2014 – 2914

Vorwort

VII

VORWORT

Zur Entstehungsgeschichte dieses Bandes

Im Sommer 1970, anderthalb Jahre nach Barths Tod, versammelte sich in der evangelischen Tagungsstätte Leuenberg bei Hölstein im schweizerischen Kanton Basel-Landschaft eine ad hoc gebildete Gruppe von dazu eingeladenen Freunden und Schülern Barths, um darüber zu beraten, ob und in welcher Weise dessen literarischer Nachlass veröffentlicht werden könne und solle. Die Initiative dazu war von zwei Seiten ergriffen worden: einerseits von der von Barth testamentarisch eingesetzten «Nachlasskommission» aus einigen seiner direkten Nachkommen als Erben des Urheberrechts an seinen Schriften, andererseits vom Theologischen Verlag Zürich, vormals Evangelischer Verlag Zollikon, in dem sein Freund Arthur Frey, nachdem in Deutschland alles von Barth Verfasste unter ein Publikationsverbot gefallen war, ihm 1937 eine neue ‹Unterkunft› geschaffen hatte. Den Verlag vertrat bei der Zusammenkunft sein nebenamtlicher Leiter, der Basler Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte Max Geiger. Die wesentlichen Impulse bei der Beratung gab Barths naher Freund Ernst Wolf, Professor für Dogmengeschichte und Systematische Theologie in Göttingen, der zuverlässige Erfahrungen in Editionsangelegenheiten besaß. Der Beratung zugrunde lag ein von Barths Enkel Dieter Zellweger erstelltes vorläufiges Verzeichnis des schriftlichen Nachlasses.

Gedacht war zunächst daran, eine Auswahl von Stücken aus jenem Verzeichnis zu veröffentlichen. Nach längerer Diskussion, in der je nach eigenem Interesse der eine für diese und der andere für jene Titel plädierte, war es Ernst Wolf, der den entscheidenden Gedanken formulierte: Barth gehöre zu den sehr wenigen ganz Großen der Theologiegeschichte, deren Werke früher oder später in einer Gesamtausgabe zusammengefasst werden müssten. Dies solle nicht einer späteren Generation überlassen bleiben, sondern eine umfassende Planung dafür sei unverzüglich in die Wege zu leiten. Dieses Argument überzeugte alle Anwesenden einschließlich der Mitarbeiter des Verlags, der sich bereit erklärte, die Verantwortung für das noch gar nicht überschaubare Unternehmen zu übernehmen. So wurde Wolfs (viel|VIIIeicht improvisierte?) Idee einhellig zum Beschluss erhoben: es war die Geburtsstunde der Karl Barth-Gesamtausgabe.

Ein Jahr später, 1971, trat die beratende Gruppe erneut auf dem Leuenberg zusammen. Wolf hatte inzwischen einen Gesamtplan für die zu schaffende Ausgabe entworfen, der ihr seitdem – in modifizierter Form – zugrunde liegt. Umfassen sollte die Ausgabe sämtliche veröffentlichten und unveröffentlichten Werke Barths einschließlich seiner Briefe, jedoch ohne die Kirchliche Dogmatik, die als geschlossenes Ganzes ihren Sonderstatus behalten sollte. Richtlinien für die Edition der Texte und Anmerkungen wurden während der Tagung von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Markus Barth erarbeitet.

Im Rahmen von Wolfs Gesamtplan wurden an Ort und Stelle Editionsaufträge für einzelne Stücke an Interessenten erteilt. Einen davon übernahm, angelockt durch den auf der Liste aufgeführten Titel «Gott und die Götter» und nicht ahnend, was damit auf ihn zukam, der Verfasser dieser Zeilen: die von Barth nicht publizierten Fragmente zur Kirchlichen Dogmatik.

Etwa gleichzeitig wurde in Barths letztem Wohnhaus in Basel das Karl Barth-Archiv eröffnet, und man betraute mich mit dessen Verwaltung. Das schloss de facto und nach einiger Zeit auch de iure die redaktionelle Leitung der Gesamtausgabe in Zusammenarbeit mit den einzelnen Bandherausgebern ein. Dieses Amt ließ nur wenig Zeit für die Arbeit an den Fragmenten, die nur stockend vorankam. Der Eintritt von Michael Trowitzsch, Professor für Systematische Theologie in Jena und ausgewiesener Kenner von Barths Werken, in die Mitherausgeberschaft des Bandes war für mich eine große Erleichterung. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2010 bemühten er und seine Mitarbeiter in Jena sich um die Klärung zahlreicher Nachweisprobleme. Unterdessen beschritten der Verlag und mein Nachfolger im Archiv, Dr. Hans-Anton Drewes, noch einen anderen Weg, um die Texte vorläufig zugänglich zu machen: 2004 erschien auf einer CD-ROM unter dem Titel «Unveröffentlichte Texte zur Kirchlichen Dogmatik» ein Faksimile von Barths Typoskripten mit allen Streichungen sowie handschriftlichen interlinearen und marginalen Korrekturen samt |IX einem von Hans-Anton Drewes verfassten Begleitheft. Diese CD-ROM ist dem Band beigelegt, das Begleitheft im Anhang abgedruckt.

Hinrich Stoevesandt
Zu diesem Band

Die beiliegende CD-ROM, mit deren Hilfe jeder Leser sich den Prozess, in dem die Texte entstanden sind, selbst anschaulich machen kann, entlastet die Edition im Vergleich mit vorangegangenen Bänden der Gesamtausgabe weitestgehend von textkritischen Fußnoten. Solche sind nur dort angebracht, wo es den Herausgebern aus ganz unterschiedlichen Gründen wichtig schien, den Leser auf bestimmte Bearbeitungen aufmerksam zu machen, oder wo die Herausgeber selbst Eingriffe in den Text vorgenommen haben. Letzteres geschah selten und dann in der Regel nur, um Sätze in eine syntaktisch oder grammatikalisch korrekte Form zu bringen, die sie nicht bzw. nicht mehr hatten – denn in vielen Fällen sind solche Fehler im Typoskript darauf zurückzuführen, dass Barth nach einer Einfügung oder Streichung einzelner Passagen den Rest des Textes nicht entsprechend ‹nachbesserte›.

Die um der besseren Lesbarkeit und Überschaubarkeit des Textes willen zusätzlich durch die Herausgeber eingefügten Absätze sind durch einen senkrechten Strich markiert. Verweise auf Fußnoten innerhalb desselben Textes erfolgen ohne, alle anderen Verweise mit Angabe der entsprechenden Seite. Im Übrigen folgt die Edition den seit langem gültigen Prinzipien der Gesamtausgabe, d. h. Nachweise erfolgen, soweit dies möglich und nötig ist, anhand von Literatur, die Barth selbst besaß – und in der Regel mit dafür sehr hilfreichen An- und Unterstreichungen versehen hat – oder wenigstens kennen konnte. Die übliche Angleichung an die derzeit gültige, und das heißt seit Band 46 an die ‹neue› Rechtschreibung führte im vorliegenden Band zu dem für manche vielleicht überraschenden Ergebnis, dass es gar nicht sehr viel anzugleichen gab: Die Texte, die auch in den seltenen Fällen, wo es spätere (Teil-)Veröffentlichungen gibt, nach dem Typoskript und also in ihrem ursprünglichen Zusammenhang ediert sind, sind nach Regeln verfasst, die der derzeitigen Rechtschreibung jedenfalls näher kommen als der zuvor gültigen.

X Abweichend von der CD-ROM, auf der die Texte rein an ihrer Entstehungszeit orientiert angeordnet sind, gliedert sich die Wiedergabe hier in zwei Teile, die in sich chronologisch sortiert sind: Teil I enthält die während der Kriegsjahre entstandenen größeren Textblöcke § 42: «Der Schöpfer und seine Offenbarung» (mit den Abschnitten 1. «Gott und die Götter» und 2. «Der Glaube und die Weltanschauungen»), § 43,2: «Des Menschen Menschlichkeit» und § 44,2: «Der Mensch und die Menschheit». Teil II bringt die ganz unterschiedlichen Zusammenhängen entnommenen, zu verschiedenen Zeitpunkten niedergeschriebenen und vorgetragenen kleineren Fragmente. Genaue Informationen zur jeweiligen Entstehungszeit und dem ursprünglichen Ort im Textganzen bieten die den einzelnen Fragmenten vorangestellten Einleitungen, für die wir dankbar auf die von Hans-Anton Drewes geleistete Arbeit zurückgreifen konnten, die im Begleitheft zur CD-ROM dokumentiert ist.

Besonderen Dank schulden die Herausgeber den in vielfacher Weise an Recherchen und Korrekturarbeiten beteiligten Mitarbeitern: in Jena Tillmann Boelter, Tommy Drexel, Juliane Hopf und PD Dr. Hans-Martin Rieger; im Karl Barth-Archiv in Basel Jan Arni, Michael Braunschweig, Stefan Landgrebe, Michael Pfenninger und Simon Weinreich. Für ihre Mitarbeit bei der Transkriptionskontrolle, bei der sie eine große Hilfe war, ist Margrit Müller sehr zu danken. Dem Leiter des Karl Barth-Archivs, Dr. Peter Zocher, gilt unser großer Dank für die Durchsicht und manche Verbesserung des von uns gelieferten Editionstextes. Dem Theologischen Verlag Zürich und seinen Leiterinnen, der verstorbenen Marianne Stauffacher, die mit Rat und Tat die Entstehung des Bandes über Jahre begleitete, und ihrer Nachfolgerin, Lisa Briner, ist für die unverändert gute verlegerische Betreuung ebenso zu danken wie Michael Nicklas und Thomas Ziegler von der pagina, Tübingen, für die umsichtige und akkurate Erstellung des Satzes. Nicht einzeln aufführbar ist die Hilfestellung, mit der Elisabeth Stoevesandt die Arbeiten an diesem Band begleitet hat; ihr gebührt ganz besonderer Dank.

Hinrich Stoevesandt
Michael Trowitzsch
XI
Dank an Hinrich Stoevesandt

Es ist, wie mir scheint, eine schöne, sehr angemessene und glückliche Fügung, dass dieser ‹Jubiläumsband›, der 50. Band der Gesamtausgabe, von Hinrich Stoevesandt (und Michael Trowitzsch) herausgegeben wird. Keiner kann wie er den großen Bogen schlagen von den von ihm hier im ersten Teil des Vorworts geschilderten Anfängen der Gesamtausgabe bis heute, und dafür mag sinnbildlich der jetzt erscheinende Band stehen. Seit Jahrzehnten hat Hinrich Stoevesandt seine außerordentliche Kompetenz und Gelehrsamkeit, seinen Spürsinn, seine Sorgfalt im Detail, aber auch seinen Sinn für die großen Linien der Gedankenführung – und nicht zuletzt seine theologische Leidenschaft – in den Dienst der Erschließung der Theologie Karl Barths gestellt. Was er mit eigener Forschung, mit seiner Arbeit im Karl Barth-Archiv und als erster und jahrzehntelanger Herausgeber der Karl Barth-Gesamtausgabe dafür geleistet hat, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dass ihn in alledem seine Frau Elisabeth Stoevesandt begleitet und unterstützt hat, soll und kann nicht vergessen werden. Mir scheint, es gibt keinen besseren Ort, den Dank, der beiden gebührt, auch im Namen des Mitherausgebers des Bandes und im Namen der Barth-Forschung überhaupt, auszusprechen:

Danke, Elisabeth! Und vor allem: Danke, Hinrich!

Peter Zocher