15. Juni 1919

Epheser 4,1-6

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Epheser 4,1-6

So ermahne ich euch nun, ich Gefangener in dem Herrn: wandelt würdig der Berufung, zu der ihr berufen seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld! Ertraget einander in Liebe! Seid fleißig, die Einheit des Geistes zu bewahren im Bande des Friedens!

Ein Leib und ein Geist, wie ihr ja auch durch eure Berufung zu einer Hoffnung berufen seid! Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe! Ein Gott und Vater Aller, der da ist über Allem und durch Alles und in Allem.

1. Es gibt nur eine wichtige Frage. Es fragt sich nämlich, ob wir’s schon gemerkt haben, daß das Leben selbst eine herrliche, heilige, verantwortliche Sache ist. Eine Sache, die unendlich viel größer und höher ist als unser kleines Dasein und die uns doch unendlich viel mehr angeht als alles Andere, und wenn es uns noch so heftig brennte und bewegte. Eine Sache, die unserem Herzen und unserem Verstand zunächst kaum faßbar erscheint und die uns doch sofort ganz verständlich wird, wenn wir einmal auch nur auf einen Augenblick um die Ecke gesehen haben. Eine Sache, die ihren eigenen Weg vorwärts geht und bei der wir doch absolut dabei sein müssen mit ganzer Seele. Eine Sache ganz für sich, die man mit keinen anderen Angelegenheiten vermischen kann und um die es doch beständig geht im Großen wie im Kleinen bis in die kleinsten Entscheidungen des Alltags hinein. Das ist das Leben. Nicht das Familienleben, nicht das Berufsleben, nicht das persönliche Leben, nicht das politische und nicht das religiöse Leben und doch auch wieder das alles miteinander und Alles, was wir nur Leben heißen mögen - das Leben selbst, das Leben, das da ist über Allem und durch Alles und in Allem. Und das ist eben die allein wichtige Frage, ob wir’s gemerkt haben, daß das Leben so ernst ist wie nichts Anderes und so freudig wie nichts Anderes. Wir stehen auf dem Boden des Lebens, sicherer, als daß wir auf dem Erdboden stehen. Wir atmen das Leben, sicherer als die Luft. Wir nähren uns vom Leben, sicherer als vom Brot. Was uns fehlt, ist das Leben, und wenn das Leben uns nicht fehlte, würde uns nichts fehlen; alles Andere, wonach wir seufzen und schreien, sind nur kindliche, unvollkommene Ausdrücke für das Leben. Wir leben um des Lebens willen, alle anderen |224 scheinbaren Lebenszwecke sind nur Seitenwege, wie man eben einmal einen Ausflug macht zwischen der Arbeit, wir müssen doch immer wieder zur Hauptsache zurück. Das Leben verlangt unsere Aufmerksamkeit, unsere Teilnahme, unsere Mitarbeit. Es will im tiefsten Grunde das Einzige sein, über das wir trauern und über das wir jubeln. Es hat uns in Beschlag genommen, es will uns immer mehr in Anspruch nehmen, es will uns ganz haben. Es will immer mehr über Allem und durch Alles und in Allem sein, was wir Leben heißen.

2. O, fragt mich doch nicht: was ist das, das Leben? Sagt mir doch nicht: wir wissen nicht, was das ist, wir verstehen dich nicht! Es ist ja wahr, daß wir die rechten Worte nicht haben dafür, daß wir alle in Verlegenheit kommen, wenn wir vom Leben reden hören oder gar selber reden möchten. Aber das kann doch niemand sagen, daß er noch gar nichts gemerkt hat von dieser Sache des Lebens im Leben, dieser verborgenen Hauptsache des Lebens, die so unvergleichlich drängt und treibt und beunruhigt und doch auch wieder so unvergleichlich friedlich, still und selig ist. Wir haben’s doch gemerkt. Wir sehen doch alle irgendwo die große Not, den wunden Punkt, das Rätsel, das Hindernis, gegen das wir anstürmen und vor dem wir nicht weiterkommen. Der Eine sieht’s in seiner Familie, der andere in den politischen und wirtschaftlichen Zuständen, der andere an einem bestimmten Mitmenschen, der andere in seinem eigenen Charakter und vielleicht noch tiefer in sich selbst. Aber wir sehen es. Es beschäftigt, betrübt und bedrückt uns alle irgendwie etwas ganz Großes. Wir sehen aber auch alle irgendwo die große Hoffnung, eine Art Antwort und Auflösung, eine schöne Möglichkeit, die aus der Verwirrung und Dunkelheit herausführen könnte. Es kommt jetzt nicht so viel darauf an, wie wir uns das vorstellen, wie wir das sehen. Unsere Hoffnungen mögen so verschieden sein wie unsere Nöte. Aber wir sehen auch eine Hoffnung. Irgendwo ist etwas, das uns trotz Allem noch freut, tröstet, ermutigt, mit Zuversicht erfüllt. |

Und nun sehen wir noch etwas Drittes neben der Not und der Hoffnung. Wir sehen alle, daß die Hoffnung größer ist als die Not. Ich sage das auch von denen und zu denen, die die Lage als ganz bedrohlich ansehen, die über ihre Mitmenschen und vielleicht auch über sich selbst ein ganz scharfes Urteil fällen, die ganz tief betrübt und be|225drückt sind von ihrer besonderen oder von einer mehr allgemeinen Not. Nicht wahr, die Hoffnung, die ihr seht, ist doch immer noch ein wenig größer als die Not. Nicht wahr, eigentlich, im Ernst, im tiefsten Grunde kann gar niemand behaupten, daß Heil und Unheil, Segen und Fluch ungefähr gleich stark seien, sich die Waage halten, oder gar, daß die Finsternis stärker, größer sei als das Licht. Nein, das wissen wir ganz gut, das kleine Pünktlein Hoffnung in uns hat mehr Recht und mehr Kraft als das ganze Meer von Not, das auch in uns sein mag. Das Zünglein der Waage geht auf diese Seite. Die Vorberge sind groß, aber die Alpen sind noch größer. Vielleicht freuen wir uns nicht genug darüber. Vielleicht nehmen wir es nicht ernst genug damit. Vielleicht machen wir ein Gesicht und führen Worte, als ob wir keine Hoffnung hätten. Vielleicht haben wir manchmal Lust, alle Hoffnung zu verleugnen. Aber wir können nicht. Unser Herz ist nicht dabei. In dem Augenblick, wo wir aufrichtig sind, wo wir ganz uns selbst1 sind, fühlen wir uns vorwärts gewiesen. |

Seht, das ist das Leben. Wie sollten wir2 davon nichts wissen? Wir stehen in einem scharfen, schweren Gericht. Aber es ist auch Gnade mit uns und über uns. Und die Gnade geht hell und froh auf wie der Morgenstern und verkündigt den vollen Tag. Das ist das Leben, so berührt es uns alle. - Wir müssen3 den tiefen Jammer, der da irgendwo vorhanden ist auch für uns, einsehen und anerkennen, nicht sagen: es ist nicht so gefährlich, es geht mich nichts an! Wir müssen dem wunden Punkt nachgehen, müssen uns erschrecken, erschüttern lassen davon, daß dieses Hindernis da ist. Wir müssen aber auch auf das Gute sehen, das jetzt schon da ist und sich uns anbietet, müssen uns trösten und ermutigen lassen, wo Trost und Ermutigung ist, müssen an die bessere Möglichkeit glauben, wo sie sich auftut. Wir sind gesegnet, wir müssen uns segnen lassen. Und darüber hinaus: wir müssen uns schon [?] führen lassen, müssen das Zünglein der Waage nicht hindern, den Morgenstern nicht aufhalten wollen in seinem freudigen Lauf, müssen allmählich ehrlich eingestehen können, daß die Alpen wirklich höher sind als die Vorberge, müssen uns immer bereit halten, |226 wieder einen Schritt zu tun, müssen bald wartend und bald eilend von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und aus allen unseren Kräften [vgl. Mk. 12,30] dabei sein, wenn das Licht über die Finsternis Meister wird. - Das ist das Leben4, wir sind alle daran beteiligt, an seiner Bewegung, an seinem Fortschreiten, an seinen Kämpfen und Siegen. Und das eben ist die allein wichtige Frage, ob wir im Ernst und mit Freude daran beteiligt sind, ob wir das alles recht klar vor Augen und recht tief im Herzen haben, ob wir bewegte Menschen sind. Die große Sache des Lebens, von der wir da reden, ist aber die Sache Gottes. Und die Lebensfrage ist eigentlich die Gottesfrage. Und wenn uns diese Sache wichtig wird, dann werden wir von Gott berufen in seinen Dienst und zu seinem Reich. Und wer das Leben ergreift an irgend einem Punkt, der wird eben damit von Gott ergriffen. Und wenn ihr mich fragt, woher ich das alles weiß, so antworte ich: das ist die Lebenswahrheit, die uns im Heiland offenbart ist und die wir bei ihm immer wieder suchen müssen.

3. Und nun hören wir in unserem Text, darin liege das Geheimnis der Einheit, des Friedens, der Liebe unter den Menschen, daß wir von der Sache Gottes bewegt werden. Steht es mit dieser Bewegung, wie es soll, dann sind [wir] einig. Bewegte Menschen sind friedliche Menschen. Je weiter es mit uns kommt im Merken dieses Einen, was not tut [vgl. Lk. 10,42], desto lieber können wir einander haben. Wenn Paulus recht hat, dann hängt also die Liebe aufs engste mit dem Leben zusammen. Wo man das Leben versteht [?], dem Leben sich hingibt, wo man Gott gehorsam wird, da kommt die Liebe von selber. Im Dienst der Sache Gottes werden wir einig. Denn da heißt es: ein Leib und ein Geist (nämlich der Leib und Geist des Heilands) - eine triumphierende Hoffnung, zu der wir berufen sind, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater über Allem. Das Reich Gottes ist in sich einig und unteilbar. Es gibt nur ein Leben, in das wir durch den Heiland hineingestellt werden. Und so betreten wir hier das Gebiet, wo es möglich und sogar notwendig ist, einig zu sein und sich lieb zu haben. Wenn wir dieses Gebiet wirklich betreten, wenn wir uns im Ernst und mit Freude hingeben an die Sache des Lebens, wenn wir |227 würdig wandeln der Berufung, mit der wir berufen sind, sind wir einig, haben wir uns lieb.

Einheit ist eine große Sache. Man hört jetzt oft davon reden mit einem gewissen seufzenden Verlangen. Man liest sogar in den Zeitungen davon, der Krieg hat das Verlangen nach Einheit allgemein gemacht. Da ist Einer, der seufzt nach mehr Einheit in seiner Familie, zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern. Da klagt ein Anderer über die verloren gegangene Einheit in unserer Gemeinde. Dort ruft man nach Einheit im Vaterland und dort nach der Einheit unter den Völkern, die immer nicht kommen will. Auch solche rufen mit, die selber vielleicht die größten Sonderlinge und Streithähne sind, die mit niemand auskommen. Es hat etwas Ergreifendes und Rührendes, wie Alles so nach Frieden und Einheit ruft, und es ist ein großes Zeugnis für die Wahrheit, daß es geschieht. Wir bekennen uns damit zu Gott, ohne daß wir’s wissen und wollen, denn in Gott ist Einheit.

Wir müssen uns nur klar werden darüber, daß Einheit auch nur von Gott zu uns kommen kann, nämlich dadurch, daß wir es merken, was die Lebensfrage ist, dadurch daß wir uns in den Dienst Gottes stellen, und zwar ernsthaft und freudig.

05-Solange wir uns darüber nicht klar sind6, gehen alle unsere Seufzer und gegenseitigen Ermahnungen in die Luft. Ohne Gott können wir uns nicht lieb haben, nicht einmal wirklich zusammenhalten. Ohne diese Hingabe an die Sache des Lebens muß Streit und Auflösung sein. Alles, was so entsteht in scheinbarer Einheit, trägt den Todeskeim in sich, muß sich auflösen. Wie der Friede vor dem Weltkrieg und der Friede, den man jetzt in Paris schließen möchte7, wie es in mancher Familie gegangen ist nach jahreund jahrzehntelangen Friedenszeiten, wie es in mancher Freundschaft erlebt worden ist. Es ist dann immer viel besser, wenn der Riß kommt in solche Einheiten, die doch nur auf Täuschung beruhen. Es ist zum Beispiel nie ein Unglück, wenn ein Verein, und wäre es der schönste, zerfällt und sich auflöst. Es ist das nur ein Zeichen der Wahrheit, daß am Leben gefehlt hat. Und der |228 Wahrheit muß man die Ehre geben. Menschen, die noch nie erschüttert und erschrocken sind über die Welt und über sich selbst und über den Menschen, können gar nicht Frieden halten, sie sind dazu viel zu sicher und selbstgerecht. Aber auch solche Menschen, die gar keine Hoffnung haben und Alles grau in grau sehen, können nicht Frieden halten; viel zu viel Gift und Säure ist [in] ihnen angesammelt. Und wenn die Hoffnung nicht länger [?] das Größere und Stärkere ist, das uns bewegt, so ist noch einmal kein Friede und keine Liebe möglich, denn Liebe ist ein Sieg über die Finsternis, und wenn man an den nicht glaubt, so kommt er auch nicht.-5

Wir müssen willig [?] hineinstehen in die Bewegung des Lebens8, dann geht’s. Man kann also der Wahrheit auch so die Ehre geben. Es gibt keine Ehe, die eine unglückliche Ehe sein und bleiben müßte, keine Verlobung, die durchaus notwendig aufgehoben werden müßte, keine Eltern und Kinder, die sich unter keinen Umständen mehr verstehen könnten, keine Partei- und Klassenkämpfe, die verewigt werden müßten, keine Völkergegensätze [?], die alle Verbindungen unmöglich machten. Es gibt nichts, was den Menschen absolut vom Menschen trennen kann. Es muß nur das «ohne Gott» aufgehoben werden, es muß nur die Einheit des Geistes eintreten, es muß nur der Friede von oben möglich werden. Er wird möglich, wo die Menschen bewegt sind oder wieder bewegt werden vom Leben, von der großen Not und der großen Hoffnung. Dazu müssen freilich die vielen Schwätzer einmal still werden, die den Frieden immer wieder auf die andere, die irdische Weise machen möchten. Man muß nüchtern und keusch genug sein, ihn wachsen zu lassen. Er wächst aber wirklich, wo man aufrichtig nach Gott fragt und sucht. Wenn wir’s doch merken würden, wie einfach auch sehr schwierige Verhältnisse sich lösen könnten, wie lieb wir einander haben könnten, wenn wir mit unserem Verlangen nach Frieden und Einheit nicht so vorbeirennen [?] würden an Gott selber, wenn wir eine Gemeinde Jesu wären, die sich ernsthaft und freudig für das Leben im Leben interessiert.

229 4. Ich will nach den Worten unseres Textes noch Einiges nennen, was bewegten Menschen möglich wird in dieser Beziehung. Sie können demütig sein. Demut ist etwas sehr Starkes. Demut heißt, sich selber unten anstellen können. Scheinbar müßte ein Mensch, dem etwas so Großes gelungen ist wie das, das Leben selbst ernst zu nehmen, hochmütig und eingebildet werden. Die Gefahr ist vorhanden. Aber wenn er’s wirklich ernst nimmt, ist sie nicht vorhanden. Es ist etwas gar Großes, um das es sich handelt, da wird der Mensch von selbst klein, der es begriffen hat. Das Gericht und die Gnade Gottes und die zukünftige Herrlichkeit sind zu große Dinge, als daß der Mensch neben ihnen auch noch groß sein könnte. Er interessiert sich einfach nicht mehr so stark für sich selbst. Auch nicht für seine Familie, seinen Verein, seine Partei oder was da sein mag, auf das man stolz sein kann. Es ist ihm in dem allem nur noch um die Sache zu tun, nicht mehr darum, recht zu haben. Er kann gerne auch unrecht haben. Wenn man ihn schilt und kritisiert, so rennt man offene Türen bei ihm ein, denn er hat sich schon selbst gescholten und kritisiert. Er hat sich schon gebeugt. Darum kann, muß er nicht mehr gebrochen werden. In dieser Demut lebt und wirkt der Geist. Solche demütigen Menschen werden immer wieder auch die Einheit hervorbringen, nur sie können es. |

Sie können auch sanftmütig sein. Auch Sanftmut ist etwas Starkes. Wenn wir meinen, Sanftmut sei schwach, wissen wir nicht, was Sanftmut ist. Sanftmut ist das Gegenteil von einem herrenmäßigen, brüsken Wesen, mit dem man imponieren möchte. Sanftmut ist das, was Paulus ein andermal Lindigkeit genannt hat [Phil. 4,5]. Wenn man’s gemerkt hat, wie man von Gott vorwärts geführt wird wie mit weisen Mutterhänden9, wenn man sich dieser Führung anvertraut und hingegeben hat, dann möchte man das auch gegen Andere zum Vorschein bringen, und es kann nicht anders sein: es kommt mit der Zeit etwas zum Vorschein. Vielleicht nicht sofort. Man versucht’s noch eine Weile im Scharfen [?], indem man laut und bös auf das Böse hinweist und steif und gerecht auf das Gute wie ein Wegweiser, der immer nur nach zwei Seiten zeigen kann mit seinen hölzernen Armen, dann wird etwas weich [?] in einem, und man verlegt sich auf das mehr milde, |230 freundliche Führen, wie man selber von Gott freundlich geführt ist. Diese Milde, hinter der aber die ganze unheimliche Gewalt des Himmelreichs verborgen ist, das ist Sanftmut. Solche Sanftmut ist auch wieder Geist, und solche Menschen schaffen für den Frieden. |

Sie können auch geduldig sein. Auch Geduld ist etwas Starkes, wenn es die wirkliche, lebendige Geduld ist. Geduld im Verkehr mit den Menschen ist das Hoffen. Sie ist das eigentümliche Tragen, das überall im Evangelium als das eigentlich göttliche Tun zum Vorschein kommt. Gott trägt die Menschen mit ihren Sünden und Fehlern. Menschen, die sich von Gott tragen lassen, können auch andere tragen. Das ist das ganze Geheimnis, aber es ist groß. Geduld hast du mit mir, wenn du keine Grenze ziehst zwischen dir und mir. Wenn du daran glaubst, daß ich auch mit möchte im Dienst Gottes, in der Bewegung des Lebens. Wenn du mir Freiheit lässest, so mitzukommen, wie ich muß und kann. Wenn du auf mich wartest, auch wenn ich mich in unbegreiflicher Weise versäume oder abseits gerate. Wenn du immer wieder bereit bist für mich, um Seite an Seite mit mir weiterzugehen. Wenn du mir das Vorwärtskommen nicht sauer machst durch die ewige Versicherung, daß du Recht habest und ich Unrecht, auch wenn es wahr ist. Wenn ich dir so recht anspüre, daß es dir weder um dich noch um mich zu tun ist, sondern um etwas Höheres, das es unter allen Umständen gewinnen muß. Das ist Geduld. Wenn man Geduld hat miteinander, darf man verschiedene Ansichten und Charaktere und Temperamente haben. Man darf die Freunde haben oder auch andere. Man darf zur Kirche halten oder auch zur Kapelle oder auch zur Heilsarmee. Man darf freisinnig sein oder auch Sozialdemokrat. Du darfst und ich darf. Es macht nichts. Wir geben uns darum nicht auf. Man redet darum doch miteinander, und man glaubt aneinander. Es ist doch Friede. Mit der Geduld geht’s. Denn die Geduld ist der Geist. Und im Geist ist Freiheit [vgl. 2.Kor. 3,17].

Da wäre noch Vieles zu sagen. Wir wollen aufhören für diesmal. Das Kurze und Lange ist immer das: Wenn wir vom Leben bewegt sind, im Dienst Gottes stehen, wenn Gott uns zerknirscht und klein macht und andrerseits aufrichtet und groß macht, wenn es uns einmal um ihn zu tun ist, dann seufzen wir nicht mehr umsonst nach Einheit und Frieden. Sie sind dann unterwegs, auch wenn sie noch nicht da sind. Die Ermahnung: Ertraget einander in Liebe, geht dann nicht |231 mehr in die Luft, sondern findet fruchtbaren Boden. Wäre es nicht der Mühe wert, nur schon um dieses Einen willen mit ganz anderer Energie an die heilige, verantwortliche Sache des Lebens heranzutreten?

Lieder:
  • Nr. 187 «Wort aus Gottes Munde» von H. C. Hecker (1699-1743), Strophen 1-3 (GERS [1952] 263,1-3 mit abweichendem Text) 🎵
  • Nr. 168 «O daß doch bald dein Feuer brennte» von G. Fr. Fickert, Strophen 5-8 (RG [1998] 816,5-8; EG 255,5-8) 🎵

Sachfußnoten

1
= wir selbst.↩
2
3 Worte sind mit Wellenlinie unterstrichen.↩
3
2 Worte mit Wellenlinie unterstrichen.↩
4
4 Worte mit Wellenlinie unterstrichen.↩
6
4 Worte mit Wellenlinie unterstrichen.↩
7
Am 16. Juni forderten die Alliierten Deutschland ultimativ zur Unterzeichnung des Friedensdiktates auf. Wegen der drohenden Gefahr eines Einmarschs ins Reichsgebiet gab die deutsche National-Versammlung unter Protest ihre Zustimmung.↩
-5
Von Barth in eckige Klammern gesetzt.↩
8
6 Worte mit Wellenlinie unterstrichen.↩
9
Vgl. die 5. Strophe des Chorals «Sei Lob und Ehr» von J. J. Schütz (GERS [1891] 9; RG [1998] 240; EG 326) 🎵.↩