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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 2,1-12</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 2,1-12, 28. Dezember 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39054 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 452.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 2,1-12</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">452</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 2,1-12, 28. Dezember 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1938">KBA 1481</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-12-28">28. Dezember 1919</date>
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          <head><idno>499</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den <date when="1919-12-28">28. Dezember 1919</date> </dateline>

          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.2.1 Mt.2.12">Matthäus 2,1-12</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Da Jesus geboren war zu <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName> im jüdischen
                  Lande, zur Zeit des Königs <persName ref="kbga-actors-4393">Herodes</persName>, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenland gen
                  <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen
                  Stern gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten. Da das der König <persName ref="kbga-actors-4393">Herodes</persName> hörte,
                  erschrak er und mit ihm das ganze <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>. Und ließ versammeln alle
                  Hohenpriester und Schriftgelehrten unter dem Volk und erforschte von ihnen, wo
                  Christus sollte geboren werden. Und sie sagten ihm: Zu <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName> im jüdischen
                  Lande; denn also steht geschrieben durch den Propheten: «Und du, <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName> im
                  jüdischen Lande, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Juda’s; denn aus
                  dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei.» Da berief
                 <persName ref="kbga-actors-4393">Herodes</persName> die Weisen heimlich und erlernte mit Fleiß von ihnen, wann der Stern
                  erschienen wäre, und wies sie gen <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName> und sprach: Ziehet hin und forschet
                  fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, daß ich
                  auch komme und es anbete. Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und
                  siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen hin, bis
                  daß er kam und stand oben über, da das Kindlein war. Da sie den Stern sahen,
                  wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria,
                  seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und
                  schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und Gott befahl ihnen im Traum, daß sie
                  nicht sollten wieder zu <persName ref="kbga-actors-4393">Herodes</persName> lenken; und sie zogen durch einen andern Weg
                  wieder in ihr Land.] 
                </hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi> Heute, am letzten Sonntag des Jahres, wollen wir es uns noch einmal
            sagen lassen, daß <hi rend="italic">der Weg ins Reich Gottes</hi> für uns alle, für alle
            Menschen offen und gangbar ist. Über dem Vielen, das man im Lauf eines Jahres denkt und
            hört und sieht, kommt man leicht in Gefahr, <hi rend="italic">das zu vergessen</hi>, und dann
            gibt es kein gutes Ende und keinen guten Anfang. Man wird <hi rend="italic">müde</hi>, man
            erlebt <hi rend="italic">Enttäuschungen</hi>, man hat auf alle Fälle das Gefühl, in einem
            schweren <hi rend="italic">Kampf</hi> zu stehen, in dem man arm an Helfern und reich an
            Feinden ist. Und da wird man dann leicht <hi rend="italic">innerlich hart</hi>, auch wenn man
            auf Gott vertraut und ihm leben möchte. Man kommt in eine <hi rend="italic">Stimmung</hi> von
            Einsamkeit und Leiden hinein. Man wird mißtrauisch gegen viele Menschen, auch
            mißtrauisch gegen sich selbst. Man sieht das wahre Leben, den Weg Gottes auf Erden, als
            eine fast <hi rend="italic">unerreichbar hohe Sache</hi> an, die wohl nur für Wenige be<pb ed="pga" xml:id="p445" break="no"/>stimmt ist, und von diesen Wenigen möchte man bald
            Andere, bald sich selbst mit einer gewissen traurigen Geringschätzung ausschließen. Man
            übersieht die großen, reichen <hi rend="italic">Möglichkeiten</hi> für das Reich Gottes, die
            doch eigentlich für Alle und beständig und überall vorhanden sind. Man <hi rend="italic">überhört den Ton</hi> von der Freude, die noch allem Volk widerfahren soll [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.10">Lk. 2,10</ref>]. Man <hi rend="italic">denkt zu viel
              daran</hi>, daß wir Menschen, die Anderen und wir selbst, nicht die Rechten sind für
            das Reich Gottes, das zu uns kommen will, und man <hi rend="italic">denkt zu wenig</hi> an
            Gott, auch wenn man sehr viel an ihn denkt. Und das alles ist nicht gut. In Gott ist und
            von Gott her [kommt] zu uns immer <hi rend="italic">viel mehr Freiheit</hi>, Wachheit und
            Offenheit, als wir sehen, und das ist’s, was wir uns heute noch einmal gegenseitig sagen
            wollen.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Die Weisen aus dem Morgenlande waren ja auch <hi rend="italic">noch gar nicht die Rechten</hi>, um die Botschaft von der Geburt des Heilands
            in die Gottesstadt <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> zu bringen. Sie waren ja <hi rend="italic">nicht dabei
              gewesen</hi> und wußten eigentlich überhaupt nichts davon. Sie konnten <hi rend="italic">nichts rühmen</hi> von großen Werken und Taten Gottes, die sie erlebt und erfahren
            hatten; von Gott kam in der Frage, die sie nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> brachten, überhaupt nichts
            vor. Es war auch niemand zu ihnen gekommen, um <hi rend="italic">sie zu bekehren</hi>, wie
            etwa heute die Heiden von den Missionaren oder Weltleute durch Bußprediger bekehrt
            werden; sie waren immer noch Heiden und Weltleute, als sie nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> kamen. Eine
              <hi rend="italic">sehr seltsame</hi> Vorstellung, zu der  sie auf ebenso seltsamem Weg gekommen waren, hatte sie aus weiter
            Ferne hieher geführt, und als sie dann nach <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName> kamen, war Alles ganz anders, als
            sie sich vorgestellt hatten. Sie verdienten eigentlich nicht einmal <hi rend="italic">den
              Namen Weise;</hi> wenigstens würden wir Leute, die sich von Berufs wegen mit
            Sterndeutung und Wahrsagerei abgeben, nicht gerade Weise, sondern eher Abergläubische
            und Betrüger heißen. Und schließlich war das, was sie nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> brachten, ja eben
            keine stolze, starke Gewißheit, sondern <hi rend="italic">nur eine Frage:</hi> Wo ist der
            neugeborene König der Juden? Sie erwarteten ganz demütig und verlegen, daß dort ungefähr
            jedermann wisse, was sie suchten. Sie meinten nicht etwas zu bringen, sondern etwas zu
            holen.|</p>
          <p>Und <hi rend="sans-serif">trotz alledem waren sie die Rechten.</hi>
            <hi rend="italic">Wußten</hi>, was man in der Gottesstadt nicht wußte. Hatten <hi rend="italic">in
              den Sternen gelesen</hi>, was den Ge<pb ed="pga" xml:id="p446" break="no"/>lehrten in
            <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> bei allem Bibellesen nicht aufgegangen war. Hatten durch die Mittel ihrer <hi rend="italic">Gaukelkunst</hi> gefunden, was der Geist Gottes den Frömmsten nicht
            anvertraut hatte. Waren <hi rend="italic">unbekehrt</hi> und doch von Gott gerufen und Gott
            gehorsam. Waren <hi rend="italic">Weltleute</hi> und doch Gottes Boten. <hi rend="italic">Wußten
              nichts</hi> und wußten doch Alles. Waren <hi rend="italic">die Letzten</hi> und doch die
            Ersten. Das ist gut. Das soll uns warnen und das kann uns trösten. <hi rend="italic">Warnen</hi>, wenn etwas in uns hart werden will gegen Andere, die wir im Schatten der
            Torheit ihren Weg gehen sehen. Und <hi rend="italic">trösten</hi> dann, wenn auch etwas in
            uns gegen uns selbst hart werden möchte, weil wir uns selbst im Schatten fühlen. Dieses
            Im-Schatten-Sein ist freilich eine sehr <hi rend="italic">ernste</hi> Tatsache. Ernst, aber
              <hi rend="italic">nicht ewig.</hi> Licht und Schatten haben keine eigene Macht. Das
            Leuchten der Sonne aber hat Macht, im nächsten Augenblick dort Licht zu schaffen, wo
            eben noch Schatten war. Und vielleicht ist dann Schatten, wo eben noch Licht war. Wir
            sollten <hi rend="sans-serif">die Frage, ob Andere, ob wir selbst die Rechten
              sind,</hi>
            <hi rend="italic">nicht so ernst</hi> nehmen, wie wir es in besorgten, müden Stunden gerne
            tun. <hi rend="italic">Die Härte</hi>, die dabei immer in uns ist, ist nicht aus Gott. In
            Gott <hi rend="italic">ist die Freiheit</hi>, jeden Augenblick zu Jedem von uns zu sagen: Du
            bist gerade der Rechte, du bist gerade recht, so wie du bist, <hi rend="italic">ich</hi> habe
            dich dazu gemacht, und <hi rend="italic">mir</hi> mußt du so dienen, und nun <hi rend="italic">wag</hi> es, ohne links und rechts zu sehen, ohne dich zu rühmen und ohne dich zu
            fürchten! Vielleicht hat er das <hi rend="italic">schon zu uns gesagt</hi>, vielleicht zu
            dir, der du jetzt so viel über dich selbst zu seufzen hast, vielleicht auch zu dem
            Anderen, über den du immer seufzen mußt! Es ist vielleicht von euch nicht gehört, noch
            nicht verstanden, noch nicht befolgt. Den <hi rend="italic">Propheten</hi> gegenüber z. B.
            war das Reden Gottes immer viel früher als ihr Hören, und nachher mußten sie sich
            gestehen, daß sie eigentlich schon
            lange gehört hatten und nur nicht hören, nicht verstehen, nicht gehorchen wollten. Eines
            Tages aber stand nach allem Warten von Seiten Gottes und der Menschen doch <hi rend="italic">ein Prophet</hi> da, wie aus dem Nichts geschaffen, ein <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>, ein <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName>, ein <persName ref="kbga-actors-2208">Jona</persName>.
            Licht, wo eben noch Schatten gewesen, Sonnenlicht, nicht Menschenlicht, sondern
            Gotteslicht. So ist eines Tages <hi rend="italic">der Zug der Weisen aus dem Morgenland</hi>
            aufgebrochen, um den Heiland zu sehen und anzubeten, den sie nicht kannten, aus der
            Ferne, aus der Fremde, aus dem Heidentum, aus dem Nichts, nur <hi rend="italic">aus der
              Freiheit Gottes</hi>, der an keine Unterschiede von Guten und Bösen, Klugen und
            Törichten, Gläubigen und Ungläubi<pb ed="pga" xml:id="p447" break="no"/>gen gebunden
            ist, sondern immer wieder wählt, wen er will. Wenn wir an diese schrankenlose göttliche
            Freiheit denken, lernen wir es, weiser [?] zu denken.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Es ist nicht zu verkennen, daß <hi rend="sans-serif">die Bibel im Alten und Neuen Testament</hi> eine gewisse
            Vorliebe hat für <hi rend="italic">Gestalten von der Art</hi> dieser Weisen aus dem
            Morgenland. So hören wir in der Geschichte <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName></hi> von dem König
            <persName ref="kbga-actors-2931">Melchisedek von Salem</persName>, der nicht zum Volk der Beschneidung gehört und doch den <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>,
            den Vater der Gläubigen, segnet, von ihm den Zehnten empfängt, als ob er sein Herr wäre,
            und ein Priester des Allerhöchsten genannt wird [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.14.18 Gen.14.20">Gen. 14,18-20</ref>]. Als das Volk Israel an die Grenze <placeName ref="kbga-places-1045">Kanaans</placeName> kam, da
            wurde es von dem moabitischen <hi rend="italic">Zauberer <persName ref="kbga-actors-2155">Bileam</persName></hi>, der ihm fluchen sollte,
            mit einer Verheißung empfangen, so schön und groß, wie sie nur je von einem gläubigen
            Gottesmann ausgesprochen worden ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Num.22 Num.24">Num. 22-24</ref>]. Und eine Tochter aus demselben heidnischen Volk, <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2976">Ruth</persName></hi>, wurde auf dieselbe unerklärliche Weise zur Ahnherrin des ganzen
            königlichen <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName>shauses [<ref type="can" subtype="bible" target="Rt.4.13 Rt.4.17">Ruth
            4,13-17</ref>]. Aus dem Neuen Testament könnten wir an Gestalten wie an den <hi rend="italic">Hauptmann von <placeName ref="kbga-places-862">Kapernaum</placeName></hi> denken, von dem Jesus gesagt, solchen Glauben habe er in
            Israel nicht gefunden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.8.10">Mt. 8,10</ref> par.],
            oder an den anderen <hi rend="italic">Hauptmann <persName ref="kbga-actors-2170">Cornelius</persName></hi> von Cäsarea, dem der Apostel
            <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> fast gegen seinen Willen das Evangelium verkündigen und die Taufe erteilen mußte
            [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.10">Act 10</ref>]. Es müssen offenbar immer
            wieder solche <hi rend="italic">Neulinge</hi> auftreten gegenüber dem Reiche Gottes, die dann
            den Eingeborenen auf einen Schlag weit <hi rend="italic">voraus</hi> sind. Wie zur
            Erinnerung, daß es mit dem Eingeboren- und Eingebürgertsein offenbar <hi rend="italic">nicht
              getan</hi> ist und daß doch <hi rend="italic">niemand</hi>, der sich draußen fühlt, sich
            darum als ausgeschlossen fühlen müsse. Das Reich Christi ist <hi rend="italic">ein Haus</hi>,
            aber ein Haus mit offenen Türen und Fenstern nach allen Seiten. Wie ja auch das <hi rend="italic">himmlische <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName></hi> in der Offenbarung beschrieben wird als eine Stadt
            mit je drei Toren nach Norden, nach Süden, nach Osten, nach Westen, und diese zwölf Tore
            sind Tag und Nacht unverschlossen [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.10 Apk.21.13">Apk. 21,10-13</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.25">25</ref>]! Der Eingang ist also zu jeder Zeit und von allen
            Seiten leicht zu finden.</p>
          <p>Wir sollten vielleicht gerade <hi rend="sans-serif">heute viel mehr an diese
              Seite der Bibel</hi> denken, an die göttliche <hi rend="italic">Freiheit</hi> und
            Weitherzigkeit, an das Wort des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, daß Gott nicht nur der Juden Gott, sondern auch
            <hi rend="italic">der Heiden <pb ed="pga" xml:id="p448"/> Gott</hi> ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.29">Röm. 3,29</ref>], Das ist etwas ganz Anderes als die
            sogenannte Toleranz, wo man einander einfach laufen [?] und machen läßt. Es ist nicht
            Alles eins. Es ist <hi rend="italic">ein Unterschied</hi>, ob wir von Gott berufen sind oder
            nicht, ob wir den Heiland sehen oder nicht sehen. Aber die Unterschiede und Gegensätze,
            die da bestehen, sind <hi rend="italic">nicht so hart</hi>, nicht so starr, wie wir denken.
            Sie sind gegenüber den Unterschieden, die wir immer machen möchten, <hi rend="italic">beweglich</hi> und veränderlich. Es sind eben die Unterschiede, die <hi rend="italic">Gott
              selbst</hi> macht, und Gott ist lebendig, er <hi rend="italic">geht weiter.</hi> Er <hi rend="italic">wählt.</hi> Er beruft. Er setzt ein. Und er wählt immer <hi rend="italic">neu.</hi> Es soll niemand denken, er sei <hi rend="italic">für ewig draußen</hi>, und wenn
            er sich noch so draußen fühlte. Es soll aber auch niemand denken, daß er <hi rend="italic">für ewig drinnen</hi> sei. Er muß vielleicht <hi rend="italic">ganz neu erwählt</hi>
            werden wie die Weisen aus dem Morgenlande, um ganz neu hineinzukommen. Das wird heute
            klarer als je. Wir können z. B. den <hi rend="italic">Unterschied, der uns von den Katholiken
              trennt</hi>, immer weniger ernst nehmen; wir sehen ihn, aber wir wissen: es kommt auf
            etwas Anderes an. Es will auf dem ganzen religiösen und geistigen Gebiet nirgends mehr
            recht gelingen, die Menschen zu <hi rend="italic">großen, geschlossenen Gruppen und
              Parteien</hi> zusammenzuballen. Es ist da Alles in Auflösung, es gibt immer neue
            Unterschiede in den Unterschieden, es muß jeder seinen eigenen Weg suchen. Es ist, wie
            wenn das Andere: das Sich-Zusammentun und Voneinander-Ausschließen nicht mehr sein
            sollte. Es ist, wie wenn <hi rend="italic">alle Besonderheiten</hi> ihren Wert und ihren
            Ernst verlieren sollten gegenüber dem Einen, was not tut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], von dem heute unter allerlei Volk und
            allerlei Zunge die Rede ist. Wir können das <hi rend="italic">bedauern.</hi> Wir können uns
            dagegen wehren. Es ist möglich, daß wir vielleicht in eine Zeit gehen, in der die
            Kirchen und Sekten und Parteien mit ihrem Sich-Zusammentun und Sich-Ausschließen noch
            einmal große Bedeutung bekommen. Wir können aber auch zur Erkenntnis kommen, daß es von
            jeher gegeben hat und immer mehr geben wird <hi rend="italic">eine göttliche Berufung</hi>,
              <hi rend="italic">ein Suchen des Heilands</hi> auch außerhalb der Mauern, in denen wir uns
            befanden und befinden müssen. Das himmlische <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> mit den zwölf Pforten nach allen
            Seiten ist <hi rend="italic">noch nicht da, aber es kommt</hi>, es kündigt sich an nach der
            Auflösung und Zerrissenheit unserer Zeit. Wir wollen uns selbst, unserer jetzigen
            Erkenntnis <hi rend="italic">treu</hi> sein, wir wollen keine anderen Wege
               gehen als die, die wir wirklich gehen
              <hi rend="italic">müssen.</hi> Wir wollen uns selbst und die Anderen <pb ed="pga" xml:id="p449"/>
            <hi rend="italic">prüfen</hi>, wiefern in ihnen und in uns etwas ist, was auf diese kommende
            vielseitige Einheit hinweist. Wir wollen aber <hi rend="italic">aufmerksam und offen</hi>
            sein. Es könnten ja immer <persName ref="kbga-actors-2931">Melchisedek</persName>, <persName ref="kbga-actors-2155">Bileam</persName> oder <persName ref="kbga-actors-2976">Ruth</persName> oder die Weisen aus dem
            Morgenland sein, wer uns da aus der Ferne, aus der Fremde, aus dem Nichts heraus
            begegnet und uns doch die Botschaft von der Geburt des Heilands mit sich bringt. Und das
              <hi rend="italic">nicht aus Nachsicht und Duldung</hi> gegen die Menschen, sondern gerade
            im eifrigsten Gedenken an Gott, aber eben im Gedanken an Gottes <hi rend="italic">Freiheit.</hi> Wieviel <hi rend="italic">eifriger, wieviel hoffnungsvoller</hi> könnten
            wir in die Zukunft sehen, wenn wir besser und mehr daran denken würden!</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Wie es geht, <hi rend="italic">wenn man nicht daran
              denkt</hi>, das sehen wir in unserer Geschichte an <persName ref="kbga-actors-4393">Herodes</persName> und den Leuten von
            <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>. Wir wollen nicht lange von ihnen reden. Wie der König <persName ref="kbga-actors-4393">Herodes</persName> <hi rend="italic">erschrak</hi>, weil er nichts Anderes fürchtete, als daß dieser neugeborene König der
            Juden ihn vom Thron stürzen werde. Wie das ganze <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> mit ihm Angst bekam, weil sie
            offenbar von diesem Ereignis, das sie so lange erwartet, um das sie so lange gebetet,
            ganz <hi rend="italic">schreckliche Dinge erwarteten.</hi> Wie die Schriftgelehrten in ihren
            Büchern blätterten und ganz genau sagen konnten, wo Christus geboren werden müsse, nur
            daß sie gar nicht darauf gefaßt waren, <hi rend="italic">daß er wirklich geboren werde</hi>
            oder sogar schon geboren sein könnte. Wie <persName ref="kbga-actors-4393">Herodes</persName> dann seine <hi rend="italic">klugen Pläne
              faßte</hi>, um des gefährlichen Kindes habhaft zu werden, und wie man ihm zuletzt den
              <hi rend="italic">Weg zeigte</hi>, den man selbst nicht ging. Warum nur diese ganze
            Verwirrung? Weil sie alle, vom unfrommen König bis zu den frommen Schriftgelehrten bis
            zu den Gleichgiltigen auf der Straße <hi rend="italic">nicht weich, sondern hart</hi>
            dachten. Weil sie <hi rend="italic">nicht an die göttliche Freiheit</hi> dachten. An Gott
            dachten sie alle. Aber daß es <hi rend="italic">mit Gott Ernst</hi> werden könnte - das ist
            doch die göttliche Freiheit -, daß <hi rend="italic">die Verheißungen in Erfüllung</hi>
            gehen, der Heiland erscheinen, der Tag Gottes anbrechen, die Heiden nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>
            kommen könnten, wie geschrieben stand [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.60.3 Jes.60.15">Jes. 60,3-15</ref> u. ö.], daran dachten sie nicht. <hi rend="italic">Es war ihnen
              genug</hi>, daß es geschrieben stand, genug, sich daran zu erbauen, darüber zu
            studieren, daran zu glauben, darum zu beten. Und nun <hi rend="italic">geschah es mit einem
              Mal.</hi> Und da war es ihnen etwas ganz Neues, Unerwartetes, Unglaubliches und
            Unerwünschtes. <hi rend="italic">Ja, Gott in den Büchern</hi>, Gott in der Kirche, Gott in
            den Gedanken - <hi rend="italic">aber Gott im <pb ed="pga" xml:id="p450"/> Leben</hi>, Gott
            in Gestalt der <hi rend="italic">dringenden, verlegenen Frage:</hi> Wo ist [der neugeborene
            König der Juden?] Wo ist das Heil, das euch verheißen ist und von dessen Erfüllung wir wissen? Diese Frage im Munde von
              <hi rend="italic">unbekannten Fremden</hi>, die gar nichts von Gottesmännern an sich
            hatten, - Gott in Gestalt der <hi rend="italic">Tatsache:</hi> diese könnten am Ende in
            Wahrheit wissen, was bei uns nur Glaube ist, das war unheimlich, das war fürchterlich.
            Selbstverständlich, daß sie den Fremden <hi rend="italic">nicht trauten</hi>, sie konnten und
            wollten ihnen nicht trauen, sie durften ja nicht im Rechte sein, es durfte ja nicht
            möglich sein, und darum ließen sie sie ihres Weges ziehen, als ob ihre Sache nicht ihre
            eigene Sache gewesen wäre. Sie trauten aber <hi rend="italic">auch sich selbst nicht</hi>,
            ihr ganzes Verhältnis zu Gott wurde ihnen auf einmal bedenklich, als sie durch die Frage
            der heidnischen Gaukler erfuhren, daß Gott am Ende wirklich Gott sein könnte, und darum
              <hi rend="italic">fürchteten sie sich</hi> und <hi rend="italic">versuchte es <persName ref="kbga-actors-4393">Herodes</persName></hi>, dem
            rollenden Rad in die Speichen zu greifen. Sie waren offenbar selber auch nicht die
            Rechten. Es ist die Haltung von Menschen, <hi rend="italic">die zu sicher</hi> waren und
            darum nie versanken in Unsicherheit, die zu hart gewesen und darum <hi rend="italic">nie
              zerschlagen</hi> [?] wurden. So kommt man zurück, so kommt man aufs Nebengeleise und
            bleibt stehen, wenn man nicht offen und aufmerksam ist, wenn man den Gedanken an Gottes
            Freiheit vergessen hat.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">5.</hi> An den Weisen aus dem Morgenland selbst kann man
              <hi rend="sans-serif">das Andere sehen, wie es ist, wenn Gott seine Freiheit
              braucht.</hi> «Wir haben seinen Stern gesehen». Das ist das Einzige, <hi rend="italic">was
              sie vom Heiland wissen</hi>, eigentlich nichts von ihm, nur etwas Unbestimmtes von
            einem König der Juden, der geboren werden solle. Aber der Stern genügte. Als sie
            <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> hinter sich hatten, sahen sie ihn wieder und «wurden hoch erfreut». Er war
            ihnen <hi rend="italic">das Zeichen, daß sie sich aufmachen</hi>, hingehen und anbeten
            mußten, und sie gehorchten ihm. <hi rend="italic">Die Schriftgelehrten in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> hatten
              viel bessere Zeichen</hi> in ihren Bibeln und gehorchten ihnen nicht. Es kommt nicht
            darauf an, <hi rend="italic">welches Zeichen</hi> uns den Befehl zum Aufbruch gibt. Dem
            Fischer <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> ist sein Netz voller Fische zum Zeichen geworden [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.5.1 Lk.5.11">Lk. 5,1-11</ref>], daß die Wende der Zeiten nahe sei,
            das [?] Neue zu tun, wie sich’s gehörte, im Neuen [?]. Es kommt nur darauf an, daß der
            Mensch, wenn er ein solches Zeichen bekommt, <hi rend="italic">gehorcht und aufbricht.</hi>
            <hi rend="italic">Ein Stern ist ein kleiner Punkt</hi> am Himmel, <pb ed="pga" xml:id="p451"/> man muß gut aufmerken, um zu merken, da ist ein neuer Stern, was hat der zu bedeuten?
            Wenn ein solcher kleiner neuer Punkt einem Menschen aufgeht in seinem Leben, vielleicht
            eine scheinbar ganz nebensächliche Frage oder Sorge, wenn der ihm auf einmal so groß und
            wichtig wird, daß er merkt: da hängt nun Alles davon ab, daß ich dem nachgehe, daß ich
            da Antwort bekomme, wenn sein Leben nur eine Suche und Frage wird nach dem Einen, was sich ihm da angezeigt hat, seht,
            dann braucht Gott seine Freiheit.</p>
          <p>Sollte das so etwas Seltsames sein?</p>
          <p>Sollte das nicht uns allen möglich sein?</p>
          <p>Sollte sich daraus nicht Alles ergeben: das Suchen, das Finden, das Darbringen, das
            Anbeten?</p>
          <p>Wenn uns ein solcher Stern aufgeht, dann wissen wir, daß wir erwählt sind. In diesem
            Wissen wollen wir ruhen [?] und gehen.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-331" type="song"> Nr. 101 «Werde Licht, du Volk der Heiden» von
              <persName ref="kbga-actors-10440">J. Fr. Mudre</persName> (1736-1810), Strophen 1.2.4</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-48" type="song">Nr. 237 «Wie schön leucht’t uns der
              Morgenstern» von <persName ref="kbga-actors-4872">Ph. Nicolai</persName>, Strophen 1. 7 (RG [1998] 653,1.7; EG 70,1.7; jeweils mit
              Textabweichungen)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
