erkennen und Erkanntwerden, Lieben und Geliebtwerden. Dies ist das
       Hauptportal, in dessen umfangende Öffnung die beiden Seiten eingehen. ‹Wenn ein Mann mit
       seinem Weibe beisammen ist, sind sie von der Sehnsucht der ewigen Hügel umweht.› Die
       Beziehung zum Menschen ist das eigentliche Gleichnis der Beziehung zu Gott: darin wahrhafter
       Ansprache wahrhafte Ant<pb xml:id="p371" ed="pga" break="no"/>wort zuteil wird. Nur dass in
       Gottes Antwort sich Alles, sich das All als Sprache offenbart».<note xml:id="n104"><bibl corresp="kbga-bibls-5136">A.a.O., S. 119</bibl> / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP,
         S. 104f.</bibl></note></p>
      <p>Das aber heißt <hi rend="italic">Offenbarung</hi>: das Urphänomen der Tatsache, «dass der
       Mensch aus dem Moment der höchsten Begegnung nicht als der gleiche hervorgeht, als der er in
       ihn eingegangen ist», die Wirklichkeit, dass wir <hi rend="italic">empfangen</hi>, was wir
       zuvor <hi rend="italic">nicht</hi> hatten.<note xml:id="n105"><bibl corresp="kbga-bibls-5136">A.a.O., S. 126</bibl> (im Orig. keine Hervorhebungen) / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 110f</bibl>.</note> Der Mensch empfängt: nicht einen Inhalt, wohl aber eine <hi rend="italic">Gegenwart</hi> als <hi rend="italic">Kraft</hi>. Und diese Gegenwart und Kraft
       schließt ungeschieden in sich: die Fülle wirklicher <hi rend="italic">Gegenseitigkeit</hi>,
       wirklichen Aufgenommenwerdens und Verbundenseins <hi rend="italic">und</hi> die
       unaussprechliche Bestätigung des <hi rend="italic">Sinnes</hi>, und zwar des Sinnes dieses
       unseres Lebens, dieser unserer Welt, der in diesem Leben, an dieser Welt von uns bewährt
       werden will (S. 127)<note xml:id="n106">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5136">a.a.O.,
         S. 127</bibl> / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 111f</bibl>.: «Der Mensch empfängt,
        und er empfängt nicht einen ‹Inhalt›, sondern eine Gegenwart, eine Gegenwart als Kraft.
        Diese Gegenwart und Kraft schließt dreierlei ein, ungeschieden, und doch so, daß wir es als
        drei gesondert betrachten dürfen. Zum ersten die ganze Fülle der wirklichen Gegenseitigkeit,
        des Aufgenommenwerdens, des Verbundenseins; […]. Und das ist das zweite: die
        unaussprechliche Bestätigung des Sinns. […] Dies ist das dritte: es ist nicht der Sinn eines
        ‹andern Lebens›, sondern dieses unseres Lebens, nicht der eines ‹Drüben›, sondern dieser
        unserer Welt, und er will in diesem Leben, an dieser Welt von uns bewährt werden.»</note>.
        <pb ed="A" n="1096"/> Erfahren kann man diesen Sinn nicht. Er kann aber empfangen und er kann
       getan werden! Getan! Er kann ja nicht in mir verschlossen, er will durch mich in die Welt
       geboren werden (S. 127f.)<note xml:id="n107">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5136">a.a.O.,
         S. 127f</bibl>. / <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 112</bibl>: «Der Sinn kann
        empfangen werden, aber er kann nicht erfahren werden; er kann nicht erfahren werden, aber er
        kann getan werden; und dies meint er mit uns. Die Bürgschaft will nicht in mir verschlossen,
        sondern durch mich in die Welt geboren werden.»</note>. Es kann aber, so gewiss er sich
       nicht in einem allgemein gültigen und annehmbaren Wissen ausprägt, diese seine Bewährung auch
       nicht als ein allgemein geltendes, auf Tafeln zu verzeichnendes Sollen tradiert werden. «Zu
       bewähren vermag den empfangenen Sinn jeder nur mit der Einzigkeit seines Wesens und in der
       Einzigkeit seines Lebens. Wie uns zur Begegnung keine Vorschrift führen kann, so führt auch
       aus ihr keine. ... Wie man mit dem bloßen Du auf den Lippen zu dieser Begegnung gelangt, so
       wird man mit ihm auf den Lippen aus ihr zur Welt entlassen.» Das Geheimnis hat sich uns als
       Heil kundgetan, es ist geblieben, was es war. Wir haben es erkannt, aber wir haben keine
       Erkenntnis von ihm, die uns seine Geheimnishaftigkeit minderte und milderte. Wir können nur
       gehen und bewähren. Und auch dies «sollen» wir nicht – wir können – wir müssen (S. 128)<note xml:id="n108"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 112f</bibl>.</note>. «Das ist die
       ewige, die im Jetzt und Hier gegenwärtige Offenbarung. Ich weiß von keiner, die nicht im
       Urphänomen die gleiche wäre, ich glaube an keine. Ich glaube nicht an eine <pb xml:id="p372" ed="pga"/> Selbstbenennung Gottes […] vor den Menschen. Das Wort der Offenbarung ist: Ich
       bin, der Ich bin. Das Offenbarende ist das Offenbarende. Das Seiende <hi rend="italic">ist</hi>, nichts weiter. Der ewige Kraftquell strömt, die ewige Berührung harrt, die ewige
       Stimme tönt, nichts weiter» (S. 129)<note xml:id="n109">Im Orig. keine Hervorhebung; <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 113</bibl>, dort: «Das Wort der Offenbarung ist: Ich bin
        da als der ich da bin. […] Das Seiende ist da, nichts weiter.»</note>. Denn auch die
       gewaltigen Offenbarungen am Anfang der großen Gemeinschaften, in den Wenden der Menschenzeit,
       die Offenbarungen Gottes in besonderer Gestalt, auf die sich die Religionen berufen, sind ja
       wesentlich nichts Anderes als die eine, ewige Offenbarung (S. 134)<note xml:id="n110"> Vgl.
         <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 118</bibl>.</note>. Kann uns solche Offenbarung
       Gegenwart bleiben, und wie kann das geschehen? Wirkliche Offenbarung hat in der Tat eine
       Kontinuität: «Die Momente der höchsten Begegnung sind […] nicht Blitze in der Finsternis,
       sondern wie aufsteigender Mond in einer klaren Sternennacht» (S. 132).<note xml:id="n111"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 116</bibl>.</note> Diese Kontinuität kann aber
       nicht darin bestehen, dass wir auch das ewige Du zum Es, zu einem Gott-Ding und
       Glaubensobjekt machen. Einsammlung und Ausgehen muss stets erneute Wesensbewegung und Wesens
        <pb ed="A" n="1097"/> tat bleiben. Sie müssen es immer wieder werden. Es darf sich also die
       Dennoch-Zuversicht des Kämpfers, der Gottferne und Gottnähe kennt, nie verwandeln in die
       Sicherheit des Nutznießers, ihm könne nichts geschehen, weil er glaube, dass Einer sei, der
       ihm nichts geschehen lasse. Glaube und Kult dürfen nicht aus Ergänzungen zum Ersatz der
       Beziehungsakte werden (S. 131)<note xml:id="n112">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP,
         S. 115</bibl>.</note>. Es muss die Gestalt Gottes aus der Erstarrung zum Gegenstand, der
       sie im Glauben und im Kult immer wieder zu verfallen droht<note xml:id="n113">Tskr.:
        «drohen»; Änderung durch die Hrsg.</note>, immer wieder Gegenwart werden, indem Glaube und
       Kult sich im wahren Gebet vereinigen und reinigen zur lebendigen Beziehung (S. 136)<note xml:id="n114"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">Vgl. DP, S. 119f</bibl>.</note>. Der Mensch
       wird der Beziehung zu Gott, deren er teilhaftig geworden ist, gerecht werden, wenn er nach
       seiner Kraft, nach dem Maß jedes Tages neu Gott in der Welt verwirklicht. Darin liegt die
       einzige echte Bürgschaft der Kontinuität (S. 132)<note xml:id="n115"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 116</bibl>.</note>. «Im Ausgesandtsein bleibt Gott dir
       Gegenwart» (S. 133)<note xml:id="n116"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP,
        S. 117</bibl>.</note>. Die Geschichte im Ganzen aber ist das Hin und Her der Zeiten, in
       denen das wesende Wort <hi rend="italic">erscheint</hi>, die Verbundenheit von Ich und Welt
       sich erneuert – der anderen Zeiten, in denen das wirkende Wort <hi rend="italic">regiert</hi>
       und das Einvernehmen zwischen Ich und Welt sich erhält – und der noch anderen Zeiten, in
       denen das Wort <hi rend="italic">geltend</hi> wird und in denen sich die Entwirklichung, die
       Verfremdung zwischen Ich und Welt vollzieht, «bis der große Schauder kommt und das
       Atemanhalten im Dunkel und das bereitende Schweigen». Doch ist diese Bahn kein Kreislauf. Sie
       ist es darum <pb xml:id="p373" ed="pga"/> nicht, weil die Krisen in jedem Äon akuter werden
       und weil in demselben Maß auch die Theophanie näher rückt. «Die Geschichte ist eine
       geheimnisvolle Annäherung. Jede Spirale ihres Wegs führt uns in ein tieferes Verderben und in
       grundhaftere Umkehr zugleich. Das Ereignis aber, dessen Weltseite <hi rend="italic">Umkehr</hi> heißt, dessen Gottesseite heißt <hi rend="italic">Erlösung</hi>»
        (S. 137f.)<note xml:id="n117">Im Orig. keine Hervorhebungen; <bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 121</bibl>.</note>.</p>
       </div>
      </div>    
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  <div>
    <div>
      <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Die Größe und das Verdienst von <persName ref="kbga-actors-934">Martin
        Bubers</persName> Konzeption besteht in der unerbittlichen Klarheit und Konsequenz, in der
       er im Gegensatz zu allen <term ref="kbga-keywords-1379">Idealisten</term> und <term ref="kbga-keywords-1307">Mystikern</term>, aber auch zur großen Mehrzahl der christlichen
        <term ref="kbga-keywords-487">Theologen</term> auf die Ich-Du-Beziehung als auf das
        wesentlich <pb ed="A" n="1098"/>
       <term key="Mensch, Ich-Du-Beziehung als das wesentlich Menschliche">Menschliche</term> und
       eben damit als auf den Inbegriff des von Gott Gewollten hingewiesen hat. Eben darum haben wir
       diese Konzeption hier zur Sprache gebracht. <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> hat es in dem Entwurf, an den wir uns hier
       zu halten haben, unterlassen wollen, sie – von einigen wenigen Anspielungen abgesehen – zu
       der Quelle, aus der er letztlich zweifellos geschöpft hat, nämlich dem <hi rend="italic">Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term></hi> seines Volkes Israel, in ein ausgesprochenes Verhältnis zu setzen. Sie
       muss aber tatsächlich in ihrer ganzen Verflechtung mit allerlei modernen Philosophumenen im
       entscheidenden Punkt von dorther – von einem nun allerdings ohne ernstliche Berücksichtigung
       seines Zusammenhangs mit dem Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testament</term> gelesenen
       Alten Testament aus – verstanden werden. Bubers ewiges Du ist <hi rend="italic">der Heilige
         <term key="Gott, Heiliger Israels">Israels</term></hi>: allerdings unter Abstrich der
       Tatsache, dass dieser sich nicht begnügt hat, ewiges Du zu sein und zu bleiben, wie er auch
       in sich selber nicht nur ewiges Du, sondern Du und Ich ist, um daraufhin, in der Erfüllung
       seines in und mit der Schöpfung anhebenden <term key="Bund">Bundes</term>, dem Menschen
       zugute auch menschliches Du und Ich zu werden. Und der in der Person <persName ref="kbga-actors-934">Bubers</persName> denkende und redende und der von ihm angeredete und
       belehrte Mensch ist <hi rend="italic">der israelitische <term ref="kbga-keywords-783">Mensch</term></hi>: allerdings unter Abstrich der Tatsache, dass dieser Mensch nicht
       darauf angewiesen ist, dem ewigen Du im Du der Natur, des Menschen und der geistigen
       Wesenheiten zu begegnen, in der Wesenstat seiner Umkehr seiner Gnade teilhaftig zu werden und
       damit seine eigene Erlösung zu verwirklichen, dass er vielmehr das Wesen ist, dem das ewige
       Du Treue geschworen und gehalten hat trotz seiner Untreue und dem es sich ohne dessen
       Wesenstat und ihr entgegen zum <term key="Gott, Erlöser">Erlöser</term> gesetzt hat.</p>
      <p>Sieht man von diesem doppelten Abstrich ab, so erkennt man doch in der klaren
       Entgegenstellung und Verbindung von Gott und Mensch unschwer den Ursprung und Sinn von Bubers
       Thema und das eigentümliche Pathos seiner These, mit der er inmitten des verworrenen <term key="Humanismus">Humanismus</term> der Zeit nach dem ersten <term ref="kbga-keywords-170">Weltkrieg</term> bei aller Verbundenheit mit ihren Tendenzen und ihrer Sprache wie ein Gast
       aus einer längst vergessenen Welt auf den Plan getreten ist. Es konnte schon wegen dieses
       ihres geschichtlichen Zusammenhangs nicht <pb ed="A" n="1099"/> anders sein, als dass sie
       Eindruck machte und bis heute Eindruck macht. – Versuchen wir es, deutlich zu machen, wie
       sich jener große Abstrich vom wirklichen Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term>
       in dieser Konzeption ausgewirkt hat:</p>
    

      <p><pb xml:id="p374" ed="pga" rend="noPipe"/>1. Der Titel von <persName ref="kbga-actors-934">Bubers</persName> Buch lautet: «Ich und Du», und schon daraus ist ersichtlich, dass es bei
       ihm zu jener Umkehrung der theologischen Grammatik <hi rend="italic">nicht</hi> gekommen ist.
       Sein Problem ist und bleibt das <hi rend="italic">Ich:</hi> seine <hi rend="italic">Not</hi>,
       sofern es in der Ich-Es-Beziehung befangen bleibt, seine <hi rend="italic">Befreiung</hi>,
       sofern es zur Ich-Du-Beziehung durchbricht, aber immer diese <hi rend="italic">seine</hi>
       Zwiespältigkeit und immer und bis zuletzt <hi rend="italic">seine</hi> Erlösung aus oder in
       dieser Zwiespältigkeit. Dass das Ich nur vom Du her und nur zum Du hin ist, das wird zwar
       kräftig und folgerichtig genug behauptet. Der Schritt wird aber im ganzen Buch nirgends
       gewagt, dieser Behauptung entsprechend nun wirklich von einem Du her über das Ich zu denken,
       das Ich von einem Du her zu konstituieren. Das Zentrum aller Überlegungen, das Gegebene und
       Gewisse, von dem sie alle ausgehen und zu dem sie alle zurückkehren, bleibt das Ich in der
       Dialektik seiner beiden Beziehungen, und der Skopus aller Ermahnung bleibt der Aufruf zu der
       von <hi rend="italic">ihm</hi> zu vollziehenden Wesenstat. Diese besteht in der Realisierung
       seiner Beziehung zum Du. Aber eben der Aufruf zu dieser Wesenstat des <hi rend="italic">Ich</hi>, in welcher es mit der ihm in allem Du begegnenden Gnade des ewigen Du in
       unbegreiflicher Weise zusammenwirkt, bleibt das <hi rend="italic">letzte</hi> Wort, wie die
       Konstatierung seiner Befangenheit in der Hingabe an das Es das <hi rend="italic">erste</hi>
       Wort gewesen ist. Das Ich bleibt Herr der Lage. Es wird es in der Ich-Du-Beziehung sogar erst
       recht. Es kommt in ihr zu sich selbst, um wieder von sich selbst auszugehen. Es bekommt aber
       seinerseits keinen Herrn. Es muss so sein, und es muss dabei bleiben. Dem Du der Natur, des
       Menschen und der geistigen Wesenheiten gegenüber ist dieser Primat des Ich nur natürlich. Und
       eine solche Gegenwart des ewigen Du, die dieses zum selbständigen, und zwar zum
       ursprünglichen Thema machen und jenen Primat aufheben würde, ist nun einmal nicht vorgesehen,
       sondern durch jenen Abstrich am Gottes- und Menschenbegriff des wirklichen Alten <term key="Altes Testament, Gottes- und Menschenverständnis">Testamentes</term> grundsätzlich
       ausgeschlossen. Wie kann dann aber der Grundirrtum des <term ref="kbga-keywords-1379">idealistischen</term> und <term ref="kbga-keywords-1307">mystischen</term> Denkens über den
       Menschen, <pb ed="A" n="1100"/> wie kann dann gerade dessen Ichbezogenheit grundsätzlich
       aufgehoben und nicht etwa bloß veredelt, vielleicht sogar bloß verdeckt worden sein?</p>
      <p>2. Es hängt damit zusammen, dass die Grenze der Menschlichkeit, in der nach <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> des Menschen Not besteht, aus der er erlöst werden
       kann, verhältnismäßig harmlos die Ich-Es-Beziehung ist. Sie steht darum unter einem negativen
       Vorzeichen, weil das Ich in ihr nicht mit der Wirklichkeit der Dinge und auch nicht mit der
       Wirklichkeit Gottes in Beziehung steht und insofern selbst nicht wirklich Ich ist. Das ist
       schlimm genug. Aber schlimmer als so ist die Sache immerhin nicht. Eines eigentlichen Abfalls
       von sich selbst kann das Ich sich auch in der Ich-Es-Beziehung nicht schuldig machen. Kann es
       doch schöpfungsmäßig ebensowohl in der negativen Ich-Es-Beziehung wie in der positiven
       Ich-Du-Beziehung stehen, bleibt es doch in seiner Substanz von beiden unberührt. Und es
       bleibt ja, indem es der Ich-Es-Beziehung verfällt, auch auf der anderen Seite: auf Seiten des
       im Menschen, in der Natur, in den geistigen Wesenheiten latenten und seiner harrenden Du, es
       bleibt auch auf <pb xml:id="p375" ed="pga"/> Seiten des ewigen Du grundsätzlich alles beim
       Alten und in Ordnung. Auch Gottes <term ref="kbga-keywords-28">Ehre</term> ist dadurch nicht
       so verletzt, dass der Mensch zur Mitwirkung bei ihrer Wiederherstellung etwa außerstande
       wäre. Etwas Irreparables ist damit, dass der Mensch wieder einmal der Ich-Es-Beziehung
       verfällt, überhaupt nicht geschehen. Er hat sich damit eigentlich und letztlich doch weder an
       sich selber, noch am Du, noch am ewigen Du so verfehlt, dass er nicht wieder zurück könnte.
       Und so bleibt die Grenze zwischen Personen und Eigenwesen fließend, so kann aus dem
       Eigenwesen eine <term key="Mensch, Person">Person</term>, aus der Person ein Eigenwesen
       werden. Es wird darum nicht nur aus einer vielleicht löblichen Zurückhaltung im Gebrauch der
       biblischen Sprache, sondern nun doch auch aus der Sache zu erklären sein, dass die Begriffe
        <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> und <term ref="kbga-keywords-263">Schuld</term> in
       Bubers Entwurf weder wörtlich vorkommen noch inhaltliche Äquivalente haben. Die beschriebene
       Katastrophe ist transitorisch, und so kann denn auch ihre Beschreibung immer wieder schnell
       genug in die der entsprechenden Wiederherstellung übergehen. Ein Dazwischentreten Gottes, die
       Errichtung und Durchführung eines besonderen <term key="Bund, Treuebund">Treuebundes</term>,
       in welchem Gott die verlorene Sache des Menschen zu seiner eigenen machen würde, ist nicht
       vorgesehen: sie ist aber auch nicht nötig. Die Sache des Menschen ist eben keine verlorene
       Sache. Das Prob<pb ed="A" n="1101" break="no"/>lem seiner <term ref="kbga-keywords-1269">Erlösung</term> ist dem Menschen zwar allen Ernstes gestellt. Es ist auch ein ziemlich
       schweres Problem, weil das Abgleiten in die Ich-Es-Beziehung mit einer gewissen
       Naturnotwendigkeit immer wieder über ihn kommt. Es ist aber auch kein so schweres Problem,
       und es ist in Gestalt der vielen latenten Du, von denen er als von den Repräsentanten des
       ewigen Du beständig umgeben ist, nicht zu wenig göttliche Gnade auf dem Plan, als dass es dem
       Menschen nicht auch ohne ein solches göttliches Dazwischentreten aufgeladen werden
       dürfte.</p>
      <p>3. Der Abfall von der Ich-Du-Beziehung in die Ich-Es-Beziehung kann aber schon darum weder
       schlechthin verwerflich noch schlechthin gefährlich sein, er kann die Substanz der
       Menschlichkeit nur schon darum nicht angreifen, weil die ganze Dialektik der beiden
       Beziehungen ja schon der Schöpfung inhäriert. Das Ich nimmt in seiner Zwiefältigkeit doch nur
       Anteil an der dem ganzen von Gott verschiedenen Kosmos eigentümlichen Zwiefältigkeit.
        <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> leugnet zwar nicht, sondern er behauptet,
       dass der Mensch sich durch seine eigene Tat an ihr beteiligt. Der Begriff der <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> kommt aber in seinem Wortschatz auch nicht vor.
       Denn <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> kann auch nicht leugnen, dass ein Teil, und zwar doch wohl der entscheidende Teil
       der Haftbarkeit für diese menschliche Tat nicht des Menschen eigene Sache, sondern die des
       Geheimnisses seiner Existenz und der aller Wesen außer ihm ist. Sie ist ebenso sein
       Schicksal, wie sie seine eigene Tat ist. Es ist nun einmal so, dass wir zwar zur
       Ich-Du-Beziehung bestimmt sind und nun doch praktisch immer wieder in der Ich-Es-Beziehung
       leben müssen, weil ein Leben nur mit dem Du als solchen für uns nicht tragbar wäre und also
       zu unserem Heil immer nur fliehende Gegenwart sein kann. Ihre Flucht ist bedauerlich, aber
       notwendig. <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> hat es vermieden, diesen befremdlichen Stand der Dinge in direkte Beziehung
        mit <pb xml:id="p376" ed="pga"/> dem ewigen Du zu bringen, ihn als dessen Wille und Anordnung
       zu erklären. Aber die Konsequenz ist offenbar unvermeidlich. Inhäriert diese Notwendigkeit
       der Schöpfung und ist der Schöpfer nicht etwa ein Anderer als das ewige Du, dann ist dieses
       mindestens höchst mithaftbar dafür, dass wir die Ich-Du-Beziehung nur so vorübergehend
       durchhalten, ja dass wir dazu gar nicht vermögend sind. Von einer Treue, in der <pb ed="A" n="1102"/> dieses ewige Du dem Menschen in Sachen der Beziehung zu ihm und zu allem
       relativen Du von Haus aus zur Seite stünde, von einer ursprünglichen und durchhaltenden
       Gegenwart <term key="Gott, Gegenwart">Gottes</term> zugunsten des kämpfenden Menschen kann
       bei <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> jedenfalls keine Rede sein. «Im Anfang ist die Beziehung» (S. 25)<note xml:id="n118"><bibl corresp="kbga-bibls-5137">DP, S. 22</bibl>.</note> – ja: aber die
       Ich-Es-Beziehung ebenso wie die Ich-Du-Beziehung. Dementsprechend kann denn auch das Ende
       wohl die Spirale sein, die geheimnisvolle Annäherung, die Behauptung wenigstens, dass die
       ganze Geschichte in dieser Annäherung begriffen sei, dass das Verderben immer tiefer, aber
       auch die Umkehr immer grundhafter werde. Sollen wir vertrauen, dass diese Spirale wirklich
       eine Spirale ist und also endlich und zuletzt in einem Mittelpunkt zur Ruhe kommen wird, wo
       auf der göttlichen Seite nur noch <term ref="kbga-keywords-1269">Erlösung</term>, auf der
       menschlichen nur noch <term key="Mensch, Umkehr">Umkehr</term> zu verzeichnen wäre? <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>
       sagt es so. Aber wie sollen wir ihm hinsichtlich dieses Endes Glauben schenken, wenn er uns
       hinsichtlich jenes Anfangs doch nur jenen zwiespältigen Bescheid zu geben hat? Und ist es ein
       Zufall, dass, wie so manche <term ref="kbga-keywords-1379">Idealisten</term> vor und neben
       ihm, nun doch auch er uns praktisch nur auf eine «Annäherung» in einem vorläufig unendlichen
       Prozess der Widersprüche zu verweisen weiß? Aber es kann Alles schon nicht anders sein als
       so, wenn man außer der vom Menschen selbst zu vollziehenden Wesenstat der Bewährung von
       keiner Bürgschaft: weder der eines Anfangs noch der eines Endes der eigentlichen, der
       Ich-Du-Beziehung weiß. Und um sie zu wissen, müsste man von einer schlechterdings nicht von
       uns zu vollziehenden, sondern von Gott als dem <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>
       und <term key="Gott, Vollender">Vollender</term> vollzogenen Du-Ich-Beziehung wissen. Und
       eben dieses Wissen hat <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> ausgeschlagen, indem
       er die Botschaft des Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testamentes</term> nur mit jenem
       Abstrich lesen wollte.</p>
      <p>4. Die Beseitigung jener Not durch die Wiederherstellung der Ich-Du-Beziehung in der
       vollkommenen Begegnung mit dem ewigen Du geschieht nun allerdings nicht mit der Planmäßigkeit
       und Notwendigkeit, in der es zu ihrer Aufhebung und Zerstörung kommt. Auf jene Flucht der
       Gegenwart, auf jenes Abgleiten in die Ich-Es-Beziehung kann man sich leider <pb ed="A" n="1103"/> (und doch auch wieder zum Glück!) verlassen, wogegen man sich auf das Anheben der
       entgegengesetzten Bewegung in gar keiner Weise verlassen kann. Gerade sie hat zunächst nur
       den Charakter einer Möglichkeit. Gerade sie kann sich zwar verwirklichen, aber dass sie es
       tun wird, dafür empfängt der in die Ich-Es-Beziehung verfangene Mensch keine Gewähr, dazu
       wird ihm von nirgendswoher verholfen. Was außer ihm ist, das ist zwar lauter Bereitschaft,
       Warten und Harren, das kann schließlich wohl auch auf ihn zukommen, ihn anrühren. <pb xml:id="p377" ed="pga"/> Für ihn eintreten kann und wird doch nichts, was außer ihm ist.
       Auch das ewige Du selbst kann und wird das auf keinen Fall tun. Auch es ist ihm, sofern er in
       die Ich-Es-Beziehung verfangen ist, nur latent gegenwärtig, und da ist keine angebbare
       Gestalt, Vorschrift oder Tradition, in der es sich ihm anbieten würde. Ist es ein Angebbares,
       dann ist es ja für ihn schon zum Es erstarrt. Wie sollte es ihm da helfen, was sollte es ihm
       da sein können? Wir hören die Worte <term ref="kbga-keywords-35">«Gnade»</term> und <term ref="kbga-keywords-8">«Offenbarung»</term> auch bei <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>. Aber nun steht es gerade mit der
        <hi rend="italic">Gnade</hi> so, dass der Mensch um sie als solche nicht wissen kann, um sie
       als solche sich auch nicht zu bekümmern, sondern sich ganz und ungeteilt der Wesenstat
       hinzugeben hat, in der er selbst den Durchbruch in die Du-Welt vollzieht, um eben so und
       damit auch der Gnade teilhaftig zu sein. Und nun steht es merkwürdigerweise gerade mit der
        <hi rend="italic">Offenbarung</hi> so, dass sie nur in dem Neuen besteht, was ich jeweils
       aus den Momenten der vollkommenen Begegnung an Gegenwart, an Kraft, an erfüllter
       Gegenseitigkeit, an Lebens-^^ und Weltsinn davontrage: ein Davontragen, das doch ja in nichts
       Anderem bestehen kann und darf als darin, dass ich mit der Einzigkeit meines Wesens und in
       der Einzigkeit meines Lebens bewähre, was ich empfangen habe. Was besagt nun eigentlich Gnade
       und Offenbarung, wenn ich doch durch die eine wie durch die andere nichts empfange als eben
       das, was ich selber zu betätigen weiß und zu betätigen habe? Wäre es nicht schlichter und
       jedenfalls deutlicher, wenn jene beiden Begriffe gleich ganz gestrichen und ihre etwas
       mühsame Interpretation durch den einfachen Satz ersetzt würde: dass wir für unseren
       Durchbruch in die Duwelt und zum ewigen Du und damit in die Wirklich<pb ed="A" n="1104" break="no"/>keit durch unsere eigene Lebenstat zu sorgen haben und dass diese seine
       Bedingtheit eben der Grund sei, weshalb wir ihn als bloße Möglichkeit zu verstehen haben?
       Wirkliche gnädige <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> und wirkliche offenbarte
        <term ref="kbga-keywords-35">Gnade</term> vor und außerhalb der Klammer des menschlichen
       Wollens und Vollbringens ist das, was <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> unter
       diesen Titeln beschreibt, auf keinen Fall, obwohl es ihm doch an alttestamentlichen
       Anschauungen und Begriffen dieses Vorgangs nicht hätte fehlen können. Dass diese beiden Worte
       etwas Besonderes und Konkretes, ein einmaliges Geschehen von Gott her meinen, das verdeckt
       sich <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>, indem er sie – darin leider <term key="Liberalismus">«liberal»</term> bis auf die
       Knochen – durchaus nur als Bezeichnung einer allgemeinen, ein wenig in aller und jeder Weise
       realisierbaren Möglichkeit verstehen will. Und dass diese beiden Worte ein Objektives, einen
       schlechthinigen Anfang, ein als solches nicht mehr zurückzunehmendes, sondern unaufhebbare
       Tatsachen begründendes Handeln Gottes meinen, das verdeckt er sich in seiner großen Angst, es
       könnte auch ihre Wahrheit in ein Es zurückverwandelt werden: als ob es weise wäre, die
       objektive Wahrheit der Werke Gottes als solche darum in Frage zu stellen, weil sie durch des
       Menschen Verkennung für den Menschen in Frage gestellt werden. Aber wie dem auch sei: das
       Greifbare, was <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> über jenen Durchbruch zu sagen hat, ist schlechterdings nicht das, was
       Gott für den Menschen getan haben könnte, sondern schlechterdings das, was der Mensch selber
       für sich selber tun muss. Darauf wartet all das latente Du in den drei Sphären des Alls, <pb xml:id="p378" ed="pga"/> und darauf wartet schließlich auch das ewige Du, dass der Mensch das
       tue, dass er sich als Teilnehmer, Helfer und Gefährte im Werk der Schöpfung hinreiche und
       dass er sich eben damit auch an der <term key="Schöpfung, Selbsterlösung">Selbsterlösung</term> des Alls beteilige. Sei es denn, dass es in dieser Hinsicht kein
       Sollen, sondern nur ein Müssen und Können gibt, nur den unvorsehbaren, unvordenkbaren,
       unvorschreibbaren Akt der Sammlung und des Ausgangs, nur das <term key="Gebet">Gebet</term>
       und das <term key="Opfer">Opfer</term> und schließlich nur noch das Gebet – sei es denn, dass
       kein äußeres Gesetz ihm diese Forderung vorhält und einprägt. Das Wort <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> wird doch nicht zufällig ebenfalls zu den Worten
       gehören, die jedenfalls in diesem <pb ed="A" n="1105"/> Entwurf bei <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> nicht vorkommen; denn auch sein Inhalt kann hier
       keinen Raum haben. Wie sollte der Mensch frei sein, da ihm so oder so sein Lebensproblem
       aufgeladen ist, damit er, er ganz allein – ein gewaltiger Herkules oder auch ein armer
        Atlas<note xml:id="n119">Gestalten der griechischen Mythologie: <persName ref="kbga-actors-8806">Herkules</persName> / <persName ref="kbga-actors-8806">Herakles</persName> der starke Heros, der in den Götterhimmel aufgenommen wird, Atlas der
        Titan, auf dessen Schultern das Himmelsgewölbe ruht.</note> – [es] trage und mit sich selbst
       ausmache? Dass ihm jener Durchbruch gelingen kann, das ist ihm zwar in Aussicht gestellt,
       dass er ihm gelingen werde, das kann ihm niemand in Aussicht stellen, das wird in seiner Tat
       wahr oder in seiner Nichttat nicht wahr werden. Das kann eben nur als Möglichkeit bezeichnet
       werden, für<note xml:id="n120">Tskr.: «durch»; Änderung durch die Herausgeber in Aufnahme
        einer Markierung <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> am Rand, die auf einen
        Fehler im Satz hindeutet.</note> deren Verwirklichung außerhalb seines eigenen Wollens und
       Vollbringens keine Garantie und keine Sicherheit gegeben ist. Da die unfehlbar gegenwärtige
       und genügende Menschlichkeit Jesu <term ref="kbga-keywords-233">Christi</term> als die Fülle
       der <term key="Jesus Christus, Fülle der Gnade">Gnade</term> und der Offenbarung <term key="Jesus Christus, Fülle der Offenbarung">Gottes</term>, die den Skopus des ganzen Alten
        <term key="Jesus Christus, Skopus des Alten Testaments">Testamentes</term> bildet, von <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>
       nicht berücksichtigt werden kann, kann seine Lehre auch in diesem Punkte nicht anders lauten,
       als sie es tut, muss das mittelalterliche «facere quod in se est»<note xml:id="n121">Der Satz
        «<foreign xml:lang="lat">Facienti quod in se est, Deus non denegat gratiam</foreign>», der auf das 12. Jahrhundert
        (<persName ref="kbga-actors-1987">Abaelard</persName>-Schule) zurückgeht (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5332">W.-D.
         Hauschild, Art. «Gnade IV. Dogmengeschichtlich [Alte Kirche bis
        Reformationszeit]», in: TRE 13, S. 476–495, dort S. 486.24–31</bibl>), gilt als «<foreign xml:lang="lat">celebre […] axioma
        (scholae)</foreign>»; so <bibl corresp="kbga-bibls-5331"><persName ref="kbga-actors-2889">H. Hurter SJ</persName>, <hi rend="italic">Theologiae dogmaticae compendium in usum studiosorum theologiae</hi>, Tomus III: <hi rend="italic">Theologiae specialis</hi>, Pars altera, Oeniponte 1908<hi rend="sup">12</hi>,
        p. 74</bibl> (67). Verschiedene Verständnisvarianten werden erörtert bei <bibl corresp="kbga-bibls-5330"><persName ref="kbga-actors-2826">Fr. Diekamp</persName>, <hi rend="italic">Katholische Dogmatik nach
         den Grundsätzen des heiligen Thomas</hi>, Bd. II, 1930<hi rend="sup">6</hi>, S. 491f.</bibl> Zur
        reformatorischen Gegenposition vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1734"><persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>,
         <hi rend="italic">Disputatio Heidelbergae habita. Conclusiones</hi> (1518)</bibl> : «<foreign xml:lang="lat">Liberum
        arbitrium post peccatum res est de solo titulo, et dum facit quod in se est, peccat
        mortaliter</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-5349">WA 1, 345,5f.</bibl> ; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-5350">WA 1, 148,14f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-484">Schmalkaldische Artikel III,1 [BSLK,
        S. 435,28]</bibl>).</note> auch sein letztes Wort sein. Oder auch die Theologie <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName>: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir
        erlösen.»<note xml:id="n122"><bibl corresp="kbga-bibls-1624"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust II</hi>, V, 11936f.
         (Bergschluchten)</bibl>.</note></p>

      <p><pb xml:id="p379" ed="pga" rend="noPipe"/>5. Wir haben bei dem Allem die Stellen und
       Zusammenhänge nicht übersehen, in denen <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName>
       gewissermaßen entzückte und entzückende Beschreibungen davon gibt, wie in der echten
       Beziehung zwischen Ich und Du in den drei Sphären des Universums mit ihrer Perspektive auf
       die vollkommene Begegnung mit dem ewigen Du die unaussprechbare Gegenwart eines Lebens in der
       Wirklichkeit jetzt und hier Ereignis wird. In anderen Lagern der <term ref="kbga-keywords-1046">Philosophie</term> und Theologie der drei ersten Jahrzehnte unseres
        <term key="Theologie, des 20. Jahrhunderts">Jahrhunderts</term> pflegte man dieses Ereignis
       als das <term key="Ereignis, «unmittelbares»">«unmittelbare»</term> oder «religiöse» <term key="Erlebnis, «religiöses»"><hi rend="italic">Erlebnis</hi></term><note xml:id="n123"><bibl corresp="kbga-bibls-5333"><persName ref="kbga-actors-130">H.-G. Gadamer</persName>, <hi rend="italic">Wahrheit und
         Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik</hi> (1960) (ders., Gesammelte Werke,
        Bd. 1), Tübingen 1990, S. 66ff.,</bibl> weist den pointierten Gebrauch des Begriffs «Erlebnis» bzw.
        «erleben» schon bei <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> und <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> nach, sodann bei <bibl corresp="kbga-bibls-5334"><persName ref="kbga-actors-96">W. Dilthey</persName>, <hi rend="italic">Das Erlebnis und die
         Dichtung. Lessing, Goethe, Novalis, Hölderlin</hi> (1906) (ders., Gesammelte Schriften,
        Bd. 26), hrsg. von G. Malsch, Göttingen 2005</bibl>. Vgl. auch: <bibl corresp="kbga-bibls-5335"><persName ref="kbga-actors-492">H.
         Bergson</persName>, <hi rend="italic">Les données immédiates de la conscience</hi>, Paris
        1888</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5336"><persName ref="kbga-actors-4957">G. Simmel</persName>, <hi rend="italic">Die
         Religion</hi>, Frankfurt/M. 1912<hi rend="sup">2</hi>, bes. S. 592ff.</bibl>; unter den Theologen
        vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-52"><persName ref="kbga-actors-311">Otto</persName>, <hi rend="italic">Das
         Heilige</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n88">Anm. 88</ref>)</bibl>. Vgl. dazu: <bibl corresp="kbga-bibls-5337">B. Beckmann,
         <hi rend="italic">Phänomenologie des religiösen Erlebnisses. Religionsphilosophische
         Überlegungen im Anschluß an Adolf Reinach und Edith Stein</hi> (Orbis phaenomenologicus /
        Studien, Bd. 1), Würzburg 2003</bibl>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> war der Begriff vor allem auch bei seinem Lehrer
        <persName ref="kbga-actors-181">Wilhelm Herrmann</persName> begegnet; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2032"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <hi rend="italic">Prinzipienlehre</hi> (<ref target="#fn_n42">Anm. 42</ref>), bes. <ref type="pub" target="../volume/19/p585#p585">S. 585</ref>.<ref type="pub" target="../volume/19/p587#p587">587</ref>.<ref type="pub" target="../volume/19/p591#p591">591f.</ref><ref type="pub" target="../volume/19/p595#p595">595</ref></bibl>.</note> Gottes oder
       der Wirklichkeit oder auch der Wirklichkeit Gottes zu bezeichnen. <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> hat diesen Ausdruck,
       der schon zu seiner Zeit stark abgenutzt und auch kompromittiert war, wohl schon deshalb
       vermieden, weil er ihn zu sehr an die Eswelt erinnerte. Aber der starke Nachdruck, den er
       darauf legt, dass sowohl die Zwiespältigkeit des Daseins wie deren Überwindung eine Sache
       sei, die je und je damit ausgetragen werden könne, dass sie gelebt, und zwar ohne
       willkürliche und intellektuelle Zerlegung in ihre <pb ed="A" n="1106"/> Komponenten, ohne
       Aufhebung, aber auch ohne abstrakte Entgegenstellung ihrer inneren Gegensätze gelebt wird –
       schon diese Versicherung zeigt, dass er faktisch kaum etwas Anderes gemeint haben kann als
       eben eine lebensmäßige Verwirklichung, in welcher ein Ich zugleich des Du und seiner selbst
       und seiner Beziehung zum Du im Ausblick auf das ewige Du gewahr und schlechterdings gewiss
       wird und eben damit zugleich an Gott und an dem es umgebenden All unmittelbaren Anteil
       bekommt. Dass es solche Verwirklichung mindestens vorübergehend, aber unter den rechten
       Umständen auch in einer gewissen Kontinuität je und je gibt, das ist der positive Mittelpunkt
       der ganzen Buberschen Problematik und gewissermaßen das offenbarte Dogma oder Axiom, von dem
       alle seine Wege ausgehen, zu dem sie auch alle zurückkehren. Von daher würde von <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> auf alle unsere bisher vorgebrachten Klagen und
       Einwände zu antworten sein. Von daher ergibt sich (1.) die Erlaubnis und die Notwendigkeit,
       nicht Du-Ich, sondern konsequent Ich-Du zu sagen: wie sollte jene Verwirklichung, wenn es <pb xml:id="p380" ed="pga"/> zu ihr kommt, nicht primär meine Sache sein, so gewiss mir zu ihrem
       Vollzug das Du unentbehrlich ist? Von daher ergibt es sich (2.), dass der Abfall von der
       Ich-Du- in die Ich-Es-Beziehung keinen irreparablen Zustand schaffen kann und ein besonderes
       Dazwischentreten Gottes nicht notwendig macht: die Verwirklichung der Ich-Du-Beziehung bleibt
       als rettende Möglichkeit, die grundsätzlich auch dem ohne weiteres offen steht, der der
       Unwirklichkeit der Eswelt gänzlich verfallen sein sollte. Von daher ergibt sich umgekehrt
       (3.) die Erträglichkeit des von Gott zwiefältig gewollten und gesetzten Weltzustandes und
       auch der Glaube daran, dass er sich spiralenförmig einer endlich und zuletzt zu erreichenden
       Einfältigkeit mindestens nähern möchte: eben jene uns je und je widerfahrenden
       Verwirklichungen, in welchen wir uns schon jetzt und hier über jene Zwiefältigkeit erheben
       können, lassen uns vermuten, dass schon die Absicht des Schöpfers im Grunde doch keine
       zwiefältige gewesen sein möchte; sie ermuntern uns jedenfalls, darauf zu vertrauen, dass das
       Sein im Ganzen sich auf dem Wege zu jener letzten Einfältigkeit befinden dürfte. Und wieder
       von daher muss es natürlich (4.) so sein, dass göttliche Gnade und Offenbarung nur die
       objektive Seite des Vorgangs sein können, den wir als unsere <pb ed="A" n="1107"/> eigene
       Wesenstat zu erkennen und ins Werk zu setzen haben: es gehört zum Wesen jener
       Verwirklichungen, dass objektive und subjektive Wirklichkeit in ihnen ununterschieden eins –
       und es gehört wiederum zu ihrem Wesen, dass wir zu ihrer Erkenntnis und zu ihrem Vollzug
       praktisch auf das angewiesen sind, was als unsere Passion und Aktion unser eigenes Werk ist.
       Alles hängt daran, dass es solche Verwirklichungen gibt, und zwar wirklich so gibt, dass ihre
       Möglichkeit, die Erinnerung an sie und der Ausblick auf sie sich dazu eignen, erstes und
       letztes Wort zu sein, von dem her wir alle Fragen zu beantworten haben, von dem her wir den
       Ausgangspunkt, die Methode und die Kriterien unserer Besinnung gewinnen, von dem her wir auch
       über den Sinn der höchsten biblischen Grundworte Verfügungsgewalt bekommen. <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> sagt uns,
       dass es solche Verwirklichungen von solcher Tragweite tatsächlich gibt. Was könnte und würde
       er uns auf eine etwa (5.) aufzuwerfende Frage: woher er um solche Verwirklichungen wisse?
       antworten als dies, dass er selbst solche Verwirklichungen von solcher Tragweite nun eben –
       erlebt habe? Die <term ref="kbga-keywords-415">Romantiker</term> und die <term ref="kbga-keywords-1307">Mystiker</term> aller Zeiten und Zonen haben auch gesagt, dass es
       solches gebe, und sie haben auf die Frage: woher sie das wüssten? endlich und zuletzt auch
       nur die Antwort geben können, dass sie solches nun einmal erlebt hätten. Es ist merkwürdig,
       dass sie an dieser Stelle auch mit den <term key="Rationalismus">Rationalisten</term>, den
        <term key="Positivismus">Positivisten</term>, den <term key="Skeptizismus">Skeptikern</term>
       zusammentreffen, die ohne Berufung auf solche nun einmal erlebte unmittelbare Gewissheit
       endlich und zuletzt auch nicht bestehen könnten. Wer hat hier Recht und wer ist hier in der
       Lage, irgend einem Anderen das Recht seiner Behauptung streitig zu machen? Wir werden uns
       wohl hüten, uns an dieser misslichen Konkurrenz der verschiedenen <term ref="kbga-keywords-1859">Erlebnisse</term> zu beteiligen. Und wir möchten uns wohl wundern,
       nun doch auch den Israeliten <persName ref="kbga-actors-934">Martin Buber</persName> gerade
       im Zentrum seiner Lehre in dieser Gesellschaft anzutreffen. Musste er sich durch das Alte
        <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term> nicht sagen lassen, dass es <pb xml:id="p381" ed="pga"/> in Sachen der Entfaltung wie in Sachen der Lösung des menschlichen Lebensproblems
       etwas prinzipiell Tieferes und Besseres gibt als die allgemeine Möglichkeit der unmittelbaren
       Gewissheiten jener im Ich-Du-<pb ed="A" n="1108" break="no"/>Verhältnis und also durch den
       Menschen selbst zu vollziehenden Verwirklichungen? Ist er durch die Geschichte und durch die
       Hoffnung Israels wirklich nicht eines Anderen
       belehrt worden? An die Stelle solcher allgemeinen Möglichkeit ist doch dort mit der Berufung
        <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName>, aber genau genommen schon mit der
       Erschaffung, dem <term key="Sünde, Sündenfall">Sündenfall</term> und der Begnadigung
        <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> eine höchst besondere, eine einzige, aber
       dafür wirklich errettende und beseligende Wirklichkeit getreten – an die Stelle des Primats
       des Ich-Du der Primat des Du-Ich – an die Stelle dessen, was der Mensch für Gott und für sich
       selber zu tun hat, das, was durch Gott für ihn getan ist – an die Stelle der unmittelbaren
       also gerade eine höchst mittelbare Gewissheit. Wie konnte gerade <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> dessen nicht gewahr
       sein oder daran vorüber sehen wollen, um sein Haus nun doch wie alle <term ref="kbga-keywords-109">Heiden</term> auf jene Verwirklichungen zu bauen? Wie konnte er
       übersehen, dass solche Verwirklichungen durch die in der Botschaft des Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testamentes</term> dargebotene Lösung seines Problems zwar nicht
       etwa in Abrede gestellt, wohl aber ihres Absolutheitsanspruchs, wohl aber gerade der ihnen
       zugemessenen Tragweite entkleidet sind, dass ihnen gerade die entscheidende Funktion, die
       auch er ihnen zuschreiben will, genommen ist? Wie konnte gerade er es unterlassen, von einer
       ganz anderen Mitte und Erkenntnisquelle aus auch im Umkreis ganz andere Antworten zu geben
       als die, die in seiner <term ref="kbga-keywords-5">Anthropologie</term> laut werden? Es wäre
       gewiss nicht am Platz, ihm das Alles zum Vorwurf zu machen. Man kann aber die Feststellung
       nicht unterdrücken: das Alles ergibt sich da notwendig, wo das Alte Testament nur mit jenem
       großen Abstrich gelesen, wo die Menschlichkeit Jesu <term ref="kbga-keywords-233">Christi</term> als die im Alten <term key="Altes Testament, Verheißung">Testament</term>
       verheißene und laut des Neuen <term key="Neues Testament, Erfüllung">Testamentes</term> in
       Erfüllung jener Verheißung verwirklichte Beantwortung des menschlichen Lebensproblems nicht
       in Rechnung gezogen werden darf. Der Messias <term ref="kbga-keywords-753">Jesus</term> kann
       wirklich auch von einem <term ref="kbga-keywords-783">Judentum</term> Buberscher Prägung her
       nur als grundstürzendes Ärgernis verstanden werden. Daran krankt seine Lehre. Und es wäre
       hoffnungsvoller gewesen, wenn <persName ref="kbga-actors-934">Buber</persName> es vorgezogen
       hätte, den Gegensatz, in dem er hier steht, sich <pb ed="A" n="1109"/> selbst und seinen
       Lesern klar zu machen, statt ausgerechnet Jesus mit Hilfe einer notorischen Umdeutung des
       Johannesevangeliums mit <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> und <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> zusammen zum Exempel der Lehre zu machen, die durch
       Jesus nun wirklich antiquiert und erledigt ist.</p>
      </div>

      <div>
      <p rend="margin-top"> Dass es dem Menschen gut ist, nicht allein zu sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18">Gen. 2,18</ref>], dass seine gottebenbildliche <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit"><hi rend="italic">Menschlichkeit</hi></term> in seiner
        <hi rend="italic">Mitmenschlichkeit</hi> besteht, das ist das <hi rend="italic">Geheimnis
        der Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term></hi>
       <hi rend="italic">in dem Menschen Jesus</hi>. Ursprünglich und zuerst in <hi rend="italic">ihm</hi> ist das wahr. <hi rend="italic">Er</hi> ist der Mensch, den Gott wollte und <term ref="kbga-keywords-233">schuf</term> nach seinem eigenen Bilde und also als Mensch und <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Mitmensch</term>. <hi rend="italic">Er</hi> ist das Abbild
       der überströmenden Herr<pb xml:id="p382" ed="pga" break="no"/>lichkeit <term ref="kbga-keywords-106">Gottes</term> in der Geschöpflichkeit. Indem <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> als <hi rend="italic">seines</hi>gleichen geschaffen
       wurde, wurde auch er zu Gottes Bild. Indem wir <hi rend="italic">seines</hi>gleichen sind,
       sind auch wir es: nicht kraft dessen, dass wir Menschen sind, wohl aber kraft dessen, dass
       auch unser Menschsein an der Gottebenbildlichkeit und also an der Mitmenschlichkeit des
       Menschen Jesus Anteil hat. Und eben <hi rend="italic">er</hi>, der der gottebenbildliche
       Mensch ursprünglich und zuerst ist, stellt ihn auch dar, offenbart und verbürgt ihn auch.</p>
      <p> Eben er stellt freilich das Sein des Menschen mit dem Mitmenschen, vom Mitmenschen her und
       zu ihm hin, zunächst und vor allem so dar, dass uns die Meinung, wir könnten und müssten
       diese Darstellung von uns aus vollziehen, grundsätzlich und ein für allemal vergehen muss.
       Eben er nimmt uns den Wahn, als sei es unsere Sache, das Geheimnis der menschlichen <term key="Mensch, Natur">Natur</term>, das das Geheimnis der Gnade Gottes ist, von uns aus
       aufzutun. Eben er zeigt uns, dass das, was sich in dieser Sache von uns aus aufzutun pflegt,
       dem <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3">Gen. 3</ref> beschriebenen <term key="Sünde, Sündenfall">Vorgang</term> nur zu genau entspricht. Eben er nimmt uns also das
       Vertrauen, als ob wir für die Erfüllung des Gesetzes der Menschlichkeit selbst zu sorgen
       hätten und sorgen könnten. Er nimmt es uns damit, dass er sich uns als dessen wirkliche und
       vollkommene Erfüllung gegenüberstellt: als der Mensch, der eben darin Mensch ist, dass er
       gänzlich von uns her und für uns ist. Er richtet uns: nicht damit, dass er uns das Gesetz
       vorhält und uns auf Grund des Gesetzes anklagt und verur<pb ed="A" n="1110" break="no"/>teilt, sondern damit, dass er selbst es erfüllt und als sein <term key="Jesus Christus, Erfüller des Gesetzes">Erfüller</term> unser Anwalt und <term key="Jesus Christus, Fürsprecher des Menschen">Fürsprecher</term> ist. Indem er unser
       Fürsprecher ist, ist es um unser eigenes Sprechen zu unseren Gunsten getan. Sein Einstehen
       für uns bedeutet die grundsätzliche Überholung und Erledigung aller Erwartungen, die wir auf
       uns selbst setzen, und aller Unternehmungen, die wir selbst zu unseren Gunsten ins Werk
       setzen könnten. Wir werden dem, der sich uns so gegenüberstellt, unsererseits nicht mehr
       zuvorkommen können. Er ist uns zuvorgekommen. Was von uns aus geschehen kann, kann im Blick
       auf das, was er ist, nur noch von ihm aus geschehen. Was im Blick auf ihn als unser eigenes
       Werk in Frage kommen kann, kann nur noch <term ref="kbga-keywords-757">Nachfolge</term> und
       Wiederholung sein. Er hat das Problem unseres, des menschlichen Lebens gelöst; er löst es; er
       wird es lösen. Seine Last liegt auf ihm, so gewiss er gänzlich von uns her ist. Und er trägt
       diese Last, so gewiss er ganz zu <pb xml:id="p383" ed="pga"/> uns hin ist. Wir haben es also
       nicht mehr zu lösen. Wir sind frei; weder Herkules noch Atlas zu sein ist unsere Aufgabe. Wir
       haben uns nur noch auf den Boden der durch ihn geschehenen Lösung zu stellen, das Leben zu
       leben, dessen Problem durch ihn beseitigt ist. Das ist das Erste, was wir uns hier zu merken
       haben.</p>
      <p> Das Zweite in unserem Zusammenhang nun auch positiv Wichtige folgt gerade aus diesem
       Ersten: Weil und indem Jesus der ist, der er ist: in seiner <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Mitmenschlichkeit</term> der gottebenbildliche Mensch, und
       weil und indem er uns als dieser offenbar wird, ist er die nun nicht mehr verborgene, sondern
       greifbare <hi rend="italic">Gestalt</hi> der <hi rend="italic">Gnade</hi> der menschlichen
        <term key="Gnade, der menschlichen Natur">Natur</term>. Wir haben gesehen, dass dies die
       verborgene <term key="Gnade, Mitmenschlichkeit als G.">Gnade</term> der Erschaffung und also
       der Natur des Menschen ist, dass er ja faktisch nicht allein, sondern mit dem Mitmenschen,
       dass die «Hilfe, die ihm ein Gegenüber sei» [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18">Gen. 2,18</ref>], ihm faktisch nicht fehlt, sondern gegeben ist. Dass dem
       ohne unser Zutun vor aller Augen so ist, das ist das sichtbare <term ref="kbga-keywords-946"><hi rend="italic">Zeichen</hi></term> der unsichtbaren Gnade,<note xml:id="n124">Vgl.
        oben, <ref type="pub" target="#fn_n37">Anm. 37</ref>.</note> darin zeigt es sich, dass <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschlichkeit</term> und also <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> und also Gemeinschaft mit der
       überströmenden <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>
       <pb ed="A" n="1111"/> das Geheimnis und der Sinn unseres menschlichen <term ref="kbga-keywords-98">Lebens</term> ist. Wir haben aber auch gesehen, dass eben damit auch
       die Frage und das Problem unseres Menschseins aufgeworfen ist: Werden wir das Zeichen
       erkennen und ergreifen? Werden wir uns gezeigt sein lassen, was es uns zeigt? Werden wir die
       sein, denen dieses Zeichen gegeben ist? Wird die verborgene Gnade unserer <term key="Gnade, der menschlichen Natur">Natur</term> in unserer Tat Gestalt annehmen? Und wir
       haben weiter gesehen, dass wir, eben weil der Mensch Jesus ist, der er ist, und als solcher
       offenbar ist, keinen Anlass haben, damit zu rechnen, dass die menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term> sich von selbst auftue und ihre Gnade ans Licht bringe. Wir
       haben gesehen, dass wir uns gerade im Blick auf den Menschen Jesus nicht als die verstehen
       können, die für die Verwirklichung ihrer <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> und also ihrer Mitmenschlichkeit selber zu sorgen haben und
       sorgen können. Wir sind nicht die, die der <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> unseres
       Schöpfers selbst und von uns aus Gestalt zu geben in der Lage sind. Wir sind vielmehr die,
       denen gerade das abgesprochen ist. Uns ist aber durch denselben Menschen <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Jesus</term> zugesprochen, dass eben das, was zu vollbringen
       uns, um Menschen <pb xml:id="p384" ed="pga"/> zu sein, <hi rend="italic">nötig</hi> und nun
       eben durch uns selbst doch <hi rend="italic">nicht</hi> zu vollbringen ist, für uns
       vollbracht, und zwar aus unserer eigenen Natur heraus für diese unsere Natur, an unserer
       Stelle für uns vollbracht ist. Das uns gegebene Zeichen, das darin besteht, dass der Mensch
       nicht ohne den <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschen</term> ist, ist also nicht
       leer; es ist uns nicht umsonst gegeben. Es wäre uns freilich leer und umsonst gegeben, wenn
       Gott unser <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term> sich damit begnügt hätte, uns nun
       eben unter dieses <term ref="kbga-keywords-946">Zeichen</term> zu stellen, den Menschen nun
       eben faktisch nicht ohne den Mitmenschen zu wollen und zu erschaffen. Er hat sich damit nicht
       begnügt. Er hat eben dieses Zeichen von Anfang an nicht als das Zeichen eines vom Menschen
       selbst zu erfüllenden <term ref="kbga-keywords-66">Gesetzes</term>, sondern als das Zeichen
       seiner eigenen Treue gegen den Menschen, als die <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> seines eigenen Dazwischentretens zu des Menschen Gunsten aufgerichtet. Es
       zeigte dieses Zeichen von Anfang an nicht auf uns, nicht auf <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und <persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName> – oder vielmehr durch
       <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und Eva, durch uns und durch jeden anderen Menschen hindurch auf den <pb ed="A" n="1112"/> Menschen, der das Gezeigte ist und darstellt, der der Mensch ist, von dem es redet: der
       Mensch mit dem Mitmenschen. Es ist das durch diesen Menschen bewährte, beglaubigte und
       bekräftigte Zeichen. Es ist wirklich <term ref="kbga-keywords-253">Sakrament</term> und nicht
       bloßes Sinnbild. Es ist bewährt, beglaubigt und bekräftigt durch Gottes erfüllende <term key="Gott, Gegenwart">Gegenwart</term> in dem Menschen, von dem es Zeugnis gibt. Das
       Versagen aller Menschen und jedes Einzelnen diesem Zeichen gegenüber hat angesichts dessen
       kein Eigengewicht. Es ist gerade denen gegeben, die ihm gegenüber, sofern es ihnen das Gesetz
       ihrer Menschlichkeit anzeigt, nur versagen können. Es ist gerade ihnen das Zeichen, dass Gott
       seinerseits nicht versagt, dass er seinem Plan und seinem Werk dem menschlichen Versagen zum
       Trotz Treue hält. Wir bewähren uns nicht, aber Gott bewährt sich: darüber ist damit
       entschieden, dass uns dieses Zeichen gegeben ist, und das darum, weil dieses Zeichen durch
        <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und <persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName> und durch alle Menschen hindurch auf den Menschen <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Jesus</term> zeigt. |</p>
      <p> Das ist die Macht dieses <term ref="kbga-keywords-946">Zeichens</term>, die in der Macht
       dessen beruht, auf den es ursprünglich und zuerst zeigt: es redet nicht von dem an uns
       gestellten Anspruch und nicht von unserer Ohnmacht diesem Anspruch gegenüber, es sagt uns
       nicht, dass wir menschlich sein sollten, und es klagt uns nicht an, dass wir unmenschlich
       seien – oder vielmehr: es tut das Alles nur beiläufig und nachträglich, indem es davon <pb xml:id="p385" ed="pga"/> redet, dass Gott nicht gesonnen ist, seinen Willen mit dem Menschen
       aufhalten zu lassen, und darum nicht gesonnen, uns uns selbst, unserem eigenen Bemühen und
       unserem eigenen Versagen zu überlassen, dass er es vielmehr zu seiner Sache gemacht hat,
       unsere Menschlichkeit zu erhalten, zu behaupten, in Schutz zu nehmen und zu verteidigen, sie
       zu retten vor ihrer Bedrohung durch unsere Menschlichkeit – sie <hi rend="italic">für</hi>
       uns zu retten <hi rend="italic">gegen</hi> uns selber. Eben das ist es doch, was in dem
       Menschen Jesus als dem eigentlichen und ursprünglichen geschöpflichen Bilde Gottes Ereignis
       ist: in <hi rend="italic">ihm unsere</hi> Menschlichkeit, Menschlichkeit für uns und uns
       zugesprochen, in ihm uns zu eigen gemacht, weil an unserer Stelle realisiert. Indem der ewige
        <term ref="kbga-keywords-976">Gott</term> selbst <pb ed="A" n="1113"/> dieser Mensch <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">Jesus</term> ist, setzt er sich dafür, dass wir werden,
       was wir von uns selbst aus nicht werden können: wirkliche Menschen, der Mensch mit dem
       Menschen und eben so sein geschöpfliches <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Ebenbild</term>. Was dieser Mensch ist, das gilt <hi rend="italic">für uns;</hi> denn eben
       er ist Jesus <hi rend="italic">und wir</hi>, Jesus nicht ohne, sondern <hi rend="italic">mit
        uns</hi>, der Geliebte <term key="Jesus Christus, Geliebter Gottes">Gottes</term>, in
       welchem Gott auch <persName ref="kbga-actors-2144">Adam</persName> und <persName ref="kbga-actors-2841">Eva</persName>, auch einen Jeden von uns von Ewigkeit her <term key="Mensch, von Gott geliebt">geliebt</term> hat. So ist er die greifbare <hi rend="italic">Gestalt</hi> der <hi rend="italic">Gnade</hi> unserer <term key="Gnade, der menschlichen Natur">Natur</term>. In ihm ist sie nicht nur verborgen. In ihm
       ist sie nicht nur sichtbares Zeichen. <term key="Gestalt">Gestalt</term> ist mehr als
       Zeichen. Gestalt ist die Sache selbst, auf die das <term ref="kbga-keywords-946">Zeichen</term> zeigt. Dass <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschlichkeit</term>
       und also <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> und also
       Gemeinschaft mit der überströmenden Herrlichkeit <term ref="kbga-keywords-106">Gottes</term>
       selbst das Geheimnis und der Sinn des menschlichen <term ref="kbga-keywords-98">Lebens</term>
       ist, das ist in ihm nicht nur Frage und Problem, sondern fraglos und unproblematisch
       vorgegebene <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi>. Das ist in ihm als sein absoluter <term key="Anfang, absoluter"><hi rend="italic">Anfang</hi></term> gesetzt, von dem aus man denken
       und reden, und zwar positiv denken und reden kann, von dem aus der Satz, dass es dem Menschen
       gut ist, nicht allein zu sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18">Gen. 2,18</ref>], und dass er eben in diesem seinem guten
       Nicht-allein-Sein nach Gottes <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Bild</term> geschaffen
       ist, ohne Vorbehalt ausgesprochen werden kann und muss: außerhalb der Klammer der von uns zu
       realisierenden oder nicht zu realisierenden Möglichkeiten! Das auf ihn zeigende Zeichen
       unserer Menschlichkeit bedarf, um mächtig zu sein, nicht erst dessen, dass wir es erkennen
       und ergreifen und in guten Gebrauch nehmen. Indem es auf ihn zeigt, <hi rend="italic">hat</hi> es Macht, kann es nur noch eine Frage der Zeit, nicht aber eine Bedingung seiner
       Gültigkeit sein, dass wir es tatsächlich erkennen und ergreifen. Indem wir unter dem auf ihn
       zeigenden <term ref="kbga-keywords-946">Zei<pb xml:id="p386" ed="pga" break="no"/>chen</term>
       stehen, ist darüber entschieden, wer wir sind. Wir haben es hier, in der Menschlichkeit Jesu
        <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Christi</term>, mit dem in Sachen der Menschlichkeit
       des Menschen gültigen christlichen <term ref="kbga-keywords-1417">Dogma</term> oder <term ref="kbga-keywords-525">Axiom</term> zu tun, das außer seiner selbst keiner weiteren
       Begründung bedarf.<note xml:id="n125">Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Verständnis eines Axioms vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-473"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Das erste Gebot als theologisches
          Axiom</hi>, in: V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p209#p209">S. 209–241</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/49/p214#p214">S. 214f</ref></bibl>.</note></p>
      <p> Die <term ref="kbga-keywords-5">anthropologische</term> Konsequenz aus dieser <term ref="kbga-keywords-553">christologischen</term> Voraussetzung ist nun schlicht die, dass
       unserem <hi rend="italic">faktischen</hi> menschlichen Sein <pb ed="A" n="1114"/> eine
       objektive <hi rend="italic">Bedeutsamkeit</hi> eignet und innewohnt. Sie ist ihm darum <hi rend="italic">objektiv</hi> eigen, weil sie von seiner Problematik und Brüchigkeit
       unabhängig und also <hi rend="italic">unzerstörbar</hi> ist. Sie besteht in grundsätzlich
       überlegenem Gegensatz zu dieser Problematik und Brüchigkeit, und eben von ihr aus wird diese
       durchleuchtet. So kann sie von ihr nicht alteriert werden. Es ist nur zu wahr, dass unser
       faktisches Sein als Mensch und Mitmensch dem Wesentlichen, was das bedeutet, <hi rend="italic">nicht</hi> gerecht wird. Es ist aber noch wahrer, dass es in seiner ganzen
       Ungerechtigkeit eben dieses <hi rend="italic">Wesentliche</hi> bedeutet. Und ihm kommt dieses
       Bedeuten darum unveräußerlich und unzerstörbar zu, weil unser menschliches Sein als Mensch
       und Mitmensch ursprünglich und zuerst in <hi rend="italic">Jesus</hi> verwirklicht ist und
       weil wir, indem auch wir faktisch immer Mensch und <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmensch</term> sind, <hi rend="italic">seines</hi>gleichen sind und also an der in ihm
       geschehenen Verwirklichung Anteil haben. Ob wir es wissen oder nicht wissen, wollen oder
       nicht wollen, unser Sein <hi rend="italic">ist</hi> bedeutend, denn es steht nun einmal in
       diesem Zusammenhang mit dem seinigen, und in diesem Zusammenhang <hi rend="italic">kann</hi>
       es gar nicht unbedeutend sein.</p>
      </div>
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      <p rend="margin-top">Was aber ist in diesem Zusammenhang das Bedeutsame unseres faktischen
       menschlichen, nämlich unseres mitmenschlichen Seins? Wir kommen damit zum Schluss zu der <hi rend="italic">konkreten</hi> Form der menschlichen <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit, konkrete">Gottebenbildlichkeit</term>. Wir sahen zuerst:
       diese besteht allgemein darin, dass der Mensch in Ähnlichkeit mit Gott selber <hi rend="italic">Du und Ich</hi> ist. Wir sahen dann weiter: sie besteht im Besonderen, sie
       besteht als geschöpfliche Gottebenbildlichkeit darin, dass er <hi rend="italic">Mensch und
        Mitmensch</hi>
       <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Mitmenschlichkeit">ist</term>, der Mensch
       mit dem anderen Menschen. Hier bleibt uns nun noch der letzte und entscheidende Schritt ins
       Besonderste zu tun. Wer ist der <pb xml:id="p387" ed="pga"/> Mensch mit dem anderen Menschen?
       Welches ist das faktische menschliche (als Mitmenschlichkeit bestimmte) Sein in der ihm durch
       seinen Zusammenhang mit der Menschlichkeit <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Jesu</term>
       eigenen Bedeutsamkeit? Dass ihm von daher und nur von daher seine Bedeutsamkeit zukommt, dass
       es von daher und nur von daher beglaubigtes Zeichen ist, muss uns nun beherrschend vor Augen
       stehen. Wir können also <pb ed="A" n="1115"/> die bedeutsame Form der Mitmenschlichkeit
       unseres faktischen Seins auf alle Fälle nur in einer solchen Bestimmung dieses unseres Seins
       zu finden erwarten, in der es diesen Zusammenhang spiegelt, in der es eben dies abbildet und
       darstellt: wie Jesus Mensch und Mitmensch ist, ganz von ihm her und ganz zu ihm hin, Ich
       durch das Du und Ich für das Du. Wir fragen also, in welcher Hinsicht, unter welchem
       Gesichtspunkt unser faktisches menschliches Sein diesem Urbild entspricht, unter welcher
       Bestimmung es von daher beglaubigtes Zeichen ist. Wir fragen, unter welcher Gestalt der
       Mensch und der Mitmensch so da sind, dass sie miteinander und in diesem Miteinander auch ein
       Jeder für sich nun eben – aller Problematik und Brüchigkeit ihres Vollbringens ungeachtet –
       in ihrem Zusammenhang mit der Menschlichkeit <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Jesu</term> das geschöpfliche Ebenbild Gottes sind. Auf die so gestellte Frage ist nun
       abschließend zu antworten: Wir reden vom <hi rend="italic">Mann</hi> und von der <term key="Mensch, Mann und Frau"><hi rend="italic">Frau</hi></term>, wenn wir vom Menschen als
       von Gottes <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Zweiheit von Mann und Frau">Ebenbild</term>, wenn wir von seiner <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschlichkeit</term> und also von seiner wesentlichen <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> reden.</p>
      <p> Es gibt auch andere wichtige Gestalten des Verhältnisses von Mensch und Mitmensch als
       diese. Der Mensch ist auch Vater und Kind, auch Mutter und Kind, auch Bruder und Schwester,
       auch begabter im Verhältnis zum unbegabten, so begabter im Verhältnis zum anders begabten, er
       ist auch charakterisierter im Verhältnis zum anders charakterisierten Menschen; er ist Mensch
       dieser im Verhältnis zum Menschen jener Zone, Zeit und Rasse; er ist vor allem je dieses
       Individuum im Verhältnis zu jedem anderen. Wir können aber zur entscheidenden Bestimmung von
       des Menschen <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> schon darum nicht bei
       einem dieser anderen Verhältnisse stehen bleiben, weil sie streng genommen alle miteinander
       geschichtliche Verhältnisse sind: Verhältnisse eines wenn auch ursprünglichen Werdens, aber
       doch nicht des darin vorausgesetzten Seins des Menschen, sekundäre Verhältnisse, die allesamt
       ein primäres voraussetzen. Dass <pb xml:id="p388" ed="pga"/> der Mensch Mann und Frau ist, das
       ist nicht nur eine weitere und vielleicht tiefste Gestalt seiner Unterscheidung von und
       seiner Verbindung mit seinesgleichen. Sondern eben in <pb ed="A" n="1116"/> diesem Verhältnis
       ist er zuerst und hat er ursprünglich seinesgleichen, ist er Mensch mit dem Mitmenschen, mit
       dem er nicht einer ist und ohne den er nun doch auch nicht Dieser, der Mensch, sein würde.
       Nur als der, der in diesem Verhältnis ist, ist er dann auch in allen anderen. Und alles
       Konkrete, was er in jenen anderen Verhältnissen ist, ist immer noch Abstraktion von dem
       Konkreten seines Seins in diesem Verhältnis. Alle als Zähler in jenen anderen Verhältnissen
       namhaft zu machenden Bestimmungen stehen auf dem <hi rend="italic">Nenner</hi> der
       Grundbestimmung, dass der Mensch Mann oder <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term>,
       Mensch und <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmensch</term> in diesem Verhältnis ist.
       Des Menschen Mitmenschlichkeit und also seine <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Mitmenschlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term>
       gerade hier und nicht anderswo zu suchen sind wir schon durch <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.27">Gen. 1,27</ref> angeleitet, wo nun einmal diese und keine andere Beziehung
       als diejenige genannt ist, in der Gott den Menschen geschaffen habe nach seinem Bild – und
       wiederum durch <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18">Gen. 2,18</ref>, wo als die
       Hilfe, die dem Mann ein Gegenüber sei, nun einmal keine andere Gestalt des Mitmenschen als
       eben die der Frau beschrieben wird. Die innerliche und sachliche Notwendigkeit, uns an diese
       Bestimmung zu halten, ergibt sich aber daraus, dass in diesem Verhältnis und in ihm allein
       die Entsprechung der menschlichen <term key="Mensch, Natur">Natur</term> zu der
       Menschlichkeit, nämlich zu der Mitmenschlichkeit <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Jesu</term>, primär und unzweideutig sichtbar wird. Man kann sie dann gewiss auch in den
       anderen Verhältnissen wiederfinden, sofern sie auch dort mehr oder weniger deutlich Ereignis
       werden kann. Hier aber braucht sie nicht erst Ereignis zu werden. Hier ist sie mit dem Wesen
       und der Existenz des Menschen selbst gegeben. Hier ist das durch die Menschlichkeit Jesu
       beglaubigte <term ref="kbga-keywords-946">Zeichen</term> Natur, noch bevor es Geschichte wird
       und wie immer es in der Geschichte erkannt und ergriffen oder nicht erkannt und nicht
       ergriffen werden möge. Mann und Frau in ihrer Verschiedenheit und Verbundenheit <hi rend="italic">sind</hi>
       <term key="Mensch, Mann und Frau">Mensch</term> und Mitmensch als Spiegel der Menschlichkeit
       Jesu. Mann und Frau <hi rend="italic">sind</hi> darum Gottes geschöpfliches <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Zweiheit von Mann und Frau">Ebenbild</term>.</p>
      <p>Der naheliegende Einwand kann nicht verfangen: dass die geschlechtliche Differenzierung
       eine Bestimmung sei, die der Mensch mit <pb ed="A" n="1117"/> dem <term key="Mensch, und Tier">Tiere</term> gemeinsam habe, dass in ihr also seine Gotteben<pb xml:id="p389" ed="pga" break="no"/>bildlichkeit nicht bestehen könne. Dass die geschlechtliche Differenzierung dem
       Menschen und dem Tier gemeinsam ist, das unterstreicht allerdings sehr deutlich, dass wir es
       im Menschen mit dem Ebenbilde <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottes</term> im
       geschöpflichen Raume zu tun haben; es erinnert uns daran, dass wir uns auch auf der höchsten
       Spitze unserer Natur diesseits der <term key="Mensch, Kreaturgrenze">Kreaturgrenze</term> und
       also in der Nachbarschaft und im Zusammenhang mit der ganzen übrigen <term key="Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen">Schöpfung</term> befinden, dass gerade diese Spitze
       Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> und <term ref="kbga-keywords-1077">Wahl</term> und als solche nicht in einen geschöpflichen Vorzug und Anspruch zu übersetzen
       ist. Darüber hinaus wäre ja immerhin zu bemerken, dass die geschlechtliche Differenzierung
       beim Menschen von der des Tieres insofern bedeutsam verschieden ist, dass sie schon physisch
       die einzig reale Differenzierung innerhalb des Menschengeschlechtes bildet. Das Tier
       existiert in vielen, bis zur fast gänzlichen Fremdartigkeit verschiedenen Geschlechtern,
       Arten und Unterarten, der Mensch – da die Rassenunterschiede nun einmal keinen Artunterschied
       in sich schließen – in einer einzigen Art, die letztlich allein durch den Unterschied von
       Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term> noch einmal in sich verschieden ist.
       Entscheidend ist dies, dass es nun eben der Mensch (und unseres Wissens allein der Mensch)
       ist, dem Gott sich zu Seinesgleichen und in der Menschlichkeit Jesu nun eben so zu
       Seinesgleichen machen wollte und gemacht hat, dass eben sein Sein als Mann und Frau als die
       natürliche Entsprechung dieser seiner besonderen Zuwendung zu ihm und damit nun doch als das
       geschöpfliche Bild seines eigenen inneren <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Wesens</term> sichtbar werden muss. Dass auch das Tier männlich und weiblich <term key="Mensch, und Tier">ist</term>, kann diese Auszeichnung des Menschen weder bedrohen noch
       aufheben. Was dieser Tatsache zu entnehmen ist, könnte nur dies sein, dass die Bedeutsamkeit
       des in der Natur des Menschengeschlechts aufgerichteten <term ref="kbga-keywords-946">Zeichens</term> dadurch bestätigt wird, dass es gerade im nächsten Umkreis der uns
       umgebenden <term key="Schöpfung, Mitgeschöpfe">Schöpfung</term> diese in der Tat auffallende
       Analogie hat. Dass wir mit einem uns freilich undurchsichtigen Zusammenhang zwischen dem
       Willen Gottes mit dem Menschen und <pb ed="A" n="1118"/> seinem Willen mit der ganzen
       Schöpfung zu rechnen haben, diese auch von anderer Seite wenigstens von ferne aufleuchtende
       Wahrheit ist es, die wir jenem Einwand gerne entnehmen werden.</p>
      <p>Auch der andere hier ebenfalls naheliegende Einwand ist gegenstandslos: dass Gott doch
       nicht Mann und Frau sei, dass also des <pb xml:id="p390" ed="pga"/> Menschen
       Gottebenbildlichkeit nicht in seinem Sein als Mann und Frau bestehen könne. In der Tat ist
       Gott nicht Mann und Frau, wie er überhaupt nicht Mensch und Mitmensch, überhaupt nicht Du und
       Ich in zwei Personen, sondern in einer Person ist. <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> heißt nicht <term key="Mensch, Gottgleichheit">Gottgleichheit</term>, sondern <term key="Mensch, Gottähnlichkeit">Gottähnlichkeit</term>,
       und das tertium comparationis besteht darin, dass auch der Mensch (wie Gott selber) Gottes Du
       und als solches (wie Gott selber) Ich ist. Er ist aber Gottes Du und insofern Ich in der
       Geschöpflichkeit. Und eben weil er es geschöpflich ist, ist er es nicht wie Gott aus und
       durch sich selber, sondern im Verhältnis von Mensch und <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmensch</term>. Und was das Verhältnis von Mensch und Mitmensch ist, das ist urbildlich
       wirklich und offenbar in der Mitmenschlichkeit <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Jesu</term>. Und eben von ihr aus als dem Urbild und der Norm des Menschlichen ergibt sich
       das Sein des Menschen als Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term> als des
       Menschen natürliche, allen anderen Bestimmungen seines Seins vorangehende <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Zweiheit von Mann und Frau">Gottebenbildlichkeit</term>. Sie hat als solches nichts Gleiches in Gott – es wäre denn die
       Einheit von <term key="Gott, Heiligkeit">Heiligkeit</term> und <term ref="kbga-keywords-115">Barmherzigkeit</term>, in der Gott das Geschöpf überhaupt wollte und in der er sich selbst
       zu des Menschen Verbündetem machen wollte. Aber zwischen diesem Gleichen und dem Sein des
       Menschen als Mann und Frau liegt der Abgrund der creatio ex <term key="Schöpfung, creatio ex nihilo">nihilo</term>, der jeden Rückschluss von der
       geschöpflichen auf die schöpferische Natur unmöglich macht, der es uns also
       selbstverständlich verbietet, Gott selber so etwas wie ein androgynes Wesen
       zuzuschreiben.</p>
      <p>Das Sein des Menschen als Mann und Frau ist das <hi rend="italic">Abbild und die <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term></hi>
       <hi rend="italic">des <term key="Bund, Gnadenbund">Gnadenbundes</term></hi>
       <hi rend="italic">und seines Herrn</hi>. Darum und darin ist es bedeutsam und ist gerade in
       ihm die Gottebenbildlichkeit der menschlichen Natur sichtbar und zu erkennen. Der Sinn der
       Gottebenbildlichkeit des <pb ed="A" n="1119"/> Menschen ist ja seine Eignung zum Partner <term key="Mensch, Partner Gottes">Gottes</term> im Gnadenbund. Darin, dass er Mann und Frau ist,
       ist von seiner Seite die Bedingung erfüllt, die ihn zu dem Wesen macht, dem Gott Verbündeter
       sein, dessen er sich in Jesus Christus persönlich annehmen kann. <hi rend="italic">Indem
        Mensch und Mitmensch einander das sind, was Mann und Frau sich gegenseitig sein können</hi>,
       ist der Mensch unter allen Wesen dasjenige, mit dem Gott in diese Handlungsgemeinschaft und
       besondere Seinsgemeinschaft treten kann. Wir wissen nicht, ob er das nicht auch sonst, nicht
       auch ohne Erfüllung gerade dieser Bedingung tun könnte. Wir können nur sagen, dass die
       Handlungs- und <pb xml:id="p391" ed="pga"/> Seinsgemeinschaft zwischen Gott und Mensch dann
       eine ganz andere sein müsste als die, die in der Aufrichtung des Gnadenbundes und in dessen
       Erfüllung in Jesus <term key="Jesus Christus, Erfüller des Gnadenbundes">Christus</term>
       Ereignis und <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> geworden ist. Auch die beiden
       Partner, Gott und der Mensch, müssten dann jedenfalls ganz andere Wesen sein als die, die wir
       hier handeln sehen. Halten wir uns daran, dass diese Handlungs- und Seinsgemeinschaft nun
       eben so und nicht anders Ereignis und Offenbarung geworden ist und dass wir auch Gott und den
       Menschen nicht anders kennen als so, wie sie hier wirklich sind, dann müssen wir sagen, <hi rend="italic">dass das Gottebenbildliche der menschlichen Natur darin besteht, dass der
        Mensch in dieser besonderen Zweisamkeit existiert</hi>: <hi rend="italic">als Mann und als
         <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Zweiheit von Mann und Frau">Frau</term></hi>. Denn eben darin ist er von Natur das Abbild und die Verheißung dieser
       Gemeinschaft: der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch, die in der Menschlichkeit <term ref="kbga-keywords-233">Jesu</term> exemplarisch dargestellt ist. Eben darin erfüllt er die
       Bedingung, die ihn zu jenem Wesen macht, das Gottes Partner sein kann.</p>
      <p> Des Menschen <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> besteht
       zunächst darum gerade in diesem Verhältnis, weil der Mann <hi rend="italic">nicht ohne</hi>
       die Frau <hi rend="italic">der Mann</hi>, die Frau <hi rend="italic">nicht ohne</hi> den Mann
        <hi rend="italic">die Frau</hi> sein kann, weil also beide <hi rend="italic">nicht ohne</hi>
       einander <hi rend="italic">Mensch</hi> sein können. Jede denkbare Definition männlichen und
       weiblichen Wesens ist als Bezeichnung irgend einer Korrelation, Gegenüberstellung und
       Ergänzung eine Beschreibung und Erläuterung dieses «Nicht ohne einander». Jede Betätigung und
       Entfaltung des Mannes oder der Frau zielt offen oder heimlich, direkt oder indirekt,
       verbindend <pb ed="A" n="1120"/> oder auch gegensätzlich auf eine Bestätigung dessen, dass
       sie «nicht ohne einander» sind. Dass er Mann und Frau <term key="Mensch, Mann und Frau">ist</term>: Mann mit der Frau und Frau mit dem Manne, das ist der Raum, in welchem sich der
       Mensch zwar in großen Extremen bewegen, den er aber nicht überschreiten und verlassen kann.
       Mann und Frau können sich weit voneinander entfernen. Sie werden aber faktisch nie aufhören,
       um einander zu wissen. Sie können sich gegeneinander wenden, sie können aber nicht aufhören,
       füreinander da zu sein. Ihre Beziehung aufeinander ist für beide notwendige Bedingung ihrer
       menschlichen Wahrheit und Lebendigkeit, das Maß ihrer Freude und ihres Leides, ihres Stolzes
       und ihrer Demütigung, ihrer Ehre und ihrer Unehre. Ihre Menschlichkeit wäre in dem Maß
       bedroht, als sie sich einem rein männlichen oder rein weiblichen Wesen nähern woll<pb xml:id="p392" ed="pga" break="no"/>ten. Sie wäre aber auch in dem Maß bedroht, als sie
       zwischen diesen Extremen eine neutrale Mitte aufsuchen und halten wollten. Menschlich ist
       hier nur die <hi rend="italic">Beziehung</hi> hin und her und kein Für-sich-Sein hüben oder
       drüben. Und menschlich ist hier nur das männliche oder das weibliche Wesen: kein
       indifferentes, kein neutrales zwischen diesen Gegensätzen. In dieser Sache gibt es keine
       Willkür, die nicht als solche eine unmittelbare Gefahr bedeuten würde. Des Menschen <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> steht und fällt damit, dass der Mann der
       Mann, die Frau die Frau ist und bleibt. Sie steht und fällt aber auch damit, dass die
       Beziehung zwischen beiden offen und lebendig bleibt.</p>
      </div>
      <div type="excursus">
      <p rend="margin-top">Die Art, wie die Menschheit nach den beiden ersten Kapiteln der Genesis
       als Zusammensein beider konstituiert wird, zeigt das in einer nicht misszuverstehenden Weise.
       Man legt aber bestimmt auch <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.3.28">Gal. 3,28</ref>
       und <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.30">Matth. 22,30</ref> falsch aus, wenn man
       das Leben im christlichen <term key="Glaube">Glauben</term> oder doch das Leben in der
       Auferstehung der <term ref="kbga-keywords-734">Toten</term> als eine Indifferenzierung der
       Unterschiede und als eine Aufhebung der Beziehung zwischen Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term> versteht. Wenn <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> schreibt, dass in der Gemeinde derer, die auf Christus getauft sind und
       die ihn «angezogen» haben, «nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann
       noch Frau» sei, denn «ihr alle seid Einer in Jesus Christus», so heißt das zwar nach dem
       Zusammenhang des Galaterbriefs zweifellos, dass von einem gegenseitigen Geltendmachen und
       Ausspielen der natürlichen und geschichtlichen <pb ed="A" n="1121"/> Gegensätze zwischen
        <term ref="kbga-keywords-783">Juden</term> und <term ref="kbga-keywords-109">Heiden</term>,
       zwischen Herren und Sklaven und so auch zwischen Männern und Frauen im Bereich der gemeinsam
       anerkannten Souveränität Jesu <term key="Jesus Christus, Souveränität">Christi</term> und
       also in der Einheit der <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term> keine Rede mehr sein
       kann, dass man hier vielmehr unter Voraussetzung des Vorhandenseins dieser Gegensätze im
       Frieden beieinander ist. Es kann aber nach allem, was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> über diese Gegensätze gesagt hat, unmöglich seine Meinung sein, dass sie
       durch das christliche Beieinandersein als solche aufgehoben und beseitigt seien. Dass auch
       die Männer und Frauen in Jesus Christus Einer sind – so gewiss eben Er, der Eine, ihr
       gemeinsamer Herr und Erretter ist –, das ändert nichts daran, dass sie Männer und Frauen
       sind. Und so zielt auch das <term ref="kbga-keywords-651">eschatologische</term> Wort Jesu
       nach der in diesem Stück sicher gesunden <term key="Exegese, altkirchliche">Exegese</term>
       der alten Theologie (<bibl corresp="kbga-bibls-432"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName></hi>, De civ. Dei XXII, 17</bibl>)<note xml:id="n126"><bibl corresp="kbga-bibls-114">CSEL 40/2, S. 626</bibl>:
        «<foreign xml:lang="lat">Denique et ipse Iesus interrogatus a Sadducaeis, qui negabant resurrectionen, cuius septem
        fratrum erit uxor, quam singuli habuerunt, dum quisque eorum uellet defuncti semen, sicut
        lex praeceperat, excitare: ‹Erratis›, inquit, ‹nescientes Scripturas, neque virtutem Dei›.
        Et cum locus esset, ut diceret: ‹De qua enim me interrogatis, uir erit etiam ipsa, non
        mulier›, non hoc dixit: sed dixit, ‹In resurrectione enim neque nubent, neque uxores ducent,
        sed sunt sicut angeli Dei in coelo› aequales utique angelis immortalitate ac felicitate, non
        carne: sicut nec resurrectione, qua non indiguerunt angeli, quoniam nec mori potuerunt.
        Nuptias ergo Dominus futuras negavit esse in resurrectione, non feminas</foreign> […].» – Sowohl
        <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> als auch die Leidener Synopse (s. <ref type="pub" target="#fn_n127">die folgende Anmerkung</ref>) werden von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auch in
        <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/2, S. 357</bibl>, als Beleg verwendet; die abschließenden Sätze dieses Exkurses finden sich
        ebd. fast wörtlich.</note> zwar <pb xml:id="p393" ed="pga"/> sehr bestimmt auf ein solches
       Zusammensein von Mann und Frau, in welchem die ganze Problematik des Freiens und
       Sichfreienlassens, des gegenseitigen Sichentbehrens und Sichsuchenmüssens mit allen seinen
       Komplikationen, inneren und äußeren Widersprüchen keine Stätte mehr haben kann – nicht aber
       auf eine geschlechtslose Existenz der von den Toten <term key="Auferstehung, Existenz der Auferstandenen">Auferstandenen</term>. Die Differenz des
       Geschlechts gehört nicht zu den «vitia naturae», sondern zu ihrem Wesen (<bibl corresp="kbga-bibls-5348"><hi rend="italic">Leid. Syn.</hi>, 1624, Disp. 51,37</bibl>)<note xml:id="n127"><bibl corresp="kbga-bibls-5338"><hi rend="italic">Synopsis purioris
         theologiae, Disputationibus quinquaginta duobus comprehensa</hi>, Ac conscripta per
        Johannem Poliandrum, Andream Rivetum, Antonium Walaeum, Antonium Thysium, S. S. Theologiae
        Doctores &amp; Professores in Academia Leidensi, Lugduni Batavorum 1642<hi rend="sup">3</hi>, p. 791</bibl>: «<foreign xml:lang="">Cum eodem [scil. Augustino] non dubitamus asserere,
         futurum in resurrectione sexuum discrime</foreign>n.» An die folgende freie Wiedergabe der
        in der vorigen Anmerkung angeführten Sätze <persName ref="kbga-actors-14">Augustins</persName> schließt die Synopis a.a.O., <bibl corresp="kbga-bibls-5338">p. 792</bibl>,
        an: «[…] <foreign xml:lang="lat">cui addi potest, quod in resurrectione, non individua
         natura, nec perfectio aut integritas specierum, sed vitia duntaxat naturae sint abolenda;
         inter quae non est ponenda sexuum distinctio</foreign>.»</note>. Nicht <foreign xml:lang="el-GR">ἄγγελοι</foreign>, sondern <foreign xml:lang="el-GR">ὡς ἄγγελοι ἐν τῷ
        οὐρανῷ</foreign> werden sie sein: befreit von dem, was sie als Menschen jetzt und hier als
       eigene <term ref="kbga-keywords-263">Schuld</term> und als deren Folge belastet, aber darum
       doch nicht weniger Menschen. Menschen, die nicht mehr Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term> wären, würden eben darum keine Menschen mehr sein.
       Es wäre dann nicht mehr <foreign xml:lang="el-GR">τὸ φθαρτὸν τοῦτο</foreign>, das in der
       Auferstehung die Unverderblichkeit, und nicht mehr <foreign xml:lang="el-GR">τὸ θνητὸν
        τοῦτο</foreign>, das in der Auferstehung die Unsterblichkeit anzieht (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.53 1.Kor.15.58">1.Kor. 15,53f.</ref>). Die Identität des sterbenden und
       auferstehenden menschlichen <term key="Auferstehung, Identität von Sterbenden und Auferstehenden">Subjektes</term> wäre
       aufgehoben, wenn ihm das genommen wäre, dass es Mann oder <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term> ist, wenn seine <term key="Mensch, Menschlichkeit">Menschlichkeit</term> nicht
       mehr in dieser konkreten <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschlichkeit</term> in
       dieser Verschiedenheit und Beziehung bestehen würde.</p>
       </div>
       <div>
      <p rend="margin-top">Es ist jenes «Nicht ohne einander», in welchem weder der Unterschied noch
       die Beziehung fehlen kann, das den Menschen zum Menschen macht. Dass er <pb ed="A" n="1122"/>
       Mensch und <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmensch</term> ist, darüber ist damit,
       dass er Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term> ist, ursprünglich und
       ultimativ entschieden. Kein anderes Verhältnis zwischen Mensch und Mitmensch kann das
       leisten. Dieses allein ist unvergesslich, unumkehrbar, unverwischbar, unumgehbar. Hier allein
       ist der Unterschied und die Bezie<pb xml:id="p394" ed="pga" break="no"/>hung notwendig, so
       notwendig wie die Existenz selber, die notwendige Form der Existenz.</p>
      <p> Und eben weil dem so ist, ist der Mensch in seiner <term key="Mensch, Natur">Natur</term>
       – in diesem seinem konkreten Sein als Miteinandersein – das Abbild und die <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> des <term key="Bund, Gnadenbund">Gnadenbundes</term> und seines Herrn und eben darum Gottes <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Ebenbild</term>. Es ist klar, dass die Notwendigkeit des
       Unterschiedes und der Beziehung von Mann und Frau keine erste und keine letzte, keine
       absolute, sondern nur eine relative, keine schöpferische, sondern nur eine geschöpfliche,
       keine in sich selbst, sondern eine in Gott begründete Notwendigkeit ist. Es handelt sich
       wirklich nicht darum, sie in den Himmel zu erheben. Aber eben sie ist es, die der himmlischen
       Notwendigkeit, dem Willen Gottes in der Aufrichtung des Gnadenbundes und der <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> seines Sohnes zu dessen Verwirklichung auf Erden
       unmittelbar gegenübersteht, die als irdische Notwendigkeit das Spiegelbild jener himmlischen
       ist.</p>
      <p> Zuerst und in der Höhe sind das Du und das Ich Gottes, in welchem das Überströmen seiner
        <term ref="kbga-keywords-106">Herrlichkeit</term>, in welchem die Gnade der <term key="Gnade, der Schöpfung">Schöpfung</term> und des <term key="Bund, Gnadenbund">Bundes</term> ihren Grund haben, «nicht ohne einander», sondern miteinander und also
       unterschieden und bezogen zugleich in der unbegreiflichen Einheit des trinitarischen <term ref="kbga-keywords-70">Wesens</term>. Was ist und was soll daneben das Sein des Menschen als
       Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term>? Was besagt alle Notwendigkeit, in der
       wir sie zusammen sehen müssen, alle Unmöglichkeit, den einen Menschen ohne diesen seinen
       anderen zu sehen? Was heißt «notwendig», was heißt «unmöglich» im Blick auf irgend eine
       geschöpfliche Tatsache und Beziehung und so auch auf diese? Von einer mehr als abbildlichen,
       mehr als verheißungsmäßigen Notwendigkeit und Unmöglichkeit im Blick auf das menschliche Sein
       zu reden, wäre gewiss frevelhaft, weil wir ihm damit göttliches Sein zuschreiben würden. Es
       wäre aber wieder frevelhaft, nun eben von einer <pb ed="A" n="1123"/> abbildlichen und
       verheißungsmäßigen Notwendigkeit und Unmöglichkeit nicht zu reden, da die Dinge sich an
       dieser Stelle auf Erden tatsächlich so verhalten wie im Himmel, da an dieser Stelle im
       geschöpflichen Raum ein Ähnliches nun einmal stattfindet wie in Gott selber: ein Sein des
       Einen nicht ohne den Anderen, ein notwendiges Miteinandersein, die Unmöglichkeit einer
       Abstraktion zwischen Sein und Miteinandersein. Es ist klar: das Erste, das ursprünglich Wahre
       und Wirkliche, der Grund und Sinn dieses Seins als <pb xml:id="p395" ed="pga"/> Miteinandersein ist nicht im Menschen, weder im Mann noch in der Frau, und auch nicht in
       beiden zusammen, sondern in Gott; denn in ihm und in ihm allein ist es aus sich selber, ist
       es ewig und darum keiner Begründung bedürftig. Es ist klar: dann erst, von Gott getrennt
       durch den Abgrund der creatio ex <term key="Schöpfung, creatio ex nihilo">nihilo</term>, ist
       dasselbe auch im Menschen; erst dann und daraufhin kann auch im Blick auf ihn von einem
       notwendigen Sosein, von der Unmöglichkeit jedes Andersseins geredet werden. Alle Behauptungen
       über Mann und Frau, über die <hi rend="italic">Unvergesslichkeit, Unumkehrbarkeit,
        Unverwischbarkeit, Unumgehbarkeit ihres Unterschiedes und ihrer Beziehung</hi> würden als
       willkürliche Spekulation in der Luft stehen, wenn sie als direkte Aussagen des Menschen über
       sich selbst auftreten und gelten wollen würden. |</p>
      <p> Der Ernst und das Gewicht dieser Aussagen ist daran gebunden, dass sie nur indirekte
       Aussagen sind, dass sie primär und eigentlich von Gott und dann erst von dem von Gott
       geschaffenen und mit Gott konfrontierten Menschen reden. In dieser Folge aber werden sie
       unvermeidlich. Indem der Mensch in der Wirklichkeit Gottes als in der untrüglichen Quelle der
       Erkenntnis auch alles Geschaffenen sich selbst anschaut, kann er – in der Tiefe und diesseits
       des Abgrunds der <foreign xml:lang="lat">creatio ex <term key="Schöpfung, creatio ex nihilo">nihilo</term></foreign> – nicht
       umhin, sich selbst, seine Natur als <term key="Mensch, Natur">Mensch</term> und <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmensch</term>, als Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term>, in einer solchen Notwendigkeit begründet zu finden,
        <hi rend="italic">die der Notwendigkeit entspricht und ähnlich ist, in welcher zuerst und in
        der Höhe Gott bei und mit sich selber ist</hi>. Er kann also gerade in Erkenntnis <term key="Mensch, Gotteserkenntnis">Gottes</term> nicht umhin, sich selbst darin, dass auch er
       «nicht ohne einander», und also darin, dass er Mann und Frau ist, als Gottes <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Zweiheit von Mann und Frau">Ebenbild</term> zu
       erkennen. Die <hi rend="italic">Priorität des göttlichen Urbildes steht fest</hi>. Sie kann
       und darf in keinem <pb ed="A" n="1124"/> Augenblick vergessen oder außer Acht gelassen werden.
       Sie gilt in ontischer wie in noetischer Hinsicht. Aber eben weil und indem sie gilt, gilt
       auch die Folge: die Wirklichkeit und die Erkenntnis seines kreatürlichen Abbildes. Gott ist
       der <term ref="kbga-keywords-25">Schöpfer</term>, und so kann das Sein als Miteinandersein
       nur in ihm ursprünglich sein. So ist er der Inbegriff und das Maß alles Seins als
       Miteinandersein. Aber eben Gott als Schöpfer ist faktisch nicht ohne sein Geschöpf, dem er in
       seiner Geschöpflichkeit ein dem seinigen ähnliches Sein als Miteinandersein zusprechen und
       zueignen wollte. Ist dem so, dann ist dieses Geschöpf – und das ist eben der <pb xml:id="p396" ed="pga"/> Mensch – das geschöpfliche Abbild Gottes; dann hat der Schöpfer in diesem
       Geschöpf ein Wesen, das ihm in der ganzen Relativität seiner Geschöpflichkeit in diesem
       seinem Sein als Miteinandersein ähnlich, das ihm in dieser Beziehung verwandt, «seines
       Geschlechts» ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.29">Act. 17,29</ref>].
       Und wenn sich nun Gott diesem seinem Geschöpf als der, der er ist, und also als der Inbegriff
       und das Maß alles Seins als Miteinandersein zu erkennen gibt, dann kann es nicht anders sein,
       als dass dieses Geschöpf – und das ist eben der Mensch –, indem es ihn erkennt, auch sich
       selbst und also seine in jener Hinsicht bestehende Ähnlichkeit und Verwandtschaft mit ihm und
       also in seinem Sein als Mensch und <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmensch</term>,
       als Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term>, seine eigene <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> erkennt. Es wäre nicht
       Gottesfurcht, sondern Überhebung, wenn es, was Gott als Schöpfer unter Überschreitung jenes
       Abgrunds nun einmal gewollt und getan hat, da, wo es geschehen ist und Bestand hat, nicht
       suchen, finden und anerkennen wollte. |</p>
      <p> Und nun ist ja diese konkrete Abbildlichkeit der menschlichen Natur keine müßige
       Auszeichnung und Glorie: weder des Menschen als solchen noch im Besonderen dessen, dass er
       gerade so, als Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term>, Mensch und Gottes
       Ebenbild <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit in seiner Zweiheit von Mann und Frau">ist</term>. Irgend eine Eitelkeit kann daraus, dass ihm die Gottebenbildlichkeit seiner
       Natur zur Erkenntnis wird, nicht folgen und irgend eine Überschätzung gerade des
       Geschlechtsverhältnisses als der konkreten Gestalt dieser Gottebenbildlichkeit auch nicht.
       Vom Begriff des <hi rend="italic">Abbildes</hi> ist ja der der <term ref="kbga-keywords-72"><hi rend="italic">Verheißung</hi></term> nicht zu trennen. Sondern das ist der Sinn und
       die Ab<pb ed="A" n="1125" break="no"/>sicht, in welcher Gott den Menschen zu seinem
       geschöpflichen Abbild macht: dass er, indem er sein Abbild ist, sich selber in seiner Natur
       in der einfachsten und naheliegendsten Gestalt die göttliche Verheißung sei, nämlich die
       Verheißung des <term key="Bund">Bundes</term> in der Gegenwart, des Beistandes, der Gnade
        <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> als des Herrn des Bundes. Er findet sich also als
       das Geschöpf, das Gott nach seinem eigenen Bilde geschaffen, keinen Augenblick und in keiner
       Hinsicht sich selbst überlassen. Er kann also sich selbst nicht haben, er kann nicht er
       selbst sein, ohne eben damit das <term ref="kbga-keywords-50">Wort</term> und die Zusage
       Gottes zu haben, dass er mit ihm sein wolle, ja ohne eben damit sich selber dieses Wort und
       diese Zusage Gottes zu sein. Ist der Mensch seines Geschlechts, ihm ähnlich als sein Abbild,
       so kann und wird ihn ja Gott eben darum nicht im Stiche lassen. Und erkennt er sich als
       seines Geschlechts, als Gottes Abbild, dann erkennt <pb xml:id="p397" ed="pga"/> er eben
       damit, dass Gott ihm, indem er ihn schuf, Treue geschworen hat, dann empfängt er eben damit
       die Hoffnung, dass Gott ihm Treue halten wird, wie er sich selber treu ist. Diese <term ref="kbga-keywords-6">Erkenntnis</term> erlaubt keine Eitelkeit hinsichtlich der
       Auszeichnung, auf die sie sich bezieht. Sie erlaubt auch keine Überschätzung der besonderen
       Form dieser Auszeichnung. Ist das Sein des Menschen als Mann und Frau das Abbild des
       göttlichen Seins als Miteinandersein und ist dieses Abbild als solches die Verheißung, die
       dem Menschen mit dieser seiner <term key="Mensch, Natur">Natur</term> gegeben ist, dann kann
       deren Erkenntnis nur dies bedeuten und nach sich ziehen, dass der Mensch sich selber zum
        <term key="Mensch, wird sich selbst zum Gleichnis"><hi rend="italic">Gleichnis</hi></term>
       wird, dessen Gegenstand und Inhalt er sich nicht selber sein kann, den er vielmehr in Gott zu
       suchen und dessen Erfüllung er allein von Gott her zu erwarten hat. Was wäre das Gleichnis an
       sich und als solches ohne das, dem verglichen es <term key="Gleichnis">Gleichnis</term> ist?
       Das menschliche Sein als Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term> ist in der
       Notwendigkeit, in der es ein Miteinandersein als Sein in der Verschiedenheit und in der
       Beziehung ist, das Gleichnis des göttlichen Seins. <hi rend="italic">Es ist ihm ähnlich
        darin, dass auch ihm Notwendigkeit eignet. Es ist ihm darin unähnlich, dass sie ihm nur
        sekundär und darum nur als relative Notwendigkeit eignet</hi>. Mehr als diese
       Gleichnishaftigkeit, in der es zugleich Abbild und <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> ist, kommt nicht in Frage. Die Grenze <pb ed="A" n="1126"/> bleibt
       gewahrt. In des Menschen Sein als solchem ist weder die Kreatur Gott noch Gott Kreatur
       geworden. Des Menschen Sein als Mann und Frau ist als solches kreatürliches Sein <hi rend="italic">vor</hi> Gott. Es ist aber <hi rend="italic">solches</hi> kreatürliches Sein,
       das des Wesens und des Werkes Gottes <term key="Gleichnis">Gleichnis</term> ist. Insofern ist
       es eben <term ref="kbga-keywords-946">Zeichen</term>, insofern kann und darf es als das
       ursprünglichste aller <term ref="kbga-keywords-253">Sakramente</term> bezeichnet werden.<note xml:id="n128">An dieser Stelle hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> über
        drei Viertel der Seite durchgestrichen und offensichtlich – jedenfalls legt der nahezu
        gleichlautende Beginn des dann neu folgenden Textes dies nahe – direkt durch den auf der
        neuen Seite fortgeführten Text ersetzt.</note>
       
      </p>
      <p><pb ed="A" n="1127"/> Die Vergleichbarkeit zwischen dem menschlichen Sein und dem göttlichen und also des
       Menschen <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> ist aber doch
       noch genauer und einleuchtender, als wir es im bisher Gesagten deutlich machen konnten. Wir
       fanden sie darin, dass das Sein und Miteinandersein des Menschen als Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term> die geschöpfliche Wiederholung dessen ist, dass Gott
       in seiner inneren, trinitarischen <term ref="kbga-keywords-70">Natur</term>
       <pb xml:id="p398" ed="pga"/> Du und Ich <hi rend="italic">ist</hi> und <hi rend="italic">miteinander</hi> ist. Wir fanden in dieser Ähnlichkeit und Verwandtschaft des menschlichen
       mit dem göttlichen Wesen so etwas wie ein dem Menschen von Haus aus in und mit seiner eigenen
       Existenz mitgegebenes Unterpfand der göttlichen <term key="Gott, Treue">Treue</term> und
        <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>: Gott wird ja den, dem er und der ihm so nahe
       steht, nicht wohl vergessen und im Stiche lassen können. Im Hinblick darauf nannten wir jenes
       menschliche Sein und Miteinandersein das Abbild und die <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> des <term key="Bund, Gnadenbund">Gnadenbundes</term> und seines Herrn.
       Aber hier besteht offenbar noch eine gewisse Dunkelheit und Unsicherheit. Einmal darum, weil
       uns doch jenes innere Sein Gottes als Du und Ich in einer <term ref="kbga-keywords-70">Person</term> als solches nicht offenbar, sondern verborgen ist. Und sodann darum, weil es
       nun doch noch wie ein bloßes Postulat aussehen könnte, wenn wir aus jener Ähnlichkeit und
       Verwandtschaft zwischen Gott und Mensch so einfach schließen, dass etwas Anderes als<note xml:id="n129">Tskr.: «wie»; Änderung durch die Hrsg.</note> Treue und Gnade gegen den
       Menschen von Gott nicht zu erwarten sein möchte. Wir haben tatsächlich das Entscheidende, was
       hier zu sagen ist, noch nicht gesagt. Es hat nämlich mit der Vergleichbarkeit zwischen dem
       menschlichen Sein und jenem inneren Sein Gottes als Du und Ich in einer Person darum seine
       Richtigkeit, weil uns diese zwar als solche verborgen, in der von ihm angenommenen Gestalt
       der Gnade aber offenbar ist, so dass wir das <hi rend="italic">Verglichene</hi>: Gottes Wesen
       und Natur, im Verhältnis zu der unser eigenes Sein <hi rend="italic">Gleichnis</hi> ist,
       tatsächlich sehen können. Und weil dieses <hi rend="italic">Verglichene</hi> sichtbar die
       Gestalt der göttlichen Gnade ist, darum ist es kein bloßer Rückschluss, kein willkürliches
       Postulat, sondern ebenfalls direkte Erkenntnis, wenn wir das <hi rend="italic">Gleichnis</hi>
       und also unser menschliches Sein als das Abbild und die Verheißung nun gerade des
       Gnadenbundes und seines Herrn verstehen und bezeichnen. Im Verhältnis zu dem Gott, der nicht
       nur verborgen, sondern auch offenbar ist, <pb ed="A" n="1128"/> hat des Menschen <term key="Mensch, Natur">Natur</term> gerade für die göttliche <hi rend="italic">Treue</hi> und
        <hi rend="italic">Gnade</hi> eine <hi rend="italic">unmittelbare</hi> Gewähr. Zwischen dem
       göttlichen und dem menschlichen Sein besteht hier eine <hi rend="italic">direkte</hi>
       Vergleichbarkeit. Ohne sie würde die indirekte, von der wir bisher sprachen, in der Luft
       stehen. Durch sie ist auch jene indirekte begründet. Direkt vergleichbar ist aber eben das
        <hi rend="italic">menschliche</hi> und das in der Gestalt der <hi rend="italic">Gnade</hi>
       göttliche Sein. Hier <pb xml:id="p399" ed="pga"/> haben wir in Sachen der Erkenntnis von des
       Menschen <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> festen Boden
       unter den Füßen. Eben was hier zu sehen ist, muss jetzt noch entfaltet werden.</p>
      </div>
    </div>
  </div>
  <!-- nächste Seite -->
   <div>
    <div>
      <div>
      <p>Die offenbare Gestalt des inneren göttlichen Seins und also die Gestalt der göttlichen
       Gnade ist die <hi rend="italic">Menschlichkeit Jesu <term ref="kbga-keywords-233">Christi</term></hi>. Wir haben sie verstanden als seine wesentliche <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Mitmenschlichkeit</term>. Wir könnten nun einfach
       fortfahren: <hi rend="italic">indem das Sein und Miteinandersein des Menschen als Mann und
         <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term></hi>
       <hi rend="italic">die Spitze und der Inbegriff dessen ist, was wir als <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschlichkeit</term></hi>
       <hi rend="italic">kennen, steht dieses unser Sein und Miteinandersein der Menschlichkeit Jesu
        Christi gegenüber als deren <term key="Gleichnis">Gleichnis</term></hi>
       <hi rend="italic">und eben darum als konkretes Abbild, als konkrete <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term></hi>
       <hi rend="italic">des <term key="Bund, Gnadenbund">Gnadenbundes</term></hi>
       <hi rend="italic">und seines Herrn</hi>. Wir sind uns darin, dass wir an dieser Stelle von
       Natur notwendig auch mitmenschlich, unmöglich ohne einander sind, die unmittelbare Gewähr
       dafür, dass die Gnade der Menschlichkeit <term key="Gnade, der Menschlichkeit Jesu">Jesu</term> uns angeht und betrifft. Wir sind ja durch diese Konstituierung und Struktur
       unseres menschlichen Seins in sichtbarer <term ref="kbga-keywords-947">Analogie</term> und
       also in sichtbarem Zusammenhang mit dem seinigen. Wir können, indem wir Mann und Frau und so
       Mensch sind, gar nicht existieren, ohne uns selbst Zeugnis dessen zu sein: der Mensch ist das
       Geschöpf, mit dem Gott sich in Jesus Christus verbündet hat. Wir können nur als
       seinesgleichen existieren: nur als die, mit denen, von denen her und für die er Mensch ist –
       nur als die, mit denen sich Gott in seiner Person verbündet hat. Denn was wir als unser
       eigenes Wesen erkennen, indem wir uns als Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term> in unaufhebbarer Verschiedenheit und Beziehung sehen, das ist die Spiegelung
       seines Angesichts, seiner wesentlichen Mitmenschlichkeit – das ist also, weil seine
       Mitmenschlichkeit die gnädige Gestalt des inneren Seins Gottes selber ist, unsere
       Gottebenbildlichkeit. Die Erkenntnis unserer <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term>, der Vergleichbarkeit zwischen <pb ed="A" n="1129"/> menschlichem und göttlichem Sein aus Gottes <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>
       hat in der Tat auch diese einfachste Form. Wir haben es hier gewissermaßen mit dem Kern und
       der Substanz der Erkenntnis zu tun, die nun noch weiter zu entfalten ist. Die Ökonomie der
       biblischen Offenbarung der Menschlichkeit Jesu <term ref="kbga-keywords-233">Christi</term>
       nötigt uns hier nämlich noch zu einiger Entfaltung.</p>
      <p> Die Gestalt der göttlichen <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> hat ja im Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term> zunächst die Form eines <term key="Bund">Bundes</term>, in welchem Gott und der Mensch sich <pb xml:id="p400" ed="pga"/> als dessen
        <term key="Mensch, Partner Gottes">Partner</term> nur gegenüberzustehen und nur in diesem
       Gegensatz zusammenzugehören scheinen: hier Jahve, dort das Volk Israel. Hier Jahve in seiner <term key="Gott, Heiligkeit">Heiligkeit</term>, an die kein Mensch herantreten kann, in seiner <term key="Freiheit, Gottes">Freiheit</term>, in der er durch niemand und nichts als durch sich
       selber gebunden ist, in seinem Anspruch, für dessen Recht er keine Gründe anzugeben braucht
       und gegen den es keinen Widerspruch gibt. Dort Israel in der ganzen Zufälligkeit und
       Geringfügigkeit seiner Existenz, in seiner ganzen menschlichen Eigenart und Eigenwilligkeit,
       in seiner fast ununterbrochen bewiesenen <term key="Israel, Untreue gegenüber Gott">Untreue</term>. Aber das Gegenüber und die Entfernung zwischen hier und dort sind schon in
       dieser Form des Bundes nur scheinbar. Sie machen wohl die Verschiedenheit der beiden Partner
       sichtbar. Sie ändern aber nichts an ihrer Beziehung. Diese beiden Partner sind nicht ohne
       einander. Sondern eben dieser Jahve ist eben dieses Israels Gott. Gerade das, dass er heilig
       ist, will er nicht für sich, gerade das will er mit diesem Israel gemeinsam haben. Gerade
       seine <term key="Freiheit, Gottes">Freiheit</term> ergießt sich gewissermaßen in den engen
       Kanal seiner Erwählung dieses <term key="Erwählung, Israels">Volkes</term>: gerade so und
       darin ist er frei, sich zu dieses Menschenvolkes Gott zu machen. Gerade seine Erhabenheit
       über alle Völker, über die ganze Welt erscheint im Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term> nun doch nur als eine nachträgliche, geschichtlich erst spät gewonnene
       Erkenntnis aus der Kondeszendenz, in der er in der Beschränkung dieses engsten Raumes Meister
       sein wollte und gewesen ist.<note xml:id="n130">Anspielung auf eine sprichwörtlich gewordene
        Wendung aus <bibl corresp="kbga-bibls-5351"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethes</persName> Sonett «Natur und Kunst», Strophe 4 (Berliner Ausgabe, Bd. 2,
        S. 121)</bibl>: «In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.» Das Sonett erschien in der 17.
        Szene des 1802 zur Eröffnung des neuen Schauspielhauses in Lauchstädt verfassten Stückes
        «Was wir bringen». Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 129</bibl>.</note> Er ist Alles, was er ist, in diesem <term key="Bund">Bunde</term>, nichts daneben, nichts in irgend einer allgemeinen oder anders
       interessierten Göttlichkeit. Er ist nicht ohne Israel. Und eben dieses Israel ist dieses
       Jahves <term key="Israel, Volk Gottes">Volk</term>, nichts sonst und nichts daneben: das
       Volk, das Jahves Wort und Werk nicht entlaufen, <pb ed="A" n="1130"/> das ihm weder so noch so
       verloren gehen kann: weder in der Richtung irgend einer gottwidrigen Herrlichkeit, noch in
       der Richtung irgend eines gottverlassenen Elends. Will es dort ausbrechen, so bleibt immer
       dafür gesorgt, dass ihm Jahve hindernd in den Weg tritt. Scheint es hier untergehen zu
       müssen, so bleibt immer gesorgt dafür, dass Jahve es auch noch in seinem tiefsten Sturz
       auffängt <pb xml:id="p401" ed="pga"/> und hält. Vor ihm ist es zufällig und gering: das ist
       die Grenze seines Lebens und seines Sterbens. Gegen ihn <term ref="kbga-keywords-64">sündigt</term> es in seiner Eigenart und Eigenwilligkeit: das ist der Fluch seiner
       Übertretung, aber auch seine Hoffnung mitten in der Übertretung und deren Folgen. Ihm bricht
       es die Treue, aber auch dieses Schlimmste geschieht nicht außerhalb, sondern innerhalb des
       Raumes, den Jahves <term key="Gott, Treue">Treue</term> abgesteckt hat und der als solcher
       nicht verschwinden und auch nicht durchbrochen und verlassen werden kann. Jahves Anspruch und
       Jahves Protest verstummen nicht, und so hat auch Jahves <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> kein Ende in diesem Volk. Es ist nicht, es ist nie und nirgends ohne
       Jahve. |</p>
      <p>Das ist <hi rend="italic">die Mitmenschlichkeit <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Jesu</term></hi>
       <hi rend="italic">in der Zeit der Erwartung, in der noch verhüllten Gestalt der Geschichte
        und der Botschaft des Alten Testamentes</hi>. Was hier noch verhüllt ist, ist dies, dass
       Gott der <hi rend="italic">Mensch</hi> ist, der als solcher mit dem Menschen, von ihm her und
       für ihn ist. Der Mitmensch, mit dem er ist, ist doch schon hier ganz unverhüllt auf dem
       Plane. Und auch das ist unverhüllt: <hi rend="italic">dass</hi> Gott und <hi rend="italic">wie</hi> er, in welcher Völligkeit der <term key="Gott, Anteilnahme">Anteilnahme</term> und
        <term key="Gott, Hingabe">Hingabe</term> er mit diesem Mitmenschen ist. Der Mensch <term ref="kbga-keywords-233">Jesus</term> wird nicht anders, nicht völliger, er wird gerade so
       mit ihm sein, wie Jahve nach dem Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term> mit
        Israel ist. Und der Mitmensch, mit dem der
       Mensch Jesus ist, wird eben der sein, den wir schon im Alten Testament als das von Gott
       erwählte, begrenzte und getragene Volk <term key="Erwählung, Israels">Israel</term> erkennen.
        <hi rend="italic">So ist schon das Alte Testament das materiell vollständige Zeugnis von
        Gottes <term key="Altes Testament, materiell vollständiges Zeugnis von Gottes Gnade">Gnade</term></hi>. So offenbart schon es den <term key="Bund">Bund</term>, dessen Partner
       nicht ohne einander sind. Und so ist des Menschen Sein als Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term> die Spiegelung schon des alttestamentlichen
       Bundesverhältnisses, der Gestalt der Gnade schon in dieser ihrer ersten, verhüllten Form. So
       ist es kein Zufall, dass das menschliche Sein und Miteinandersein von <pb ed="A" n="1131"/> Mann und Frau schon im Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term> als Bild jenes
       Bundesverhältnisses – oder vielmehr: dass schon jenes Bundesverhältnis des Alten Testamentes
       als das Urbild, als die eigentliche und ursprüngliche Wahrheit und Wirklichkeit des
       menschlichen Seins und Miteinanderseins von Mann und Frau sichtbar gemacht wird. Es kann gar
       nicht anders sein. Dass der Mensch notwendig und unauflöslich in dieser konkreten <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmenschlichkeit</term>, als Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term>, Mensch ist, das zeigt zuerst und vor allem auf
       Jahves <term ref="kbga-keywords-1077">Wählen</term> und Israels <term key="Erwählung, Israels">Erwähltsein</term>, auf die in dieser Form anhebende Gestalt des
       Gnadenbundes, auf <pb xml:id="p402" ed="pga"/> das so sich offenbarende Du und Ich des
       verborgenen inneren Seins Gottes. Das ist also schon und zuerst in diesem Sinn die klare
       Gottebenbildlichkeit des <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Menschen</term>.</p>
      <p> Der ersten, verhüllten Form der göttlichen <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> folgt
       aber nach dem Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testament</term> die zweite, unverhüllte.
       Wir sahen: sie unterscheidet sich nicht dadurch von der ersten, dass etwa die Gnade selber
       eine andere geworden wäre. Dass Jahve Israels Gott, Israel Jahves <term key="Israel, Volk Gottes">Volk</term> ist, das ist die Gnade, die von Anfang an
       unüberbietbar auf dem Plan ist und die auch jetzt, am Ende und Ziel von Israels Geschichte
       und <term key="Israel, Geschichte und Sendung">Sendung</term>, nicht überboten wird. Aber <hi rend="italic">dass Jahve selbst Israel, nämlich Einer aus Israel und dass er so und also als
        Mensch Israels Gott und dass Israel so, in der Gemeinschaft mit diesem einen Menschen aus
        seiner Mitte, sein Volk ist, das ist das Neue der neutestamentlichen Geschichte und
        Botschaft</hi>, die neue Form, in der die eine ewige <term key="Gnade, Gottes eine ewige G.">Gnade</term> hier offenbar wird. Der Mensch <term ref="kbga-keywords-233">Jesus</term> –
       nicht an Stelle Jahves, sondern als der wirkliche und <term ref="kbga-keywords-715">wahre</term>, als der seine <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> selbst
       erfüllende, als der sein Reich in Person antretende und regierende Jahve: er ist das Neue
       dieser zweiten Form der Gestalt der Gnade. Auch der Schein eines bloßen Gegenübers und
       Gegensatzes von hier und dort, von Gott und Mensch verschwindet jetzt. Er war schon im <term ref="kbga-keywords-568">alttestamentlichen</term> Raum nur Schein gewesen. Es waren Gott und
       Mensch schon dort nie ohne einander, sondern in der Kraft und Wahrheit höchster Einheit
       miteinander gewesen. Der Schein konnte aber dort noch dagegen sprechen und müsste, wenn man
       das Alte Testament nicht im <term ref="kbga-keywords-74">Neuen</term> zu Ende lesen wollte,
       immer wieder dagegen sprechen. Insofern ist das Al<pb ed="A" n="1132" break="no"/>te
       Testament <term key="Altes Testament, Verhüllung">Verhüllung</term>, insofern erst <term key="Altes Testament, Verheißung">Verheißung</term> und noch nicht Erfüllung. Die
       Mitmenschlichkeit <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Jesu</term>, von der das Alte
       Testament Zeugnis gibt, indem es von Jahve und Israel redet, beruht nach dem, was uns auch
       das Neue Testament von Jahve und Israel, aber nun eben im Blick auf den Menschen Jesus zu
       sagen hat, auf Jesu <term key="Jesus Christus, zwei Naturen"><hi rend="italic">Gottmenschlichkeit</hi></term>. Das will sagen: Es ist jenes Sein Jesu als Mensch und
       Mitmensch nicht etwa als eine höchste und feinste Blüte und Frucht der menschlichen Natur als
       solcher zu verstehen. Die menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term> hat als solche
       solche Blüte und Frucht nicht hervorzubringen. Es ist genug, dass sie in ihrer
       schöpfungsmäßigen Struktur deren <term ref="kbga-keywords-946">Zeichen</term> und <term key="Gleichnis">Gleichnis</term> sein darf. Das hat also das Neue Testament, indem es den
       Menschen Jesus verkündigte, wirklich nicht <pb xml:id="p403" ed="pga"/> gesagt, dass es den
       Menschen, diesem Menschen aus Israel, nun auf einmal gelungen sei, zugleich zu <hi rend="italic">sein</hi>, was die menschliche Natur als solche nur <hi rend="italic">bedeuten</hi> kann. Was es mit dem Menschen als solchen, auch mit dem Menschen aus
        Israel auf sich hat, das bleibt vom Alten
       Testament her auch im Neuen in fester und ungebrochener Erinnerung, das wird im Gegensatz
       Israels zu seinem Messias nun erst recht sichtbar gemacht. Was Jesus ist als Mensch mit dem
        <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Mitmenschen</term>, das ist er nach dem Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testament</term> vielmehr darum, weil er als der Sohn des Vaters
       selber Gott <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">ist</term>. Er ist es nicht, indem
        Israel ihn hervorbrachte, sondern indem Gott ihn
       von Israel her und für Israel auf den Plan stellte. Er ist es, weil das göttliche Sein und
       Miteinandersein in der Gestalt von Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> dem
       Schein ihrer alttestamentlichen Form zuwider von Anfang an so gemeint war und nun eben auch
       so offenbart wurde: als das persönliche Sein und Miteinandersein Gottes und des Menschen in
       dieser einen Person: in ihr dann auch als sein Sein und Zusammensein mit allen Anderen, aber
        <hi rend="italic">zunächst</hi>, und zwar zunächst <hi rend="italic">für sich</hi> – die
       Einzigkeit Gottes seiner <term key="Mensch, Kreaturgrenze">Kreatur</term> gegenüber muss
       gewahrt bleiben und bleibt gewahrt! – in dieser <hi rend="italic">einen</hi> und <hi rend="italic">einzigen</hi> Person. In ihm erkennen wir gründlich und abschließend, was es
       ursprünglich und eigentlich ist um jenes «Nicht ohne einander», in welchem wir die
       wesentliche Menschlichkeit und also die <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">Gottebenbildlichkeit</term> des Menschen zu suchen haben. 
      </p>
      <p><pb ed="A" n="1133"/>Jesus ist Gott, <hi rend="italic">nicht ohne Mensch zu <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">sein</term></hi>. Gott ist nicht ohne Israel, nicht ohne
       den Menschen – so hieß es noch verhüllt im Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term>, nun aber unverhüllt: er ist nicht, ohne selbst Israel, selbst Mensch zu
       sein. Das heißt aber zum Einen: Er ist es nicht, ohne sich die laut der Geschichte und
       Botschaft des Alten Testamentes so andere, ja widerstrebende Natur des <term key="Mensch, Natur">Menschen</term> zu eigen, nicht ohne sie zu seiner persönlichen Sache zu
       machen und ihr eben damit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das ist seine nun unverhüllte
        <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>: er kennt, <term ref="kbga-keywords-1077">erwählt</term> und liebt den Menschen nicht nur von ferne und von außen. Er nimmt ihn in
       sein Herz auf, er kennt ihn in seiner eigenen Person. Er erwählt sich selber dazu, ohne
       aufzuhören, Gott zu sein, auch Mensch zu sein; er liebt ihn, indem er sich selbst, seinen
       eigenen Sohn, nun gerade im Menschen lieben will. Und dass er in Jesus <hi rend="italic">nicht</hi> Gott ist, <hi rend="italic">ohne Mensch zu <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">sein</term></hi>, d. h. zum Andern: Er ist es nicht,
       ohne Mensch und <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Mitmensch</term>, und also nicht, ohne
       eben in dieser Form <pb xml:id="p404" ed="pga"/> dem Menschen, jedem Menschen als solchem, das
       zu sein, was Jahve für Israel zu sein geschworen
       hat und nach diesem Schwur in Ewigkeit bleiben wird. Jedem Menschen: das bisher scheinbar
       verschlossene Tor zur ganzen Menschenwelt muss jetzt aufgehen, wie es nach dem <term ref="kbga-keywords-74">neutestamentlichen</term> Zeugnis tatsächlich aufgegangen ist. Gott
       ist nicht mehr Gott, ohne eben als dieser eine und einzige Mensch Jesus der <term ref="kbga-keywords-280">Heiland</term>, <term key="Jesus Christus, Fürsprecher">Fürsprecher</term> und <term key="Jesus Christus, Erlöser">Erlöser</term> aller Menschen
       und eines jeden einzelnen von ihnen zu sein. So offenbart sich seine göttliche Natur in <term ref="kbga-keywords-715">Jesus</term>; so ist sie nach dieser ihrer <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> in Gottes Innerstem beschaffen; das ist und will
       Gott in jenem seinem geheimsten Inneren, in der <term ref="kbga-keywords-810">Majestät</term>, in der er Du und Ich in einer Person ist durch sich selber; das ist seine
        <term key="Gott, Heiligkeit">Heiligkeit</term>: diese seine Barmherzigkeit, in der er seiner
       selbst nicht schont, sich selber nicht vorbehält, sondern sich selber gibt – dazu völlig
       hergibt, Mensch und Mitmensch zu sein.</p>
      <p>Die andere Seite desselben Sachverhalts ist diese, dass Jesus Mensch ist, <hi rend="italic">nicht ohne Gott zu sein</hi>. Israel nicht ohne Jahve, so hieß es noch verhüllt im Alten
       Testament, nun aber unverhüllt: Israel, der
       Mensch, nicht ohne <pb ed="A" n="1134"/> Gott zu sein. Das heißt aber wieder zum Einen: Der
       Mensch nicht ohne radikal durchgreifende Reinigung und <term ref="kbga-keywords-53">Heiligung</term>, Erneuerung und Erhebung seiner laut der Geschichte und Botschaft des
       Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testamentes</term> Gott gegenüber so anderen, ja
       widerstrebenden <term key="Mensch, Natur">Natur</term>. Das ist die nun unverhüllte
       Begnadigung des Menschen: dass er Gott nun kein Fremder mehr ist, kein scheinbar bloß von
       ferne und von außen von ihm Erwählter und Geliebter, dass seine <term ref="kbga-keywords-1077">Erwählung</term> nun damit zu ihrem Ziel gekommen ist, dass er den
       wiedererwählt, der ihn erwählte, und sein Geliebtsein damit, dass er wiederliebt, der ihn
       zuerst geliebt hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.19">1.Joh.
        4,19</ref>]. Das ist Jesus: der <term ref="kbga-keywords-233">Mensch</term>, der das tut,
        Israel, das in diesem Tun zu seinem Ziel und
       Ende gekommen ist, das gehorsame Israel, der gehorsame Mensch. Und dass Jesus <hi rend="italic">nicht</hi> Mensch ist, <hi rend="italic">ohne Gott zu <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">sein</term></hi>, das heißt nun wieder zum Anderen: er
       ist Gott mit dem Menschen, der sein <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit">Mitmensch</term>
       ist. Er steht ihm in seiner Gestalt als Mensch nicht als menschlicher, sondern als göttlicher
       Gefährte zur Seite. Er tut es als der Sohn des Vaters und also, indem er ihm in seiner
       eigenen Person den Vater zeigt, indem er in seiner eigenen Person in der vollen Autorität,
       Weisheit und Macht des Vaters an ihm handelt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.8 Joh.14.11">Joh. 14,8–11</ref>]. Er ist ihm, indem er für ihn eintritt,
       nicht irgend ein, sondern der wahrhaft göttliche <pb xml:id="p405" ed="pga"/>
       <term ref="kbga-keywords-280">Heiland</term>, <term key="Jesus Christus, Fürsprecher">Fürsprecher</term> und <term key="Jesus Christus, Erlöser">Erlöser</term>. Seine
       Menschlichkeit ist auf der ganzen Linie das Transparent des göttlichen und nicht eines
       menschlich natürlichen Lichtes. Und eben so ist sie <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Mitmenschlichkeit</term>. Er <hi rend="italic">ist</hi> und er ist mit den <hi rend="italic">Anderen</hi> in nicht geringerer Energie als der, in der Gott ist und bei sich
       selber ist. Von daher die Kraft seiner Mitmenschlichkeit. Von daher ihre Würde als die
       ursprüngliche Gottebenbildlichkeit, von daher ihre radikal durchgreifende Bedeutung für alle
       und für jeden Menschen.</p>
      <p> Das – oder vielmehr Dieser, Jesus in seiner Einheit als wahrer Mensch und wahrer <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">Gott</term>, ist der Inhalt des <term ref="kbga-keywords-74">neutestamentlichen</term> Zeugnisses von Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term>. Das ist die erfüllte <term key="Verheißung, erfüllt in Jesus Christus">Verheißung</term>, der vollendete <term key="Bund, vollendet in Jesus Christus">Bund</term>: der Eine, in dem die beiden Partner
       Einer, in dem Gott Mensch und der Mensch Gott geworden ist – der Eine, in welchem das «Nicht
       ohne einander» nun wirklich unmissverständlich, weil jeder Hülle entblößt worden ist. <pb ed="A" n="1135"/> Und nun ist das Sein des Menschen als Mann und <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term> auch und erst recht die Spiegelung eben <hi rend="italic">dieser</hi> Einheit, das Abbild und die <term ref="kbga-keywords-72">Verheißung</term> der Gnade auch und erst recht in dieser zweiten, unverhüllten Form. Ist
       dies das Letzte und Erste, was vom Menschen zu sagen ist: dass er Mann und Frau ist, dann
       steht er eben in diesem Letzten und Ersten seiner Natur dem Letzten und Ersten gegenüber, was
       Gott getan, worin Gott seine eigene Natur offenbar machen wollte, der großen Heils- und
       Offenbarungstatsache, dass Gott nicht Gott sein wollte, ohne in Jesus Mensch zu sein, und
       dass er den Menschen nicht Mensch sein lassen wollte, ohne dass er in Jesus Gott sein durfte.
       Verglichen <hi rend="italic">damit</hi> ist unsere Mitmenschlichkeit Gleichnis Gottes und nun
       eben direkt: das Gleichnis, das Abbild und die Verheißung des <term key="Mensch, Mitmenschlichkeit als Gleichnis des Bundes">Gnadenbundes</term> und seines
       Herrn.</p>
      <p> Die dritte und letzte Form der Gnade entspricht der dritten und letzten Zeit, die mit dem
        <term ref="kbga-keywords-129">Tod</term> und der Auferstehung <term key="Auferstehung, Jesu">Jesu</term> begonnen hat. Was sich in der Person des Mensch gewordenen Sohnes Gottes zu
       einer Einheit zusammengeschlossen hatte, die eigentlich nur in jener Einheit von Du und Ich
       im Geheimnis des göttlichen Wesens ihresgleichen hat, das tritt nun – in dieser Zeit der
       Erinnerung an ihn, die auch die Zeit der Erwartung seiner <term ref="kbga-keywords-1246">Wiederkunft</term> ist<note xml:id="n131">Die Termini «Zeit der Erinnerung» und «Zeit der
        Erwartung» hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> – in umgekehrter
        Reihenfolge und anderer Akzentuierung – entfaltet in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/2,
         § 14,2 (S. 77–111)</bibl> und <bibl corresp="kbga-bibls-2">§ 14,3
        (S. 111–133)</bibl>.</note> – wieder ausein<pb xml:id="p406" ed="pga" break="no"/>ander. Das
       Sein und Miteinandersein der beiden Partner, Gottes und des Menschen, in einer Person, ist in
       dem einen Jesus <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">Ereignis</term> und nur in ihm.
       Darum ist er die <term key="Jesus Christus, Mitte des Bundes">Mitte</term>, darum der Herr
       des <term key="Jesus Christus, Herr des Bundes">Bundes</term>, darum die vollendete und
       zugleich die ursprüngliche Form der <term key="Gnade, Jesus Christus als vollendete Form der G.">Gnade</term> und ihrer <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term>, darum die Fülle der <term key="Jesus Christus, Fülle der Menschlichkeit">Menschlichkeit</term>, darum <hi rend="italic">das</hi> Ebenbild <term key="Jesus Christus, das Ebenbild Gottes">Gottes</term>. Er ist darin einzig, wie eben Gott selbst einzig ist und bleibt. Was auf ihn
       folgt als dritte und letzte Form der Gnade, das muss uns die beiden Partner, darin ähnlich
       der Zeit des Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testamentes</term>, noch einmal in ihrer
       Verschiedenheit zeigen. Die vollkommene Beziehung zwischen ihnen hat ja auch in ihm ihre
       vollkommene Verschiedenheit nicht etwa verschlungen und aufgehoben: es ist Gott auch in ihm
       Gott und der Mensch auch in ihm Mensch <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">geblieben</term>. Es wird freilich, was auf ihn folgt, auch die vollkommene Beziehung nie
       wieder in Frage stellen, <pb ed="A" n="1136"/> es wird also jener über dem Alten Testament
       liegende Schein einer Fremdheit zwischen Gott und Mensch nicht wiederkehren können. Es wird
       vielmehr in dieser dritten Zeit ganz unmöglich sein, nicht schon jene erste Zeit, jenem
       Schein zuwider, teleologisch <anchor type="note" xml:id="fn-132"/>als die seinige<note n="132" target="fn-132" type="textcritical" xml:id="n132"> Tskr.: «zu der seinigen».</note>, als Zeit der Erwartung der in ihm
       verwirklichten vollkommenen Beziehung zu verstehen. Sie ist in ihm unwiderruflich und
       erleuchtend nach rückwärts wie nach vorwärts Ereignis geworden. Aber eben in und mit ihr auch
       die vollkommene Verschiedenheit der beiden Partner. |</p>
      <p> So besteht die dritte und letzte Form der <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> in dem
       Sein und Miteinandersein <hi rend="italic">Jesu</hi> und der <term key="Jesus Christus, und die Seinen"><hi rend="italic">Seinen</hi></term>, <hi rend="italic">Jesu</hi> und seiner <term ref="kbga-keywords-249"><hi rend="italic">Gemeinde</hi></term>,
        <hi rend="italic">Jesu</hi> und der bekannten und unbekannten, der offenen und heimlichen
       Bürger seines <term ref="kbga-keywords-434"><hi rend="italic">Reiches</hi></term> – mit einem
       Wort: Jesu und derer, denen zugut er wahrer Gott und wahrer <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">Mensch</term> ist, die seine, des Gottmenschen
       Mitmenschen sind. Was er original und einzig ist, das ist er ja eben nicht für sich, sondern
       für sie, in übergreifender Einheit mit ihnen. Und was er besitzt, das gibt er ihnen: objektiv
       und virtuell jedem Menschen, subjektiv und aktuell jedem an ihn glaubenden Menschen. In sein
       Reich gehört jeder Mensch als solcher; in seine Gemeinde, wo diese Zugehörigkeit bejaht,
       ergriffen und sichtbar wird, ein Jeder, der an ihn glaubt; sein Eigentum sind sie <term key="Mensch, Eigentum Jesu Christi">alle</term>. Und sie sind alle dadurch sein Eigentum,
       dass er sich zu ihrem Eigentum, zu ihresgleichen ge<pb xml:id="p407" ed="pga" break="no"/>macht hat. Dieses unverdiente Geschenk macht sie wiederum zu seinesgleichen. Er stellt sich
       zu ihnen in der vollkommenen Beziehung von Gott und Mensch, die in ihm wirklich ist. Eben so
       und damit, dass sie darauf bei ihm stehen dürfen, gilt sie auch ihnen, kommt das, was in ihm
       wirklich ist, auch ihnen zugute. So also entfaltet sich auch und aufs Neue die vollkommene
       Verschiedenheit. Was Jahve hier und Israel dort
       im Alten <term ref="kbga-keywords-568">Testament</term> waren, das wiederholt sich, indem
       Jesus hier das Haupt, die Menschen dort die aktuellen oder doch virtuellen Glieder seines
       Leibes sind. Aber die vollkommene Beziehung kann nun auch nicht mehr weggedacht werden.
       Gerade sie ist ja das Besondere in Jesus als dem Haupt seines Leibes. Und indem er das Haupt
       seines Leibes ist, versetzt er ja gerade die von ihm vollkommen Verschiedenen in die
       Gemeinschaft mit dem, was sein Besonderes ist, be<pb ed="A" n="1137" break="no"/>hält er
       gerade sein Besonderes nicht für sich, lässt er sie gerade an ihm Anteil nehmen. |</p>
      <p> Vollkommenere Verschiedenheit ist nicht denkbar als die zwischen Jesus und den <term key="Jesus Christus, und die Seinen">Seinen</term>. Denn nur durch ihn, durch den Heiligen
        <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term>, der sein Geist ist und der nur durch seine Gabe
       auch der ihrige werden kann, werden und sind sie die Seinen, regiert er sie und weckt er sie
       zum <term key="Glaube">Glauben</term> und damit zur Erkenntnis seines Regimentes und zu
       dessen williger und freudiger Anerkennung. Sie sind nichts, was sie nicht durch ihn sind. Sie
       sind nur durch ihn. Man möchte wohl sagen, dass der Unterschied zwischen Jahve und Israel blass erscheint neben diesem Unterschied, wenn man
       nicht umgekehrt sagen müsste, dass er erst im Lichte dieses Unterschiedes in seiner ganzen
       Schärfe sichtbar wird: eben in dem Lichte, in welchem nun doch auch die vollkommene Beziehung
       im vollkommenen Unterschied unübersehbar wird. Denn auch vollkommenere Beziehung als die
       zwischen Jesus und den Seinen ist darum nicht denkbar, weil sie durch ihn, nämlich durch den
       Heiligen Geist, der sein Geist und seine Gabe ist, wirklich die Seinigen werden: die ihm und
       zu ihm Gehörigen, die von ihm nicht mehr zu Trennenden, die von ihm nicht nur äußerlich
       Regierten, sondern innerlich Bestimmten, die durch ihn Seienden und also seines eigenen Seins
       Teilhaftigen. Erweckt er sie zum <term key="Glaube">Glauben</term>, zur Erkenntnis und zum
        <term key="Mensch, Gehorsam">Gehorsam</term>, dann erkennen sie sich selbst – nämlich
       daraufhin, dass er sie so nennt – als seine Brüder und Schwestern, als solche, die mit ihm,
       dem Sohn, Gottes Kinder sind. Hören sie ihn, dann wird in <pb xml:id="p408" ed="pga"/> solchem
       Hören das Wort auch in ihnen Fleisch [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>]. Leben sie von und mit ihm, dann leben sie mit ihm sein gottmenschliches
       Leben. Dienen sie ihm und mit ihm, dann nehmen sie eben damit teil an seiner Herrschaft und
        <term ref="kbga-keywords-1257">Herrlichkeit</term>. Leiden und sterben sie im Glauben an
       ihn, dann eilen sie eben damit auch seiner <term ref="kbga-keywords-393">Auferstehung</term>
       entgegen. Empfangen sie seinen, den Heiligen <term ref="kbga-keywords-179">Geist</term>, dann
       werden sie eben damit selber dessen Träger, dann werden sie eben damit Propheten, Priester
       und Könige. Was wären und hätten sie, was sie nicht durch ihn wären und hätten? Aber was wäre
       und hätte er, was er sie nicht durch sich selbst auch sein und haben ließe? Er allein ist
       Alles in ihnen. Er ist aber nichts, was er nicht auch in ihnen sein wollte und <pb ed="A" n="1138"/> könnte. Sie sind nichts, was sie nicht in ihm sind. Es ist aber nichts, was sie,
       indem sie in ihm sind, nicht auch sein dürften daraufhin, dass er es ist. Das also ist die
       neue Entfaltung der Verschiedenheit der beiden Partner im Bunde, Gottes und des <term key="Mensch, Partner Gottes">Menschen</term>. So vollkommen treten sie jetzt wirklich
       auseinander, stehen sie sich jetzt wirklich gegenüber, um nun doch gerade so in solch
       vollkommener Beziehung zu stehen: ganz und allein gebend, erleuchtend, <term ref="kbga-keywords-51">rechtfertigend</term>, <term ref="kbga-keywords-53">heiligend</term>,
       speisend und tränkend der Eine, aber eben durch ihn begabt, erleuchtet, gerechtfertigt,
       geheiligt, gespeist und getränkt der Andere – und also wirklich ganz reich der Eine, ganz arm
       der Andere, aber eben der Reiche reich für den Armen und eben der Arme reich durch den
       Reichen.</p>
      <p> Das ist Gottes <term ref="kbga-keywords-36">Gnade</term> in Jesus Christus, in Jesu
       wesentlicher <term key="Jesus Christus, Mitmensch">Mitmenschlichkeit</term>, nach dem in der
       Sache einhelligen Zeugnis des <term ref="kbga-keywords-568">Alten</term> und des Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testamentes</term>, in der Wirklichkeit, in der sie die <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> glauben und der Welt <term ref="kbga-keywords-252">verkündigen</term> darf: die dritte und letzte Form der Gnade, die nun auch durch keine
       weitere Form mehr zu überbieten ist, deren hier erreichte vollkommene Form nur noch auf ihre
        <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> wartet: auf die Wiederkunft Jesu <term ref="kbga-keywords-1246">Christi</term>, auf die Auferstehung aller <term ref="kbga-keywords-734">Toten</term> und auf ihr <term ref="kbga-keywords-387">Gericht</term> durch eben den barmherzigen <term key="Jesus Christus, bramherziger Richter">Richter</term>, der sich den <term key="Jesus Christus, und die Seinen">Seinen</term> schon
       jetzt und hier als der Herr des <term key="Jesus Christus, Herr des Bundes">Gnadenbundes</term> zwischen Gott und Mensch bekannt gemacht hat. Was das heißt als
       Bestimmung der menschlichen <term key="Mensch, Natur">Natur</term>: «Nicht ohne einander»,
       das steht uns zuhöchst und zuletzt eben in dieser vollkommenen Form der Gnade vor Augen: in
       dem Verhältnis zwischen Jesus und den Seinen, das in seinem inneren, klaren Kreis sein
       Verhältnis zu seiner <term ref="kbga-keywords-249">Ge<pb xml:id="p409" ed="pga" break="no"/>meinde</term> ist. Hier ist es eben klar: der Mensch, nämlich der Mensch, der selber Gott
       ist mit dem Mitmenschen, der Mensch also, der als des Mitmenschen Haupt ganz mit ihm, ganz
       von ihm her und ganz für ihn ist. Und nun ist des Menschen natürliches Sein als Mann und
        <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term> in ihrer Verschiedenheit und Beziehung, nun
       ist die Menschlichkeit in dieser Zweiheit und Einheit nach dem ausdrücklichen Hinweis des
       neutestamentlichen Zeugnisses zuhöchst und zuletzt die Spiegelung eben dieser vollkommenen
       Verschiedenheit und Beziehung, die zwischen Jesus und den Seinen, <pb ed="A" n="1139"/> zwischen ihm und seiner Gemeinde Ereignis ist. Das macht unser menschliches Sein zum
       kräftigen, glaubwürdigen Zeichen, das macht es objektiv bedeutsam: dass es dieser
       Wirklichkeit gegenübersteht. So ist Gott selbst Du und Ich in einer Person im Geheimnis
       seines inneren Wesens; so sind Gott und Mensch beieinander nach dem Zeugnis des <term ref="kbga-keywords-568">Alten</term>, so sind sie Einer nach dem Zeugnis des Neuen <term ref="kbga-keywords-74">Testamentes</term>: so wie Jesus und die <term key="Jesus Christus, und die Seinen">Seinen</term> Zwei und in der Zweiheit Einer sind. Und
       eben dieser Zweiheit und Einheit, eben dieser Verschiedenheit und Beziehung Abbild und
       Verheißung im schöpfungsmäßigen Stand und Zustand des Menschen ist sein Sein als Mann und
       Frau, als die erste und letzte Gestalt seiner Mitmenschlichkeit. Eben an die Ähnlichkeit mit
       dieser Zweiheit und Einheit kommt unter allen Verschiedenheiten und Beziehungen, in denen der
       Mensch existiert, nur diese eine heran.</p>
      <p> Und eben diese kann darum nur im Lichte dieser ihrer Ähnlichkeit mit dem Verhältnis
       zwischen Christus und seiner <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term> eigentlich und
       letztlich verstanden und gewürdigt werden. Man tritt dem Mann und man tritt der Frau zu nahe,
       wenn man ihr Wesen und ihr gegenseitiges Verhältnis unter anderen Gesichtspunkten als unter
       diesem letztlich verstehen, und man tritt ihnen erst recht zu nahe, wenn man ihr Sein und
       Miteinandersein unter ein anderes <term ref="kbga-keywords-66">Gesetz</term> als eben unter
       das des <term ref="kbga-keywords-59">Evangeliums</term> von der Gnade <term ref="kbga-keywords-36">Gottes</term> in Jesus Christus stellen will. Die
       physiologisch-psychologischen Formeln, die hier auffindbar und mit mehr oder weniger Glück
       schon aufgefunden worden sind, mögen als solche ihren Wert, sie können aber gerade als
       ursprüngliche und abschließende Bezeichnungen der <term key="Mensch, Menschlichkeit"><hi rend="italic">Menschlichkeit</hi></term> des Mannes und der Frau keinen Wert haben.</p>
      </div>

    <div type="excursus">
      <p rend="margin-top"><pb xml:id="p410" ed="pga" rend="noPipe"/>Man hat eben weder den Mann
       damit wirklich und verbindlich erfasst, dass man ihn als den Erzeuger, den Träger
       menschlicher Äußerlichkeit, Objektivität, <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term> und
       Meisterschaft, als den Planenden, Erobernden, Führenden und auch immer irgendwie Schweifenden
       bezeichnet – noch auch die Frau, wenn man sie dem Manne gegenüberstellt als die Gebärende,
       die Vertreterin menschlicher Innerlichkeit, Subjektivität, Abhängigkeit und Fügsamkeit,
        als <pb ed="A" n="1140"/> die Verstehende, Schmückende, Dienende und letztlich immer
       irgendwie Wohnende; das und Ähnliches mag an sich mehr oder weniger wahr, richtig und wichtig
       gesagt sein, es bedeutet aber darum kein wirkliches und verbindliches Erfassen, weder des
       Mannes noch der <term key="Mensch, Mann und Frau">Frau</term>, es würde sich besonders zur
       Begründung eines Gesetzes ihres Seins der an beide gerichteten göttlichen Forderung darum
       nicht eignen, weil gerade ihrer beider Menschlichkeit, weil gerade sie selbst als Menschen
       durch solche Formeln nicht zu erreichen sind, sondern besten Falles irgend ein Wie ihrer
       Menschlichkeit, besten Falles allerlei, was sie als Menschen <hi rend="italic">auch</hi>
       sind.</p>
      </div>
      <div>
      <p/>
      <p rend="margin-top"> Dass sie als Mann und Frau unter allen denkbaren <term ref="kbga-keywords-355">psychologischen</term> und physiologischen Bestimmungen ihrer
       Verschiedenheit und Beziehung <hi rend="italic">Menschen</hi> sind, je für sich und beide
       zusammen Du und Ich, der Mensch und «die Hilfe, die ihm ein Gegenüber sei» [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.18">Gen. 2,18</ref>], das
       erhellt nicht aus irgend einer Betrachtung ihrer Natur als solcher, sondern ganz allein aus
       der Betrachtung der <hi rend="italic">Gnade</hi> ihrer <term key="Gnade, der menschlichen Natur">Natur</term>, aus der ihrer Natur eigenen <term ref="kbga-keywords-946">zeichenhaften</term> Bedeutsamkeit und also daraus, dass sie je für
       sich und beide zusammen das Spiegelbild des göttlichen Du und Ich, des Seins und
       Miteinanderseins von Gott und Mensch, des Seins Jesu Christi selbst in der Verschiedenheit
       und Beziehung seiner göttlichen und menschlichen <term key="Jesus Christus, zwei Naturen">Natur</term> und endlich und zuletzt das Spiegelbild Jesu Christi und seiner <term ref="kbga-keywords-249">Gemeinde</term> und so des eigentlichen Inhalts des göttlichen <term key="Gott, Ratschluss">Gnadenratschlusses</term> sind. Indem sie in dieser <term ref="kbga-keywords-947">Analogie</term> stehen, ist ihr Sein das durch Gottes Wort zur <term ref="kbga-keywords-6">Erkenntnis</term> und zur <term ref="kbga-keywords-305">Verantwortung</term> seiner selbst aufgerufene und also das <hi rend="italic">menschliche</hi> Sein. Was das Gesetz ihres Seins und Zusammenseins ist, was also die <term ref="kbga-keywords-1215">Ethik</term> als die in diesem Sein und Zusammensein stattfindende
        <term ref="kbga-keywords-692">Ordnung</term> und Zuordnung, Über- und Unterordnung
       aufzuzeigen hat, das wird sich auf alle Fälle daraus ergeben müssen, dass es in dieser
       Analogie steht. Diese Analogie darf und soll es realisieren. Darauf werden wir als auf die
       Voraussetzung des göttlichen <term ref="kbga-keywords-60">Gebotes</term>, unter dem der
       Mensch, unter dem der Mann mit der Frau, die Frau mit dem Manne steht, an seinem Ort
       zurückkommen müssen.<note xml:id="n133">Diese Absicht hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> realisiert in <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD III/4, § 54,1: Mann und Frau (S. 127–269)</bibl>.</note> Wir <pb xml:id="p411" ed="pga"/> ­können hier – im Rahmen der <term ref="kbga-keywords-5">Anthropologie</term> – schließen mit der Feststellung: indem die menschliche <term key="Mensch, Natur">Natur</term> in dieser <term ref="kbga-keywords-947">Analogie</term>
       steht, ist sie geschaffen nach Gottes Bild, ist sie also <hi rend="italic">sein</hi>
       <term key="Gleichnis">Gleichnis</term> und <term key="Mensch, Gottebenbildlichkeit">­Ebenbild</term>.</p>
      </div>
    </div>
  </div>
</div>
</div>


     
  </body>
 </text>
</TEI>
