204
5. Kapitel
DER NAHENDE TAG
Der neue Mensch
V. 1
Also gerecht erklärt durch den Glauben haben wir*1
Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.
«Also gerecht erklärt durch den Glauben». «Die Nacht
rückte vor, der Tag aber ist nahe herbeigekommen» (13,12). Sofern wir es wagen,
mit unserm Glauben zu rechnen, müssen
wir es wagen, auch mit dem durch den Glauben charakterisierten «Wir», mit
dem neuen Menschen, dem Menschen
des noch nicht angebrochenen, aber
nahe herbeigekommenen Gottestages zu rechnen. Durch den Glauben treten wir
ein in den Stand der von Gott für gerecht Erklärten. Wir sind nicht nur, was wir sind, wir sind
durch den Glauben, was wir nicht sind. Was in
«unendlicher Leidenschaft» (Kierkegaard)3 unanschaulich, nur als Vakuum anschaulich, in das
Menschenleben des Alltags hineinragt, |205 was von
Seiten aller menschlichen Begreiflichkeit immer und überall nur negiert und gerade damit immer und überall
durchaus bezeugt wird, was von uns aus gesehen nur als der Nullpunkt
zwischen zwei im Unendlichen
auslaufenden Hyperbelarmen erscheinen
kann und gerade als solches in unerhörter Weise Ende und Anfang ist, das ist der neue Mensch, das Subjekt des Prädikats «Glauben». Nicht ich
bin dieses Subjekt, sofern es als Subjekt, als das, was es ist,
absolut jenseits, das radikal Andere ist allem gegenüber, was ich bin. Und – ich bin dieses Subjekt, sofern das, was es tut, sein Prädikat: der Glaube, eben in der Setzung der Identität zwischen ihm und mir besteht. Unter
dem Zeichen des Sterbens und
Auferstehens des Christus (4,25), in der Erkenntnis des Gottes, der die Toten lebendig macht und
das Nicht-Seiende 126 anspricht als seiend (4,17), wird der neue Mensch, werde – ich «von oben geboren»
(Joh. 3,3): im
stärksten Sinn nicht derselbe wird derselbe, der ich bin. Aber allein kraft
dieser Prädikation ist diese meine
unerhörte Identität mit dem neuen
Menschen Wahrheit. Allein durch den Glauben bin ich, was ich
(nicht!) bin. Sofern das Wagnis des Glaubens auch nur einen Augenblick
nicht in Betracht gezogen, auch nur einen Augenblick suspendiert, nicht
gewagt ist (und zwar so, als hätte ich es noch nie gewagt!), ist die Setzung
dieser Identität eine bedeutungslose
Tat religiöser oder spekulativer Hybris.
Dialektisch, gebrochen durch die
Erwägung, dass der Mensch nicht Gott ist, muss diese Setzung sein und
bleiben. Verdächtig müssen wir uns selbst in jedem Augenblick sein, wo wir es wagen, damit zu
rechnen, dass wir glauben. Höchst fremdartig muss uns immer wieder die
Notwendigkeit und
Möglichkeit erscheinen, durch
die enge Pforte [vgl. Mt. 7,13–14
par.] vom Leben zum Tode
zum Leben einzugehen,
höchst unzugänglich der Weg, höchst unverständlich die Ordnung, höchst
unerreichbar die Kraft, die jenseits dieser engen Pforte weiterführen, höchst gefährlich
der Versuch, dort auch nur einen Schritt vorwärts zu tun. Gewohnheita, Gemütlichkeit,
Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit an diesem Wendepunkt ist die Lüge, der Urfluch, der kaum
auszurottende Giftkeim in aller, fast aller Dogmatik, Predigt,
Seelsorge und religiösen
Beteuerung jeder Art. Die Wahrheit, dass wir neue
Menschen
sind, besteht für uns immer und überall nur in |206 ihrem Ausgangspunkte. Und dieser Ausgangspunkt
bedeutet für uns das Ende aller Anschaulichkeit und Begreiflichkeit. Nur am Ende des alten
Menschen kann uns der Anfang
des neuen anschaulich werden, nur
am Kreuze des Christus der Sinn und die Wirklichkeit seiner Auferstehung. Wir können
nur immer und überall, und immer und überall aufs Neue – glauben, auch
glauben, dass wir glauben. Eine anschauliche,
historisch-psychologische Bestimmung und
Abgrenzung der Glaubenden gegenüber den Nicht-Glaubenden ist
unmöglich. Unser aller Hände sind und bleiben – anschaulich – leer. «Wir
sind wie Gräser auf dem äußersten Rande
eines steilen Abhanges, auf einer Höhe, wo nichts mehr wächst. Dort unten in
den Tälern reichen hohe Eichenbäume mit ihren Wurzeln bis tief hinein in die
Erde. Wir aber sind die Schwachen, Kleinen, von der Erde aus kaum
Sichtbaren; wir stehen unbeschützt vor allen Winden und Stürmen, fast
wurzellos, fast verwelkt. Dafür stehen wir früh morgens, wenn die Wipfel der
Eichen noch dunkel sind, schon im Licht; wir sehen das, was noch niemand
sieht; wir sind die ersten, die die Sonne des großen Tages sehen; wir sind
die ersten, die zu Ihm sagen: ‹Wahrlich, Herr, komme!›» (Mereschkowski).4 Also, nämlich
allein durch den Glauben, als die Ersten, die die Ersten 127 sind, weil die Letzten [vgl. Mt. 19,30 par.], wachsend, indem
wir abnehmen [vgl. Joh.
3,30], groß als die Kleinen, stark in unsrer Schwachheit [vgl. 2.Kor. 12,9], sind wir gerecht
vor Gott: Gott
rechtfertigt sich vor uns, aber damit rechtfertigt er eben auch uns vor
ihm. Er nimmt uns gefangen,
aber damit macht er uns frei. Er verneint uns, wie wir sind, und bejaht uns
eben damit als die, die wir nicht sind. Er braucht uns, und er fängt eben damit sein
gutes Werk an in uns [vgl. Phil. 1,6]. Er
ergreift Partei für uns, und so wird seine Sache unsre Sache, sein Recht
unser Recht. Er bekennt sich zu uns. Er ist mit uns. Wir haben die
Verheißung unsrer
Errettung in seinem Reiche. Wir sind schon Gottes in
Hoffnung. Eben in der Negation des
alten bekannten menschlichen Subjekts vollzieht sich also die Begründung des neuen Subjekts, in dem
unanschaulichen Person-Sein Gottes die Konstituierung der menschlichen
Persönlichkeit.
207«Wir haben
Frieden mit Gott.» Der Mensch, den wir allein kennen, der Mensch
der Ungerechtigkeit, im Frieden mit dem Gott, den wir nicht kennen, das ist das unerhörte Licht, in das wir durch den Glauben treten. Frieden mit Gott heißt
Friedensschluss zwischen Mensch und Gott,
herbeigeführt durch eine von Gott ausgehende Veränderung der menschlichen
Haltung, durch Herstellung der normalen Beziehung des Geschöpfs zum Schöpfer, durch
Begründung
der Liebe
zu Gott, die in der Furcht
des Herrn ihren Anfang hat [vgl. Spr. 1,7], d. h. aber der allein möglichen und
wahrhaftigen Liebe, die der Mensch zu Gott haben kann (5,5). Sofern wir nicht durch den
Glauben gerecht sind vor Gott, befinden wir uns nämlich im
Kriegszustand mit ihm: unsre Liebe zu ihm ist dann die die Distanzen
verkennende (zinzendorfisch-romantisch-indische)
Gottinnigkeit
ohne die Furcht des Herrn, jene Gottinnigkeit, die in ihrem Wesen Nicht-Gott, dem Gott dieser Welt [vgl. 2.Kor. 4,4] gilt (1,22f.), mit
der wir uns gerade unter den Zorn
Gottes, in die Reihe seiner Feinde stellen (5,10).
«Friede mit Gott ist das Gegenteil von aller berauschten Sicherheit des
Fleisches» (Calvin).5 Friede mit Gott ist die sachgemäße
Ordnung der Beziehung des Menschen (als Menschen!) zu Gott (als Gott!). Friede mit Gott ist also mehr als «ein seliges fröhliches Gefühl» (Kühl).6 Solche
Gefühle können diesen Friedensschluss begleiten oder auch nicht begleiten,
sie konstituieren ihn aber auf alle Fälle nicht. Konstituiert wird er durch
die Befreiung der gefangen gehaltenen Wahrheit (1,18), durch die Offenbarung der
Gerechtigkeit Gottes
(3,21), durch
den Glauben. Friede mit Gott ist aber
auch weniger als «Leben in der Wirklichkeit Gottes» (Kutter).7 Kein Einswerden von Gott und
Mensch findet statt, keine
Aufhebung der
Todeslinie, kein
proleptisches
Ansichreißen der Fülle Gottes, der
Errettung und Enderlösung. |208 Es bleibt der Streit zwischen Geist und Fleisch, Fleisch und Geist [vgl. Gal. 5,17] in 128 seiner ganzen Schärfe. Es bleibt der Mensch Mensch und
Gott Gott. Es bleibt die
Notwendigkeit des Glaubens.
Auch nicht das Geringste von seinem paradoxen Charakter kann dem Glauben abgenommen
werden. Auch nicht im Geringsten hört der Mensch etwa auf, ein
Wartender, nur ein Wartender zu sein, ein Hoffender, der nicht schaut (8,24). Er wird aber
durch den Glauben ein nur auf Gott Wartender, und das eben ist sein Frieden mit Gott. Mitten
drin also zwischen menschlichem Gefühl
und göttlicher Wirklichkeit liegt die Bedeutung und Kraft des
Friedenhabens desb durch den Glauben Gerechten. Wo dann? Genau
dort, wo die Besinnung auf das, was
Gott in Christus ist, nach links
und rechts zur kritischen Unterscheidung und Verbindung wird.
«Durch unsern Herrn Jesus Christus». Es muss dabei
bleiben, dass dieses Friedenhaben allein in Gott
begründet und wirklich
ist und nirgends sonst. Gottes
Werk an uns ist es, vollzogen
durch die Anschauung des
gekreuzigten und auferstandenen Christus. Also nicht
Ergebnis eines seelischen Vorgangs, eines menschlichen Aufschwungs. Sofern der
Glaube das auch ist, ist er nicht Gerechtigkeit vor Gott, kann er die
sachgemäße Ordnung zwischen uns und Gott nicht
aufrichten. Kraft seines unanschaulichen, unhistorischen Inhalts, kraft der Wende vom Leben
zum Tode zum Leben in Christus ist der Glaube
die Macht, die uns selbst aufhebt und mit Gott versöhnt.
V. 2
Durch ihn haben wir ja auch im Glauben*2
den Zugang erhalten zu dieser Gnade, in der wir stehen, und
rühmen uns der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes.
«Durch ihn haben wir im Glauben den Zugang zu dieser
Gnade.» Der Friede
des neuen Menschen mit Gott
illustriert sich selbst durch die problematisch-verheißungsvolle
Existenz des
Apostels. Er steht in
«dieser Gnade», nämlich in der Gnade, der Apostel des Christus Jesus |209 zu sein (1,5); er befindet sich in der höchst
außerordentlichen Lage, reden zu müssen von dem, wovon man doch nicht reden
kann, menschlicher Zeuge zu sein von Dingen, von denen doch nur Gott selbst
Zeugnis geben kann, als Paulus zugleich der Knecht des Messias zu sein, «ausgesondert für die Heilsbotschaft Gottes» (1,1). Anders denn als Gnade, anders denn als paradoxes Faktum kann er diese Stellung
nicht auffassen (1.Kor. 15,9–10). Sie macht es ihm
und vielleicht auch dem Leser 129 anschaulich, dass es das
Unanschauliche des Friedens
des Menschen mit Gott gibt und was das bedeutet. Er ist in seine Schranken gewiesen worden. Er hat Gottes Recht unter Furcht und Zittern [vgl. Phil. 2,12] respektieren
gelernt. Er ist als Saulus
aufgehoben worden. Seine Laufbahn brach ab. Er erblindete [vgl. Act. 9,9]. Und da begann er Gott zu lieben, da erkannte er ihn als seinen und aller Menschen Schöpfer und Erlöser, da fing der Eifer für ihn an zu brennen. Die
Barmherzigkeit Gottes
ergriff ihn, als ihm die vernichtende Heiligkeit Gottes offenbar wurde. Indem er ein
Wartender wurde in
Beziehung auf Gott, wurde er ein Habender, ein Friedenhabender und darum ein
mit Gott Eilender. Nun ist Gottes große Aufmerksamkeit auf ihn, den Kleinen, Schwachen gerichtet. Nun
liegt die Last eines umfassenden göttlichen Auftrags auf ihm. Nun steht die
Macht Gottes unübersehbar stark
hinter ihm. Nun ist er, was er ist: Der Gesandte dessen, vor dem jeder
Mensch Staub und Asche [vgl. Gen. 18,27] ist, d. h. aber: er ist, was er nicht ist, er weiß, was er nicht weiß, er
tut, was er nicht tun kann
(«Ich lebe, doch nun nicht ich …» [vgl. Gal. 2,20]). Das ist die Gnade, in der Paulus steht, und er wird bei allem
Erhebenden und Demütigenden, was er über den Frieden des neuen Menschen mit
Gott zu sagen hat, das paradoxe Faktum seiner eigenen Existenz nicht aus den Augen verlieren. Die
Verkündigung ist vom
Verkündiger nicht zu trennen.
Er weiß, was er tut, wenn er mit seinem «allein durch den Glauben» die Türe zu diesem
Frieden auf- und – zuschließt; denn im Glauben und nur im Glauben hat er
selbst «den Zugang» gefunden. Er weiß, was er tut, wenn er diese Türe immer
wieder bezeichnet mit dem «durch ihn»: durch unsern Herrn Jesus
Christus, denn ohne
alle Vorstufen und Übergänge, nur durch Gottes Werk an ihm, nur durch die Anschauung des Gekreuzigten und
Auferstandenen hat er geglaubt,
glaubt er und ist er im Glauben, was er (nicht!) ist.
210«Und wir rühmen
uns der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes.» Darin weiß Paulus vor allem, was er tut: wenn er
den Menschen in der Heilsbotschaft, die er verkündigt, eine Hoffnung
bringt, eine unermesslich große und frohe Hoffnung, die Hoffnung, neben der es keine andere gibt, die Hoffnung der Herrlichkeit Gottes. Sie «leuchtet uns aus
dem Evangelium entgegen, das uns
bezeugt, dass wir der göttlichen Natur teilhaftig werden sollen. Denn wenn
wir Gott sehen werden von Angesicht zu Angesicht, werden wir ihm gleich
sein» (Calvin).8
Das ist das Leben in der Wirklichkeit Gottes, die
Errettung und Enderlösung, das dem Abraham verheißene Erbe (4,13), der Anbruch des Himmelreichs, die Einheit von Diesseits und Jenseits in der Auferstehung, die Einheit des 130 Menschen mit Gott in
der reinen Anschauung9
(3,23), die
Einheit von Gottes Nein und Ja in
der Wiederkunft, in der Parusie des
Christus. Das ist die Hoffnung, deren
sich die durch den Glauben Gerechten rühmen, und «obwohl sie jetzt auf Erden
noch Pilger sind, eilen sie dennoch mit ihrer Zuversicht über alle Himmel
hinaus und tragen ihr künftiges Erbteil
jetzt schon ruhig im Herzen» (Calvin).10 Als Glaubender rühmt sich auch Paulus dieser Hoffnung, und eben dieser
sein Hoffnungsruhm ist die Unruhe in der
Uhr, das Urlebendige in dem paradoxen Faktum seines Apostolates. Aber – nur Hoffnung
hat er, nur Hoffnung verkündigt er. Geburtshelfer zu sein gebietet ihm der Gott, Erzeuger zu sein
verbietet er ihm, ihm so gut wie dem Sokrates11! Keine Vorwegnahme des grundsätzlich Zukünftigen, Jenseitigen, Ewigen als die des Glaubens! Kein heimliches oder offenes «es ist»,
durch die etwa die Spannung des
Glaubens, das «Noch nicht», das
Entbehren, der Hoffnungscharakter dieses «ist» verleugnet würde, wo doch die
Kraft und Bedeutung alles |211 «es ist» für uns
immer in dem liegen muss, was es – nicht ist. Keine Identifikation des neuen
Menschen mit dem alten ohne
das Bewusstsein, dass zwischen hier und dort die ungeheuerliche
Prädikation «ich – glaube» zu
vollziehen, das furchtbare Tal des Todes12 im Glauben zu durchschreiten ist. Ja, «wir rühmen
uns», wir sind uns eines letzten Haltes und Trostes und Stolzes bewusst, der
uns mit dieser Hoffnung gegeben ist.
Aber dieses Letzte werden wir immer
wissen und bedenken – nie ausspielen, nie geltend machen als unsern
Besitz (2,17.22; 3,27; 4,2), nie ausrufen als unser
Erlebnis, als eine mögliche
(historische oder persönliche) Möglichkeit – sind wir doch davor bewahrt dadurch, dass wir das gar nicht ausrufen können,
beruht es doch auf dem von Gott aus ergehenden Rechtsspruch, der uns groß
macht, indem er uns demütigt [vgl. Ps. 18,36], den wir nur vernehmen, nie
nachbuchstabieren können.
V. 3‒5 Aber nicht nur das – wir rühmen uns auch der
Bedrängnisse, weil wir wissen: die Bedrängnis verschafft Beharrlichkeit,
die Beharrlichkeit aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung, die
Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe zu Gott ist
ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben
ist.
«Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse.» Das
Bewusstsein von jenem letzten Halt, Trost
und Stolz betätigt und bewährt sich nicht nur dann, wenn die äußere und
innere Lebenslage des Menschen hoffnungerweckend ist und ihm den Ruhm fast auf die Lippen legen will. Die
Position der «Hoffnung der
Herrlichkeit Gottes»
(5,2) ist eine
Position höherer Ordnung, so gewiss 131 die ihr
entsprechende Negation: unser
«Entbehren der Herrlichkeit Gottes» (3,23) eine Negation höherer Ordnung ist. Dieses
Ja sowohl wie jenes Nein sind nicht
gebunden an das Ja und Nein unsrer zufälligen Lebensinhalte. Es kann sich also
nicht etwa darum handeln, dass der Friede des Menschen mit Gott, die Gnade, in der der Apostel steht, im Spiegel
seiner |212 äußern und innern Verfassung als
«Glück», als Zufriedenheit, als stoische Ataraxie13, als Optimismus zur Erscheinung kommen müsse, so wenig die Erkenntnis des göttlichen Zornes und Gerichts mit Pessimismus, Weltverneinung und Weltflucht
an sich etwas zu schaffen hat. Das Ja des Glaubens betätigt und
bewährt sich als Ja auch im Nein der zufälligen Lebensinhalte, weil es in Gott
begründet ist und in Gott
seinen Inhalt hat, so gewiss auch das Nein des Glaubens Nein ist und bleibt,
auch wo das Leben zufällig Ja sagt, weil auch es aus Gott ist und Gott
meint. Also die «Bedrängnisse», die
Notlage des Menschen in der Welt, das «Verderben des äußern Menschen» (2.Kor. 4,16), das
sich bis auf sein innerstes Wesen und Sein erstreckt, die «Energie des Todes», die der Apostel
an sich erfährt (2.Kor.
4,12), das «Auswendig Streit, inwendig Furcht», in dem er steht
(2.Kor. 7,5),
und das tatsächliche Bedrängt- und Erschüttertsein
von dem allem, es bildet keinen Widerspruch zu dem Frieden Gottes, in dem die durch Glauben
Gerechten stehen, zu der Liebe
zu Gott, die in ihre Herzen ausgegossen
ist (5,5), es ist
kein pudendum des
Glaubens, das etwa einer Theodizee
oder gar einer direkten Beseitigung bedürfte, um dem Glauben wieder Luft zu
verschaffen. Die Theodizee in Betreff
des Übels und seine Beseitigung ist schon gegeben
durch das Wort, durch das Gott sich selbst rechtfertigt, den Glaubenden als gerecht
erklärt und zum Erben seines Reiches [vgl.
Jak. 2,5]
einsetzt. Auch hier gilt: allein durch den
Glauben, durch
den Glauben, der wohl zum Schauen drängt und
führt, der aber nicht auf das Schauen wartet, um auch ohne Schauen
Glaube zu sein [vgl.
2.Kor. 5,7],
also Glaube in den Bedrängnissen und im Bedrängtsein, nicht
daneben, nicht erst nach äußerlich oder innerlich glücklich überwundenen,
gedämpften oder doch ertragenen Bedrängnissen. Es gibt ein Seufzen, Murren und Schwachsein im Frieden Gottes: «Dieser Text schließt stracks dawider,
daß man sich nicht kehre an solche Schwätzer, die da lauter starke Christen
wollen haben und keine Schwachen dulden, sondern es ist ein ewig Sehnen in
ihnen, und kommen in der Not, schreien: Abba Vater! Das ist ein gering, schlecht, albern Wort vorc der Vernunft. Aber Paulus sagt: Wo das
|213 Geschrei gehet, da sind Kinder Gottes! Und ist nicht not, allezeit stark
sein: dieweil Gott Jesum lässet sinken in alle Not des Kreuzes, so wird er mit seinen Gliedern auch nicht
anders 132 umgehen» (Luther).14 Es
gibt ein Leiden, ein Versinken und
Verlorensein, eine Zerrissenheit im Frieden Gottes: «Abraham schwebt zwischen Himmel und Erde, ficht mit Gott und
zerschneidet sein Herz in zwei Stücke. Ein Wort sagt: Isaak soll der Same sein, das andre:
er soll sterben. Da liegt im Grunde die Hoffnung, die niemand zuschanden werden läßt,
die den Puff aushält» (Luther).15 Im Frieden
Gottes hat auch das Platz, was die religiöse Welt Unglauben nennt, das «Mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen?» [Ps. 22,2; Mk. 15,34], die Anfechtung des Todes und der
Hölle: «Da soll sich niemand darüber
täuschen, dass er kein Christ, sondern ein Türke und Feind Christi ist, wenn
er unangefochten sein will» (Luther).16
Geglaubt, geglaubt an die Erlösung
wird nicht in irgend einer Erlöstheit, in irgend einer proleptischen Sicherheit, Gelassenheit,
Harmlosigkeit und Heiterkeit, sondern mitten im Gewühl, mitten in der den
Menschen bis aufs Innerste berührenden Verwirrung der unerlösten Welt. «Es geht in der Hoffnung zu. Es steht im Werden.
Hier gilt es stechen, fechten und schlagen, nicht zurücklaufen vor den
Feinden. Feldflüchtige werden erwürgt» (Luther).17 Gottes froh sein da, wo man seiner nicht froh sein kann, das ist
der «Ruhm» des durch den Glauben
Gerechten.
«Weil wir wissen: Die Bedrängnis verschafft Beharrlichkeit,
die Beharrlichkeit aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung.»
Nicht |214 nur in den
Bedrängnissen rühmen wir uns, wir rühmen uns der Bedrängnisse. Wir können das Nein des zufälligen
Lebensinhaltes
bejahen, so gewiss wir sehr oft sein Ja
verneinen können und müssen. Wie ist das möglich? «Weil wir wissen», weil
wir so oder so einen Durchblick haben durch die Wirklichkeiten und
Wichtigkeiten des Augenblicks, weil wir wissen, was in jedem
Gegenwärtigen das Ursprünglich-Endliche ist. Wissen wir es? Nein, wir wissen
es nicht. Wir wissen, dass wir es nicht wissen. Aber Gott weiß es. Und
sofern wir glauben, wagen wir es, zu wissen, was Gott weiß. Und so wissen
wir das unmöglich zu Wissende: die Bedeutung und Kraft der Bedrängnis, in der wir stehen. Todeskraft und Todesbedeutung hat sie zunächst.
Als Hinderung, Zerstörung und Negation
unsres Lebens, als das schreckliche Rätsel unsres Da-Seins und So-Seins, als
lastender Fluch unsrer
Kreatürlichkeit, als
Kundgebung göttlichen Zornes, als Schickung Nicht-Gottes, des Gottes dieser Welt [vgl. 2.Kor. 4,4], scheint sie uns
entgegen zu treten (1,18). Wir aber schauen – das Unanschauliche: in Gottes Zorn Gottes Gerechtigkeit, im Gekreuzigten den Auferstandenen,
im Tode das Leben, im Nein das Ja, 133 in der Schranke den Ausgang, im Gericht den nahenden Tag der Errettung. Die Negation der Negation im Leiden des Christus (5,6), die unsre Position ist, ändert das Vorzeichen auch unserer Bedrängnis: Das bloße Erleiden des Menschen wird zum Handeln
Gottes des Schöpfers und Erlösers, die Lebenshemmung zur Zubereitung für den
Sieg des Lebens, Abreißen
zum Aufbau, Enttäuschung und Rückschlag zum Eilen und Warten auf die Zukunft des Herrn [vgl. 2.Petr. 3,12], der Gefangene
zum Wächter (1,16).
«Finsternis ist wie das
Licht» (Ps. 139,12). Wir verstehen die
Problematik
des Lebens als solche, wir sind uns unsrer Begrenztheit und Vergänglichkeit bewusst als einer nicht zufälligen
Notwendigkeit. Wir bejahen
das uns in der Tatsache unsrer Kreatürlichkeit entgegengestellte Nein, wir machen uns «vernünftig schauend» (1,20) den Protest der Schöpfung gegen ihr Da-Sein und So-Sein (8,19f.) zu
eigen, wir anerkennen, dass es ein Gericht ist, unter dem sie steht, und wir –
lieben den Richter eben darum, weil er sich als
Richter nicht als identisch mit dem Gott dieser
Welt [vgl. 2.Kor. 4,4] erweist,
weil er als Richter sich zu erkennen gibt als der uns und unserm
Lebensinhalt gegenüber ganz Andere. Eben insofern wendet sich aber unsre Bedrängnis, ohne deshalb aufzuhören, Bedrängnis zu |215 sein und von uns als solche empfunden zu werden. Wir
werden leiden, ja nach wie vor leiden, aber nicht mehr die passive,
gefährliche, giftige, zersetzende Bedrängnis und Verlegenheit, die über des Menschen Seele kommt,
der seinen Richter nicht liebt (2,9), sondern die schöpferische, fruchtbare,
kräftige, verheißungsvolle Bedrängnis und Verlegenheit des Menschen, der
sich von Gott aufgehoben, von Gott zu Boden geworfen und an die Wand gedrückt, von Gott gefangen gehalten weiß. Die Bedrängnis wird an uns zur Erhärtung, zur «Beharrlichkeit», die Defensive zur Offensive, die höchste
Fragwürdigkeit unsrer Lage zur Bestätigung und Bestärkung in der Einsicht,
dass von Gott aus alles zum Heil so und nicht anders sein muss (8,28). Wir zweifeln – aber an
Gott. Wir stoßen an – aber an Gott. Wir scheitern – aber an Gott. Auch
die Gotteslästerung, bis zu der
sich ein Hiob [vgl. z. B. Hiob
31,35–37] offenbar versteigen kann, ist und bleibt Gotteslästerung. Der Druck, unter dem wir stehen,
erzeugt, indem er als göttlicher Druck erkannt wird, göttlichen Gegendruck,
erzeugt den Gottestrotz, der dem Tode seine
Macht nimmt [vgl. 2.Tim.
1,10], der die Gewalt des anstürmenden Übels an sich reißt und
gegen den Feind kehrt. Sind wir aber in der Erkenntnis, dass Gott es ist, an dem wir leiden und
zerbrechen, auf Gott geworfen, an Gott gebunden und
also von Gott aufgehoben und getragen, so ist eben
diese Tatsache die «Bewährung» des Glaubens, der
alles von Gott und von 134 Gott alles erwartet, die Probe auf das Exempel, die
Aufforderung zu neuer und immer neuer Hoffnung an der Pforte, wo man alle Hoffnung fahren lässt18. Ob diese Bewährung zugleich in einer «festen
Seelenstimmung» besteht (Lietzmann)19, ist mehr
als fraglich, jedenfalls nicht notwendig. – Weil wir diesen Weg (der kein
Weg ist) wissen, im Angesicht des Gekreuzigten und Auferstandenen
denkend, was der Mensch nicht denken kann, darum
rühmen wir uns der Bedrängnisse.
216«Die Hoffnung
aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe zu Gott ist
ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben
ist.» «Den Menschen kommt immer wieder ein Zappeln an, wenn er den
Streit merkt» (Steinhoferd).20 Kein Zweifel: Indem
wir unsre Beharrlichkeit, Bewährung
und Hoffnung nennen und setzen als
menschlich-anschauliche Gegebenheiten, müssen wir sie auch sofort wieder
streichen und preisgeben. Denn auch der beharrliche, der bewährte, der
hoffende Mensch wird sich tatsächlich seiner Bedrängnis
nicht rühmen können: e-was er als Mensch ist und was er als solcher hat-e, das
wird, wahrheitsgemäß zu sagen, immer Bedrängtheit sein. Aber unsere Hoffnung ist Glaubenshoffnung, sie steht und
fällt durchaus nicht mit dem Stehen und Fallen unsres Hoffens. Sie hat, wie
der Glaube, ihren Lebensnerv nicht in
einer menschlichen Zuständlichkeit, sondern in dem ihr von Gott
vorgehaltenen Ziel und damit gegebenen
Inhalt. Hoffnung als Ziel und Inhalt
«lässt nicht zuschanden werden» (Ps. 22,5–6; 25,20), auch wenn
alles Hoffnungsvolle zuschanden wird. Sie beharrt, auch wenn wir nicht
beharren. Sie bewährt sich, auch wenn wir uns nicht bewähren. Und darum
«rühmen» wir uns der Hoffnung (5,2): weil sie nicht
in einer Tat unsres kreatürlichen Geistes, sondern in einer Tat des heiligen
Geistes begründet ist:
in der Ausgießung der Liebe zu Gott in unsre Herzen durch den uns gegebenen heiligen Geist. Der
«heilige Geist» ist das Werk Gottes im Glauben, die Schöpfungs- und
Erlösungskraft des Himmelreichs, das, nahe herbei kommend [vgl. Mt. 4,17 par.], im
Glauben den Menschen und seine Welt
berührt und wie ein Glas zum Klingen bringt. Er ist das ewige Ja, das den
Inhalt des, zeitlich betrachtet, nur als Negation, nur als Hohlraum zu beschreibenden Glaubens bildet. Er ist
das Wunderbare, das
Anfängliche, das Schöpferische im Glauben, das Gott Ebenbürtige, um
dessenwillen Gott dem Glaubenden Gerechtigkeit anrechnet [vgl. 4,3]. Er ist das
unanschauliche, jenseits aller Kontinuität mit dem psychologisch anschaulichen menschlichen
Subjekt konstituierte
neue Subjekt, das vor Gott stehende und bestehende Ich
|217 des Menschen, das im 135
«religiösen Erlebnis»
immer gemeinte, immer gesuchte, nie zu findende «wir» des Glaubens, auf das sich die unbegreiflichen f-Aussagen beziehen, dass «wir» Frieden mit
Gott, Zugang zu dieser
Gnade haben, dass «wir» uns der
Hoffnung der
Herrlichkeit Gottes
rühmen-f (5,1.2). Er ist darum «gegeben», von Gott gegeben, also immer allen
menschlichen Gegebenheiten
voraus-gegeben, von uns aus nur als nicht-gegeben anschaulich und
begreiflich. «Heiliger Geist, wirksamer Grund heiligen Lebens, war von Natur nicht in uns, nun aber
ist durch solchen die Liebe zu Gott in unsern Herzen» (Hofmann).21 Es gibt also ein
«ich», ein «wir», ein «Herz» des Menschen,
das Gott zu lieben vermag. In und mit dem von Gott Gegebenen, das den
Menschen aufhebt, um ihn in Gott zu begründen, ist es Tatsache, unerhörte Tatsache, dass dem
Menschen die «Unanschaulichkeit Gottes» (1,20) – die er sich so gerne verbergen möchte
und so merkwürdig leicht verbirgt – offenbar und zur Anschauung Gottes werden, dass er mit
Hiob in dem unzweideutigen
Nein, das ihm aus der Problematik seines Da-Seins und
So-Seins entgegenstarrt, endlich und zuletzt das göttliche Ja erkennen [vgl. Hiob 42,1–6.10–17],
dass er dem Hinweis der zeigenden Hand des Grünewaldschen Täufers22
folgen und dem Bilde tiefsten Todesschreckens die Verheißung radikaler Errettung,
höchster Seligkeit, ewigen
Lebens entnehmen kann.
Liebe zu Gott ist das
Unmögliche, dass das Geschöpf seinen Schöpfer, der Verurteilte seinen Richter, der Überwundene, ja Getötete
seinen Feind, der Geopferte seinen Opferer liebt nur darum, weil dieser als das alles und ing dem allen – Gott ist und weil es noch
unmöglicher ist, Gott nicht zu lieben. In dieser
Tatsache, die der Mensch nie als «tatsächlich» an sich reißen und in
Besitz nehmen, sondern immer
nur, immer aufs Neue nur als «Ausgießung» von oben in Empfang nehmen kann, in
dieser Liebe zu Gott (die doch
Gottes eigenes Werk ist, die nicht
wäre, wenn er uns nicht zuerst geliebt hätte 5,8! [vgl. 1.Joh. 4,19]), in dieser Anschauung des Unan|218schaulichen (die
doch nie anders unser ist, als sofern sie nicht
«unser» ist!) liegt der Ankergrund unsrer Hoffnung. Sie ist das Beharrliche in unsrer Beharrlichkeit, das sich Bewährende in unsrer
Bewährung, das Hoffnungsvolle in
unsrer Hoffnung. In ihrer Kraft lässt
Hoffnung nicht zuschanden werden. In ihrer Kraft rühmen wir uns der Hoffnung
und rühmen wir uns der Bedrängnisse.
In ihrer Kraft haben wir Frieden mit Gott und sind wir, was wir nicht sind: neue
Menschen. «Wie sollte uns,
nachdem solches uns geschehen und in uns zu Wege gebracht ist, die
Hoffnung
auf die Gottesherrlichkeit mit Schanden bestehen lassen?» (Hofmann).23
V. 6
Denn da wir noch schwach waren, starb Christus für uns, die
zeitlich betrachtet noch Ehrfurchtslosen.
136 Der Friede
des neuen Menschen mit Gott (5,1) ist höher als
alle Vernunft [vgl. Phil. 4,7]. So auch seine
Liebezu dem
Unerforschlichen. So
auch seine in dieser Liebe begründete Hoffnung. So auch sein Ruhm, ein Hoffender zu sein. Der neue
Mensch lebt durch den
Glauben; denn er
lebt vom heiligen Geist. Der
heilige Geist ist ihm aber durch den Glauben gegeben. D. h. aber: er lebt vom
Sterben des Christus. Anschaulich wird das Leben des
Christus,
seine Auferstehung, in
der der Glaube seine Quelle hat (5,10), h-in
seiner oboedientia passiva-h24, in
seinem Tod am Kreuz: einzig und allein und ausschließlich in seinem Tod am
Kreuz. Die Lehre vom munus triplex25 ist eine
Verdunkelung und Abschwächung der konzentrierten neutestamentlichen
Auffassung. Es gibt kein zweites oder drittes anderes, das etwa selbständig neben diesen
einzigen, alleinigen und ausschließlichen Sinn des Christus treten könnte: weder Jesu
Persönlichkeit noch
die |219 Christusidee26, weder seine
Bergpredigt noch seine
Krankenheilungen, weder sein Gottvertrauen noch seine Bruderliebe27, weder sein Bußruf noch seine Botschaft von der Vergebung, weder sein Kampf gegen die überlieferte Religion noch seine Aufforderung zur Nachfolge in der
Armut, weder die soziale noch die individuelle, weder die unmittelbare noch
die eschatologische Seite seines
Evangeliums. Es leuchtet von dem
allen nichts in eigenem Licht.
Es leuchtet aber das alles in dem Licht, das von seinem Tod ausgeht. Keine Zeile der Synopse, die allenfalls auch ohne das Kreuz zu verstehen wäre. Das Reich Gottes ist das Reich, das genau jenseits des Kreuzes
anfängt, also jenseits aller als «Religion» oder «Leben», Konservativismus und Radikalismus, Physik oder
Metaphysik, Moral oder Übermoral, Weltfreude oder
Weltschmerz, Menschenliebe
oder Menschenverachtung, aktive oder passive Lebensgestaltung, aller als
dies und das, so und so aufzufassenden menschlichen Möglichkeiten. Der Gang Jesu ist
wesentlich ein Vorbeigehen an allen diesen
Möglichkeiten, er ist grundsätzlich in umfassendstem Sinn ein Abgang, eine Abwandlung aller
abgesehen vom Tode möglichen Positionen und Negationen, aller Thesen und Anti-Thesen, alles Ruhenden und
Bewegten, ein grüßen|220des Abschreiten aller unter dem Gesichtspunkt des
Todes in Front gestellten menschlichen
Dinge. Kraft dieses Abgehens, Abwandelns, Abschreitens leuchtet das Leben Jesu, leuchten in seinem Widerschein auch die menschlichen Dinge: erkannt
in ihrer Relativität, aber auch in
ihrem Beziehungsreichtum, erkannt als von Gott geschaffen, aber auch als
Gottes des Erlösers wartend,
erkannt als klein und groß, wichtig und unwichtig, vergänglich und
unvergänglich, erkannt in der kommenden Einheit ihrer Kontraste, ihres Ja und Nein, die keine andere ist 137 als die Einheit des unanschaulichen, nur sub specie mortis anschaulich
werdenden Gottes (3,30). Von dieser
Erkenntnis und durch sie
lebt der neue Mensch. Er lebt von
dem Leben, das uns nur als Sterben unseres Lebens anschaulich werden kann.
Er lebt, sofern uns dieses unanschauliche Leben im Sterben des Christus anschaulich wird, vom
Sterben des Christus.
Christus ist «für uns gestorben». «Für uns», sofern
dieses Sterben Erkenntnisprinzip unsres Sterbens ist,
sofern in diesem Sterben der unanschauliche Gott für uns
anschaulich wird, sofern dieses Sterben der Ort ist, wo die Versöhnung mit Gott stattfindet (3,25; 5,9): wo wir, das vom Schöpfer abgewandte Geschöpf, ihm liebend wieder zugekehrt werden, sofern in diesem Sterben
das Paradox der Gerechtigkeit
Gottes (die
Identität zwischen seiner
zürnenden Heiligkeit und
seiner freisprechenden Barmherzigkeit) für uns Wahrheit
wird. Es steht also das Faktum, das den
neuen Menschen begründet, allen
menschlichen Lebensinhalten in
grundsätzlicher Überlegenheit und
Priorität gegenüber. Es war nie unser Lebensinhalt und es wird es nie werden, weil es in seinem Wesen
die kritische Negation
aller Lebensinhalte ist. Auch die höchsten religiösen Erlebnisse u. dergl., die wir an Jesus, auch am gekreuzigten Jesus machen können,
gehören immer noch zu den Dingen, an denen Jesus
vorbeigegangen ist, um zu sterben. Sie dürfen mit jenem den neuen
Menschen begründenden
Faktum nie verwechselt werden. Was
Christus getan hat, hat er
durchaus ohne uns getan, sofern wir wir sind. Ebenso wenig hat darum die in den (zeitlich betrachtet!)
dem Kreuz fernliegenden Zonen und
Geschlechtern stattfindende Abwesenheit religiöser, am Kreuz Jesu gemachter
Erfahrungen grundsätzliche Bedeutung, etwa im Sinn einer Einschränkung jenes
«für uns» auf gewisse geschichtlich zu umgrenzende Bezirke. Die Christus
nach dem Fleische nicht sehen [vgl. 2.Kor. 5,16], in
keinerlei Erlebnisver|221hältnis zu ihm stehen, sind darum nicht weniger
mit Gott versöhnt in ihm als
andre. «Er hat, im Geiste hingegangen, auch den Geistern im Gefängnis
gepredigt» (1.Petr.
3,19). Unanschaulich, jedem psychologisch-historischen Zusammenhang zwischen
uns und Jesus gegenüber im Verhältnis des Unmöglichen zum Möglichen, des
Todes zum Leben, des
Nicht-Seins
zum Sein, als satisfactio vicaria28 steht die
in ihm geschehene Versöhnung neben
allem, i-was wir
sind, haben und tun. Er starb für uns, als wir (in dem, was wir sind, haben und tun-i) noch schwach, als wir noch
Ehrfurchtslose waren, und wie sollte sich dieses Verhältnis zwischen ihm und
uns, zwischen seinem Todesleben und den fraglichen, immer noch nicht ins Licht des Todes gerückten Lebensmöglichkeiten, innerhalb derer 138
wir (als wir!) uns bewegen,
etwa grundsätzlich verändern? Wie sollten wir als die «Lebenden», zeitlich
betrachtet, abgesehen vom Glauben, durch
den wir selber mit Christus Sterbende werden, nicht immer
wieder schwach und ehrfurchtslos
neben, ihm dem Sterbenden, stehen? Eben dieses Sterben mit Christus, kraft dessen wir werden, was wir nicht
sind, begründet das Leben des neuen
Menschen.
V. 7‒8 Denn kaum dass Einer für einen Gerechten sterben wird
– oder mag es denn also Einer wagen, für einen
solchen Guten zu sterben: Gott aber beweist seine Liebe
gegen uns damit, dass Christus für uns starb, da wir noch Sünder
waren.
Der neue Mensch lebt nicht von
einer anschaulichen direkten Mitteilung. Er lebt nicht etwa von ihm mitgeteilten
Lebenswerten und also von seiner
Fähigkeit, sich solche Lebenswerte mitteilen zu lassen. Auch dann nicht,
wenn diese Mitteilung etwa durch den Vorgang des Sterbens eines andern oder allenfalls sogar durch
den Vorgang des eigenen Sterbens stattfinden sollte. Solche direkte
Mitteilung und solche
Empfänglichkeit dafür findet ja statt in den seltenen, aber immerhin
möglichen und vorkommenden Fällen, wo ein Mensch für andre stirbt, eine
Mutter an der Geburt ihres Kindes, ein Mann an beruflicher
Überarbeitung, ein Arzt oder Missionar in seinem Dienst,
ein |222 Soldat auf dem Schlachtfeld. In diese Reihe
direkt mitteilender Selbstaufopferungen gehört selbstverständlich auch der Tod Jesu als geschichtlich
wirkungsvolles Ereignis und als
Gegenstand seelischer Erlebnisse
(«Martyrium»). Und die Erwartung,
im eigenen Tod eine Mitteilung letzter, vom «Leben» versagter
Lebenswerte zu empfangen, möchte
ein mögliches und mit schweigender Ehrfurcht in Rechnung zu ziehendes Motiv
zum Selbstmord sein. Aber der tiefe
Respekt vor allem, was uns in
solchen Erscheinungen als
menschliche Größe begegnen kann, darf nicht zur Sentimentalität werden, die menschlichem Tun,
wozu auch der Vorgang des Sterbens,
auch des freiwilligen Sterbens gehört, eine Bedeutung gibt, die es nicht
haben kann. Mehr als Gleichnis des Faktums, das
den neuen Menschen begründet,
kann das alles nicht sein; denn seine Bedeutung steht und fällt mit den
Lebenswerten, die durch solches
Sterben tatsächlich vermittelt werden, und mit der Fähigkeit des andern (im
Fall des Selbstmordes mit der
eigenen Fähigkeit), sich solche Lebenswerte tatsächlich vermitteln zu
lassen. Es fragt sich immer, inwiefern das durch solches Sterben vermittelte Gut wirklich ein Gut ist und inwiefern der, dem es vermittelt wird, der
Gute ist, dem es zugute kommen kann. Es findet also
auch solches Mitteilen durch Sterben innerhalb der Welt des Menschen, der Zeit und der Dinge mit
allen ihren Kontrastmöglichkeiten
statt. Es findet aber durch solches Sterben 139 keine
Versöhnung statt, keine
Schaffung freien Raums außerhalb des Bedingend-Bedingten, keine
Sicherstellung des Menschen auf einer Linie oberhalb des dies und das, groß
und klein, fähig und unfähig, für und wider unsrer Lebensinhalte, jenseits auch von «Leben» und
«Sterben», keine solche Mitteilung, die auch dann erfolgte, wenn das
wirkliche Gut allenfalls kein direkt mitzuteilender Lebenswert sein und wenn der Mensch als
Mensch allenfalls gar
nicht in der Lage, gar nicht der Gute sein sollte, sich dieses wirkliche Gut
anzueignen. Eben um solche Mitteilung handelt es sich aber im Sterben des Christus. «Sie bringt
uns weniger Kunde von Gott (‒ wo haben wir die? –) als dass sie uns dessen
vergewissern will, Gott kenne uns» (Overbeck).29 Mit |223 diesem Sterben «beweist Gott seine Liebe gegen uns». Es ist die radikalste
Aufhebung und
eben damit der Inbegriff und die Begründung aller Lebenswerte, es ist die absolute (nicht bloß relative) Anderheit Gottes uns gegenüber und eben
damit die unzertrennbare Gemeinschaft zwischen ihm und uns, es ist die
Enthüllung der letzten Möglichkeit des göttlichen Zornes und eben damit die Enthüllung der göttlichen
Barmherzigkeit, die Aufrollung der
Gottesfrage in ihrem schärfsten
unausweichlichsten Sinn und eben damit ihre Beantwortung. Hier ist
Immanuel, Gott mit uns [vgl. Mt. 1,23]. Und es
beweist hier Gott seine Liebe
gegen uns, «da wir noch Sünder
waren», also durchaus abgesehen von unserer
Empfänglichkeit dafür, abgesehen von unserer Fähigkeit, uns das mitteilen, uns von ihm lieben zu lassen. Es ist
vielmehr selbstverständlich, dass wir nicht in der Lage sind, das zu tun,
dass wir keine Augen haben, das zu sehen, keine
Ohren, das zu hören [vgl. 1.Kor. 2,9]. Gott aber beweist uns, was er uns gar nicht beweisen kann. Er redet uns an in einer
Eigenschaft, die wir gar nicht haben: «Amore non provocatus sponte nos prior dilexit»
(«Unveranlasst durch unsre Liebe hat Gott uns zuerst geliebt» [vgl. 1.Joh. 4,19] Calvin).30 Es ist also nicht
nur ein neues Objekt: die Herrlichkeit Gottes (5,2), das durch das Sterben des Christus vorausgesetztj wird, sondern
auch ein neues Subjekt. Und eben dieses neue Subjekt (allein durch den
Glauben
identisch mit mir dem Sünder!) ist der neue Mensch, der Mensch, der sich mit überlegener Gewissheit,
der sich in Christus von Gott geliebt weiß.
V. 9‒11 Um so gewisser werden wir, die wir jetzt durch sein
Blut gerecht erklärt sind, durch ihn vom Zorn errettet werden. Denn wenn
wir als Feinde mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, so
werden wir um so gewisser als Versöhnte gerettet werden durch sein Leben
– und nicht nur als solche, nein auch als solche, die sich rühmen in
Gott durch unsern Herrn
140
Jesus Christus, durch welchen wir jetzt die Versöhnung
empfangen haben.
224Es ist die Überlegenheit der im Sterben des Christus eröffneten Gewissheitsquelle, die Überlegenheit des «durch sein Blut» bezeichneten Ursprungs göttlicher
Mitteilung, die den neuen Menschen, die seine Liebe zu Gott,
seine in dieser Liebe begründete Hoffnung und seinen Ruhm, ein
Hoffender zu sein, charakterisiert. Sofern wir leben aus dieser Quelle, aus diesem Ursprung, sofern wir es also
wagen, zu glauben, sind wir, was wir nicht sind: neue Menschen, das neue Subjekt in Beziehung auf das neue Objekt, die von Gott
Geliebten und darum die Gott
Liebenden, die mit
Hoffnung Beschenkten und darum die
Hoffenden, die von Gott Erwählten und
darum die sich in Gott Rühmenden. Wir
stehen als neue Menschen wartend
und eilend [vgl. 2.Petr. 3,12] im
Lichte jenes «Jetzt aber» (3,21) unter der überhängenden Wand der Krisis des Menschen in Gott, unter jenem
«Woher?», das die Frage
aller Fragen und die Antwort aller Antworten ist. Wir sind die von Gott als
gerecht Erklärten: die, vor
deren (erblindeten!) Augen Gott sich selbst als Gott gerechtfertigt, die er für sein Recht und Reich
in Anspruch genommen, die er unter das Trotzdem! seines Willens, den Menschen zu helfen, unter die
Vergebung, unter den Schirm
seines (forensischen)
freisprechenden Urteils, die er – ink die
Luft, dorthin, wo er
allein halten kann und hält, gestellt hat. Wir sind
versöhnt mit Gott. Wir
haben Frieden mit ihm. Unsre Haltung ihm gegenüber ist Offenheit,
Empfänglichkeit, Bereitschaft, Willigkeit geworden. Geliebt von Gott können wir nicht anders als ihn wieder lieben. Im Morgenrot seiner Herrlichkeit können wir
nicht anders als hoffen. Und als Hoffende können wir nicht anders als uns rühmen in Gott. «Gott ergreift die Initiative
und dreht die von ihm in Furcht und
Feindschaft abgewandte
Welt und Menschheit nach sich um» (Weinel).31 Von «dorther» kommen wir (3,21). Wir sind? Wir haben? Wir können? Wir
kommen? Ja, wohlverstanden (immer wieder!) sofern wir – nicht wir sind, sofern wir glauben, sofern durch das Sterben des
Christus quer durch
unser Leben die Todeslinie gezogen
ist, die uns in jedem Moment unter Furcht und Zittern [vgl. Phil. 2,12] |225
bedenken lässt: Ich – doch nun nicht ich! und unter Anbetung und Dank:
Christus in mir!
[vgl. Gal. 2,20].
Ein anderes Sein des neuen Menschen gibt es nicht als unser Nicht-Sein, so gewiss die
Überlegenheit seines
Ursprungs darin besteht, dass er Wunder
Gottes, Anfang Gottes, Schöpfung Gottes ist im Sterben des
Christus. Mit dem
Selbstbewusstsein einer
höhern Religions- und
Lebensstufe oder mit
enthusiastisch-apokalyptischen
Illusionen einer
vorweggenommenen Ein141heit von Diesseits und Jenseits hat also dieses «Wir sind»
wahrlich nichts zu schaffen. Die Quelle,
aus der es fließt, verstopft zugleich die sämtlichen Illusionsquellen.
Sofern wir etwas anderes sind als «nicht wir», sofern wir nicht glauben,
sofern das Sterben des Christus nicht sein Licht auf unser «Leben» wirft, stehen wir immer
auch innerhalb dieser Welt, außerhalb des
Friedens mit Gott, immer
auch unberührt und unbeteiligt neben der vollzogenen Versöhnung. Und alles, was wir von uns selbst
anschauen, wissen und fassen können, gehört hieher. Keine
seelisch-geschichtlich erkennbare Brücke führt herüber und hinüber von der alten
zu der neuen Lebensmöglichkeit. Sofern wir wir sind, sind und bleiben wir Gottes
Feinde, von Natur geneigt,
Gott und unsern Nächsten zu hassen32, in keinem
Sinn Bürger und Erben
des Himmelreichs [vgl. Eph. 2,19; Jak.
2,5], sondern von Haus aus seine Hinderer und Zerstörer. Indem der
neue Mensch in das Lichtl des
Sterbens Jesu tritt,
trete ich, der ich nicht der neue Mensch bin, unvermeidlich in seinen Schatten. Es ist und bleibt also die
Bestimmung
des neuen Subjekts, die
Prädikation: Wir sind – neue
Menschen! immer
dialektisch, indirekt, allein
durch den Glauben
begründet: «durch sein Blut» sind wir gerecht erklärt, «als Feinde» sind wir «mit Gott versöhnt durch den Tod seines Sohnes»,
und in keinem Moment darf diese dialektische Voraus-Setzung sich verhärten und verholzen zu
einer direkten Gegebenheit. Durch
den Glauben aber (allein durch den Glauben: in der Furcht des Herrn und im Lichte der
Auferstehung)
gilt und besteht es: wir sind, wir haben, wir können, wir kommen!
Erlösung naht uns: «wir werden
errettet werden vom Zorne», unter dem wir jetzt und hier noch stehen; denn
das |226 Leben,
das durch das Sterben des Christus ans Licht gebracht ist [vgl. 2.Tim. 1,10], ist die Errettung derer, die durch dieses Sterben mit Gott versöhnt sind. Versöhnt sein heißt auf
Gott hoffen dürfen. Wie sollten wir uns dieser Hoffnung
nicht rühmen
durch unsern Herrn Jesus Christus? «Indem wir Gott als unsern Gott preisen, eröffnet sich uns die Quelle aller nur denk- und wünschbaren Güter.
Denn Gott ist nicht nur das höchste aller Güter, sondern ihr Inbegriff und
ihre Vollzahl. Er wird aber unser Gott durch
Christus» (Calvin).33
«Wenn der Mensch Gott wieder hat, so hat er alle Fülle des Lebens und der
Seligkeit» (Fr. Barth).34 Er hat? Ja, er hat. Denn
durch das Sterben des Christus wird die Gegenwart des Menschen voll
Zukunft Gottes. «Spes erit
res»: «Dieses Hoffen ist Haben» (Bengel).35
Die neue Welt
V. 12 Deswegen, nämlich in der Erkenntnis der Begründung
des neuen Menschen durch das im Sterben des Christus erschienene neue Leben
(5,1–11), ergibt sich die weitergreifende Einsicht: wie durch einen Menschen die Sünde als Macht in
die Welt des Menschen Eingang fand und durch die
Sünde der Tod als oberstes Gesetz dieser Welt und wie also der Tod seinen Durchgang fand zu
allen Menschen als zu solchen, die ja alle
auch sündigten - - -, so eröffnet der eine «kommende»
Mensch Christus (5,14), dessen Vorbild jener ist, genau den umgekehrten
Weltzusammenhang (5,18–19).
«Deswegen». Als neue Menschen sind wir auf die Schwelle einer neuen Welt gestellt. Menschheit, Menschenwesen, Menschenwelt ist ja |227 auch der
«alte» Mensch und eben in dieser
seiner die Zufälligkeit des
einzelnen Menschen einerseits übergreifenden, andrerseits begründenden
allgemeinen Bestimmtheit ist er
der, der er ist und den wir kennen: der unter Gottes Zorn gestellte Mensch. So auch der neue
Mensch, der nicht ist, der ich bin, und den wir nicht
kennen: der vor Gott gerechte Mensch. Es eröffnet sich, wenn auch unter
radikal verschiedenen Bedingungen im Licht des kritischen Augenblicks nach beiden Seiten der
Ausblick auf einen universalen, auf einen als Gesetzmäßigkeit, als
unentrinnbare Notwendigkeit
erkannten Zusammenhang der menschlichen Lage. Ist jemand «in Adam», so ist er altes, gefallenes und
gefangenes Geschöpf. Ist jemand «in Christus», so ist er neues versöhntes und
erlöstes Geschöpf (2.Kor. 5,17), dort ein Sterbender, hier ein ins Leben
Eintretender (1.Kor.
15,22m). Also nicht so,
als ob hier «zwei» Welten nebeneinander träten (wie auch der «alte» und der «neue» Mensch nicht «zwei» Menschen sind); denn
es ist immer die Möglichkeit der einen die Unmöglichkeit der andern und die
Unmöglichkeit der einen die
Möglichkeit der andern. Unter
dem Gesichtspunkt der «ersten» Welt betrachtet, hört die «zweite» auf, die
zweite zu sein, und unter dem Gesichtspunkt der «zweiten» ist die «erste»
nicht mehr die erste. Und es ist das Nicht-Sein der ersten Welt, das das Sein
der zweiten ist, gerade wie die zweite ihren Seinsgrund nur im Nicht-Sein
der ersten hat. Heißt es «in Adam»: das Alte war, ist und wird sein, und es war, ist und
wird kein Neues, so heißt es «in Christus»: das Alte ist vergangen, siehe,
das Neue ist geworden (2.Kor. 5,17). Nur im Lichte des kritischen Augenblicks erscheint die
Zweiheit, und zwar in der –
Einheit der am Menschen und seiner
Welt sich vollziehenden Bewegung vom
Alten zum Neuen, von hier nach 143 dort, vom vergehenden
zum kommenden Äon. Also eine Zweiheit,
die nur gesetzt wird in ihrer Aufhebung und deren Aufhebung
eben ihre Setzung ist. Dort, wo der Mensch, in
Adam von Gott gefallen, in Christus Gott wieder
findet, dort scheiden und begegnen sich die Wege. Dort beginnt hier die
(anschauliche) alte Welt, da die
(unanschauliche) neue,
beide bezeichnet durch ein Urteil, das hier auf Tod, da auf Leben lautet. Und indem sich die Wege
scheiden, begegnen sie sich auch: Kein Wiederfinden Gottes in Christus, kein
|228 Eingang ins Leben, der nicht dort anhöbe,
wo der Mensch, in Adam von Gott
gefallen, unter dem
Todesurteil steht. Und wir
möchten fortfahren: Kein Fallen von Gott in Adam, kein Todesurteil, das nicht seinen Ursprung hätte an dem Punkt, wo dem Menschen, in Christus mit
Gott versöhnt, das Leben zugesprochen ist. Wir möchten
mit Heraklit fortfahren:
«Unsterbliche – sterblich; Sterbliche – unsterblich; sie leben wechselseitig
ihren Tod; sie sind wechselseitig ihr Leben gestorben.»36 Aber nur bedingt könnten wir so
fortfahren. Denn nicht ein Gleichgewicht zweier Zuständlichkeiten oder gar ein ewiger
Kreislauf ist diese bewegte Einheit der
Menschenwelt in Adam und
Christus, in Fall und Gerechtigkeit, in Tod und Leben. Sondern zugunsten des Zweiten gegen das Erste, als
Drehung und Wendung
vom Ersten zum Zweiten, als
Sieg des Zweiten über das Erste vollzieht sich
diese Einheit. Die scheinbar unendliche
Parallelität oder
Polarität der Gegensätze zerbricht, sofern diese Bewegung echte Bewegung ist. Echte Bewegung kann nur im
unwiderruflich endgültigen Übergang vom Gleichen zum ganz und gar Ungleichen
stattfinden. Eben das ist aber der Sinn des kritischen Augenblicks (der Auferstehung oder des Glaubens), dass dem Gleichen Adams das ganz und gar Ungleiche des
Christus als Ziel, und in der Bewegung diesem Ziel entgegen, gegenübertritt. Er führt, indem
er die Zweiheit in der vermeinten
Einheit des Menschen
offenbar macht, nicht nur Scheidung, sondern mit der Scheidung
Ent-Scheidung
zwischen den Gegensätzen herbei. Dass
er das tut, dass Christus der zweite und letzte (1.Kor. 15,45) Adam, dass die neue Welt
mehr ist als eine Variante der alten, dass es von der
Gerechtigkeit keinen Rückweg
gibt zum Fall, dass das Leben, das dem Tode entspringt, in unbedingter
Überlegenheit über dem Leben steht, das noch Tod aus
sich entlassen, das noch in Tod umschlagen kann, dass es also einen Tod
gibt, der der Tod des Todes [vgl.
Hos. 13,1437] ist – n-das ist der Inhalt der Heilsbotschaft (1,1.16), die Kraft Gottes-n, |229
die Kraft der Auferstehung, als unser Lebensinhalt aber (der nicht unser Lebensinhalt
ist!): der «wunderliche Krieg» (Luther)38, das
Paradox, das
Ursprüngliche, das
Schöpferische des Glaubens. Wo Kraft 144 Gottes ist und Glaube, da steht der Mensch als der, der er
nicht ist, als neuer Mensch auf der Schwelle der neuen
Welt, der Welt des
Lebens. Indem wir uns darauf besinnen, dass die neue Welt keine andere sein
kann als die in Christus siegreich aufgehobene und umgekehrte alte Welt, ist schon entschieden, dass uns eben
in der unanschaulichen Pragmatik dieser unsrer alten Welt, wie sie uns
in jener Aufhebung
und Umkehrung anschaulich wird, die
Pragmatik der neuen Welt
entgegentritt. Sofern wir hindurchschauen durch die
anschaulichen Gegebenheiten der ersten
Welt, schauen wir auch hinein in ihre
Voraussetzungen, die,
umgekehrt und aufgehoben, die Voraussetzungen der zweiten Welt sind. In Erinnerung dieses dialektischen Verhältnisses von «Alt» und «Neu»
wenden wir unsre Aufmerksamkeit
zunächst dem «Alten» zu, nicht um seinetwillen (denn es besteht als Altes
gar nicht für sich, sondern nur in seiner Beziehung zu dem überlegenen
Neuen), sondern um eben aus ihm das Gesetz des Neuen abzulesen.
«Der Tod» ist das
oberste Gesetz dieser unsrer
Welt. Wir wissen nichts vom Tode, als
dass er die Verneinung und das Vergehen, der Zerstörer und die
Zerstörbarkeit, die Kreatürlichkeit und die Natürlichkeit, der unauflösliche
Gegensatz und das unveräußerliche
Merkmal unsres Lebens ist, die
Bedrängnis aller Bedrängnisse,
in denen wir stehen, der Inbegriff und die Summe aller Übel, Schrecken und
Rätsel unsres Da-Seins und So-Seins, die Erinnerung daran, dass über dem Menschen
dieser Welt und über dieser Welt des
Menschen Zorn hängt. So sehr ist der Tod
oberstes Gesetz dieser Welt,
dass auch das, und gerade auch alles das, was in dieser Welt auf eine
Überwindung und Erneuerung
dieser Welt hinweist, nur als Tod
erscheinen: dass Moral nur als Verneinung
des Körpers durch den Geist
auftreten, Philosophie nur im Bilde
des sterbenden Sokrates ihren
Begriff erkennen39, geistiges Leben nur als Gegensatz zu
natürlicher Lebensbejahung auf|230treten,
Fortschritt nur in unruhiger
Negation des Gegebenen und Bestehenden sich vollziehen, alle
Flamme (anders als die Flamme des Herrn Ex. 3,2!) nur brennen kann, indem sie verzehrt. So
sehr ist der Tod oberstes Gesetz dieser Welt, dass auch der
Christus
nach dem Fleische nur sterben kann, um eingesetzt zu
werden zum Sohne Gottes (1,3–4), so sehr, dass wir
Gott nur dadurch die ihm zukommende Ehre geben können, dass wir seine Un-Anschaulichkeit, die Furcht des
Herrn Anfang der
Erkenntnis sein
lassen [vgl. Spr.
1,7]. Wir möchten uns auflehnen gegen das alles, wenn wir nur könnten.
Wir möchten im Namen des Lebens
protestieren gegen den Tod, wenn nur der Protest des Todes gegen unser Leben nicht so viel älter und
gewichtiger wäre. Wir möchten uns verwahren gegen den 145
skeptischen Verdacht und
Vorbehalt, der jedes ungebrochene
Ja begleitet, gegen
das fahle Licht einer in tausend vorläufigen Negationen jeden schöpferischen gesunden, aufbauenden, positiven
Schritt des Menschen gleichzeitig aufhebenden letzteno Negation –
wenn es nur nicht so offenkundig wäre, dass jenes fahle Licht nicht von der
Willkür menschlicher Beleuchter
herrührt, sondern ursprünglich, nur von der Oberflächlichkeit nicht gesehen, auf allem Da-Sein und So-Sein liegt (1,1040) und dass es kein lebendiges schöpferisches Tun
gibt, das nicht eben aus dem Leid, aus der Revolution, aus dem Tod geboren
wäre. Wir sind machtlos. Wir sind verloren. Der Tod ist als Gesetz unsres Lebens immer
schon zuerst auf dem Platz. Nur das können wir sagen: gibt es eine
Errettung, so muss es die
Errettung vom Tode sein; gibt es ein Ja , so muss es das Ja sein, das dieses
letzte Nein aufhebt; gibt
es einen Ausgang, so muss er dort sein, wo uns diese furchtbare
Schranke
entgegensteht; ist Gott Gott, so
muss er der siegreiche Feind dieses «letzten Feindes» (1.Kor. 15,26), der Tod des Todes sein. Was ist der Tod?
Woher der Tod? Wie kommt er dazu, oberstes Gesetz dieser Welt
zu sein?
«Die Sünde». Dem Menschen
dieser Welt haben wir uns zunächst zuzuwenden. Er ist der Mensch der
Sünde. Sünde ist die grundsätzliche Bestimmtheit und Einstellung des uns bekannten Menschen. Von dem
Menschen, der nicht Sünder wäre, können wir nichts wissen. |231 Sünde ist Macht (Königsmacht 5,21), die Macht, unter
die der Mensch dieser Welt gestellt ist. Die Sünde des einzelnen Menschen
ist die mehr oder weniger deutliche Veranschaulichung dieser Lage, sie hat
ihre Bedeutung für das Gewicht, mit dem gerade er von dieser Lage bedrückt
ist, sie hat aber nicht die Bedeutung einer Veränderung jener
grundsätzlichen Bestimmtheit und
Einstellung. Sünde ist Macht in
der Welt, die wir
kennen, in der Welt des Menschen, unabhängig davon, wie sie im einzelnen
Menschen dieser Welt zum Ausbruch kommt. Sünde ist aber darum Macht in der Welt, weil sie eine
bestimmte Beziehung des Menschen zu Gott ist. An Gott gewinnt sie nicht nur ihre Existenz, sondern auch ihre Existenz
als Macht und Weltmacht. Sünde ist ein
Raub an Gott. Anschaulich wird uns dieser Raub immer als jenes
(1,18f.) kecke Überschreiten der uns gesetzten Todeslinie, als jene trunkene Verwischung der
Distanzen
zwischen ihm und uns, als jenes Vergessen seiner Unanschaulichkeit, als jene
Vergöttlichung des Menschen
und Vermenschlichung Gottes in
Form der Aufrichtung der romantischen Unmittelbarkeit, Nicht-Gottes, des Gottes dieser Welt [vgl. 2.Kor. 4,4], bei der wir nicht
bedenken, dass wir sterben müssen [vgl. Ps. 90,12], als «Ehrfurchtslosigkeit und Unbotmäßigkeit». Es ist also Sünde in diesem
anschaulichen geschicht146lichen Sinn die
Verletzung unsrer jetzt und hier durch «Tod» charakterisierten
Beziehung zu
Gott. Es weist aber dieser anschauliche, geschichtliche Sinn der Sünde zurück auf einen
andern, unanschaulichen und ungeschichtlichen. Sofern nämlich der Tod, der uns jetzt und hier
von Gott abgrenzt, die Begrenzung des Lebens ist, sofern also Gott selbst nicht Tod, sondern
das Leben des kommenden Tages
ist, ist der Zusammenhang offenbar auch der umgekehrte: der Raub an Gott ist ursprünglichp,
unanschaulich und ungeschichtlich auch ein Herausfallen des Menschen aus seiner unmittelbaren Einheit mit Gott, eine angemaßte
Selbständigkeit, ein
Zerreißen des geistigen Bandes, das Gott, Welt und Mensch als Schöpfer und
Geschöpf
zusammenhält, ein des Ursprungs
vergessendes sich neben und außer Gott Stellen41, ein der Schlangenweisheit: «Sollte Gott gesagt haben?» |232 [vgl. Gen. 3,1] lauschendes, unschlichtes,
unkindliches, unsachliches Abstandnehmen von Gott als dem Leben unsres Lebens42. Es istq dann offenbar Sünde in jenem ersten,
anschaulichen, vorwärts laufenden Sinn nur die Erscheinung, der Ausdruckr, das «Überfließen» (5,20) der Sünde, der Vorfall in der Zeit, der auf einen «hinter»
aller Zeitlichkeit liegenden
Fall zurückweist. Als
«Ehrfurchtslosigkeit
und Unbotmäßigkeit» des Menschen
(1,18), als
Verletzung seiner, in dieser Hinsicht als «Leben» charakterisierten
Beziehung zu
Gott, als der vom Teufel inspirierte
Wahn des «Eritis sicut Deus!»43 [vgl. Gen. 3,5] stellt sich die Sünde auch in diesem
unanschaulichen Sinn dar. Wir werden uns aber wohl hüten, nun etwa, von
diesem unanschaulichen Sinn der Sünde ausgehend, am Kreuz vorbei, ihre direkte Beseitigung durch tumultuarisch
andringende oder auch mit technischem Raffinement unternommene «Rückkehr zum
unmittelbaren Leben»44 zu |233
postulieren und zu probieren. Wir wissen, dass es sich darum für uns, die
unter das Gesetz Gestellten, in keinem
geschichtlichen Augenblick handeln kann. Es zeigt uns der
überhaupt nur via crucis zu gewinnende Ausblick auf den rückwärtigen
Zusammenhang unsrer Sünde vielmehr unter scharfer Warnung gerade vor dieser Versuchung zweierlei:
Erstens: die Sünde «erhielt Eingang in die Welt». Was
ist Welt? Welt ist unser ganzes
Dasein, wie es nun unter der
Bestimmtheit
durch die Sünde wird und ist. Es entsteht ein «Außer uns» losgelöst vom «In
uns», ein Kosmos, der nicht mehr
Schöpfung ist, weil wir den
Schöpfer nicht mehr kennen.
Was in uns ist, das spiegelt sich wider in dem, was außer uns ist: Eritis sicut Deus! [vgl. Gen. 3,5]. Die Welt des Menschen ist die Welt der Zeit und der Dinge, die Welt
des Auseinander, Nebeneinander und Gegeneinander, die Welt der
Kontraste von Geist und Natur, Idealität und Materialität, Seele und Leib, die Welt der
Selbständigkeiten und
Gegebenheiten, der 147 Objektivitäten und
Prinzipien, der Mächte, Throne,
Fürstentümer und Gewalten [vgl. Eph. 1,21; Kol. 1,16]. Die Welt ist des Menschen Mitgefangene. Unfreiwillig nimmt sie als
seine Welt teil an der in seiner
Verkehrtheit beruhenden
Verkehrung, an seiner Verletzung der Beziehung zu Gott, an der relativen
mittelbaren Göttlichkeit, die des
Menschen Größe und Abfall ausmacht.
Seine Krankheit ist auch ihre Krankheit geworden (8,19f.); dass der
Kosmos
sein Kosmos ist, muss er nun zu seinem Leidwesen
erfahren. «Unmittelbares Leben» ist in seiner Welt das Unanschauliche, das Unbekannte, das
Unmögliche. Alle Dinge in seiner Welt, in dieser Welt
sind als Dinge, als Gegebenheiten
und Objektivitäten, als dies und
das, hier und dort, so und so – vergöttlichte Weltlichkeiten oder verweltlichte
Göttlichkeiten. Nur in dem,
was die Dinge in ihrer Selbständigkeit und Gültigkeit beschränkt, nur in ihrem kritisch zu gewinnenden Begriff, d. h. aber nur in
ihrer Frag-Würdigkeit, in der Möglichkeit und Notwendigkeit ihrer Aufhebung, |234 ihrer
Negation, in ihrer Fähigkeit, als
das, was sie sind, hinzuweisen auf das, was sie nicht
sind, d. h. aber nur sub specie mortis leuchtet in ihnen die
Herrlichkeit des
Schöpfers. Alle Argumente für eine direkte
Rechtfertigung der Dinge dieser Welt sind
in den apologetischen Vorträgen der
Freunde Hiobs längst vorgebracht
und erledigt. Diese Welt ist, weil sie unsre Welt ist, die
Welt, in der die Sünde Eingang gefunden hat. Es gibt in dieser Welt, auf dieser Erde und unter diesem
Himmel keine Erlöstheit, kein unmittelbares Leben. Erlöstheit nur durch Erlösung! Erlösung aber nur mit dem kommenden
Tag, da Himmel und Erde neu
werden [vgl.
2.Petr.
3,13].
Denn zweitens: es erhielt «durch die Sünde der Tod»
Eingang in die Welt, der Tod als
Krisis. Im doppelten Sinn
dieses Wortes: als oberstes
Gesetz dieser Welt und als Hinweis auf einen Gesetzgeber, der als solcher über seinem Gesetz
ist, als Gericht und als Wendung zum Bessern, als Schranke und als Ausgang, als Ende
und als Anfang, als Nein und als Ja, als Wahrzeichen
göttlichen Zornes und
als Wahrzeichen nahender göttlicher Errettung. Auf alle Fälle aber als das göttliche
Halt!, das wir nicht überfahren, als
die enge Pforte [vgl. Mt. 7,13–14
par.], die wir nicht umgehen dürfen, als der Punkt, wo es gilt, klug zu
werden [vgl. Ps.
90,12], weil es außer ihm klug zu werden keine andre
Möglichkeit gibt. Durch die Sünde der Tod, denn er ist der Revers der Sünde. Es ist die ursprüngliche, die
unanschauliche Sünde,
durch die der Tod in die Welt kam: Die Verletzung der als Leben
charakterisierten Beziehung der Menschen zu Gott. Das ist als Schuld:
die Sünde, als Schicksal: der Tod. Als Lebender
ohne Teilnahme am Leben selbst bezeichnet der Mensch sich selbst als 148 sterblich, in seiner Gelöstheit vom Sein des
Ursprungs als nicht-seiend, in
seiner wilden Beziehungslosigkeit, Absolutheit und Selbständigkeit als relativ. Unvermeidlich ist es, dass seine Beziehung zu Gott nun durch
den Tod charakterisiert ist, unvermeidlich, dass das Sein des Menschen sich
nun spaltet und entfaltet zu der ganzen Problematik seines Da-Seins und
So-Seins, dass seine Welt nun auseinanderfällt in die Mannigfaltigkeit all
der durch optimistische oder
pessimistische Hintergründe
kaum oder gar nicht zusammengehaltenen Menschlichkeiten, Zeitlichkeiten und Dinglichkeiten, dass sich seiner Anschauung nun, wie er sich auch dazu stelle, eine Welt von
Nicht-Anschaulichkeit als
zweite Welt gegenüberstellt. Unvermeidlich ist es, dass das «Leben» jetzt durch|235kreuzt, gestört und schließlich negiert wird in jener Linie von Fragwürdigkeit, Beschränktheit, Leid und schließlich Sterben. Lebt die Sünde, so lebt in ihr der
Tod, so leben wir nicht (7,10). Herrscht die Sünde, so herrscht sie im Tode (5,21), so sind auch
wir des Todes. Hat die Sünde zu befehlen, so hat sie auch zu
bezahlen, so bezahlt sie mit Tod (6,23). Kein Punkt jener Linie von kraft der
Sünde leblosem,
starrem, beziehungslosem Sein, an dem nicht das Gericht, die
Begrenztheit des Menschen, das
Ende aller Dinge
anschaulich steil in unser «Leben»
hineinragte – aber auch kein Punkt, der nicht eben in seiner
Negativität hinwiese auf das, «da Adam von gefallen» (Luther)45. Keine Relativität, die nicht in ihrer verloren-unverlierbaren Beziehung zurückwiese auf das Absolute, von dem sie eigentlich lebt, keine
Todeserscheinung, die nicht
eben als solche das Zeugnis wäre unsrer
Teilnahme am Leben Gottes, das Zeugnis
der durch die Sünde nicht abgebrochenen
Beziehung
Gottes zu uns. Unvermeidlich wird es nun freilich,
dass eben am Tode (nicht an einem Todes-Erlebnis, sondern am Tode!)
die Lebensfrage, die Gottesfrage entsteht; unumgänglich, dass wir um
des Lebens willen bedenken, dass wir sterben müssen [vgl. Ps. 90,12]; unübersehbar der
aufgehobene Finger, der uns im
Kreuze des Christus daran erinnert,
dass die Welt der Sünde nur an der Stelle überschritten werden kann, wo sie betreten
worden ist. Durch die Sünde
also der Tod, der Tod als Krisis, als Brechung unsres Lebens, der
Tod als Erkenntnisprinzip,
der Tod als unsre Not und Hoffnung: der Revers unanschaulicher Sünde und – der Revers unanschaulicher
Gerechtigkeit.
«Durch einen Menschen» das alles! Wer ist dieser Eine?
Adam? Ja Adam als der Eine, der als Täter der
unanschaulichen Sünde des Abfalls von Gott dem Tode Eingang in die Welt gab. Aber – dieser Eine ist Adam nicht in historischer Beziehungslosigkeit, sondern in seiner
unhistorischen Beziehung zum
Christus. Ohne die
Anschauung der unanschaulichen
Gerechtigkeit
des im 149 Gehorsam sterbenden Christus – wie kämen wir zu
der Anschauung der unanschaulichen
Sünde
|236 des im Ungehorsam lebenden Adam? Woher wüssten wir, was das heißt: aus Gott – fallen? Wie vermöchten wir, den Absturz Adams aus dem Leben zum Tode auch nur
zu denken, wenn uns nicht die Erhöhung des Christus vom Tode zum Leben vor Augen stünde? Woher
wüssten wir, was das heißt: leben – um zu sterben? Also nicht auf der Fläche
der historisch-psychologischen Erscheinungen existiert Adam als dieser
Eine, sondern als der erste
Adam, der das Vorbild des
zweiten, kommenden ist, als der Schatten, der vom Lichte des zweiten lebt.
Er existiert als das rückwärtige Moment der im Christus siegreich nach
vorwärts gerichteten Bewegung, Drehung und Wendung des Menschen
und seiner Welt vom Fall zur Gerechtigkeit, vom Tode zum Leben,
vom Alten zum Neuen. Er existiert also nicht an sich,
nicht als positive zweite Größe, nicht als eigener Pol in der Bewegung,
sondern nur in seiner Aufhebung. Er ist bejaht, indem er im
Christus
verneint ist. Es versteht sich also von selbst, dass er mit dem
auferstandenen, zum Lebens Gottes
eingesetzten Christus und als dessen Projektion keine «historische» Gestalt ist. Denn
mag es sich mit dem ersten Menschen verhalten haben, wie es will: die
Sünde, die
Adam in die Welt gebracht
hat, liegt vor dem Tode, gerade wie die
Gerechtigkeit, die Christus in die Welt gebracht hat, hinter dem Tode liegt. Wir aber leben mit unserm historischen
Erkennen unerbittlich eingeschlossen hinter dem Tode
Adams und vor dem Tode Christi. Was Adam war, als er noch nicht, und Christus, als er nicht mehr
sterblich war, das Werden des Todes aus dem Leben und das Werden des Lebens
aus dem Tode ist das an sich Unhistorische. Und es versteht sich ferner von selbst, dass auch
der «Eingang» der Sünde in
die Welt durch Adam kein
historisch-physischer Vorgang in irgend einem Sinne sein kann. Die Erbsündenlehre der
abendländischen Kirche
würde dem Paulus auf keinen Fall
als «ansprechende Hypothese» (Lietzmann)46 erschienen sein, sondern als eine von den vielen
historistisch-psychologistischen Verfälschungen seiner Meinung.
Sondern wie die in Christus der Welt offenbarte Gerechtigkeit (und als ihr Nein, das
überhaupt |237 nur vernehmbar wird, indem es im Ja
überwunden ist), so ist auch die in Adam in die Welt eingezogenet Sünde die zeitlose, die transzendentale Disposition
der Menschenwelt, ihre Beziehung zu Gott nach deren dem Neuen noch ab-, dem
Alten noch zugewandten Seite. Mit dem ersten Menschen, der sich in dieser
Welt vorfand, und mit der Welt, in der sich der erste Mensch vorfand, erwies
sich diese Disposition als wirksam. Sie ist der überzeitliche Fall aller Menschen aus ihrer
Einheit mit Gott durch
ein 150 «Gefangennehmen der Wahrheit in Ehrfurchtslosigkeit
und Unbotmäßigkeit» (1,18), das seine Erklärung findet (und nicht findet) in der
göttlichen Prädestination des Menschen zur Verwerfung, die seiner ewigen Erwählung in Christus folgt wie
der Schatten dem
Licht, der Fall, der also in dem Vorfall des Fehltrittes
Adams wohl seine erste
Wirkung, aber nicht
seine Ursache hat. Und die altreformierte These lässt sich durchaus hören und
vertreten, dass auch diese Prädestination zur Verwerfung als «supralapsarisch», dem «historischen» Sündenfall vorausgehend, zu begreifen sei.47 Nur sofern Adam
zuerst tat, was wir alle tun,
mag der Schatten, der auf uns allen
liegt, seinen Namen tragen und durch ihn gekennzeichnet sein. Adam, der erste, d. h. der psychische, der
irdische, der geschichtliche Mensch ist das, was
überwunden werden muss48 (1.Kor. 15,45f.).
«Und wie also der Tod Durchgang fand zu allen Menschen, als
zu solchen, die alle sündigten - - -». Wir treten aus dem
unhistorischen Hintergrund
unsrer alten Welt in ihren hellen Vordergrund und sehen anschaulich
bestätigt, was sich aus ihrer unanschaulichen, via crucis eingesehenen
Pragmatik
notwendig ergeben muss: Wir sehen alle Menschen tun, was Adam tat, und danach alle leiden, was
Adam litt. Wir sehen alle
Menschen sündigen und danach alle sterben. Wir sehen alle Gott nehmen, was
sein ist, und danach alle zuschanden werden. |238
Dass es statt «danach» heißen muss «darum», das wissen wir, aber das sehen
wir nicht. Wir sehen nur die Tatsachen. Die nicht ohne kompromittierendste
Beteiligung des weiblichen Geschlechts
ausgebrochene, die erschienene, die anschauliche
Sünde
Adams, der zudringliche Griff
nach dem Baum der Erkenntnis [vgl. Gen.
3,1–6] wiederholt, variiert, erneuert sich durch die ganze
Geschichte hin. «Da ist Keiner
gerecht, auch nicht Einer» (3,10.23). Es läuft aber auch, erkannt oder nicht
erkannt, durch die ganze Geschichte hin die Todeslinie, auf der es handgreiflich am Tage liegt, was das
sagen will, dass «Adam geworden
ist wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist» (Gen. 3,22).
Und nun: wie jene unanschauliche Pragmatik der alten Welt besteht und in den anschaulichsten
Tatsachen ihre Illustration findet, so---. Doch
bevor wir den Analogieschluss ziehen,
muss von dem Gesagten ein Punkt noch besonders
unterstrichen werden.
V. 13‒14 Denn schon vor dem Gesetz war Sünde in der Welt.
Sünde aber wirdu nicht angerechnet, wo kein
Gesetz ist. Trotzdem übte der Tod Königsgewalt, auch von Adam
bis Mose, auch über die, die nicht nach dem Muster der Übertretung
Adams
sündigten. Dieser aber ist das Vorbild
des kommenden Menschen.
151 Die notwendige Unterstreichung betrifft den Begriff der
Sünde. In seinem unanschaulichen Vollsinn muss er
verstanden werden, damit er für das Wesen der vergehenden Welt und damit
auch für das der kommenden
erklärend sei. Die Sünde ist in der Welt,
sagten wir, nicht als Ereignis und
Zustand, auch nicht als die Summe
von solchen, nicht als historisch-psychologische Zufälligkeit, sondern als eine immer und überall gleichartig
vorausgesetzte Bestimmtheit der
menschlichen Ereignisse und Zustände. Die Sünde ist das spezifische Gewicht der
menschlichen Natur als solcher. Sünde ist
nicht ein Fall oder eine Reihe von Fällen
im Leben des Menschen, sondern der Fall, der mit seinem Leben als
Mensch schon geschehen ist. Sünde geschieht, noch
bevor sie sich im Bewusstsein oder Unterbewusstsein dieses oder jenes
Menschen ereignet hat. Sünde ist Macht, noch bevor sie
dieses oder jenes Menschen Wille und Gesinnung
geworden ist. «Sünde war schon vor dem Gesetz in der
Welt.»
239Das Gesetz ist, im Gegensatz zur Sünde, eine
anschauliche, eine geschichtliche Größe (2,14–16). Es ist die im Menschen und
unter den Menschen sich ereignende Erinnerung an die –
verlorene – Unmittelbarkeit zu
Gott. Es ist die Norm göttlicher Wahrheit und göttlichen Willens, wie sie für das Bewusstsein oder auch
Unbewusstseinv des
Menschen vorhanden sein kann. Es ist das Licht göttlicher Gegenwart und Offenbarung, gebrochen und gefärbt im Prisma
jenes zeitlichen Nacheinander und dinglichen Nebeneinander, das für die Welt
des Menschen bezeichnend
ist. Wo Gesetz ist, da entsteht
Menschengerechtigkeit, göttliches Erwählt- und Beauftragtsein, auf Gott gerichtete Haltung
(2,3–5.12–13; 3,2) – und wohl dem, der weiß, dass er darin keine Entschuldigung,
keinen Schlupfwinkel hat (2,1–2). Denn
wo Gesetz, wo Religion ist, da entsteht – Menschenungerechtigkeitw, da steht
der Mensch als Mensch da in
seiner Blöße, in seiner
Unzulänglichkeit, in
seiner Fleischlichkeit, als
Hindernis Gottes, als Objekt des göttlichen Zornes, gerade sofern er weiß, was
das Gesetz fordert, sofern es ihm ernst
ist damit, sofern er sein «Hörer» ist (3,14–20; 4,15a); da eben findet ja, wenn
nicht alle Zeichen trügen, der freche Griff nach dem Baum der
Erkenntnis statt und
das Nicht-Bedenken, dass wir sterben müssen [vgl. Ps. 90,12], sofern wir uns
nämlich täuschen über die Unmöglichkeit, dem Sinn des «Gesetzes» gerecht zu werden, – und
wehe dem Gottesmann, der sich
hierüber täuschte, der es etwa vergäße, dass gerade er sich in einer ganz
besonderen Gefahrenzone befindet (2,17f.). Wo Gesetz ist, da ist auch Übertretung (4,15b), da wird Sünde «angerechnet»,
d. h. aber: da wird, weil da sehende Augen sind, die Finsternis, in der wir
stehen, zur Plage; da 152 bricht, weil da entzündliches
Material ist, der schwelende Brand aus; da wird, weil da Erkenntnis der
Sünde ist, die
Sünde zur persönlichen
(bewusst oder unbewusst zu tragenden) Schuld, Last und
Verantwortlichkeit; da
wird die Sünde, indem sie einen Hebel,
ein Betriebskapital findet (7,8.11),
aktionsfähig, sie tritt in Kraft, sie wird zum höchst anschaulichen, höchst
geschichtlichen Ereignis. Gerade der
Mensch, der das Gesetz hat, der
erweckte, der begeisterte, der wartende, der auf Gott gerichtete, der religiöse Mensch ist der Sünder im anschaulichsten |240 Sinn des Wortes (7,7f.14f.). An den religiös Interessierten,
nicht an der Masse der Gleichgültigen, an den Pfarrern und ihren Freunden, nicht an den Schiebern und
Zuhältern, an der Kirche, nicht am
Kino, an der theologischen
Fakultät, nicht an der
Gottlosigkeit der
Mediziner, an den
Religiös-Sozialen und
Aktivisten, nicht an den
Kapitalisten und
Militaristen, an Büchern wie
diesem Buch, nicht an der Unterhaltungsliteratur der Weltkinder
kommt der Schaden Josephs [vgl. Am. 6,6] zum Ausbruch. So wird das
Volk Israel an seinem Gesetz, an
seiner besondern Erwähltheit
und Berufenheit zuschanden, ein
Vergehen und Erleiden, das den Moabitern und Philistern offenbar erspart
blieb. So ist auch der Vorfall im Leben
Adams, in dem die Sünde Eingang in die Welt fand, nur dadurch
möglich geworden, dass auch er ein Gesetz, die Warnung vor dem Baum der Erkenntnis [vgl. Gen. 2,17], hatte. Er wird zum Sünder als Opfer
seines besonderen Gottesverhältnisses. Sollte es eine Zeit, einen Ort in der
Geschichte oder in einer
Lebensgeschichte geben, wo
gar kein Gesetz ist? Schematisch
angenommen, es lasse sich ein solcher gesetzloser Zustand historisch oder
biographisch fixieren, und ebenso schematisch angenommen, es dürfte die Zeit
«von Adam
bis Mose», d. h. zwischen dem Gesetz,
das Adam für sich und Mose zuhanden Israels empfing, als solcher gesetzloser
Zustand angesprochen werden, so wäre zu sagen: «Wo kein
Gesetz ist, da wird Sünde nicht angerechnet.» Da sind blinde Augen
und darum auch keine Finsternis. Nasses Holz und darum auch kein Brand. Kein
Hebel, kein Kapital und darum auch kein Betrieb. Da breitet sich das
menschliche Wesen wie das Treiben einer Kinderstube aus unter dem
schweigenden Ernst und Humor
Gottes. Es darf da in seiner
ganzen Unmöglichkeit irgendwie
sein, wie es ist. Es ist weder zu verteidigen noch anzuklagen. Es ist von
den vorletzten Dingen, die gegen die
«angerechnete», die
ausbrechende, die bewusst oder unbewusst persönlich gewordene Sünde zu bemerken sind, hier nichts zu bemerken.
«Abgesehen vom Gesetz ist die
Sünde tot» (7,8). Das
Wort, das auf diese schlafenden Sünder passte, wäre nur das letzte Wort: – Vergebung. Aber eben: auf dieses Wort warten auch diese
schlafenden Sünder. 153 Denn eine Ausnahme von der Regel,
dass die Sünde in der Welt ist – wie Rousseau’sche Empfindsamkeit49 sich |241 wohl einbilden möchte
–, bilden auch diese kanadischen Schläfer50 nicht. Beweis: «Trotzdem übte der Tod Königsgewalt auch von Adam
bis Mose.» Man hat nichts davon gehört, dass das Weltgesetz des
Todes über diesen
Gesetzlosen, wenn es je solche gab, etwa außer Kraft gewesen wäre. Dieselbe
Natürlichkeit und
Kreatürlichkeit, dieselben
Gebundenheiten und Bedrängnisse,
dieselben Rätsel
von Geborenwerden und
Sterben, in denen wir Wachenden die Strafe einer Sünde ahnen, die größer ist als unsre
Sünden, hält offenbar auch sie
umschlossen. Es weist offenbar diese auch sie umfassende allgemeine
Herrschaft des Todes zurück auf
das Vorhandensein – unanschaulicher Sünde, auf einen geschehenen Fall, der mit den sich ereignenden und als Sünde
zu beklagenden Vorfällen des geschichtlichen Lebens nicht identisch ist. Es
gibt offenbar – der hippokratische Zug51 im
Angesicht auch jener Schläfer beweist es – einen letzten jenseitigen
Ursprung auch ihrer Träume: da
sind auch sie von Gott ernst genommen, da tragen auch sie an der
Entfremdung des Menschen vom
göttlichen Leben als an einer Schuld und Verantwortlichkeit, da stehen auch sie unter
Gottes, wenngleich verhülltem, Zorn. Da verschafft |242 ihnen die Unähnlichkeit ihrer Übertretung mit dem «Muster
der Übertretung Adams» und Israels doch keine Ruhe, keine Entschuldigung. Da sind auch sie, ihrer,
geschichtlich betrachtet, offenkundigen Unbelehrtheit und Unschuld zum
Trotz, in der Krisis von Erwählung und
Verwerfung,
Rechtfertigung und
Verdammnis. Nur relativ ist da
der Unterschied ihrer Lage gegenüber denen, die unter das Gesetz gestellt in ihrer Sünden
Maienblüte sterben52 müssen. «Denn bei
Gott ist kein Ansehen der Person. Die fern vom Gesetz sündigten, werden auch fern vom Gesetz
sterben. Und die im Angesicht des Gesetzes sündigten, werden durch das
Gesetz gerichtet werden» (2,11–12). Die in Adam in die Welt «eingezogene»x Sünde ist also, und
das ist zu unterstreichen, Macht, Übermacht, abgesehen von dem
tatsächlichen Sündigen Adams und
seiner ihm mehr oder weniger ähnlich gestellten Nachfolger. Die anschauliche
Königsherrschaft des Todes
weist zurück auf die unanschauliche Königsherrschaft der Sünde, auch da, wo die Sünde nicht
einzelnes anschauliches Ereignis
geworden sein sollte. Ein König wird
nicht gewählt von seinen Untertanen, und sie haben keine Möglichkeit, sich
einzeln darüber zu entscheiden, ob sie seine Untertanen sein wollen. Er
besteigt als Erbe den Thron und herrscht «von Gottes Gnaden»53 – oder auch Ungnaden. Nur Revolution und Sturz der Dynastie, nur
Umkehrung der transzendentalen
Voraussetzung kann eine Veränderung der all154gemeinen und
notwendigen Abhängigkeit bringen. Als Wirkung dieser Königsmacht ist also
auch das Eingehen der Sünde in die
Welt in Adam zu verstehen.
«Dieser ist das Vorbild des Kommenden», nämlich als
Sünder in diesem unanschaulichen ungeschichtlichen Vollsinn des Wortes. Die |243 Beschattung, in der er steht, ist Zeugnis von dem Lichte des Christus. Wir sähen sie nicht, wenn
dieses nicht wäre. Und an ihr ist zu ermessen, von welcher Art und Bedeutung
dieses ist. Die unanschauliche Pragmatik dieser alten Welt ist – mit umgekehrtem Vorzeichen – die der kommenden
neuen Welt. «Das Geheimnis
Adams ist das Geheimnis des Messias»
(rabbinisch).54
Es ist das Geheimnis des unheilbar von Gott abgefallenen und unverlierbar
an Gott gebundenen Menschen, das sich in der Zweiheit von Adam
und Christus verhüllt, um sich in
ihrer Einheit zu enthüllen. Hart auf der Grenze stehen sie beide, auf der Grenze zwischen
Sünde und Gerechtigkeit, Tod und Leben, nach
rückwärts jener, nach vorwärts gerichtet dieser: unvereinbar getrennt durch
den sachlichen Kontrast dessen, was
sich in ihnen gegenübertritt, aber unzertrennbar vereint durch den
gemeinsamen Ursprung der Kontraste in
der göttlichen Prädestination
zur Erwählung oder
Verwerfung, unzertrennbar vereint dadurch, dass Sünde und Tod des einen und Gerechtigkeit und Leben des andern
das Ganze des Menschenlebens und der Menschheit in allen Dimensionen umspannt und bezeichnet,
unzertrennbar vereint dadurch, dass immer des einen Ja des anderny
Nein, des einen Nein des andern Ja ist. Vorbild (Typus), Frage,
Weissagung ist der eine,
Urbild, Antwort, Erfüllung der
andere, so gewiss (5,15–17) die Bewegung, in der sie sich zur Zweiheit entfalten, echte Bewegung ist, so
gewiss Gerechtigkeit und Leben in Gott der Sünde und dem Tode ursprünglich
und endlich in schlechthiniger Überlegenheit gegenüberstehen, so
gewiss die scheinbare Polarität der
Kontraste im Lichte des kritischen
Augenblicks («da ein
Tod den andern fraß» Luther)55
gesehen und aufgehoben ist: Von
Adam
zu Christus – der Weg Gottes
am Menschen und unter den Menschen. Davon ist nun weiter zu reden.
244V. 15‒17 Aber
da ist nicht Gleichgewicht, so dass man sagen könnte:
Wie der Fall, so auch die Begnadung. Denn wenn durch den
Fall des Einen die Vielen starben, so hat um so gewisser die Gnade
Gottes und die Gabe in der Gnade, die der eine Mensch Jesus Christus
hatte, die Vielen mit Reichtum überschüttet.
Und da ist nicht Gleichgewicht, so
dass man sagen könnte: Wie das durch den einen Sünder
in die Welt Gekommene, so das Geschenk, das durch den
einen Gerechten den Menschen gegeben ist. (Denn
155 darin ist das Verhältnis allerdings parallel: das Gericht wurde, bei einem Menschen einsetzend, zum
Todesurteil, die Begnadung aber, bei vieler Menschen Fall einsetzend, zur Gerechtsprechung.) Denn (und das
ist die Aufhebung der Parallele) wenn im Fall des Einen
und durch diesen Einen der Tod zur Königsherrschaft
gelangte, so werden um so gewisser die, welche die Fülle der Gnade und
die Gabe der Gerechtigkeit empfangen, selber Könige werden im Leben
durch den Einen: Jesus Christus.
Hauptgedanke ist das diakritische, «das von aller Logik verlassene» (Jülicher)56: «um so gewisser», «um wie viel mehr», «wie noch ganz
anders» (5,15.17; vgl. 9.10). Der Dualismus von Adam und Christus, alter und neuer Welt ist kein metaphysischer, sondern ein dialektischer. Er besteht nur, indem er sich selbst aufhebt. Er ist
durchaus der Dualismus einer
Bewegung, einer Er-Kenntnis, eines
Weges von hier nach dort. Die
ganze Situation wäre falsch verstanden, wenn etwa die Vorstellung einer im
Gleichgewicht schaukelnden
oder wie die zwei Gläser einer Sanduhrz
nach Belieben umzukehrenden Zweiheit
entstünde. Die lebendige Wirklichkeit der beiden Gegensätze ist die Notwendigkeit, mit der sie auf Gott als auf
ihren Ursprung und ihr Ziel hinweisen. Diese göttliche
Notwendigkeit drängt aber von Schuld und Schicksal zu
Versöhnung und Erlösung. Denn die Krisis von Tod und Auferstehung, die Krisis des Glaubens ist die Wende vom göttlichen Nein zum göttlichen Ja und nie zugleich auch das
Umgekehrte. Also: dass die unanschauliche Pragmatik der neuen Welt zwar in ihrer Form dieselbe ist wie die der
alten, in ihrer Bedeu|245tung und Kraft aber nicht dieselbe,
sondern die schlechthin überlegene, die gerade umgekehrte, das ist nun noch
zu überlegen und auszusprechen.
Erste Erwägung (5,15). Wir fassen noch einmal die Ursachen, die Dominanten ins Auge, die hier die
alte als alte, vergehende, dort
die neue als neue, kommende Welt bestimmen. Sie heißen hier «Fall», dort «Begnadung». Es handelt sich also nach links und nach rechts um die Beziehung des Menschen zu Gott.
Unanschaulich in ihm, in ihm selbst, in ihm allein begründet ist es, dass in dem einen
Adam der Mensch dasteht als
Gefallener, in dem einen
Jesus Christus als
Begnadeter. Das ist ihr
Gemeinsames; insofern scheint zwischen Fall und Begnadung Gleichgewicht zu bestehen. Aber
gerade in diesem Gemeinsamen zeigt sich auch der Unterschied. – Denn wie
erscheint die Beziehung des Menschen zu Gott in Adam? Offenbar, dies liegt schon in
dem Worte «Fall», ist hier Gott der vom Menschen Verlassene,
der Leidende, der Negierte, der
Beraubte. Das ist ja das Wesen
der Sünde, dass hier 156 Gott geraubt wird, was sein ist, und dass durch solchen Raub,
weil er an Gott geschieht, eine gottähnliche Macht neben Gott in der Welt entsteht (5,12). Es ist Sünde ein unanschaulich negatives Geschehen an Gott und in Gott. Dem entspricht
dann, dass «durch den Fall des Einen die Vielen
starben», d. h. dass die Beziehung zu Gott in der Welt Adams auch den Menschen in ihrer
Negativität zum Bewusstsein
kommen muss. In dem einen Menschen Adam wird das Unanschauliche anschaulich, dass Gott Nein zu uns sagt. Gott erscheint nun seinerseits als
Angreifer, der uns aus dem Paradies vertreibt, als Räuber, der uns unser
Leben nimmt. «Sicut homo peccando rapit, quod Dei
est, ita Deus puniendo aufert, quod hominis est» (Anselm).aa57 Die sündige, die gefallene Welt ist als
sol|246che die Welt des Todes, die
von einer ungelösten letzten Frage umzäunte Welt, die Welt, in der auch der Ausgang nur in der Schranke, auch die Erkenntnis nur im
Nicht-Wissen, auch die
Hoffnung nur in der
Verzweiflung zu finden ist. In
Erwartung letzten Gerichtes, letzter Aufhebung das alles und doch, sofern in Erwartung, auch schon in furchtbarer Gegenwart. – Dem gegenüber
die Beziehung
des Menschen zu Gott in Christus. Ob wir sie als «Gerechtigkeit» bezeichnen (1,14; 3,21)
oder als «Gehorsam» (5,19) oder als «Begnadung», offenbar ist es, dass es sich hier
um die «Gnade Gottes» handelt, um «Gottes Gabe
in der Gnade, die der eine Mensch Jesus Christus
hatte», um die unanschauliche Positivität
jener Beziehung, um Gottes Handeln, Wirken und Tun, um seine Aktivität dem
Menschen und seiner Welt gegenüber. Er lässt sich den Raub dessen, was ihm gehört, nicht
gefallen. Er erhebt Anspruch auf den Menschen. Ihm ist der
Mensch auch in seinem Fall
nicht verloren. Er ist barmherzig und wunderbar. Er ist der Gott, der
begnadet, der gibt. Dem entspricht dann wiederum, dass «die Gnade Gottes die Vielen mit Reichtum überschüttet hat», d. h.
dass die Beziehung zu Gott auch dem Menschen in
der Welt des Christus als eine positive zum Bewusstsein kommt. Da erscheint
Gott als der Schöpfer und Erlöser, als der Geber des Lebens und aller guten Gaben [vgl. Jak. 1,17]. In dem einen Jesus
Christus wird das
Unanschauliche anschaulich,
dass Gott nicht aufhört, ja zu uns zu sagen. Die Welt, der Gott sich aktiv, positiv zuwendet,
ist als solche die Welt des Lebens, die
Welt, in der nichts Beschränktes, Vergängliches, Kleines nur als das
besteht, was es ist, sondern immer auch als das, was
es bedeutet, immer auch in seiner Beziehung auf Ursprung und Ziel, auf
Sinn und letzte Wirklichkeit seines Da-Seins und
So-Seins, die Welt, in der jede Frage schonab
157 voll Antwort ist, die Welt, in der ewiger Gehalt auch
in zeitlicher Erscheinung, letzter
Friede auch über vorletztem Tun, göttlicher Glanz auch auf
menschlichem Wesen leuchtet, – die Welt,
wie sie sich vor dem neuen, auf ihrer Schwelle stehenden Menschen
unbeschreiblich hoffnungsvoll aus|247breitet. Wiederum in Hoffnung
letzter Einheit,
letzter Klarheit und Ruhe in Gott das alles, und wiederum, sofern in Hoffnung, doch
auch schon in seliger Gegenwart (5,11). – So also steht die dialektische Waage zwischen
Fall und Begnadung, und kraft welcher Logik sollte die Möglichkeit nicht offen und sogar sehr
naheliegend sein, die scheinbare Symmetrie dieser Kontraste aufzuheben und den Schritt vorwärts
(«um so gewisser») als den wahren Sinn dieser Kontraste zu erkennen und – zu
tun?
Zweite Erwägung (5,16–17). Wir wenden uns zu den Wirkungen, den Tendenzen, durch die hier die
alte als alte, dort die
neue als neue Welt
charakterisiert ist: zu dem, was «durch den einen
Sünder», und zu dem, was als «Geschenk»
Gottes in die Welt
gekommen ist. Wiederum gleichmäßig nach links und nach rechts wird das
menschliche Wesen durch Fall
und Begnadung je in einer ganz
bestimmten Weise disponiert. Unter einem von demselben richtenden und
gnädigen Gott ausgehenden Urteil, unter
einer bestimmten unanschaulichen Rechtsordnung und ihren Folgen steht der Mensch nach
dieser und nach jener Seite, gleichviel ob er hier vertreten ist durch den
einen Adam, dort durch die
unübersehbare Menge der gleich ihm gefallenen Menschen, gleichviel ob das
Urteil hier Todesurteil, dort
Freisprechung ist. «Das Gericht wurde bei einem Menschen einsetzend zum
Todesurteil, die Begnadung aber, bei vieler Menschen Fall einsetzend,
zur Gerechtsprechung.» In diesem unanschaulichen Woher? ihrer
verschiedenen Bestimmtheit sind
sich alte und neue Welt also gleich. Sie sind alt oder neu in Beziehung auf Gott, an ihm scheiden sie sich wie die
Quellen an der Wasserscheide der Alpen,
wie der Strom sich scheidet am Pfeiler der Brücke. In dieser Brechung
an dem, der erwählt
und verwirft, liegt ihre Gleichheit (5,16). Aber eben: Er erwählt und verwirft, d. h.
aber sie sind sich ungleich, sobald wir darauf
achten, was dieses Urteil hier und dort für den Menschen bedeutet (5,17). – Es bedeutet
einerseits das, was «durch den einen Sünder» in die
Welt gekommen ist, dass «durch diesen Einen der
Tod
zur Königsherrschaft gelangte». Als Leidender, als Negierter, als Beraubter erscheint
also hier der Mensch. D. h. er erscheint in seiner
Fesselung an eine
eherne Kette, die beim ersten 158 Menschen einsetzend
durchläuft bis zum letzten; er ist bestimmt durch ein anschauliches Vorher
und Nachher, das als Ganzes (Kausalität) eben jenes Todesverhängnis bedeutet, das |248 für
seine Welt charakteristisch ist. Physisch-psychisches
Verhängnis, mechanische
Notwendigkeit («Ananke»)58 bannt ihn in den Kreis sinnlosen Werdens und Vergehens, unbegründeter Sicherheit
und haltloser Enttäuschung, fragwürdiger Jugendlichkeit und unverkennbarer
Senilität, optimistischer und pessimistischer Kurzschlüsse. Er kann nicht
leben, weil er nicht wollen kann. Er kann nicht wollen, weil er nicht frei
ist. Er ist nicht frei,
weil er keinen freien Zweck hat. Er hat keinen freien Zweck, weil er
sterblich, nur sterblich ist. Ist dieses
Todesurteil auch in keinem
zeitlichen Moment schon an uns vollzogen, so ist es doch über uns
ausgesprochen, als Damoklesschwert in jedem zeitlichen Moment über uns aufgehängt.
– Es bedeutet andrerseits das, was als «Geschenk»
Gottes durch den einen
Gerechten in die Welt gekommen ist, nicht weniger als «die
Fülle der Gnade», «die Gabe der Gerechtigkeit», die von Menschen
«empfangen» werden kann, so dass sie selber «Könige sein werden im Leben». Neu geschaffen, ins
wirkliche Leben versetzt ist der Mensch durch den Christustod (6,4–5). Revolution gegen das im Tode anschaulich werdende unanschauliche
Weltgesetz der Sünde,
Rehabilitation des Menschen,
grundsätzliche Befreiung von der Gewalt, die alle Wesen bindet, bedeutet die göttliche Rechtsordnung, unter die wir in Christus gestellt sind.
Nicht mehr und nicht weniger als die Welt ist das Erbe, das dem Abraham
und seinen Nachfahren im Glauben verheißen ist (4,13). Der Mensch soll nicht in
den Ketten des Kosmos, sondern der
Kosmos soll, selber befreit, zu seinen Füßen liegen. Der Mensch soll, im
Tode des Christus zum Knecht aller Dinge geworden, ein Herr aller Dinge
sein.59 Aufgehoben
ist seine kausale Fesselung, die ihn
zum |249 bloßen Glied einer Reihe macht. Sondern als
einzelner ist er durch die («bei vieler Menschen Fall einsetzende»)
Begnadung in Christus unter das
Gesetz der Freiheit [vgl.
Jak. 1,25; 2,12] gestellt, das
als seine absolut neue, unableitbare Bestimmung identisch ist mit dem für das
Reich Gottes charakteristischen Gesetz des Lebens (5,18). Denn in Gott
begründet, steht er frei
über der Sünde, frei darum auch über dem der Sünde folgenden Tode. Er hat in seiner
Unsterblichkeit seinen
freien Lebenszweck gefunden und in
seinem freien Zweck die Freiheit des Willens, dem nun, ob er siegt oder unterliegt, alles
Vergängliche zum Gleichnis des Unvergänglichen
werden mag. Er hat mit seinem freien Willen sich selbst gefunden und in sich selbst das
königliche, das unermesslich und unbedingt hohe und würdige, das
lebenswerte, das ewige Leben. 159 Dass diese die Fülle der Gnade «empfangenden» Menschen Könige erst «sein werden», erinnert uns freilich sofort (2,13; 3,30; 5,20) daran, dass die
Identifikation des alten mit dem
neuen Menschen in jedem
zeitlichen Moment erst zu vollziehen, dass auch jenes freisprechende Urteil über uns erst verkündigt ist, dass ihm in der Zeit keine, gar keine
dinglich-gegebene Erlöstheit entsprechen kann. Auf der Schwelle steht der Mensch
auch in dieser Hinsicht: auf der Schwelle des Reiches Gottes, das ein Reich der Freien, der
Befreiten ist. Aber er steht auf dieser Schwelle,
hoffend und, weil hoffend, nie ganz
ohne vorlaufende Gegenwart dessen, was er hofft. – Und wiederum mag der
Stand der dialektischen Waage zwischen «Gericht» und Begnadung selber die Antwort geben, ob wir mit Recht («um so
gewisser») aus der Pragmatik der
alten die überlegene, die
siegreiche, die ganz andere, die unendlich bedeutendere und kräftigere
Pragmatik der neuen Welt
erschlossen haben.
V. 18‒19 In diesem Sinn also ist es gemeint: Wie es durch den Fall des Einen für alle Menschen zum
Todesurteil kam, so auch durch die in dem Einen eröffnete
Gerechtsprechung für alle Menschen zur Rechtfertigung, die das Leben
ist. Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen als
Sünder hingestellt wurden, so werden auch durch den Gehorsam des Einen
die Vielen als Gerechte hingestellt werden.
Nachdem wir uns (5,13–14) deutlich gemacht, dass die Sünde als Dominante des «alten» Weltzusammenhangs ein
Faktor von ebenso ursprünglich-unanschaulich-objektivem Charakter ist wie die ihr
ge|250genüberstehende
Gerechtigkeit, nachdem wir
uns aber weiter versichert (5,15–17) haben, dassac der so aufgedeckte Weltkonflikt nur erscheinen kann, um als
Bewegung
vom Abfall zur Versöhnung, von der Gefangenschaft zur Erlösung, vom Tode zum Leben wieder zu verschwinden,
sind wir in der Lage, die zu Anfang (5,12) unternommene Gegenüberstellung ohne Gefahr
von Missverständnis zu vollziehen.
Es ist Adam das alte Subjekt, das Ich
dieses Menschen in dieser
Welt. Dieses Ich ist gefallen,
es hat an sich gerissen, was Gottes ist, um in eigener Herrlichkeit zu
leben. Keine einzelne geschichtliche Tat ist das, sondern die immer schon
vorausgesetzte, die unvermeidliche, die letztlich aus dem Geheimnis der
göttlichen Verwerfung, des
göttlichen Missfallens hervorgehende Bestimmtheit aller menschlichen Geschichte. Unmittelbar mit diesem «Fall» ist auch
das «Todesurteil» gegeben «für alle Menschen»:
die Natürlichkeit und
Kreatürlichkeit, die
Vergänglichkeit, Unzulänglichkeit und
Bedrängtheit des Menschen, als
des Menschen dieser Welt, 160 als
sein Fluch und als sein Schicksal (5,18). Denn (5,19) «durch den Ungehorsam
des einen Menschen wurden die Vielen als Sünder hingestellt». Es
ist ja eben nicht bloß eine individuelle Verfassung Adams, die durch seine Tat beleuchtet
wird, sondern in und mit diesem Individuum die Verfassung, in der sich dasad Individuum, alle Individuen («die Vielen») befinden. Als
Sünder sind sie
«hingestellt», beleuchtet, aufgedeckt für sehende Augen. Es gibt keinen
Menschen, der nicht von Haus aus, als Mensch, als der, der er ist,
«in Adam» wäre: das alte, das
gefallene Subjekt und darum und als solches unter das Todesurteil, unter den Gesichtspunkt der
Negation, unter den Zorn Gottes gestellt.
Dies ist die alte Welt, aus der wir
– immer wieder – herkommen.
Es ist aber Christus das neue
Subjekt, das Ich der kommenden
Welt. Dieses Ich ist
Träger, Empfänger und Offenbarer göttlicher «Gerechtsprechung», göttlicher Erwählung: «Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen
habe!» [vgl. Mt. 3,17
par.]. Unanschaulich, ungeschichtlich, nicht-gegeben ist auch diese
Qualifikation des Menschen,
die Einsetzung des aus Davids Stamm Geborenen zum Sohne
Gottes durch die Kraft der Auferstehung (1,3–4). Fleisch und Blut kann das
|251 nicht offenbaren [vgl. Mt. 16,17]. Aus dem
Geheimnis der göttlichen
Prädestination geht auch
hier das Erkennen und das Erkannte hervor und wird
zur neuen, zur siegreich überlegenen Bestimmtheit aller menschlichen Geschichte. Unmittelbar mit dieser Gerechtsprechung in Christus ist aber auch
gesetzt «für alle Menschen» die «Rechtfertigung, die das Leben ist», die grundsätzliche
Negation aller Negation,
der Tod des Todes, die Zerreißung
aller Schranken, das Durchbrechen
aller Bande60, die Überkleidung des Menschen mit der «Behausung die
vom Himmel ist» (2.Kor.
5,2). Unmittelbar mit dieser Gerechtsprechung ist für alle Menschen der Tod verschlungen in
den Sieg (1.Kor. 15,54), das Sterbliche
verschlungen vom Leben (2.Kor. 5,4). «Christus,
auferweckt von den Toten, stirbt nicht mehr, der Tod herrscht nicht mehr
über ihn» (6,9).
Unmittelbar mit dieser Gerechtsprechung ist das neue, das ewige Subjekt aller Menschen geschaffen (5,18). Denn (5,19) «durch den Gehorsam des Einen werden die Vielen als
Gerechte hingestellt werden». Wieder ist nicht bloß ein Individuum, eine Persönlichkeit, ein Einzelner beleuchtet durch das, was in des einen
Jesus Leben und Sterben als Gehorsamstat angeschaut und gewertet werden
möchte, sondern das Individuum, die Persönlichkeit, der
Einzelne ist es, was hier entdeckt
ist; «hingestellt», beleuchtet und aufgedeckt werden hier, für sehende
Augen, in dem einen «die vielen» Individuen: du und ich, 161 als Gerechte vor Gott, als von Gott Angeschaute und Erkannte, als in Gott Begründete, als von Gott zu sich
Gerechnete. Es gibt keinen Menschen, der nicht im Lichte dieser Gehorsamstat
«in Christus» wäre: das neue, das mit
Gerechtigkeit bekleidete Subjekt
und darum und als solches unter die Freisprechung und göttliche Bejahung gestellt. Freilich: «sie werden als Gerechte
hingestellt werden» (2,13; 3,30; 5,17) – damit wir nicht vergessen, dass du und
ich als die, die wir sind, immer nur in Hoffnung dieser unsrer positiven Beziehung zu Gott gedenken
können. Wir stehen auf der Schwelle, aber wir stehen auf der Schwelle. Dies ist die neue Welt, der wir – immer wieder – entgegengehen.
V. 20‒21 Das Gesetz aber ist zwischen hineingekommen, damit
der Fall zum Überfließen komme. Wo aber die Sünde überfloss, da |252 überströmte die Gnade, damit, wie die Sünde
königlich herrschte im Tode, so auch die Gnade Königsgewalt übe durch
Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesus Christus unsern
Herrn.
«Das Gesetz ist zwischen hineingekommen, damit der Fall zum
Überfließen komme.» Im Blick auf 5,18–19 ist auch hier (wie 5,13–14 im
Blick auf 5,12) eine
Unterstreichung zu vollziehen. Sie betrifft noch einmal den schon als
«Fall» und
«Ungehorsam» vertieften und
verdeutlichten Begriff der Sünde und geschieht im Interesse eines letzten
Hinweises auf die überragende Bedeutsamkeit der gegenüberstehenden Begriffe
«Gerechtsprechung» und
«Gehorsam». Und wiederum ist es
der Begriff des Gesetzes, der zu dieser
Unterstreichung dienen muss. Fanden wir dort, dass die unanschauliche
Sünde sich als
Macht (im Tode) auch da
geltend macht, wo kein Gesetz ist, so wird hier zu zeigen sein, dass sie
gerade da, wo Gesetz ist, als
Sünde anschaulich wird. Weit entfernt davon, etwa tatsächlich
zwischen die zwei großen Weltbestimmtheiten «Fall» und «Gerechtsprechung», «Ungehorsam» und «Gehorsam»
als dritte Möglichkeit hineinzutreten, kann das Gesetz als anschauliche geschichtliche
Größe nur die Stelle, den Ort bezeichnen, wo der Gegensatz der zwei Welten
dem Menschen zum Bewusstsein kommen, wo die Notwendigkeit des
Umschlags von hier nach dort zur Erkenntnis werden muss. – In ihrem großen,
objektiven Zusammenhang, in ihrer unanschaulichen, in Gottes Willen und Walten begründeten
Pragmatik haben wir die neue
Welt der alten siegreich gegenübertreten sehen.
Haben wir dabei nicht doch etwas vergessen, übersehen, unterdrückt? Hat die
Beziehung
des Menschen zu Gott, in der wir «in Adam» oder «in Christus» sind, nicht auch ihre subjektive
menschliche Seite? Besteht neben
den unanschaulichen Möglichkeiten des «alten» und «neuen» 162 Menschen nicht auch die anschauliche
Möglichkeit, ein – religiöser Mensch zu sein? Ist nicht zwischen Adam und Christus als der dritte –
Mose (5,13–14) samt seinem
Bruder Aaron, der Prophet und der Priester, der glaubende, hoffende und liebende Mensch, der
Gottesfürchtige, der Gottgeweihte, der Gottbegeisterte, der Erweckte, der Wartende, der Eilende [vgl. 2.Petr. 3,12], der Horchende und Sehende, der Bereite und Tätige, der den
Sprung in die Luft
Wagende oder doch der im Kleinen Getreue [vgl. Lk. 16,10], der Denkende oder
auch der Handelnde oder auch der Betende, kurz: die Religion in
Geschichte und |253 Gegenwart61? Sollte
nicht, wo Religion ist, die
Schwelle, auf der der neue Mensch
steht, anschaulich überschritten, die dialektische
Waage von
Sünde und
Gerechtigkeit anschaulich ersetzt sein durch gesunde,
kräftige Gottmenschlichkeit und
Menschgöttlichkeit,
anschaulich gegeben (schlicht und einfach) ein Stück
oder doch Stücklein neue Welt? – Wir nehmen diese Frage ganz ernst. Jawohl, die Gottesbeziehung hat auch ihre subjektive,
menschliche, geschichtliche Seite. Es ist eine nicht genug zu beachtende
Tatsache, dass es religiöse Menschen gibt, dass die religiöse Haltung, das
religiöse Denken, das religiös motivierte Handeln unter tausend
verschiedenen (und in wie viel anziehenden, ernsthaften,
ehrfurchterregenden, starken!) Formen immer wieder geschichtliche
Wirklichkeit wird. Wir mögen relative Kritik üben an den mannigfachenae
Erscheinungen des religiösen
Gebietes und werden doch auch immer wieder mit relativer Anerkennung davor
stillstehen müssen. Einwänden, die sich etwa nur auf ihre zufällige Form und
Beschaffenheit beziehen, wird die Religion immer gewachsen sein. Denn unter allen menschlichen
Möglichkeiten ist gerade sie die tiefsinnigste, die reinste, die
lebenskräftigste und wandlungsfähigste. Religion ist die menschliche
Möglichkeit, von
Gottes Offenbarung einen
Eindruck zu empfangen und aufrecht
zu erhalten, die Drehung, Wendung und Bewegung vom alten zum neuen Menschen abzubilden, nachzuerleben, auszugestalten in den
anschaulichen Formen menschlichen Bewusstseins und menschlicher Schöpfungen, einsam oder gemeinsam
eine dem Wege Gottes am Menschen entsprechende, ihn vorbereitende,
begleitende oder ihm nachträglich folgende Haltung einzunehmen und bewusst
oder unbewusst zur Darstellung zu bringen. Als solche menschliche
Möglichkeit
ist «das Gesetz zwischen hineingekommen». Es ist eine
zweideutige Größe, schwebend zwischen Himmel und Erde, schillernd zwischen
höchster Verheißung und höchster
Fragwürdigkeit der
Erfüllung. Es scheint als Möglichkeit, seinem Anspruch,
seinem behaupteten, gemeinten und gesuchten Inhalt nach neue Welt, Gottesbesitz und Gottesgegenwart, Ge|254rechtigkeit und
Leben zu sein. «Ihr 163 habt das Gesetz empfangen durch der Engel Geschäfte» (Act. 7,53). «Das
Gesetz ist heilig und
seine Forderung ist heilig und gerecht und gut» (7,12). Es hat also offenbar auch
das Gesetz seinen unanschaulichen Grund
und Sinn in Gott, dem wir nicht genug nachfragen können (3,31), und hierin findet alle
Anerkennung, Vertretung und Verteidigung der Religion ihr relatives
Recht. Es ist aber offenbar als menschliche
Möglichkeit, als
geschichtliche Erscheinung und Wirklichkeit, seiner tatsächlich restlosen
Verflochtenheit in die Welt des Menschen, seiner jenen behaupteten Inhalt völlig
verhüllenden psychischen,
intellektuellen,
moralischen, soziologischen Form nach alte Welt, es steht im Schatten der Sünde und des Todes. Es wird
die göttliche Möglichkeit der Religion offenbar nie und nirgends menschliche Möglichkeit. Und hierin mag alle
Kritik der Religion ihr relatives Recht finden.
Jawohl, die Gottesbeziehung hat
notwendigerweise ihre subjektive Seite, aber
diese subjektive Seite ist als solche eben notwendigerweise unter dem Gesetz des Todes. Aus diesem Zwielicht gibt es offenbar
kein Entrinnen, weder für Aaron
noch für Mose, weder für das
minderwertigste noch für das höchststehende religiöse Erlebnis. Ungeschützt gegen das
Missverständnis, es handle
sich um eine neue Variante dieser menschlichen Möglichkeit (die doch eben keine
ist!), ist auch der historische Jesus «geboren vom Weibe und
unter das Gesetz getan» (Gal. 4,4), ist auch
das paradoxe Faktum des
paulinischen Apostolates,
ist auch unser «Wir haben Frieden mit Gott» (5,1). In diesem Zwielicht findet auch alle
Polemik der Religionen
untereinander und nicht zuletzt die (eo ipso religiöse!) Polemik gegen die
Religion überhaupt statt.
Welche Beteuerung, dass es bei «uns», dass es da und da «nicht so gemeint»
sei, vermöchte es, gerade unsere Religion, gerade diese oder jene geschichtliche
religiöse Erscheinung (und wäre es die der raffiniertesten Skepsis des außerordentlichsten religiös-unreligiösen
Außenseiters62!)
diesem Zwielicht, diesem
Missverständnis, zu
entrücken, ihre grundsätzliche Überlegenheit und Andersartigkeit sicher zu stellen? Wir verzichten auf solche
Beteuerung. Die Religion, die wir an
uns selbst und an Anderen allein kennen, ist die
Religion als menschliche Möglichkeit des höchst problematischen Versuchs,
den |255 Vogel im Fluge abzubilden63. Religion muss in
jedem anschaulichen, fasslichen und geschichtlichen Sinn als
Erscheinung innerhalb der Welt
des Menschen (die die Welt
der Sünde und des Todes ist) aufgefasst und – preisgegeben werden.
Alle Beachtung und Bewunderung, die der Religion innerhalb dieser Welt zukommt, darf uns
nicht hindern an der Einsicht, dass jeder Absolutheits-, jeder Transzendenz-, jeder
Unmittelbarkeitsanspruch der Religion nichtig ist. In
irgend einer 164 Verlängerung der Natur zur Über- oder Hinternatur
(Meta-Physik64), in irgend einer der
Zwischenreichsregionen des Sinnlich-Hintersinnlichen, irgendwo im Bezirke
Nicht-Gottes, des Gottes dieser
Welt [vgl. 2.Kor. 4,4] (der
auch «Leben», «Wirklichkeit»,
«Reich Gottes», «Jenseits» usw. heißen kann) bleiben auch ihre
kühnsten Intentionenaf, ihre
tiefsten Erlebnisse, ihre
himmelstürmendsten Programme
stecken. – Positiv ist von der Religion offenbar nur
das zu sagen, dass in ihr, als in der tiefsinnigsten, reinsten und –
zähesten menschlichen Möglichkeit die Welt des Menschen ihren Gipfel (ihren Gipfel!)
erreicht, erreichen muss. «Das Gesetz ist zwischen
hineingekommen, damit der Fall zum Überfließen
komme.» So wirkt die unanschauliche
Möglichkeit der
Religion als anschauliche menschliche Möglichkeit. Soag
muss sie wirken, damit der
«Fall» des Menschen
anschaulich werde, damit an seiner
Anschaulichkeit die
Notwendigkeit des Umschlags zur «Gerechtsprechung» zur Erkenntnis werde. |256 Dass der Mensch
Fleisch ist, sündig, ein Hindernis Gottes, unter
Gottes Zorn gestellt, seine ganze
Überheblichkeit und
Haltlosigkeit, die ganze Unzulänglichkeit seines Wissens und Wollens, das ganze
unerbittliche Halt!, das ihm geboten ist
– das alles kommt ja erst am religiösen Menschen zum Ausbruch. Das Gesetz verschafft Zorn, wo Gesetz ist, da
ist Übertretung (4,15), wo Gesetz ist, da wird
Sünde angerechnet (5,13). «Jeder von uns
ist in allem vor allen schuldig; und ich bin es mehr
als alle andern» (Dostojewski).65 «Vor war ich frei und ging bei der Nacht ohne
Laterne; jetzt, nach dem Gesetz, habe ich ein Gewissen und nehme eine
Laterne bei der Nacht. Also ist Gottes Gesetz nichts, denn eröffnen mein
böses Gewissen» (Luther).66
Das also ist die subjektive, die menschliche Seite
der Gottesbeziehung! Frei von
Jakobs Traum bleibt
Esau auch frei von Jakobs Lüge [vgl. Gen. 28,10–19; 27,1–40].
Israel sein aber heißt als
menschliche Möglichkeit: der Allerverachtetste und Unwerteste sein, voller Schmerzen und
Krankheit [vgl. Jes.
53,3]. Christus sein heißt als menschliche Möglichkeit: Sterben unter den
Übeltätern, sterben mit der Frage, mit der sich
Pilatus und Kaiphas nie verfehlt haben: «Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» [vgl. Mt. 27,46 par.]. Prophet und Priester, Theologe und
Philosoph, Glaubender, Liebender,
Hoffender sein in
irgend einem Sinn heißt als menschliche Möglichkeit: Scheitern an der Unmöglichkeit Gottes, vergeblich arbeiten
und seine Kraft unnütz zubringen, wiewohl die Sache des Herrn und das Amt
Gottes ist (Jes.
49,4), die Beule und Schwäre sein, in der die Krankheit Aller zum
Ausbruch kommt. Wer hier noch etwas Anderes erwartet, der weiß nicht, was
Gesetz, was Religion, was Erwähltsein und Berufensein
ist, der lasse 165 die Finger davon. Wo gebetet und gepredigt, dargestellt und geopfert, gefühlt und erlebt
wird vor Gott, da, da eben «überfließt» der Fall, da
eben wird das Unanschauliche, das «von Adam bis Mose»
vielleicht unanschaulich bleiben mochte (5,14), an|257schaulich: dass vor ihm kein Fleisch gerecht ist [vgl. 3,20]. Da
eben kann und muss die Krisis des Menschen an Gott, die
Krankheit zum Tode
ausbrechen.
«Wo aber die Sünde überfloss, da überströmte die
Gnade.» Es braucht also die Aufhebung auch der letzten
Gegebenheit, die
Katastrophe auch nochah gerade der religiösen Menschenmöglichkeit, damit der Umschlag von Gottes Nein zu Gottes Ja sich vollziehen, damit Gnade Gnade sein kann. Aber
indem diese Aufhebung und
Katastrophe sich ereignet,
indem der letzte Versuch, etwa nach Auflösung aller sonstigen Kurzschlüsse
jene Drehung, Wendung und Bewegung von Adam zu Christus zum Gegenstand einer
positiven oder negativen Methode zu
machen, in seiner Bedeutungslosigkeit erkannt ist, indem der Knecht Gottes – preisgegeben sich selbst
preisgibt, vollzieht sich jener Umschlag. Und darin
liegt das Recht des vom Gesetz, von der
Religion angemeldeten
Anspruchs. Was kann Heilvolleres
geschehen, als dass die Krankheit zum Tode ausbricht und wo sollte sie
ausbrechen als da, wo das Gesetz
zwischen hineingekommen ist: wo der Mensch in seiner ganzen
Fragwürdigkeit nicht mehr
Gottes nicht gedenken kann und wo eben darin seine
ganze Fragwürdigkeit zum Vorschein kommt? «Wenn er sein Leben zum
Schuldopfer gegeben hat, so wird er Samen haben und in die Länge leben, und
des Herrn Vornehmen wird durch seine Hand fortgehen. Darum, dass seine Seele
gearbeitet hat, wird er seine Lust sehen und die Fülle haben. Und durch
seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, Viele gerecht machen;
denn er trägt ihre Sünde» (Jes. 53,10–11). Hier ist die Aufhebung und Katastrophe, die den Saulus zum Paulus macht und die ihm zugleich das
Recht gibt, ja die Pflicht auferlegt, auch als Paulus ein rechter – Saulus zu sein. Denn was er als
Paulus ist, das ist er als
der, der erai
nicht ist, das ist das «Überströmen» der Gnade, das in jedem zeitlichen Augenblick ohne das
«Überfließen» der
Sünde in der Religion nicht geschehen kann. Man soll der zweideutigen geschichtlichen
Wirklichkeit der Religion nicht
entrinnen wollen – und es ist auch gesorgt dafür, dass man ihr nicht
entrinnt. Gnade ist Gnade da, wo die
religiöse Möglichkeit,
ganz ernst genommen, in voller Kraft |258 und
Entfaltung stehend – geopfert ist. Nur
da! Wir werden es uns aber verbieten, von diesem Nur da! aus auch nur weiter
zu denken, geschweige denn zu reden! Wohl denen, 166 die in überlegen
ausgeglichener Humanität vom Übermut und von der Tragik der Religion nichts zu wissen und denen die
Illusionen und Desillusionen
Israels erspart zu sein scheinen.
Ihnen, in pharisäische
Gedankengänge zurückbiegend, ein: «Wäre Christus in Athen geboren, so wäre keine Bürgschaft für ein
so königliches Herrschen der Gnade gegeben» (Zahn)67 nachzurufen, werden wir uns wohl hüten.
Denn dazu muss die Sünde
«überfließen» und die Gnade
«überströmen», «damit, wie die Sünde königlich herrschte
im Tode, so auch die Gnade Königsgewalt übe durch
Gerechtigkeit
zum ewigen Leben». Gottes Reich, Gottes Herrschafts- und Machtbezirk
ist die neue Welt, auf
deren Schwelle wir als neue
Menschen stehen. Er selbst,
er allein ist’s, der hier will und wählt, schafft und erlöst. Es geht um die
Echtheit der Bewegung von Adam zu Christus, wenn wir, Gleiches zu Gleichem stellend,
auch die religiöse Möglichkeit als letzte und höchste auf den
Generalnenner «Königsherrschaft der Sünde im Tode» bringen, um dann allem Gleichen das ganz und gar Ungleiche
der Gnade zu konfrontieren, welche
«Königsgewalt übt durch
Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesus
Christus unsern Herrn». Gnade ist nicht Gnade, wenn der Begnadete nicht der Gerichtete ist. Gerechtigkeit ist nicht Gerechtigkeit, wenn sie
nicht dem Sünder angerechnet ist. Leben ist nicht Leben, wenn
es nicht Leben aus dem Tode ist. Gott ist nicht Gott, wenn sein Anfang nicht das Ende des
Menschen ist. Dass die alte Welt ein
so vollständig, so lückenlos in sich geschlossener Kreis ist, aus dem es kein Entrinnen gibt, darin erkennen wir – im Lichte
der Auferstehung
Jesu von den Toten – die Bedeutung und Kraft
des nahenden Tages: des Tages
des neuen Menschen und der neuen Welt.