1922

15. und 16. Kapitel: Der Apostel und die Gemeinde

701

15. und 16. Kapitel
DER APOSTEL UND DIE GEMEINDE

15,14–33; 16,1–24

V. 14 Ich bin aber, meine Brüder, ohnehin ganz überzeugt, dass ihr selber voll guter Gesinnung seid, im Vollbesitz der Erkenntnis und fähig, euch gegenseitig das Rechte nahezulegen.

Der Römerbrief bietet keine neue, sondern die alte, keine fremde, sondern die bekannte, keine persönliche, sondern die universale Wahrheit. Er erhebt nicht den Anspruch, originell, tief oder geistreich zu sein, er lässt sich aber mit seinem wirklichen Anspruch auch nicht unter diesem Vorwand abweisen. Er ist keine Dogmatik, es dürfte ihm aber eben darum auch nicht mit antidogmatischen Tiraden zu antworten und beizukommen sein. Er proklamiert nicht die Autorität des Paulus, er ist aber auch nicht zu erledigen durch die Entdeckung, dass dies alles eben doch im besten Fall nur – Paulus sei; denn dass Paulus nicht Christus ist, das ist eine gänzlich banale und eindruckslose Wahrheit; Christus steht in keinem Buche, und an den zu «glauben», der den Römerbrief schrieb, oder an das, was er schrieb, das kommt keinen Augenblick in Frage; man kann nur an Gott glauben! Eben das ist die These des Römerbriefs, die These des «Paulinismus», mit der er sich selbst aufhebt, lange bevor seine Widersacher zu ihren ängstlichen Warnungen auch nur den Atem gefunden haben. Wer sich gegen den Paulinismus als «System»1 noch ereifern kann, der kämpft gegen Windmühlen und beweist nur, dass er nichts gelernt und nichts vergessen hat. Der Römerbrief appelliert weder an einen Autoritätsglauben, noch an ein Vermögen konstruktiven Denkens, noch an einen Sinn für höhere Welten2, noch an eine besondere Erlebnisfähigkeit, noch an ein kultiviertes Gewissen, noch an ein religiöses Gefühl, sondern an den sensus communis, an das «allgemeine Wahrheitsgefühl» (Oetinger)3, an die kindliche Einfalt (ja wohl!) derer, die die |702 Verworrenheit der vermeintlichen «Einfachheit»4, deren sich dieses Geschlecht rühmt, durchschaut haben und ihrer satt sind, an die Ehrlichkeit der Heiden, an ihre Willigkeit, sich einer sachlichen Betrachtung der menschlichen Lebenslage nicht ohne Weiteres, nicht gänzlich zu entziehen. Er redet die «Brüder» an in den Adressaten, den existentiell Einen in 512 Allen. Er rechnet auf die Teilnahme, auf das Verständnis, auf die Mitarbeit, die niemand im Ernst verweigern kann, der, allen Ideologien abhold, die Dinge «einfach» nehmen will, wie sie sind. Er spricht aus, was jeder schon gehört hat. Er sagt, was jeder sich selbst sagen kann. Er deckt auf, was immer und überall wahr ist. Er belehrt die Belehrten. Er ist eine Mitteilung an die Wissenden. Er ermahnt, die guten Willens sind. Nur gleichnisweise betritt er die Szene, entfaltet er seine Fahne, vollzieht er seinen Aufmarsch, erledigt er seine Gegner, behauptet er das Feld. Er verlässt es nach geschehener Tat, als ob nichts geschehen wäre. Wer gegen ihn Recht haben will, dem ist es – auf seine eigene Verantwortung – durchaus unverwehrt. «Ich bin ganz überzeugt, dass ihr selber voll guter Gesinnung seid, im Vollbesitz der Erkenntnis.» Also, frommer Mann, nimm dir’s nicht an!5 Sei du deines Standpunktes froh, wenn du es kannst! Verstopfe dir doch die Ohren vor den gestellten Fragen, solange du es fertig bringst! Wir sind ja – es ist ernst gemeint – viel einverstandener, als du es glauben willst. Den Ausbrüchen eines antiorthodoxen Ressentiments aber kann eine andere als humoristische Bedeutung wirklich nicht länger zugebilligt werden.

703V. 15‒16 Ich habe euch teilweise etwas kühner geschrieben, um euch wieder zu erinnern kraft der mir von Gott gegebenen Gnade als Priester des Christus Jesus an den Heiden, der den heiligen Dienst versieht an der Heilsbotschaft Gottes, damit die Heiden eine wohlaufgenommene Opfergabe würden, geheiligt durch den heiligen Geist.

Der Standpunkt des Römerbriefs ist in der Tat ein «teilweise etwas kühner» Standpunkt. Friedlicher lebt es sich in andern Hürden als im Schatten dieser Möglichkeit. Erschreckend dünn ist der Faden des wissenden Nicht-Wissens, der uns hier geboten wird, unheimlich nahe dem Abgrund der Weg, den wir hier geführt, bedenklich scharf das Entweder-Oder, vor das wir hier auf Schritt und Tritt gestellt werden. Muss das so sein? Muss denn durchaus dieser extreme, dieser exponierte Standpunkt (der kein Standpunkt ist!) eingenommen sein? Muss denn alles, was nicht «Antwort in der Frage» ist, muss denn jeder freundliche, friedliche, praktische, historisch und psychologisch einleuchtende Mittelweg durchaus ausgeschlossen, muss denn gerade diese steilste Grenzmöglichkeit gewählt sein? Wir antworten: durchaus nicht! Wir sind weit davon entfernta, etwa das, was als menschliche Haltung, Möglichkeit und Methode auch im Römerbrief unvermeidlicherweise anschaulich wird, als den 513 normalen Weg hinstellen zu wollen, schon darum, weil wir vor allen «normalen Wegen» als solchen in tiefstem Ernst nur warnen können. Wir legen nicht den geringsten Wert darauf, radikal zu reden und eine radikale Silhouette zu bieten. Wir wiederholen nochmals, dass der Paulinismus auch sich selbst nur ins Unrecht setzen kann, dass auch die steilste Grenzmöglichkeit, die er in der Reihe der verschiedenen Standpunkte darstellt, als solche nicht sein Sinn, sondern nur sein Gleichnis ist. Wir wissen aber auch die andern relativeren und harmloseren Betrachtungsmöglichkeiten in ihrer möglichen Bedeutsamkeit und Fruchtbarkeit durchaus zu schätzen. Wir sind in der Lage, uns freundlich neben den Katholiken, den «Positiven», den Kulturprotestanten, den Völkerbundstheologen6 (ja und neben wen nicht?) zu stellen und ihm das |704 Beruhigende, das überall so Erwünschte zu sagen: Du hast Recht! – unter der beunruhigenden Bedingung nämlich, dass auch du Unrecht hast! Hier beginnt unser «teilweise etwas kühnes» Reden und das dringende Interesse, das wir daran haben, es uns nicht nehmen zu lassen. Sollte es sich nämlich etwa darum handeln, von Gott zu reden – nicht davon, wie wir uns trösten und helfen wollen, b-nicht davon, womit wir «religiös vorwärtskommen» (Wernle)7, nicht davon-b, womit wir «etwas anfangen» können, nicht von jenem metaphysischen X, das wir zum Träger unsrer Postulate gemacht haben, sondern – von Gott, wie er uns in der Wirklichkeit unsres Lebens, authentisch interpretiert in Jesus Christus (gleichviel ob es uns willkommen und annehmbar ist oder nicht!), begegnet: als der unbekannte, der heilige Gott, der Herr über Leben und Sterben, sollte es sich bei allen jenen relativeren und harmloseren Betrachtungsmöglichkeiten letzten Endes eben doch auch um die ehrlich gestellte und zu stellende Existenzfrage des Menschen handeln, sollte das das Anliegen alles möglichen Redens und Hörens von Gott sein, uns «wieder zu erinnern», weil wir alle vergessen haben des unbekannten Gottes, vergessen des Einen, vergessen der freimachenden Wahrheit – dann muss (von jedem möglichen Standpunkt aus) das «teilweise etwas Kühne» des Römerbriefs gesagt, dann muss scharf geschossen werden, dann gilt es (durchaus in der Meinung, keiner unsrer Nachbarn könne und werde da zurückbleiben!), rücksichtslos, gänzlich «unfromm», unbeirrt sachlich, die Frage aller Fragen aufzurollen, das Paradox des gekreuzigten und auferstandenen Heilands aufzuweisen, Alles, aber auch Alles an den einen Faden des Glaubens zu hängen, alle, aber auch alle Hilfsvorstellungen, potemkinschen Dörfer, Scheinrealitäten als solche abzuwerten und abzubauen, unentwegt gerade den Weg zwischen den 514 beiden Abgründen zu betreten und zu gehen. Dann mitleidslose Schärfe gegen allen Kitsch, dann keine Konzessionen, keine Scheu vor den «gefährlichsten» Konsequenzen. Dann: «Brennet im Geiste!» (12,11). Wobei wir sehr wohl wissen, dass es zwar ein «kühnes», aber nur ein «teilweise etwas kühnes» Reden von Gott gibt, dass das existentielle Ereignis der Wiedererinnerung nicht als Akt |705 neben Akten stattfindet, dass es zu absoluten Worten des Durchbruchs unter keinen Umständen kommen kann und wird, denn das wäre das Ende aller Dinge, das an die Hand zu nehmen wir uns nicht erdreisten sollen. Immerhin: es besteht neben jenen ordentlichen, regulären, «bürgerlichen» Betrachtungsmöglichkeiten (nein, nicht neben ihnen, sondern tragikomischer- und hoffnungsvollerweise in ihnen allen!) die außerordentliche, die irreguläre, die – im gewichtigsten Sinn gesagt – revolutionäre Möglichkeit, jenen Vorstoßc zu wagen. Dieser Vorstoß, unternommen im tiefsten Einverständnis mit dem Einen in Allend, ist der Römerbrief, das Gespräch über Gott, die Theologie. Sie ist unter allen andern möglichen Fällen (und als der Fall aller Fälle!) – «kraft der mir von Gott gegebenen Gnade als Priester des Christus Jesus an die Heiden, der den heiligen Dienst versieht an der Heilsbotschaft Gottes, damit die Heiden eine wohlaufgenommene Opfergabe würden, geheiligt durch den Heiligen Geist» – der außerordentliche, der irreguläre, der revolutionäre Fall. Noch einmal: auch dieser Fall nur ein Gleichnis! Aber immerhin ein Gleichnis! Die Theologie hat es mit der Gnade zu tun, mit dem «absoluten Moment»8, mit der gefräßigen Dialektik von Zeit und Ewigkeit, vor der sich alle andern Wissenschaften mit mehr oder weniger Glück in Sicherheit zu bringen gewusst haben und die sie doch allee bedroht. In ihrer Rechnung figuriert der Posten, der kein Posten sein kann, die unmögliche Möglichkeit Gottes, und dieser Posten droht in jedem Augenblick die ganze übrige Rechnung umzuwerfen. Sie ist ein «Priesterdienst an den Heiden», d. h. sie wendet sich an den anschaulichen, geschichtlichen, konkreten, einzelnen Menschen, um ihn über sich selbst zu belehren, dass er der eine, unanschauliche, unbekleidet vor Gott stehende Mensch ist. Nur der Heide (der Heide im Heiden und Nicht-Heiden!) interessiert sie, nur der Mensch, sofern er Gott dargebracht werden kann und muss als «Opfergabe», nur seine Heiligung durch den heiligen Geist, seine Entfesselung, seine Erlösung, seine Freiheit in Gott. Ein gänzlich unpraktisches und unreligiöses Unter|706nehmen, gerade weil es sich um das praktischste aller Anliegen, um den (jenseitigen!) Sinn 515 aller Religion handelt. Unendlich absichtsvoll und höchsten Erfolges gewiss, muss die Theologie ganz absichtslos auftreten, darf keinen etwaigen Erfolg als solchen je anerkennen. Selber das letzte Wagnis des Menschen, muss sie sich scharf vor Augen halten, dass alles Wagen derf Menschen nur Demonstration und Gleichnis sein kann. Sie ist aber, was sie ist, eben als dieses letzte Wagnis, als der «heilige Dienst an der Heilsbotschaft Gottes». Ist sie das nicht, getraut sie sich nicht zu sein, was sie ist, so täte sie besser, heute noch zu liquidieren als erst morgen. Denn nur diesem ihrem Wesen als dem notwendig zu wagenden letzten Wagnis, als dem außerordentlichen, irregulären, revolutionären Vorstoß verdankt sie ihr geschichtliches Dasein und so auch ihre Stellung in der universitas litterarum. Und das Wagnis und der Vorstoß allein (nicht ihre Abzweckung auf den Dienst der Kirche und noch weniger etwa ihr großes unvermeidliches Anleihen bei der historischen Wissenschaft!) vermag ihr diese Stellung zu erhalten. Wissenschaftlichkeit bedeutet Sachlichkeit. Sachlichkeit in der Theologie ist der unbedingte Respekt vor der Einzigartigkeit des hier gewählten Themas: der Mensch in seiner letzten Not und Hoffnung, der Mensch vor Gott. Wissenschaftliche Theologie ist Buße, Umdenken, «erneuertes Denken» (12,2 man beachte die Kautelen, mit denen dieser Begriff dort gesichert ist). Sie ist Frage- und Ausrufzeichen am äußersten Rande der Universität (wahrhaftig von jedem Einsichtigen dort irgendwie zu setzen!), wie die Kirche in derselben Rolle am äußersten Rande der menschlichen Kultur überhaupt ihr notwendiges Wesen treiben muss. Sehr wohl aufzuwerfen ist immer wieder die Frage, ob Theologie und Kirche nicht in der Tat besser täten, zu liquidieren, weil sie ja doch den Mut nicht aufbringen, zu sein, was sie sind. Sind sie aber mutig genug, nicht zu liquidieren, dann, bei aller dämpfenden Erinnerung an die notwendige Banalität alles menschlichen Tuns, wenigstens keine allzu große, wenigstens keine bewusste, wenigstens keine triumphierende Banalität! Dann, im Gedenken an die Linie des Römerbriefes ein wenigstens «teilweise etwas kühnes» Reden! Wohl Jedem, der nicht an einer dieser gefährlichen Stellen zu stehen braucht. Aber wehe Jedem, der dort steht und nicht weiß, was er tut!

707V. 17‒21 So habe ich nun meinen Ruhm, im Christus Jesus, vor Gott nämlich. Denn ich würde mich nicht unterstehen, von Dingen zu reden, die nicht Christus durch mich vollbracht hätte, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen, durch Wort und Tat, durch die Kraft von Zeichen und Wundern, durch die Kraft des Heiligen Geistes, so dass ich von Jerusalem im Bogen bis nach 516 Illyrien die Verkündigung der Heilsbotschaft vollendet habe. Wobei ich meine Ehre darein setzte, nicht da zu predigen, wo der Name «Christus» schon bekannt war, um nicht auf fremder Grundlage aufzubauen, sondern wie geschrieben steht: Es sollen sehen die, denen noch nichts von ihm verkündigt worden, und die noch nichts gehört haben, sollen’s verstehen! (Jes. 52,15).

Oder sollte etwa der paulinische «Ruhm», das Selbstbewusstsein, in dem hier geschrieben ist, einen Schatten auf den Inhalt des Römerbriefs werfen, einen Vorwand, ihm auszuweichen, bieten? Ja, es istg ein Selbstbewusstsein, das aus diesen Blättern redet. Es fragt sich nur: wessen Selbstbewusstsein? Das des Paulus? Sicher auch, wie sollte es anders sein, dass da, wo ein Mensch von Gott redet, und wenn er noch so ausdrücklichh von Gott redete, auch dieses Menschen Selbstbewusstsein ausgiebig und störend genug zu Worte kommt? Es könnte aber kraft der Vergebung der Sünden sein, i-dass sich in diesem menschlichen Selbstbewusstsein zugleich ein ganz anderes Selbstbewusstsein spiegelte-i. Es könnte sein, dass die Kritik und die Wünsche der Bescheidenen hier auf Granit stoßen angesichts der Tatsache, dass Paulus gar nicht dort steht, wo sie ihn suchen, dass er seinen Ruhm «in Christus Jesus, vor Gott» hat. Wer ist Paulus? Paulus ist preiszugeben. Die Höhe, auf der Paulus etwa stehen mag, ist nicht allzu beträchtlich. Was Paulus «erfahren» hat, weiß, sagt und vollbracht hatj, davon «werde ich mich nicht unterstehen zu reden». Paulus ist nichts. Aber vielleicht ist Paulus gerade von dort aus so gefährlich, wohin er sich mit diesem «nicht» zurückzieht. Vielleicht ist das, was als paulinischer «Ruhm» so missfällig vermerkt wird, nur das Zeugnis von einem «im |708 Christus vor Gott» bestehenden Ruhm, dessen Licht sich eben nicht ganz unter den Scheffel stellen lässt. Vielleicht ist er es, der so provozierend wirkt auf die bescheidenen Unbescheidenen, der das paulinische Auftreten in der Tat so unerträglich macht. Und vielleicht ist dies bei der Beurteilung der ganzen geschichtlichen Mission des Paulus und des Paulinismus in Anschlag zu bringen. Es ist doch klar, dass dieser Apostel eben wegen seines Selbstbewusstseins kein sympathischer, kein gewinnender Mensch gewesen ist; wen er überzeugte, den muss er irgendwie gegen sich selbst und nicht durch sich selbst überzeugt haben. Und so sein Evangelium: es ist ein störendes Element in der Geistesgeschichte, es könnte gern und leicht aus der Entwicklung weggedacht werden; denn es ist nirgends eigentlich in sie eingegangen; es liegt überall nur als Sandkorn und oft als Kieselstein zwischen den friedlich ineinander greifenden Rädern; seine geschichtliche Wirksamkeit muss darauf zurückzuführen sein, dass 517 hier eine ganz andere inkommensurable Größe, Jesus Christus, unheimlich gut verstanden ist. Darauf zurückzuführen ist wohl auch das bezeichnendste und unliebenswürdigste Merkmal des Paulinismus: sein stolzes Verschmähen des «Bauens auf fremden Grundlagen». Paulus denkt gründlich unhistorisch (denn sein Verhältnis zum Alten Testament wird man doch nicht etwa zum Beweis des Gegenteils anrufen wollen!). Er knüpft in der unfriedlichsten Weise nicht an an die gegebenen Christlichkeiten. Er führt die ehrwürdigsten Traditionen nicht fort. Er sagt nicht direkt Ja zu den größten historischen Größen, auch nicht zu der allergrößten, dem «Christus nach dem Fleische» [vgl. 2.Kor. 5,16]. Er zeigt eine seltsame, spöttische Bedenklichkeit gegen alle schon stehenden «Säulen» (Gal. 2,9). Er hat sich nicht mit Fleisch und Blut beraten, er ist höchst grundsätzlicherweise nicht hinauf nach Jerusalem, sondern ab nach Arabien gegangen (Gal. 1,16–17). Er erlaubt sich durchaus und ausdrücklich die Feststellung, dass er sein Evangelium von keinem Menschen gelernt noch empfangen habe (Gal. 1,11–12). Jeder Schlag, den die «gesunde» theologisch-kirchliche Mittelmäßigkeit zu irgend einer Zeit gegen «geschichtslose Schwärmerei»9 geführt hat, traf ge|709wollt oder ungewollt auch den Paulus. An sich ist ja alles dieses Fremdartige wirklich so gar nicht wichtig, so deutlich ein historisches Phänomen wie ein anderes. Es könnte aber bedeutsam sein; es könnte Zeugnis sein von einer ganz andern Fremdartigkeit. Wie überflüssig und gefährlich wäre es dann, sich darüber aufzuhalten! Wie viel besser täte dann die Theologie, dem ihr hier gegebenen Wink zu folgen.

V. 22‒29 Deshalb war ich auch immer wieder verhindert, zu euch zu kommen. Jetzt aber, da ich keinen Raum mehr in diesen Gegenden habe, und da ich seit vielen*1 Jahren das Verlangen hatte, zu euch zu kommen, um nach Spanien zu reisen - - denn ich hoffe, euch auf der Durchreise zu sehen und bei euch Begleiter dorthin zu finden, nachdem ich mich ein wenig an euch erquickt habe –, jetzt aber reise ich nach Jerusalem. Die Gemeinden von Mazedonien und Achaja haben nämlich eine Hilfeleistungk beschlossen zugunsten der Armen der Heiligen in Jerusalem. Sie haben es beschlossen und sind es ihnen ja auch schuldig. Denn wenn die Heiden im Geistigen ihre Hilfe erfahren haben, so sind sie schuldig, ihnen auch im Äußerlichen zu dienen. Wenn ich das erledigt und ihnen den Ertrag sicher überbracht habe, dann werde ich über euch nach Spanien gehen und weiß, dass ich, wenn ich zu euch komme, in der Fülle des Segens des Christus kommen werde.

518 Persönliche Begegnung und Fühlungnahme bei sachlicher Gemeinschaft ist eine schöne Sache (1,9–13) und ist als Station auf den Wegen des Dienstes freudigst zu erwünschen und willkommen zu heißen. Bezeichnenderweise ist aber auch dazu der kleine Umweg Korinth-Jerusalem-Rom in Aussicht zu nehmen. Den Christen in Jerusalem soll zunächst jene schon erwähnte (12,13) Kollekte abgeliefert werden als Kundgebung gerade für diel Einheit der Heiden und Juden, der Nahen und Fernen, der Bekannten und Unbekannten, die das Thema des Römerbriefs ist. Ein demonstrativer Ausfall nach dem Ende der Ökumene, nach Spanien, ist das nächste Projekt des Mannes, |710 der diesseits von Italien bereits «keinen Raum mehr» sieht. Auf diesem wirklich mehr apokalyptisch als rational entworfenen Plan figuriert dann auch der Punkt, m-wo sich Verfasser und Leser dieses Briefes persönlich-m sehen und wiedersehen sollen.

V. 30‒33 Ich ermahne euch aber, Brüder, bei unserm Herrn Jesus Christus und bei der Liebe des Heiligen Geistes, mit mir zu kämpfen, indem ihr für mich betet zu Gott, dass ich errettet werde vor den Ungläubigen in Judäa und dass mein Dienst für Jerusalem von den Heiligen wohl aufgenommen werde, damit ich dann mit Freuden zu euch kommen und mich, so Gott will, bei euch erholen möge. Der Gott des Friedens sei mit euch allen. Amen.

Nicht eben leicht und gefahrlos scheint jener Umweg. Wie wird es Paulus dort ergehen? Einen «Kampf» nimmt er auf alle Fälle in Aussicht. Judäa-Jerusalem ist ja in jeder Beziehung die Hochburg der – Kirche. Es drohen die Schikanen der Juden, aber auch der gute Empfang bei den «Heiligen» scheint trotz der zu überbringenden Kollekte keineswegs so sicher zu sein, dassn nicht auch dafür – gebetet werden müsste. Ein Fremdling wird der, der hier redet, sein, wo er auch hinkommt. Er ruft Alle, die ihm wohlwollen, an, seiner furchtbaren Einsamkeit vor Gott teilnehmend zu gedenken.

V. 1‒16 Ich empfehle euch unsre Schwester Phoebe, dieo ja *2 Dienerin der Gemeinde von Kenchreae ist, dass ihr sie im Herrn aufnehmt, wie es sich unter Heiligen geziemt, und ihr in jedem Geschäft, worin sie euer bedarf, beisteht. Ist sie doch selber Vielen zum Beistand geworden und so auch mir. Grüßt die Priska und den Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus (die für mein Leben ihren Hals gewagt haben, denenp nicht nur ich dankbar bin, sondern alle heidnischen Gemeinden) und ihre Hausgemeinde. |711 519 Grüßt meinen lieben Epänetus, derq der Erstling Asiens für Christus ist. Grüßt die Mirjam*3, die sich viel um uns*4 bemüht hat. Grüßt den Andronikus und den Junias, meine Landsleute und Mitgefangenen, die bei den Aposteln einen guten Namen haben und schon vor mir Christen gewesen sindr. Grüßt den Ampliatus, der mir im Herrn lieb ist. Grüßt den Urbanus, unsern Mitarbeiter, in Christus, und meinen lieben Stachys. Grüßt den in Christus bewährten Apelles. Grüßt die vom Gesinde des Aristobul. Grüßt meinen Landsmann Herodion. Grüßt die Christen vom Gesinde des Narzissus. Grüßt die Tryphäna und die Tryphosas in ihrer Mühe im Herrn. Grüßt die liebe Persis, die im Herrn so viel Mühe hatte. Grüßt den Rufus, diesen Trefflichen im Herrn und seine (und meine!) Mutter. Grüßt den Asynkritus, den Phlegon, den Hermes, den Patrobas, den Hermas und die Brüder, die mit ihm sind. Grüßt den Philologus und die Julia, den Nereus und seine Schwester und den Olympas und alle Heiligen, die mit ihm sind. Grüßt einander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Gemeinden des Christus.

Eine kleine Welt von Leiden, Tapferkeit und Bewährung (im Herrn!), von gegenseitiger Hilfe und Hochachtung (im Herrn!) tut sich hier vor uns auf. Hier wäre allenfalls nachzufragen nach den den «Worten» des Römerbriefs entsprechenden «Taten und Tatsachen». Hier ist das im Römerbrief so oft vermisste einfache «Leben». Die Leser selbst sind die Antwort auf diese Frage, jeder in seiner Weise, bis auf diesen Tag. Über das antiquarisch Interessante und Problematische dieser Grußliste geben vor allem Zahn13 und Lietzmann14 alle |712 wünschenswerten Auskünfte. Die Vermutung, sie sei der Hauptbestandteil eines an die Gemeinde von Ephesus gerichteten, versehentlich in den Römerbrief geratenen Schreibens ist schon darum unsympathisch, weil es wünschenswert ist, ausdrücklich festzustellen, dass der Römerbrief sich durchaus an bestimmte Menschen mit irdischemt Gesicht und Namen wendet. Gerade so muss es sein. Eine Gemeindeschwester hat ihn um die Mitte der fünfziger Jahre des ersten Jahrhunderts von Korinth nach Rom gebracht. Männer und Frauen, Griechen, Römer und Juden, Herren und Sklaven sind seine Adressaten. Die Möglichkeit, dass etwa Tryphäna und Tryphosa und die andern «Laien» (um von allfälligen «Theologen» in dieser langen Reihe nicht zu reden!) das nicht verstehen sollten, scheint hier nicht 520 in Frage zu kommen. Es scheint (dies gilt auch dann, wenn jene Vermutung Recht hat!), dass es einmal ein Publikum gegeben hat, dem man den Römerbrief zumuten konnte, dem er eine Antwort auf seine eigenen Fragen war, das ihn irgendwie verstanden und geschätzt haben muss. Es scheint, dass diesem Publikum die Theologie (diese Theologie!) ohne weiteres das aktuelle Thema war. Es scheint, dass die Probleme dieses Publikums dort anfingen, wo die Probleme manches andern (auch manches theologischen!) Publikums aufzuhören pflegen. Es scheint, dass diese Geister sehr freie, sehr weite, sehr bewegliche Geister waren. Wir wundern uns über dieses Publikum mehr als über die andern historischen Probleme, die uns durch den Römerbrief etwa gestellt werden. Und wir wundern uns nicht darüber, dass unter diesen Menschen sogar der «heilige Kuss» eine Möglichkeit war.

V. 17‒20 Ich ermahne euch aber, Brüder, wachsam zu sein gegen die, die Abspaltungen und Ärgernisse anrichten gegen die Lehre, in der ihr unterrichtet seid, – und rücket ab von ihnen! Denn diese dienen nicht unserm Herrn Christus, sondern ihrem Bauche, und mit ihren großen Sprüchen und Segensworten täuschen sie die Herzen der Arglosen. Denn euer Gehorsam ist überall bekannt. An euch kann ich mich jetzt nur freuen. Ich möchte aber, dass ihr weise seid gegenüber dem Guten, einfältig gegenüber dem Bösen. Der Gott des Friedens wird den Satan unter eure Füße tun in Schnelligkeit. Die Gnade unsres Herrn Jesus sei mit euch!

713Ein letzter dringender Anruf. Wahrhaftig auch er kein Fremdkörper im Römerbrief, sondern nur die Zusammenfassung seiner Polemik (und wo wäre er nicht polemisch?) zu einem Schlag. Hütet euch vor den Verwechslungen und vor den nächstliegendenu und einleuchtendsten am meisten! Hütet euch vor dem religiösen Jahrmarkt mit seinem glänzenden Budenbetrieb! Gerade, weil ihr mitten drin seid und euch durch kein Kriterium als durch die «Wiedererinnerung» (15,15) von denen, die «nicht unserm Herrn Christus, sondern ihrem Bauche» dienen, abheben und absondern könnt! Hütet euch – vor euch selbst! In der «Wiedererinnerung» ist die Kraft zu jener weisen Offenheit und einfältigen Verschlossenheit, die den Menschen im Gewimmel der Meinungen nicht ganz ertrinken lässt. «Etiam cultores saepe veritatis ea, quibus haud assuevere, tardius admittunt. Cum pridem audierunt: Hoc est! quaerunt denique: Quid est? cumque demonstratio defluxit, postulata sibi proponi queruntur. Nonnulli obitu demum suo veritati, in parte non agnita, officere desinunt. Veruntamen non frustra laboratur: dum alii praeter opinionem desunt, alii praeter 521 opinionem se dedunt vel dedent. Lux crescit in dies: per adversa ad victoriam enititur veritas» (Bengel).15 «Der Gott des wahren, nicht des einschläfernden Friedens muß das Beste tun und tut es oft in Kurzem, wenn man nur ein wenig Geduld haben kann und nicht zu schnell mit seinem Beifall zufährt» (Steinhofer).16 Wer Ohren hat, zu hören, der hört [vgl. Mt. 11,15; 13,9 par.].

V. 21‒24 Es grüßenv euch Timotheus, mein Mitarbeiter, und Lucius und Jason und Sosipatros, meine Landsleute. Ich Tertius, der den Brief geschrieben, grüße euch im Herrn. Es grüßt euch Gajus, mein und der ganzen Gemeinde Gastgeber. Es grüßt euch Erastus, der Stadtverwalter, und der Bruder Quartus. Die Gnade unsers Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. Amen.*5

Originalfußnoten

*1
πολλῶν mochte einem Abschreiber als Übertreibung erscheinen und wurde durch ἱκανῶν ersetzt.↩
*2
καὶ nach οὖσαν ist nicht zu streichen. Lietzmann10 macht darauf aufmerksam, dass καὶ bei Paulus öfters zur Betonung des folgenden Wortes verwendet wird und auch 8,24 wegkorrigiert ist.↩
*3
Aus Μαριάμ konnte Μαρίαν entstehen, nicht umgekehrt.11  ↩
*4
Lies ἡμᾶς, nicht ὑμᾶς. Ein Lob dieser Frau wegen ihrer Bemühungen um die Adressaten fiele hier ganz aus der Reihe und würde sich auch an sich seltsam ausnehmen.12↩
*5
V. 24 ist nicht zu streichen, wohl aber die «Doxologie» 16,25–27. Vgl. darüber die Anmerkung S. 694–697.↩

Textkritische Fußnoten

a
1. Abdruck (19222): «weit entfernt davon».↩
b-b
1. Abdruck (19222): «nicht von dem […], nicht von dem».↩
c
2. Abdruck (19233): «Verstoß».↩
d
1. Abdruck (19222): «Allem». Korrektur in Barths Handexemplar.↩
e
1. Abdruck (19222): «doch sie alle».↩
f
1. Abdruck (19222): «des».↩
g
Druckmanuskript: «ist».↩
h
Druckmanuskript: «ausdrücklich und eindrücklich».↩
i-i
1. Abdruck (19222): «daß in diesem [...] ein ganz anderes Selbstbewußtsein sich spiegelte».↩
j
1. Abdruck (19222): «vollbrachte».↩
k
1. Abdruck (19222): «Hilfsleistung».↩
l
1. Abdruck (19222): «diejenige».↩
m-m
1. Abdruck (19222): «wo Verfasser und Leser [...] sich persönlich».↩
n
1. Abdruck (19222): «so sicher, daß».↩
o
1. Abdruck (19222): «welche».↩
p
1. Abdruck (19222): «welchen».↩
q
1. Abdruck (19222): «welcher».↩
r
1. Abdruck (19222): «Christen waren».↩
s
1. Abdruck (19222): «und Tryphosa».↩
t
1. Abdruck (19222): «mit einem irdischen».↩
u
1. Abdruck (19222): «naheliegendsten».↩
v
1. Abdruck (19222): «grüßt».↩

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 673, Anm. 97.↩
2
Siehe oben S. 137, Anm. 19.↩
3
Vgl. Friedrich Christoph Oetingers Leben und Briefe, als urkundlicher Commentar zu dessen Schriften, hrsg. von K. Chr. E. Ehmann, Stuttgart 1859, S. 198–204 📖 («Die Untersuchung über das allgemeine Wahrheitsgefühl»: Bericht Oetingers über seine Schrift Inquisitio in sensum communem et rationem [...], Tübingen 1753 📖), und C. A. Auberlen, Die Theosophie Friedrich Christoph Oetinger’s, mit einem Vorwort von R. Rothe, Basel 18592, S. 65–82 📖 (beide Bücher in Barths Bibliothek, mit ausführlichen Unterstreichungen).↩
4
Vgl. oben S. 9 und S. XXXII.↩
5
Vgl. O. Myconius, Vom Leben und Sterben Huldrych Zwinglis. Das älteste Lebensbild Zwinglis. Lateinischer Text mit Übersetzung, Einführung und Kommentar, hrsg. von E. G. Rüsch (Mitteilungen zur Vaterländischen Geschichte, Bd. 50), St. Gallen 1979, S. 48 📖: «Dum verbis ardentioribus detonaret [sc. Zuinglius] in ocium, et pensiones, [...] adiecerat semper: Frommer man, nim dichs nit an». Vgl. H. Zwingli, Sämtliche Werke, Bd. 1 (= CR 88), Berlin 1905, S. 174, Z.10 📖; S. 576, Z.16 📖; Bd. 3 (= CR  90), Leipzig 1914, S. 485, Z.9f 📖.↩
6
Vgl. oben S. 642, Anm. 70, und S. 332, Anm. 13.↩
7
Vgl. Wernle, S. 169 📖.↩
8
Siehe oben S. 268, Anm.15.↩
9
Möglicherweise ein Echo auf entsprechende Kritik an Römerbrief I 📖; vgl. z. B. Jülicher, Paulus-Ausleger («Schriftauslegung» verstanden als «Sache der Pneumatiker, der Offenbarungsträger allein» [S. 94; vgl. S. 95] 📖, die «keine historisch-kritische Spreu» mit einlassen [S. 89]); vgl. auch oben S. 32, Anm. 1.↩
10
Lietzmann, S. 118. 📖↩
11
Vgl. Zahn, S. 607 📖 (in Barths Exemplar unterstrichen).↩
12
Vgl. Zahn, ebd. 📖↩
13
Zahn, S. 603–611. 📖↩
14
Lietzmann, S. 119f. 📖↩
15
Bengel, Bd. II, S. 724 (aus der «Conclusio operis») 📖; vgl. Römerbrief I, S. 4, Anm.3 📖.↩
16
Steinhofer, S. 99 📖; vgl. Rieger, S. 231 📖 (dort: «muß das Beste tun», während es bei Steinhofer heißt: «muß das Meiste tun»).↩