11. November 1919

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich komme aus großer Verlegenheit zu dir. Du mußt nämlich am Montag in Uerkheim die Exegese für mich übernehmen. Bei mir ist z.Z. alles zu unzulänglich, als daß ich mit irgend etwas von meinen Materialien mich produzieren könnte und möchte. Ich saß gestern und heute über 1.Kor. 15, aber ich bin in den Anfängen stecken geblieben, als ich anfing, gründlich zu verarbeiten, und euch irgend etwas vorhudeln mag ich nicht. Es ist mir einfach so ganz und garnicht ums Mitteilungen-Machen, so gern ich das tue, wenn etwas zu sagen ist. Nur jetzt nicht mich über die ἀνάστασις ergehen müssen vor dir, Peter, Schild und unsern lieben lernbegierigen Frauen! Nur jetzt einmal schweigen und für mich weiter lesen dürfen! Es wäre jetzt alles belanglos, was ich sagen würde. Das Kapitel ist der Schlüssel des ganzen Briefes mit seinen merkwürdig steilen, aus letzter Weisheit kommenden Eröffnungen über dies und das, von denen uns letzthin einige getroffen haben wie Schläge eines Zitterrochens.1 Nicht umsonst. Ich beeile mich, das N. T. an dieser Stelle vorläufig zu schließen und mich mit Stellen zu beschäftigen, wo es nicht so unheimlich brennt. Ein wahres Glück, sicher durch der Engel Geschäfte so geordnet, daß ich die |351 Sache nicht bei den Pfarrern vorbringen konnte. Ich hätte sie damit totgeschlagen wie Mose den Ägypter [vgl. Ex 2,12] unter größtem Schaden für meine Seele und größtem Schweigen im Himmel. Und nun bitte ich dich dringend, mich als Invaliden zu betrachten und für mich einzuspringen. Es ist ohnehin angemessen, daß wir jetzt dich noch einmal hören. Sag uns etwas vom Anfang des Matthäus. Das wird allen erhellend sein.

Hier hast du allerhand aus Deutschland. Das fehlt jetzt gerade noch, daß von dorther solcher Weihrauchdampf vor uns emporsteigt. Ehrenberg ist wenn auch anders als Herpel, auch ganz hemmungslos mir gegenüber. Er hat ein Vorwort geschrieben zu meinem Vortrag, das ich mit dringenden Censurvermerken zurückschicken mußte. Herpel habe ich durch Bader sagen lassen, sie sollten doch das Ding in Gottes Namen versenden und nicht ein solches Geschrei machen. Wenn die wüßten, in was für Höllenregionen wenigstens ich mich zuweilen aufhalte! In Bad Boll sieht man uns offenbar auch noch immer als hoffnungsvolle junge Leute an. O Welt!

Ich habe noch eine weitere Verlegenheit auf dem Buckel. Die Sozialdemokraten von Suhr haben ihren Häuptling zu mir gesandt, ich solle ihnen am 29. November eine Volksrede halten. Ich seufzte, bat, mahnte, wies darauf hin, daß es eine Predigt geben könnte, und konnte schließlich doch nicht ausweichen, weil der Mann dabei blieb, sie wollten gerade von mir hören, was gerade ich sagen könne und wolle. Nun muß ich gehen, im Kleinen wie du nach St. Gallen, und weiß doch wirklich nicht, was ich da sagen soll.2 Nach meiner Rede führen sie ein Stück auf, [die Turner] vielleicht auch noch Pyramiden!

Heute war ich an der Synode. Das Boot «Religionsunterricht» trieb kieloben dem Strande zu: mit fast allen gegen circa 10 Pfarrerstimmen siegte der Interkonfessionelle. Ich saß dabei und unterhielt mich diesmal mit Stadtammann H.!! Die Sache war irgendwie ein Gleichnis, denn die Freisinnigen beherrschten schlechterdings die Szene.

Mit herzlichem Gruß
dein
Karl

Sachfußnoten

1
Das Bild stammt aus Platons Dialog Menon 📖, wo Menon die Wirkung, die von den Reden des Sokrates ausgeht, mit den elektrischen Schlägen eines Zitterrochens vergleicht.↩
2
Die Rede wurde veröffentlicht unter dem Titel «Vom Rechthaben und vom Unrechthaben» in: Das neue Werk. Der Christ im Volksstaat, Jg. 1 (1919/1920), Sp. 635–641. 📖 ↩